Lichtungen 182 -  - E-Book

Lichtungen 182 E-Book

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Editorial Liebe Leserin, lieber Leser, passend zum hoffentlich auch für Sie nahenden Sommerurlaub befasst sich unser internationaler Schwerpunkt mit Literatur aus Spanien. Unter dem Titel „Mein Körper stößt sich an Pronomen“ hat Udo Kawasser, seines Zeichens Dichter, Tänzer und Übersetzer, eine „kleine, aber feine Auswahl“ von auf Spanisch schreibenden Dichterinnen und Dichtern getroffen, deren Literatur genauso bunt und vielfältig ist wie ihre Biografien. Agustín Fernández Mallo, María Ángeles Pérez López und Corina Oproae: Es ist ein fast sinnliches Vergnügen, in dieses Konglomerat aus Lyrik und Prosa einzutauchen. Danke an Udo Kawasser, der die Lichtungen verlässlich immer wieder mit seiner Expertise aus dem hispanoamerikanischen Raum unterstützt! Auch unser offener Literaturteil ist bunt. Wir sind große Fans der Gedichte des oststeirischen Schriftstellers Mario Huber und haben für eventuell auftretende Leseschwierigkeiten einen QR-Code zum Anhören seiner Lyrik beigefügt. Im Heft vertreten sind auch drei Grazer Stadtschreiberinnen: Kenka Lekovich und Jana Radičević, die „das Amt“ in vergangenen Perioden überhatten, sowie Andra Rotaru, die noch bis Herbst in Graz lebt und schreibt. Und über den ehemaligen Stadtschreiber Dževad Karahasan, den großen Dichter und Brückenbauer (†2023), schreibt Krzysztof Czyżewski einen ebenso großen und wichtigen Essay. Wir danken den zahlreichen Übersetzer:innen, die zum Gelingen dieser Ausgabe ihren unerlässlichen Beitrag geleistet haben, wie immer sehr herzlich! Zu guter Letzt: Worüber wir uns immer sehr freuen, sind Ihre Rückmeldungen. Schreiben Sie uns, was Ihnen an den Lichtungen gefällt oder auch nicht, was Sie zuletzt gerne gelesen haben oder was Ihnen fehlt: Ganz einfach per Mail an [email protected] – wir belohnen Ihr Feedback mit einem kleinen Dankeschön. Wir hoffen, Sie haben an dieser Ausgabe genauso viel Freude wie wir! Andrea Stift-Laube

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



182

In den Lichtungen finden Sie Gegenwartsliteratur aus dem deutschsprachigen Raum und internationale Literatur in Übersetzung als Erstveröffentlichung.

Jede Ausgabe wird durch einen von der Akademie Graz kuratierten, zeitgenössischen Kunstteil ergänzt. Eine Kolumne von Clemens J. Setz zu „Poesie an unvermuteten Stellen“ ist eines unserer Highlights. Essays und Kolumnen runden jede Ausgabe ab. Die Lichtungen erscheinen viermal im Jahr als Printmedium und seit der Ausgabe 176 auch als E-Book (kompatibel mit allen handelsüblichen Geräten).

Bestellmöglichkeiten und unsere Termine finden Sie auf unserer Website:www.lichtungen.at

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

passend zum hoffentlich auch für Sie nahenden Sommerurlaub befasst sich unser internationaler Schwerpunkt mit Literatur aus Spanien. Unter dem Titel „Mein Körper stößt sich an Pronomen“ hat Udo Kawasser, seines Zeichens Dichter, Tänzer und Übersetzer, eine „kleine, aber feine Auswahl“ von auf Spanisch schreibenden Dichterinnen und Dichtern getroffen, deren Literatur genauso bunt und vielfältig ist wie ihre Biografien. Agustín Fernández Mallo, María Ángeles Pérez López und Corina Oproae: Es ist ein fast sinnliches Vergnügen, in dieses Konglomerat aus Lyrik und Prosa einzutauchen. Danke an Udo Kawasser, der die Lichtungen verlässlich immer wieder mit seiner Expertise aus dem hispanoamerikanischen Raum unterstützt!

