Licht und Schatten im Paradies -  - E-Book

Licht und Schatten im Paradies E-Book

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Beschreibung

Julia Bernheim, Tochter aus gutem Hause, wird von ihrem Vater von einer Klassenfahrt abgeholt. Zu diesem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht, wie hart das Schicksal noch zuschlagen würde. Durch eine unbedachte Äußerung ihrerseits, erleidet ihr Vater einen Herzinfarkt und fährt gegen einen Baum. Ihr Vater wird dabei nur leicht verletzt und erholt sich von seinem Infarkt schnell. Julia aber muss drei Operationen über sich ergehen lassen und muss viele Wochen in der Klinik verbringen. Dort lernt sie Heike Herbst kennen und freundet sich mit ihr an. Rechtzeitig zu ihrem 18. Geburtstag ist sie zu Hause. Zu der Geburtstagsfeier lädt sie auch Heike Herbst ein. Diese bringt ihren Chef, den Immobilienmakler, Gregor Bredowa mit, in den sich Julia unsterblich verliebt. Trotz Warnungen vom Vater und der Haushälterin, heiratet sie Gregor heimlich. Die Flitterwochen in den Dolomiten enden dramatisch. Zweimal entrinnt sie nur knapp dem Tod. Nur mit Hilfe des taubstummen Pepe und ihrem eisernen Willen übersteht sie diese schwere Zeit. Doch die Leidenszeit ist damit noch nicht vorbei. Als sie nach vielen Wochen endlich wieder in ihrer Villa am Bodensee ankommt, erwarten sie auch dort einige unangenehme Überraschungen.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Die Autorin

Erika Elisa Karg, Jahrgang 1940, wohnte viele Jahre im oberschwäbischen Weingarten und in Haidgau. Aus gesundheitlichen Gründen lebt sie heute überwiegend in einem Heilbad in Ungarn. Sie schrieb viele Gedichte, bevor sie anfing, Theaterstücke zu schreiben. Ihre Theaterstücke werden in Deutschland, Österreich und in Holland aufgeführt.

Licht und Schatten im Paradies ist ihr erster Roman.

Julia, Tochter aus gutem Haus, lernt an ihrem 18. Geburtstag den Immobilienmakler Gregor Bredow kennen. Trotz der Warnungen vom Vater und der Haushälterin, heiratet sie ihn heimlich. Die Flitterwochen in den Bergen enden dramatisch. Zweimal entrinnt sie nur knapp dem Tod. Mit Hilfe des taubstummen Almbauern Pepe und ihrem eisernen Willen übersteht sie diese schwere Zeit. Erst nach vielen Wochen kommt sie wieder in ihre Villa am Bodensee zurück. Aber auch dort warteten unangenehme Überraschungen auf sie.

Inhaltsverzeichnis

1. Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

2. Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

3. Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

1. Buch

1

Richard Bernheim sah zu den dunklen Wolken hoch, die über dem gesamten Bodenseegebiet hingen. Ausgerechnet heute musste es regnen, wo seine Tochter Julia ihr neues Zuhause kennenlernen sollte. Doch nicht mal der größte Wolkenbruch hätte ihn davon abhalten können, Julia in Stuttgart von ihrer ehemaligen Schule abzuholen. Zwei Wochen hatte er sie nicht mehr gesehen. Die Abschlussfahrt nach Paris wollte er ihr nach dem mit Auszeichnung bestandenen Abitur nicht verwehren. Heute kam sein Sonnenschein endlich zurück. Ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht, als er sich ausmalte, wie begeistert Julia über dieses Paradies sein würde. Entschlossen trat er durch die große Wohnhalle.

“Berta, ich fahre jetzt los!“, rief er laut. Berta, die ehemalige Gouvernante seiner verstorbenen Frau, kam aus der Küche. “Fahr vorsichtig. Denk an dein krankes Herz. Mach auch mal eine Pause. Hast du das Handy eingesteckt und einen Schirm im Wagen?” Um Berta zu beruhigen, nickte er zu all ihren Fragen. Dass sie ihn bis zur Garage begleitete, konnte er nicht verhindern. “Lass dich auf der Heimfahrt nicht hetzen, auch wenn unser Kindchen es nicht erwarten kann, ihr neues Zuhause zu sehen“, rief sie ihm zu, bevor er die Autotür hinter sich zudrückte und losfuhr. Trotz des prasselnden Regens, den die Scheibenwischer kaum bewältigen konnten, lächelte er. Seit vier Jahren beschwerte sich Julia, dass Berta sie immer noch “Kindchen” nannte. In drei Monaten war das Kindchen volljährig. Wo war die Zeit geblieben? Das kleine Mädchen mit Zöpfen und Zahnspange hatte sich in ein bezauberndes Wesen verwandelt. Das musste inzwischen auch ihren Mitschülern aufgefallen sein. Ob seine Tochter schon einem Jungen ihr Herz geschenkt hatte? Bisher hatten sich noch keine Anzeichen in dieser Richtung gezeigt. Paris war aber die Stadt der Liebe. Was, wenn sein Kleine sich dort verliebt hatte? Nein, Julia war anders als die Mädchen in ihrem Alter. Sie würde sich nie auf ein Abenteuer einlassen. Dass sie lieber lernen wollte, als sich zu vergnügen, gab ihm jedoch zu denken. Wollte Julia beweisen, dass sie als kleinste und schmächtigste der gesamten Klasse, in der Lage war, es mit ihren Mitschülern aufzunehmen? Oder lag es an Bertas altmodischer Erziehung?

Seine Tochter hätte sich sicher anders entwickelt, wenn seine geliebte Frau bei Julias Geburt nicht gestorben wäre. Dass Berta danach bei ihm geblieben war, rechnete er ihr hoch an. Was hätte er mit dem Baby machen sollen? Er musste sich doch um seine Firma kümmern. Berta versorgte nicht nur den Haushalt, sie päppelte auch das schwache Neugeborene hoch. Unermüdlich war die treue Seele nicht nur für ihn sondern vor allem für das Kind da. Mit einem Lächeln fuhr er auf die Autobahn. Wie oft war er in den vergangenen Monaten die Strecke von Stuttgart nach Kressbronn gefahren? Berta war anfangs mit seiner Idee, an den Bodensee zu ziehen, nicht einverstanden. Nachdem er ihr aber die Villa mit dem Park gezeigt hatte, war sie begeistert, obwohl Haus und Park renovierungsbedürftig waren.

Vor einem halben Jahr hatte ihm sein Freund Paul Weigand die leerstehende Villa empfohlen. Sofort nach der Besichtigung hatte er sich entschlossen, seine Baufirma in Stuttgart aufzugeben. Die Hoffnung, dass sein einziges Kind sein Lebenswerk übernehmen würde, hatte er ohnehin begraben müssen. Julia hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie an seiner Firma kein Interesse hatte. Sie war künstlerisch begabt. Malen war nicht nur ihr Hobby, sie wollte Kunstgeschichte studieren. Das konnte sie auch in Konstanz. Mit diesem Gedanken hatte er sich dann um die Renovierungsarbeiten gekümmert. Zu Julias Rückkehr war die Villa nun bezugsfertig geworden.

Um zu überwachen, dass alles nach seinen Wünschen angefertigt wurde, hatte er oft in Kressbronn übernachten müssen. Sein nächtliches Ausbleiben war Julia natürlich nicht entgangen.

