Letzter Gipfel - Herbert Dutzler - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

GASPERLMAIER IM HÖHENRAUSCH - EIN GRANDIOSER ALPENKRIMI Der Gasperlmaier hat es nicht leicht: Ein mysteriöser Anruf führt ihn auf den Loser, wo gleich zwei Frauenleichen zu seinem neuesten Mordfall werden. Während Gasperlmaier gegen Höhenangst und seinen schwachen Magen kämpft, tun sich für ihn und Frau Doktor Kohlross vom Bezirkspolizeikommando Liezen immer neue brisante Fragen auf. Herbert Dutzler schafft es mit seinem ihm eigenen amüsanten Ton auch in seinem zweiten Krimi, das Ausseerland und seine Bewohner absolut authentisch wirken zu lassen. Besonders den liebevoll gezeichneten Gasperlmaier, etwas ungeschickt, aber stets pflichtbewusst, schließt man sofort ins Herz und fiebert bis zur letzten Seite mit. Ob er es schaffen wird, den Täter ausfindig zu machen? **************************************************************************************************************** LESERSTIMMEN: >>Ein humorvoller und gleichzeitig spannender Alpenkrimi mit dichter Atmosphäre und einer großen Portion Lokalkolorit! >>Bei Herbert Dutzler haben die Frauen das Sagen - zuhause Gasperlmaiers intelligente Ehefrau und bei den Ermittlungen Frau Doktor Kohlross. Mit ihrer scharfsinnigen Art ist seine Kollegin das Gegenteil vom gemütlichen Gasperlmaier, gemeinsam bilden sie ein einzigartiges Ermittlerduo, das sich hervorragend ergänzt. Allein wegen der originellen Romanfiguren lohnt es sich, die Krimis von Herbert Dutzler zu lesen! **************************************************************************************************************** PREISGEKRÖNTE KRIMIS: 2014 vergab der Hauptverband des österreichischen Buchhandels 3 GOLDENE BÜCHER für die Krimi-Bestsellerreihe von Herbert Dutzler. BISHER ERSCHIENEN SIND: * Letzter Kirtag * Letzter Gipfel * Letzte Bootsfahrt * Letzter Saibling * NEU: Gasperlmaier - Die ersten 3 Altaussee-Krimis in einem Band

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Seitenzahl:472

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Zeit:13 Std. 17 min

Sprecher:Florian Eisner


Titel

Herbert Dutzler

Letzter Gipfel

Ein Altaussee-Krimi

1

Diesen Anblick hätte sich Gasperlmaier gern erspart. Das hätte er nicht unbedingt sehen müssen, noch dazu an einem Tag, an dem einem das Wetter allein schon Depressionen verursachte. Graue Nebelfetzen zogen an Gasperlmaier vorüber, ein feiner Nieselregen besprühte sein Gesicht, sodass sich schon ein kleiner Tropfen an seiner Nasenspitze gebildet hatte, und ein heftiger Wind zerrte von Norden her an seiner Dienstmütze, die er gelegentlich, wenn eine besonders heftige Bö vorüberheulte, sogar festhalten musste. Und das im Oktober schon. Und dann noch das.

Dabei hatte sich der Tag ganz entspannt angelassen. Nach einer kleinen Runde durch den Ort, der üblichen Anzeige der Frau Haselbrunner wegen Besitzstörung – die Schulkinder hatten wieder einmal eine Abkürzung über eines ihrer Grundstücke genommen – und einer kurzen Fahrt nach Aussee hinunter wegen ein paar kleinerer bürokratischer Angelegenheiten hatten sich der Kahlß Friedrich, der Postenkommandant, und er auf dem Posten in Altaussee zusammengefunden, um zu beratschlagen, was man denn zur Jause be­sorgen sollte.

Gasperlmaier war für warmen Leberkäse – da galt es allerdings, sich zu beeilen. „Weil die“, so wurde er nicht müde, dem Friedrich zu erklären, „im Geschäft so ungeschickt sind, dass sie sich ein ums andere Mal nicht merken können, wie viel warmen Leberkäse sie für die Jausenzeit herrichten müssen.“ So um neun herum kamen die Arbeiter und Angestellten der um­liegenden Firmen und Büros – ohnehin nur wenige Dutzend – gewöhnlich im örtlichen Supermarkt vorbei. Und wenn man da zögerte, wusste Gasperlmaier, und etwa um zwanzig nach neun oder gar erst um halb zehn vorbeischaute, um seinen warmen Leberkäse abzu­holen, da stand man dann vor einem leeren Leberkäse-Wärmebehälter. „Leider aus!“, hieß es dann mit einem Schulterzucken der Verkäuferin, so, als sei man gerade heute vom Ansturm der Leute, die Gusto auf warmen Leberkäse verspürten, völlig überrascht, ja geradezu überrollt worden.

„Wir könnten natürlich auch zum Schneiderwirt hinübergehen, ein Paar Würstel essen“, wandte der Friedrich ein, der es lieber hatte, wenn er sich an einen ordentlichen Tisch setzen konnte, wo man ihm das Essen hinstellte. Dabei, so dachte Gasperlmaier manchmal bei sich, wäre es für den Kahlß Friedrich ohnehin besser gewesen, statt der Würstel oder des Leber­käses einen Apfel oder eine Banane zu essen, denn seine Leibesfülle hatte in den letzten Jahren so bedenklich zugenommen, dass der Friedrich gelegentlich schon heftig schnaufen musste, wenn er nur ein paar Stufen hinaufstieg.

Gerade als die Unentschlossenheit der beiden, was die Jause betraf, ihren Höhepunkt zu erreichen drohte – Gasperlmaier schwieg, der Kahlß Friedrich seufzte –, läutete das Telefon. Gasperlmaiers Vorgesetzter hob ab, hörte geduldig zu, schnaufte gelegentlich ins Telefon und brummte dann und wann ein „Aha!“ oder „So was!“ dazwischen. Noch war nicht lange gesprochen worden, da legte der Friedrich auch schon wieder auf, erhob sich und langte nach seiner Dienstmütze, die griff­bereit an der Garderobe hing. „Gasperlmaier!“, ächzte er, „Auf geht’s!“ So gut kannte Gasperlmaier den Friedrich schon, dass er ihm folgte, ohne viele Fragen zu stellen. Die notwendige Information würde er auf dem Weg zum Einsatzort schon bekommen.