Auch unser offener Literaturteil ist bunt. Wir sind große Fans der Gedichte des oststeirischen Schriftstellers Mario Huber und haben für eventuell auftretende Leseschwierigkeiten einen QR-Code zum Anhören seiner Lyrik beigefügt. Im Heft vertreten sind auch drei Grazer Stadtschreiberinnen: Kenka Lekovich und Jana Radičević, die „das Amt“ in vergangenen Perioden überhatten, sowie Andra Rotaru, die noch bis Herbst in Graz lebt und schreibt. Und über den ehemaligen Stadtschreiber Dževad Karahasan, den großen Dichter und Brückenbauer (†2023), schreibt Krzysztof Czyżewski einen ebenso großen und wichtigen Essay.

Wir danken den zahlreichen Übersetzer:innen, die zum Gelingen dieser Ausgabe ihren unerlässlichen Beitrag geleistet haben, wie immer sehr herzlich!

Zu guter Letzt:

Worüber wir uns immer sehr freuen, sind Ihre Rückmeldungen. Schreiben Sie uns, was Ihnen an den Lichtungen gefällt oder auch nicht, was Sie zuletzt gerne gelesen haben oder was Ihnen fehlt: Ganz einfach per Mail an [email protected] – wir belohnen Ihr Feedback mit einem kleinen Dankeschön.

Wir hoffen, Sie haben an dieser Ausgabe genauso viel Freude wie wir!

Andrea Stift-Laube

POESIE AN UNVERMUTETEN STELLEN

Clemens J. SetzFolge 23: Stefan Karrer

LITERATUR

Andra RotaruAus dem Rumänischen von Alexandru Bulucz

Kenka LekovichDer Wandelnde von MendicoliAus dem Italienischen von HelmutMoysich

Jana Radičevićein moment aus fünf gedichtenAus dem Montenegrinischen vonLejla Alibašić

Regine Koth AfzeliusHomo Tapir

Avy GdańskZinn und Zweck

Louise DupréEinübung in die FreudeAus dem Französischen von Ursula Mathis-Moser

Ivana GibováBabičkaAus dem Slowakischen von Marie-Theres Cermann

Mario HuberWia hoastn deijs? Gedichte

SCHWERPUNKT: LITERATUR AUS SPANIEN

Udo KawasserMein Körper stößt sich an Pronomen. Zeitgenössische Dichtung aus Spanien

Corina OproaeDas Zitronenhauswie man den vater ...

María Ángeles Pérez López

Steinbrand 1-3

Krokodilin & Co

Mariano Peyrou

Gedichte

Agustín Fernández Mallo

Postpoesie

Das Buch aller Lieben

Gedichte

ZEITKRITIK / ESSAY

Krzysztof CzyżewskiEin Schriftsteller und Krieg. Karahasan, der RebellAus dem Englischen von Dörte Eliass

ABSPANN

Margarita KinstnerDotty old lady?Margaret Rutherfords Verkörperung der Miss Marple

KURZBIOGRAFIEN

& Impressum

Poesie an Unvermuteten Stellen – Eine Serie

Clemens J. Setz

Folge 23: Stefan Karrer

Ich selbst habe es nur ein einziges Mal probiert, aber zu einer Zeit, als es das eigentlich noch gar nicht gab. Es war irgendwann um 2009 und ich schrieb ein kleines Liebesgedicht. Es richtet sich an die Schildkröte in der alten Programmiersprache LOGO. Im Informatikunterricht in den 90ern musste ich die einst erlernen, was glücklicherweise sehr schnell geht, es gibt ja nur eine Handvoll Befehle, die man auswendig können muss. Man kann in dem Programm eine kleine Schildkröte, die als eine simple Art von Cursor fungiert, bestimmte Dinge tun lassen. Also zum Beispiel vorwärts- oder rückwärtsgehen, einen Strich zeichnen usw.

Mein Gedicht besteht aus Befehlen an die Schildkröte und ist wohl als ein trauriges Gedicht zu betrachten, weil diese Programmiersprache heute, soviel ich weiß, niemand mehr ernsthaft verwendet.