Das neue Zuhause sollte eine Überraschung für Julia sein. Aber auf die vielen Fragen musste ihr Berta gestehen, dass ihr Papa kein Liebesverhältnis, sondern eine Villa am Bodensee gekauft hatte. Julia wollte das zukünftige Domizil gleich sehen. Nur mit Mühe war es ihm gelungen, Julia zu vertrösten. Bis die Umbauarbeiten abgeschlossen waren, konnte sie die Schule beenden. Während Julia auf Klassenfahrt war, hatte er das Mobiliar aus dem Stuttgarter Bungalow in die Villa bringen lassen. Seit Tagen war Berta damit beschäftigt, den Hausrat einzuräumen. Nun war es so weit. Er konnte Julia im neuen Heim willkommen heißen.

Es hatte aufgehört zu regnen. Die Sonne blinzelte durch die vorbeiziehenden Wolken. Rascher als gedacht, kam er vorwärts. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er noch viel Zeit hatte, um Julia in Empfang zu nehmen.

War es die Macht der Gewohnheit, dass er seinen Wagen nicht gleich zur Schule, sondern zum Industriegebiet steuerte? Vor seiner ehemaligen Firma stieg er aus. Nur unter der Bedingung, dass sein Nachfolger alle neunzig Mitarbeiter übernahm, war es zum Vertragsabschluss gekommen. Jetzt stand ein anderer Name auf dem Firmenschild. Er ging am Zaun entlang nach hinten. Vom Winkelbungalow, der durch hohe Bäume von der Firma abgegrenzt wurde, konnte er von hier aus das Walmdach sehen. Das Haus hatte er für Irina gebaut. Warum war das Schicksal nur so grausam? Warum durfte er nur zwanzig Jahre mit ihr glücklich sein und nicht sein ganzes Leben lang? Sein Herz schlug unregelmäßig, als er an die schöne Zeit mit ihr dachte. Wie vielversprechend hatte alles angefangen? An seinem dreißigsten Geburtstag hatte ihm sein Vater nach dem bestandenen Bauingenieurstudium die kleine Baufirma überschrieben. Dieses Ereignis musste natürlich gebührend gefeiert werden. Sein sonst sehr sparsamer Vater hatte ihn und alle Angestellten ins beste Hotel zum Essen eingeladen. Bei dieser Feier wollten alle auf ihren jungen Chef anstoßen.

Um in ein Nebenzimmer zu gelangen, führte sie der Kellner am großen Saal vorbei, in dem eine Hochzeitsgesellschaft feierte. Das Brautpaar schnitt gerade die Torte an, als sein Blick an einem Tisch hängenblieb. Neben einer beleibten, älteren Dame saß das bezaubernste Mädchen, das er je gesehen hatte. Wie angewurzelt war er stehen geblieben. Die junge Dame musste seine bewundernden Blicke gespürt haben. Sie sah ihn an und lächelte.

Dieses Lächeln hatte ihn zwanzig Jahre lang begleitet. Damals hätte er es noch nicht für möglich gehalten, dass die Tochter eines Großgrundbesitzers aus Westfalen, sich für ihn interessieren würde. Ihre Liebe zu ihm war aber so stark, dass sie nach der Hochzeit ihrer Cousine, zu der sie mit ihrer Gouvernante angereist war, nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrte. Irinas Vater hatte mit Enterbung gedroht. Diese Drohung hatte sie gelassen zur Kenntnis genommen. Und Berta, blieb auch. Sie führte den Haushalt, damit sich Irina um die Geschäfte kümmern konnte. Seine kleine Firma wuchs enorm. Während er mit seinen Mitarbeitern auf den Baustellen war, sorgte Irina für neue Aufträge. Anerkennend musste er zugeben, dass sie eine clevere Geschäftsfrau geworden war. Sie konnte knallhart verhandeln. Von Jahr zu Jahr vergrößerte sich die Firma. Das kleine Areal platzte aus allen Nähten. Als dann ein neues Industriegebiet erschlossen wurde, war es Irina, die ihn dazu animierte, das Angebot anzunehmen. Erst hatte er die Kosten gescheut, doch als seine resolute Frau ihm die Geschäftsbücher vorgelegt hatte, hatte er mit Freude zugegriffen. Das Baugrundstück war so groß, dass er hinter den Lagerhallen diesen Bungalow bauen konnte. Für das Haus hatte Irina zwei Kinderzimmer vorgesehen, die leider leer blieben. Jahr für Jahr warteten sie vergebens auf einen Nachfolger für ihre Firma.

Als Irina mit zweiundvierzig Jahren doch noch schwanger wurde, konnten sie beide ihr Glück kaum fassen. Der Frauenarzt machte sie darauf aufmerksam, dass es in ihrem Alter bei der ersten Geburt zu Komplikationen kommen könnte. Irina hatte seine Bedenken ignoriert, sich aber an all seine Anordnungen gehalten und sich geschont.

Sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin hatte er Irina ins Krankenhaus gefahren. Es war nun doch zu Komplikationen gekommen. Unruhig war er den Klinikflur auf und abgegangen. Dann kam ein Arzt auf ihn zu, schüttelte den Kopf und drückte ihm die Hände. Das Baby lebte, aber seine geliebte Irina hatte die Geburt nicht überlebt. Er wusste hinterher nicht mehr, wie er nach Hause gekommen war. Tagelang hatte er sich im Schlafzimmer eingeschlossen und sich seinem Schmerz hingegeben. Erst als Berta an seine Tür geklopft und ihn aufgefordert hatte, dass er endlich sein Töchterchen auf der Kinderstation besuchen sollte, war er zur Besinnung gekommen.

Das Kind, das Irinas Leben gekostet hatte, lag in einem Glasbettchen. Nicht nur der Kopf, der nicht größer war, als der einer Puppe, sondern auch der gesamte Körper war verpflastert mit dünnen Schläuchen. Entsetzt hatte er auf das winzige Wesen gestarrt. Das sollte seine Tochter sein?

Julia hatte überlebt! Berta, die Schwestern auf der Babystation und er hatten abwechselnd stundenlang das Baby gestreichelt und leise mit ihm gesprochen.

Nach fast vier Monaten durfte er seine Tochter endlich nach Hause holen. Weil Berta sich hauptsächlich um das Baby kümmerte, litt natürlich der Haushalt und er bekam manchmal nichts zu essen. Als Julia drei Jahre alt war, hatte ihm der Arzt versichert, dass seine Kleine stabil genug war, um in den Kindergarten zu gehen. Zuerst war er dagegen gewesen, doch als er sah, wie glücklich es seine Tochter machte, mit anderen Kindern spielen zu können, war er beruhigt.

Als Julia nach drei weiteren Jahren schulpflichtig wurde, wollten die Lehrer sie noch für ein Jahr zurückstellen. Julia wollte aber unbedingt in die Schule. Hartnäckig hatte sie darauf bestanden, den Eignungstest machen zu dürfen und bestand ihn mit Bravour. Vom Lerneifer besessen, konnte sie sogar eine Klasse überspringen. Was Julia an körperlicher Kraft fehlte, konnte sie mit geistiger Kraft ausgleichen.

Jetzt hatte sie schon ihr Abitur abgeschlossen. Die Fahrt nach Paris war der krönende Abschluss. In zehn Minuten würde er sein Töchterchen endlich wieder in die Arme nehmen können. In froher Erwartung fuhr er zur Schule. Der Bus musste eben angekommen sein. Nach und nach kamen die Schüler heraus, lachten und suchten ihre Gepäckstücke, die der Fahrer auslud. Wo war Julia? Er konnte sie nicht sehen. Was, wenn sie in Paris geblieben war? Am Telefon hatte sie voll Begeisterung von Paris erzählt. Wieder spürte er einen Stich in der Herzgegend.