Gasperlmaier nahm sein eigenes Kapperl, holte noch schnell – angesichts des Regens draußen – den durchsichtigen Plastiküberzug für die Dienstmütze aus seiner Schreibtischschublade und folgte dem Friedrich nach draußen. Der hatte sich indessen in den Fahrersitz des Geländewagens der Altausseer Polizei gezwängt.

„Auf den Loser müssen wir!“, begann der Kahlß Gasperlmaier ins Bild zu setzen. Der Loser war sozusagen der Hausberg der Altausseer. Im Sommer stieg man gerne hinauf, um von droben die wunderbare Aussicht aufs Ausseerland zu genießen, und im Winter gebrauchte man ihn zum Skifahren. „Sie haben auf der Loserhütte einen komischen Anruf bekommen. Da hat einer ganz hysterisch angerufen, dass seine Frau abgestürzt ist, und dass er Hilfe braucht.“ Gasperlmaier fragte sich, wer bei einem solchen Wetter wie heute Lust hatte, auf den Loser zu steigen, nur um gleich darauf wieder herunterzufallen und der Polizei Scherereien zu bereiten. Außerdem fragte er sich, warum da gleich die Polizei herbeigerufen wurde. Genügte nicht die Bergrettung? Seine Bedenken teilte er dem Kahlß Friedrich auch mit, der statt einer Antwort nur mit den Achseln zuckte. „Haben sie denn wenigstens schon die Bergrettung verständigt?“, setzte Gasperlmaier nach. „Ja, ja“, antwortete der Friedrich. „Die sind anscheinend schon unterwegs. Finden werden sie halt nichts, weil sie ja keine Ahnung haben, wo sie suchen müssen, so wie es ausschaut. Der Anruf ist ihnen auf der Hütte deswegen so seltsam vorgekommen, weil der Anrufer weder gesagt hat, wer er ist, noch, wo er ist, und weil er auch nicht bei der Hütte aufgetaucht ist. Was ja eigentlich normal wäre.“ „Vielleicht hat sich da einer einen Scherz erlaubt“, meinte Gasperlmaier. Der Friedrich schaltete das Blaulicht ein und winkte dem Fahrer des altersschwachen Geländewagens zu, den sie auf der recht schmalen Zufahrtsstraße zum Loser hin überholten. Aus dem Wagen winkte ihnen der Bohuslav zu, der tschechische Kellner, der schon seit Jahren auf der Loserhütte den Skifahrern im Winter, wenn Selbstbedienung war, die Kasspatzen und die Germknödel zum Abholen hinstellte.

Bald nach der Mautstelle, bei der sechsten oder siebten Kehre schon, tauchten sie in die Nebelsuppe ein, die man von unten als tief hängende Wolkendecke wahrnehmen hatte können. „Ein grausliches Wetter!“, meinte Gasperlmaier, worauf ihm der Kahlß Friedrich mit einem leisen Grunzen beipflichtete. „Ganz schlecht für die Gäst!“, fügte Gasperlmaier noch hinzu. Der September und der Oktober, als beliebte Wandermonate, lockten oft noch viele Touristen an, die natürlich sofort das Weite suchten, sobald sich im Ausseerland einmal eine feuchtkalte Wetterlage eingenistet hatte, die sich oft tagelang hartnäckig weigerte, weiterzuziehen. Ein brauner Kombi kam ihnen entgegen, wie Gasperlmaier verwundert feststellte. „Ein Gmundner!“, informierte er Kahlß verwundert, um seine Überraschung dar­über auszudrücken, dass bei diesem Wetter ein Auto mit einem Kennzeichen aus dem benachbarten Bezirk, mithin also kaum ein Einheimischer, vom Loser herunterfuhr.

Nach wenigen Minuten hatten sie die Loserhütte erreicht. Auf den paar Metern vom Auto in die Gaststube krochen Gasperlmaier Feuchtigkeit und Kälte durch die Uniform hindurch bis auf den Leib. Natürlich hatte er heute früh nicht daran gedacht, sich warme Unterwäsche anzuziehen. Vor drei Tagen erst war man zu Hause auf der Terrasse und beim Wirt im Gastgarten gesessen, da verschwendete man noch keine Gedanken an warme Winterkleidung.

„Grüß euch!“ Der Kilian, der Wirt der Loserhütte, bedeutete den beiden, in der leeren Gaststube Platz zu nehmen. „Was darf ich euch denn bringen? Zwei Bier?“ Der Kahlß Friedrich nickte nur kurz, was bedeutete, dass auch Gasperlmaier ein Bier bekommen würde. Zwei Gründe gab es, warum Gasperlmaier bei dem Gedanken, schon am Vormittag ein Bier zu trinken, ein wenig unwohl wurde. Zum einen hatte er sehr schlechte Erfahrungen mit Presse und Fernsehen gemacht, wo er vor kurzem recht dumm dagestanden war, als pflichtvergessener Polizist, der an nichts als sein tägliches Bier dachte. Eine Folge davon war ein recht unerfreuliches Gespräch mit dem Bezirkspolizeikommandanten über den Ruf der Polizei in der Öffentlichkeit gewesen, eine weitere, eine kräftige Abmahnung. Dabei, so dachte Gasperlmaier bei sich, war er sich auch jetzt noch, den damaligen Vorfall betreffend, keiner Schuld bewusst.

Der zweite Grund war die Christine, Gasperlmaiers Frau, die es nicht gerne sah, wenn er zu viel Bier und Schnaps in sich hineinschüttete. Und was zu viel war, darüber waren sich Gasperlmaier und seine Christine, so gut sie sich sonst auch vertrugen, selten einig.

Bevor Gasperlmaier noch mit seinen Gedanken zu Ende gekommen war, hatte der Kilian schon zwei Halbe Bier vor sie hingestellt. Der Kahlß Friedrich griff nach dem Glas, das ihm am nächsten stand, setzte es an, und als er es losließ, fehlte bereits die Hälfte des Inhalts. Ein tiefer, zufriedener Rülpser entfuhr dem Friedrich. Gasperlmaier, im Vergleich dazu, nippte nur an seinem Bier.