The Gentle Things I Say to My LOGO Turtlegraphics Turtle

forward 50 right 10 back 5 cleanpenup forward 50 right 19hideturtle cs penup homeshowturtle forward 51setpencolor [0 0 255] pendownclean home forward 50 right 45forward 50 right 90 forward 50right 45 forward 50 right 90forward 80 right 100 penup home; baby

Den Klammerausdruck, in dem der Farbwert bestimmt wird, habe ich einfach als „blue“ gelesen. Das Semikolon am Ende bezeichnet einen Kommentar: „baby“ ist also hier, als einziges, kein Befehl, sondern ein Kosename. Der Rest sind lauter ausführbare Anweisungen oder, um es etwas liebevoller zu formulieren, Einladungen. Die Schildkröte wird von mir dazu eingeladen, sich über den Bildschirm zu bewegen. Und da sie am Ende, wie es jedem geliebten Wesen stets offenbleiben sollte, wieder nach Hause geht, zeichnet sie, wenn man das Gedicht in LOGO laufen lässt, dieses winzige Häuschen:

Vor einiger Zeit bekam ich die Empfehlung, mir einmal das dichterische Werk des Schweizer Künstlers Stefan Karrer anzuschauen. Karrer arbeitet auf eine interessante Weise zwischen den verschiedenen Kunstsparten oder vielleicht könnte man auch sagen, in allen zugleich, Musik, Bild, Text, Performance, was vermutlich einige Leute vor die schwierige Aufgabe seiner Einordnung stellen wird.

Die erste seiner Arbeiten, die mich begeisterte, heißt The Prompt Engineer und handelt genau von demselben Abenteuer, dem ich vor nun schon so vielen Jahren mit meiner LOGO-Schildkröte nachging. Inzwischen ist natürlich, durch die dröhnende Allgegenwart von ChatGPT, Grok und ähnlichen LLM-Assistenten, der Begriff prompt poetry ein etwas weiter verbreitetes Konzept. Man schreibt so, wie man zu einer Maschine sprechen würde, aber eben auf eine poetische Weise. Das klingt leicht. Aber so verbreitet das Konzept inzwischen auch sein mag, es wird nur ganz selten meisterhaft verwendet. So, dass es genug eigenverantwortlich beigemischte Weirdness enthält. Stefan Karrers prompt poetry ist einer dieser seltenen Glücksfälle.

smart off-road rollerblades leaning against a tree in a dark forest

If you’re generating an image of a “forest” but you really don’t want any “owls” in the image, you could use “owl:1.3” as your negative prompt to make it 30% more important that there are no owls in the image.

Und:

/imagine (a beautiful woman) [ mutated fingers, two heads, five legs, credit card debt ]God forbid somebody confuses this for a main prompt instead of a negative one

Wobei im Original-PDF, das ich las, der erste Teil unsichtbar, d. h. weiß gedruckt war, also so:

/            (                                         ) [ mutated fingers, two heads, five legs, credit card debt ]

Man scrollt weiter und trifft ein riesig geschriebenes Wort: LANGUSAGES. Das ist natürlich eine Fusion language + usage, also Sprache und Gebrauch, aber zugleich denkt mein Gehirn bei dem Wort sofort und ausschließlich: SAUSAGES.

Eine Neuerfindung der konkreten Poesie für heutige Verhältnisse.

Mein liebstes Buchprojekt von Karrer ist das schwindelerregende Calypso Cave, erschienen in dem kleinen Verlag Mark Pezinger Books. Es ist eine Art Instagram-Collage-Buch, das heißt gefundene Bilder und der dazugehörende Text, die alle von einer wunderbaren Sache erzählen. Auf der maltesischen Insel Gozo gibt es eine Höhle, Calypsos Höhle (L-Għar ta’ Calisso) genannt, die von vielen Menschen aufgrund einiger geographischer Faktoren mit der in der homerischen Odyssee identifiziert wurde. Als solche zog sie natürlich Jahr für Jahr viele neugierige Menschen an. Wer würde nicht gern einmal in der Höhle stehen, in der Odysseus für sein Dableiben nichts Geringeres als göttliche Unsterblichkeit versprochen wurde – ein Angebot, das er bekanntlich ehrenhaft ablehnte, weil er lieber nach Hause zu seiner Familie wollte. Nun wurde aber diese Höhle aufgrund von Einsturz- oder Steinschlaggefahr für die Öffentlichkeit geschlossen. Aber immer noch wollten Menschen die Höhle sehen, also erkor man einfach eine andere Höhle (die Tal Mixta) ganz in der Nähe aus, die nun als Calypso’s Cave gilt. Das Buch erzählt die Geschichte dieser rührenden Sinnübertragung anhand von kopierten Instagram-Posts.

