Letzte Blüten - Martin Glaubrecht - E-Book

Letzte Blüten E-Book

Martin Glaubrecht

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Beschreibung

MARTIN GLAUBRECHT, geb. 1936 in Nordhausen/Harz, Abitur 1955, Herbst 1955 Übersiedlung nach West- Berlin, ab 1956 Studium in Würzburg (Dte. Literatur, Geschichte, Philosophie, Dr. phil. 1964/65). Von 1964 bis 1974 ist er wiss. Redakteur der Neuen Deutschen Biographie (NDB) in München, von 1975 bis 1887 Assistent und Privatdozent an der Univ. Hannover. Nach dem Ende seiner akad. Karriere entwickelt Glaubrecht eine für sein Alter außergewöhnliche künstlerische Kreativität, zuerst ab 1988 für Terrakotta-Skulpturen: „Die Bösen Köpfe“ und seit 2008 für literarische Werke: 2 Bde. + 1 Bd. Erinnerungen, 1 Roman u. 1 Bd. „Merkwürdige Geschichten“.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Vorbemerkung des Autors

Die Figuren in den Geschichten des Bandes „Letzte Blüten“ sind, wie die Geschichten selbst, durchweg frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

Mancher Leser wird die Geschichten dieses Bandes und ihre Figuren als „satirisch“ empfinden, während der Autor keine satirischen Absichten hat. Die „Merkwürdigen Geschichten“ und ihre Figuren sind reine Erfindungen, sie haben keine Entsprechungen in der Realität. Deshalb paßt das Epitheton „satirisch“ weder für diese Geschichten noch für ihre Personnage. Satire fungiert gewöhnlich als kritischer Spiegel des Realen. Die „Merkwürdigen Geschichten“ und ihre Figuren spiegeln nichts Reales wider: bestenfalls könnte man sie als Negative des oder der „Würdigen“, ansehen. Das „Entwickeln“ dieser Negative – in Analogie zur Fototechnik – brächte keineswegs die Realität hervor, sondern wiederum literarische Figuren. Allerdings kann sich der Leser nach Belieben nach den Vorbildern zu dieser wie zu jeder literarischen Vorlage seine eigenen Gedanken und Vorstellungen von Handlung und Personen machen – doch wird er nicht behaupten können, seine Kopfgeburten wären „endschlüsselte“ Fiktionen der Literatur. Im besten Fall schafft auch er nur wieder (private) Fiktionen, im schlimmsten findet er einen – nun doch satirischen – Spiegel seiner selbst.

Jahrestage der „Toleranten“ -

zugleich Inhaltsverzeichnis

Die Vorgeschichte:

2007 (erschlossen):

Die 2. Geschichte:

Erstes Treffen der „Toleranten“

Gespräche über Revolution und Moral – 1960:

Die 3. Geschichte:

Zweites Treffen der „Toleranten“

Eine Hochzeit, Ein tolles Haus und eine Scheidung - 1970:

Die 4. Geschichte

Drittes Treffen der „Toleranten“

Szenen der Liebe - Video-Manie - 1980:

Die 5. Geschichte:

Viertes Treffen der „Toleranten“

Ein Zahnarzt hat sich erhängt – 1990:

Die 6. Geschichte:

Fünftes Treffen der „Toleranten“

Ein Streit um Hetero- und Homosexualität – 2000:

Die Vorgeschichte

2007 (erschlossen)

Der Sommer war über viele Wochen hin heiß – sahara-heiß. Nirgendwo hat man Erfrischung gefunden, auch draußen nicht, nicht auf Terrassen, nicht in Biergärten. Zu lange hatte die Hitze auf die Stadt gedrückt, als daß man dort noch eine Zuflucht gefunden hätte. Auch die Bäder in der so wasserreichen Stadt, überfüllt und nach Kinderpisse duftend, brachten keine Linderung; nur die Bäche, die, z. T. sichtbar, die Stadt durchfließen, hätten mit ihren eng kanalisierten Tempo-Bädern, wie dem Bad Maria Einsiedel im Süden und dem Floriansmühlbad im Norden, mutige Jugendliche noch erfrischen können. Es gab aber kaum noch mutige Jugendliche. Die meisten von ihnen, nicht nur Jungen, auch viele Mädchen, hingen schlaff herum, waren zu ängstlich, um in die Bäche zu springen.

