Schein oder Nichtschein - Kim Bergmann - E-Book

Schein oder Nichtschein E-Book

Kim Bergmann

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Beschreibung

Das Leben ist nie einfach, wenn man sechzehn Jahre alt ist. Helge ist darüber hinaus auch noch der Lehrling seines Onkels Salomo, der Schuhmachermeister ist. Dabei wäre der Junge doch viel lieber Poet. Als eines Tages über dem Heimatdorf der beiden die Sonne nicht mehr aufgeht und die geheimnisvolle Kriegerin Hera um Obdach bittet, schließt Helge sich ihr auf dem Weg ins Abenteuer an. Doch das Mädchen wird verfolgt, und Salomo macht sich ebenfalls auf, um seinen Neffen zu retten. Der hat inzwischen ganz eigene Probleme: Sie begannen damit, dass er eine Elfe rettete. Doch dass sein ganz persönliches Abenteuer letzten Endes dazu angetan ist, alles Leben auf dem Planeten zu vernichten, hätte Helge sich nicht träumen lassen...

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Kim Bergmann

Schein oder Nichtschein

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Impressum neobooks

Kapitel 1

Die mitreißenden Wellen der Rebellion klatschten an den kühlenden Fels um sie herum, ertränkten die Vernunft, nahmen ihren Leichnam mit sich fort und ließen Wut und Entschlossenheit zurück. Oh ja, lange Zeit über waren sie zwar nicht glücklich gewesen, hatten sich aber mit den Gegebenheiten arrangiert - bitter genug für ein so stolzes altes Volk. Doch nun hatte die Situation geändert: Sie war nicht mehr tragbar.

Bnad blickte voller Besorgnis über sein Volk hinweg. Die Stimmen, die nach Rache und nach Aufstand riefen, wurden immer lauter, und er konnte es ihnen nicht verdenken. Er teilte ja ihre Qualen, und er teilte ihre Wut. Sie alle hatten recht (bis auf den Quotenfeigling, bei dem die Angst vor Vergeltung die Lust zur Rebellion überwog), aber was würden die Konsequenzen sein? Das letzte Mal, als sie aufbegehrt hatten, stand noch in demütigender Deutlichkeit vor seinem inneren Auge.

Allerdings konnte es so tatsächlich nicht weitergehen. Auch wenn Bnad gutmütig war und über eine schier unendliche Geduld verfügte, merkte er, dass ihre Grenzen gefährlich strapaziert wurden. Und so schob er seine Bedenken beiseite und erhob seine dröhnende Stimme: "Hört mir zu! Ich weiß, dass sie bald für eine Weile fort sein werden, ich hörte, wie sie sich darüber unterhielten. Wenn wir eine Chance haben, dann ist es also sehr bald. Passt auf..." Und er setzte seinem Volk einen Plan auseinander, der ebenso simpel wie wirkungsvoll schien. Die Köpfe seiner Zuhörerschaft wandten sich einander zu, erstaunt und zuversichtlich. Das war genial! Genau so würden sie vorgehen! Hauptsache, esänderte sich etwas, und zwar bald, denn die Alternative war nicht auszudenken.

Sie dagegen bereiteten sich lachend und schwatzend auf ihren Aufbruch vor. Keine Vorahnung trübte ihre Hochstimmung. Woher sollten sie auch wissen, dass nichts wieder sein würde, wie es gewesen war?

Der Gott Der Omnipräsenz betrachtete beide Gruppen und lachte leise in sich hinein. Das versprach, spaßig zu werden.

Kapitel 2

Es wurde Morgen, der Zeit nach zumindest. Allerdings erschien keine Sonne am Horizont. Sie sandte nicht ihre lebensspendenden Strahlen aus, um das Dunkel zu verscheuchen, erwärmte nicht den Boden, weckte nicht die Blumen und kitzelte nicht die Eidechsen aus ihren Felsspalten hervor. Kein Vogel schwang sich auf in den Himmel, sie zu begrüßen. Es wurde einfach nur Morgen, und die Sonne ging nicht auf über dem Dorf Druht.