Jetzt, so dachte Gasperlmaier bei sich, geht es ans Geschäft, als der Friedrich fragte: „Wie war das jetzt mit dem Anruf?“ „Ja“, antwortete der Kilian, „da war die Jetti dran. Ich hol sie euch gleich.“ Die Jetti, das war eine Kellnerin, die nur gelegentlich beschäftigt wurde. Was sie an einem Tag, wo überhaupt mit keinem Geschäft zu rechnen war, hier heroben machte, das, so dachte Gasperlmaier bei sich, erschien ihm rätselhaft. Es sei denn, es bahnte sich zwischen dem Kilian und der Jetti etwas an.

Als die Jetti auftauchte, hatte der Kahlß Friedrich sein Glas bereits geleert, und bevor man noch mit der Befragung beginnen konnte, musste ein neues Bier für den Friedrich gezapft und serviert werden. Hinunter, dachte Gasperlmaier, würde wohl er selbst fahren müssen.

Die Jetti war Gasperlmaier nicht gerade sympathisch. Kaum, dass sie einmal einem Gast ein Lächeln schenkte, immer kurz angebunden, oft so, als tue man ihr etwas zu Fleiß, wenn man eine Bestellung aufgab. Ein wenig typisch für das Salzkammergut, dachte Gasperl­maier, man jammerte gern über einen Mangel an Touristen, aber man zeigte denen, die kamen, auch gern einmal, wer hier eigentlich die Herren waren.

Das Geschirrtuch in der einen Hand, setzte sich die Jetti hin und musterte die beiden Polizisten mit einem, wie es Gasperlmaier schien, ein wenig beleidigten, ungeduldigen Gesichtsausdruck. So, als stehle man ihr kostbare Zeit. Der Kahlß Friedrich zückte sein Notizbuch, trug ohne Hast Ort, Datum und Zeit ein und stellte seine erste Frage. „Was hat denn der Anrufer genau gesagt, Jetti?“ Grantig fuhr die Angesprochene auf: „Ja, glaubst du denn, dass ich alles gleich auswendig lerne, was einer sagt, der anruft? Ich hab ja sonst auch noch was zu tun!“

Der Friedrich seufzte. „Ja, Jetti. Das verstehen wir natürlich. Dann sagst du uns halt das, an was du dich erinnerst.“ „Nicht viel!“ kam es zurück. Gasperlmaier rollte die Augen. Jedes Mal, aber wirklich jedes Mal, wenn man jemanden zu befragen hatte, verging Frage um Frage, ohne dass dem Befragten eine ein­fache, geradlinige Antwort zu entlocken war. Zumindest nicht, bis man dem Opfer Raum gegeben hatte, ausführlich darzulegen, warum man sich an nichts erinnere, wie dringend man Besseres zu tun habe, als der Polizei Rede und Antwort zu stehen, und wie sehr einem Unrecht getan werde, allein durch die Tatsache, dass man mit Polizisten reden musste. Gasperlmaier und der Friedrich warteten geduldig, bis sich die Jetti bequemte, weiterzureden. „Also, da war ein Mann dran.“

Gerade, als sie den Satz fertig gesprochen hatte, platzte der Kilian wieder herein. „Mögt’s ihr vielleicht Kasspatzen?“ Angesichts der verpassten Jause, dachte Gasperlmaier bei sich, wäre es sicherlich kein Fehler, wenn sich der Kahlß Friedrich und er eine Portion teilten, denn die Kasspatzen, die der Kilian auf den Tisch brachte, konnte man allein gar nicht verdrücken. Der Kahlß Friedrich aber nickte nur und wandte sich zu ihm um. „Du auch, Gasperlmaier?“ Gasperlmaier beeilte sich, seinen Vorschlag zu unterbreiten: „Wenn wir uns vielleicht eine Portion teilen, ist ja erst Jausenzeit …“ Der Kahlß Friedrich gab, wie Gasperlmaier meinte, ein etwas verächtliches Ächzen von sich, wandte sich dem Kilian zu und meinte, mit dem Finger auf Gasperlmaier weisend: „Bringst halt ihm eine Seniorenportion.“ Der Wirt lachte über den, wie Gasperl­maier fand, müden Scherz laut auf, während die Jetti zumindest den Mund verzog.

„Also!“, ermunterte sie der Friedrich zum Sprechen, als sich der Kilian in die Küche begeben hatte. „Ja, er hat ganz wild ins Telefon geschnauft und geschrien, meine Frau ist abgestürzt, meine Frau ist abgestürzt, helft’s mir, helft’s mir!“ „Hast du sonst noch was gehört?“, fragte der Friedrich nach. „Wie, sonst?“, fragte die Jetti. „Na, vielleicht irgendwelche Hintergrundgeräusche?“ Die Jetti schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“ Gasperlmaier fragte sich, warum der Mann bisher nirgends aufgetaucht war, weder auf der Loserhütte noch auf dem Polizeiposten oder sonst wo, wo man sich halt hinwandte, wenn ein Unfall passiert war.

Jetzt war die Jetti in Fahrt. „Und ich hab natürlich gleich nachgefragt, wer er ist, und wo er ist, aber er hat gar nicht zugehört, immer nur dreingeredet, und plötzlich war’s aus.“

„Wie, aus?“, fragte jetzt, der Abwechslung halber, einmal Gasperlmaier. „Na ja, er hat gebrüllt, ‚Jetzt tut’s endlich was!‘, zweimal, und dann hat es ein bisschen gescheppert und er war weg.“ „Gescheppert, sagst du? Könnte es sein, dass ihm das Handy aus der Hand gefallen ist?“ Die Jetti zuckte nur mit den Schultern und gab sich wieder verstockt. „Was weiß denn ich? Was ich weiß, hab ich euch schon gesagt.“ „Habt’s ihr die Nummer von dem Handy?“ Die Jetti zuckte erneut. „Ob wir so ein neumodisches Telefon da heroben haben, das weiß ich nicht. „Dann“, so meinte der Friedrich, „schauen wir uns das halt einmal an.“

