Verlag: Haymon Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Letzter Kirtag - Herbert Dutzler

GASPERLMAIER UND DIE LEDERHOSNLEICH So etwas hatte selbst der Gasperlmaier noch nie gesehen. Dabei ist ihm schon vieles untergekommen, schließlich ist Gasperlmaier seit mehr als zwanzig Jahren Polizist in Altaussee. Aber ein Erstochener am Montag in der Früh im Festzelt vom Altausseer Kirtag, das ist auch für ein gestandenes Mannsbild wie ihn zu viel. Und so trifft er eine falsche Entscheidung, nicht die letzte an diesem Tag, und auch der Tote, der in seinem eigenen Blut im Festzelt hockt, wird nicht das einzige Opfer bleiben. Herbert Dutzler setzt in seinem ersten Krimi ein mörderisches Karussell in Gang, das die unschönen Seiten der Ausseer Postkartenidylle zeigt. Konsequent aus der Perspektive von Gasperlmaier erzählt, findet Dutzler einen ganz eigenen Ton, der das Lokalkolorit glaubhaft wiedergibt. Mit dem liebenswürdig tollpatschigen Dorfpolizisten hat er einen originellen Ermittler geschaffen, der für Spannung und Schmunzeln gleichermaßen sorgt. Den Gasperlmaier wird man sich merken müssen! **************************************************************************************************************** LESERSTIMMEN: >>Ein Regionalkrimi mit Leichtigkeit und Niveau: Das nenne ich wahre Unterhaltungskunst! Der zweite Fall >Letzter Gipfel >>Herbert Dutzlers sympathische Ermittlerfigur hat es mir angetan. Gasperlmaier wird schnell verlegen, wenn er einer Frau begegnet. Der schüchterne Dorfpolizist verhaspelt sich und es treibt ihm die Schamesröte ins Gesicht. Aber genau das Unvollkommene und Unbeholfene ist es, das Gasperlmaiers charmanten und zutiefst menschlichen Charakter auszeichnet. *************************************************************************************************************** PREISGEKRÖNTE KRIMIS: 2014 vergab der Hauptverband des österreichischen Buchhandels 3 GOLDENE BÜCHER für die Krimi-Bestsellerreihe von Herbert Dutzler.

Meinungen über das E-Book Letzter Kirtag - Herbert Dutzler

E-Book-Leseprobe Letzter Kirtag - Herbert Dutzler

Herbert Dutzler

Letzter Kirtag

Roman

1

So etwas hatte selbst Gasperlmaier noch nie gesehen. Gewiss, auf seiner Runde durch das Altausseer Bierzelt am Montagmorgen war ihm in den vergangenen zwanzig Jahren durchaus Bemerkenswertes begegnet. In wabernden Schwaden verschiedenster Duftspuren nach geräucherten Saiblingen, kalten Grillhendln, schalem Bier und Erbrochenem fand sich immer wieder der eine oder andere Gast, der nicht nach Hause gefunden hatte. Manch einen hatte Gasperlmaier schon auf einem Biertisch schlafend vorgefunden, dann und wann lagen auch zu Boden gegangene Lederhosenträger morgens noch dort, wo sie nachts zusammengebrochen waren, und sogar ineinander verschlungen schlafende Trachtenpärchen hatte Gasperlmaier schon dazu bringen müssen, sich schlaftrunken auf den Nachhauseweg zu machen. Oder, in manchen Fällen, gleich wieder auf einer Bierbank Platz zu nehmen und die nächste Bestellung bei der Kellnerin aufzugeben. Der Altausseer Kirtag entfaltete sich nämlich traditionsgemäß erst am Montag zu voller Blüte.

Auch solche wie den heute hatte er schon manchmal vorgefunden, noch auf der Bank sitzend, während der Kopf auf die darunter liegenden Arme gesunken war.

Auch allerlei Substanzen, die sich gewöhnlich im Inneren des Körpers befinden, hatte Gasperlmaier schon in Pfützen auf dem Boden, in dunklen Flecken auf den Lederhosen und in Rinnsalen auf und unter den Biertischen fließen und eintrocknen sehen. Er musste an den alten Witz denken, in dem ein Ausseer anlässlich einer Gesundenuntersuchung vom Arzt darüber aufgeklärt wird, dass eine Blut-, eine Stuhl-, eine Harn- und eine Spermaprobe benötigt würden, worauf der Ausseer anbietet, einfach die Lederhose dazulassen.

Doch so etwas wie heute hatte Gasperlmaier noch nie gesehen. Er trat näher und betrachtete den Mann, der vor ihm zusammengesunken am Biertisch hockte. Dass es keiner von hier war, war das Erste, was Gasperlmaier, der seit mehr als zwanzig Jahren Dienst im Polizeiposten von Altaussee versah, mit Sicherheit feststellen konnte. Der Mann trug eine Lederhose, das schon, sogar eine Altausseer Lederhose, eine teure noch dazu, siebennahtig, von Hand bestickt. Nicht unter tausendfünfhundert Euro zu bekommen. Solche Hosen trugen auch Altausseer da und dort. Aber keine neue. Nur in den allerschlimmsten Notfällen, nach Brandkatastrophen oder Lawinenabgängen, die das gesamte Hab und Gut einer Familie vernichtet hatten, oder Raubüberfällen, die zum Glück im Ausseerischen selten waren, kaufte sich der Ausseer oder Altausseer eine neue Lederhose. Selbst in den genannten Katastrophenfällen wurde die Lederhose oft dadurch gerettet, dass ihr Besitzer sie stets am Leib trug. Und wenn denn eine Neuanschaffung unausweichlich war, zog man gebrauchte, überarbeitete, weiter oder enger gemachte den neuen vor. Jahre konnten über der Suche nach einer passenden alten Lederhose hingehen.

Gasperlmaier selber war gestern in der Uniform der freiwilligen Feuerwehr im Bierzelt gesessen, heute hatte er sie mit seiner Polizeiuniform vertauscht, wie Gasperlmaier überhaupt ein Freund von Uniformen war und selten anderes trug. Das hätte ja bedeutet, einkaufen gehen zu müssen, in engen, nach Schweiß riechenden Kabinen, in denen man sich Ellbogen und Knie blutig schlug, fremde Kleidungsstücke immer wieder an- und ausziehen zu müssen, Entscheidungen über Farbe, Stil und Passform treffen zu müssen und so weiter. Das wollte sich Gasperlmaier, wenn es ging, liebend gern ersparen, obwohl seine Frau ihn regelmäßig … Gasperlmaier würgte diesen Gedanken entschlossen ab, um nicht ins Grübeln und Sinnieren zu geraten. Schließlich und endlich war auch die Tracht, die der Mann auf der Bierbank trug, eine Art Uniform, denn es galten exakte und genau einzuhaltende Kleidungsvorschriften, und so wurde zum Beispiel ein ahnungsloser Sommerfrischler, der sich mit weißen Stutzen anstatt der grünen zur Lederhose im Wirtshaus sehen ließ, schon einmal verächtlich als „Pinzgauer“ beschimpft und unter Umständen auch mit einer Halben Bier übergossen.

Gasperlmaier ordnete seine Gedanken und kehrte zum gegenständlichen Fall zurück. Trug also einer, wie hier, eine neue Lederhose, war er in der Regel ein Wiener, allenfalls ein Linzer, Grazer, in seltenen Fällen vielleicht ein Vöcklabrucker oder gar ein Gmundner. Obwohl die Gmundner schon ihre eigenen Lederhosen hatten.

