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„Grummet oder Letzte Mahd“ ist – ohne neue Fakten zu bringen – gleichsam der dritte Band der „Berichte über mein Leben“. Er enthält Auszüge aus den Berichten I und II für die Jahre von 1936 –1998: Texte aus Politik, Geschichte, Sozialem, Kunst und Psychiatrie. Allzu persönliche Bereiche sind ausgespart, dargestellt aber Aspekte der Kindheit und Jugend, ebenso Studium, Berufstätigkeit, Erkrankung und die Kunst G.s. Die Kindheit Glaubrechts war nicht nur vom Krieg bedroht, sondern auch vom Paradox umfassender Fürsorge und Ernährung bei gleichzeitigen Prügelorgien und raffiniertem Leistungsdruck der Mutter. Nach dem Abitur 1955, als er in der DDR keinen Studienplatz bekam, konnte er mit seinem Umzug nach West-Berlin ein selbstbestimmtes Leben beginnen: mit einem Studium in Würzburg, das er weitgehend durch Arbeit selbst finanzierte und als Dr. phil. 1964/65 abschloss. Unmittelbar nach dem Studium war G. von 1964/65 bis 1974 in München wiss. Redakteur der Neuen Deutschen Biographie (NDB); 1975 wechselte er (bis1987) als wissenschaftlicher Assistent, seit 1980 auch als Privatdozent für Neuere und Neueste Deutsche Literatur und Theorie der Literatur an die Universität Hannover. Die „Fülle des Lebens“ in München – auch in der an „68“ orientierten Politik – kehrte für G. in Hannover nicht wieder. Im Wissenschaftsbetrieb war mit der Habilitation das Ende seiner Karriere erreicht, was er nicht verkraften konnte: Wegen schwerer Depressionen musste er 2mal in 8 Jahren Zuflucht in einer Psychiatrischen Klinik suchen. Bei Arbeiten in einer der Klinik angeschlossenen Töpferei brach eine ungekannte, Kreativität durch, die hermetisch verdeckt war von einem Ehrgeiz, der seit der frühen Kindheit von der Mutter in ihn hineingehämmert worden war. Naturgemäß waren es zuerst Tonbildwerke (s. die Abbildungen a. d. Seiten 299-304), die er in dieser späten, doch lebendig-frischen, zu- gleich kritischen künstlerischen Arbeit schuf und dann in auch mit literarischen Werken vervollkommnete: 2 Bände Autobiographien, auch mit diesem 3. Band, einem Roman und einem Band „Merkwürdige Geschichten“. Für den Schluss dieses 3. Autobiographie-Bandes übernahm G. Darstellung und Kritik der Wiedervereinigung in seiner Heimatstadt aus dem Band „Dicht am Grundlosen Loch“.
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Titelcover zu „Grummet“:
n. d. Foto einer Bergwiese auf dem Brauneck bei Lenggries, Obb.
Foto und Bearbeitung: M. Glaubrecht, 2011
Rückseite zu „Grummet“;
Foto des Friedhofs von Rüdigsdorf-Nordhausen
Foto: Martin Glaubrecht, 2013
Dieses Werk darf - wie seine Quellwerke - auch in Teilen - nur aufgrund eines schriftlichen Vertrags mit dem Autor vervielfältigt oder in einer anderen Weise verwertet werden.
Dieser dritte Band der „Berichte über mein Leben“ unter dem Titel „Grummet oder Letzte Mahd“ bringt kaum neue Nachrichten, sondern Auszüge aus den vorhergehenden Bänden, hauptsächlich und in konzentrierter Form aus den Erlebnisbereichen Politik, Geschichte, Soziales, Kunst und Psychiatrie. Enge und ausschließlich persönliche Bereiche sind ausgespart.
Quelle der Texte sind die „Berichte über mein Leben“. Von diesen erschien zuerst der Band: „Ach - und kein Zug zurück“ über die Zeit von 1936 bis 1964 im Jahre 2008 bei Revonnah Hannover, dann 2010 unter dem Titel „In Bitterer Luft“ in dem gleichnamigen Doppelband bei Iffland, Nordhausen. In überarbeiteter und leicht gekürzter Form wird er wieder unter seinem 1. Titel: „Ach - und kein Zug zurück“ 2016 als E-Book erscheinen.
Es folgte unter dem Titel „Dicht am Grundlosen Loch“ der Bericht für die Jahre 1964 bis 1994/98: zuerst in dem Doppelband „In Bitterer Luft“, s. o). Er wird – erstmals als Einzelausgabe – und in überarbeiteter Form 2016 als E-Book erscheinen.
Alle Zitate sind den Neubearbeitungen der Lebensberichte entnommen.
Leser, die sich für die Originalberichte einschließlich der hier weggelassenen oder verkürzten Aspekte von Psychologie, Erziehung und/oder Krankheiten interessieren, können die beiden Quellbände: „Ach – und kein Zug zurück“ und „Dicht am Grundlosen Loch“ als E-Books aus dem Internet herunterladen.
Vorbemerkung
A : Aus: „Ach – und kein Zug zurück“
I: Kindheit und Jugend 1936 - 1955 in Nordhausen
Erste Erinnerungen
Mütterliche Erziehung – ein Krieg im Krieg
Erste Schuljahre
Untergang Nordhausens
KZ u. Raketenfabrik „Dora-Mittelbau“
Die Amis - Nachkrieg
Die Paradiese der Kinder
Die Russen kommen - Der Vater kehrt heim
Vom Hungern im Westen … und im Osten
Neue Schule/alte Pädagogik
Kindheit: Politik und häusliche Arbeit
Lesen - Pubertät
Oberschule I - 17. Juni 1953
Der Vater macht sich selbständig - in der DDR
Oberschule II – Theaterlust
Radtour an die See
Abitur, aber kein DDR-Studienpl.
II. West-Abitur in Berlin 1955/ 56, Studium in Würzburg 1956 -1964
Berlin & Berlin – Herz mit Schnauze
Ein zweites Abitur
In Bayern - Die Kunst
Würzburg
Ein unordentliches Studium
Eine Liebe: Ost&Ost im Westen
Ein Unfall-Ein Medizinprofessor
Eine Studentenehe
2 Philosophieprofessoren
Krankheit und Tod des Vaters
Die Promotion
B : Aus: „Dicht am Grundlosen Loch“
III: Im Beruf - NDB 1964 - 1975 in München
Oktoberfest - Theater
Neue
Dte.
Biographie
Politik - Apo
Leblos
Psychotherapie – Ehescheidung
Flippern und Kiffen
Erotische Suche
Freunde in München
Schiefe Blicke auf 1968
Ach - die SPD
Eine Tänzerin
Zwei Mädchen
Eine WG für Kopf und Bauch
München-Kreta-Hannover
IV: Uni, Krankheit, Kunst 1975-1994 in und um Hannover
Vorspiel: Säufer im Norden
Wiss. Assistent
Leben in Niedersachsen
Zwischenfluchten
Lehre an der Universität – Marxstudien
Habilitation - Überleitung: ein Dauerelend
Depression- Psychiatrie I
Aufs Dorf – Psychiatrie II
Entlassung - Manie
Psychiatrie III
Zurück aufs Land
Kunst und Psyche: Die „Bösen Köpfe“
Noch einmal: Mutter und Vater
Brüder
Ach – „Wiedervereinigung“
Ende
Noch im Jahr nach meiner Geburt - einer Frühgeburt, die den Eltern noch lange Sorgen um Leben und Gesundheit des Kindes machte - haben sie mit dem Bau eines Hauses begonnen. Sie waren nach ihrer Heirat 1930 lange Zeit arbeitslos gewesen. In der Aufrüstungsphase des Hitlerreiches hatten sie wieder Arbeit gefunden, waren aber neben gefördertem Bausparen auf finanzielle Unterstützung vom Vater der Mutter und auf zeitweise Betreuung des Kindes durch die Eltern des Vaters angewiesen. Im Sommer 1937 haben sie mich zu diesen in die Pflege gegeben, um sich sowohl intensiver dem Hausbau zu widmen als auch etwas Erholung von der Sorge um das Kind zu bekommen: An diesen ersten Aufenthalt bei den Eltern meines Vaters habe ich keine Erinnerung. Nur ein Traum aus späterer Zeit geistert noch durch meine Nächte: Da ist ein runder Tisch, auf ihm duftet ein Frankfurter Kranz. Eine Bank schwebt an der Wand entlang; vor ihr sitzt meine Großmutter. Sie spricht nicht, singt nicht, summt nur vor sich hin und streicht hin und wieder mit ihren schlanken Händen über die Bank, auf der ein kleines Kind liegt. Träume ich diesen Traum, wache ich lächelnd auf.
Das neue Haus und seinen 1000qm großen Obst- und Gemüsegarten hatten sich die Eltern im Grunde nicht leisten können, weil sie trotz eiser-nerSparsamkeitwegen ihrer Arbeitslosigkeit nur wenig Kapital aufbringen konnten, das zudem noch aus dem Zuschuß des Vaters der Mutter bestand. So mußte das Haus mit 2 Hypotheken fast vollständig finanziert werden. Schließlich hatte die Mutter nur gedämpfte Freude am Haus, denn der Partner fürs Doppelhaus baute seinen „Flügel” nicht – vor und nach dem Krieg nicht! Das Haus blieb wegen der nur halbsteinigen Brandmauer an seiner linken Flanke ungeschützt gegen Angriffe von Kälte und Nässe, und noch heute ragt es als ein Riesenbackenzahn heraus aus der Reihe der vollendeten Häuser der Straße.