Wegen der Häme früherer Sommer über uns “Bleichgesichter” waren wir so boshaft, ihnen weder die Baggerseen nördlich von München zu ungefährlichem Baden, noch das von der Stadt gekaufte Badegelände von 50 ha am Starnberger See zu empfehlen, wo sie nicht nur im kühlen Gebirgswasser hätten baden, sondern auch frei herumtoben und fußballspielen können.

Wir beide fühlten uns zu alt für Abenteuer in den rasanten Bachbädern und waren – wie die Jungen – zu träge (72 mein Mann, 65 ich), um rauszufahren aus der Stadt. Wir mußten unserer über die Jahre erworbenen „Hitzebeständigkeit“ vertrauen und uns dem Schatten jener Apfelbäume anvertrauen, die im Garten, der zum Café unten in unserem Haus gehört, gleichsam Widerstand leisten gegen den amtlichen Wahn, Baum um Baum zu fällen. Hier saßen wir jetzt schon aus Gewohnheit bei fast jedem Wetter auf nun klapprigen Gartenstühlen: essend, trinkend, auch stundenlang lesend: Zeitungen, Bücher, Broschüren. Gefrühstückt haben wir hier an dem niedrigen Tisch, auf den die hellen Blüten fielen im Frühjahr und schon im Spätsommer die wurmstichigen ersten Äpfel. Und all das über Jahre hin.

Schwerhörig, wie fast alle Alten, brüllen wir uns gegenseitig ins Ohr. Auf die Art zackern wir ein bißchen herum und stellen dann so einfache Fragen, wie die ums wechselseitige Befinden, die schon beantwortet sind, ehe sie gestellt werden. Dabei wäre es an der Zeit, daß wir uns mit interessanteren Themen beschäftigten: vor allem mit den schmerzlich auseinander driftenden Erinnerungen an gemeinsam, oft auch getrennt verbrachte Jahre. Wir sollten den unterschiedlichen Erfahrungen während des Wechsels von Trennung und ehelicher Gemeinsamkeit nicht mehr ausweichen. Mal erwähnen wir dies, mal jenes Ereignis, aber wir führen keine offenen Gespräche, sondern verspinnen uns in alberne Blödeleien.

Ich will nun versuchen, endlich die Vorbehalte und Widerstände, die darin stecken, zu überwinden, mich, so gut ich kann zu erinnern und vor allem die Obstruktion meines Mannes aufzubrechen. Ich will ihm in Erinnerung rufen, wo er in seiner Jugend an einem Aschermittwoch-Abend war: Er hatte in München eine Handvoll junger Leute zusammengerufen, die über Revolution und Moral, ein wenig auch über die Rolle der Frau sprachen, geschichtliche und aktuelle Beispiele durchhechelten, vorgefundene Begriffe nach persönlichen Handlungsanleitungen abtasteten, aber zu keiner Einigung kamen. Als kleinsten gemeinsamen Nenner für eine moralische Haltung fanden sie „Toleranz“, auf die sie schworen. Sie gründeten damit zugleich einen „Bund der Toleranten“. Das alles schien der Meinige vergessen und verdrängt zu haben und sich den alten Fragen nicht noch einmal, jetzt im Alter, stellen zu wollen.

Mit dem Schweigen soll es nun heute, unterm Hitzeschirm, vorbei sein, vorbei auch mit dem An-der-Sache-Vorbei-Reden. Ich habe mich über den Gartentisch gebeugt und laut zu ihm hinübergerufen, lauter als nötig wäre, um verstanden zu werden und Fragen zu stellen. Nach Jahren des Schweigens oder Ablenkens ins Belanglose will ich nun versuchen, ihn zu provozieren, will ihn zwingen, endlich offen mit mir, seiner Frau, zu reden:

„He, Konrad, wach auf, komm wach auf! Bitte, sag, was Dich noch interessiert?“…

Er reagiert mit routiniert gespieltem Erschrecken, versucht, gesammelt zu bleiben und meiner, wie er wohl merkt, aggressiven Frage die Wirkung zu nehmen:

„He?“

So kann er mich nicht beirren; ich wiederhole die Frage, in der er womöglich einen Hinterhalt sieht:

„Was Dich noch interessiert!“

Da verstärkt er seine Abwehr. Es scheint, daß er diese Frage als Provokation empfindet. So stellt er sieh blöd:

„Warum?“

Ich kralle mich an den Armlehnen meines Sessels fest und batze zurück:

„Weil ichs wissen will!“

Da setzt er eine gemeinhin männlich genannte Art von Rationalität ein, nur, um nicht antworten zu müssen:

„Wozu?“

Ich mache ein bißchen Theater (er mag das), springe auf, stampfe mit den Füßen, um ihm das Motiv meiner Neugierde, das ihn vermutlich ganz und gar nicht interessiert, nicht offenlegen zu müssen. Weil es ihn wie gewöhnlich schmeichelt und ers bestimmt jetzt auch so will, heuchele ich statt dessen Interesse an ihm:

„Um mit Dir zu reden.“

Schit, er scheint mich zu durchschauen oder zu befürchten, daß ich ihm was Übles anhängen könnte. Er wehrt sich tatsächlich mit raffinierter Schlichtheit und fragt so zurück, wie ich es von ihm nicht erwartet habe.

„Worüber willst Du reden?“

Meine Antwort zischt automatisch, wie nicht gewollt, aus mir heraus, während ich doch befürchte, daß er meine Antwort nach kurzem Aufschlucken als instrumentale Lüge erkennt:

„Darüber, was Dich interessiert! Hab Dich doch schon danach gefragt.“

Konnte ich ihn täuschen? Wie schutzbedürftig drückt er sich wieder zurück in seinen Sessel, antwortet aber heftig abwehrend:

„Darüber brauche ich nicht zu reden, das weiß ich auch so!“

Ach, was weißt Du schon von Dir, denk ich. Und greif ihn auf der formalen Ebene an:

„Du mußt doch nicht so schreien! Ich muß es halt wissen, um mit Dir reden zu können!“

Wie er jetzt antwortet, kenne ich zwar aus Männer-Disputen, habe aber nicht erwartet, daß er auch mit mir so umspringt. Aber er ist so perfekt darin, als hätte er die Masche in vielen Streits geübt:

„Dazu brauchst Du doch von mir nichts zu wissen!“

Ich hab ihn immer im Glauben gelassen, daß ich so ahnungslos und naiv wäre, anzunehmen, daß Gespräche der Frauen mit ihren Männern oder über sie in der Regel ohne Kenntnis der männlichen Rationalität, ohne acht auf ihre Gefühle und Taten mehr oder weniger unschuldig geführt werden – auch der ärgste Tratsch. Und so spiele jetzt ich das Kind, das er ohnehin von mir, einer Frau, erwartet und frage scheinheilig:

„Wieso?“

Vielleicht versteht er die kindliche Mimikry als Frechheit, der er mit männlichem Wissen über weibliche Diskurse glaubt begegnen zu können:

„Puh, Du redest doch auch ohne Wissen von mir, mit mir und öfter noch ohne jegliches Wissen auch über mich – mit den Leuten – und das seit fast 40 Jahren!“

Glaubt er denn im Ernst, daß ich mich aufregen und widersprechen würde, um so einen Quatsch über weibliche Gesprächsgewohnheiten zu widerlegen? Ich erspare mir die Antwort. Es ist besser für mich, ihn, ihn allein, dessen zu beschuldigen, was wir beide, als hättens wir geübt, ehelich tun: streiten! Dabei will ich gleichzeitig versuchen, mich ranzumachen an das, was ich von ihm wirklich will, ohne daß er merkt, woher der Wind bläst:

„Fang keinen Streit an! Ich wollte Dich was Wichtiges fragen, und das hängt vielleicht mit dem zusammen, was Dich interessiert. Bitte, antworte!“

Seine Antwort ist nichts als ein Versuch, auf einem, glaubt er wohl, „unweiblichen Feld“ mein Insistieren auf Beantwortung der Fragen zu unterlaufen oder zu stoppen:

„Fußball!“

Offensichtlich will er mit dieser „männlichen“ Antwort mir den Wind aus den Segeln nehmen, der Fragerei ein Ende setzen. Er scheint vergessen zu haben, daß auch ich (Straßen-)Fußball gespielt habe, und so frage ich ihn aus eigener Kompetenz:

„Was genau am Fußball?“

Anscheinend antwortet er sachlich und korrekt, grinst aber dabei. Er muß immer noch glauben, daß ich nichts, gar nichts von „seinem“ Fußball verstehe.