Ein wenig erinnert mich das an die wunderbare Geschichte über jenen Mann, der behauptete, er sei im Besitz einer Axt, die einst von George Washington zum Behauen des Kirschbaums verwendet worden sei1, bloß seien vor langer Zeit der Stiel der Axt und etwas später auch die Klinge ausgetauscht worden … aber es sei natürlich immer noch George Washingtons Axt. Die Geschichte ist stärker als die Realität. Mit Zielsicherheit, Humor und Finderglück begabte Künstler wie Stefan Karrer erinnern uns immer wieder an dieses uralte, aber so leicht vergessene Gesetz.

1 Die Legende besagt, der sechsjährige Washington habe unerlaubt einen Kirschbaum seines Vaters mit der Axt behauen. Vom Vater zur Rede gestellt, habe er geantwortet: „Ich kann nicht lügen, ich habe den Baum beschädigt.“ Worauf der Vater ihn nicht bestrafte, sondern für seine Ehrlichkeit lobte.

Literatur

Andra Rotaru

Gedichte

Aus dem Rumänischen von Alexandru Bulucz

Züge

Die Gesichtszüge ließen mit einer gewissen Genauigkeit auf die Vergangenheit schließen – das sind Frauen geboren an der Meeresküste oder am Rand eines Berges. Ihre Hände schienen wie aus Zweigen gehauen, während der lange Hals Pfiffen ähnelte. Sie konnten nur aus frisch geschnittenem Holz gemacht sein.

Ich weiß nicht, ob der Geruch eines anderen Körpers vergleichbar ist. Wir trugen die Körper durch das Gras, hörten, wie sie mit uns rollten, sanken bis zu den Schultern ein und atmeten. Einer nach dem anderen versuchten wir, uns an die Erde und das Zerbröseln der Erde zu gewöhnen.

Die Unsicherheit war Teil unseres Lebens. Ohne Schatten, wie weit wir auch reisten.

Ich kann nach Jahren nicht mehr über die Ereignisse sprechen, die ich erlebe.

Ein Kaktus mit reichlich Saft in einer trockenen Gegend, wo das Überleben nicht überwältigend ist, ist genauso bizarr.

Erde

Ich habe über viele Jahre auf eine einzige Stelle geschaut. „Der Strom war so breit, dass man glauben konnte, auf dem Meer zu treiben“1. Heute scheint alles gesehen zu werden mit „Augen schwarz und klein wie Obstkerne“2.

Ich habe alte Menschen gefunden, an Gräbern wartend, und die Haut der Toten berührt. Nach einer Weile verbirgt niemand mehr etwas vor dir, du darfst sie auf deinen Schultern tragen und mit Seilen hinunterlassen.

Wäre das alles wirklich geschehen, das Leben von damals wäre in das Leben von jetzt übergegangen.

„Die Wildbäche rissen ihnen im Frühjahr den Boden weg“3, und der unaufhaltsame Überlauf zog vor meinen Augen vorbei. Der trübe und schwache Blick hing von meinem eigenen Körper ab. Sollten sie jemals zurückkehren, war es unwahrscheinlich, dass sie an den Orten bleiben würden, die von ebenso vielen Hunden wie Toten bevölkert waren; aneinandergefesselt schnitten sie sich das Fleisch ab und verzehrten sich der Reihe nach in halbwachem Zustand.

Luft

Sein Körper war zu breit, um sich in engste Räume hineinzuzwängen.