Die Einwohner von Druht waren wegen des Fernbleibens der Sonne zwar überrascht, aber nicht ernstlich besorgt. Das lag nicht auf ihrer Linie. Die Menschen hier waren erdverbunden und vernünftig. Ein plötzlicher Aufruhr, händeringendes Fragestellen zu einem Thema, über das niemand genauer Bescheid wusste - so etwa war einfach nichts für sie. Jeder hat mal das Recht zu verschlafen, sagten sie und machten sich an ihr Tagwerk, oder sie nutzten die günstige Gelegenheit und verschliefen ebenfalls.

*

Helge hätte sehr gern zu Letzteren gehört, doch das duldete sein Onkel nicht. Der Onkel hießSalomo und war seines Zeichens Schuhmachermeister. Sein Verstand, wiewohl scharf, hatte einen recht engen Horizont, und beinahe alles in seiner Sichtweite hatte mit Schuhen zu tun. Er liebte es, an ihnen zu arbeiten, mochte den Duft des Leders und die vertrauten Handgriffe. Er mochte es, was die Schuhe über die Menschen aussagten, die sie trugen. Das war das einzige bisschen Fantasie, das er sich manchmal zugestand. Petitessen wie eine nicht aufgehende Sonne würden ihn nicht daran hindern, pünktlich in seiner Werkstatt zu sitzen, soviel war sicher. Und er würde es überhaupt nicht einsehen, dass sein Neffe und Lehrling nicht pünktlich aufstand, nur weil die Sonne trödelte.

So zog Helge sich seufzend in eine sitzende Position und schob die Beine aus dem Bett. Es war kalt und dunkel, und der Junge hätte eine ganze Menge Dinge dafür gegeben, sich einfach wieder unter die warme Decke kuscheln zu können. Aber erstens hatte er gar keine Menge an Dingen, die er geben könnte, und zweitens wusste er genau, dass Weiterschlafen ein Ding der Unmöglichkeit war. Also hievte er sich hoch, stolperte zum Tisch hinüber und wusch sich das Gesicht mit dem kalten Wasser aus der Waschschüssel. Düster betrachtete er sein nasses Antlitz im Spiegel. Wie jeden Morgen zählte er sich missmutig auf, was er gern allesändern würde:

1. seinen Namen,

2. seinen Onkel,

3. seinen Beruf,

4. sein Aussehen,

5. sein Alter.

Helge hatte schon oft versucht, seinen Onkel dazu zu bewegen, ihn bei einem anderen Namen zu rufen als bei dem, den seine Eltern ihm aufgezwungen hatten, als er sich noch nicht hatte wehren können. Natürlich waren seine Versuche nie von Erfolg gekrönt gewesen.

"Das wäre pietätlos", erklärte Salomo in schöner Regelmäßigkeit streng. "Dein Name ist immerhin das Letzte, was deine Eltern dir noch gegeben haben, bevor..."

Bevor, ja! Bevor sie am Tage von Helges Namensgebungsfest unter dem Zusammenwirken von Alkohol, einer pferdelosen Kutsche, einem Abhang und einer ziemlich dummen Idee tödlich verunglückt waren. Dieser Unfall war nicht einmal völlig absurd gewesen, denn Namensgebungsfeste zeichnen sich auf Glandor durch unbarmherzige Länge aus, da jeder einzelne der zahlreichen Götter persönlich angerufen werden muss, und Trinken ist ein guter Zeitvertreib. Das jedenfalls dachten Helges Eltern sich, bevor sie dann gar keine Zeit mehr zu vertreiben hatten. Die Gäste konnten somit gleich zur Doppelbeerdigung bleiben, und Helge kam unter Mitnahme seines verhassten Namens in die Obhut seines Onkels.