„Daß Bayern München seit 10 Jahren nicht mehr Deutscher Meister geworden ist.”

Er will mich doch tatsächlich testen, mich gar verscheißern?! Ich spiele empört:

„Laß den primitiven Versuch, mich als dumm und dämlich zu behandeln! Du weißt genau, daß die Bayern fast jedes Jahr Meister waren und werden. Höchstens ein/zwei mal waren sie es nicht.“

Aber war da in seiner unverschämten Antwort nicht etwas, auf das ich eigentlich hinaus wollte? Diese Zahl in ‚seit 10 Jahren‘?“

„Aber wie kommst Du auf 10. Hast Du diese Zahl bewußt genannt?“

„Nein!“

Ich erinnere ihn daran, daß unsere Treffen im 10Jahreswechsel stattfanden und daß er zuletzt beim 5. Treffen, zusammen mit den Freunden, seinen 65ten Geburtstag gefeiert haben muß.

„Davon weiß ich nichts!“

Merkwürdig, daß er von diesem Geburtstag nichts zu wissen vorgibt. Er ist jetzt, eigentlich schon seit ein paar Jahren, in dem Alter, in dem man natürlicherweise dies und das vergißt. Wenn er nun aber krankhaft vergeßlich, orientierungslos und immer ungeschickter wäre, wenn er „Alzheimer“ hätte?

Das hätt ich merken müssen.

Mit längeren Unterbrechungen sind wir jetzt mehr als 35 Jahre zusammen, teilen Bett und Tisch und den Schatten des kleinen Cafe-Gartens. Er ist vertrottelt, ja, aber kein Alzheimer-Patient. Weshalb dann aber verleugnet er die letzte 10Jahresfeier unseres Bündnisses, an der er zugleich seinen 65ten Geburtstag feierte.

„Stell Dich nicht dumm! Das sagst Du bloß, weil Du mir nichts von dieser Feier erzählen willst. Oder hast Du vergessen, daß ich meine Arbeit weit hinten im Bayerischen Wald hatte und nicht immer an den Feiern des Bundes teilnehmen konnte, auch nicht an dieser bisher letzten?“

Es hat mich viel Geduld gekostet, ihm endlich diese Frage stellen zu können. Und dann diese Antwort, die nicht einmal der Form nach eine ist, bestenfalls eine höhnisch rhetorische Formel.

„Woran will ich mich nicht erinnern?“

Blöd oder bösartig – beides kenne ich nicht von Konrad: er scheint nicht reden zu wollen, nicht mit mir und nicht über ein von ihm nicht durchschautes Geschehen. Was soll man da antworten, wenn ein Mann vorgibt, daß man glaubt, er habe keine Freunde. Also wiederhole ich stur:

„An die Feier, die letzte, mit Deinen Freunden!“

Ach, er weiß, daß ich weiß, daß er kaum Freunde hat, wie auch, bei seinem abgeschiedenen Leben! Daß er aber mir mit einer schon sehr frechen Rückfrage suggerieren will, gar keine haben zu wollen, ist doch ein starkes Stück:

„Na, Deine Freunde!“

Wieder weiß er nur durch Verleugnen zu antworten:

„Welche Freunde?“

Ich bins eigentlich müde, dieses Herumquälen in Verleugnen, Sichdummstellen und purer Frechheit. Und doch mache ich weiter, in der Hoffnung, irgendwann einmal ehrliche Antworten zu kriegen!

„Na die, mit denen Du vor 10 Jahren Geburtstag gefeiert hast, mit denselben, mit denen Du Abitur gemacht hast, Deine Klassenkameraden halt.“

„Habe keine Klassenkameraden!“

„Aber ja doch, die drei:Werner, HeinzundWilhelm,kennst Du die denn nicht mehr?“

„Na ja, die Namen weiß ich noch; natürlich weiß ich ihre Namen, aber sie waren nicht meine Klassenkameraden!“

Aha, er hat „Klassen-ichweiß nichtmehrwiemansienennt, doch dürfen es keine Kameraden sein.

„Was, um Himmels Willen, waren sie dann?”