Nordhausen, das Elternhaus
Foto: Joachim Glaubrecht (†), ca. 1962
Ich war noch nicht ganz drei Jahre alt, als im Frühjahr 1939 mein Bruder geboren wurde. Meine ersten eigenen Erinnerungsfetzen fallen in diese Zeit: Ich sehe mich vom Bahnhof Altentor der Harzquerbahn nachhause springen, um das „Brüderchen“ zu sehen - Ich war während der letzten Schwangerschaftswochen der Mutter wieder bei den Großeltern abgegeben worden.
Der Vater ging als Angestellter jeden Tag ins „Geschäft”, in eine Draht- und Zaunfirma auf der Jüdenstraße im Herzen der Altstadt. Obwohl er wenig Zeit hatte, kümmerte er sich intensiv um mich, spielte mit mir, ließ mich auf seinem Rücken reiten und brachte jeden Abend eine Kleinigkeit aus der Stadt für sein „Söhnchen“ mit. Bald war es damit vorbei; der Vater wurde Anfang 1940 zur Wehrmacht eingezogen (mit Grundausbildung in Dresden). Die Mutter fuhr mit mir im Mai 1940 nach Dresden, um ihren Mann, ehe er zum „Einsatz“ kam, noch einmal zu sehen.
Bereits als Führerscheinbesitzer zur Teilnahme an dem Überfall auf die Sowjetunion befohlen, rettete den Vater im letzten Augenblick ein Sehtest: Auf dem linken Auge sehgeschwächt, taugte er nur noch als Besatzungssoldat in Norwegen. Dort war er Luftwaffensoldat (Bodenpersonal) auf verschiedenen Fliegerhorsten von Oslo bis nach Narvik. Er überstand den Krieg, ohne einen Schuß abfeuern zu müssen. Stolz erzählte er nach dem Krieg, daß er in Narvik einen jungen Leutnant mit dem Argument sinnloser Gefährdung der sechs Mann, die sie waren, erfolgreich daran hindern konnte, auf amerikanische Flugzeuge mit der Flak zu schießen, die in über 3000 Meter Höhe übers Polargebiet flogen, um der Sowjetunion Kriegsgerätzu bringen.
In Norwegen wie im Frieden lebend, konnte er seiner Familie helfen, den Krieg zu überstehen: Er schickte Fischkonserven, penetrant stinkenden Waltran, Schokolade, Käse, Norweger-Handschuhe und -Pullover und als Extrageschenk für seine Frau einen schwarzen Fohlenmantel - für einen Gefreiten, späteren Unteroffizier, eine beträchtliche Ausgabe. Doch war seiner Frau der Fohlenmantel nicht einmal gut genug, ein Kalbfellmantel hätte es sein müssen, so einer, wie die Klavierunterricht gebende Mieterin im Erdgeschoß des Hauses einen trug, die Frau eines Hauptmanns, der während seines Urlaubs in der hellen Uniform des Afrika-Corps die Straße auf und ab spazierte.
Die Mutter hatte für mehr als sechs Jahre Krieg und Nachkrieg allein die Erziehung ihrer Kinder und die Sorge um sie zu übernehmen. Doch hatte sie Sorgen auch um die Gesundheit ihres Mannes, vor allem wegen möglicher Belastungen aus seiner Familie: Eine seiner Schwestern lief wegen ihrer jährlich wiederkehrenden schweren Depressionen Gefahr, dem nationalsozialistischen „Euthanasie-Mord-Programm zum Opfer zu fallen, und auch der ältere Bruder des Vaters litt an schizophrenen Schüben.
Die Mutter wollte vor allem erreichen, daß den Behörden etwelche ins Psychiatrische fallende Auffälligkeiten als harmlos oder als Schrullen dargestellt werden konnten. Auf keinen Fall sollte ihr ältester Sohn in den Geruch eines psychisch Kranken und damit eines „Lebensunwerten” kommen, weil er im frühen Kindesalter neurologisch erkrankt gewesen sein nun und familiar belastet sein könnte.
Arbeiten als Dienstverpflichtete wies sie mit dem Argument, daß sie allein für ihre Kinder und ihre greise Mutter und deren Mann zu sorgen hätte, erfolgreich zurück; auch eine eingeforderte Mitgliedschaft in die NS-Frauenschaft wußte sie abzuwehren. Nur einen schwarzen Kübel des NS-Winterhilfswerks (WHW) stellte sie an den Hofrand und tat etwas von den für die eigenen Viecher (Kaninchen und Hühner) bestimmten Küchenabfällen hinein, widerwillig und unregelmäßig und schließlich gar nicht mehr.
Im Spätherbst 1942 kamen zwei junge Soldaten und sammelten Winterkleidung für die im russischen Winter in Sommeruniformen kämpfenden Soldaten. Die Mutter gab ihnen warme Sachen und Skier, breite, weiß gestrichene Bretter mit Lederbindungen, mit denen sie mit ihrem Mann in dessen Urlaub noch im Januar 1942 im Hochharz Ski gefahren war. Damals hatte man uns Kinder bei den Großeltern abgegeben.
In der kleinen Wohnung der Großeltern in einer Mietskaserne am östlichen Rand der Stadt spielten wir in der Wohnküche. Hier wurden wir abends auf dem Küchentisch in eine Schüssel gestellt und tüchtig abgewaschen. Das Wasch- und Abwaschwasser und die Abwässer aus dem direkt an die Küche angeschlossenem Klo flossen zusammen mit den Abwässern der übrigen Parteien in einer gemeinsamen Röhre an der Außenwand des Hauses hinunter in den Hof, wo sie in einem wöchentlich geleerten Riesenkübel landeten. Als der Kübel geleert wurde, schnupperten wir, zeternd und lachend zugleich, die hochströmenden Düfte ein. Hier atmeten wir den beklemmenden Duft eines proletarischen Viertels am östlichen Rande der Stadt.
Die Küche, in der der gewöhnliche Koch- und Kloakenduft durchmischt war mit kräftigen Strömen aus Leder, Gummilösung, Pech und Wachs, war der Kosmos, in dem der Großvater, Pfeife rauchend, Schnaps trinkend (für den das Städtchen berühmt war) und hemmungslos furzend den Generalbaß setzte. Seit seiner Pensionierung betrieb er das Schustern ganztägig. Als Gerechtigkeitsfanatiker ließ er daheim jegliches Fleisch durch den Wolf drehen, nachdem der große dem kleinen Sohn im Kampf um das größere Stück Fleisch die Gabel in die Wange getrieben hatte.
Im Keglerheim trug der Großvater den Spitznamen „Beefsteakchen”, weil er seine „Bratklößchen“ (Bouletten) nur aus von ihm mitgebrachtem Hackfleisch zubereiten ließ. Den Produkten des Hauses traute er nicht. Mit derlei Macken, seiner bärbeißigen Fürsorge für Menschen seiner Herkunft (Landarbeiter, Brauknechte waren seine unmittelbaren Vorfahren, Streckengeher und Knechte die seiner Frau) und seinem von den Verwandten belächelten, doch überlebensnotwendigen Schusterfleiß war er stadtbekannt und hochbeliebt, vor allem im Milieu der kleinen Leute: Briefträger war er gewesen, später Schalterbeamter bei der Reichspost und örtlicher Vorsteher des „Reichsverbandes Deutscher Post- und Telegraphenbeamten“, SPD-Ortsvereinskassierer, Mitglied im größten Kegelklub der Stadt und ständiger Gast im „Keglerheim”. Trotz im April 1933 einsetzender Verfolgung durch SA und Gestapo blieb er in Freiheit. Sein Schwiegersohn, Fahrer bei der NS-Kreisleitung, oder sein ältester Sohn, ein mit seinem Verein automatisch bei der SS gelandeter Radrennfahrer, könnten versucht haben, ihn zu schützen. Als man ihn im Spätherbst 1942 dann doch holen wollte, war er dem Gefängnis, wenn nicht gar dem Konzentrationslager, sozusagen in letzter Minute weggestorben.
Kurz vor seinem Tod habe ich dem Großvater ein letztes Mal beim Schustern und beim Schuhe-Machen zugeschaut: Er nahm einen Leisten, ein bis zwei Stück guten „Boxcalf”-Leders, die er zuvor angefeuchtet hatte, zog sie straff darüber und verheftete sie mit der grob zugeschnittenen „Brandsohle” aus kräftigem Leder am Boden des Leistens. Dann nähte er das Oberleder links und rechts gleichzeitig durch zuvor mit der „Ale” gestochene Löcher an der Brandsohle fest. Den Faden hatte er mit Bienenwachs gewachst und mit Schusterpech verpicht, am Ende aufgesplissen und mit den Enden langer Schweinsborsten verdrillt. Auf die sorgfältig vernähte Brandsohle klebte er zunächst die Laufsohle aus Kernleder, dann vernähte er sie mit dieser in einem feinen, zum Schluß wieder verschlossenen Schlitz. Den Absatz baute der Großvater in Scheiben aus dickem Leder schichtweise auf, verklebte sie und vernagelte den ganzen Absatz mit je nach Schuhart verschieden langen Holzstiften. Auf Männerschuhe kam noch eine Halbsohle, die ebenfalls geklebt und mit kurzen Holzstiften angenagelt wurde. Auf schwere, hohe Arbeitsschuhe konnten noch eine vordere Stoßkappe, eine Art Hufeisen auf den Absatz und auf die Sohle breite runde Stahlnägel genagelt werden. Diese Arbeit beeindruckte mich sehr, ich sah einen leidenschaftlichen und akkuraten Handwerker bei einer Arbeit, für die der schwerfällig erscheinende, kleine und oft cholerische Postmann nicht geschaffen schien. Er war bei der Arbeit still und konzentriert, und er hatte eine Art glücklichen Lächelns auf den schmalen Lippen und in seinen kleinen Wildschweinaugen.