Die Jetti zeigte ihnen, wo das Telefon stand, und Gasperlmaier sah gleich, dass es ein Apparat war, der die Rufnummer des Anrufers nicht anzeigte. Bei ihm daheim stand nämlich auch noch so ein Gerät herum, das sie schon seit fast zwanzig Jahren hatten. Wenn es läutete, wusste Gasperlmaier, dass nur seine Mutter dran sein konnte. Niemand sonst verwendete noch die Festnetznummer, außer vielleicht gelegentlich irgendwelche Werbefirmen, die die Nummer aus dem Telefonbuch hatten und Gasperlmaier, meist in norddeutschem Tonfall, irgendwas aufschwatzen wollten, von dem er sich sicher war, dass er es in diesem Leben nicht mehr gebrauchen würde können. „Das speichert keine Rufnummern“, beeilte er sich, seinen Informationsvorsprung an den Friedrich weiterzugeben. „Und was habt ihr dann gemacht?“, fragte der Friedrich die Jetti. „Ja, zuerst natürlich die Bergrettung angerufen. Die haben noch nichts gewusst von einem Absturz.“ Die Jetti, fand Gasperlmaier, reagierte so scharf, als hätte ihr der Friedrich einen Ladendiebstahl untergeschoben. „Und dann habt’s ihr gleich uns angerufen?“ Auch der Friedrich klang jetzt ein wenig vorwurfsvoll. „Zuerst haben wir noch ein bisschen gewartet und auch hinausgeschaut. Erst, als es uns komisch vorgekommen ist, dass keiner kommt, haben wir euch angerufen.“ Der Friedrich seufzte. Wenn sie halt mit dem Anrufen bis nach der Jause gewartet hätte, dachte Gasperlmaier bei sich, würde er jetzt nicht mit den Kasspatzen sündigen.

Der Friedrich kraulte sich das Kinn. Gerade, als er zu reden anfangen wollte, kam der Kilian mit einem Tablett aus der Küche. „Eure Kasspatzen!“ Der Kahlß Friedrich folgte ihm in die Gaststube, ohne lang zu zögern, und setzte sich wieder an den Tisch. Mit Erstaunen stellte Gasperlmaier fest, dass der Kilian zwei gleich große Riesenportionen hergerichtet hatte. Bevor er dazu kam, zu reklamieren, rief der Friedrich dem Kilian noch nach, er solle ihm ein paar Schnitten Brot zu den Kasspatzen dazu bringen und ihm selbst und dem Gasperlmaier noch ein Bier. „Trink’s aus!“, ermunterte der Friedrich Gasperlmaier, der ein wenig verzweifelt den Riesenberg Kasspatzen und sein beinahe noch halbvolles Bierglas musterte. „Schau, Gasperlmaier“, versuchte ihn der Friedrich zu beruhigen, „bevor die von der Bergrettung nicht wieder da sind, können wir sowieso nichts tun. Wieder hinunterfahren zahlt sich auch nicht aus. Und draußen bläst ein kalter Wind, und es regnet.“ Gasperlmaier setzte sich und nahm den Kampf mit den wirklich vorzüglichen Kasspatzen auf. Hier heroben kam wenigstens noch einheimischer, auf der Alm selbst erzeugter Käse auf die Spatzen. Das war wenigstens was.

Seine Frau, die Christine, würde nicht begeistert sein, wenn er heute Abend gestehen würde müssen, was er sich zur Jause geleistet hatte. Die achtete nämlich auf ausgewogene Ernährung, war Gott sei Dank zugleich aber eine vorzügliche Köchin. Gelegentlich allerdings konnte es schon vorkommen, dass sie Gasperl­maier eine Portion auftischte, die so bescheiden war, dass er auch den allerletzten Brösel oder Soßenrest noch vom Teller kratzen musste. „In zehn Minuten wirst du merken, dass du eh satt bist!“, sagte die Christine dann immer, statt ihm einen Nachschlag anzubieten. Gasperlmaier musste eingestehen, dass sie im Recht war, wenn er seinen doch noch einigermaßen kompakten Körper mit dem des Kahlß Friedrich verglich, dem jedwede Kontrolle über seine Leibesfülle zu entgleiten drohte. Sonst völlig phlegmatisch, hatte der Friedrich sich letzten Monat doch darüber aufregen müssen, dass er – „So kurz vor der Pension!“ – noch um eine neue Uniform hatte anfragen müssen, weil der Hosenbund nicht mehr zugegangen war, von der Jacke ganz zu schweigen. Zwei Jahre, hatte der Friedrich gemeint, bis zu seiner Pensionierung, müsse er jetzt in diese Uniform passen. Sein Essverhalten, so dachte Gasperlmaier bei sich, ließ allerdings eher darauf schließen, dass er mit dieser Uniform nicht für zwei Jahre das Auslangen finden würde.

Schweigend, da auch der Kahlß Friedrich beschäftigt war, schaufelte Gasperlmaier seine Kasspatzen in sich hinein, spülte gelegentlich mit einem Schluck Bier nach und starrte zwischendurch in das Grau hinaus, das ihnen das Wetter heute auf dem Loser bescherte. Gasperlmaier hatte seine Aufgabe noch bei weitem nicht erledigt, als sich der Kahlß Friedrich zunächst den Mund mit der Serviette abwischte, danach zufrieden, aber mühsam in die Höhe stemmte, vernehmlich rülpste und seine Mütze aufsetzte. „Was machst denn?“, nuschelte Gasperlmaier, mit halbvollem Mund.

„Zuerst“, antwortete der Friedrich, „geh ich aufs Klo. Was oben hineinrinnt, muss auch unten wieder heraus. Danach schaue ich einmal hinaus, ob man von denen von der Bergrettung schon etwas sieht.“ Die Kasspatzen schmeckten dem Gasperlmaier zwar vorzüglich, aber wie er da nun so mit sich allein dasaß, spürte er es doch schon ordentlich im Magen drücken. Zurückschicken wollte er nichts, da hätte er ja dem Kilian erklären müssen, warum es ihm nicht geschmeckt hatte. So sagte Gasperlmaier den letzten im Pfandl verbliebenen Rammeln den Kampf an, als er den Friedrich rufen hörte. „Sie kommen! Komm heraus, Gasperlmaier!“

Nicht nur Gasperlmaier fand sich auf der Terrasse ein, sondern auch der Kilian und die Jetti sahen neugierig den Bergrettern entgegen, deren Umrisse sich langsam aus dem Nebel schälten und näher kamen. Gasperlmaier stellte fest, dass sich die Jetti regelrecht an den Kilian hindrückte. Am Ende war zwischen den beiden doch etwas im Gange. Er hätte dem Kilian was Besseres gewünscht, dachte er bei sich.