Immer wieder hatte Helge Salomo umzustimmen versucht, weil er es als Strafe empfand, dass er wie ein Mädchen hieß, doch jedes Mal war sein Onkel ihm argumentativ überlegen gewesen: "Hör zu, Junge. Mein Bruder mag ein alter Trunkenbold gewesen sein und deine Mutter ein loses Frauenzimmer, aber sie sind tot, und das macht sie zu besseren Menschen. Wir müssen ihren letzten Wunsch respektieren, und ihr letzter Wunsch war nun einmal, dass du Helge heißen sollst." Dabei schob er die Augenbrauen zusammen und zeigte sein "Schluss-jetzt"-Gesicht. Jedes Mal hatte Helge gedacht, dass der letzte Wunsch seiner Eltern wohl eher in einer halsbrecherischen Rutschpartie bestanden und somit Erfüllung gefunden habe, doch er hatte sich nie getraut, diesem Gedanken Ausdruck zu verleihen.

Seinen Onkel hätte er aus mehreren Gründen gern geändert. Nicht, dass er ihm nicht dankbar gewesen wäre, schließlich hatte Salomo ihn aufgezogen, für ihn gesorgt und ließihm nun eine Berufsausbildung angedeihen, und doch... Außer Schuhmachermeister war Salomo auch noch eingefleischter Junggeselle, und diese Kombination hatte offenbar ausgereicht, um einen sehr prosaischen Menschen aus ihm zu machen.Über viele Dinge konnte man mit ihm einfach nicht sprechen, über wichtige Dinge wie halberblühte Rosen, Tautropfen, die im Sonnenlicht funkelten, Sommerwind, der sich im Haar eines Mädchens verfangen hatte... offenbar hatte er keinen Funken Fantasie und hielt das auch noch für eine gute Sache.

Ansonsten war sein Onkel an und für sich ein passabler Kerl. Wenn Helge ihn ansah, musste er zugeben, dass Salomo für einen Mann recht gut aussah. Sein dunkles Haar war noch immer voll, obwohl er doch schon bald vierzig war (in Helges Augen ein geradezu unglaublich hohes Alter), und er hatte scharfe, fast asketische und trotzdem ebenmäßige Züge. Helge störten jedoch die pragmatischen Gedanken, die sich hinter der hohen Stirn bewegten, denn es gab Dinge, die Salomo nie ansprach und die für Helge von größter Wichtigkeit waren. Zum Beispiel, welche Worte das angemessene Kollier ergäben für die unfassbare Schönheit junger Frauen, die halberblühte Rosen mit Tautropfen an ihre Wange hielten und in deren Haaren sich der Sommerwind verfing.

Helge war nämlich ein Poet. Oder wollte zumindest einer werden. Gut, manchmal haperte es noch an seinen Fähigkeiten, doch wie, fragte er sich verbittert, sollte er ein berühmter Dichter werden, wenn er Schuhe besohlen musste? Noch dazu unter Anleitung eines Mannes, dessen interessantestes Gesprächsthema ein neuartiger Leim war? Hier würde sein Talent verkümmern wie eine Blume in der Wüste.

Auch die letzten beiden Punkte auf Helges allmorgendlicher Liste passten nicht so recht zu seinen Wünschen. Gut, er würde nicht immer sechzehn bleiben, doch welches Aussehen erwartete man von einem Hofpoeten - denn das wollte er werden, wenn das Schicksal ihm seinen Traum zubilligte? Helge schwebte dunkel das Bild eines großen, schwarzhaarigen, bärtigen Mannes vor, der sich in kostbare Stoffe hüllte, denn ein guter Hofpoet bekommt schließlich auch eine gute Bezahlung. Der Mann, der Helge gerne wäre, war von kräftiger, sehniger Figur, schließlich war der Hofpoet vorher auf der Suche nach seiner Bestimmung lange Zeit durch die Lande gezogen und hatte keinen Kampf gescheut. Der Hofpoet füllte mit sonorer Stimme riesige Festsäle, und nach jedem Epos wurde ihm tränenreicher Applaus zuteil. Natürlich wurde er von allen Damen des Hofes umschwärmt, doch nie würde er auch nur einer seine Gunst schenken, da sein Herz ganz seiner Königin gehörte, also der Frau seines besten Freundes, des Königs. Selbstredend handelte es sich dabei um eine keusche, reine Liebe, die der Inhalt immer neuer, herzergreifender Sonette wurde.

