Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Ende des Braunkohlebergbaus in Deutschland konfrontiert mit schwierigen ökologischen Fragen, beispielsweise wie der Wasserhaushalt wieder in Ordnung gebracht werden kann. Zugleich bietet sich letztmalig die Chance, die riesigen Tagebaue in unverwechselbare Landschaften zu verwandeln – eben in andere Landschaften, die eine Brücke in die Zukunft schlagen. Dieses Buch liefert hierzu Anregungen aus unterschiedlichen Perspektiven. So vermittelt es mittels überraschender Fotos und eindrücklicher Erzählungen die weitgehend noch unbekannte Ästhetik der Landschaften auf dem Grund der Tagebaue. Ein Überblick zum Rheinischen, Mitteldeutschen und Lausitzer Braunkohlerevier zeigt gelungene Beispiele der Landschaft nach der Kohle, wobei eingetretene Katastrophen der Bergbausanierung nicht unerwähnt bleiben. Brisanz haben die im Buch behandelten Themen dabei schon lange vor dem letzten Kohlenzug.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Bertram Weisshaar
letzte kohle
andere landschaften
letzte
kohle
andere
landschaften
Zum Ende der Epoche Braunkohlebergbau in Deutschland
Eure Schafe …
… die so sanft zu sein und so wenig zu fressen pflegten, haben angefangen so gefräßig und zügellos zu werden, dass sie die Menschen selbst auffressen und die Äcker, Häuser, Familienheime verwüsten und entvölkern. Denn in jenen Gegenden des Königreichs, wo feinere, daher teurere Wolle gezüchtet wird, sitzen die Adeligen und Prälaten, jedenfalls sehr fromme Männer, die sich mit den jährlichen Einkommen und Vorteilen nicht begnügen, […] sie lassen dem Ackerbau keinen Boden übrig, legen überall Weideplätze an, reißen die Häuser nieder, zerstören die Städte und lassen nur die Kirchen stehen, um die Schafe darin einzustallen, und als ob euch die Wildgehege und Parkanlagen nicht schon genug Grund und Boden wegnähmen, verwandeln jene braven Männer alle Wohnungen und alles Angebaute in Einöden.
So umgibt ein einziger unersättlicher Prasser, ein scheußlicher Fluch für sein Vaterland, einige tausend zusammenhängende Äcker mit einem einzigen Zaun, die Bodenbebauer werden hinausgeworfen, entweder gewaltsam unterdrückt oder mit List umgarnt, oder, durch allerlei Unbilden abgehetzt, zum Verkauf getrieben. So oder so wandern die Unglücklichen aus, Männer, Weiber, Kinder, Ehemänner und Gattinnen, Waisen, Wittwen, Mütter mit kleinen Kindern […]
aus: Thomas Morus: Utopia. London 1516
Nach der Kohle: Landschaft
1 Übersehene Landschaften
Vor der Bergbausanierung
Das Loch
Was ist ein Tagebau?
Ein Loch, das wandert
Spazieren im Restloch
Gartenkunst auf Grubengrund
2 Nach 1990
Fantasien – Erwartungen – Realitäten
Von den Erdkohlen gegen Holznoth zum Ölpreisschock
Rheinisches Revier
Seenlandschaft Neue Ville
Blausteinsee
Neue Inde
Sophienhöhe – Kippe oder Berg
Erinnerungsorte
Mitteldeutsches Revier
Cospudener See & Weltausstellung Expo 2000
Revierpark Profen – versteckter Landschaftszauber
Industriekultur
Landschaftskunst Goitzsche
Ökologisches Großprojekt
Gesperrte Wasserstraßen
Concordiasee – hässlicher Riss durchs Idyll
Lausitzer Revier
Europa-Biennale Niederlausitz – Land-Art in Tagebauen
Abgrund am Knappensee
Mit Tradition: Senftenberger See
Tagebau wird Landesgartenschau: Olbersdorfer See
Internationale Bauaustellung See & Lausitzer Seenland
Warten auf „MS Godot“
Spaßverderber Eisenhydroxyd
Naturschutz für devastiertes Land
Geigersche Alpen
Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen
Naturparadies Grünhaus
Goitzsche Wildnis
Naturschutzgebiet Werbeliner See
Wildnis der Zukunft
3 Andere Landschaften
Kurz vor Schluss: Die Schranken hoch
Bremsende Landschaften
Die aufregendste Kulturlandschaft?
Sehnsucht nach Wüste
Perspektive nachwachsende Baustoffe
Seen ohne Wasser? Offene Kommunikation für offene Fragen
Verbrennerfreie Landschaft
Grenzen für die neuen Energielandschaften
4 Nach dem letzten Kohlenzug
Begleiteter Umbruch
Wandel im Rheinischen Revier
Tagebaue der RWE
Tagebau Garzweiler
Tagebau Hambach
Tagebau Inden
Ausschleichende Braunkohle im Mitteldeutschen Revier
Tagebaue der MIBRAG
Tagebau Amsdorf
Tagebau Profen
Tagebau Vereinigtes Schleenhain
Festhalten im Lausitzer Revier
Tagebaue der LEAG
Tagebau Nochten
Tagebau Reichwalde
Tagebau Welzow-Süd
Ausblick
Glossar
Dank
Bildnachweis
Autor
Anmerkungen
Nach der Kohle: Landschaft_In absehbarer Zeit wird die viele Jahrhunderte umfassende Epoche des Kohlebergbaus in Deutschland insgesamt enden. Die letzten beiden Steinkohlezechen in Deutschland wurden bereits 2018 geschlossen. Der Abbau von Braunkohle soll 2030 im Westen und 2038 im Osten eingestellt werden. Letzte Grube zu. Dabei war die Braunkohle sowohl im Westen als auch noch stärker im Osten über viele Jahrzehnte ein wesentlicher Grundpfeiler der Energieversorgung. Über die Steckdosen in der eigenen Wohnung und am Arbeitsplatz sind im Grunde alle Menschen im Land mehr oder weniger mit den Brauntagebauen und den daraus resultierenden Landschaften verbunden.
Mit dem Kohleausstieg gehen enorme Herausforderung einher, die je nach Perspektive unterschiedliche Zukunftsbilder wecken: Der Name Seestraße ist charakteristisch für jene Planungen, welche die Wandlung der letzten jetzt noch betriebenen Tagebaue in Wasserlandschaften mit Marinas und Ferienhaussiedlungen vorbereiten sollen. Schon illustrieren Hochglanzbroschüren die neue Schöne-Welt in Portfolios von Entwicklungsgesellschaften. Eine andere Blickrichtung fokussiert auf sinkende Wasserstände bei Jahrhundert-Niedrigwasser in den Flüssen und auf die dunkelrot gefärbten Landkarten des Dürremonitors mit Nachrichten zu entleerten Grundwasserspeichern. Während die Gewässer in der Landschaft nach dem Prinzip kommunizierender Röhren in einer Verbindung zueinander stehen, scheinen in unserer Gesellschaft die unterschiedlichen Perspektiven auf die Zeit nach der Braunkohle erst wenig miteinander zu kommunizieren. Dies ist aber unumgänglich, allein schon, weil es Jahrzehnte dauern wird, bis die neuen Seen fertig sind. Klimawissenschaftler prognostizieren für eben diese Zeit eine zunehmende Wahrscheinlichkeit für gravierende Wetterextreme. Die geplanten Flutungen der letzten Tagebaue könnten früher oder später auf gravierende technische oder auch auf politische Hürden stoßen. Beispielsweise beschäftigt das Risiko einer möglichen Wassernot bereits zunehmend die Menschen, nicht nur in den Bergbauregionen, sondern auch in den großen Städten. Die anstehende Generationenaufgabe bedarf daher notwendig einer breiten gesellschaftlichen Übereinkunft, sonst führt leicht jede längere Dürreperiode oder ein sonstiges unvorhergesehenes Problem zu neuen Auseinandersetzungen, vergleichbar jenen Wald- und Dorfbesetzungen, die den Weg zum Kohleausstieg prägten. Dieses Buch will hier zu einem sachlichen Diskurs beitragen.