Auch dass es sich um eine Altausseer, nicht etwa um eine Bad Ausseer oder eine Grundlseer Lederne handelte, war Gasperlmaier sofort klar, das geschulte Auge nahm die Unterschiede schon im Rückenmark wahr, das Gehirn musste mit solchen Selbstverständlichkeiten gar nicht erst beschäftigt werden.

Diese neue Lederhose war nun aber, und das war eigentlich das, was Gasperlmaier noch nie gesehen hatte, übel zugerichtet. Und das ist eine Altausseer Lederhose nicht etwa wegen ein paar vernachlässigbaren Urinresten, die, wie man weiß, auf das Leder höchstens erhaltend einwirken. Nicht umsonst gerben ja die Beduinen ihre Ledernen mit Kamelurin, wie Gasperlmaier wusste. Der bedenkliche Zustand der Ledernen offenbarte sich in dicken rotbraunen Verkrustungen, die über das Hosentürl liefen und zwischen den Schenkeln des Mannes verschwanden, während das Leder auf den Oberschenkeln sauber und neu glänzte. Die gröbste Sauerei bestand darin, worauf, vielmehr worin der Mann saß. Der Lederhosenhintern befand sich inmitten einer eingetrockneten Blutlache, die sich nahezu über die ganze Bank ausgebreitet hatte und zu Boden getropft war, denn auch auf den graubraunen Brettern unter der Bank meinte Gasperlmaier, schwärzliche Krusten wahrzunehmen.

Eigentlich, exakt betrachtet, war es keine Lache mehr, worin der Mann saß, denn das hätte das Vorhandensein von Flüssigkeit impliziert, vielmehr war es ein dünner Film dunkelroten, fast braunen, eingetrockneten Saftes mit dicken Schlieren darin. Das machte Gasperlmaier eines klar: Jetzt blutete der Mann nicht mehr.

Routiniert und doch von Scheu, Ekel und Ehrfurcht zugleich ergriffen – wie wenn man durch dickes Panzerglas eine Gabunviper betrachtet –, trat Gasperlmaier an den Mann heran und tastete an dessen Hals nach etwa noch vorhandenem Pulsschlag. Rasch zuckten seine ausgestreckten Finger zurück, als sie das erkaltete, leblose Fleisch berührten.

Man darf jetzt nicht dem Irrtum verfallen, Gasperlmaier hätte langsam, zögerlich, unentschlossen oder allzu bedächtig gehandelt, nein, all das spielte sich in des Polizisten kriminalistisch geschultem Hirn binnen weniger Zehntelsekunden ab: das Erinnern an frühere Auffindungen sogenannter Schnapsleichen, das Wahrnehmen des Zustands des Aufgefundenen, das Urteil über Herkunft und soziale Stellung: das alles in Zehntelsekunden, wenn nicht Hundertstel. Und nach vielleicht, grob geschätzt, zwei bis drei Zehntelsekunden kam Gasperlmaier zu der eindeutigen Schlussfolgerung: Da saß ein unlängst verstorbener wohlhabender Sommerfrischler.

Auch Gasperlmaiers nächster Entschluss war binnen Sekundenbruchteilen gefasst: Er brauchte einen Schnaps. Das Entdecken von Leichen, das Anfassen kalten Fleisches, das Blut – das war für einen Altausseer Polizisten nichts Alltägliches, es gehörte schon zu den Besonderheiten, die dringend der Entspannung durch Hochprozentiges bedurften. Viel länger als die Analyse der Situation gedauert hatte, brauchte Gasperlmaier für die Suche nach geeignetem Stoff – der Wirt im Altausseer Bierzelt war nicht so dumm, den Schnaps nach der Sperrstunde offen herumstehen zu lassen. Nach Minuten des Herumirrens im vom frühen Morgenlicht fahl erleuchteten Bierzelt entdeckte Gasperlmaier zwischen schmutzigen Gläsern eine Schnapsflasche, in der sich noch ein Fingerbreit glasklarer Flüssigkeit befand. Gasperlmaier roch und stürzte den Rest, für gut befunden, hinunter.

Neuerlich war eine Entscheidung zu treffen, die gründliches Nachdenken erforderte, das nun mehr als nur Sekundenbruchteile dauerte. Folgendes galt es zu überlegen: Rief Gasperlmaier nun, wie die Vorschrift es verlangte, seinen Vorgesetzten an, würde in einer halben Stunde das gesamte Festgelände von farbigen Kunststoffbändern umgeben und damit abgeriegelt sein. Das Bierzelt würde seinen Betrieb verspätet, um Stunden verspätet, oder gar überhaupt nicht aufnehmen. Es galt abzuwägen, ob der auf der Bank zusammengesunken dasitzende Tote dieses außergewöhnlich hohe Risiko wert war. Wie viele Hundert Altausseer, Ausseer, Grundlseer, Goiserer und wer weiß noch alles würden bitter enttäuscht nach Hause zurückkehren und sich am Ende dort betrinken müssen, der Höhepunkt im Festkalender des Dorfes würde unwiederbringlich dahin und zerstört sein. Und das, wo das Wetter sich anschickte, einen warmen Spätsommertag einzuleiten, wie geschaffen für die Promenade auf dem Kirtag und die Einkehr im Bierzelt.

Gasperlmaier wog die Alternativen ab. Er konnte den Toten beiseiteschaffen, irgendwo hinter die Hecke, die die große, zum See hinunter leicht abfallende Wiese begrenzte, die als Parkplatz diente. Um diese Zeit würde er das wohl unbemerkt tun können, wer stand schon – gerade an diesem Morgen – vor sechs Uhr auf oder spazierte gar auf dem Bierzeltgelände herum, wenn er nicht gerade der diensthabende Ortspolizist war. Gasperlmaier beschloss, um des Kirtags willen ein persönliches Opfer zu bringen und gegen seine Vorschriften zu handeln. Der Tote musste aus dem Bierzelt verschwinden, das Gelingen des Kirtags war eindeutig ein ethisch höher stehender Wert als eine korrekte Ermittlung in einem Todesfall. Dem Toten selber konnte eine solche ohnehin nicht mehr helfen, für ihn war die Angelegenheit mit seinem Ableben erledigt, versicherte sich Gasperlmaier selbst.

Gasperlmaier fasste den Toten unter den Armen, einen Anflug von Ekel einem höheren Ziel zuliebe unterdrückend. Erleichtert stellte er fest, dass die Leichenstarre noch kaum eingesetzt hatte. Gasperlmaier ließ ihn zu Boden gleiten. Die zuvor angezogenen Beine gaben im Hüft- und Kniegelenk nach und streckten sich. Leere Augen starrten ihn an, der Mund des Toten blieb leicht geöffnet, so, wie er auf der Bank gesessen war. Gasperlmaier wandte seinen Blick rasch ab.

Er kam nun nicht umhin, deutlich zu erkennen, woran der Mann gestorben war. Oberhalb des Hosenbunds klaffte linkerseits ein breiter Riss in seinem weiß-blau karierten Hemd, das rund um diese Stelle völlig von getrocknetem Blut geschwärzt war. Am Ende, so dachte Gasperlmaier bei sich, hatte der Doktor – wie er die Leiche bei sich zu nennen beschlossen hatte – einen Stich mit seinem eigenen Hirschfänger abbekommen, dem Messer, das man dem Brauch nach in einer eigens dafür aufgenähten Tasche am rechten Oberschenkel trug. Ein kurzer Blick verriet ihm, dass das Messer fehlte.