„Meine Schulfreunde, selbstverständlich! Schließlich waren wir weder beim Militär noch in einem dieser Vereine, in denen man ‚Kameradschaft‘ pflegt. Aber die Drei, die Du genannt hast, sind längst tot!“

Jetzt kommt er mit dem schwersten Kaliber, dem Tod – da braucht, ja, da kann er nun wirklich nicht auf meinen Wunsch eingehen, die Feiern, an denen ich nicht teilnehmen konnte, zu wiederholen.

„Ach was! Wer soll denn tot sein?“

„Alle drei, zumindest aber der erfolgreichste von uns, der mit der großen Zahnarzt-Praxis mit mehreren Behandlungs-Räumen und -Stühlen und einer Handvoll Sprechstundenhilfen, mit einer Empire-Villa am Rhein und einem Reitstall – mit allem halt, was ein Parvenü sich zulegen kann.

Vor allem war er der Vater von zwei sehr schönen Töchtern. Wilhelm hieß er. Der starb - wie man so sagt – noch in der Blüte seines Lebens. Nach ihm starb der Reklamefritze, dieser Dampfplauderer, auch er Besitzer einer Riesenvilla, eines Us, mit einem überdachten Schwimmbad zwischen den Wohnbereichsflügeln. Beide sind mausetot. Von dem dritten, dem scheinbar so Harmlosen aus München, weiß ich nicht, ob er noch lebt.“

Welch ein Hochmut! Alle Männer unseres „Bundes“, außer ihm, sollen tot sein, alle. Dabei habe ich mindestens zwei von diesen Totgesagten selbst noch als Lebende erlebt. Allerdings könnte ich nicht sagen, wann und wo das war. Nicht bei allen Treffen war ich dabei. Schließlich konnte ich „meine Jungs“ nicht allein lassen, die Gefahr, daß dieser oder jener „zurückgefallen“ wäre in Taten, aus denen ich sie ziehen wollte, wäre zu groß gewesen. Aber gerade wegen der „Lücken“ bei den Treffen, eigentlich seinen Geburtstagsfeiern, möchte ich, daß er auch diesmal alle zu seinem 75ten einlädt. Dann werden wir ja sehen, wer tot, wer lebend noch ist:

„Möchtest Du denn keinen von Euch, die ihr zusammen Abitur gemacht habt, zu Deinem 75ten wiedersehen, nicht mit ihnen feiern, zum Beispiel, daß Ihr noch lebt?“

Er bockt und bleibt bei seinen „Totsagungen“.

„Immer dasselbe! Sie kann nicht zuhören! - Frau! Hab ich nicht deutlich gesagt, daß sie tot sind, mindestens 2 von ihnen - mausetot - und der dritte wahrscheinlich auch?!“

O K, ich kann auch stur sein, aber nicht stur wie ein Mann, aus Prinzipienreiterei, nein, weil mir ein, nein zwei, drei Stücke Leben, gelebten und vergessenen Lebens, vielleicht auch nur nicht wahrgenommenes Leben, fehlen, er soll sie mir nachliefern, er, mein Mann und Obermotz dieses „Vereins“, ach ja, „Bundes der Toleranten“. Er muß, weil ers kann!

„Aber wie sollen wir dann feiern! Ich möchte wenigstens einen versäumten Geburtstag mit Dir und Deinen Freunden nachfeiern. Sie waren so geistreich! Der Wilhelm mit seinen Anekdoten aus dem Medizin- und Zahnmedizin-Milieu, und Heinz, der so lebendig aus der Zeit berichtet hat, als noch die Mauer stand und er ein großer Held und ‚Fluchthelfer‘ war.“

Ich hätt’s mir denken können: Er geht nicht auf meinen Wunsch ein, spottet statt dessen über die konventionelle Ehrfurcht vor dem Tod und seine toten Freunde:

„Nein, nein: Geistreich waren diese Heinis nicht. Schwätzer, Plaudertaschen waren sie, wie wir alle: Eitle Selbstdarsteller, die, meist vergeblich, auf die Art versuchten, bei einem Weib ‘n guten Eindruck zu machen. Mir hat von den Dreien der Straßenbahner Werner imponiert, der meist stundenlang stumm dasaß, mit einer Miene wie gemauert, die geheimes Wissen anzudeuten schien. Die zweite Ausnahme von den bloßen Schwätzern war Hiltrud, die Frau des Zahnarztes. Sie war gebildet, nicht bloß geistreich, aber auf eine merkwürdige Art: Sie hat zwei Doktortitel erworben, einen in Medizin, den anderen in Germanistik.