“Hallo Papa”, hörte er endlich die vertraute Stimme. Julia stand auf der obersten Stufe in der Bustür und winkte ihm zu.

Energisch bahnte er sich den Weg durch Koffer und Taschen. Voll Freude drückte er seine Tochter an sich. “Was bin ich froh, dass du wieder da bist.”

“Ich auch, Papa. Lass uns gleich nach Hause fahren.” Richard verstaute das Gepäck im Kofferraum. “Wo ist denn Berta?“, erkundigte sich Julia. „Ich habe erwartet, dass sie mich hier mit den Worten empfängt: Kindchen, hast du in Frankreich nichts zu essen bekommen?”

Schmunzelnd startete er den Motor. “Auf diesen Satz musst du noch etwa zwei Stunden warten. Berta hatte einen Kuchen im Ofen, bevor ich losfuhr. Außerdem möchte sie noch Blumen in die Girlanden stecken.” Er ahmte Bertas Stimme nach. “Das Kindchen muss doch gebührend empfangen werden.”

“Girlanden? Das ist typisch Berta! Den Aufwand hätte sie sich sparen können. Mir wäre lieber, sie würde mich nicht mehr “Kindchen” nennen. In drei Monaten bin ich volljährig.”

“Ich weiß, mein Schatz, aber Berta kann nicht aus ihrer Haut.” Fragend sah er Julia an. “Hast du Hunger? Wir könnten erst etwas essen, bevor…”

“Nein. Ich möchte auf dem schnellsten Weg nach Hause“, unterbrach sie ihn. “Bitte, Papa, erzähle mir, was mich dort alles erwartet.”

“Lass dich einfach überraschen. Erzähle mir lieber, was du in Paris alles erlebt hast?”

Auf der Autobahn bis Stockach stand Julias Mund nicht still. Ihre Begeisterung kannte keine Grenzen.

“Schön, aber ich nehme an, du hast dich auch mal amüsiert. Oder waren deine Mitschüler auch nur auf dem Lerntrip?”

Julia winkte ab. “Die haben sich mehr auf das Nachtleben konzentriert. Die Jungs haben mich sogar verspottet, weil ich an den Gelagen nicht teilgenommen habe. Und während die Mädchen shoppen waren, war ich im Louvre. Du ahnst nicht, was ich dort alles zu sehen bekommen habe. Die Maler früher waren Genies. Ich konnte mich nicht satt sehen an den Gemälden und Kunstwerken.”

“Sieh mal, Schätzchen“, lenkte er sie ab. „Ist das nicht auch ein herrlicher Anblick?”

“Wir sind ja schon am Bodensee”, freute sich Julia. “Gleich sind wir in Friedrichshafen. Bis nach Kressbronn ist es dann noch ein Katzensprung.” Interessiert betrachtete Julia die Landschaft. Auf dem See tummelten sich große Schiffe und kleine Boote. “Papa, können wir gleich morgen auf dem Bodensee, hinüber in die Schweiz und zur Insel Mainau fahren?”

“Versprochen. Vorausgesetzt, das Wetter wird noch besser.” Dass vor fünf Stunden dunkle Wolken über dem See hingen, jetzt aber zu Julias Empfang die Sonne vom Himmel lachte, empfand er als gutes Omen. Für seine geliebte Tochter sollte immer die Sonne scheinen.

“Papa”, riss ihn Julia aus seinen Gedanken, als sie nach links zeigte. “Diese Fähre legt sicher da drüben im Konstanzer Hafen an.”

“Stimmt. Woher weißt du das?”

“Ich habe mich natürlich informiert. Konstanz ist eine Universitätsstadt!”

“Ja. Und da du dort studieren wirst, kannst du genug Schiff fahren.” Es beruhigte ihn, dass Julia nicht widersprach. Diese Beruhigung dauerte allerdings nur ein paar Sekunden.

“Nein, Papa. Ich möchte nicht in Konstanz, sondern in Paris Malerei studieren. Nur in Paris kann ich das lernen, wovon ich schon lange träume.” Sie holte tief Luft. “Bitte, Papa, erlaube es mir. Ich verspreche dir auch, dass ich dich oft besuche. Mit dem Flieger kann ich in ein paar Stunden hier sein. Bitte sag ja.” Erwartungsvoll sah sie ihn an und erschrak. Auf seinem blassen Gesicht standen Schweißperlen und seine Hände lagen nicht auf dem Steuerrad, sondern auf seiner Brust. Er röchelte.

“Papa, was ist mit dir?” Ihre Frage ging in einem ohrenbetäubenden Krach unter. Den Baum, auf den sie zurasten, sah sie mit schreckgeweiteten Augen. Dann wurde es dunkel um sie.

2

Julias Lider waren schwer wie Blei. Nur mühsam konnte sie die Augen öffnen. Verwundert sah sie sich um. Der sterile Raum irritierte sie. Angestrengt dachte sie nach, doch die tausend Ameisen, die in ihrem Kopf kribbelten, wollten sie zu keinem klaren Gedanken kommen lassen. Sie hörte ein leises Summen an ihrem Kopfende. Um nachzusehen, woher dieses ungewöhnliche Geräusch kam, wollte sie sich auf ihre Arme stützen. Es gelang ihr nicht. Dafür sah sie den dünnen Schlauch, der von ihrem Handrücken zu einem Apparat führte. Demnach war sie verletzt. Was war geschehen? Nach und nach fiel ihr ein, dass sie mit Papa auf der Heimreise war. Der Baum! Ein Baum war auf sie zugerast. “Papa!”, rief sie mit erstickter Stimme und fuhr hoch. “Papa, wo bist du?”

Zwei Arme tauchten auf und drückten sie auf das Kissen zurück. Julia wandte den Kopf, sah einen lindgrünen Kittel und ein fremdes Gesicht. Die Augen unter der Netzhaube sahen sie gütig an, und der Mund lächelte.

“Wer sind Sie?”, hauchte sie schwach.

„Ich bin Schwester Christine.”

„Bin ich im Krankenhaus?”

„Ja! Es wird alles wieder gut”, sprach die Schwester beruhigend auf sie ein.

Sie fasste sich mit der freien Hand an den Kopf. “Der Baum. Wir hatten einen Unfall. Wo ist mein Papa?”

“Dem Papa geht es gut. Er hat die ganze Nacht an Ihrem Bett gesessen. Jetzt ist er müde und muss sich ausruhen.”

“Papa muss sich aus…” Julia fiel sie wieder in einen tiefen Schlaf.

Schwester Christine nickte zufrieden. Bevor das schwerverletzte Mädchen die ganze Wahrheit erfuhr, musste sich ihr Befinden erst gebessert haben. Der Vater dieses Mädchens hatte nicht an ihrem Bett gesessen. Sein schwaches Herz hatte das nicht zugelassen. Herr Bernheim war zwar auf dem Weg der Besserung, doch es würden noch viele Tage vergehen, bis er seine Tochter besuchen konnte. Seit fünf Tagen rief er auf der Intensivstation an, um zu erfahren, wie es seiner Kleinen ging. Heute konnte sie dem besorgten Vater endlich berichten, dass seine Tochter, wenn auch nur kurz, aus dem Koma erwacht war.

Dr. Kramer kam auf sie zu. “Ist unser Sorgenkind immer noch nicht aufgewacht?”