Gasperlmaier hielt sich die Hand vors Gesicht, weil ihm der Wind ständig Regentropfen gegen die Haut klatschte. Der Kahlß Friedrich ging den Bergrettern entgegen, die, Gasperlmaier konnte es nun deutlich sehen, eine Trage mit sich führten, auf der etwas lag, das in eine leuchtend blaue Plane eingeschlagen war. Anscheinend hatte man entgegen den Prophezeiungen des Friedrich in der undurchdringlichen Nebelsuppe auf dem Loser doch etwas gefunden. Gasperlmaier hoffte inständig, es möge keine Leiche sein, denn mit dem von den Kasspatzen übervollen Magen, so fürchtete er, würde er einem solchen Anblick nicht standhalten können. Dennoch folgte er dem Friedrich, während der Kilian und die Jetti, die nur Hausschlapfen anhatten, zurückblieben.

Wenige Meter neben der Hütte, nahe der Stelle, wo die Bergretter auch ihren Geländewagen geparkt hatten, setzten sie ihre Last ab. Der Friedrich und Gasperlmaier traten näher. „Habt’s sie gefunden?“, fragte der Friedrich. Der Kastenhuber Kurt, der Leiter der Gruppe, trat auf die beiden zu und schüttelte ihnen die Hände. „Grüß euch!“ Ein Lächeln kam ihm dabei nicht aus. Verständlich, fand Gasperlmaier. Schließlich hatten die drei ja auch gerade von ihrer Arbeit weg und im Nieselregen auf dem Loser herumkraxeln müssen. Da hatte keiner eine Freude damit. Und, wie Gasperlmaier aus Erfahrung wusste, gab es was Schöneres, als jemanden auf die Trage packen zu müssen, der am Ende aus großer Höhe herabgestürzt war und dabei womöglich mehrmals auf scharfkantigen Felsen aufgeprallt war.

Ohne Vorwarnung fasste der Kurt nach einem Eck der Plane und schlug sie zurück. Auf der Stelle wurde Gasperlmaier übel, er trat, so schnell er konnte, ein paar Schritte zurück, drehte sich um und atmete tief durch, um den Brechreiz zu bekämpfen. Doch es half nichts, sein Magen krampfte sich immer mehr zusammen, und schließlich erbrach er sich heftig, nach Luft röchelnd. Nahezu direkt vor die Füße der Jetti, die es vor lauter Neugier nicht auf der Terrasse ausgehalten hatte und sich offenbar gerade auf den Weg zur Trage hatte machen wollen. Gasperlmaier starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an, die Jetti hingegen war so erschrocken, dass sie ohne jeden weiteren Kommentar kehrtmachte und sich wieder auf die Terrasse zurückzog. Gasperlmaier holte mühsam und heftig Atem, suchte nach einem Taschentuch, um sich abzuwischen, und fühlte sich elend. Diesen Anblick, so dachte er bei sich, hätte er sich wirklich gern erspart. Er war auf so etwas nicht gefasst gewesen. Der Kurt hätte sie ja vorwarnen können. Fast musste man annehmen, er hatte dem Kahlß Friedrich und ihm vorsätzlich einen Schrecken einjagen wollen. Sein Atem ging nun schon wieder ruhiger. Gasperlmaier prüfte, ob sich Reste von Erbrochenem etwa irgendwo auf seiner Uniform befanden, stellte aber mit Erleichterung fest, dass er sich weit genug vorgebeugt hatte. Langsam kehrte er wieder zu den anderen zurück, die die Trage umstanden, und versuchte, sich so hinzustellen, dass der breite Rücken des Kahlß Friedrich das verbarg, was sich darauf befand. „Ich hätte niemals geglaubt, dass das so schnell, ich meine, wie?“ Obwohl nicht gänzlich ausformuliert, verstand der Kurt seine Frage schon, und trotz des grauenhaften Funds musste der nun lachen. „Gasperlmaier, du glaubst doch nicht, dass der da auf der Trage heute abgestürzt ist? So schnell schaust du nicht so aus! Das dauert schon ein paar Monate.“ Das, was Gasperlmaier auf der Trage gesehen hatte, war ein völlig skelettierter Totenschädel gewesen.

Der Kurt hielt ihm einen Flachmann hin. „Auf den Schreck, Gasperlmaier, brauchst du sicher einen Schnaps. Du bist ja fast so käsig im Gesicht wie unsere Leich da.“ Gasperlmaier nahm die metallene Flasche entgegen, wunderte sich ein wenig darüber, dass dem Kurt nicht davor grauste, ihm nach seinem Erbrechen seinen Flachmann zu reichen, nahm das Angebot aber dankbar an. Er nahm einen kräftigen Schluck, der bis hinunter in den Magen brannte. Dennoch fühlte sich Gasperlmaier sofort ein wenig entspannter. Am Ende war es doch nur der unerwartete Anblick gewesen. Wenn er sich jetzt, so dachte Gasperlmaier bei sich, dem grausigen Fund vorsichtig näherte, im Wissen, worum es sich handelte, würde er dem Anblick wohl standhalten können. Die Neugier siegte über die Angst, und Gasperlmaier wagte sich langsam hinter dem breiten Rücken des Kahlß Friedrich hervor. Schließlich stand er vor den Resten des Menschen, der dort oben unterhalb der Loserwand sein Ende gefunden hatte. Gasperlmaier trieb es eine Gänsehaut auf, als er sah, dass am Schädel noch ein paar Hautfetzen und etliche Strähnen lange, schwarze Haare hingen. Ob es sich um das Skelett einer Frau handelte? Um den Schädel flatterte eine zerfetzte rote Kapuze. Sonst lag da nur ein Häufchen kleinerer und ein paar Stücke größerer Knochen, sogar ein zerfetzter Bergschuh war dabei. Gasperlmaier wandte sich wieder ab.

„Jetzt haben wir zwei Probleme“, meinte der Kahlß Friedrich gerade zum Kurt. „Erstens, weil ihr die Knochen da gefunden habt, und über den da“, er wies auf den Toten unter der Plane, „haben wir sicher keine Informationen. Zweitens haben wir noch diesen Anruf – heute soll ja auch jemand abgestürzt sein. Eine Frau.“ „Wir haben nur auf der Südseite gesucht, wir haben ja keinerlei Hinweis, wo der Absturz war. Bevor wir noch weiter nach Norden hinübergekommen sind, haben wir schon den da gefunden.“ Er wies auf den Schädel. „Und außerdem könnte die Frau ja wer weiß wo hinuntergefallen sein – vom Loserfenster, zum Beispiel. Das Gebiet ist so groß, wo da eine Leiche liegen könnte, da brauchen wir mehr Leute. Und vor allem genauere Hinweise. Weißt ja eh, dass hier im Toten Gebirge Leichen oft schon jahrelang gelegen sind, bis jemand ein paar Überreste gefunden hat.“

Der Kahlß Friedrich nickte. „Ich besorg euch mehr Leute, die die möglichen Absturzstellen einmal oberflächlich absuchen. Wenn wir nicht schnell was finden, müssen wir heute sowieso Schluss machen.“ Der Friedrich blickte zum Himmel auf. „Und einen Hubschrauber …“ Er ließ den Satz unvollendet und wies nur mit einer unbestimmten Geste in die Nebelsuppe hinaus, die sie umgab.