Immer, wenn Helge an diesem Punkt seinerÜberlegungen angelangt war, hatte er sich fertig angekleidet und stand erneut vor dem Spiegel, der ihm ein Bild zeigte, das mit seinem Fantasieporträtnicht das Geringste gemein hatte. Was ihm da entgegen schaute, war ein schlaksiger Junge, dem sich statt der schwarzen Haarpracht sandfarbenes Gekräusel in das deprimierend glatte Gesicht ringelte. Noch sprachen in den kindlichen Zügen keine markanten Falten von einem gefühlsmäßig entbehrungsreichen Leben, und als kraftstrotzend konnte wohl auch der freundlichste Schwindler Helge nicht bezeichnen. Wie sollte er hier auch Muskeln aufbauen, dachte er mutlos. Der einzige Punkt, der sich tatsächlichändern würde, war sein Alter. Er würde siebzehn und achtzehn werden, irgendwann mit Mitte zwanzig oder so würde er vielleicht ein Mädchen aus dem Dorf heiraten, dann würden sie für den alternden Salomo sorgen, Kinder bekommen, all die großen und kleinen Sorgen erleben... die Vorstellung war nicht auszuhalten. Was Helge allerdings auch nicht aushalten mochte und was sehr viel näher lag, war eine Standpauke seines Onkels am frühen Morgen, und die würde es sicherlich geben, wenn er sich nicht langsam aufmachte.

Widerwillig zerrte er also das braune Hemd über der braunen Hose zurecht, bevor er sich barfußauf den Weg zu seinem Onkel machte. Salomo hatte irgendwann die Geduld mit dem Träumer verloren und rigoros erklärt, dass sein Herr Neffe von jetzt an nur noch selbst angefertigte Schuhe tragen werde; so würde er vielleicht endlich lernen, dass die Nägel nicht ins Innere der Schuhe ragen dürfen.

Salomo wurde durch das Trapsen der nackten Füße seines Neffen aus den Gedanken gerissen, die er sich wie so häufig um eben ihn gemacht hatte. Ihr Götter, dachte erärgerlich, irgendwie muss man dem Jungen das Träumen doch austreiben können! Dann bemühte er sich, eine freundlichere Miene aufzusetzen. Der Junge war ja kein schlechter Kerl, nur eben - abgelenkt. Wovon auch immer, irgendeinem albernen Kram vermutlich, der Halbwüchsige beschäftigt. Das würde sich mit der Zeit schon noch geben, schließlich kann kein Mensch ewig halbwüchsig bleiben. Und Salomo erinnerte sich dunkel, dass er damals auch jede Menge Flausen im Kopf gehabt hatte. Das war noch zu einer Zeit, in der ihm noch gar nicht aufgefallen war, wie aufregend das Schuhmacherleben doch war.

„Morgen, Helge", sagte er also fast freundlich, als sein Neffe die Küche betrat. "Setz dich und iss gründlich, wir haben viel zu tun!" Helge unterdrückte den Impuls zu fragen: "Ach, haben wir das nicht immer?" Stattdessen schaute er aus dem Fenster in die kühl-dunkle Welt hinaus, die notdürftig von einem zunehmenden Mond erhellt wurde, und erwiderte: "Morgen, Salomo! Oder sollte ich sagen: Nacht, Salomo?"

Sein Onkel schob ihmärgerlich Rührei mit Speck auf den Teller und stellte den Korb mit dem Brot in seine Reichweite. "Rede keinen Unsinn, Junge! Nur weil die Sonne nicht aufgegangen ist, heißt das noch lange nicht, dass es Nacht ist, klar?"