Robert Glaubrecht, mein Großvater, beim Schustern
Familienfoto, o. J. (ca. 1940)
An den Weihnachtsfesten spielten wir nur in den ersten Tagen nach der „Bescherung” eifrig mit den Geschenken, unter denen sich 1942 auch eine blecherne Spielzeugeisenbahn mit allem Drum und Dran befand, allerdings keine elektrische, die, begehrlich bestaunt, ein Cousin besaß, sondern nur eine zum Aufziehen. Bald aber gings dem Spielzeug ähnlich wie den Süßigkeiten und den Früchten: Einmal genossen, waren sie „perdu” so auch die wenig geliebte, von der Mutter teuer erstandene Eisenbahn.
Am Heiligabend des nächsten Jahres, die Mutter schmückte den Baum in der Stube; ich, 7 ½ Jahre alt, hatte auftragsgemäß die mit Linoleum ausgelegte Küche gewischt, eingewachst und war dabei sie zu bohnern, da ging die Lok zu Bruch. Sie hatte verborgen unter einer Küchenkommode gelegen und war von dem schweren gußeisernen Bohnerbesen getroffen worden. Unmittelbar vor der Bescherung bekam ich die für meine „Untat” fällige, erbarmungslose Abreibung, dann lief mit Gesang unter kaum getrockneten Tränen das übliche Weihnachts-Ritual ab. - Im Frühjahr des nächsten Jahres warfen wir dann zum Gaudium der Nachbarskinder Bahnhof, Schranken und Weichen zum Giebelfenster hinaus.
So, wie die Strafen zu hart waren und uns bis ins Mark der Seele, oft bis ins Erwachsenenalter hinein verletzten, so waren auch unsere Streiche zum Teil übers gewöhnliche Kindliche hinaus extrem böse: Wir zerschmissen mit Steinen der Nachbarn Hausnummernschilder, kippten Abschlußsteine von Gartenpfosten, schissen auch einmal in die Lauben der großen Kleingartenkolonie an unserer Straße, drehten dort des Nachts alle erreichbaren Wasserhähne auf (beides mein Bruder mit einem Freund) und warfen eines Sonntags nahezu alle Scheiben auf der riesigen Rückfront einer nach dem Krieg eine Zeitlang leerstehenden Kautabakfabrik zu Bruch (wir beide).
Angesichts solcher Streiche verstand die Mutter uns Kinder nicht; sie fragte sich verzweifelt, womit sie nur solche Teufel verdient habe, und schrie und schlug auf uns ein. Sie hatte in dieser Zeit schon einen Teppichklopfer aus Rohr auf uns zerschlagen, die Ohrfeigen nicht gezählt, später waren es zwei aus Rohr, schließlich übernahm ein unzerstörbarer aus Eisendraht die Rolle des Prügels. Sie strafte oft besinnungslos, wie in panischer Furcht, die Herrschaft über uns zu verlieren, während sie die Herrschaft über sich selbst verlor. Sie fragte nicht nach den Motiven der Kinder-Verbrecher. Sie suchte statt dessen nach noch härteren Strafen für unsere bösartigen Streiche. So fand sie zum Beispiel für die zerschmissenen Nummernschilder eine für Kinder besonders boshafte Strafe: Sie band uns an Bettpfosten, an entsetzlich wirkliche, nicht nur india-ner-gespielte Marterpfähle.
Die kindlichen Streiche, fast immer in Frechheit, Erfindung und Zerstörungswut über das hinaus, was allgemein Kindern zugetraut und z. T. auch toleriert wurde, waren vermutlich auch unbewußte Antworten auf psychische Überbelastungen durch ein hypertrophes Liebesbedürfnis der Mutter an die Kinder, nicht etwa ein normales Liebesbedürfnis der Kinder an die Mutter. So erzwangen die Kinder mit unzähligen Streichen die Zuwendung der Mutter, die sie oft nur in der Form von Schlägen bekamen.
Klagend oder drohend, auch mit musikalischem oder literarischem Kitsch forderte die Mutter die Liebe der Kinder ein. Sie sang: „Mamatschi, kauf mir ein Pferdchen …” oder deklamierte die „Alte Waschfrau” und „Wenn Du noch eine Mutter hast…”, ganz besonders aber dies: „Alle Tage ist kein Sonntag, alle Tage gibt’s keinen Wein, aber Du sollst alle Tage recht lieb zu mir sein“, das mich „alle Tage“ quälte.
Allerdings wird die Mutter aus bitterer Verzweiflung über die Zerstörungen der Kinder in diese unkontrollierte Wut und dies fast kindliche Verlangen nach der Liebe der Kinder zu ihr geraten sein: Es waren schwere Zeiten, wir Kinder sahen das erst, als die Angst in den Bombardierungen am Ende des Krieges auch uns würgte. Und wir sahen nicht, daß unsere Familie eher arm als wohlhabend war, mit dem Haus und dem großen Garten. Wir wußten nicht, daß das Haus nach der Arbeitslosigkeit der Eltern nur mit einem Zuschuß des Vaters der Mutter und zwei Hypotheken mit den entsprechend hohen monatlichen Zins-Belastungen gebaut werden konnte. Wir wußten nicht, wovon die Mutter im Krieg diese Kosten und unser aller Unterhalt getragen hat, ja, wir fragten nicht einmal danach (ob von der Unterstützung für „Kriegerfamilien“ oder nur vom Sold des Vaters?). Erlebt haben wir nur, daß Lebensmittel und Kleidung nur auf Marken zu haben waren und daß die Mutter sehr oft weite Wegen ging, um etwas „dazu“ zu bekommen: Südfrüchte etwa oder Schokolade für uns zu Weihnachten. Nur geschmunzelt haben wir, als die Mutter nach Kriegsende mit dem Verkauf von Tulpen aus dem Garten verzweifelt etwas Geld verdienen wollte. Wochen später begann sie als Hilfe, in der Rolle einer Magd, bei den Bauern zu arbeiten, die noch vor kurzem ihre Lieferanten gewesen waren. Ihr Lohn waren knapp bemessene Naturalien – Geldeslohn bekam sie nicht. So, übers Psychologische hinaus, könnte ihre Prügelwut erklärt werden, ohne daß unsere Schmerzen deshalb geringer gewesen wären und ohne daß die Prügel ihr in ihrer Not geholfen hätten.
Weil sie sich sicher als „gute“ Mutter empfand, weil sie unablässig, allerdings auch unter vorwurfsvollen Klagen, für Kleidung, Schuhwerk und vor allem für Nahrung, sorgte, empfand sie die kindlichen Streiche als besonders gemein. Unsere Nahrung holte sie aus dem eigenen Garten, von eigenem Kleinvieh und, oft auf weiten Wegen in die Stadt, von Einkäufen über das auf Marken Zugeteilte hinaus. Sie war auch eine exzellente Köchin, sie kochte mit dem Gemüse und den Früchten des großen Gartens und konservierte, was nicht sofort verbraucht wurde, durch Einlegen in Essig und durch Einkochen. Sie hielt Hühner und Kaninchen, später noch eine Ziege, so daß auch in schlimmen Zeiten ein Minimum an Fleisch (dann auch an Milch) im Hause war.
Die Mutter kochte nur mit frischen Zutaten (vor allem aus ihrem Garten) und höhnte nur über Kaufkonserven. Nudeln machte sie selbst, auch Thüringer- und Hefe-Klöße. Sie kochte Gelees und Marmeladen, Him-beer- und Johannesbeersaft und sammelte, oft mit uns Kindern, im Harz Hagebutten, Heidelbeeren und Bucheckern. Hagebutten und Bucheckern wurden getrocknet und im Gasbackofen leicht geröstet. Die Hagebutten lieferten Tee und eine sanft säuerliche, leicht gesüßte rote Suppe, auf der schöne weiße Schwäne aus Eischnee schwammen. Die gerösteten Bucheckern ersetzten in Kuchen und Plätzchen Nüsse und Mandeln. Und in den letzten Monaten das Krieges erhielt man für so und soviel Eckern etwas Margarine. Die Mutter machte nur einmal einen Probetausch: Sie fand, das Fett stänke und schmecke nach Wagenschmiere, und das für Bucheckern, die sie im Harz unter früh gefallenem Schnee hervorgeklaubt hatte! So mußte sie uns als besonders undankbar empfinden, wenn wir manches „Totgekochte” der Oma, wie die Mutter deren Mahlzeiten diffamierte, spannend und „schön“ fanden. Die Oma kochte noch lange Zeit in einem Grudeofen, einem mehrstöckigen Koch- und Warmhaltegestell, beheizt mit billigem Braunkohlenkoks (Grudekohle), in dem die Speisen schonend und in gedehnter Zeit gegart und lange warmgehalten werden konnten. Sie beherrschte noch die traditionellen Konservierungsmethoden, so die auf Schnüren auf dem Dachboden getrockneten Apfelringe (Hutzeln), die getrockneten Zwetschgen, die sogenannten Fuschenköpfe, d.h. in Fässern eingesalzte Weißkohl-Köpfe, zusätzlich zum selbst gehobelten und eingesalzenen Sauerkraut, außerdem Salz- und Essiggurken. Unter Im Kupferkessel der Waschküche kochte sie Zwetschgenmus.