Zuerst wollte sich Gasperlmaier allerdings um die Bank kümmern. Eine blutbesudelte Bank im Bierzelt, ohne den dazugehörigen Bluter, der immerhin einen nicht zu übersehenden Lederhosenabdruck auf derselben hinterlassen hatte, würde ebenso eine Untersuchung, Absperrung oder dergleichen, mithin einen Ausfall des Kirtags, mit sich bringen. Gasperlmaier schnappte die Bank in einem Akt hastiger Kraftanstrengung, wie sie Menschen nur in außergewöhnlichen Situationen zu vollführen imstande sind, verließ mit ihr das Bierzelt durch einen Seiteneingang, warf die Bank in ein nahes Gebüsch, klappte ihre Metallbeine zusammen und schob sie in den Schatten unter die tief hängenden Äste. So schnell würde man sie dort weder suchen noch finden.

Nun galt es, die Leiche weit genug vom Bierzelt wegzuschaffen. Gasperlmaier machte sich keine Illusionen: Den Doktor so zu verstecken, dass er nicht gefunden werden würde, war aussichtslos. Er musste nur so weit vom Bierzelt weggebracht werden, dass eine allfällige Leichenauffindung und die darauf folgenden Ermittlungen abseits und ohne Störung des Bierzeltbetriebs vonstatten gehen konnten.

Den Doktor aus dem Zelt zu schleifen, war schwerer, als er sich das vorgestellt hatte. Peinlich berührt sah Gasperlmaier, dass ein Schweißtropfen, der sich von seiner Stirn gelöst hatte, die Leiche genau an der Nasenwurzel traf. Zudem musste Gasperlmaier feststellen, dass die Haferlschuhe des Verstorbenen so deutliche Schleifspuren hinterließen, dass ihm am Gelingen seines Unternehmens Zweifel kamen. Er ließ den Mann vollends zu Boden gleiten und zog ihn an den Händen über die Wiese weiter. Wieder musste Gasperlmaier dabei den Ekel überwinden, der in ihm aufstieg, als er die Arme des Toten gegen den Widerstand der einsetzenden Leichenstarre nach oben zu verdrehen gezwungen war. Nun waren die Schleifspuren zwar wahrnehmbar, aber nicht allzu auffällig, und würden bald von den Lastwagen und Traktoren der Lieferanten frischen Biers und roher Grillhendln verwischt werden. Die Bauchwunde des Toten hatte durch die Bewegung wieder zu bluten begonnen: Rote Flecken breiteten sich jenseits der braunen, eingetrockneten Ränder aus.

Nach weniger als zwanzig Metern im bereits prallen Sonnenschein wurde Gasperlmaiers Unterfangen jäh durch das Brummen eines Dieselmotors unterbrochen. Ein LKW der Gösser-Brauerei tauchte langsam und auf der holprigen Wiese wild auf und ab tanzend aus dem Schatten der Zeltwand auf. In seiner Verzweiflung tat Gasperlmaier das einzig Mögliche: Er verschwand mit seiner Last im Pissoir, das auf der Wiese hinter dem Bierzelt seinen Platz gefunden hatte.

Nun war das Pissoir des Altausseer Bierzelts in sich eine Besonderheit: Frei stehende Stahlwannen, in die man sein Wasser abzuschlagen hatte, waren nicht etwa in einem Wagen, einem Nebenzelt oder vergleichbaren, sonst durchaus üblichen Baulichkeiten untergebracht, sondern lediglich von einer etwa brusthohen Pappkartonwand abgeschirmt, sodass der Benutzer des Pissoirs, je nach Ausrichtung, während seiner Tätigkeit den Blick auf den Tressenstein oder auf die sonnendurchflutete Trisselwand lenken konnte. Manche sahen das als Vorteil – immerhin tauschte man Uringestank und schmutzigweiß gestrichene, von Fliegen dicht bevölkerte Pissoirwände gegen einen grandiosen Blick in die Landschaft des Salzkammerguts ein. Die Ausblicke, die man vom Pissoir des Altausseer Bierzelts genießen konnte, zierten anderswo Kalenderblätter oder die Umschläge von Reiseführern. Gasperlmaier allerdings hatte sich mit dieser Weise, sich im Übermaß genossenen Bieres zu entledigen, niemals anfreunden können. Gewiss konnte man während des Benutzens des Urinals zuvor begonnene Unterhaltungen mit beispielsweise der draußen wartenden Begleiterin ohne lästige Unterbrechung weiterführen, doch Gasperlmaier waren die Freuden des ungezwungenen Gesprächs während des Wasserlassens nicht zugänglich. Gestern erst hatte er kurz nach Einbruch der Dunkelheit das Pissoir aufgesucht, während seine Frau draußen gewartet hatte. Gerade während der so heiklen Anfangsphase hatte sie zu ihm hin gelächelt: „Geht’s leicht nicht?“, und es war wirklich nicht, zumindest nicht gleich und nicht leicht, gegangen.

Sogar ein Kameramann hatte sich vor der Anlage herumgetrieben, professionell ausgerüstet, mit einem Assistenten, der an einer langen Stange ein pelziges Mikrofon herumtrug. Ob Gasperlmaier gefilmt worden war, wusste er nicht zu sagen. Jedenfalls gab es Angenehmeres, als womöglich in einer Fernsehsendung dämlich grinsend beim Urinieren gezeigt zu werden, wenn auch nur von der Brust aufwärts. Ohnehin hatte er die Fernsehdokumentationen satt, in denen Bräuche des Ausseerlandes als originell, aber kurios dargestellt wurden – in einer Art und einem Tonfall, in dem der Sprecher auch einen Film über die Humboldtpinguine an der südchilenischen Küste kommentieren würde. Gasperlmaier verstand sich nicht als putziges Kuscheltier der Großstädter, sicher nicht.

Gasperlmaier ließ seine Last fallen und zwischen den Urinalen zu liegen kommen, sodass der Körper des Toten mit den beiden im rechten Winkel zueinander aufgestellten Rinnen ein Dreieck bildete.

Die Leiche war aus dem Bierzelt beseitigt, die größte Gefahr abgewandt. Doch wie ein Stromstoß durchfuhr es Gasperlmaier siedend heiß, als er bereits das Mobiltelefon am Ohr hielt und die Nummer des Postenkommandanten gewählt hatte: Wenn das Pissoir gesperrt werden musste, konnte dann überhaupt das Bierzelt geöffnet werden? Wohin mit all denjenigen, die ein dringendes Bedürfnis verspürten? Konnte die Toilettenanlage im Gebäude der Tourismusinformation den Zustrom aufnehmen und verkraften?

Zu spät, um für diese Probleme nach einer Lösung zu suchen: Der LKW der Brauerei hatte nur wenige Meter von Gasperlmaier entfernt angehalten, und Gasperlmaiers Vorgesetzter, der Kahlß Friedrich, hatte sich bereits gemeldet: „Gasperlmaier? Was ist?“

Gasperlmaier meldete den Fund eines Toten im Pissoir des Bierzelts, und den gehaltvollen Flüchen des Postenkommandanten entnahm er unschwer, dass auch diesem der Vorfall, an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt, schwer zu schaffen machte. „Das ist jetzt ein Riesenproblem, Gasperlmaier, ist das!“ war, von den Kraftausdrücken abgesehen, sein erster Kommentar, worauf Gasperlmaier hilflos die Schultern zuckte, ohne sich der Tatsache bewusst zu werden, dass Mobiltelefone körpersprachliche Signale nicht zu übertragen pflegten.