„Könnt’s ihr noch einmal hinauf?“, fragte er den Kurt noch. Der nickte. „Einmal geht schon noch. Gehst mit, Gasperlmaier?“ Der zuckte zusammen. Wieso sollte er mitgehen? Warum nicht der Friedrich? Er konnte ja inzwischen auf die Knochen aufpassen. Es verhielt sich nämlich so, dass Gasperlmaier, wenn er klaffender Abgründe und zerschrundener Steilabfälle ansichtig wurde, in ein ängstliches Zittern verfiel und keinen Schritt mehr vor den anderen zu setzen vermochte. Eingestehen allerdings wollte er das den Anwesenden keinesfalls, und so stieg ihm die Hitze ins Gesicht, ohne dass ihm sofort ein rettender Einfall zugeflogen wäre. „Ich hab ja gar keine Bergschuhe dabei!“, fiel es ihm schließlich ein, und erleichtert ließ er seine Arme sinken, die davor heftig in der Luft herumgerudert hatten. „Wenn’s nur das ist! Wir können dir ein Paar leihen. Was hast denn für eine Größe?“ Wieder schoss Gasperl­maier das Blut ins Gesicht, als der Friedrich, der als einer der wenigen um Gasperlmaiers Schwäche wusste, gelassen abwinkte. „Ich brauch ihn hier. Euch kann er ja eh nicht viel helfen.“ Gasperlmaier war gerettet.

Doch nur vorläufig, denn gerade, als sich die Bergrettungsleute wieder abwandten und zum Steig hinüberstapften, der zum Losergipfel führte, sagte der Friedrich zu ihm: „Deckst ihn wieder zu? Ich kümmer mich um die Verstärkung.“ Der Friedrich machte sich auf den Weg zum Funkgerät ihres Einsatzfahrzeugs.

Gasperlmaier näherte sich der Trage, konzentriert die Hüttenwand anstarrend, so, als ob sich dort etwas enorm Interessantes verbarg. Nur nicht auf den Schädel schauen, sagte er sich, kniete sich vor der Trage hin, ohne einen Blick darauf zu werfen, und suchte blind nach dem Zipfel der Plane, um die Ecke wieder über den grinsenden Totenschädel schlagen zu können. Als er die Plane zu fassen bekam und daran zog, merkte er, dass er wohl darauf zu stehen gekommen war, denn er geriet aus dem Gleichgewicht und war drauf und dran, sich zu dem Knochenhäuflein dazuzulegen. Panisch begann er mit den Armen zu rudern, konnte sich dadurch gerade noch erfangen, stürzte jedoch statt auf die Leichenreste rücklings in den aufgeweichten Almboden. Fluchend rappelte er sich wieder hoch, packte die Plane und schlug sie über den Schädel, der ihn, wie er nun fast meinte, frech und hämisch angrinste. Auf dem Weg zur Terrasse spürte er, wie ihm die Feuchtigkeit des Bodens, auf den er aufgeschlagen war, durch die nasse Jacke auf die Haut drang. Gasperlmaier fröstelte, als er die Hüttentür hinter sich zuschlug.

Als er zum Tisch trat, an den sich der Kahlß Friedrich nun wieder gesetzt hatte, brachte der Kilian gerade eine Riesenpfanne Schwarzbeernocken. „Wo sind denn die von der Bergrettung? Ich hab mir gedacht, die könnten vielleicht auch eine Stärkung gebrauchen.“ „Die sind noch einmal hinauf“, brummte der Friedrich, nahm einen Löffel aus dem Bierkrug auf dem Tisch, reichte dem verdatterten Gasperlmaier einen zweiten und machte sich über die Schwarzbeernocken her. Gasperlmaier zögerte. Hatte er überhaupt Hunger? Gusto? Oder war ihm schlecht? „Iss, Gasperlmaier!“, forderte ihn der Friedrich auf. „Aber behalt’s diesmal drinnen!“ Gasperlmaier tat, wie ihm geheißen, und als die ersten Nocken sich als süß-saurer Flaum auf seiner Zunge niederließen, da kam der Appetit wieder zu ihm zurück. Löffel für Löffel stopfte er in sich hinein. Und weil der Kilian ihnen beiden auch je einen großen Schnaps hingestellt hatte, stürzte er ihn, einer plötzlichen Eingebung folgend, hinunter und fühlte, wie sich wohlige Wärme in seinem gesamten Inneren ausbreitete.

Gleichzeitig aber fragte er sich, wer heute wohl ihren Wagen die elf Kehren wieder nach unten steuern sollte, zwei Bier und zwei Schnäpse waren seiner Meinung nach eindeutig zu viel für das Lenken eines Einsatzfahrzeugs. Außerdem wusste er nicht, was sie eigentlich hier noch zu schaffen hatten – die Ermittlungen bezüglich des seltsamen Anrufs waren ja seitens der Polizei eigentlich abgeschlossen. Gasperlmaier nahm sich vor, es bei Kaffee und Tee zu belassen, und hoffte, sie würden bald wieder heimfahren können.

Es war noch nicht lang her, dass er und der Friedrich ganz ordentlich in Schwierigkeiten geraten waren, weil sie nach einem Mordalarm in Altaussee gefilmt und fotografiert worden waren, als sie in der Mittagspause beim Bierzelt gejausnet hatten. So etwas, dachte Gasperlmaier bei sich, wollte er nicht unbedingt noch einmal erleben, obwohl bei diesem Wetter wohl nicht gleich Fernsehteams anreisen würden, wenn man die Überbleibsel einer womöglich vor Jahren abgestürzten Toten geborgen hatte.