Bislang fast gänzlich übersehen wird zudem eine dritte Perspektive: Diese fokussiert auf die ästhetischen Besonderheiten der Tagebaulandschaften – vor deren Flutung. Bei unvoreingenommener Annäherung zeigen diese an Wüsten erinnernden Landschaften ganz eigene Schönheiten, die weit spannender und abwechslungsreicher sind als weitere Seenparadiese. Aus zahlreichen öffentlich veranstalteten Spaziergangsführungen und künstlerischen Gartenexperimenten auf dem Grund heutiger Seen sind dem Autor diese Landschaften vertraut – und ans Herz gewachsen. Wenn jedoch alles wie in den letzten Jahrzehnten seinen gewöhnlichen Gang geht, werden diese noch kaum erkannten Landschaften in absehbarer Zeit spurlos unter Seespiegeln verschwunden sein. Noch lässt sich dies abwenden.
Wenn die Kohle alle ist, bleibt vom Bergbau zuletzt als Zeugnis die vom Bergbau geschaffene Landschaft. Noch für kurze Zeit können Landschaftsszenen gebaut werden, wie solche nur mit den riesigen fahrenden Maschinen des Braunkohlebergbaus sowie dessen kilometerweiten Förderband- oder Gleisanlagen und der damit schier unermesslichen Masse an bewegter Erde überhaupt möglich sind. So reicht etwa der tiefste Tagebau unter freiem Himmel rund vierhundert Meter unterhalb der einstigen Grasnarbe, die Kippe direkt daneben türmt sich über zweihundert Meter über die Umgebung. Dies sind Höhenunterschiede wie in den Mittelgebirgen, von Menschen gemacht. Diese Möglichkeiten gilt es zu ergreifen zur Gestaltung der aufregendsten Kulturlandschaft, die bislang gedacht wurde, mit Bildern und Dimensionen, die gegenwärtig noch in den Brauntagebauen zu entdecken sind.
Die Auseinandersetzungen zwischen Kohleförderung und Klimaschutz erfahren mehr und mehr ihre Befriedung. Insbesondere werden keine weiteren Orte und Landschaftsbereiche von Überbaggerung bedroht wie auch die Umweltverschmutzung durch die Kraftwerke absehbar ein Ende finden wird. Durch dieses Ende des Bedrohlichen und Verschmutzenden wird sich der Blick auf die Bergbaulandschaft wesentlich verändern. Die Tagebaue, die über Jahrzehnte die Braunkohlereviere prägten, werden schon bald nicht mehr als solche da sein. Doch kurz bevor Phänomene von derartigen Dimensionen aus der Landschaft endgültig verschwinden, verändert sich die Perspektive der Gesellschaft auf eben diese Phänomene. Diese Veränderung der Wahrnehmung lässt sich bereits heute vorausahnen.
Noch einmal: Mit dem beschlossenen Kohleausstieg besteht nun für nur noch wenige Jahre geradezu epochal und letztmalig eine Chance, eine Landschaft zu erfinden, wie es eine solche bislang nur ansatzweise gibt, wie sie nur mit den Maschinen des Braunkohlebergbaus realisiert werden kann und die als begehbares und sinnlich erlebbares Erbe die dann vergangene Epoche des Kohleabbaus an nachkommende Generationen vermitteln wird. Diese letzten Bergbaufolgelandschaften könnten eine Innovation bedeuten wie seinerzeit die Parkanlagen von Versailles im 17. Jahrhundert oder wie es das Dessau-Wörlitzer Gartenreich zu Beginn der Aufklärung in Deutschland darstellte. Hingegen sind allein Badestrände, Marinas und Motorjachten keine gesellschaftlich adäquate Antwort, nach der es verlangt.
Die künftigen Nutzungen dieser neuen Landschaften müssen sich unabdingbar an den Zielen der nachhaltigen Entwicklung ausrichten. Beispielsweise kann das ohnehin noch über Jahrzehnte durchzuführende Wassermanagement genutzt werden für die Kultivierung von Pflanzen, die für nachwachsende Baustoffe verwendet werden: Rohrkolben und andere rasch wachsende Röhricht-Pflanzen (Paludi-Kultur) sowie Hanf eignen sich als natürlicher Rohstoff für Dämm- und Bauplatten. Diese Pflanzen binden Treibhausgase vielfach rascher als Aufforstungen, zudem sind die damit hergestellten Bauplatten eine ökologische Alternative für die derzeit gebräuchlichen Produkte, die mit sehr hohem CO2-Abdruck hergestellt werden. Diese Kombination würde die letzten Tagebaue in Treibhausgas-Senken verwandeln und zugleich produktive wie auch artenreiche und ästhetisch einzigartige Landschaften hervorbringen
Das Buch gliedert sich in vier Teile, die auch eigenständig gelesen werden können. Der erste Teil schildert die bislang weitgehend ungesehene Landschaft innerhalb der Tagebaue. Einen atmosphärischen Einstieg bilden persönliche Beobachtungen und Erlebnisse, die in den 1990er-Jahren in den ostdeutschen Braunkohlebrachen möglich waren. Ähnliche Situationen lassen sich heute noch entdecken in sich selbst überlassenen, von der Bergbausanierung ausgenommenen Tagebaubereichen, die als großflächige Naturschutz- und Wildnisprojekte deutschlandweit Beachtung erhielten.
Im zweiten Teil des Buchs werden zahlreiche bereits entstandene Bergbaufolgelandschaften vorgestellt. Angesichts der Vielzahl der seit Anfang der 1990er-Jahren gefluteten Tagebauseen kann dies kein vollständiger Überblick sein. Herausgegriffen werden solche Projektorte, die in gewisser Weise einen Aspekt stellvertretend verdeutlichen. Besprochen werden mehrere gelungene Gestaltungen, wie beispielsweise der Olbersdorfer See bei Zittau, der als erster Tagebausee nach der politischen Wende im Rahmen einer Gartenschau für die Öffentlichkeit freigegeben wurde. Notwendig einbezogen werden müssen in diesen Überblick aber auch die bösen Überraschungen der Bergbausanierung, so etwa die dramatischen Rutschungen am Concordiasee und Knappensee. Auch auf einige aus Bergbau und Industrialisierung resultierende Ewigkeitslasten muss hingewiesen werden.
Der dritte Buchteil erweitert die Diskussion für die letzten Bergbaufolgelandschaften. Gedacht als Ergänzung zu den bislang eher uniformen Planungen für die neuen Seenplatten und den damit verknüpften Zukunftsvorstellungen werden weitere Gestaltungs- und Nutzungsmöglichkeiten vorgestellt und erörtert. Plädiert wird für eine Landschaft nach der Kohle, die im selben Maße außergewöhnlich, überraschend und bedeutungsvoll werden soll, wie gegenwärtig die Dimensionen der Tagebaue und der Tagebaumaschinen gewaltig und außergewöhnlich sind.