Voller Sorge (und Geschimpfe) kümmerte sich die Mutter um unser Wachstum, das sie durch gesunde Nahrung und auch mit Vitamin-C- und Kalk-Tabletten, übelschmeckendem Lebertran (selten auch als mildes Sanostol) zu fördern suchte. Bei Krankheiten bettete sie uns zum Schwitzen, kochte dafür Fliedertee, legte Brust- oder Wadenwickel an und gab den kranken Kindern kein böses Wort. Sie brachte Spielzeug, später Bücher, setzte sich aber nie zu einem kranken Kind, um ihm vorzulesen.
Angst erzeugte die Mutter, wenn sie uns an einer Unterkunft für „Asoziale“ (Jargon der Zeit) und am drohend schwarz-grauen Wackerstein-Quader des Waisenhauses mit seinen kleinen Fenstern vorbeitrieb:
„Da werdet ihr enden, wenn ihr mich ins Grab gebracht habt!“
Nordhausen: Waisenhaus, Zustand 1975
Foto: Martin Glaubrecht, 1975
Für den Fall, daß die Schläge, Beschimpfungen und Verfluchungen, dieser familiare Krieg gegen die Kinder im mörderischen Krieg der Erwachsenen, nicht mehr auszuhalten wären, hatten mein Bruder und ich einen Rucksack gepackt für die Flucht - mit Brot und Salz. Das Brot wurde hart und das Salz verkrustete, so blieben seine Körner wie auskristallisierte Tränen der Kinder liegen für immer.
Oft aber fanden wir Wärme und Trost beim „Dämmerstündchen“ der Oma – noch lange auch in der Erinnerung als Erwachsene. Andächtig still und voll träumerischer Sehnsucht hatten wir diese Abende bei der Oma im Winter genossen: In der Röhre ihres Küchenherdes brutzelten und zischten Bratäpfel, auf der Platte köchelte eine Puddingsuppe vor sich hin, und durch die breiten Herdringe blitzten die Flammen und warfen ein flackerndes Licht an die Decke. Sonst brannte kein Licht, und die Oma, die schwergewichtig in ihrem Korbsessel saß, das große, mit eingeklebten Bildern geschmückte Märchenbuch im Schoß, hatte oft Mühe, die Buchstaben zu erkennen. Da erzählte sie die Märchen in den Worten ihrer Erinnerung, auch wenn es nicht die wortwörtliche war.
Ich war bereits 7 Jahre alt und hatte längst gelernt, die Schuhe zu binden und die Uhr zu lesen, als ich endlich eingeschult wurde. Meine Mutter hatte mich ein Jahr zurückstellen lassen, damit ich der Konkurrenz der gleichaltrigen Knaben entginge. Zu Schulbeginn im September 1943 war ich zur Schule gebracht worden, dann mußte ich allein in mehr als 20 Minuten zur Schule gehen. Trotzdem bummelte ich oft auf dem Heimweg, vor allem an dem die Stadt umfließenden Fluß Zorge und an dem Mühlgraben entlang, der schmal, tief und schnell, unterhalb der Stadtmauer dahinschoß. Weit vor der Stadt von der Zorge abgeleitet und weit nach ihr in den Fluß zurückgeführt, hatte der Bach mit seinen Mühlen und den Gelegenheiten zum Fischen und Baden, die Unterstadt Nordhausens geprägt und den Kindern viel Möglichkeiten zum Spielen geboten. Er existiert nicht mehr.
Den längsten Teil des Schulwegs entlang floß auch eine Art Gewässer, schmal und ständig überzogen von einem Ölfilm, der aus einer Altölraffinerie in ihn sickerte: der Salz(a)graben. Er zweigte vom Salza-Fluß ab, floß hinter den Gärten unserer Straße träge dahin, knickte am Ende der Straße im rechten Winkel ab und mündete nach einem längeren geraden Lauf mit seiner Ölfracht in die Zorge. Die hatte trotzdem und auch trotz der Einleitungen einer Papierfabrik in einen Nebenfluß schon im Harz noch reiche Fischbestände, u. a. Forellen und die empfindlichen Äschen. Der Graben war für die Kinder unserer Straße ein wichtiger Spiel- und Abenteuerraum. Er existiert nicht mehr.
Mein Schulweg lief über einen Teil unserer Wohnstraße, die ebenso wenig befestigt und in Regenzeiten von Pfützen und Schlamm überzogen war wie die die Straße neben dem Salzagraben rechts und einer Siedlung kleiner und kleinster Siedlungshäuser links von mir. Erst ab Höhe des Harzquerbahnhofs und dann weiter die Kneiffstraße entlang, über die Zorgebrücke und hinein ins Altendorf gab es Pflaster auf Bürgersteigen (z. T. größere Sandsteinplatten) und Kopfsteinpflaster auf den Fahrbahnen. Vor einer kleinen Brücke erreichte ich den Mühlgraben, dessen scharfen Knick nach rechts ich etwa 300 Meter folgte. Da, rechts vom Bach, lag dann das große Gebäude der Wiedigsburgschule mit Mädchen- und Jungen-Grundschule.
Obwohl verspätet eingeschult, habe ich in der Schule keine Angst gehabt. Die Lehrerin, Fräulein V., begrüßte die Klasse nicht mit „Heil Hitler“, sondern mit dem vertrauten „Guten Morgen, Kinder”. Lesen und Schreiben waren mit Hilfe einer Fibel zu lernen: Buchstabe für Buchstabe. Da brachte sie oft Bilder oder ausgestopfte Tiere mit, deren Namen mit den jeweiligen Buchstaben anfingen und das Lernen erleichterten. Rechnen lernten wir mit Hilfe der dicken Kugeln eines riesigen Rechengestells. Fräulein V. aber fand das nicht so gut, immer wieder beklagte sie die böse Zeit, die es ihr nicht erlaube, schöne Schokoladen-Kugeln mitzubringen, an denen die Kinder aus den Klassen der Friedenszeit doch viel leichter das Rechnen gelernt hätten und die sie dann hätten aufessen können. Das machte uns Kriegsschülern zwar vergeblich den Mund wäßrig, aber es schien unsere Phantasie anzuschieben, so daß auch ohne greifbare Schokolade das Rechnen einen lustvollen Akzent bekam.
Mühsam war das Schreiben der Buchstaben und Zahlen. Sie waren mit einem langen, in Papier eingefaßten, leicht brechenden „Griffel” aus Schiefer auf eine linierte „Schiefertafel“ zu ritzen. Und das war zuhause zu üben. Ich saß mit einer großen Tafel an dem Kindertischchen, an dem wir Jungen am Morgen Butterbrote mit von der Mutter gekochter Erdbeerkonfitüre gegessen hatten. Da hatten wir die Mutter noch gelobt, daß die Brote „wie im Himmel” schmeckten, und nun war der Tisch zur Folterfolie ihres entsetzlichen Leistungswahns geworden. Die Einsen, die ich in Reihen zu schreiben hatte, gefielen ihr nicht. Hinter mir stehend, den Teppichklopfer im Anschlag, gab sie mir für jede mißglückte 1 einen Schlag ins Genick. Ebenso ergings mir mit jeder 2, in der ich eher einen „Schwan” sah, als ein Zeichen für die Zahl. Die Schläge, die ich für diese „alberne” Phantasie erhielt, erschienen mir sehr ungerecht, denn es war ja ein Schwan: oben der gebogene Kopf und dann der lange Hals und unten die wellige Linie eines sich jeden Moment aufplusternden Körpers.
Die käuflichen Spiele der Zeit waren auf Krieg und Wehrertüchtigung, nicht auf das Fördern sozusagen ziviler Kreativität ausgerichtet. Die Mutter brachte uns auch nichts anderes als Dampfmaschinen, Stabil- und Metallbaukästen, Elektro- und Chemie-Experimentierkästen, Flugzeuge und Panzer, aus allen Lagen schießende Soldaten und, als Clou, ein raffiniertes Schiffeversenkungsset für die Badewanne: Ein hölzernes Schlachtschiff lag so lange ruhig im Wasser, bis es von einem Bolzen (Torpedo), abgeschossen von einem kleineren Boot (U-Boot), getroffen wurde. Es sank, weil eine schwere Eisenkugel in seinem Inneren durch den Treffer aus ihrer Lage rollte und das Schiff auf Grund zog.
Für die verschiedenen Weihnachtsbescherungen besorgte die Mutter noch Eisenbahnen, zuerst aus Holz, dann aus Blech, Roller, Schlittschuhe, Schaukel- und Steckenpferde, eine HJ-Burg, eine Spielpost mit Telefon, Setzkästen und, weiß der Teufel, was sonst noch alles. Sie mußte und konnte sich als Schenkende buchstäblich überschlagen. Wir dankten es ihr wohl auch deshalb schlecht, weil wir in all dem Spiele-Reichtum und vor allem in der damit geforderten Dankbarkeit ertranken.