„Was glaubst du denn“, fragte plötzlich der Friedrich mit vollem Mund und daher schwer verständlich, „wie lang die Leiche schon da oben gelegen ist?“ Gasperlmaier hatte keine Ahnung, wie lang es dauerte, bis eine Leiche so zerfallen war, dass nur mehr einzelne Knochen davon übrig waren. „Der Ötzi“, fiel ihm ein, „ist mehr als fünftausend Jahre oben am Gletscher gelegen und war noch ganz beisammen.“ Am Ende, dachte Gasperlmaier bei sich, hatten sie heute auch einen so sensationellen Fund gemacht wie damals die beiden Deutschen, die den Ötzi aus dem Gletschereis herausgekratzt hatten. Soweit sich Gasperlmaier erinnerte, hatten die beiden sogar einen saftigen Finderlohn bekommen.

„Gasperlmaier“, meinte der Friedrich, nachdem er sich den letzten Löffel Schwarzbeernocken einverleibt hatte, „du bist ein Trottel.“ So unfreundlich war der Friedrich selten zu ihm. „Hast du nicht gesehen, dass da auch Fetzen von einer Regenjacke, oder von mir aus Wanderjacke, an den Knochen gehängt sind? Und die Schuhe? Glaubst du, in der Steinzeit haben sie schon Bergschuhe mit einem Markennamen drauf angehabt?“ Gasperlmaier erinnerte sich. „Und die Fetzen waren“, fuhr der Friedrich fort, „sicherlich nicht von einem Grasumhang oder von einer ziegenledernen Unterhose, so wie der Ötzi sie getragen hat, sondern das war ein modernes Material, Fleece, oder Gore-Tex, oder irgend so was. Da brauchst du dir jetzt keine Hoffnungen machen, dass du vielleicht eine Steinzeitleiche mitentdeckt hast.“ Gasperlmaier fühlte sich durchschaut. Er blickte nach draußen. Es schien, als ob der Regen aufgehört hatte und der Nebel sich zu lichten begann. Jedenfalls war es eindeutig heller geworden während der Zeit, die sie gebraucht hatten, um die Pfanne mit den Schwarzbeernocken zu leeren und sauber auszuwischen.

Die Jetti schaute herein und trat zum Tisch, als sie sah, dass abserviert werden konnte. „Bringst mir noch einen Häferlkaffee?“, fragte Gasperlmaier freundlich. Die Jetti aber zog ein finsteres Gesicht. „Ihr kommt’s uns heute aber teuer!“, war ihre Antwort, bevor sie mit dem leeren Geschirr wieder verschwand. Gasperlmaier fragte sich, ob die Antwort der Jetti als Zustimmung oder Ablehnung seiner Bestellung zu deuten war und ob er seinen Kaffee nun bekommen würde, als draußen das Brummen eines Dieselmotors zu hören war. Der Friedrich erhob sich geräuschvoll und entließ einen deutlich hörbaren Darmwind, was Gasperlmaier aber höflich ignorierte. Stattdessen machte er, dass er zur Tür kam, um die Folgen des Versehens des Friedrich nicht erleiden zu müssen. „Da ist wer gekommen!“, beeilte er sich als Begründung für sein rasches Streben zur Tür vorzubringen.

Als Gasperlmaier aus der Tür trat, empfingen ihn die ersten milchigen Sonnenstrahlen, die durch die tief hängende Wolkendecke blinzelten. Der Doktor Walter, der Gemeindearzt, stieg gerade aus seinem Auto. „Grüß Sie!“, rief der Friedrich hinter Gasperlmaier hervor. „Sie sehen es eh!“, fügte er hinzu. „Eine Leich hätten wir da.“ Er streckte seine Pranke aus und wies auf die an der Hüttenwand abgestellte Trage, in der die Knochen immer noch in eine blitzblaue Plane eingewickelt lagen. Zusammen mit dem Doktor traten sie erneut zur Trage hin. Den Anblick nun schon gewohnt, wappnete sich Gasperlmaier dennoch innerlich, als der Doktor die Plane an einer Ecke fasste und weiter zurückschlug, als die Bergrettungsleute das vorhin getan hatten. Gasperlmaier wurde nun doch wieder ein wenig mulmig.

Der Doktor seufzte. „Herrschaftszeiten noch einmal!“, entfuhr es ihm. „Ich bin ja kein Gerichtsmediziner“, fügte er hinzu, das aber wusste Gasperlmaier schon, denn das hatte er auch bei der letzten Leiche betont, die Gasperlmaier damals ganz allein ohne Zu­hilfenahme der Bergrettung entdeckt hatte. Sie war allerdings auch nicht im unwegsamen Gelände hoch über der Baumgrenze am Fuß einer Felswand gelegen. Und vollständig, und sogar bekleidet war sie gewesen.

Der Doktor hockte sich hin und starrte versonnen die Knochen an. „Erstens kann ich euch sagen, dass die hier abgestürzt ist. Mehrere Knochen sind gebrochen, schaut her, da ist ein abgebrochener Radius!“ Der Doktor klaubte einen Knochen aus dem Haufen heraus und fuhr prüfend über die Bruchstelle. „Also ich würde sagen, das ist ein Bruch, kein Tierfraß oder so.“ Gasperlmaier fragte sich, wo denn hier heroben Tiere hätten herkommen sollen, die einer Leiche den Arm brachen. „Und der Schädel!“ Der Doktor wies auf eine Stelle am Hinterkopf, die Gasperlmaier bisher noch nicht hatte sehen können. „Bruch des Schädeldachs. Also eindeutig ein Absturzopfer. Mehr kann man derzeit sicher nicht sagen.“

Aber der Doktor Walter, das wusste Gasperlmaier, neigte ein wenig zum Angeben und zum Schul­meistern seiner Patienten. „Und es ist eine Frauenleiche. Am Becken eindeutig erkennbar. Schaut, da!“ Der Doktor zog ein dunkelbraunes, flacheres Knochenstück aus dem Haufen hervor. Gasperlmaier fand es nicht nötig, genau hinzusehen. Wenn der Herr Doktor meinte, das sei eine Frauenleiche, dann glaubte er ihm das auch ohne Hinschauen.