2

„Herrgottsakrament!“, entfuhr es dem Kahlß Friedrich, nachdem er seinen massigen Leib durch die Eingangsöffnung des Pissoirs gezwängt hatte. Gasperlmaier empfand Erleichterung darüber, dass er nun nicht mehr mit der Leiche allein war. Auch bereute er bereits jetzt sein voreiliges Handeln – der deutliche Druck, der leichte Schmerz, das Ziehen im Magen – all das Zeichen, die ihm klar sagten: Du hast etwas falsch gemacht, Gasperlmaier. Das wird dir noch Ärger bereiten.

Kahlß stand zunächst ebenso untätig wie unschlüssig neben seinem Untergebenen, nahm sein Kapperl ab und kratzte sich an dem spärlichen, ihm noch verbliebenen Haarkranz. „Dass das ausgerechnet jetzt passieren muss!“ Kahlß hatte, wie Gasperlmaier wusste, noch drei Jahre bis zur Pension, dennoch hatte er sich schon im Vorjahr angewöhnt, jeden außergewöhnlichen Vorfall, der dazu geeignet war, seine Arbeitsbelastung wie seinen ohnehin schon überhöhten Blutdruck aus der Balance zu bringen, lauthals zu bejammern – warum denn das ausgerechnet so kurz vor der Pension passieren habe müssen. Dennoch, Kahlß war sonst die Ruhe in Person. So wie sein Bauch war sein phlegmatisches Verhalten im Laufe der Dienstjahre langsam, aber ebenso stetig angewachsen.

Nachdem sich Kahlß ausgiebig gekratzt hatte, beugte er sich zu der Leiche hinunter, um ihr ins Gesicht zu sehen. „Der Doktor Naglreiter!“, entfuhr es ihm nun. „Was macht denn der hier?“ Gasperlmaier war sich sicher, dass Kahlß eine rein rhetorische Frage gestellt hatte, auf die er weder von ihm, Gasperlmaier, noch von der Leiche eine aufschlussreiche Antwort erwartete.

„Du kennst ihn?“, fragte Gasperlmaier den Friedrich ebenso rhetorisch wie unnötig. „Freilich! Meine Schwägerin, die Evi, putzt bei ihm. Hat geputzt“, besserte sich Kahlß aus. „Hast du ihn nicht gekannt?“ Gasperlmaier musste verneinend den Kopf schütteln. Oft hatte er schon feststellen müssen, dass er viel weniger Leute kannte als seine Kameraden bei Feuerwehr und Polizei. Er interessierte sich nicht so für die Migranten aus Wien und den Landeshauptstädten, ihm waren die Altausseer und die Ausseer genug. Vielmehr blickte er mit ein wenig Verachtung auf jene herab, die im Wirtshaus immer wieder versuchten, sich mit den Halbprominenten aus Wien, wie er sie bei sich nannte, wichtig zu machen, besonders mit dem ehemaligen, nun über siebzigjährigen Minister, der hier herinnen gern den Salzbaron gab und wie einst der Kaiser jedes denkbare Klischee zu bedienen versuchte. So war er zum Beispiel schon häufig dabei zu beobachten gewesen, wie er mit Lederhose und Gamsjackerl angetan mit der Plätte über den See zum Kahlseneck hinüberfuhr.

„Der Doktor Naglreiter!“, wiederholte Kahlß, sich am Kinn kraulend. „Die Lederhose ist mir gleich so bekannt vorgekommen.“ Auf den fragenden Blick Gasperlmaiers hin erklärte Kahlß, der Doktor Naglreiter habe seine Schwägerin, die Evi, vor ein paar Monaten gefragt, wo er denn eine gute Altausseer Lederhose, wenn möglich maßgeschneidert, herbekomme, ohne ein oder zwei Jahre warten zu müssen. „Weil vielleicht bin ich dann schon tot!“, habe er zur Evi gesagt, so Kahlß, „und jetzt, schau ihn dir an, jetzt hat er die Lederhose, die neue, und ist trotzdem tot. Und die Lederhose ist auch hin.“

Die Evi habe also, fuhr der Kahlß Friedrich fort, dem Doktor Naglreiter geraten, sich an den Traninger draußen in Aussee zu wenden, und dort habe man zwar gejammert, die Näherin sei im Krankenstand, die kriege eine neue Hüfte, und man könne eigentlich keine Aufträge mehr annehmen, und dann habe man dem Doktor Naglreiter nach längerem Hin und Her doch eine neue Altausseer Lederhose angemessen, weil er natürlich die teuerste aller offerierten Möglichkeiten gewählt hatte, und sie war doch noch rechtzeitig zum Kirtag fertig geworden.

„Wenigstens hat er sie noch einmal tragen können“, meinte Gasperlmaier, ein wenig erleichtert, „und ganz hin ist sie auch wieder nicht, wegen dem bisschen Blut. Hat er denn einen Sohn, der Doktor Naglreiter, der die Hose kriegen kann?“, wollte Gasperlmaier noch wissen, denn er teilte die Sorge des Kahlß Friedrich um das wirklich sehenswerte Stück, das da jetzt am toten Hintern des Doktor Naglreiter hängend im Dreck der Wiese lag, in der das Klosett aufgestellt worden war.

„Freilich“, entgegnete der Friedrich, „zwei Kinder hat er, der Doktor, die sind beide schon erwachsen, der Sohn, meine ich, ist Student, und die Tochter!“, Kahlß pfiff durch die Zähne, „mein Lieber, da tut sich was, wenn die ihren Balkon im Dirndl spazieren trägt. Aber der Sohn, das ist eine rechte Krätzn, der spielt gern den großen Herrn, schmeißt mit dem Geld um sich, obwohl er selber gar keins verdient.“

„Du, Kahlß“, erkundigte sich Gasperlmaier, „was für ein Doktor ist denn eigentlich der Doktor Naglreiter?“

„Das weißt du auch nicht?“ Kahlß zog verwundert die Augenbrauen hoch.

Gasperlmaier ließ es bleiben, dem Kahlß zu erklären, dass er wohl sehr schlecht wissen konnte, was für ein Doktor der Naglreiter gewesen sei, wenn er ihn gar nicht gekannt hatte. Weil ja das Wissen, wer einer ist, zunächst einmal davon abhängt, dass man weiß, dass es ihn überhaupt gibt.