In der Schule durfte nicht gespielt werden, aber die zarten Methoden des Fräuleins V., die Lieder, die gelernt und gesungen wurden und die Geschichten in Vers und Prosa, wie „Der Affe und die Uhr” und „Das Büblein auf dem Eise”, begeisterten mich. Wie im Spiel lernte ich und konnte auch nachhause Frieden bringen mit den Einsen und Zweien, die ich - zunächst - mühelos erwarb. Doch diese schöne Zeit dauerte nicht lange. Fräulein V. unterrichtete nicht mehr in der zweiten Klasse; es kam eine harsche, mit dem NSDAP- Abzeichen geschmückte Riesendame, bei der es nur hieß: Kopfrechnen und fehlerfrei Vorlesen. Es gab nur mittlere Noten, kein Lob, kein Lächeln, keine Lieder, keine Schokoladenphantasien, nur Kriegs- und HJ-Geschichten.
Trotz allem: Ich hatte Lesen und Schreiben gelernt, und so konnte ich meinem Vater im Krieg, in Norwegen, Briefe schreiben, zunächst von der Mutter diktiert und korrigiert. Dann einen eigenständigen Brief des Zweitkläßlers. Entsetzen packte mich in der Schule, als ich, mit dem Herumtragen eines Direktoratsrundschreibens beauftragt, in eine 3. Klasse kam, wo ein Junge seine HJ-Uniform ausziehen, sich über eine Bank legen mußte und von dem Lehrer G. in SA-Uniform mit einem Stock mit äußerster Gewalt geschlagen wurde. Da schossen Schule und Zuhause zusammen.
Amerikanische Jagdflugzeuge schwirrten ständig über der Stadt. Eines, erzählte man, zersiebte auf dem Bahnhof „Altentor“, an dem ich auf meinem Schulweg vorbeikam, eine Lok der Harzquerbahn; die Mutter berichtete, man habe das Flugzeug abgeschossen und den Piloten mit einem Schild um den Hals: „Ich bin ein amerikanischer Kriegsverbrecher”, durch die Stadt getrieben. Und so glaubten die Leute auch, jubeln zu können, als dicht über unserem Haus ein Luftkampf zwischen einer deutschen „Messerschmidt” und einem amerikanischen Jäger mit dem Absturz einer brennenden Maschine endete. Ein paar von unsrer Straße rannten zu der Absturzstelle nicht weit hinter dem Salza-Fluß. Sie mußten mit eigenen Augen in der verbrannten Maschine ihr so bewundertes Flugzeug erkennen, das am Boden zerschellt war. Schließlich steigerte die Einführung eines sog. Feindalarms die Angst mit einem fünfminütigen Dauerton, der signalisierte, daß die Front wenige Kilometer nur vor der Stadt verlaufe.
Kaum später, am 3. und 4. April 1945, nicht einmal zehn Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, hatte die kleine Stadt mit ihren rund 40.000 Einwohnern (Flüchtlinge mitgerechnet) das verheerende Bombardement zweier britischer Angriffe zu erleiden. Es starben an knapp zwei Tagen sechs- bis achttausend Menschen. In den Feuerstürmen, die fast eine Woche wüteten, verbrannte nahezu die ganze Innenstadt der 1000jährigen Stadt.
Am Nachmittag des 3. April, schaute die Mutter zusammen mit mir im Garten nach, ob sie schon etwas Rhabarber ernten könne, als wir von einem mächtigen Rauchpilz am südlichen Ende der Stadt und der folgenden ungeheuren Explosion in Todesängste versetzt wurden. Alle stürzten wir in den Keller, diesmal war es keine der in jüngster Zeit häufigen Übungen oder blinden Alarme, bei denen wir nachts aus dem Schlaf gerissen und mit der Kindergasmaske im Gesicht in den Keller getrieben worden waren. Jetzt war keine Zeit, die Maske anzulegen. Wir rannten nach unten und schrieen und schrieen in noch nie erlebter Angst; die Mutter warf sich schützend über uns, aber das ungeheure Krachen und Donnern und Splittern und das zischende, jaulende und schließlich heftige Detonieren der Luftminen, bei denen niemand wußte, wann sie wen träfen, hörte ebenso wenig auf wie das brutale Dröhnen der Bomber. Das Haus erzitterte und schwankte, alle Versorgungsleitungen wurden zerstört, Dach und Fensterscheiben gingen zu Bruch, aber das Haus blieb stehen, alle lebten: die Großeltern, die Mieterin mit ihrer schönen, sechs Jahre alten Tochter und wir mit unserer Mutter.
Am Abend hatte die Mutter zusammen mit dem Opa die meisten Fenster mit Pappe vernagelt, Teile des Daches gerichtet und unter die noch defekten Wannen, Eimer und Töpfe gestellt. Schließlich hatte sie auf dem Kohleherd noch ein Rhabarberkompott fertiggebracht: Das saure Zeug, das wir sonst nur „hochbeinig“ hinunterkauten, schmeckte uns auf einmal. Und dann gings wieder los: wieder alle in den Keller, derselbe Höllenlärm, nur noch nervenzerfetzender, weil, wie wir glaubten, von den Bombern weit mehr unheimliche Luftminen herabgeschmissen wurden, als beim Angriff zuvor.
In der plötzlichen Stille nach dem Ende dieses zweiten Angriffs strömten die Leute auf die Straße, rätselten, ob nun Schluß sei mit der Bomberei, ob man sich überhaupt noch schützen könne, ob es da nicht besser sei zu fliehen, denn es sähe so aus, als ob die ganze Stadt ausradiert werden solle. Zwar war die Straße bisher „verschont“ geblieben, aber viele hatten unbändige Angst vor einem dritten Angriff, und so bepackten sie ihre Handwagen oder Karren mit Bettzeug und anderen Habseligkeiten und zogen los ins Ungewisse. Die Mutter belud unseren stabilen Handwagen mit Bettzeug und sonst Notwendigem und zog zusammen mit uns mit.
Der Opa kam nicht mit, er hatte Aufräum- und Löscheinsatz bei der Technischen Nothilfe, und er wollte wissen, ob seine jüngste Tochter, die oben in der Stadt wohnte, noch lebe. Später erzählte er, der nie ein Wort über die Schrecken des Ersten Weltkriegs verloren hatte, stockend, daß von der südöstlichen oberen Stadt kein Haus mehr stehe, auch keine Wand, daß alles wie zu Krümeln zerbombt und verbrannt sei. Die Tochter vermutete er im „Felsenkeller”, dem größten, als absolut sicher geltenden Luftschutzraum der Stadt. Dort seien fast alle Schutzsuchenden umgekommen, erstickt durch die luftfressenden Flammenstürme. Wie viele Leichen der alte Mann auf der Suche nach seiner Tochter aufgehoben und umgedreht hat, einige hundert oder gar tausend, wußte er selber nicht zu sagen. Er hat seine Tochter nicht gefunden, erst 14 Tage nach dem Inferno tauchte sie mit ihrem Sohn Wolfgang bei uns auf. Sie waren total ausgebombt, hatten überlebt, weil sie in angstgetriebener Eile in den nächstgelegenen Luftschutzraum geflohen waren und nicht in die Falle des „Felsenkellers”.
Die Mutter hatte zusammen mit anderen eine noch intakte Brücke über den Salza-Fluß, weit am Ende unserer Straße, gefunden und war am jenseitigen Ufer entlang weitergezogen, vorbei am Schützenhaus und dann mit großer Mühe die westlichen Hügel gegenüber der Stadt hinauf. Unser Weg und die angrenzenden Äcker waren mit Bombentrichtern übersät. Da begriffen alle, daß hier die Bomben explodiert waren, die für uns bestimmt gewesen waren. Offensichtlich waren sie einen Moment zu früh ausgelöst worden. Die Frauen sahen sich nicht um. Es war, als ob das Schicksal von Lots Frau sie schreckte. Oben auf einem Hügel fanden die meisten Mütter mit ihren Kindern und auch einige alte Leute Unterkunft in einer großen Scheune, die zuletzt als Schafstall genutzt worden war.
Viele Menschen, auch ich, standen vor dem Stall und blickten auf die gegenüberliegende Stadt, die, zunächst noch mäßig, in flackernden Flammengarben an verschiedenen Stellen brannte. Vor den Augen der immer entsetzteren Zuschauer fraßen sich sehr schnell immer riesiger werdende Flammen in die Höhe und in die Breite durch, so daß die ganze Stadt bald wie auf einen Schlag hinter einer Wand aus Feuer verschwand. Der Himmel war so hell und glutrot erleuchtet, daß es schien, als ob die Sonne von der Feuerwand für immer verschluckt worden sei. Mit dem Widerschein ihrer brennenden Stadt in den Augen standen die Menschen, voll gefrorenen Schmerzes und hilfloser Wut bis in die Nacht hinein auf dem Hügel.
Hunger und Durst unserer dürren Körper steckten wir klaglos weg. Hilfe gab es nicht; statt dessen wurden wir verjagt. Verjagt von alten Männern, zumeist aus der Nachbarschaft, die man zum „Volkssturm“ gepreßt hatte. Sie sollten Schützenlöcher ausheben und mit ein paar Handfeuerwaffen „den Feind aufhalten”. Die Mutter versuchte ihnen zu erklären, wie lächerlich und sinnlos ihre Aufgabe sei und daß sie nichts anderes erreichen würden als den sicheren Tod. Sie wußten es selbst, und sie handelten auch danach, denn wir erfuhren später, daß sie nach Abzug der Flüchtenden ihre Armbinden und Uniformteile ausgezogen und mit der einen Panzerfaust das Abwehrnest hochgejagt hätten.