„Und wie lange, glaubst du, ist die schon tot?“, fragte der Friedrich. Der Doktor Walter seufzte, kratzte sich zunächst am Kopf und legte dann Zeigefinger und Daumen um sein Kinn. Als Gasperlmaier schon glaubte, er habe die Frage des Friedrich vergessen, fing er doch noch zu reden an. „Schwierig zu sagen. Das hängt vom Fundort, von der Temperatur, der Bedeckung und zahlreichen weiteren Faktoren ab.“ Gasperlmaier verwünschte ihn. Es hätte ja genügt, wenn er zwei Zahlen genannt hätte – mindestens und höchstens. Dass das nur eine Schätzung gewesen wäre, das wussten sie selber auch. „Das Tote Gebirge ist ja bekannt dafür, dass es seine Leichen frisst. Maden, Raubvögel, Marder und so weiter. Ihr wisst ja.“ Vor Gasperlmaiers innerem Auge erschienen Bilder, auf denen riesige Geier an den Fingern einer abgestürzten Frau zerrten. Er bemühte sich, seine Gedanken zu verdrängen, und starrte dem Doktor Walter ins Gesicht.

„Kopfhaut und Haar sind teilweise noch vorhanden, es kommt ja im Gebirge oft auch zu Mumifizierungen von Leichen. Denkt an den Ötzi.“ Er richtete sich auf, seufzte ein paar Mal, zögerte, so als ob er bei der Millionenshow eine entscheidende Frage zu beantworten hätte, und entschloss sich schließlich doch zu einer Einschätzung.

„Ich sag euch, nach einem Jahr kann eine Leiche schon so ausschauen.“ Gasperlmaier erschauderte bei dem Gedanken, dass von einem quicklebendigen Menschen nach einem Jahr nur mehr ein Häufchen unansehnlicher Knochen übrig war. „Außerdem“, der Doktor deutete mit dem Finger auf die Jackenreste, „ist das eine Gore-Tex-Jacke, und die ist nicht mehr als zwei, drei Jahre alt. Und außerdem – so was trägt man wohl nicht zum Skifahren. Vorigen Sommer oder Herbst also, vielleicht.“ Das musste der Doktor ja wissen, dachte Gasperlmaier bei sich, der die Kunst des Mediziners geringschätzte. Dass er mehr von Sportjacken verstand als von Magengeschwüren, dessen war sich Gasperlmaier sicher, hatte er den Doktor doch viel öfter im Ski- oder Golfdress als im Arztkittel gesehen, sogar während der Ordinationszeiten. „Was macht’s ihr jetzt weiter?“, wollte der Doktor Walter nun wissen. Der Friedrich zuckte mit den Schultern, schwieg und trat von einem Fuß auf den anderen. Gasperlmaier wollte ihm keinesfalls vorgreifen, war doch der Friedrich der Vorgesetzte. „Die da“, meinte er, wobei er auf das Skelett deutete, „muss auf jeden Fall in die Gerichtsmedizin, man muss sie ja identifizieren. Da werd ich mich gleich drum kümmern.“ Umständlich kramte der Friedrich sein Handy aus der Brusttasche. Dass der damit überhaupt telefonieren konnte, dachte Gasperlmaier – nicht zum ersten Mal – bei sich. Das Telefon schien in den gewaltigen Händen des Kahlß Friedrich wie ein Spielzeug für Puppenmütter, ein Finger des Friedrich schien fast so dick wie das ganze Gerät.

„Sakrament, Sakrament, Sakrament!“ Wenn der Friedrich sein Phlegma abschüttelte, dann aber so, dass es die Umstehenden ganz gewaltig riss. Mit seinem Zeigefinger klopfte er auf das Display des Handys. „Kein Empfang. Ich geh hinein, telefonieren.“ Gasperlmaier blieb mit dem Doktor allein zurück, der seinen Koffer, den er nicht einmal geöffnet hatte, vom Boden hob und Anstalten machte, zu seinem Auto zu gehen.

„Herr Doktor, wenn die von der Bergrettung aber noch einmal mit einer Leiche herunterkommen?“, gab Gasperlmaier zu bedenken. „Ihr habt’s noch eine Leiche?“, fragte der Doktor erstaunt. Gasperlmaier dämmerte, dass der Doktor von dem mysteriösen Anruf ja noch nichts wusste, und setzte ihn ins Bild. Der schnaubte nur. „Glauben Sie im Ernst, dass die bei dem Nebel an einem Tag zwei Leichen finden, wenn sie nicht einmal wissen, wo genau sie abgestürzt ist? Machen Sie sich nicht lächerlich. Und wenn, dann fahr ich halt noch einmal herauf. Was aber sicher nicht passieren wird.“ Noch bevor Gasperlmaier richtig zu Atem gekommen war, hatte der Doktor schon die Autotür hinter sich zugeknallt und den Motor gestartet. Gasperlmaier war nun mit seiner Leiche allein, und um diesen Zustand schnellstmöglich zu beenden, folgte er dem Friedrich in die Loserhütte hinein.

Der war noch immer am Telefon, aber als er Gasperlmaiers ansichtig wurde, hielt er die Sprechmuschel hastig zu und schickte ihn sofort wieder hinaus. „Die Leiche musst bewachen! Stell dir vor, es kommen Wanderer und schauen nach, was da liegt!“ Gasperlmaier teilte die Meinung des Friedrich zwar nicht – normaler­weise, fand er, schlichen Wanderer nicht um die Schutzhütten herum und kontrollierten, was da unter Planen verborgen war –, hielt sich aber dennoch an die Anweisung, trat auf die Terrasse und behielt die Trage zumindest aus dem Augenwinkel unter Beobachtung.

Das Wetter hatte sich weiter gebessert, immer wieder blinzelten Sonnenstrahlen zwischen den Nebel­fetzen hindurch, und für einen kurzen Moment meinte Gasperlmaier, durch ein Loch in der Wolkendecke sogar den See unten im Tal erkennen zu können. Wäre heute wirklich schönes Wetter, dachte Gasperlmaier, wäre die Terrasse voll, und jedermann würde den prachtvollen Ausblick hinüber zum Dachsteingletscher genießen, den man hier direkt vor Augen hatte.

2

Seit mehr als einer Viertelstunde standen Gasperlmaier und der Kahlß Friedrich jetzt schon auf der mittlerweile von immer zahlreicheren Sonnenstrahlen erwärmten Terrasse und hörten dem dumpfen Dröhnen des Hubschraubers zu, das einmal leiser, dann wieder lauter wurde und, wenn der Hubschrauber in Sichtweite geriet, nahezu ohrenbetäubend war.

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