Aber schon sprach der Friedrich weiter: „Ein Rechtsanwalt ist – war – der. Mit einem Haufen Geld. Ein neues Haus hat er gebaut, oben, in Lichtersberg, aber so, dass es ausschaut, als ob es ein ganz altes, überliefertes Altausseer Haus wäre.“

Nachdem nun alles Wesentliche besprochen schien, kehrte Schweigen zwischen den beiden langjährigen Kollegen ein, das aber bald von Kahlß mit einem heftigen „Himmiherrgottsakrament noch einmal!“ beendet wurde. „Jetzt müssen wir wen anrufen. Bleib du da und ich ruf in Liezen an, die müssen uns wen herschicken, die Spurensicherung, und ein Ermittlerteam, da können wir nicht einfach selber herumfuhrwerken, da braucht’s ein paar Studierte, in so einem Mordfall.“

„Vielleicht war’s gar kein Mord“, versuchte Gasperlmaier den Friedrich zu beruhigen. Da aber bewies der Kahlß Friedrich, dass er als Vorgesetzter doch den besseren Durchblick hatte: „Ja, glaubst du vielleicht, der Doktor Naglreiter hat sich selber ein Messer in den Bauch gebohrt, es dann gut versteckt oder in den See geworfen und sich dann zum Verbluten ins Pissoir gelegt?“ Gasperlmaier musste sich im Stillen eingestehen, dass Kahlß natürlich – aus seiner Sicht gesehen – recht hatte. Wohingegen Gasperlmaier verlässlich wusste, dass sich der Doktor Naglreiter zum Verbluten einen weit besseren Platz ausgesucht hatte als das Pissoir.

Als der Kahlß Friedrich zum Auto stapfte und Gasperlmaier mit der Leiche allein ließ, war er sich gar nicht mehr sicher, ob seine Idee, den Leichnam aus dem Bierzelt zu entfernen, wirklich eine gute gewesen war. Der Knoten in seinem Magen zog sich nämlich immer mehr zusammen, und plötzlich wurde Gasperlmaier schmerzlich bewusst, dass man ja genauso gut beim Schneiderwirt drüben seine paar Bier hätte trinken können, und dass ein Kirtag gar niemals so wichtig war, wie er das vor einer halben Stunde noch gedacht hatte. Wo doch die Stube drüben beim Schneiderwirt wesentlich gemütlicher war als die lehnenlosen Bierbänke im überfüllten, verrauchten Zelt, wo einem spätabends das Kondenswasser, das sich unter der Deckenplane gebildet hatte, ins Bier tropfte.

„Sie kommen.“ Kahlß zwängte sich wieder seitlich durch die Eingangsöffnung des Pissoirs. Obwohl, dachte Gasperlmaier bei sich, es bei der Leibesfülle des Kahlß Friedrich völlig nebensächlich sein dürfte, ob er seitlich oder geradeaus durch einen Spalt zu schlüpfen versuchte, weil der Durchmesser, der hier ja wohl das Entscheidende war, so oder so etwa der gleiche sein musste. Wahrscheinlich war das Sich-seitlich-Durchzwängen mehr psychologisch.

„Ich pass jetzt hier auf den Doktor Naglreiter, also die Leiche, auf, und du nimmst dir das Plastikband und die Stecken aus dem Auto und sperrst alles ab.“ Gasperlmaier war es recht, dass er aus dem Pissoir jetzt endlich hinauskam, dennoch hatte ihn Kahlß ein wenig verunsichert. „Alles?“ Der Kahlß wurde ein wenig präziser: „Na, was halt geht, alle Ein- und Zugänge, die in Liezen draußen sagen, alles wird abgesperrt, niemand kommt vor der Spurensicherung aufs Gelände. Ich hab schon am Posten in Aussee angerufen, die schicken wen, der gleich einmal die Zufahrten zu den Parkplätzen sperrt und ein paar Tafeln aufstellt.“

Wie Gasperlmaier befürchtet und verhindern hatte wollen, wurde aus dem Kirtag nun doch nichts mehr. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stand Gasperlmaier dem Kirtag aber mit zunehmender Gleichgültigkeit gegenüber, vielmehr fürchtete er sich immer heftiger davor, dass sein eigenmächtiges Eingreifen auffliegen und die unangenehmsten Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

Auf dem Weg zum Auto kam Gasperlmaier am Lastwagen der Gösser-Brauerei vorbei, der schon aufgetaucht war, als er noch allein mit Naglreiters Leiche beschäftigt gewesen war. Ein wenig wunderte es ihn schon, dass weder Fahrer noch Beifahrer bei ihnen vor oder im Pissoir aufgetaucht waren, um herauszufinden, was die Polizei am frühen Morgen so ausgiebig beschäftigte. Doch eben in diesem Moment schlug der Fahrer des Wagens eine Zeltplane zurück und trat vor Gasperlmaier hin. „Was macht’s denn ihr schon so früh da heraußen?“, wollte der jetzt natürlich wissen, und Gasperlmaier sah weder einen Grund, ihm Auskunft über das Einschreiten der Polizei zu verweigern, noch fiel ihm auf die Schnelle eine plausible Lüge ein. „Eine Leiche haben wir, im Pissoir.“ Und als sich die Blicke des Fahrers instinktiv dem genannten Ort zuwandten, sodass Gasperlmaier glauben musste, er wolle jetzt stante pede den Tatort besichtigen, fand er zur nötigen Autorität seines Amtes: „Ihr könnt’s gleich zusammenpacken und abfahren, hier wird heute kein Bier ausgeschenkt, ist alles Tatort, wird alles sofort abgesperrt.“

Irgendwie war dem Gasperlmaier nun leichter, und ohne dem Bierfahrer noch weitere Aufmerksamkeit zu schenken, ging er zum Einsatzwagen des Kahlß Friedrich, holte eine große Rolle Absperrband heraus und wandte sich zunächst den Zugängen zum Bierzeltgelände zu, wo er begann, zwischen Bäumen und Zaunpfosten, Hecken und Verkehrstafeln die Plastikstreifen zu verankern, um die Altausser, die bald in Feststimmung auf das Gelände würden strömen wollen, nachdrücklich daran zu hindern.

3

Natürlich hatte sich die Sache nicht ganz so entwickelt, wie der Kahlß Friedrich es angeordnet und sich vorgestellt hatte. Als ein weißer Audi mit Liezener Kennzeichen hinter einem Streifenwagen auf die Wiese hinter dem Pissoir rollte, hatte sich bereits eine ansehnliche Menge Schaulustiger dort versammelt, die sich zwar nun hinter einer Absperrung befand, hinter die sie von Kahlß, Gasperlmaier und zwei Ausseer Kollegen, deren eine eine Kollegin war, gedrängt worden waren, zuvor aber hatten sie ausgiebig die Gelegenheit genutzt, in der Umgebung des Pissoirs sämtliche denkbaren Spuren zu zertrampeln. Wie hätten Gasperlmaier und Kahlß, die ja zunächst nur zu zweit am Tatort gewesen waren, sie auch daran hindern können?

Gasperlmaier war dies nur recht. Von Schleifspuren, die aus dem Zelt zum Pissoir führten, war nun mit Sicherheit nichts mehr zu sehen, weil eine Gruppe Schaulustiger gerade jenen Streifen Gras besetzte, über den Gasperlmaier den Doktor Naglreiter hatte ziehen müssen, um ihn im Pissoir ablegen zu können, wo er sich noch immer befand.

Ebenfalls im Pissoir befanden sich die Damen und Herren der Abteilung für Spurensicherung, die wirklich in so weißen, halb durchsichtigen Plastikanzügen steckten, wie Gasperlmaier das bisher nur im Fernsehen gesehen hatte. Und die, wie man aus den Flüchen besonders eines etwas korpulenteren Beamten unschwer entnehmen konnte, bereits unmäßig schwitzten.