“Doch! Leider nur kurz. Sie hat nach ihrem Vater gefragt!”

“Das ist ein gutes Zeichen! Wenn sie sich an ihren Vater erinnern kann, bedeutet das, dass der Unfall keinen bleibenden Schaden hinterlassen wird.”

“Aber ihr Bein“, bemerkte Schwester Christine, und folgte Doktor Kramer durch die Schwingtür. “Wird das arme Mädchen je wieder richtig gehen können?”

“Was ist das für eine Frage? Zweifeln Sie an den Fähigkeiten von Doktor Gerlach? Wir wissen doch alle, dass er ein ausgezeichneter Chirurg ist.”

“Natürlich weiß ich das auch. Aber das Bein sieht nicht mehr nach Bein aus“, rechtfertigte sie sich.

“Noch nicht“, sagte Doktor Kramer. “Es wird auch Monate dauern, bis sie wieder gehen kann. Bis dahin werden wir dafür sorgen, dass es ihr an nichts fehlt.”

Erleichtert trat Schwester Christine wieder an Julias Bett. Ihre Hand strich die Lockenpracht aus dem Gesicht des bedauernswerten Mädchens. Sentimentalitäten konnte sie sich in ihrem Beruf nicht erlauben. Täglich wurde sie mit verletzten Patienten konfrontiert, doch dieses zarte Wesen, das wie leblos in den Kissen lag, rührte ihr Herz. „Das Leben liegt noch vor dir, du musst kämpfen, dann schaffst du es.”

Von der ersten Beinoperation hatte Julia nichts mitbekommen. Erst acht Stunden danach erwachte sie aus der Narkose. Sie fühlte eine Hand auf ihrer Wange. “Papa?”

“Nein, Kindchen. Ich bin es, Berta. Aber dein Papa wird gleich hier sein.“ Mit schmatzenden Küsschen bedeckte sie das zarte Gesicht und stammelte: “Was bin ich froh, dass es dir schon so gut geht.” Sie wurde nicht mal rot bei dieser Lüge. “Wenn dein Papa gleich kommt, darfst du nicht erschrecken. Er hat sich bei dem Aufprall den Nacken gestaucht und muss eine Halskrause tragen. Das sieht schlimmer aus, als es ist. In zwei Tagen ist er das Ding los.”

“Wirklich? Ist Papa nicht mehr passiert?”

“Nein“, log Berta wieder. “Dein Papa verhandelt gerade mit der Klinikverwaltung, damit du heute noch auf ein schönes Privatzimmer verlegt werden kannst.”

“Ich bin mit einem einfachen Zimmer zufrieden, wenn ich nur endlich aus diesem sterilen Raum komme”, sagte Julia.

Berta stemmte ihren massigen Körper aus dem Stuhl. “Ich habe dir dein Lieblingsessen mitgebracht, aber die Schwester hat mir den Korb abgenommen.“

Julia lächelte. “Danke, Berta. Ich habe jetzt keinen Hunger.”

“Du musst wieder zu Kräften kommen. Meine Hühnerbrühe hat dir doch schon als Kleinkind geschmeckt.”

“Ich weiß, Berta”, winkte Julia ab. “Erzähl mir lieber, wie…” Vor Erschöpfung konnte sie nicht weitersprechen.

“Das reicht für heute“, scheuchte Schwester Christine die Besucherin aus der Intensivstation.

“Na gut. Aber ich komme morgen wieder“, versicherte Berta. Sie war enttäuscht, dass sie Julia nicht erzählen konnte, was sie zu Hause alles erwartete. Berta zog den sterilen Kittel aus, nahm vor der Tür ihren Korb hoch und ging dem Seitentrakt zu. Wenigstens konnte sie Richard heute berichten, dass das Kindchen endlich mal mit ihr geredet hatte.

Richard Bernheim war nicht allein, als Berta sein Zimmer betrat. Ein Arzt horchte sein Herz ab. Missbilligend sah er sie an. “Bitte warten Sie draußen.”

“Berta, warst du bei Julia?”, rief ihr Richard zu.

“Ja. Sie war wach und hat nach dir gefragt.”

“Dann möchte ich sofort zu ihr.” Flehend sah er Dr. Gerlach an. „Ich muss mich persönlich davon überzeugen, dass es ihr gut geht.”

“Morgen“, versprach der Doktor. “Sie hatten heute einige anstrengende Untersuchungen. Morgen geht es Ihnen besser. Sie wollen doch nicht, dass Ihr Töchterchen sieht, wie schwach Sie sind. Mein Kollege, Dr. Kramer wird mich morgen anrufen, wenn Ihre Tochter wach ist. Schwester Irene wird Sie dann im Rollstuhl vor die Intensivstation fahren.” Er reichte ihm die Hand. “Versprochen.” Dr. Gerlach steckte sein Stethoskop ein und wandte sich an Berta. “Kommen Sie morgen wieder. Herr Bernheim braucht dringend Ruhe.”

„Aber ich wollte ihm…”

Was Berta wollte, hörte Richard nicht mehr. Resolut hatte der Doktor sie aus der Tür geschoben.

3

Erst gegen Abend erwachte Julia. Benommen sah sie sich um. Ein befreites Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie lag nicht mehr in dem kahlen Raum, sondern in einem schönen Zimmer. Ihre Blicke wanderten vom Fenster zu den Wänden, an denen Bilder in dezenten Farben hingen. Auf dem kleinen Tisch in der Ecke standen zwei Blumensträußchen und von der Decke hing ein Fernseher. Berta hatte ihr verraten, dass sie von ihrem Zimmer aus den Bodensee sehen konnte. Diesen Anblick wollte sie gleich genießen. Sie schob das Deckbett von sich und wollte das Fenster öffnen als sie einen Schmerz an ihrem Handrücken verspürte. Enttäuscht, dass sie noch immer mit einem Apparat verbunden war, ließ sie sich aufs Kissen zurückfallen. Um sich den Unfall in Erinnerung zu rufen, strich sie sich über die Stirn. Statt des Verbandes, an den sie sich erinnerte, klebte jetzt ein kleines Pflaster an ihrer Schläfe. Langsam kam die Erinnerung. Papa hatte sie in Stuttgart nach ihrer Parisreise von der Schule abgeholt. Sie waren in ihrem neuen Zuhause aber nicht angekommen. Der Baum!

Ihr fiel ein, dass Papas Hände nicht am Steuer, sondern auf seiner Brust lagen. Das bedeutete, dass er Probleme mit seinem Herz hatte. War er deshalb von der Fahrbahn abgekommen und gegen den Baum geprallt? Entsetzt richtet sie sich auf. Ihr Vater musste schwerer verletzt sein als sie, sonst wäre er jetzt bei ihr. Den Gedanken, dass er den Unfall nicht überlebt hatte, wollte sie nicht aufkommen lassen. Berta hatte ihr versichert, dass es ihm gut ging und Berta konnte nicht lügen. Aber warum war er dann nicht bei ihr?

Noch während sie nachgrübelte trat ein Arzt an ihr Bett. “Ich bin Doktor Kramer. Wie fühlen Sie sich?”

“Gut. Ich habe nicht mal gemerkt, dass man mich in dieses schöne Zimmer verlegt hat.” Dankbar lächelte sie den Arzt an. “Warum besucht mich mein Papa nicht?”

“Er war schon ein paar Mal bei Ihnen. Sie haben es wohl nicht bemerkt, weil Sie geschlafen haben.”

