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Aus dem Editorial: Ein Editorial zu schreiben, ist immer eine Gratwanderung: Einerseits möchte ich Ihnen gerne sämtliche Texte dieser Ausgabe aus dem einen oder anderen Grund ans Herz legen – die Liebesgedichte von Wolfgang Pollanz beispielsweise, weil sie so unmittelbar berühren, oder die Kurzprosa von Hel Proißl, weil sie sich auf skurril‐witzige Art mit einem Thema beschäftigt, das in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sträflich vernachlässigt wird –, andererseits möchte ich Ihnen aber auch keine reine Aufzählung mitgeben, denn diese finden Sie im Inhaltsverzeichnis. Vielleicht möchten Sie zuerst auch im Schwerpunkt zur Literatur aus der Provence blättern, den Helmut Moysich mit Liberté, lumière, bleu übertitelt hat – die Assoziationen klingen bereits in der Überschrift an, und was die versammelten provenzalischen Autor:innen sich und uns wünschen, ist nicht mehr, als sich von der Alltagsrealität abzusetzen und sich auf eine mitunter halluzinierte Welt voller Wunder einzulassen. Und so immer weiter … Hören Sie nicht auf, zu schauen und zu lesen! Wir hoffen, Sie haben an dieser Ausgabe genauso viel Freude wie wir! Andrea Stift‐Laube
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2025
In den Lichtungen finden Sie Gegenwartsliteratur aus dem deutschsprachigen Raum und internationale Literatur in Übersetzung als Erstveröffentlichung. Jede Ausgabe wird durch einen von der Akademie Graz kuratierten, zeitgenössischen Kunstteil ergänzt. Eine Kolumne von Clemens J. Setz zu „Poesie an unvermuteten Stellen“ ist eines unserer Highlights. Essays und Kolumnen runden jede Ausgabe ab. Die Lichtungen erscheinen viermal im Jahr als Printmedium und seit der Ausgabe 176 auch als E-Book
(kompatibel mit allen handelsüblichen Geräten).
Bestellmöglichkeiten und unsere Termine finden Sie auf unserer Website:
www.lichtungen.at
Ein Editorial zu schreiben, ist immer eine Gratwanderung: Einerseits möchte ich Ihnen gerne sämtliche Texte dieser Ausgabe aus dem einen oder anderen Grund ans Herz legen – die Liebesgedichte von Wolfgang Pollanz beispielsweise, weil sie so unmittelbar berühren, oder die Kurzprosa von Hel Proißl, weil sie sich auf skurril-witzige Art mit einem Thema beschäftigt, das in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sträflich vernachlässigt wird –, andererseits möchte ich Ihnen aber auch keine reine Aufzählung mitgeben, denn diese finden Sie im Inhaltsverzeichnis.
Vielleicht möchten Sie zuerst auch im Schwerpunkt zur Literatur aus der Provence blättern, den Helmut Moysich mit Liberté, lumière, bleu übertitelt hat – die Assoziationen klingen bereits in der Überschrift an, und was die versammelten provenzalischen Autor:innen sich und uns wünschen, ist nicht mehr, als sich von der Alltagsrealität abzusetzen und sich auf eine mitunter halluzinierte Welt voller Wunder einzulassen.
Und so immer weiter …
Hören Sie nicht auf, zu schauen und zu lesen!
Wir hoffen, Sie haben an dieser Ausgabe genauso viel Freude wie wir!