Der vierte Teil des Buches verschafft einen Überblick über die noch aktiven Tagebaue. Deutlich werden die Dimensionen und Maßstäbe, die mit dem anstehenden Ende des Braunkohlebergbaus einhergehen. Auch wenn man angesichts der Jahrhundertaufgabe leicht verstummen könnte, wagt das Buch abschließend einen Ausblick.
Das Buch richtet sich an ein allgemein an der Thematik interessierte Leserschaft und versucht, möglichst ohne Fachbegriffe auszukommen. Das Glossar am Ende des Buches erklärt dennoch einige zentrale Begriffe und Abkürzungen aus der Welt der Bergleute.
Kohlefreie Zukunft_Die Erderwärmung und die gegen diesen globalen Temperaturanstieg gerichteten Strategien prägen seit Jahrzehnten die umweltpolitischen Diskurse. In Deutschland ist Klimaschutz von je her eng gekoppelt an die Energiepolitik, da bislang mit der Verstromung von Stein- und Braunkohle ein wesentlicher Anteil des Strombedarfs gedeckt wird, was wiederum das Niveau der deutschen Treibhausgasemissionen ganz wesentlich in die Höhe treibt. Folglich ist die Abkehr von dieser auf fossilen Brennstoffen beruhenden Elektrizitätserzeugung unumgänglich, um die international vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen, denen sich auch Deutschland verpflichtet hat.
Die Verstromung der Braunkohle verursachte 2022 etwa 13 Prozent der deutschen Treibhausgase.1 Diese 13 Prozent können unmittelbar den drei Braunkohlekonzernen RWE, Mibrag und Laubag zugeordnet werden – bei den anderen Treibhausgas-Emissionen (87 Prozent) ist es hingegen denkbar schwieriger, jeweils einzelne (hervorstechende) Verursacher zu identifizieren.
Insgesamt sind die Diskurse zum Klimaschutz, die nun auch bereits über drei Jahrzehnte andauern, für Nicht-Klimawissenschaftler und Nicht-Klimaaktivisten oft auch recht abstrakt, vielleicht auch überfordernd. Nachfolgend werden daher die wesentlichen Etappen der Klimaschutzbewegung und -gesetzgebung in einem knappen Überblick nachgezeichnet.
Der Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro brachte die UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) hervor. Dieses internationale Abkommen verpflichtete erstmals offiziell die Länder zu einer globalen Zusammenarbeit zur Begrenzung der Treibhausgase in der Atmosphäre. Die Konvention führte auch das Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten ein: Die Industrieländer tragen eine größere Verantwortung, da sie historisch gesehen die frühesten und größten Verursacher von Treibhausgasemissionen waren.
Fünf Jahre später beschlossen die Vereinten Nationen mit dem Kyoto-Protokoll dann erstmals völkerrechtlich verbindliche Zielwerte zur Reduzierung des Treibhausgas-Ausstoßes: Die teilnehmenden Industrieländer verpflichteten sich bis 2012 ihren Treibhausgas-Ausstoß um 5,2 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Echte Klimaschutz-Weltgeschichte schrieb das Übereinkommen von Paris, das im Dezember 2015 bei der UN-Klimakonferenz (COP 21) in Paris von 195 Staaten und der Europäischen Union gemeinsam beschlossen wurde. Die unterzeichnenden Länder verpflichten sich damit – mit einem völkerrechtlich bindenden Vertrag – auf das Ziel, die globale Erderwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen – möglichst auf 1,5 Grad. Die ebenfalls aus der ganzen Welt nach Paris angereisten Umweltorganisationen und Klimaaktivisten brandmarkten das Abkommen gleichwohl als gänzlich unzureichend. Festzuhalten bleibt als elementares Ergebnis des Pariser Abkommens: Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, sollen die Vertragsstaaten alle fünf Jahre ihre nationalen Klimaaktionspläne mit konkreten CO2-Reduktionszielen vorlegen, die sogenannten Nationally Determined Contributions, kurz NDCs. Jeweils zwei Jahre vorher, erstmals 2023, soll eine globale Bestandsaufnahme (Global Stocktake) den Fortschritt der Klimaschutzanstrengungen einschätzen. Die national vorgelegten Klimaschutzpläne werden dabei einer internationalen Überprüfung unterzogen, ob die angekündigten Maßnahmen auch tatsächlich umgesetzt wurden und ob diese in ihrer Wirkung hinreichend sind, die erklärten Klimaziele zu erreichen. Die bis 2023 vorgelegten Reduktionsziele werden insgesamt als noch nicht ausreichend bewertet – auch nicht, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu begrenzen.
In der BRD (alt) wurde der Begriff Energiewende in den 1980er Jahren geprägt. Erste Impulse hierzu gab 1973 die sogenannte „Ölkrise“ mit den (westdeutschen) autofreien Sonntagen. Dies brachte die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen deutlich ins allgemeine Bewusstsein und war ein erster Anstoß, alternative Energiequellen zu erforschen, insbesondere Wind- und Solarenergie. Einige besonders herausragende Meilensteine markieren den auch von heftigen politischen wie auch zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzungen begleiteten Fortschritt der Energiewende:
Das Stromeinspeisungsgesetz wurde 1991 beschlossen und legte fest, dass für in das Netz eingespeisten Strom aus erneuerbaren Energien wie Wind und Solar ein fester Vergütungssatz gezahlt wurde. Ab 2000 garantierte das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) neben der festen Einspeisevergütung auch, dass Investitionen in erneuerbare Energien durch garantierte Vergütungen attraktiv blieben. Die Reform des EEG-Gesetzes in 2014 diente dann allerdings vornehmlich dem Ziel, die Strompreise niedrig zu halten und den Ausbau der erneuerbaren Energien marktwirtschaftlicher zu gestalten.
2007 beschloss die Bundesregierung das integrierte Energie- und Klimaprogramm (IEKP), auch bekannt unter dem Namen Meseberger Beschlüsse.
2016 stellte die Bundesregierung mit dem Klimaschutzplan 2050 erstmals eine langfristige nationale Klimastrategie vor. Darin wurde das Ziel erklärt, dass Deutschland bis 2050 klimaneutral werden soll, also die vollständige Dekarbonisierung. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung (WSB-Kommission) stellte 2019 ihren Abschlussbericht und damit einen Fahrplan für den schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung vor, wonach spätestens 2038 Kohle bei der Stromversorgung keine Rolle mehr spielen soll.
Gesetzlich festgeschriebene CO2-Einsparziele für die verschiedenen Sektoren (Energie, Verkehr, Industrie usw.) wurden für Deutschland erstmal 2019 mit dem Klimaschutzgesetz definiert. Zudem wurde das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 beschlossen.
Im Juli 2020 wurde der Kohleausstieg (Kohleverstromungsbeendigungsgesetz) durch die CDU-SPD-Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel im Bundestag beschlossen und anschließend vom Bundesrat verabschiedet. Bereits diese Gesetzesfassung sah eine Überprüfung in den Jahren 2026, 2029 und 2032 vor, „ob der Stilllegungszeitpunkt für die Braunkohleanlagen nach dem Jahr 2030 jeweils bis zu drei Jahre vorgezogen und damit auch das Abschlussdatum 2035 erreicht werden kann“.2
Die verabschiedeten Gesetze und Beschlüsse – häufig Ergebnis zäher politischer Kompromisse – wurden regelmäßig von wissenschaftlichen Einrichtungen, einschlägigen Instituten und Umweltverbänden als unzureichend kritisiert. Schließlich verklagten mehrere Einzelpersonen und Umweltorganisationen die Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht, da das beschlossene Klimaschutzgesetz ihre Grundrechte gefährde, insbesondere ihre Freiheitsrechte und das Recht auf eine gesunde Umwelt in der Zukunft. Zu den prominenten Klägern gehörte beispielsweise Luisa Neubauer, Klimaaktivistin und Vertreterin der Bewegung von Fridays for Future, ebenso der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), eine der größten und einflussreichsten Umweltorganisationen Deutschlands sowie Germanwatch, eine Nichtregierungsorganisation, die sich für globale Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt einsetzt.