“Können Sie ihm gleich sagen, dass ich jetzt wach bin?” Gespannt sah sie Doktor Kramer an, der sich abwandte, um die Infusion zu erneuern. “Herr Doktor, Sie verschweigen mir etwas. Was ist mit meinem Papa? Er hat sich, bevor er auf den Baum zuraste, ans Herz gegriffen. Sein Gesicht war kalkweiß. Hatte er einen Herzanfall?”

“Ja. Aber dank des Rettungswagens, der schon sechs Minuten später am Unfallort war, konnte der Notarzt die richtigen Maßnahmen ergreifen. Ihrem Vater geht es gut. Er muss sich nur noch ein paar Tage schonen. Doktor Gerlach wird ihm aber erlauben, Sie morgen zu besuchen.”

“Ich möchte mich selbst davon überzeugen. Kann ich gleich zu ihm?”, bettelte Julia.

“Nein. Sie haben ein verletztes Bein, das noch nicht belastet werden darf.”

“Ist es gebrochen?” Mit ihrer freien Hand griff sie unter ihr Deckbett und fühlte einen Verband. “Das ist doch kein Gips! Was ist mit meinem Bein?”

“Es wurde bei dem Aufprall eingeklemmt. Sie müssen sich aber keine Sorgen machen. Wir kriegen auch das wieder hin.”

Julia winkte ab. “Das nehme ich in Kauf. Die Hauptsache ist, meinem Papa geht es besser.”

Um seiner Patientin nicht zu zeigen, wie besorgt er war, ging er zur Tür. “Da Sie gute Fortschritte gemacht haben, bekommen Sie heute ein leichtes Abendessen. Ich sehe morgen wieder nach Ihnen. Gute Nacht.” Sacht drückte er die Tür hinter sich zu.

Kaum war der Doktor gegangen, schob sie das Deckbett zur Seite. Ihr rechtes Bein steckte vom Oberschenkel bis zur Ferse in einem dicken Verband. Vergebens versuchte sie, ihre Zehen zu bewegen. Es tat sich nichts. So sehr sie sich auch abmühte, sie spürte nichts. Ihr war, als ob das Bein nicht zu ihrem Körper gehörte.

Als an ihrer Tür geklopft wurde, deckte sie sich zu und rief in froher Erwartung: „Herein.” Ein junges Mädchen kam mit einem Tablett herein.

“Guten Abend, Fräulein Bernheim. Ich bin Schwester Gabi.” Sie klappte die Platte am Nachttisch herunter und stellte das Tablett mit dem Essen darauf. Danach stellte sie die Rückenlehne am Bett hoch. “Guten Appetit.”

Enttäuscht sah Julia auf die Schwester, die ihr Zimmer gleich wieder verlassen wollte. “Halt”, rief sie. “Verraten Sie mir, was heute für ein Tag ist?”

“Freitag.”

“Sind Sie sicher?“ Julia sah sie ungläubig an. „Der Unfall war aber schon am vergangenen Sonntag.”

Schwester Gabi wollte dem netten Mädchen schon verraten, dass sie noch eine Woche dazurechnen musste, unterließ es aber. Sie wollte die Patientin nicht verwirren. Das überließ sie Doktor Kramer. “Ich muss weiter, sonst gibt’s einen Rüffel von der Oberschwester. Das leere Geschirr hole ich später.”

Ohne richtigen Appetit, stocherte Julia in dem Essen. Nach ein paar Bissen schob sie die Platte von sich. Es klopfte wieder.

Berta kam mit einer Reisetasche herein. “Kindchen, heute kann ich mal ausgiebiger mit dir reden.” Liebevoll drückte sie Julia an sich. “Wie geht es dir?”

“Gut. Aber was ist mit Papa? Warum hast du ihn nicht mitgebracht?”

“Er kommt gleich.” Aus der Reisetasche zog sie Wäsche und duftige Nachthemden. “Sieh mal, was ich für dich habe. Ab heute darfst du deine eigenen Sachen tragen. Vorher möchte ich dich waschen und kämmen.”

Julia wusste, dass ein Protest nichts nützen würde und ließ es geschehen. Danach fühlte sie sich doch wohler.

Während Berta ihre langen Locken bürstete, schimpfte sie über das Personal. Sie deutete auf das Essen und schüttelte den Kopf. “Damit kannst du doch nicht zu Kräften kommen. Morgen schmuggle ich dir dein Lieblingsessen herein. Ab jetzt brauchst du keine künstliche Ernährung mehr. Ich werde schon dafür sorgen, dass du bald nach Hause darfst. Schade ist nur, dass du nicht sehen konntest, was ich alles zu deinem Empfang vorbereitet hatte.”

“Ich kann es mir vorstellen. Du warst sicher sehr enttäuscht, dass wir nicht heimgekommen sind.”

“Enttäuscht ist gar kein Ausdruck. Ich war außer mir vor Sorge. Als dann ein Polizist klingelte, wusste ich sofort, dass etwas passiert sein musste. Zum Glück hat der Beamte, der den Unfall aufgenommen hat, Richards Papiere mit der neuen Adresse in seiner Brieftasche gefunden. Er hat mich danach gleich ins Krankenhaus gefahren. Ich durfte aber nicht sofort zu euch. Die ganze Nacht habe ich auf dem Krankenhausflur verbracht und für euch gebetet.”

“Mein Engelchen!“ Richard Bernheim kam herein. Er steuerte auf Julias Bett zu und nahm sie liebevoll in die Arme. Seine Küsschen, mit denen er ihr ganzes Gesicht bedeckte, woll-ten kein Ende nehmen. “Mein Liebling, meine Prinzessin, mein Ein und Alles. Es tut mir so leid, dass du durch meine Schuld verletzt worden bist.”

“Papa, bitte. Es war nicht deine Schuld, sondern meine“, winkte Julia ab. “Ich hätte dir eine Fahrpause gönnen müssen. Stattdessen wollte ich so schnell wie möglich mein neues Zuhause sehen.”

Energisch ging Berta dazwischen. “Ihr beiden hört sofort auf, euch gegenseitig Vorwürfe zu machen. Dankt Gott, dass ihr mit dem Leben davon gekommen seid.”

Richard nahm seine Tochter wieder in die Arme. So musste er ihr nicht in die Augen sehen, als er stammelte: “Kleines, dein Bein ist bei dem Aufprall mit dem Baum eingeklemmt worden. Du wirst noch ein paar Wochen hier bleiben müssen.”

Julia machte sich aus den Armen ihres Vaters frei. “Papa, das nehme ich in Kauf. Wichtig ist, dass dir nicht mehr passiert ist.” Sie zeigte auf seine Halskrause.

“Das lästige Ding bin ich vielleicht morgen schon los. Und damit du dir keine unnötigen Sorgen um mich machst: Ich versichere dir, dass mein Herz wieder stabil ist.”

“Das ist gut. Aber dein schöner Wagen hat sicher auch etwas abbekommen.”

“Der ist schrottreif“, verkündete Berta. “Aber was ist schon ein Haufen Blech gegen euer Leben?”

“Da muss ich Berta Recht geben. Ein Auto kann man ersetzten. Aber dich, mein Liebling, nicht!” Zärtlich strich Richard ihr die Locken aus dem Gesicht.

Als Oberschwester Edelgard nach einer Stunde die Besucher bat zu gehen, musste Julia krampfhaft die Tränen zurückhalten. Nur unter Protest verließ Berta Julias Zimmer, versprach aber, am nächsten Tag wieder zu kommen. Liebevoll strich Richard seinem Töchterchen über die Wangen. “Ich sehe morgen, gleich nach dem Frühstück nach dir. Also, schlaf gut mein Engel.”