Nicht in der Lage, vor der Gefahr zu fliehen, lernte er, dass der Wind ihn hart treffen konnte,

fast schon angenehm und weniger heftig als ein menschlicher Schlag.

Er wartete manchmal ganze Nächte auf die Luftzüge, prüfte die Wucht,

dann die Freiheit, die dir die Energieabfuhr zuteilwerden lässt.

Er hatte keine sichtbaren Wunden; antizipierte, wann der Wind aufhören würde, und war enttäuscht, wenn er aufhörte, ihm fast auswich. Er hatte sich ihm ganz verschrieben, wollte ihn spüren. Dann hat er gelernt, ihn weder in sich hinein- noch aus sich herauszulassen. Er ahnte, dass er sich derart verkleinern könnte, dass er keine Luft mehr benötigte und die Gedanken unabhängig schweben würden. Er hoffte, mit der Zeit sogar leichter als Luft zu werden.

Und manchmal erinnerte er sich an die Welt, bevor sie von der Luft in Besitz genommen wurde – unaufgeregt und leicht, beinahe unsichtbar.

Mensch über Bord

Ich habe in Abwesenheit des Körpers die Ähnlichkeit größer gemacht und jahrelang eine Reihe von Jugenden erschaffen. Mich gefragt, ob am Ende dieses Sprudelns sein Körper aus dem Wasser steigen würde.

Das hat mich verwundert – als er mir entgegenkam, hat er den Kopf geschüttelt. Seine Finger streiften über mehrere Flächen, er hat sie aufgemacht, und es plätscherte in eine Schüssel mit Wasser hinein.

Haken

Deine Angewohnheiten sind mir eine Zeit lang bekannt gewesen.

Ich bin oft hierher zurückgekehrt, ohne zu der Schwelle zu schauen, auf der ein klobiger Hund lag, mit einem Fell wie aus rostigen Haken; sie ritzten hin und wieder zufällig meine Haut, und der Schmerz erinnerte mich an den eigenen Körper.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen mit Tieren sprechen, dass die Freude oder der Schmerz von jetzt Jahre später bei ihren Töchtern und Söhnen auftaucht.

Derselbe klobige Hund könnte zufällig deine Haut ritzen, du wirst mit ihm reden, die Wunden werden an anderen Körpern auftauchen.

Spuren

Ihre Hände schafften es, die Geste bis ans Ende zu bringen. Es kam ihm vor, als ob etwas Intimes und Konfessionelles daran haftete. Er sah aber ein, dass die Menschen die Dinge nicht so kompliziert wahrnahmen – der Körper bewegt sich ständig, solange er kann, unabhängig von äußeren Zwängen.

Jener Teil der Welt gehörte ihm, mit allen Schrecken und Einzelheiten, mit einer Hierarchie der Zerstörung.

Sein friedlicher Widerstand verlor Nacht für Nacht seinen Sinn. Seine Zeit schien abrupt und gleichgültig gegenüber dem Leben, das sie enthält. Er hat schließlich aufgegeben – weder die Stimmen der Menschen gehört, noch die Vibrationen der Beben gespürt. Sein Raum wurde ein Ort des Verlustes und der Erinnerung.

Was in einer beängstigenden Schönheit aufging, ein einsames Gebiet, das sich immer weiter ausdehnte, bis er zum Nachwuchs nicht vorhandener Eltern wurde und jede Spur der Zeitlichkeit, die beständig überquoll, sich verlor.

Stille

„Ein regnerischer Oktobertag; ein früher Morgen; eine staubige Fensterscheibe“4.

Der Tag begann in gleicher Weise.

Die Dinge konnten verkümmern ohne einen beständigen Rhythmus. Er hielt sich streng an das Programm, obwohl die Freude in den Gesten allmählich verblasste.

Alles schien ihm natürlich. „Überhaupt kam alles ihm ähnlich vor; alle Gegenstände erinnerten ihn aneinander“5. Sein Leben erinnerte ihn an sein eigenes Leben, und jede Trennung davon löste bei ihm einen Wutanfall aus.