Diese Klage erfolgte vor dem Hintergrund der inzwischen enormen öffentlichen Diskussionen zum Klimaschutz, wobei sich die Kritik schon seit vielen Jahren insbesondere auf die Verstromung der Braunkohle und der damit einhergehenden Zerstörung von Dörfern und Wäldern richtete. Der zivile Protest formierte sich zuerst in der DDR: 1982 schlossen sich im Südraum Leipzig mehrere Umweltbewegte zu der Umweltgruppe Christliches Umweltseminar Rötha zusammen. Mit ihrer 1987 gestarteten DDR-weiten Aktion Eine Mark für Espenhain gelang es ihr, überregional auf die katastrophale Umweltverschmutzung im Südraum von Leipzig aufmerksam zu machen. Der im November 1989 gegründete Leipziger Ökolöwe und die Bürgerinitiative Stop Cospuden 1990 organisierten im April 1990 einen Sternmarsch mehrerer Demonstrationsgruppen zum Tagebau Cospuden. Mehr als 10.000 Menschen nahmen teil und erreichten damit, dass der Vorschnitt des Tagebaus noch im selben Monat gestoppt wurde. 1992 verließ der letzte Kohlenzug den Tagebau Cospuden. Große Teile des südlichen Leipziger Auwaldes wurden dadurch gerettet.3 Auch in der Oberlausitz hatte sich ab Mitte der 1980er Jahre zunehmend Widerstand organisiert. 1985 bildete sich in Zittau eine christliche Umweltgruppe, 1987 entstand in Großhennersdorf eine Umweltbibliothek, die Umweltseminare zum Waldsterben im Zittauer Gebirge und im Schwarzen Dreieck organisierte, so etwa ein Saures Wochenende in Oybin.4 Unmittelbar vor dem Ende der DDR drehte 1989/90 der Filmemacher Peter Rocha „Die Schmerzen der Lausitz“. Die eindrucksvollen Filmaufnahmen bedeut(et)en eine deutliche Kritik der DDR-Energiepolitik und sind heute ein wertvolles Zeitdokument. Darin kommen Bewohner der Region und auch der Liedermacher und Baggerfahrer Gerhard Gundermann zu Wort – letzterer bereits mit Gedanken, die heute in der Postwachstumsökonomie verbreitet sind.
Im Westen Deutschlands formierte sich öffentlicher Widerstand insbesondere gegen den Tagebau Hambach. Im April 2012 entstanden erste Plattformen in den Bäumen im Hambacher Forst, womit dieser für besetzt erklärt wurde. Schon im November desselben Jahres räumte die Polizei den Wald. In den folgenden Jahren wiederholte sich diese Form der Auseinandersetzung mehrfach: Auf Räumung folgte Wiederbesetzung folgte Räumung usw. Dabei schaukelte sich die Konfliktlage nach und nach weiter auf. Es kam zu Übergriffen von verschiedenen Seiten und zu Verletzten.5 Mit einem riesigen Polizeiaufgebot ließ das NRW-Innenministerium im September 2018 den Hambi mit einem so genannten Sofortvollzug erneut räumen mit der Begründung, dass die Baumhäuser baurechtlich unzulässig seien und der Brandschutz nicht gewährleistet sei.6 Fatalerweise führte aber eben dieser Polizeieinsatz zu Verletzten und zu dem tragischen tödlichen Unfall des Journalisten Steffen Meyn.7 Wenige Tage später verfügte das Oberverwaltungsgericht einen vorläufigen Rodungsstopp im Hambacher Forst. Mit dem vorgezogenen Kohleausstieg wird der verbliebene Rest des Waldes entgegen dem ursprünglichen Abbauplan nun erhalten bleiben. Wieweit der Wald die nächsten Jahre tatsächlich überleben wird, bleibt indessen fraglich: Das Vorfeld der Abbaukante reicht bis an den Wald heran und die Grundwasserabsenkung reicht bis weit hinter den Wald.
Im Mitteldeutschen Revier wurde das Dorf Pödelwitz zu einem weiteren Kulminationspunkt des Klimaprotests – es war als letztes Dorf zur Überbaggerung freigegeben. 2018 und 2019 fand in dem Dorf das Klimacamp Leipziger Land statt, aus dem das bundesweite Bündnis Alle Dörfer bleiben hervorging. Im Koalitionsvertrag nach der Wahl des Sächsischen Landtags 2019 wurde der Erhalt des Dorfes festgelegt. Der Verein Pödelwitz hat Zukunft engagiert sich nun für die Revitalisierung als Modelldorf.8
Zuletzt hatten insbesondere die von Fridays for Future initiierten und groß angelegten Klimastreiks den Klimawandel massiv in den Fokus der Medien und das Thema der Generationengerechtigkeit in den Vordergrund gerückt. Diese ist im Artikel 20a im deutschen Grundgesetz verankert: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen (…).“ Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterstützten die Klimabewegung und traten unter dem Namen Scientists for Future auf, um die wissenschaftliche Basis der Forderungen von Fridays for Future zu unterstreichen. Der größte Klimastreik in Deutschland fand am 20. September 2019 statt, am Tag der Verabschiedung des deutschen Klimapakets durch die Bundesregierung, welches als Reaktion auf den wachsenden gesellschaftlichen und politischen Druck ein Maßnahmenbündel zur Erreichung der erklärten Klimaziele umfasste. In Deutschland gingen an diesem Tag laut Schätzungen etwa 1,4 Millionen Menschen in mehr als 500 Städten auf die Straße. Weltweit nahmen an diesem globalen Streiktag mehr als 7 Millionen Menschen in verschiedenen Ländern teil. Es war einer der größten internationalen Klimaproteste und schrieb Geschichte für die Ewigkeit.