Julia konnte lange nicht einschlafen. Zu viele Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Ob ihr Bein wohl wieder so werden würde wie es war? Wenigsten war ihrem Papa nicht mehr passiert, sonst hätte sie sich bis an ihr Lebensende Vorwürfe gemacht. Irgendwann schlief sie dann doch ein.

Lächelnd trat Oberschwester Edelgard am nächsten Morgen an Julias Bett. “Na, haben Sie gut geschlafen?”

“Nein. Mein Bein hat die ganze Zeit gepocht!”

“Das ist ein gutes Zeichen. Das bedeutet, dass es bald wieder bewegungsfähig ist. Sie dürfen auf Anordnung des Chefarztes nach dem Frühstück für eine halbe Stunde das Bett verlassen, damit Ihr Kreislauf in Schwung kommt.”

“Prima. Kann ich mein Bein denn schon belasten?”

“Nein. Das wäre noch zu früh. Andreas bringt Ihnen einen Rollstuhl und fährt Sie heute erst mal auf dem Flur hin und her.”

“Kann er mich nicht nach draußen bringen? Es ist so schönes Wetter”, bettelte Julia.

“Heute noch nicht. Sie müssen Geduld haben.”

Nach dem Frühstück, das Julia nicht mal zur Hälfte bezwang, fieberte sie der Ausfahrt entgegen. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Erst eine Stunde später kam ein junger Pfleger mit einem Rollstuhl. “Taxi gefällig? Chauffeur Andi steht zu Diensten.” Er hob das Mädchen in das Gefährt, legte eine leichte Wolldecke über ihre Beine und schob sie durch die Tür. Knapp zehn Minuten später kam die Oberschwester angerannt, deutete auf die rote Lampe, die über einer Tür aufleuchtete und rief: „Notfall!”

“Oh, dann müssen wir das Rennen verschieben. Der Notfall hat Vorrang. “ Hinter der Oberschwester rannte Andreas den Flur entlang. Enttäuscht sah Julia ihm nach. Sie hatte sich schon so auf die Ausfahrt gefreut. Mit beiden Händen griff sie in die Räder. Der Rollstuhl bewegte sich. Voll Freude, dass sie es allein schaffte, fuhr sie den langen, glänzenden Flur entlang, wendete und fuhr zurück. Auf halbem Weg schmerzten ihre Arme so sehr, dass sie eine Pause einlegen musste. Ihr wurde bewusst, dass sie in Zukunft das Essen nicht mehr ablehnen durfte. Aber sie konnte im Bett Übungen mit den Armen machen. Wenn sie fleißig trainierte, war sie nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen. Mit zusammengebissenen Zähnen schob sie sich zu ihrem Zimmer. Noch bevor sie es erreichte, kam Pfleger Andreas zurück.

“Bravo! Wenn du den langen Flur zurück geschafft hast, reicht es für heute. Ich bringe dich jetzt ins Bett. Morgen um dieselbe Zeit hole ich dich wieder ab.” Andreas nahm das federleichte Mädchen auf seine Arme, legte sie aufs Bett und deckte sie fürsorglich zu.

Berta freute sich beim Besuch um die Mittagszeit, dass Julia ihre mitgebrachten Speisen nicht verschmähte. Auch Richard staunte mit welchem Appetit Julia alles aufaß und mit welcher Konzentration sie Armübungen machte.

“Ich möchte so schnell wie möglich allein mit dem Rollstuhl bis in den Park fahren können.”

“Deshalb musst du dich nicht quälen. Ich werde veranlassen, dass du einen elektrischen Rollstuhl bekommst”, versprach Richard.

“Nein, Papa. Bis ich den Rollstuhl nicht mehr brauche und an Krücken gehen kann, müssen meine Arme so stabil sein, dass ich mich allein fortbewegen kann.”

“Unser Kindchen hat recht.” Berta strahlte Julia an. “Du warst schon immer eine Kämpferin.

Mit jedem weiteren Tag durfte Julia länger ihr Bett verlassen. Auf diese Zeit freute sie sich immer mehr. Die Krankenhausflure, die sie jetzt allein bewältigte, kannte sie schon zu Genüge. “Wann darf ich endlich in den Park?”, fragte sie Doktor Kramer, der aus einem Zimmer kam.

“Wenn es morgen nicht regnet, wird eine Schwester Sie begleiten.”

“Ich brauche kein Kindermädchen. Sehen Sie mal, wie gut ich mit meinem Taxi schon umgehen kann.” Gekonnt griff sie in die Räder, drehte sich ein paar Mal im Kreis und sauste den Flur entlang.

Bewundernd sah Doktor Kramer ihr nach. Dass in dem zarten Persönchen so viel Energie steckte, hätte er nicht für möglich gehalten. Sogar nach der dritten Beinoperation, die über sechs Stunden gedauert hatte, war die Kleine voller Optimismus. Sie befolgte alle Anordnungen, ließ ohne sich zu beklagen, die schmerzhaften Therapien über sich ergehen und freute sich, wenn sie Fortschritte machte.

Täglich bekam Julia von ihrem Vater oder von Berta kleine Geschenke, die sie gleich an das Personal weitergab. “Hört auf, mich zu verwöhnen. Bringt mir lieber meine Zeichenmappe und Farben. Ich möchte endlich etwas Kreatives tun. Wenn ich noch lange untätig hier sitzen muss, werde ich unausstehlich.”

“Aber du musst dich noch schonen”, wetterte Berta. “Dein Bein ist noch nicht ausgeheilt.“

“Ich male mit der Hand und nicht mit dem kranken Bein. Außerdem lenkt mich das Malen ab.”

“Gut, mein Schatz. Ich bringe dir morgen alles mit”, versprach ihr Vater, bevor er sich verabschiedete. Gerne wäre er noch länger geblieben, doch Doktor Gerlach wollte ihn nachher nochmals durchchecken, bevor er entlassen wurde.

4

Die Augustsonne brannte unbarmherzig vom Himmel. Heike Herbst steuerte auf eine Parkbank zu, die unter einem Kastanienbaum im Klinikpark stand und setzte sich. Hier fühlte sie sich wohler, als in dem dämpfigen Zimmer, das sie mit drei älteren Frauen teilen musste. Zum Glück wurde sie morgen entlassen. Ihre Blinddarmnarbe war gut verheilt. Patienten und Besucher gingen die Kieswege entlang. Auch sie suchten ein schattiges Plätzchen. Sie wunderte sich allerdings, dass sich niemand zu ihr setzte. Meist wurde sie von den Männern umschwärmt. Nur ein dicker Spatz pickte die Kekskrümel zu ihren Füssen auf. Er hüpfte weiter zu dem Rollstuhl, in dem ein junges Mädchen saß, das malte. Mitleidvoll sah sie von den verhüllten Beinen zu dem aparten Gesicht, dessen Blicke von dem nahen Strauch zu ihrem Zeichenblock wanderte. Was sie wohl malt? Ihre Gedanken wurden unterbrochen von dem zaghaften Aufschrei: “Oh nein.”

Das Mädchen sah dem Stift nach, der ihr vom Schoss gekullert war. Heikes Augen weiteten sich vor Schreck, als sich die Kleine nach vorn beugte. “Warte!” rief sie ihr zu und eilte auf den Rollstuhl zu, hob den Farbstift auf und reichte ihn dem Mädchen.

“Vielen Dank.” Julia sah hoch.