Mit der Zeit „[verdeckten] die einzelnen Sachen einander“6; wurden in nächster Nähe der Grenzen mehr. Es war überwältigend, ein Zustand, in dem nichts zur Ruhe kam. Er fragte sich, ob die Suche dauern würde. Er wusste nichts anzufangen mit den Resten, dem Überschuss, all dem, was ihm nicht passte. Er wusste, dass er die Stadt längst verlassen hatte – es gab ihn nicht mehr für deren Bewohner. Es gab kein Zurück mehr für den noch vorhandenen Körper. Die Prozession hatte bereits stattgefunden, die Lebenden waren weg. Niemand kam hier vorbei.

Er war sich seines Privilegs nicht unbewusst. Er verblieb in der Nachbarschaft, wo er das Gefühl hatte, noch sichtbar sein zu können. Die Illusion tat ihm gut.

Eine Zeit lang störte ihn der Überschuss nicht mehr. Er hätte sich gewünscht, dass dieser Zustand von Dauer sein würde. Seinen Weg fortzusetzen ohne allzu viele Umwege. Er versuchte, sich einen Raum im eigenen Körper zu erschaffen. Das genügte für einen solchen Tag – eine sanfte Luft, deren Anpassung im Hohlraum der Lunge.

Tiere

Alles begann ihm zu gehören, „wie ein Kiefernwald im Winter“7,

wie ein angenehmer Schatten, der ihn nichts mehr anging. Die Leichtigkeit der neuen Gefühle tat ihm gut,

er öffnete seine Augen in einer leicht kalten Umgebung; alles, was bisher geschehen war, zählte nicht mehr.

War gut oder schlecht gewesen und kam ihm entgegen mit einer Langsamkeit ohne Gewicht oder Gestalt.

Sein Puls synchronisierte sich ohne Widersprüche, und er dachte nicht an den Tag, wenn der Raum ihn verbannen würde.

Wie im Schlaf, sich zu wenig des Ortes bewusst, an dem er sich befand.

Er passte sich allmählich den Umgebungen an, in denen die Luft dünner wurde, und antizipierte ihr Verschwinden. Er war zufrieden. Er wusste, dass es für alles, was in der Vergangenheit lag, einen Weg gegeben hatte, dass er nur das tun konnte, was ihn nicht aufregte. Er verspürte nicht mehr das Bedürfnis, das Wasser am Fuße der Berge zu heben. Das Alter bestimmte ihn nun – eine angenehme Taubheit in unbekannten Räumen.

Die Tiere jener Gegenden verstanden ihn, das verlangsamte Atmen war nach seinem Geschmack. Er ahmte sie oft nach und ging in eine Art Winterschlaf über. Die Schreie ringsum waren unnütz, weder Verzweiflung noch der eilige Schritt erreichten ihn. Auch die Namen und die Angewohnheiten wurden ihm entbehrlich. Ein anderes Leben bemächtigte sich seiner und gehörte ihm, „ein goldenes Licht, zäh wie Melasse“8, ein schweres Geräusch, eingehüllt in Wildschweingeruch.

Entdeckungen

Wie viel Leben zu entdecken – als nichts mehr Maß besaß, schritt er in alle Richtungen, gleichgültig den Ufern und dem Nebel gegenüber. Die Füße, die so oft auf die Erde getreten sind, haben eine grüne Farbe und den Geruch von Gras angenommen; er hat seine Haut gepflegt, bis sie papierdünn wurde – eine Fülle von Kleingeräuschen, wenn sich der Körper entspannte.

Es gab auch Freude, eine kleine Fläche, groß wie eine Münze, die er oft in die Luft warf. Seine Finger drehten sie ungläubig hin und her. Sie haben nie aufgehört, vorbereitet nur auf plötzliche Winde. Er hat sich gefürchtet, in seiner Lebendigkeit. Er fing an, sich um die geblühten Disteln zu drehen, das Gras zu zerdrücken mit der Schubkarre, in der er zuvor die Kadaver der Tiere aus dem Wald eingesammelt hatte.

Ich wünschte, ich könnte noch ab und an dorthin – es bleibt nicht viel von seinem Leben. Er wurde geboren, er hat gelebt; die großen Tiere überholen ihn.