In dem mit Spannung erwarteten Urteil beschied das Bundesverfassungsgericht am 29. April 2021 das Klimaschutzgesetz als teilweise verfassungswidrig, da es hohe Emissionsminderungslasten unumkehrbar auf Zeiträume nach 2030 verschiebe und dadurch zukünftige Generationen unzulässig stark belastet – demnach müssten in der Konsequenz „die nach 2030 noch erforderlichen Minderungen dann immer dringender und kurzfristiger erbracht werden. Von diesen künftigen Emissionsminderungspflichten ist praktisch jegliche Freiheit potenziell betroffen.“9
Die Bundesregierung war gezwungen, das Klimaschutzgesetz rasch anzupassen und zu verschärfen. Im Mai 2021 wurden vom Regierungskabinett Merkel (Große Koalition) die neu gefassten Ziele beschlossen: Die nationale Klimaneutralität wurde von 2050 auf 2045 vorgezogen. Die Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2030 wurde von 55 Prozent auf 65 Prozent erhöht. Auch für die Jahre nach 2030 wurden nun klare Vorgaben festgelegt, insbesondere das Ziel einer Reduktion der Treibhausgase um 88 Prozent bis 2040.10
Die folgende Bundesregierung (Kabinett Scholz, Ampelkoalition) zusammen mit den Landesregierungen von Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt verhandelten mit den Braunkohlekonzernen Kompromisse zu einem vorgezogenen Kohleausstieg. Die letzten Braunkohlekraftwerke werden entsprechend dem Stilllegungspfad im Rheinischen Revier bis zum 31.03.2030 vom Netz gehen, im Mitteldeutschen Revier bis Ende 2035 und im Lausitzer Revier spätestens zum 31.12.2038.11 In Folge bleiben nun der verbliebene Rest des Hambacher Forsts und auch mehrere Ortschaften erhalten, die entsprechend der ursprünglichen Braunkohlepläne abgebaggert worden wären – und zum Zeitpunkt des Kompromisses bereits weitgehend leergezogen waren. Dies traf allerdings nicht zu auf die ebenfalls bereits leergezogenen Siedlungen Lützerath und Immerath (Alt) im Vorfeld des Tagebaus Garzweiler. Deren Devastierung war ebenfalls Bestandteil des mit der RWE ausgehandelten Kompromisses, auch angesichts der Energiekrise durch den Russland-Ukraine-Krieg und den Wegfall russischer Gaslieferungen. Viele Klimaschutzorganisationen und Aktivisten riefen daraufhin zum Protest und Widerstand auf. Ähnlich wie wenige Jahre zuvor im Hambacher Forst wurden Baumhäuser und Barrikaden errichtet, um den Abriss von Lützerath zu blockieren. Am 14. Januar 2023 beteiligten sich zehntausende Menschen an einem Protestmarsch rund um Lützerath, darunter auch prominente Klimaaktivisten wie etwa Greta Thunberg. Mehr als tausend Polizisten wurden eingesetzt, um das Dorf zu räumen. Der Protest und passive Widerstand blieb weitgehend friedlich, es gab aber auch Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Aktivisten und Verletzte auf beiden Seiten. Wasserwerfer und Pfefferspray inszenierten medienwirksam den (einstweilig?) letzten Showdown auf dem Weg zum Kohleausstieg.
Mit dem nun absehbaren Kohleausstieg wurde jedoch noch nicht abschließend die Frage geklärt, was denn nun grüne Energie sei – welche Formen der Energieumwandlung als nachhaltig zu bewerten sind und welche eben nicht. Mittlerweile stuft die EU-Kommission unter bestimmten Bedingungen die Atomkraft und Erdgas als klimafreundlich ein und das Europäische Parlament hat den Weg für das Öko-Label für diese beiden Energiequellen frei gemacht. Dabei hat beispielsweise durch Fracking gewonnenes LNG-Gas, wie es aus den USA nach Deutschland importiert wird, noch schlechtere Umweltauswirkungen als Kohle. Und während die negativen Folgen des Braunkohleabbaus in Deutschland einigermaßen sichtbar sind, bleiben die Umweltschäden, die mit dem Abbau von Uran oder dem Fracking von Erdgas einhergehen, in Deutschland und Europa unsichtbar. Was noch aussteht, sind Umwelt-Mindeststandards für die Energiewirtschaft insgesamt und ein verbindliches Datum für den Gasausstieg.
Ein Blick auf die europäischen Nachbarn hilft die deutsche Kohle-Politik einzuordnen: Belgien ist als erstes EU-Land 2016 aus der Kohle ausgestiegen. Ebenfalls bereits kohlefrei sind Österreich (2019), Schweden (2020), Portugal (2021), Großbritannien (2024). Estland, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta und Zypern haben nie Kohlekraftwerke betrieben. Frankreich will bis spätestens 2027 aus der Kohleverstromung aussteigen, Dänemark 2028, Finnland und die Niederlande 2029.12
Vergleichbar wie in den Alpen gibt es auch in den Tagebauen gefährliche Bereiche. Die Gefährdung ist dabei nicht immer sogleich erkennbar, insbesondere für Personen, die zu diesen Arealen über keine Erfahrungen verfügen. Ähnlich wie Bergtouren in den Alpen von einem Bergführer geleitet werden, wurden die in diesem Buch beschriebenen Spaziergänge und Veranstaltungen in Tagebauen von einem Bergmann begleitet. Betreffende Fotos in diesem Buch entstanden im Rahmen derartiger geführter Begehungen. Es muss an dieser Stelle dringend davor gewarnt werden, die Tagebaue unbegleitet an beliebiger Stelle zu betreten.
In den 1990er-Jahren war viel von den Mondlandschaften die Rede. Gemeint waren damit meist die ostdeutschen Braunkohlebrachen. Und tatsächlich: Die Erde wird zwar täglich von Flugzeugen und Satelliten umkreist und ist längst flächendeckend vermessen – doch den meisten Menschen scheinen die Areale in den Braunkohletagebauen ähnlich weit entfernt und unbekannt wie der Mond. Dies gilt es zu ändern. Es verbleiben nur noch wenige Jahre, bevor diese übersehenen Landschaften möglicherweise gänzlich in neuen Seen untergehen werden. Dieser erste Buchteil möchte Perspektiven auf diese Terra incognita eröffnen – mittels der Schilderung persönlicher Erlebnisse und Betrachtungen.
1
Vor der Bergbausanierung
Das Loch_Es zeigte sich ziemlich plötzlich, geradezu überraschend. Obwohl es im Programm angekündigt war: Fahrt zu dem stillgelegten Braunkohletagebau Golpa-Nord zwischen Dessau und Bitterfeld. Zuletzt radelten wir auf einem Feldweg zwischen Äckern in Richtung einer leichten Anhöhe. Keine Bäume oder Büsche verdeckten die Sicht und doch war es noch nicht zu sehen. Oben angekommen, erreichten wir den Rand – erst hier zeigte sich das hinter dieser kleinen Erhebung liegende riesige Loch. Auf einen Blick: 580 Hektar Loch. Uns trennte nur noch die etwa zwanzig Meter abfallende Böschung.
Diese Zahlen transportieren denkbar wenig von dem, was ein solches erstes Mal hineinschauen in ein solches Phänomen auslösen kann. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich so etwas Derartiges gesehen. Im ersten Moment wusste ich damit nicht recht etwas anzufangen. Es ließ sich nicht einordnen in Erlebnisse oder Begriffe, die ich bislang kannte. Eben das machte es ungemein interessant. Doch dass dieses Phänomen vor meinen Füßen über viele Stromleitungen mit der Steckdose in meinem Zimmer verbunden ist, kam mir augenblicklich in den Sinn: Dies hat auch etwas mit mir zu tun. Und ich etwas mit diesem Loch.
Dieser Blick liegt nun drei Jahrzehnte zurück. Sicherlich, ich habe nur noch die Erinnerung an diesen Augenblick. Aber er ist eben unvergessen, unvergesslich. Nach drei Jahrzehnten ist von diesem Erlebnis immer noch etwas derart vorhanden, dass ich darüber diesen Text schreibe, schreiben muss.
Warum ist das so? Warum entspringt aus einem Loch in der Landschaft eine Frage, eher ist es eine Unruhe, eine Leerstelle, die einen noch Jahrzehnte später beschäftigt? Und wie könnte man einer Antwort auf diese Fragen näher kommen?
Ich bin dieser Leerstelle nachgegangen, wortwörtlich, mit den Füßen. Spaziergangsforschung. In mehrere Löcher bin ich hinabgestiegen. Auch auf künstliche Berge bin ich gestiegen, auf Abraumhalden des Steinkohlebergbaus, des Braunkohlebergbaus, des Kalibergbaus und des Uranbergbaus. In ein Loch will ich unbedingt noch hinunter – in den Braunkohletagebau Hambach im Rheinischen Revier. Mit vierhundert Meter Tiefe reicht dieses Loch dreihundert Meter unter den Meeresspiegel – die tiefste Stelle Europas unter freiem Himmel. Die höchsten Berge sind längst alle mehrfach bestiegen – die tiefsten Löcher warten noch darauf, „erstiegen“ zu werden. Man kann sich nicht ewig damit Zeit lassen, da sie irgendwann unter Wasser verschwinden. Als würden die schwindenden Gletscher diese Löcher füllen. Der Zusammenhang zwischen dem Fortschreiten der Tagebaulöcher und dem Schrumpfen der Gletscher liegt auf der Hand.