Gasperlmaier, an der Seite des Kahlß Friedrich, erwartete die Ermittler aus Liezen, die wohl in dem weißen Audi sitzen mussten, denn aus dem Streifenwagen stiegen nur zwei Uniformierte, die gleich auf Gasperlmaier und den Kahlß Friedrich zuhielten.

Aus dem Audi stieg aber eine Frau in einem feinen Kostüm, und Gasperlmaier war sich zunächst nicht ganz im Klaren darüber, wer das sein konnte und was die hier verloren hatte. Aber es dauerte nur wenige Sekunden, bis die Frau ein paar Schritte auf sie zu gemacht hatte und Gasperlmaier begriffen hatte, dass sie die Ermittlerin aus Liezen sein musste, die man geschickt hatte, um den Todesfall aufzuklären. Von seiner Frau war Gasperlmaier über die Jahre ebenso behutsam wie konsequent in die Geheimnisse der Gleichberechtigung der Geschlechter eingeweiht worden, sodass er eine nur mehr sehr kurze Schrecksekunde erlebte, sobald er einer Frau gegenüberstand, die eine Position einnahm, in der Gasperlmaier sich bis dahin nur Männer hatte vorstellen können.

Gasperlmaier streckte schon die Hand aus, um sie zu begrüßen, während die Frau, ohne ihn wahrzunehmen, an ihm vorbeisteuerte und den schwitzenden dicken Spurensicherer ansprach.

Einerseits ärgerte es Gasperlmaier, dass er von der Dame vollständig übersehen worden war, was indessen dem Kahlß Friedrich völlig egal zu sein schien, der versonnen zur Trisselwand hinüberblickte und froh darüber schien, dass der wegen der vielen Gaffer unmittelbar am Tatort fällige Rüffel bisher ausgeblieben war.

Andererseits konnte Gasperlmaier seine Blicke nicht von der Frau lassen, deren Auftritt bei ihm einen unmittelbaren und tiefen Eindruck auslöste. Ihr Kostüm war nicht ganz weiß, der Rock endete wenig oberhalb der Knie, und ihre wohlgeformten Beine steckten ihn ganz schön hohen Stöckelschuhen. Die konnte sie auch brauchen, dachte Gasperlmaier bei sich, denn sie war recht klein und reichte Gasperlmaier, der selbst kein Riese war, gerade einmal bis zum Kinn. Jetzt allerdings waren die Stöckelschuhe eher ein Hindernis, denn gerade war sie mit einem Absatz tief in die Wiese gesunken und dadurch fast ins Pissoir hineingestolpert. Der Fluch, der darauf folgte, flößte Gasperlmaier durchaus Respekt ein, war aber wenig damenhaft.

Was Gasperlmaier faszinierte, ein wenig aber auch ängstigte, war ihr scharfer, entschlossener Blick, der nun zwischen der Leiche am Boden des Pissoirs, den Mitgliedern der Spurensicherungsgruppe und den Uniformierten, die sie umstanden, hin und her glitt. Eine saubere Figur hat sie auch, dachte Gasperlmaier, das Kostüm verriet, dass Rundungen und Ausbuchtungen gerade dort sich befanden, wo Gasperlmaiers Meinung nach sie bei einer ordentlichen Frau auch hingehörten. Wenn man die Frau, dachte Gasperlmaier, jetzt zum Beispiel auf einem Computerfoto so um zwanzig Zentimeter in die Länge ziehen würde, hätte man die Perfektion schlechthin. Wie er von seinen Kindern wusste, wurde das in Modemagazinen routinemäßig gemacht. Heutzutage lernten die Kinder das schon in der Schule.

In seinem Sinnieren wurde Gasperlmaier völlig überrumpelt davon, dass ihm die Frau plötzlich die Hand hinstreckte, um ihn lächelnd zu begrüßen. „Doktor Kohlross, Bezirkspolizeikommando“, stellte sie sich vor. So perplex war Gasperlmaier, dass er nur einen Laut hervorbrachte, irgendwo zwischen einem unklaren Röcheln und einem vorsichtigen Grunzen, und dass sie schon dem Kahlß Friedrich die Hand schüttelte, als Gasperlmaier endlich seinen Namen herausbrachte und ins Leere hineinrief: „Gasperlmaier, Polizeiposten Altaussee!“, worauf ihn der Kahlß Friedrich von der Seite her ein wenig seltsam anschaute.

Das Lächeln der Frau Doktor Kohlross hatte den Gasperlmaier so gefangen genommen, dass er nur die Augen mit ihren feinen Lachfältchen, ihre vollen, weichen Lippen und das rotbraune, lang und glatt über den Rücken fließende Haar mit seinen orangen Strähnen in sich noch nachwirken ließ, während er nach außen hin nicht mehr als einen durchaus leeren Gesichtsausdruck mit etwas blöde wirkendem Lächeln zustande brachte.

Dazu kam ihre Stimme: klar, kräftig, nicht ohne Autorität und Schärfe, aber auch mit einem auf Gasperlmaier äußerst erotisierend wirkenden Timbre. Augenblicklich stellte sich bei Gasperlmaier schlechtes Gewissen ein – das untrügliche Zeichen dafür war das Bild seiner Christine vor seinem inneren Auge, mit blitzenden Augen und warnend erhobenem Zeigefinger. Nach und nach bekam sich Gasperlmaier wieder unter Kontrolle, nicht aber ohne den Bewegungen der Frau Doktor Kohlross mit wachsamen Augen zu folgen.

Langsam schien sich das Sichern der vorhandenen Spuren – dem nur schwer zu verstehenden Gemurmel der Beamten nach – seinem Ende zu nähern, als ein weiteres Fahrzeug, diesmal ein schwarzer Geländewagen japanischer oder koreanischer Marke, mit eingeschaltetem Blaulicht auf dem Dach, eine verwegene Spur durch die Wiese zog. Da freut sich der Doktor Walter, dachte Gasperlmaier bei sich, dass er mit seinem Allradantrieb wieder einmal was anfangen kann, weil er gar so Gas gab in der Wiese, dass die Erdbrocken nur so flogen.

Die Frau Doktor Kohlross begrüßte den Arzt kurz, worauf er mitsamt ihr und ihren Stöckelschuhen im Pissoir verschwand. Gasperlmaier näherte sich langsam dem Kartonverschlag, um genauer beobachten zu können, was dahinter vorging.

Die Spurensicherer wurden von Frau Doktor Kohlross mit einer Armbewegung verscheucht, drückten sich durch die Öffnung nach draußen und verschwanden zu ihren Fahrzeugen, wohl um die lästigen Plastikanzüge loszuwerden.

Der Arzt beugte sich über die Leiche, drückte da und dort ins kalte Fleisch, schob ihr die Stutzen hinunter, worauf violette Flecken sichtbar wurden, öffnete die Augenlider und brummte ein wenig herum, bevor er die Leiche auf den Rücken drehte und vorsichtig Arme und Beine zu bewegen versuchte.

Wieder hatte Gasperlmaier nun Gelegenheit, dem Doktor Naglreiter ins Gesicht zu blicken. Irgendeinen Ausdruck konnte er dem nicht entnehmen, obwohl man doch in Kriminalromanen so oft lesen konnte, dass dem Opfer der Todesschmerz in die Züge gebrannt war. Auch kein anderer Gesichtsausdruck war feststellbar, also auch keine Verzückung, wie sie oft beschrieben wurde, wenn Opfer beim Liebesakt ihr Leben hatten lassen müssen. Was aber hier ohnehin nicht zur Diskussion stand. Der Doktor Naglreiter starrte leer und ausdruckslos zum Himmel empor und verursachte Gasperlmaier allein durch seine Anwesenheit Magenschmerzen.