Im Schein der brennenden Stadt machten sich viele erneut auf die Flucht. Als Ziel war durchgeflüstert worden - niemand wußte zu sagen, woher: „Kohnstein”! Ein kleineres Vorgebirge des Harzes, seit langem mit seinem Gasthaus „Schnabelsburg” ein beliebtes Ausflugsziel der Städter.
An der östlichen Flanke des Berges wurde seit einiger Zeit Gips abgebaut. Jetzt aber, zu Kriegszeiten, war das Gebiet nicht mehr zugänglich. Es war in so großem Umfang ausgehöhlt worden, daß eine riesige Fabrik in ihm Platz fand. Wir hatten Teile der Außenarbeiten mitbekommen: die Verbreiterung des zweigleisigen Bahnkörpers, der hinter den Gärten der östlich gelegenen Häusern der Straße entlanglief, auf5 Gleise sowie umfangreiche Straßenbauarbeiten. Auf den Baustellen waren Menschen in gestreifter Kleidung eingesetzt, Häftlinge aus dem Lager „Dora“, einem Zweiglager des Konzentrationslagers Buchenwald, das für den Bau der Fabrik eingerichtet worden war. Später machte man es mit einigen Außenanlagen zu dem eigenständigen Konzentrationslager „Dora-Mittelbau“. Ich mit meinen 8 Jahren bekam keine richtige Antwort auf meine Fragen, weshalb denn die Männer immer so mit den Armen zurück um den Körper schlügen; das sei wegen der Kälte und erwärme sie; „aber“, fragte ich weiter,
„weshalb ziehen sie sich denn nicht wärmer an, wenn sie frieren? Das ist doch kein Wunder, daß sie frieren, in diesen Schlafanzügen!“
Niemand von den gewöhnlichen Bewohnern wußte, was das für silbern glänzende, tonnenförmige Gebilde waren, die mal aus dem Kohnstein, mal hin zu ihm, mit der Bahn transportiert wurden. Man nannte sie „Kohnsteintiroler”. Nach der Flucht, die über Äcker und Felder, durch Gräben, Bäche und Hohlwege führen mußte, damit man dem Tieffliegerbeschuß auf der Landstraße und den offenen Wegen entging, erreichten wir den Berg, der mit riesigen Stollen durchlöchert war. Sie führten in die von Peenemünde hierher, in den für bombensicher gehaltenen Berg verlegte unterirdische Produktionsstätte „Mittelbau“ der sog. V1- und V2-Waffen und damit zusammen in das zum großen Teil in den Berg verlegte Konzentrationslager „Dora“. Mit diesen „Wunderwaffen“ glaubten die Nazis und viele aus der Bevölkerung, den Krieg noch gewinnen zu können, obwohl der „Feind“ schon mitten im Land stand.
Der Berg war perfekt ausgebaut: An seiner südwestlichen Flanke gab es zwei Tore, die den Zu- und Abgang kompletter Reichsbahnzüge mit ihren Lokomotiven möglich machten. Die schweren Arbeiten in den Stollen, sowohl deren Freisprengung und -Räumung als auch die Arbeit an den Maschinen hatten die KZ-Häftlinge, aber auch Kriegsgefangene zu leisten; ihnen allen drohte „Vernichtung durch Arbeit”. Es sollen in den drei Jahren, in denen Lager und Werk bestanden, an die 20.000 Menschen durch Arbeit umgekommen, d.h. ermordet worden sein. All dies hatte ich als Kind miterlebt, wenn auch nicht in seinem vollen Ausmaß. Vieles war mir von den Erwachsenen verschwiegen worden, so zum Beispiel die große Menge unterernährter, kranker oder sterbender Häftlinge, die man auf einem Todesmarsch noch nach den Bombenangriffen nach Nordhausen in die Gebäude des „Fliegerhorsts“, die Bölkowkaserne, gebracht hat. Gesehen habe ich abgemagerte Menschen in der gestreiften Häftlingskleidung schon 1944 bei der Arbeit im Freien, in unserer Nähe, in der Kälte, und unzählige, die bis zu Skeletten abgemagert waren, dann im „Mittelbau“. Unauslöschlich sind mir damals Schrecken und Angst vor solch einem Schicksal in die Knochen gefahren. Ich war acht Jahre und acht Monate alt und ging in die zweite Klasse.
Kohnstein b. Nordhausen, Gelände des KZs und des Raketenwerks Dora-Mittelbau
Foto: Martin Glaubrecht, 1954
Die Amerikaner konnten am 11./12. April das Raketenwerk als vollständig erhalten übernehmen. Es war keine einzige Bombe auf den „Mittelbau” oder auf die völlig offen liegenden Verkehrswege zu und von ihm abgeworfen worden. Technik und Techniker wurden in die USA gebracht.
Am späten Abend des 4. April hatte unser kleiner Trupp aus der Stadt Geflohener den Kohnstein an seiner östlichen, vom Gipsabbau wunden Flanke erreicht. Durch einen gähnend offenen (C-)Stollen, er war noch im Bau, voller Gipsstaubwolken und noch nicht mit Maschinen oder sonstigen Einrichtungen ausgestattet, gelangten die Menschen - Alte, Kinder und Mütter - in den „Mittelbau”. Der Gipsstollen war nicht (mehr) bewacht, und alles zum Leben unerläßliche: Wasser, Lebensmittel, fehlte, ganz zu schweigen von irgendeiner Versorgung mit Kleidung, Schlafgelegenheiten oder einer medizinischen Betreuung; an eine psychologische der durch Bombardement, Brände und Bordwaffenbeschuß Traumatisierten war unter der Herrschaft der Nazis und des Krieges ohnehin nicht zu denken. Die erschöpften und verstörten Menschen warfen sich in den Gipsdreck. Kinder, die durch nie zuvor erlittene Angst, Hunger, Durst und Erschöpfung stumm geworden waren und nicht mehr weinen, ja nicht einmal mehr wimmern konnten, krallten sich fest an für sie erreichbare Decken oder Kleidungsstücke. Viele fielen in starrkrampfartigen Schlaf, oft aufgeschreckt von dröhnenden Fliegergeräuschen und Bordwaffenexplosionen, durch die jene getötet wurden, die dem Gipsstaub für eine Weile entrinnen wollten und vor dem Stollen ins Freie gegangen waren. Man brachte die Leichen, die man draußen unter Lebensgefahr geborgen hatte, in den Stollen. Es waren die ersten Kriegsleichen, die ich sah, und ich fürchtete, bald auch in eine Decke eingeschlagen und als Toter weggetragen zu werden.
Die Mutter suchte für uns eine bessere Zuflucht; sie brachte uns in einen voll ausgebauten Stollen, in dem in unendlichen Reihen Dreh- und andere Werkbänke standen. Zwischen ihren Reihen fanden wir einen ruhigen, fast staubfreien, wenn auch sehr engen Platz. In höchsten Tönen lobte sie dabei das weibliche Handeln in kritischen Situationen, setzte das der Männer tief herab und verschaffte sich so ein gerechtfertigtes Eigenlob: Sie strich die Leistungen der Frauen hier im Kohnstein für Ernährung, Kleidung und die Hygiene der Kinder und Alten als männlicher Verzagtheit weit überlegen heraus. Die Männer könnten nichts als Kriege anfangen, morden und verwüsten. Die Frauen hätten dann die Toten zu begraben, die Verwundeten gesund zu pflegen, für Ernährung und Kleidung zu sorgen und die Trümmer zu beseitigen. Es scheint, als hätte sie gar nicht wahrgenommen, wie sehr sie uns Jungen, die wir ja Männer werden wollten, mit derlei Sprüchen ebenso wie unseren Vater, kränkte!