Die Dissertationen hat sie jeweils während einer Schwangerschaft geschrieben.“

Verblüffen kann er einen ja doch! Da zieht er über zwei seiner Freunde her, um den dritten insgeheim für, ich weiß nicht was, zu bewundern, so, als habe er Schuldgefühle. Dann hebt er die Leistungen einer Frau hervor, er, der Chauvi und zynische Weiberheld. Ich kannte zwar die Hiltrud von unserem Gründungstreffen her, aber von ihrem Doppeldoktor konnte ich nichts wissen, damals studierte sie noch. Vielleicht wagt er sich ja weiter vor und plaudert weitere Vorzüge dieser Frau aus, die ja hochgebildet und diszipliniert gewesen sein muß:

„Was für eine Frau! Und was für eine Arztpraxis hat sie dann mit dieser Kombination betrieben?“

„Gar keine!“

Ist er nur maulfaul oder will er etwas verbergen? Am Ende sagt er auf seine Art die Wahrheit! Ich muß weiterbohren, vielleicht verfügt er ja doch über längere Sätze!?

„Dann eine einfache?!“

Ich hätt gar nicht zu fragen brauchen, er übersprudelt diese Frage, hüllt sich in ein Wortgeklimper, um sein Verhältnis zu dieser Frau nicht enthüllen zu müssen. Das glaubt doch kein Mensch, was er da losläßt:

„Hör, bitte, genau zu: Nichts, reineweg nichts hat sie angefangen mit ihren Titeln. Sie praktizierte nicht, half, höchstens, wenn’s nötig war, ihrem Mann als Sprechstundenhilfe. Ja, ich weiß, was Du sagen willst. Ja, auch unter Ihrem Bildungsniveau. Nein, niemand kann das überzeugend erklären. Schätze: unglaublicher Hochmut, Wissen nur für sich zu erwerben und zu hüten, niemanden davon partizipieren und nur den Glanz des Doppeltitels leuchten zu lassen.“

Zu dieser ziemlich unsinnigen Konstruktion weiß ich kaum etwas zu sagen. Nur ein absurdes Bild sehe ich: einen prächtigen Hochseedampfer, voll unter Dampf, die Feuer glühen unter den Kesseln und heißweißer Dampf hüllt in heftigen Stößen den Himmel ein – doch der Koloß liegt unter mächtigen Erschütterungen an Ort und Stelle, während er gleichzeitig in beide Richtungen, nach vorn und nach hinten, losbrechen müßte. Dies widersinnige Bild im Kopf, stelle ich mich wieder dumm:

„Wie ist so etwas zu erklären, die übliche ‚schwere Kindheit‘? - Wird das denn genügen?“

Da hab ich ihn auf eines seiner Spezialgebiete geschickt, die Psychoanalyse, d.h. was davon übrigbleibt bei einer oberflächlichen und alltäglich-laienhaften Verwendung unter Freunden oder Kollegen, oft Paaren: Heteros oder Schwulen, gleich welcher Spielart, denn es geht diesen Leuten nicht um Heilung, sondern um allerlei Persönliches, z. B. um Selbstdarstellung oder aggressive Mache und Erledigung von Konkurrenten. Dahin hab ich ihn geführt, und sofort weiß er es zu nützen. Er legt los, als sei er einer dieser Laientherapeuten:

„Ach was, Hiltrud und eine schwere Kindheit, lachhaft. Verwöhnt war sie von ihren wohlhabenden Eltern, bei kleinsten Konflikten suchte und fand sie ‚Zuflucht‘ Bestätigung und Verhätschelung bei Großmama und Großpapa, dem Begründer einer noch existierenden großen Weinhandelsfirma. Von daher rührt vielleicht ihre Überheblichkeit. Aber soll sie, selig wird sie so auch nicht. Vielleicht war ihr wissenschaftlicher Turmbau, wenn auch nur eine niedrige, so doch eine Schanze und ‚Feste Burg‘ nach Luthers Vorbild, allerdings eine irdische Fluchtburg, in die sie ihr eigentliches, liebesuchendes Selbst