Und nicht zuletzt: Alle Menschen, die in ihrer Wohnung eine Steckdose nutzen, am Arbeitsplatz oder wo auch immer, sind mit diesen Löchern verbunden.
Was ist ein Tagebau?_Alle nutzen alltäglich elektrischen Strom. Ein allgemeines Wissen, wie die Braunkohle in die Elektrizitätswerke gelangt, kann aber nicht vorausgesetzt werden. Ein Großteil der Bevölkerung kommt nie in unmittelbaren Kontakt mit einem Braunkohletagebau. Daher wird das grundlegende Prinzip eines Tagebaus hier kurz vorgestellt.
Braunkohle wird zumeist im offenen Tagebauverfahren abgebaut. Dem in der Regel mehrere Jahrzehnte dauernden Abbaubetrieb geht der Aufschluss des Tagebaus voran: Zunächst wird mittels zahlreicher Pumpen das Grundwasser weitflächig bis unterhalb des Kohleflözes abgesenkt. Der dadurch entstehende Grundwassertrichter reicht dabei weit in die Umgebung des eigentlichen Tagebaus hinaus. Alsdann wird begonnen, in einem ersten Bereich die über dem Kohleflöz liegenden Erdschichten abzuräumen, wobei dieses abgebaggerte Deckgebirge als Abraum außerhalb des Abbaufeldes aufgehaldet wird – als sogenannte „Außenkippe“. Sobald das Deckgebirge entfernt und die Kohle in einem ausreichend großen Feld freiliegt, wird mit dem eigentlichen Kohleabbau begonnen und die Kohle mit Förderbändern oder Zügen aus der Grube transportiert. Parallel bewegen sich die Abraumbagger nun zu einer Seite hin in die Landschaft voran, um das Flöz weiter freizulegen.
Blick in das Loch
1992
Nach einer gewissen Zeit ist das Kohleflöz in dem Aufschlussfeld bis nach ganz unten – bis auf das Liegende – abgebaut und die Kohlebagger bewegen sich dann ebenfalls seitlich voran, um das weiter freigelegte Kohleflöz kontinuierlich abzubauen. Von da an wird der Abraum nicht mehr auf der Außenkippe, sondern in dem bereits ausgekohlten Tagebaubereich abgelagert, der sogenannten Innenkippe. Da die Förderbänder und sonstige Infrastruktur an der Stelle, an welcher diese die Grube nach oben verlassen, nicht ohne Aufwand zu verlegen sind, bewegt sich der Abbau kreisförmig um diesen Drehpunkt herum durch die Landschaft.
Alles, was dabei in den Weg kommt, wird vernichtet (devastiert): Dörfer, Gehöfte, Kirchen, Friedhöfe, Äcker, Wälder, Flüsse, Seen, Eisenbahnstrecken, Straßen und Autobahnen. So lange, bis dann Schluss ist, weil entweder die Kohle oder die Genehmigung zum Kohleabbau weg ist. Zum Ende verbleibt zwangsläufig eine Hohlform, das sogenannte Restloch. Dessen Volumen entspricht der beim Grubenaufschluss als Außenkippe abgebaggerten Massen, insbesondere aber dem Volumen des abgebaggerten und verbrannten Kohleflözes.
Wenn die Kohle abgebaut ist, gibt es zumeist keine Notwendigkeit, das aufwendige Abpumpen des Grundwassers weiterzuführen. Auf natürliche Weise würde das Grundwasser von alleine wieder ansteigen und damit die entstandene Hohlform mit Wasser füllen. Ein solcher natürlicher Anstieg des Grundwassers gefährdet aber zumeist die Standsicherheit der in der Regel sehr steil abgebaggerten Tagebauränder. Deshalb muss dieser Rückzug des Bergbaus langwierig gesichert werden. Im letzten Jahrhundert erfolgte dies durch Abflachen der Randböschungen und möglichst rasche Fremdflutung. Auch in diesem Jahrhundert wird dies so gedacht. Allerdings wird dies inzwischen deutlich schwieriger – auf Grund des sich verändernden Klimas, wegen der zahlreichen anderen Wasserbegehrlichkeiten (z. B. Wasserstoffproduktion, Chip-Herstellung) und schon alleine wegen der gewaltigen Dimensionen der letzten Tagebaue.
Ein Loch, das wandert_Blickt man das erste Mal in einen Braunkohletagebau, so sind neben der maßstabslosen Weite die riesigen Bergbaugeräte ungemein beeindruckend. Deren Dimensionen erscheinen schier unfassbar, insbesondere da es bewegliche, selbstfahrende Maschinen sind. Nicht nur das, diese riesigen Geräte sind mittels Transportbändern und Gleisanlagen miteinander zu einer zusammenhängenden Gesamtmaschinerie verknüpft. Eigenartig befremdet oder eingeschüchtert und gefühlsmäßig auf Zwergengröße eingeschrumpft steht man dieser Megamaschine gegenüber, wie einer überlegenen, undurchschaubaren Macht.
So schaut man aus reichlicher Distanz hinüber. Denn näher kommen kann man diesem Phänomen ja nicht. Aber eben dies wollte ich, diese Maschinen aus der Nähe und von Innen heraus erleben. Und es sollte tatsächlich möglich werden.
Eines Morgens im Februar 1994 werde ich erwartet. Der Pförtner am Haupteingang ist über meinen Besuch informiert und der Steiger mit neuem Geländewagen samt Fahrer steht bereit, mir den Tagebau Zwenkau südlich von Leipzig zu zeigen.
Als Erstes gelangen wir zu dem Vorschnittbagger. Der Baggerführer begrüßt mich kameradschaftlich. Er hat gerade Pause, raucht eine Zigarette. Er meint, für gewöhnlich würde es noch einige Zeit dauern, bis der nächste zu beladende Zug ankommt und er den großen Eimerkettenbagger dann wieder anfährt. So schildert er mir in Ruhe seine Arbeit. Um die Wartezeit möglichst zu verkürzen, informiert er die Leitzentrale über den Besuch eines Fotografen. Zu seiner Überraschung kommt kurz darauf ein Zug an, gleich noch einer und wenige Minuten später noch ein weiterer. Die entspannte Atmosphäre ist verflogen. Die Arbeit in der Steuerkabine über den offenen Zugwaggons erfordert Konzentration, ebenso die Arbeit in der seitlich weit über das Gelände auskragenden Führerkabine. Eine lederne Arbeitsmappe trägt in großen weißen Lettern die Aufschrift Bgg. DDR-Nr. 598 Arbeitsdokumente. Die verschlissenen Bezüge der Sitze, die Arbeitskleidung, die Gebots- und Warnschilder, die Formulare und Logbücher sind dieselben wie zu DDR-Zeiten. Nur ein paar bunte Aufkleber sind sichtbare Anzeichen dafür, dass das einstige Volkseigentum nun im Kapitalismus unverändert weiterhin Erde abbaggert.