Nicht vergessen machen aber konnte die Mutter, daß besonders in Frauen der Hitler begeisterte und fanatische Anhänger gefunden hatte. Mit hohen Gebärprämien „belohnte“ und mit „silbernen und goldenen Mutterkreuzen” dekorierte Frauen hatten ihre „Brut“ dem „Führer” geweiht und einem möglichen Kriegs-Tod vorab ausgeliefert. Und nicht zuletzt hatten noch 1943 überwiegend Frauen der Proklamation des „Totalen Kriegs” durch den Propagandaminister Goebbels kreischend zugejubelt. Ich hatte zusammen mit meinem kalkweiß werdenden Opa jene Sportpalastrede und das irrsinnige Geschrei der Frauen am Radio angehört und kindlich angstvoll geglaubt, daß mit dem „Totalen Krieg” die „Welt“ jetzt wirklich „untergehen“ werde, wovon so ungerührt und heiter, vor, im und nach dem Krieg, die Jubelkehlen der Rühmann, Rökk e tutti quanti sangen:
„Und wenn die Welt auch untergeht, so schön war es noch nie!“
Hier im Kohnstein, in der Not, lief die Mutter zu ihrer besten Form auf. Die männerfeindlichen Sprüche werden ihr geholfen haben, uns durch den Gipsstaub zu bringen, durch die Raketenstell- und endlosen Arbeitsplätze, verlassen von den KZ-Häftlingen, die uns wie wandelnde Leichen begegneten, vorbei an flüchtenden SS-Männern, mitten in der Wirrnis endlos hierhin geflüchteter Frauen, alter Leute und Kinder. Hunger, Durst und angstbehangene Unbehaustheit ließen die Mutter handeln und zusammen mit andren Frauen Decken, Wasser und Lebensmittel für alle zu organisieren, wobei sie für uns zunächst zwei dickwandige Porzellanschüsseln mit in Milch gekochten süßen Bandnudeln besorgt hatte, die wir mit nie gekanntem Heißhunger verschlangen. Wir hielten es ungefähr eine Woche aus in dem Dschungel der Stollen, Werkstätten, Raketenstellplätze mitten im Chaos von Geflüchteten, desertierenden SS-Männern, Kapos und entkräfteten Häftlingen. Als es draußen friedlicher geworden zu sein schien, wagte die Mutter sich mit uns ins Freie. Da sahen wir, daß ein Trupp uniformierter Kinder im Begriff war, einen Panzer zu besteigen (man hatte ihnen wohl etwas von einer „Harzfestung” vorgegaukelt). Die Mutter, von Entsetzen getrieben, sprang auf die Jungen zu, versetzte dem und dem und dem auch, ein paar Ohrfeigen und schrie:
„Geht nachhause zu euren Müttern, der Krieg ist aus, verloren, Schluß, aus, verloren!”
Die Kindersoldaten zogen tatsächlich ab.
Einen Tag später kamen wir raus aus dem Kohnstein. Tief im Gebirge und im Schatten geschehener Greuel hatten wir Schutz vor den Bomben-und Bordwaffenangriffen gefunden. Wir hatten den Krieg, der noch fast einen Monat dauern sollte, überlebt.
Jetzt kamen die Amerikaner, hoch auf bergigen Panzern; zugleich war der Frühling gekommen, die Chausseebäume blühten und zuhause im Garten der große Kirschbaum. Viele sahen in Blüten, heller Sonne und den frischen Spitzen von Grün Zeichen einer Hoffnung auf Frieden und Leben. Für mich bedeutete das Grün am Wegesrand und auf den von Bomben durchgepflügten Wiesen eine Bestätigung dafür, daß die Erwachsenen lügen. Hatten sie nicht prophezeit, daß, wo Bomben gefallen waren, „kein Gras mehr” wüchse? Aber da wuchs es doch, da und da und später auch in der plattgebombten Stadt!
Unser Haus fanden wir besetzt von amerikanischen Soldaten. Sie hatten ein wenig geplündert (Uhren und einen Fotoapparat, sonst Wertvolles hatte man nicht, der große Radio-Super aus Norwegen war erfolgreich unterm Kohlenberg im Keller versteckt gewesen). Die Mutter konnte, obwohl sie kein Wort Englisch sprach, erreichen, daß ein Zimmer und die Küche für die Familie geräumt wurden; Die Großeltern kamen dazu, als wenig später Tante Melitta und ihr Sohn Wolfgang die Dachwohnung bekamen. Ein Offizier deutsch-jüdischer Herkunft, der in der unteren Wohnung einquartiert war, hatte die Räume freigegeben. Vielleicht hat er honoriert, daß sich in unserer Wohnung weder ein Hitlerbild noch sonst irgendeine NS-Devotionalie befanden, abgesehen von der obligatorischen Hakenkreuzfahne. Wertvoll war, daß wir die Küche für uns hatten, wertvoller noch der Anschluß des ganzen Hauses an den amerikanischen Stromgenerator der pausenlos vor dem Haus dröhnte. Das Schlafen im Wohnzimmer, auf dem Sofa, ein paar Stühlen und sonst eng nebeneinander auf dem Fußboden, war beschwerlich, aber für uns Kinder ein Abenteuer.
Einen Tag nach unserer Rückkehr, am 12. April, saßen wir am Küchentisch, mit uns auch zwei oder drei amerikanische Soldaten, das Radio lief, plötzlich kreischte eine Stimme, wohl die von Goebbels:
„Roosevelt, der größte Kriegsverbrecher aller Zeiten ist tot.“
Die Mutter wurde bleich, aber die Soldaten grinsten, sie hatten nicht verstanden und knautschten nur:
„Oh, Mr. Roosevelt, he is our President.”
Kurz darauf konnte die Mutter noch verhindern, daß die Amerikaner auch eine Wohnung im Nachbarhaus besetzten, in der eine junge Frau mit einem Kleinkind und einem Säugling lebte, indem sie sich hustend und prustend auf die Brust schlug. Vor der so simulierten Lungenkrankheit der Nachbarin hatten die Amerikaner mehr Respekt als vor der Kriegsfurie.
Keinen Respekt zeigten sie vor den eingekellerten Vorräten der Straßenbewohner. Sie schleppten aus den Kellern (unserer blieb mit seinen vollen Regalen an Eingemachtem etc. verschont) Konservendosen und Einweckgläser hervor, schichteten sie auf dem gegenüberliegenden Acker zu einer Pyramide auf und ballerten in wilder Freude die bevorrateten Überlebensmittel mit ihren Maschinenpistolen zusammen. Einen Nachbarn, der die Sperrstunde von 18 Uhr um wenige Minuten überschritten hatte, schossen sie gut gezielt in den Bauch. Er krepierte zuhause, wohin er sich noch geschleppt hatte. Deshalb sahen es die Erwachsenen nicht gern, wenn wir Kinder hinter den mit offener Ladeklappe dahindonnernden Armeelastern her liefen und um „chewing gum” und „chocolate” bettelten. Die US-Soldaten blieben Feinde, von denen man nichts annimmt, wie auch meine Mutter meinte. Empört war sie über den Diebstahl ihres Fahrrads, das in dieser Zeit unersetzbar war und das ihr ein Gl, als sie es schob, breit lachend weggenommen hatte. Auch fand sie es ungeheuerlich, daß zwei amerikanische Soldaten am enggeführten Ausgang des Friedhofs Armbanduhren, Eheringe und Schmuck ausgerechnet jenen Leuten von Armen und Händen rissen, die zuvor an den zu Skeletten abgemagerten und mißhandelten Körpern der Toten aus dem KZ „Dora-Mittelbau“ und anderen Lagern vorbeigeführt worden waren und den Toten ihre Reverenz erwiesen hatten.
Der Hauptort der Greuel, das Konzentrationslager „Dora-Mittelbau“, war schon bald platt gemacht, von den Baracken waren nur die Fundamente noch sichtbar, von Einrichtungs- und Installationsgegenständen fand sich sehr schnell nichts mehr vor. Wir Kinder fanden in einer Abfallschütte ein Häuflein von Gartenzwergen, nicht in der üblichen Größe, sondern handspannenklein, in Keramik. Wenn sie auch zum großen Teil zerbrochen waren, so würden sich doch die meisten wieder zusammenfügen lassen. Es war ein sehr schöner und für den Aufbau eines Zwergengartens ideal geeigneter Fund am Rande des Konzentrationslagers. Uns, die wir uns nicht hatten vorstellen können, daß vielleicht einer der SS-Mörder sich einen niedlichen Zwergengarten angelegt hatte, ließen die Zwerglein das Schreckliche, daß wir zuvor gesehen und in all seiner Bestialität nicht verarbeitet hatten, für Momente vergessen (einige von uns würden es nie).
Wir hatten vor den beiden noch vollständig in ihrer Ummauerung erhaltenen Verbrennungsöfen des KZs starr vor Schreck und in erst allmählichem Verstehen gestanden. Auch der Schornstein stand noch und auf der linken Seite eine hoch aufragende Ruinenwand. Vor den Öfen, eine Klappe stand offen, so daß ihre Tiefe abzuschätzen war, vor den Öfen lagen zwei bahrenähnliche Gestelle in nacktem, ausgeglühtem Eisen, in der Länge eines ausgewachsenen Menschen. Es wurde uns allmählich klar, daß hier menschliche Körper verbrannt worden waren. Tief erschreckte uns eine große Axt, die blutig an der ebenfalls mit Blut bespritzten Wand lehnte. Wir mußten befürchten, daß in den Öfen nicht nur bereits Tote verbrannt worden waren, die man mit der Axt, entsetzlich genug, zum Verbrennen zerteilt haben könnte, sondern daß man mit ihr auch noch Lebende vor dem Verbrennen erschlagen hatte. In Panik sind wir davongelaufen und hatten im Spiel Vergessen oder doch Ablenkung gesucht. Unseren Eltern erzählten wir nichts.
Die Amerikaner hatten die Stadt und die umgebenden Dörfer zur Plünderung durch überlebende Insassen des Lagers und ehemalige Gefangene freigegeben. Meine Familie war auch betroffen, kam aber wieder einmal glimpflich davon. Bei den Nachbarn waren alles schlachtbare Viehzeug und die Essensvorräte konfisziert oder bei Nacht geraubt worden; die Meinen hatten ein wenig vorgesorgt und ihr Kleinvieh mit in die Wohnung (der Oma) genommen und dort verborgen. Als dann später noch ein letzter Trupp, Fleisch und Gemüse und sonstige Lebensmittel verlangend, auf unserem Hof erschien, gelang es der Mutter, dies Verlangen auf ein paar Pfund Zwiebeln und auf die Ernte einiger Frühkirschen, die gerade begonnen hatten zu reifen, herunterzuhandeln.