„Wie lange ist er denn schon tot?“, kam die übliche Frage der Frau Doktor Kohlross. Doktor Walter zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen. Ein Gerichtsmediziner bin ich nicht. Aber so vier, fünf Stunden werden es wohl sein. Mindestens. Wenn er hier im Freien gelegen ist.“

„Was heißt, wenn?“ Eine tiefe, senkrechte Falte erschien über der Stirn der Frau Doktor. Sie war wohl, fiel Gasperlmaier ein, die erste Frau, die sich in das Pissoir des Altausseer Kirtags verirrt hatte, und war so ein gänzlich fremdartiger Anblick.

„Na ja, die Totenstarre hat schon teilweise eingesetzt. Wenn er allerdings hier gestorben wäre, gäbe es keine Leichenflecken an den Unterschenkeln, sehen Sie, hier?“ Der Doktor wies auf hässliche bläuliche Verfärbungen an den Waden der Leiche. „Die Beine müssen bei Eintritt des Todes, und auch noch danach, hinuntergehangen haben, wahrscheinlich ist er gesessen. Ich würde sagen, der Tote ist einige Zeit, nachdem er gestorben ist, noch einmal bewegt worden. Möglicherweise erst vor ein, zwei Stunden.“

Gasperlmaier schoss es siedend heiß bis in den Schädel hinein. Normal hielt er nicht viel von der Kunst des Doktor Walter, der schien ihm mehr von Autos und Golfschlägern zu verstehen als von Nieren, Hautausschlägen und unklaren Schmerzzuständen in den Eingeweiden, von denen Gasperlmaier plötzlich und heftig heimgesucht wurde. Diesmal allerdings, wusste Gasperlmaier, hatte der Doktor ins Schwarze getroffen.

„Die Spurensicherung meint auch, dass Fundort und Tatort nicht übereinstimmen. Sie haben viel zu wenig Blut für die Verletzung gefunden.“ Wie hatte Gasperlmaier nur im Traum annehmen können, sein Leichentransport werde unentdeckt bleiben. Gerade fielen ihm wieder die weiteren Beweise ein, die er zurückgelassen hatte: die blutige Bierbank im Gebüsch und wohl auch ein paar Blutspuren unter dem Tisch, wo, wie Gasperlmaier jetzt erst klar wurde, die Bank natürlich vermisst werden würde. Zu jedem Tisch gehörten zwei Bänke – und einem fehlte nun eine solche. Die Spurensicherer würden nicht ruhen, bevor sie nicht auch den letzten Winkel des Bierzelts nach Nasenhaaren und Hautschuppen des verblichenen Doktor Naglreiter abgesucht hatten, und Gasperlmaier hatte bei seiner Leichen- und Bankbeseitigung leichtsinnigerweise nicht einmal Handschuhe getragen!

Beim nächsten Leichenfund würde Gasperlmaier, das schwor er sich schon jetzt, jedenfalls still und heimlich verschwinden und sich krank melden, bis jemand anderer ihm dieses unangenehme Geschäft abgenommen haben würde.

„Sie haben also die Leiche gefunden?“ Schlagartig wurde Gasperlmaier aus seinen Gedanken gerissen, als ihn die Frau Doktor Kohlross, aus dem Pissoir tretend, jäh ansprach, und ebenso jäh riss es den Angesprochenen so ordentlich, dass die Frau Doktor verwundert die Augenbrauen hochzog.

Gasperlmaier bejahte, übertrieben mit dem Kopf nickend, der ihm nicht mehr so recht gehorchen und still auf dem Hals sitzen bleiben wollte.

„Was wollten Sie denn im Pissoir?“ Ganz sicher war sich Gasperlmaier, dass die Frau Doktor aus seinem hilflosen Gestikulieren auf eine Lüge schließen musste, dennoch bekam er es nicht unter Kontrolle. „Ich hab halt, weil ich …“ „Sie wollten es benützen?“, sprang ihm die Frau Doktor bei. Gasperlmaier nickte, während er Hitze in seinem Kopf aufsteigen spürte, die gewöhnlich mit der Rötung seiner Ohren und seines Gesichts einherzugehen pflegte. „Und Sie haben seine Lage nicht verändert?“ Gasperlmaier schüttelte energisch den Kopf und ließ dabei alle Hoffnung fahren, die Frau Doktor werde ihm glauben.

Abschätzig betrachtete sie Gasperlmaiers Zuckungen. „Ich glaub, wir setzen uns lieber kurz ins Zelt und Sie erklären mir noch einmal genau, wie die Situation war.“ Während Gasperlmaier, weiterhin nickend im Versuch, seine unkontrollierbaren Schädelbewegungen wenigstens zu dämpfen, sich hinter der Frau Doktor in Bewegung setzte, gab sie noch Anweisungen an die Uniformierten: „Alles absuchen, um das Zelt, drinnen, die Leute müssen weg. Spurensicherung ins Zelt.“

Drinnen setzte sie sich Gasperlmaier gegenüber hin, dem es gelungen war, sich ein wenig besser unter Kontrolle zu bekommen. Die Frau Doktor zog aus seiner deutlich erkennbaren Erregung aber die falschen Schlüsse. „Ich weiß, es ist ein Schock, eine Leiche zu finden, die so zugerichtet ist. Auch für mich ist es immer noch nicht leicht. Manche müssen sich in solchen Situationen sogar übergeben.“

Gasperlmaier ertappte sich dabei, wie er in das durchaus züchtige V des Ausschnitts der Kostümjacke der Frau Doktor stierte, in dem ein kleines Stück der Falte zu sehen war, die ihre Brüste voneinander trennte. Nicht aus Lüsternheit, auch nicht aus einfacher Freude an sichtbarer Schönheit hatte sich Gasperlmaier blickmäßig in die sichtbaren Brustansätze verbissen, das Problem war, dass er den Blickkontakt zu diesen klaren, alles wissenden, alles aus einem herausbohrenden Augen scheute. Er war sich völlig sicher, dass die Frau Doktor in seinen Augen wie in einem Buch lesen würde können, sobald er den Blick hob.

Der Frau Doktor Kohlross war nicht entgangen, welchen Einzelheiten Gasperlmaier seine Aufmerksamkeit widmete. „Hier heroben spielt die Musik!“ Mit diesen Worten schob sie ihren rechten Zeigefinger unter Gasperlmaiers Kinn, um es so weit anzuheben, dass er ihrem Blick standzuhalten nun gezwungen war.

„Wie heißen S’ denn eigentlich?“ Offenbar hatte sie die erste Nennung seines Namens, die zu spät gekommen und ins Leere gerufen worden war, tatsächlich nicht mitbekommen. „Gasperlmaier!“, brachte der Angesprochene hervor, so als ob es sein erstes Wort nach dem Aufwachen im Gefolge einer durchzechten Nacht gewesen wäre: heiser und mehr gekrächzt als gesprochen. Die Frau Doktor ging darüber hinweg und forderte Gasperlmaier neuerlich auf, ihr genau darzulegen, wie der Fund der Leiche des Herrn Doktor Naglreiter vor sich gegangen war.