“Du bist aber fleißig. Darf ich mal sehen?”

Julia mochte es nicht, wenn man ihre Entwürfe betrachtete, bevor sie fertig waren. Sie konnte aber nicht verhindern, dass die fremde Dame ihr den Zeichenblock aus den Händen nahm.

“Das ist unglaublich. Du bist ja eine richtige Künstlerin. Diese Schmetterlinge hast du naturgetreu gemalt. Es hat den Anschein, als würden sie gleich davonfliegen. Wenn du mit der Schule fertig bist…”

“Ich habe das Abitur bereits hinter mir“, unterbrach Julia die Fremde.

“Wirklich? Du siehst viel jünger aus.”

“Im September werde ich Achtzehn.”

“Dann entschuldige, dass ich dich geduzt habe.” Heike streckte dem Mädchen die Hand hin. “Ich heiße Heike. Auch wenn ich fünfzehn Jahre älter bin als du, können wir uns gegenseitig duzen. Einverstanden?”

Julia war es nicht gewohnt, so schnell Bekanntschaft zu schließen, drückte aber die dargebotene Hand. “Ich bin Julia.”

Heike gab ihr den Block zurück. “Du bist sehr begabt. Dieses Talent musst du nutzen. Hast du schon einen Studienplatz in Aussicht?”

„Ich möchte auf keine Kunstakademie. Dort wäre ich nur mitleidigen Blicken ausgesetzt.“

„Hattest du einen Unfall?“

„Ja, dabei wurde mein rechtes Bein zerquetscht.“

„Das tut mir leid. Aber deine rechte Hand ist intakt. Du musst unbedingt weiterhin malen. Hast du noch mehr von diesen schönen Bildern?“

„Meine Mappe ist voll davon. In den letzten Wochen hatte ich viel Zeit. Verlange jetzt nicht von mir, dass ich sie dir zeige. Meine Bilder sind noch sehr stümperhaft.“

„Trotzdem würde ich sie mir gerne mal ansehen. Darf ich dich auf deinem Zimmer besuchen?“

„Wenn du willst. Du findest mich im Seitentrakt auf Zimmer 401.“

Heikes Augenbrauen zogen sich in die Höhe. „Der Seitentrakt ist doch nur für Privatpatienten.“

„Auch für Besucher“, lächelte Julia matt.

„Dann komme ich dich noch heute besuchen. Ich finde dich sehr nett und möchte noch viel mehr von dir erfahren.“

Was Heike alles erfahren wollte, ging in der Begrüßung unter, als ein gut gekleideter Herr eilends auf Julia zukam.

„Hallo, mein Engel. Ich habe mir schon gedacht, dass du bei diesem herrlichen Wetter nicht im Zimmer bist.“ Liebevoll umarmte er Julia.

„Hallo, Papa.“ Strahlend erwiderte sie die Umarmung und zeigte neben sich. „Darf ich dir Heike vorstellen? Sie hat mir Gesellschaft geleistet.“

Bewundernd sah Heike den attraktiven Mann an. Als er ihr die Hand entgegenstreckte, fiel ihr die goldene Armbanduhr auf. Die Uhr musste ein Vermögen wert sein. „Bernheim“, vernahm sie seine sonore Stimme. Bevor sie ihren Namen nennen konnte, löste er die Bremsen an Julias Rollstuhl. „Sie entschuldigen uns.“ Julia konnte ihr nur noch zurufen: „Bis später, Heike.“

Außer Hörweite beugte sich Richard über seine Tochter. „Hast du gesehen, wie mich diese Heike taxiert hat?“

„Ach, Papa, du siehst mal wieder Gespenster. Heike imponiert mir. Sie ist ganz anders als die albernen Gänse aus meiner Schulzeit. Außerdem hat sie mir Mut gemacht. Sie ist der Meinung, dass ich Talent habe.“

„Das bin ich auch. Bis dahin musst du aber erst ganz gesund werden.“

Enttäuscht sah Heike dem attraktiven Mann nach, der sie kaum zur Kenntnis genommen hatte. Dafür würde sich seine Tochter an sie erinnern. Diesen Goldfisch durfte sie nicht aus den Augen verlieren. Um Julia nicht mit leeren Händen zu besuchen, eilte sie in die Stadt.

Ohne das „Herein“ abzuwarten, trat sie zwei Stunden später in Julias Krankenzimmer. „Hallo, meine Liebe. Sieh mal, was ich dir mitgebracht habe.“ Auf der Bettdecke stülpte sie den Inhalt der Tüte aus. „Du siehst so blass aus, da dachte ich, etwas Farbe in deinem Gesicht kann nicht schaden.“ Erschrocken fuhr sie herum, als eine alte Frau mit einer Blumenvase aus dem Bad kam. „Mein Kindchen braucht keine Schminke.“

„Berta, das ist Heike, von der ich dir schon erzählt habe“, stellte Julia sie vor.

Kopfschüttelnd sah Berta von den Stöckelschuhen zu dem stark geschminkten Gesicht der Besucherin. Sie stellte die Blumen ab und sammelte die Utensilien ein. „Das können Sie wieder mitnehmen.“ Mit zwei Fingern hielt sie Heike die Tüte hin.

„Aber Berta“, protestierte Julia. „Heike hat es doch gut gemeint. Ich freue mich über ihren Besuch.“

„Für Besuch hast du jetzt keine Zeit. Du musst gleich zur Therapie.“

„Das stimmt leider“, bestätigte Julia. „Gib mir deine Telefonnummer. Ich ruf dich an, wenn ich mehr Zeit habe.“

Während Heike die Nummer auf einen Zettel schrieb, betrachtete Berta den Minirock der Besucherin. Es gefiel ihr nicht, dass die Frau Julia auf beide Wangen küsste. Noch weniger gefiel ihr, dass sie versprach, wiederzukommen.

„Was will die Aufgetakelte von dir, Kindchen? Die ist kein Umgang für dich.“

Julias Stimme wurde laut. „Woher willst du das wissen? Du kennst Heike doch nicht richtig.“

„Mein gesunder Menschenverstand sagt mir aber, dass sie ein Luder ist.“

„Berta, es reicht“, rief Julia noch lauter.

„Na, na, was sind denn das für ungewöhnliche Töne?“, erkundigte Andreas, der Julia zur Therapie abholte. „Was ist denn dir für eine Laus über die Leber gelaufen?“

„Die Laus habe ich eben verscheucht“, sagte Berta.

„Papa soll mir morgen bitte neues Zeichenpapier mitbringen“, rief Julia der noch immer empörten Berta zu, bevor Andreas sie durch die Tür schob.

Dunkle Wolken bedeckten den Himmel, als Julia eine Stunde später aus dem Fenster schaute. Ein Gewitter näherte sich mit lautem Donner. Bei jedem Blitz zuckte sie zusammen. Dicke Regentropfen klatschten gegen die Scheibe. Trotzdem hörte sie das Klopfen an ihrer Tür. Gespannt, wer sie bei diesem Unwetter besuchen wollte, rief sie laut: „Herein.“

Mit einem riesigen Blumenstrauß begrüßte Paul Weigand sein Patenkind. „Hallo, Sternchen, wie geht es dir?“ Liebevoll nahm er sie in die Arme. „Entschuldige, dass ich dich erst heute besuchen komme. Ich war bei Peter in Los Angeles. Als ich heute zurückkam, habe ich gleich in der Villa angerufen und von Berta erfahren, was passiert ist. Hast du Schmerzen?“

„Nein. Mir geht es schon wieder so gut, dass ich Bäume ausreißen könnte.“ Demonstrativ streckte sie beide Arme aus. Sie bemerkte erst, dass ihr die Mappe vom Schoss rutschte, als sie auf den Boden klatschte. Ihre Zeichnungen breiteten sich fächerförmig auf dem Fußboden aus.