"Warum ist denn die Sonne nicht aufge..." begann Helge, fing dann aber den Blick seines Onkels auf und beschäftigte sich umgehend mit seinem Frühstück. Doch auch während er den Kopf gesenkt hielt und konzentriert Butter auf sein Brot strich, umgab ihn die Wissbegierde fast wie eine Aura.

Salomo schaute seinem Neffen eine Weile düster auf den sandfarbenen Scheitel und rang sich dann zu einem Entschluss durch. "Hör zu", knurrte er, "bevor du mich jetzt den ganzen Tag löcherst: Ich habe keine Ahnung, warum die Sonne nicht aufgegangen ist, und so sehr interessiert es mich auch nicht. Wenn es irgendjemand weiß, dann wird er es wohl erzählen. Und bis dahin, Junge, machen wir weiter wie bisher, denn Mutmaßungen bringen uns gar nichts außer Zeitverlust." Er seufzte, und entgegen seinem guten Vorsatz fragte er noch, wie er es schon so häufig getan hatte: "Wann lernst du es endlich, Offensichtliches als gegeben hinzunehmen?"

Helge war glücklicherweise intelligent genug, die vertraute Frage als rhetorisch zu erkennen, und so erreichten sie die Werkstatt, die neben der Küche lag, doch in einigermaßen harmonischer Stimmung.

Kapitel 3

Etwa einen Tagesritt von Druht entfernt befand sich die Hauptstadt des Reiches, zu dem das Dorf gehörte. Sie trug den klangvollen Namen Glista, und Hauptstadt war sie aus zwei Gründen: Zum einen war sie die größte Stadt im Reich, und zum anderen residierte der König dort. Er hießEdwin der Cholerische und gereichte Glista nicht eben zur Zierde. Natürlich war es ganz schön, wenn eine große und einflussreiche Stadt sich auf die Fahnen schreiben konnte, den König zu beherbergen, aber den meisten Glistanern wäre es lieber gewesen, wenn es sich nicht um Edwin gehandelt hätte. Der Mann war einfach indiskutabel: Von schlechtem Stil und unmöglichem Benehmen. Allerdings hatte er auch eineäußerst schlagkräftige Truppe um sich geschart, und seine Skrupel, was Gewaltanwendung betraf, waren so derartig gering, dass keine Kritik je sein Ohr erreichte.

Momentan war Edwin wütend. So stinkwütend sogar, dass er seit dem Frühstück drei Folterungen und zwei Enteignungen angeordnet hatte, die ihn aber nicht hatten erheitern können. Sein gesamter Hofstaat war entsprechend aufgebracht und verängstigt. Stets war jeder einzelne bemüht, dem König keinen Grund für einen Zornesausbruch zu geben, und nun kam die Sonne - bzw. sie kam nicht - und dachte, sie könne quer schießen.

Da der König seine Launen an seinen Untergebenen auszulassen pflegte, taten eben diese Untergebenen ihr Möglichstes, seiner Stimmung gerecht zu werden: Die Damen fielen reihenweise in Ohnmacht, die Hofnarren machten bösartige Späße über die Sonne und bluteten so leise wie möglich, als Edwin nicht darüber lachen konnte, die Soldaten diskutierten über einen Blitzkrieg gegen die Sonne - jeder nach seinen Möglichkeiten. Dass sie sich dabei alle völlig kopflos verhielten und niemandes Tun dazu angetan war, die Situation an sich zu verändern, fiel bei soviel Hingabe weder auf noch ins Gewicht.

Allein ein einziger Mensch dachte angestrengt nach, wälzte Bücher, unterhielt sich mit verschiedenen Gelehrten, fügte alle Puzzleteilchen zusammen, bekam einen Geistesblitz, traf alle nötigen Vorbereitungen und stahl ein Pferd.

Der Gott Der Omnipräsenz lehnte lächelnd an der Schlossmauer und blickte der kleiner werdenden Staubwolke nach. Damit hatte er nicht gerechnet, aber die Geschichte hatte gerade eine weitere Facette hinzugewonnen. Wie vergnüglich!