Das vordere Ende der Eimerkette des Vorschnittbaggers. Tagebau Zwenkau
1994
Der vorderste Bagger des Tagebaus, der sogenannte Vorschnittbagger, schält der vom Bergbau noch nicht verritzten Landschaft ihre oberste Schicht ab und schafft damit zugleich für die nachfolgenden Maschinen einen geeigneten, gleichmäßigen Untergrund. An dieser Stelle wandelt sich die Landschaft gewissermaßen zur Werkbank der Megamaschinerie, durch welche sie abgebaut wird. Der Vorschnittbagger ist mit einer etwa zwanzig Meter langen Eimerkette ausgerüstet. Deren Prinzip mit der umlaufenden Eimerkette erinnert ein wenig an die Sägekette der Kettensägen. Die hintereinander angebrachten Eimer kratzen in einer endlosen Abfolge die Erde ab, währenddessen sich der Bagger seitlich weiter bewegt und so Schicht um Schicht die Erde abschabt. Von der Eimerkette geht ein gräßlich jammernder, quietschender Ton aus. Mir kommt in den Sinn, irgendwie würde es auch passen, käme dieser Laut aus der Erde, von der Erde.
Auf der Förderbrücke, Gang parallel zum Förderband. Tagebau Zwenkau
1994
Wir fahren weiter zur Abraumförderbrücke – einer über fünfhundert Meter langen gigantischen Maschine auf Gleisen. Da die Förderbrücke an diesem Tag wegen Reparaturarbeiten stillsteht, können wir dieses fahrende Stahlgerüst besteigen. Über verwinkelte Gitterrosttreppen gelangen wir auf einen schmalen Steg parallel zum Förderband. Dieses transportiert die abgegrabene Erde – den Abraum – über das freigelegte Kohleflöz und die Kohlebagger hinweg zum gegenüberliegenden Ende und verstürzt sie in den bereits ausgekohlten Grubenbereich. Unser Gang durch diese von Nieten zusammengehaltenen Konstruktion dauert über eine Viertelstunde. Am Ende des Förderbands stehen wir in etwa fünfzig Meter Höhe über der sich bis zum Horizont hinziehenden rippenförmigen Abraumhalde. An dieser Stelle verwandelt sich die abgebaggerte Erde, der Abraum, im Moment des Abfallens wieder in Landschaft. So lange das Band still steht, ist dies ein besonderer Ort. Ich fühle mich weit mehr auf einem Aussichtspunkt als in einer Tagebaumaschine. Ist es nur Zufall, dass mein Begleiter just an diesem Ort das erste Mal vertraulich wird und mich zu duzen beginnt? Warum kommt er gerade hier, am Ende des Bandes, hoch über der durchwühlten Erde, auf das nahe Ende dieses Tagebaubetriebs zu sprechen? Das Wissen um das beschlossene baldige Ende dieses Tagebaus verändert den Blick auf diese mächtigen Maschinen. Man schaut mit einem dokumentarischen Blick: Die Bedeutungen und Bewertungen, die mit dem Geschauten vermeintlich untrennbar verknüpft sind, beginnen sich vor dem geistigen Auge bereits abzulösen, als würde man in eine bereits vergangene Epoche zurückblicken.
Tagebau Zwenkau
1994
Abschließend schildert mir mein Begleiter den Tagebau „um es einmal für den Laien zu sagen, als ein großes Loch in der Landschaft, das wandert“. Das klingt ein wenig so, als hätte man da ein Wesen vor sich, das eigenständig handelt. Oder etwas, was sich verselbstständigt hat. Die zweite Annahme wäre etwas weniger falsch. Tatsächlich ist das Loch aber das Ergebnis unseres Energieverbrauchs – die entstandene Hohlform entspricht in etwa dem Volumen der verbrannten Kohle, die nun gasförmig als Treibhausgas in der Atmosphäre enthalten ist.
Am Ende der Förderbrücke, hoch über der Landschaft der Stunde Null. Tagebau Zwenkau
1993
In dem Umstand, dass der Strom gänzlich unsichtbar in unsere Steckdosen gelangt, mag mit ein Grund darin liegen, dass wir derart leichtfertig mit der wertvollen elektrischen Energie umgehen. Längst nutzen wir Strom nicht nur für „elektrische Kerzen“, sondern ebenso selbstverständlich zum Kochen und Heizen, zum Wäschewaschen, Geschirrspülen und Zähneputzen. Kein Handwerksbetrieb und kein Industriebetrieb kann ohne Strom noch irgendetwas herstellen. Ohne Strom können wir keine frischen Lebensmittel lagern, transportieren, zubereiten. Ohne Strom ist auch der Betrieb einer Klinik nicht vorstellbar. Keine Kommunikation, nirgends. Keine Ampelsteuerung, keine funktionierende Tankstelle. Auch kaum eine Wasserversorgung dürfte dann noch länger funktionieren, die Abwasserreinigungen garantiert nicht. In welchen Bereich der entwickelten Gesellschaften der Blick sich auch immer richtet, stets legt er eine überlebenswichtige Stromabhängigkeit frei. In Anbetracht dessen, sind die Braunkohletagebaue (ähnlich die Halden des Steinkohlebergbaus) ebenso elementarer Teil unserer Kulturlandschaft wie Streuobstwiesen, Viehweiden und Ackerflächen. Das Relief eines Tagebaus kann man als Loch beschreiben, die Landschaft allerdings hat keins, denn die Braunkohlegruben sind Teil unserer Kultur und Kulturlandschaft. Vergleichbar wie wir keine Kartoffeln ohne Kartoffelacker haben können, so können wir auch keinen Strom haben, ohne dass diese Elektrizität zunächst generiert wird. Ob dies notwendigerweise mit Braunkohlekraftwerken erfolgen muss, darüber ließ und lässt sich streiten – über etwa 120 Jahre hinweg ist das aber so erfolgt und hat über viele Quadratkilometer hinweg die Landschaft bleibend geprägt.
Am Rand des Tagebaus Zwenkau
1993
Wer einmal in die Welt hinter dem entgegengesetzten Ende der Stromleitung eintauchen konnte, hat zumindest eine Vorstellung von dem betriebenen Aufwand bei derStromgewinnung, wobei dieser Begriff in die Irre führt. Es wird ja eben nicht etwas gewonnen, so wie man bei einer Lotterie gewinnen kann. Hingegen ist diese Energiegewinnung unausweichlich ein Verlustgeschäft: Bekanntlich gehen bei der Umwandlung der Kohle in elektrische Energie fast zwei Drittel der in der Kohle gespeicherten Energie verloren. Der Verlust wird ab-geleitet als Ab-Wärme. Aber wo ist diese Wärme dann, wenn sie „ab“ ist? Und die in dieser abgeleiteten Wärme enthaltene Energie? Wir sollten sofort misstrauisch werden, sobald uns ein derartiges Ab begegnet: Ab-Luft, Ab-Wasser, Ab-Fall, Ab-Rieb. All das, was Ab ist, bleibt ja dennoch bei uns, in unserem terrestrischen Treibhaus. Vielleicht also besser: Dawärme, Daluft, Dawasser, Dafall, Darieb?
Abwicklung ist auch eine derartige Worthülse. Am 30. September 1999 verließ der letzte Kohlenzug den Tagebau Zwenkau. Seit 1924 war kontinuierlich Kohle aus diesem Tagebaubetrieb gefördert worden. Währenddessen war das Loch etwa zehn Kilometer durch die Landschaft gewandert und hatte in den 75 Jahren etwa 28 Quadratkilometer Land quasi einmal umgedreht. Mehr als 5600 Menschen hatten entlang dieser Wanderung ihre Dörfer für immer verlassen müssen.