Aus dem Rumänischen von Alexandru Bulucz

1 Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

2 Ebd.

3 Robert Musil: Drei Frauen

4 Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Ian McEwan: Lektionen

8 Ebd.

Kenka Lekovich

Der Wandelnde von Mendicoli

Leser, bist du jemals schon dem Wandelnden von Mendicoli begegnet? Hast du dich dann auch gefragt, ob dein Geist dir etwas vorgaukelt oder aber dir voller Ernst zuflüstert: Na los, nur Mut, worauf wartest du, willst du dieser lieben Erscheinung nicht einen guten Tag wünschen? Oh, es hätte wahrlich nicht viel dazu gebraucht, bei diesen Pantöffelchen und dem leichten Pyjama, mitten im Dezember, bei dieser Art von verwirrter Seele und dem sanften Ausdruck eines guten Wesens, das keiner Fliege etwas zuleide tun könnte …

Aber beachte, Leser: Solch liebe Geisterschatten huschen immer wieder durch gewisse Gassen Venedigs, die von den unerträglichen großen Touristenrouten ausgeschlossen sind. Auch gab es mehrere Wunder, die durch das Segnen mit der geheimnisvollen Krümme eines Bischofsstabes bewirkt wurden, der über Jahrhunderte in einer der ältesten Kirchen Venedigs, San Nicolò dei Mendicoli, aufbewahrt wurde. Allein in den Jahren zwischen 1678 und 1697 haben sich acht solcher Episoden ereignet. Doch gab es noch andere, viele, viele mehr davon, die nur mündlich überliefert sind.

Die besagte Krümme, so wird erzählt, gehörte zum Bischofsstab von San Nicola, dem Bischof von Myra. Es waren die venezianischen Kreuzfahrer, die im Jahr 1100 die bischöfliche Insignie nach Venedig überführten, nachdem sie diese zusammen mit dem heiligen Körper des Wundertäters entwendet hatten. Die unglücklichen Wächter, die sie unguibus et rostris verteidigten, wurden dabei gehörig gefoltert.

„Häfen von Palästina, wer euch kennt! Adieu, du fader Kreuzzug, wir kehren zurück zur Lagune, mit schier unglaublichen und schön profitablen Schätzen.“ Aus bis heute ungeklärten Gründen landete die Krümme in der Kirche San Nicolò dei Mendicoli, wo sie als verehrteste, meistgeküsste und wundertätigste Reliquie auch verblieb, bevor sie dann 1875 aufgrund von Schulden verkauft wurde.

148 Jahre später, am zweiten Adventssonntag gegen 11 Uhr vormittags, bei einem Wetter zum bater brochete, will sagen, dass einem die Knochen einfrieren konnten, tauchen dann zwei Wanderer an der südwestlichen Spitze von Venedig auf, wo sich die oben genannte Kirche erhebt, vielschichtig zusammengesetzt wie ein Kopf Arcimboldos. Für den dezemberlichen Lagunenwandler ein wahrer Magnet und für den Wissenschaftler ein schwindelerregendes Faszinosum. Die Ärmste, was sie alles durchmachen musste! Eine zum Teil immer noch ungeklärte, jahrhundertealte Baugeschichte. Sie beginnt mit der Annahme einer romanischen Vorstufe aus dem 7. Jahrhundert, die vermutlich im Feuer niederbrannte, das am 5. April 1106 die Stadt verwüstete, darunter auch 24 Kirchen. Und sie endet mit der typischen Atemlosigkeit des der Zeit Hinterherlaufenden: Ausschussmaterial im Mauerwerk als Indiz eines fortgesetzten, übertriebenen Restaurierungseifers. Die Außenmauern zweifellos romanischen Baustils, obwohl … vermeintlich romanische Arkaden, die von anderen, unbestimmbaren Bauten stammen, deren Spuren sich verloren haben. Über diesen porteghi, einst schon als überdachter Friedhof genutzt, wurden in der Folge auch Rückzugsräume für Nonnen und ihre Mägde eingerichtet. Dann gab es durch Nivellierung von Bodenerhebungen gewonnene Parzellen, die an squerarioli