Es haben aber nicht nur dazu legitimierte Häftlinge geplündert. Viele der überlebenden Bevölkerung versuchten sich zu nehmen, was immer noch da war, zum Teil in Mengen, die den Bedarf von Jahren gedeckt hätten, auch manches, das von niemandem notwendig gebraucht worden wäre. So konnte die Tante Melitta aus den leergeplünderten Regalen eines Haushaltswarengeschäftes nur eine dickbauchige Kaffeekanne im Stil des Mitropa-Eisenbahn-Porzellans heraustragen. Aus einer von der Menge gestürmten Marmeladenfabrik schaffte die Mutter, die bei all ihrem sonst zur Schau getragenen Rechtsempfinden wie selbstverständlich „mit dabei“ war, einen halben Zentner Zucker und mehrere Marmeladeneimer gezuckerter Früchte heim.
Zucker, eine ganze Handwagenladung und mehrere Kilo in Blöcke gegossener Lakritzmasse, sog. Ochsenblut, das für die Zubereitung der Beize von Kautabak vorgesehen war, brachte sie - unter Lebensgefahr -aus der Hanewackerschen Tabakfabrik mit, die sich am Ende unserer Wohnstraße als mächtiger Block erhob. Von dem ganzen herrlichen, grob kristallinen Zucker blieb nichts; ein Zeitgenosse, der zum Plündern zu spät gekommen war, denunzierte all die Mitbewohner der Straße, die er beobachtet hatte und deren Namen er wußte, bei der Besatzungsmacht. Die schickte Männer der gerade rekrutierten deutschen Hilfspolizei, die von Haus zu Haus, Zentner für Zentner, den Zucker konfiszierte.
Vom Plündern, von den Erträgen des eigenen Gartens und von der Arbeit beim Bauern allein konnte man nicht über den Winter kommen. Es gab erst Partikel einer öffentlichen Versorgung: Lebensmittelkarten für die Grundnahrungsmittel, mit winzigen Rationen für alle, die keine Schweroder Schwerstarbeiter waren. Aber es gab für kurze Zeit einen gewissen Ausgleich: „Quäkerspeisung“ in Nordhausen, für mich, in einer Eisengießerei. Ich war nach einer Untersuchung für bedürftig, weil unterernährt, erklärt worden. Die Mutter wollte es schier zerreißen:
„Unterernährt soll mein Kind sein!?“
Aber sie verbiß nach außen hin den Zorn: Sie wollte, daß ich die Speisung bekam. So trottete ich im späten Frühling und noch Anfang des Sommers durch die Werkhallen der Eisengießerei zu den Kübeln der frommen, den Kriegsdienst ablehnenden Amerikaner und ließ mir mein Wehrmachtskochgeschirr mit Hafer-Milchbrei füllen. Ich mußte es noch an Ort und Stelle auf einer der seitlich gestellten Bänke leeren. Dick bin ich von dem Papp nicht geworden, aber schön süß hat er geschmeckt.
Der süße Geschmack und der Geruch des heißen Eisens in der Gießerei durchzogen den Frühling und den folgenden Sommer; für mich die schönste Zeit seit langem: Der Krieg war zu Ende, das Deutsche Reich zerstört und zerschlagen, es gab keine Schule, keinen Vater und keine richtige Polizei - bis zum Herbst. Und auch die Mutter war nur am Wochenende im Haus, das die sehr duldsame Tante Melitta führte. Und immer schien die Sonne, Tag für Tag, den ganzen Sommer lang. An irgendeinen Regentag kann ich mich nicht erinnern.
Die große Freiheit begann im zeitigen Frühjahr mit drohendem Hochwasser aus dem Salz(a)graben, in den das Wasser des Salza-Flusses geleitet worden war. Wir Jungen: mein Bruder Jochen, der Cousin Wölfchen (Wolfgang) und ich, zeitweise noch ein paar Nachbarsjungen, fühlten uns anstelle der fehlenden Väter als Männer. Wir bauten aus herumliegenden Bombensplittern, Dreck und Grasbüscheln wasserdichte Dämme und konnten so Garten und Keller vor Überschwemmung schützen.
Die Mutter war die Woche über auf jenem Bauernhof arbeiten gewesen, von dem sie in vergangenen Zeiten Kartoffeln, Getreide und sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse bezogen hatte. Die Arbeit im Stall und auf den Feldern, besonders aber das Rübenhacken, das Heu-Machen: Mähen, Wenden, Einfahren und in der Scheune-Ablagern, all das strengte sie sehr an; die „Entlohnung”, neben Kost und Logis pro Woche 1 Pfund Quark, 1 ½ Liter Milch oder ein ¾ Liter Öl, fand sie als zu gering. Immerhin konnte sie damit und mit den Erträgen des Gartens und des Kleinviehs versuchen, ihre auf 7 Köpfe angewachsene Familie durch die Not der Zeit zu bringen. Sie war weder gezwungen, sich bei den Besatzern zu prostituieren, noch bei Bauern zu betteln und/oder wertvolle Teile des Hausrats gegen ein paar Eier oder ein Stück Speck einzutauschen. Auch auf dem Schwarzmarkt brauchte sie nichts zu erwerben. Im Gegenteil, sie hatte dort zwei Taschenuhren, die ihres Vaters und die des Schwiegervaters, verkauft. Mit dem Erlös konnte sie mit der bald wertlosen Reichsmark die zweite Hypothek auf ihr Haus ablösen.
Cousin Wolfgang, Wölfchen gerufen, war lange Zeit unser engster Kamerad aus der Verwandtschaft. Die beiden Cousins aus der Familie der sehr lieben Tante Hilde, einer Schwester unseres Vaters, waren für uns zum Spielen und Herumstrolchen zu alt, nur ihre abgelegte Kleidung war uns nahe. Mit Wölfchen unternahmen wir, zunächst mit den Rädern unserer Eltern, oft Radtouren, so auch zum Pilzesammeln. Und er hatte eine Idee, wie wir zu einem Motor für ein Flugzeug kommen könnten, das wir aus Blechen von V1- und V2-Raketen zusammenbauen wollten: zu einem Motor, der weder Dampf, noch Benzin, noch Diesel, der überhaupt keinen Brennstoff brauchen würde. Er hatte - wir halfen mit - auf eine schwere Holzscheibe drei dicke Schraubenfedern praktiziert, die sich wechselseitig und nacheinander ausdehnen und zusammenziehen sollten, um die Scheibe und eine mit ihr verbundene Achse kontinuierlich anzutreiben. Wir hatten nur die richtige Stellung der Federn herauszukriegen.
Wir gingen mit dem Ding zur Oma, die war hell begeistert:
„Wißt ihr denn, was ihr da bauen wollt, Jungs? Das perpetuum mobile, das hat noch keiner erfunden. Wenn ihr das schafft, wenn das funktioniert, bekommt ihr den Nobelpreis. “
Wir waren 10 Jahre alt, von Physik noch unbeleckt, und auch der Oma fehlte das physikalische Wissen. Und so oft wir auch probierten, das Ding schwang ein paarmal hin und her und ratschte dann wieder in Ruhestellung.
Inzwischen war die Oma väterlicherseits gekommen, um hier zu sterben. Sie hatte während des Bombenhagels und noch Tage danach unter den Trümmern ihres Wohnhauses gelegen und miterleben müssen, wie ihre Schwester im gegenüberliegenden Haus schrie und schrie und in der Phosphorglut bei lebendigem Leibe verbrannte. Als sie sich schließlich befreien konnte und nach der Leiche ihrer Schwester suchte, fand sie nur deren Ehering. Das und der Tod ihres Mannes, der nur knapp 3 Jahre zurücklag, das ungewisse Schicksal ihres ältesten Sohnes in russischer Gefangenschaft und ihr Wissen, daß die eine ihrer Töchter ausgebombt war und die andere in ihrer Depression immer und immer wieder den Tod suchte, das alles und ihre eigene Unbehaustheit hatten ihr das Herz gebrochen. Sie lag im Wohnzimmer auf dem Sofa, still, so eisgrau, daß Haar und Gesicht wie eine Maske wirkten. Sie lag auf dem Rücken unter einem Plaid; es war Ende Mai, dann Juni, und sie fror. Das Wasser in den Beinen stieg ihr allmählich den Körper hinauf und sollte ihr das Herz abdrücken. Wir durften nur selten zu ihr, und wenn, mußten wir leise sein und auf Zehenspitzen gehen. Wenn die Oma uns sah, zog ein zaghaftes Lächeln über die Eisfläche ihres Gesichts. Sie starb, als niemand bei ihr war und wir Kinder auf der Straße unterm Sonnenregen und vor dem folgenden großen Regenbogen tanzten und hüpften und schrieen, daß wir nun ganz toll wachsen würden.
Noch im Mai 1945 waren wir mit einem selbst gezimmerten Karren von der Art der späteren Seifenkisten in die Trümmer der Stadt gezogen, um die verwüsteten Hügel hinunter zu donnern. Es gelang manchmal, aber zu oft blieben wir stecken in Eisenträgern, Rohren und Röhren und waren, wenn wir abstiegen, um die Hindernisse zu beseitigen, mal auf verglühtes Besteck, mal auf verkohlte (Menschen)-Knochen gestoßen. Es hat uns geschaudert, wir konnten nicht mehr fröhlich zwischen den Geröllhalden entlang rutschen.