Bergleute engagierten sich dafür, die Förderbrücke Zwenkau – kurz: AFB 18 – als technisches Denkmal zu erhalten und erhielten dabei viel Unterstützung. Der Regierungspräsident regte gar an, die Förderbrücke in die Liste des Weltkulturerbes eintragen zu lassen. Unterschiedliche Ideen wurden entwickelt, wie die AFB 18 als Zeugnis der Bergbaugeschichte am Rande der Grube und des künftigen Sees gesichert werden könnte. Argumentiert wurde, die Förderbrücke – inzwischen bezeichnet als „Ikone der mitteldeutschen Industriekultur“ – könnte zu einem Wahrzeichen der Region werden, vergleichbar dem Gasometer in Oberhausen im Ruhrgebiet.13 Allein die Kosten für den Korrosionsschutz wurden jedoch auf über zwanzig Millionen DM veranschlagt, die Kosten für die Verlegung an den Tagebaurand und dortige Sicherung wurden auf dreißig bis achtzig Millionen DM eingeschätzt. Es kam anders: Ende 2001 wurde die AFB 18 gesprengt, anschließend zerlegt und verschrottet. Zur Erinnerung steht nun ein Modell der Förderbrücke in einem Ausstellungspavillon nahe dem entstandenen Hafen Zwenkau. Die Ausstellung wurde allerdings während der Corona-Pandemie geschlossen – und blieb es bis heute. Nach telefonischer Anmeldung wird mir die Türe aufgeschlossen. Die Ausstellung ist abgebaut, allein das bemerkenswerte Modell steht etwas eingestaubt noch in einer Ecke. Niemand scheint noch etwas über die Ausstellung und das Modell zu wissen. Schwer zu glauben. Eher trifft wohl zu: Niemand will noch etwas von der kohlestaubigen Geschichte wissen. Mein Blick gleitet über das Modell durch die großen Glasscheiben nach draußen. Im Hintergrund dreht sich ein orangefarbener Baukran. Blendend weiße Bungalows werden in Serie an das Ufer des jungen Sees dahingewürfelt. Die neue Zeit, allein für Wohlhabende. Geschichtslos.
Spazieren im Restloch_Ein Tagebau ist Terra incognita – für die Öffentlichkeit ist das Betreten verboten. Nicht-Bergleuten bleibt nur der Blick aus weiter Distanz, was bereits bedingt, dass die offenen Gruben nur als „ein Loch in der Landschaft“ betrachtet werden. Um auch einen Tagebau selbst als Landschaft zu „lesen“ und zu erleben, muss man in diesen hineingehen, ganz im Sinne der ästhetischen Spaziergangstheorie, wie sie Lucius Burckhardt beschrieben hat: „Die besagt, dass sich die Schönheit einer Gegend nicht von einem Blickpunkt aus zeigt, sondern erwandert werden muss.“14 Mit Unterstützung durch die Werkstatt Industrielles Gartenreich der Stiftung Bauhaus Dessau und durch die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV wurde es mir möglich, im Mai 1995 einen öffentlichen Spaziergang durch den stillgelegten Tagebau Golpa-Nord (heute Ferropolis) nahe Bitterfeld zu gestalten. Erstmals war es den Anwohnern dieser Grube möglich, diese selbst aufzusuchen. Der Journalist und Architekturkritiker Wolfgang Kil beschrieb im Nachgang den ersten Grubenspaziergang in Golpa-Nord mit lebendigen Worten:
„Der Höhepunkt war die Sache mit dem Ballon. Schon reichlich zwei Stunden Weg lagen hinter uns. Wir waren durch schüttere Birkenhaine gewandert, hatten das alte, noch aktive Pumpwerk bestaunt, hatten im ‚Tal des ewigen Feuers‘ der Wüstenhitze getrotzt, im Aufstieg grellweiße Wanderdünen bezwungen, waren über die karstähnliche Hochebene zu einer terrassierten Teichlandschaft, den Hängenden Gärten, vorgedrungen, durften an einer in der Wildnis verlorenen Bretterbude bei Grillwurst und Mineralwasser kurze Rast machen, verirrten uns anschließend in einem Labyrinth aus spitzen Sandkegelbergen, um endlich diesen wunderschönen See zu erreichen. Die zerklüfteten und in zahlreiche Seitenarme ausgreifenden Ufer waren mit Schilfgürteln umsäumt, Schwäne segelten vorbei, auf einer nahen Insel lockte ein Liegestuhl unter einem violetten Sonnenschirm – eine Fata Morgana? Aber der hölzerne Steg war echt, und die Erschöpftesten der Gruppe wurden eingeladen, den Rest der Tour mit zwei bereitstehenden Ruderbooten abzukürzen. Zuvor jedoch löste unser Wegführer eine verborgene Schnur, und der große orangefarbene Ballon, der da wie zufällig auf der Wasseroberfläche umher trieb, stieg vor aller Augen senkrecht in die Höhe. Zwanzig Meter stieg er auf und blieb dann stehen: Dort oben hatte sich einst das Dorf Gremmin befunden, und bis zu dieser Höhenmarke wird irgendwann das Wasser steigen.“15
Entlang der Spaziergangsroute reihte sich eine Abfolge von Stationen, welche mit zurückhaltenden Mitteln den Blick auf bereits vorhandene Qualitäten und Besonderheiten lenkte. Bestimmten anfangs die erodierenden Steilböschungen und die dünenartigen oder kegelförmigen Erdformationen die Szenen, so richtete sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf immer kleinteiligere Elemente: Umgeknickte Grashalme wurden durch den Wind über den Sand bewegt, wodurch diese feine Kreise in die Erde zeichneten. Die zahlreichen Erosionsrinnen ließen in der Vorstellung das Bild entstehen, wie diese mit jedem Regenguss tiefer und tiefer erodieren und wie dabei an anderer Stelle die weggeschwemmte Erde Schicht um Schicht sedimentiert, dabei ebenfalls ständig neue Muster bildend. Alles zeigte sich als nur vorübergehend, augenblicklich, einem ständigen, raschen Wandel unterworfen. In dem Labyrinth aus Erdkegeln bildeten sich zahlreiche sumpfige Senken, da die Niederschläge dort nirgendwohin abfließen konnten. Im Hochsommer zeigten dieselben Flächen eine bizarre Struktur aus stark aufgebrochenen Erdplatten, durchzogen von einem Netz aus breiten Trockenrissen. Dies bildete einen starken Kontrast zu dem frischen Grün der an fast selber Stelle wachsenden Gräser. Woanders konnte man den vielen Meter langen, kreuz und quer über die nackte Erde vordringenden Ausläufern der Schilfpflanzen fast beim Wachsen zuschauen. In vielen offenen Sandflächen ließen sich die kleinen Trichter der Ameisenlöwen bestaunen. Hasen und Rehe zeichneten ihre Spuren in den Sand, Biber legten Bäume um – die Rückeroberung dieses Raumes durch die Tierwelt war überall unübersehbar. An einigen tiefer gelegenen Bereichen hatten sich bereits größere verzweigte Gewässer gebildet, deren Ufer dicht mit Schilf und Rohrkolben gesäumt. Lautes Froschkonzert und das Surren der Flügel der zahlreichen Libellen ließen vergessen, wo man war, ebenso die Heerschar an Mücken bei Eintritt der Dämmerung. Auch Schwäne flogen bereits daher.
Tagebauwanderung
Reise zum Mars
der IBA Fürst Pückler Land
2001– 2006
Kurz: Inmitten dieses durch den Bergbau tiefgründig ausgeräumten Erdstrichs zeigte sich die Natur in überraschend vitaler Form. Natur und natürlich