Sie konnte nicht verhindern, dass Onkel Paul die Zeichnungen beim Aufsammeln betrachtete. „Bitte lache nicht über meine dilettantische Malerei“, bat sie ihn.

„Dilettantisch? Deine Bilder sind großartig!“

„Das sagst du nur, weil du voreingenommen bist.“

„Nein. Deine Bilder sind etwas Besonderes. Darf ich sie mitnehmen und meinem Schulfreund Heinrich zeigen? Er hat einen Verlag in Köln. Gleich morgen fahre ich zu ihm und zeige ihm deine Werke.“

„Damit blamierst du dich nur“, wehrte Julia ab. „Spar dir die weite Reise.“

„Heinrich hat mich schon oft eingeladen. Jetzt habe ich die Gelegenheit, endlich seinen Verlag zu besichtigen.“ Eine halbe Stunde später verabschiedete er sich. „Es wird eine Woche dauern, bis ich zurück bin. Bis dahin mach´s gut, Sternchen.“ Liebevoll nahm er sie in die Arme, bevor er das Zimmer verließ.

Julia zog den Rollstuhl neben ihr Bett. So gelang es ihr, ohne Hilfe ins Bett zu kriechen. Stolz lächelte sie, weil sie es allein geschafft hatte. Onkel Pauls Worte gingen ihr nicht aus dem Sinn. Ob der Verleger ihre Bilder wirklich für so gut hielt, dass sie verwendbar waren? Sie wollte sich keine falschen Hoffnungen machen. Zunächst musste sie morgen erst mal das Gehen auf zwei Stöcken üben.

Richard Bernheim strahlte, als ihm seine Tochter am nächsten Nachmittag statt im Rollstuhl, auf zwei Krücken entgegen kam.

„Na, was sagst du zu meiner neuen Errungenschaft?“

„Du bist großartig, Prinzessin, aber so warst du schon immer. Wenn du dir etwas in den Kopf setzt, erreichst du es auch.“ Bewundernd sah er zu, wie geschickt sie auf ihr Zimmer zusteuerte. „Geh langsamer“, mahnte er. „Du musst dich noch schonen.“

„Nein, Papa. Ich muss Fortschritte machen. Je eher ich gut gehen kann, desto früher werde ich entlassen.“

„Eine Woche wirst du dich noch gedulden müssen. Bis dahin ist dein Schwimmbad fertig.“

„Berta hat mir erzählt, dass du ein Stück vom Park hast ausbaggern lassen, um mir die Möglichkeit zu bieten, täglich zu schwimmen. Nur weil Doktor Kramer mir eine tägliche Wassergymnastik verordnet hat, hättest du dich nicht in so große Unkosten stürzen müssen.“

„Liebling, für dich ist mir nichts zu teuer. Du warst in den vergangenen zehn Wochen sehr tapfer. Du hast drei Operationen, viele Schmerzen erleiden und unzähligen Therapien über dich ergehen lassen müssen. Deine Geduld musste ich belohnen. Wenn du im Pool deine Übungen machst, wirst du bald keine Gehstöcke mehr brauchen.“

„Das ist mein größter Wunsch, deshalb werde ich üben und noch mal üben.“

„Ich wette, an deinem Geburtstag kannst du sogar tanzen. Die jungen Männer werden Schlange stehen.“

„Nein, Papa, ich möchte nur mit dir und Berta meine Volljährigkeit feiern, weil ich es nicht ertragen kann, dass man mich bemitleidet.“

“Das wird niemand tun. Ich bin überzeugt, dass bei deinem Fest in drei Wochen kein Mensch mehr merkt, dass du einen Unfall hattest.“

„Wen willst du einladen? Ich kenne doch niemand.“

„Du kennst aber das Pflegepersonal. Alle haben schon zugesagt, mit dir zu feiern.“

Was sollte Julia darauf antworten?

5

Vier Tage später trat Paul Weigand aus dem Lift und traute seinen Augen nicht. Julia kam ihm mit nur einem Gehstock entgegen.

„Hallo, Onkel Paul. Was sagst du zu meinen Fortschritten? Ist das eine Überraschung?“

„Ich bin sprachlos. Dass du den Rollstuhl nicht mehr brauchst, zeigt mir, welch eisernen Willen du hast.“

„Ich habe auch fleißig geübt, weil ich so schnell wie möglich wieder auf meinen eigenen Beinen gehen möchte.“ Stolz ging sie vor ihm in ihr Zimmer.

„Ich habe auch eine Überraschung für dich.“ Aus seiner Brusttasche zog er einen Umschlag. „Dein erstes Honorar.“

„Honorar?“ Julia zog die Augenbrauen hoch. „Wofür?“

„Für die Bilder, die du gemalt hast. Heinrich war auf Anhieb begeistert. Zu den zehn musst du noch zwei nachliefern, denn er möchte einen Kalender davon drucken.“

Ungläubig sah sie zu ihm hoch. „Onkel Paul, was hast du ihm dafür bezahlt, dass er meine Bilder annimmt?“

„Gar nichts.“ Paul hob seine rechte Hand. „Ich schwör dir, ich habe Heinrich nicht verraten, dass du mein Patenkind bist. Ich habe ihm nur gesagt, dass die Künstlerin eine junge Dame ist.“

„Und er hat… er möchte meine Bilder wirklich?“

Wieder hob Paul die Hand. „Nicht nur deine Blumenbilder. Auch der Bauernhof hat es ihm angetan. Deshalb hat er Frau Kaiser aus der Kinderbuchabteilung in sein Büro kommen lassen. Frau Kaiser war nicht nur von den vielen Hoftieren begeistert, auch von den Vierzeilern, die du in Reimform darunter geschrieben hast.“

Ungläubig sah Julia wieder hoch. „Machst du wirklich keine Scherze mit mir?“

„Nein. Frau Kaiser ist eine Expertin auf dem Gebiet. Sie meint, du hast genau das getroffen, was Kinder sehen und lesen wollen. Sie möchte, dass du ihr noch mehr davon lieferst.“

Julia konnte es nicht fassen. „Da muss doch irgendwo ein Haken sein. Warum gibt mir diese Frau Kaiser so eine Chance? Etwa aus Mitleid?“

„Nein, sie weiß nichts von dir und dem Unfall. Sie ist aber der Überzeugung, dass du ein Naturtalent bist.“

„Ich komme mir vor wie im Märchen“, stammelte Julia. „Ich habe in den letzten Tagen Elfen und Zwerge gemalt und dazu eine passende Geschichte geschrieben. Ob Frau Kaiser auch an einem Märchenbuch interessiert ist?“

„Davon gehe ich aus. Zeigst du mir dein neues Werk?“

Julia zeigte auf eine Mappe, die auf dem Tisch lag. Paul blätterte darin. „Unglaublich wie zart die Elfen über die Wiese tanzen. Und diesem Kobold kann man ansehen, dass er einen Streich ausgeheckt hat. Was hat er angestellt? Darf ich den Text dazu lesen?“

„Er ist noch nicht fertig. Lass mir ein paar Tage Zeit. Ich möchte noch mehr schreiben, damit Frau Kaiser eine Auswahl hat.“