*

In Druht brach ein weiterer Tag an, der der Nacht glich: Mild schien der Mond auf die karge Ebene, die das stille Dorf umschloss. Dann und wann verschwand er hinter einer Wolke, aber das war auch schon alles an Abwechslung. Leise fragend tschilpten einige Vögel in den wenigen Bäumen, ehe ihnen die andauernde Finsternis wieder befahl, den Kopf unter den Flügel zu stecken. Nur die Eulen waren nach wie vor unterwegs, übermüdet und überfressen, und fragten sich träge, wann denn endlich Schlafenszeit sei.

Helge und Salomo saßen nach dem üblichen morgendlichen Ritual im flackernden Schein der Petroleumlampe in der Werkstatt und besohlten in friedlichem Schweigen Schuhe, während ihre Gedanken auf vollkommen unterschiedlichen Pfaden wandelten.

Salomo durchdachte selig all die Neuerungen, die der Spezialleim ihm ermöglichen würde, den er gerade entwickelte: Man stelle sich nur vor, vielleicht würden bald gar keine Nägel mehr nötig sein! Und er hatte schon überlegt, ob man dem Leim nicht eine besondere Geruchsnote beimischen könnte, eine, die den Kunden den wundervollen Geruch der Schuhmacherwerkstatt mit nach Hause gibt, damit sie alle sich daran ergötzen könnten. Sein Umsatz würde sich sicherlich verdreifachen!

Während Salomo sich dergestalt eine wundervolle Zukunft ausmalte, durchstreiften Helges Gedanken einmal mehr völlig schuhmacheruntypische Gefilde. Die Abwesenheit der Sonne... dachte er begeistert. Was kann man als Poet daraus nicht alles machen? Genau, ein großes Epos würde es werden, ein Epos, in dem er seine Auserwählte mit der Sonne vergleichen könnte, und am Ende hätte er nicht nur herausgefunden, was es mit der Sonne auf sich hatte, sondern auch das Herz des Mädchens gewonnen. Er seufzte leise. Das wäre richtig große Kunst! Sofort begann er, gedanklich mit Worten zu experimentieren:

- So wie das Rad der Sonne

aus seiner Bahn gerollt,

so fehlt mir dein Antlitz,

selbst wenn es...äh... schmollt? -

Nein, neinneinnein, ganz schlecht.

Helge schüttelte sichärgerlich, schämte sich kurz vor sich selbst und versuchte es noch einmal:

- Nicht fehlt mir die Sonne,

seit sie nicht mehr scheint,

doch als du mich verlassen,

da hab ich geweint.-

Hm, schon besser. Nicht wirklich gut, aber besser. Natürlich hatte das noch nichts von einem großen Epos, aber immerhin war es ein Anfang.

Nur war Helge noch nie von einer Frau verlassen worden, jedenfalls nicht im Sinne seines Gedichtes. Zwar könnte man im Falle seiner Mutter von einer Art des Verlassens sprechen, aber erstens hatte er sie gar nicht gekannt, und zweitens schwebte ihm da auch ein weibliches Wesen vor, an das ihn keine Blutsverwandtschaft band. Und einer solchen Frau war er nie zuvor so nahe gekommen, dass sie ihn auf die im Gedicht angedeutete Art und Weise hätte verlassen können. Um genau zu sein, hatte er nur sehr verschwommene Vorstellungen davon, wie ein derartig gutes Kennen auszusehen hatte. Demnach konnten die Zeilen, die er über dieses Thema verfasste, einfach nicht gut werden: Es lag nicht der richtige Schmerz darin.

Er dichtete noch etwas weiter, war aber nie wirklich zufrieden. Schließlich ließer es ganz bleiben und wandte sich anderen wichtigenÜberlegungen zu. Seit einiger Zeit hatte er die Existenz von Mädchen wahrgenommen. Natürlich hatte er vorher gewusst, dass es sie gibt: Sie traten meist in Rudeln auf und waren offenbar ganz mit Kichern angefüllt. Lange Zeit hatte er sie kaum beachtet, doch nun nahm er sie plötzlich in aller Deutlichkeit wahr, wenn sie kamen, um Schuhe zu bringen oder abzuholen.