Gasperlmaier gab, mit Händen und Armen rudernd, sich immer wieder räuspernd, seine eben zusammengereimte Lügengeschichte zum Besten. Sehr kompliziert war sie nicht: Er habe, wie immer, wenn er Streifendienst habe, das Bierzelt wie auch das Gelände darum herum kontrolliert, schließlich einen gewissen Drang verspürt und im Pissoir anstatt der erwünschten Erleichterung den Doktor Naglreiter gefunden. Dass er ihn nicht erkannt habe, sondern ihm der Kahlß Friedrich verraten habe, wer der Tote sei, beeilte er sich hinzuzufügen.

Ob er die Leiche berührt habe, wollte die Frau Doktor wissen. Scharf an ihrem rechten Ohr vorbeiblickend, hinter das sie gerade eine Haarsträhne geschoben hatte, log Gasperlmaier weiter, nein, keineswegs, er wisse, wie man sich in Angelegenheiten eines Leichenfunds zu verhalten habe. Gasperlmaier wurde der Kragen zu eng, aber er hütete sich davor, etwa einen Knopf zu öffnen oder mit den Fingern darunterzufahren, um sich mehr Atemluft zu verschaffen, hatte er doch zahllose Male in Kriminalfilmen der eher einfacheren Art gesehen, wie man auf diese Weise jemanden darstellte, dem beim Lügen das schlechte Gewissen hoch aufragend und kastenbreit im Weg steht.

Die Frau Doktor sah ihn auf eine Art und Weise an, die Gasperlmaier sagte, dass sie wusste, dass er ganz unverschämt log. Immer wieder ihren durchdringenden Blicken ausweichend, dabei tunlichst ihren Ausschnitt vermeidend, war Gasperlmaier nur noch Sekunden von einem Geständnis entfernt, als plötzlich ein lautes „Da ist was!“ die Aufmerksamkeit der Frau Doktor auf sich zog. Noch im Aufstehen warf sie ihm einen vernichtenden Blick zu, der Gasperlmaier sagte: Mit dir bin ich noch lang nicht fertig, ich krieg dich schon noch.

Einer der Spurensicherer deutete auf einen kaum wahrnehmbaren Fleck unter dem Tisch, dem die von Gasperlmaier ins Gebüsch verbrachte Bank fehlte. Frau Doktor Kohlross kniete sich neben dem Spurensicherer hin, um den Fleck näher in Augenschein zu nehmen. Der deutete mit den Fingern auf verschiedene Stellen im Dreck unter dem Tisch. „Das ist Blut!“, meinte er. Doktor Kohlross schwieg und zog die Schultern hoch. „Kann man so nicht erkennen. Kratzt es zusammen, und ins Labor damit!“

„Übrigens, hier ist eine Bank verschwunden. Da sieht man ganz genau die Abdrücke von den Beinen, hier und hier. Außerdem ist das der einzige Tisch mit nur einer Bank. Wo ist die?“ Der Scharfsinn der Frau Doktor Kohlross wurde sogleich von einem Ruf, der von außerhalb des Bierzelts kam, unter Beweis gestellt: „Wir haben da eine Bank gefunden!“

Während der Spurensicherer unter dem Tisch kauernd mit einer Spachtel Dreck zusammenkratzte und in ein bereitgehaltenes Plastiksäckchen füllte, mit einer Präzision und Umsicht, als handle es sich um wertvolle Überbleibsel einer versunkenen Kultur, verließ Frau Doktor Kohlross stöckelnd das Dämmerlicht des Bierzelts, Gasperlmaier aber blieb noch ein wenig sitzen, denn er war sich nicht gänzlich sicher, ob ihn seine Beine ob der ganzen Aufregung überhaupt weiter tragen würden. Schließlich gelang es ihm doch, sich zusammenzureißen, schließlich war er im Einsatz und konnte nicht einfach untätig hier sitzen bleiben. So erhob er sich schwerfällig von seiner Bank und folgte der Frau Doktor Kohlross aus dem Zelt.

Wenig überrascht sah er ein ganzes Grüppchen Beamter bei dem Gebüsch stehen, unter dem er die blutbesudelte Bank versteckt hatte. Er näherte sich mit zittrigen Knien und wollte die Spekulationen seiner Kollegen, wie die Bank wohl hierher gekommen sein könnte, gar nicht hören. Noch bevor er die Versammlung ganz erreicht hatte, drehte sich die Frau Doktor zu ihm um. „Wir haben die fehlende Bank gefunden. Sie ist voll Blut. Wollen Sie sie sehen?“ Gasperlmaier schüttelte abwehrend Kopf und Hände und hoffte, dass man seine Verweigerung der Bankbegutachtung aufkommender Übelkeit, des Blutes wegen, zuschreiben würde.

„Jetzt müssen Sie mir aber schon genau erklären, was da heute früh vorgefallen ist!“ Gasperlmaier entging die zunehmende Schärfe im Ton der Frau Doktor nicht. „Wie ich gesagt habe“, entgegnete er trotzig, „nur die Bierfahrer sind kurz nach mir gekommen, die sind gleich ins Zelt, aber das war eigentlich erst, als ich den Kahlß Friedrich schon angerufen habe.“

„Wer ist der Kahlß Friedrich?“, fragte die Frau Doktor mit zunehmender Schärfe in der Stimme, wohl, weil ihr noch nicht erklärt worden war, wie der Postenkommandant in Altaussee hieß, und weil sie dachte, Gasperlmaier habe irgendwen, einen Saufkumpan vielleicht oder den Leichenbestatter, zuerst gerufen.

Nachdem das Missverständnis ausgeräumt war, erkundigte sie sich nach den Bierfahrern, und als Gasperlmaier in aller Unschuld erklärte, die habe er weggeschickt, weil sie ja doch nur unnötig am Tatort herumgelaufen seien, platzte ihr erstmals der Kragen.

„Ja, von was für Fachleuten bin ich denn hier umgeben? Der schickt mir möglicherweise wichtige Augenzeugen gleich wieder weg!“, rief sie laut, gegen den Loser hin wild gestikulierend, der, obwohl sein Name ja ein Dialektbegriff für das Ohr war, ihr wohl kein Gehör schenkte.

Schnell hatte sie sich aber wieder unter Kontrolle: „Meine Herren, Bank und Spuren unter dem Tisch ins Labor, die Leiche kann weg. Wir gehen jetzt alle zunächst einmal auf den Posten, um uns Übersicht zu verschaffen. Allerdings dürfen wir nicht zu lange damit warten, das Wohnhaus der Familie aufzusuchen. Keine Pause vorläufig.“

4

Auf der einen Seite konnte es Gasperlmaier noch gar nicht fassen, dass er jetzt sozusagen mit der Frau Doktor Kohlross ein Team bildete, wie er da so mehr hinter als neben ihr die paar Meter zum Haus der Familie Naglreiter zurücklegte. Andererseits wiederum war es naheliegend: Die Frau Doktor wusste, dass aus ihm wichtige Informationen herauszuholen waren, die er noch nicht preisgegeben hatte. Und genau deshalb hatte sie bei der Besprechung auf dem Polizeiposten darauf bestanden, dass man ihr einen ortskundigen Beamten zur Seite stellte, der die Leute, die Gegend und die Verhältnisse kannte und ihr dadurch bei den Ermittlungen Zeit zu sparen half.