Die Mutter des Schmieds hatte Helge einmal heimlich ein Buch zugesteckt, in dem Gedichte standen. Sie hatte Mitleid mit dem Knaben, der offenbar eine lyrische Ader hatte, und sie hatte keine Ahnung, was sie damit anrichtete. Sie stellte Helges Welt völlig auf den Kopf, unwiederbringlich und komplett. Es waren wundervolle Gedichte in dem Band, die Helges Gedankenwelt und seinen Blick auf das Leben für immer verändert hatten. In ihnen wurden jede Menge Mädchen beschrieben, eines bezaubernder als das andere, und Helge hatte die Verse allesamt auswendig gelernt.

Von dem Bild, das Helge aus diesen Gedichten von jungen Frauen gewonnen hatte, wichen die Dorfmädchen zwar ab (keine besaß Haare wie gesponnenes Gold, Augen wie Bergseen, eine Figur wie ein Reh oder die Schönheit des Morgensterns - dabei stand es so und nicht anders überall in dem Buch), doch es waren unleugbar Mädchen. Mädchen mit Grübchen und langen Haaren und lachenden Augen und schlanken Fingern und, hm, Rundungen, wo er selbst keine hatte. Was ihn an diesen Geschöpfen beunruhigte, war die Tatsache, dass ihm immer mehr aufging, dass sie so ganz anders waren als Jungs. Nicht, dass er das nicht von jeher gewusst hätte, nein, nur befielen ihn mit einem Male Zweifel, ob eine große, unerfüllte, keusche Liebe tatsächlich so erstrebenswert wäre.

Vorsichtig blickte er zu Salomo hinüber. Der wäre sicherlich nicht eben der geeignete Ansprechpartner für sein Anliegen, aber es war nun einmal niemand anderes hier. Helge räusperte sich.

"Onkel, was weißt du von Frauen?"

Der Angesprochene blickte überrascht und missmutig auf. "Frauen? Sieh lieber zu, dass du dich um deine Schuhe kümmerst", knurrte er brüsk. Doch manchmal konnte Helge, ohne es zu wissen, wie ein bettelnder Welpe gucken. Salomo war völlig außerstande, diesem Blick zu widerstehen, und er dankte im Stillen den Göttern dafür, dass dem Jungen das nie aufgegangen war, sodass er den Gesichtsausdruck nicht manipulativ einsetzen konnte. In diesem Augenblick aber, als sich die Enttäuschung über die rüde Antwort auf dem jungen, schmalen Gesicht abzeichnete, wurde Salomo sofort wieder weich, und er lenkte ein, obwohl er genau wusste, dass das eine wirklich dumme Idee war.

"Nun gut, ich erzähle dir etwas über Frauen, aber du machst dabei weiter, klar?"

Helge nickte eifrig, und Salomo begann zu sprechen, den Blick in die Vergangenheit gerichtet. "Frauen sind seltsam, sehr seltsam. Du findest eine hübsch und möchtest sie fragen, ob sie dich auf das nächste Dorffest begleiten will? Du wirst Qualen durchstehen, bis du den richtigen Zeitpunkt findest, weil sie immer von ihren kichernden Freundinnen umgeben ist. Schließlich fasst du dir ein Herz und fragst sie trotzdem. Wenn sie nein sagt, kichern alle noch lauter, und zwar über dich. Und wenn sie ja sagt - so weit, so gut, aber das war der einfachste Teil.

Am Tag des Festes stehst du zur vereinbarten Zeit vor ihrer Tür. Sie ruft dir zu, sie bräuchte nocheinen Moment - und etwa eineinhalb Stunden später kommt sie heraus. Wenn du zwischendurch geschlafen hast oder mal eben einen trinken warst, hast du sowieso verloren, wenn nicht, folgt der verwirrende näc