Andrea Stift-Laube
POESIE AN UNVERMUTETEN STELLEN
Clemens J. Setz
Folge 24: Robert Johnson und das Studium des Regens
LITERATUR
Tanja Paar
Ausstieg bitte sofort verlassen
Wolfgang Pollanz
Von der Unzulänglichkeit und anderen Mängeln
Sven Schaub
Im Licht der Bewegungsmelder
Isabella Feimer
Dahinterland
Mario Hladicz
Im Kleinen
Julia Rüegger
requiem. mutmaßungen
Kemal Kulaksız
Ein Glas Milch
Emil-Breisach-Literaturpreis 2024 der Akademie Graz
Hel Proißl
Longing
Schwerpunkt: Liberté, lumiÈre, bleu Literatur aus der Provence
Helmut Moysich
Liberté, lumière, bleu. Einleitung
René Frégni
Aus dem Roman Je me souviens de tous vos rêves / Ich erinnere mich an all eure Träume
Laura Vazquez
Aus dem Gedichtband Le livre du large et du long / Das Buch der Längen und Breiten
Olivier Mak-Bouchard
Aus dem Roman Le Dit du Mistral / Die Ballade des Mistrals
Élisabeth Barillé
Aus dem Roman L’école du ciel / Die Schule des Himmels
Zeitkritik / Essay
Karl Wimmler
1924 – 1964 – 1980 – 2001 – 2024 Ernst Friedrich und Stanley Kubrick
Kurzbiografien
Impressum
Clemens J. Setz
Folge 24: Robert Johnson und das Studium des Regens
Robert Johnson ist, neben Skip James, mein Lieblings-Bluesmusiker der frühen, „Delta Blues“ genannten Ära, zu der auch Son House, Charley Patton, Geeshie Wiley und Blind Lemon Jefferson gezählt werden. Johnsons Leben begann 1911 in Mississippi. Als er noch ein Baby war, mussten seine Eltern vor einem rassistischen Lynchmob fliehen. Robert wuchs in Memphis auf. Ursprünglich war sein Nachname Dodds gewesen, aber aufgrund der Angst vor weiterer rassistischer Verfolgung hatte sein Vater den Familiennamen in Spencer geändert. Nachdem seine Mutter einen Mann namens Dusty Willis geheiratet hatte, wurde er von allen Robert Dusty genannt. Möglicherweise von all den Namensänderungen erschöpft, nannte er sich als Erwachsener „Johnson“ und blieb für den Rest seines – leider sehr kurzen – Lebens dabei.
Nach dem plötzlichen Tod seiner ersten Frau wurde er ein „itinerant bluesman“, fuhr von Ort zu Ort und sang für Geld. Nur wenige Aufnahmen seiner Lieder wurden gemacht. Seine sämtlichen Werke passen auf zwei CDs.
Wie bei den Troubadouren des Spätmittelalters existieren über sein Leben fast nur einander widersprechende Legenden. So war er entweder aufbrausend, instabil und alkoholabhängig oder introvertiert, tiefreligiös und abstinent – oder gar nichts von all dem, sondern lediglich vollkommen verrückt. Er starb mit 27 entweder an den Spätfolgen vererbter Syphilis oder aufgrund einer Vergiftung mit Strychnin durch den eifersüchtigen Ehemann einer Frau, mit der Johnson ein Verhältnis oder im Gegenteil kein Verhältnis hatte, oder durch eine seltene genetische Gefäßerkrankung, das Marfan-Syndrom, oder durch irgendetwas vollkommen anderes. Auch sein Grab befindet sich an mehreren Orten gleichzeitig, alle ungefähr gleich wahrscheinlich und unwahrscheinlich: am Friedhof der Mount Zion Missionary Baptist Church in Morgan City, am Friedhof der Payne Chapel in der Nähe von Quito oder unter einem großen Nussbaum am Friedhof der Little Zion Church, nördlich von Greenwood.
Dass Robert Johnson existiert hat, ist immerhin unumstritten. Man kann sich zum Beweis ja die alten Aufnahmen anhören. Aber da wiederum beginnt man zu zweifeln, dass ein einzelner Mensch sich ein derart breites Repertoire an Effekten und Blues-Ideen im Alleingang ausgedacht haben soll. Irgendwie muss es da wohl, so wie er es selbst in einem seiner berühmtesten Songs beschreibt, mit dem Teufel zugegangen sein. Ich habe mir seine Lieder sicher viele hunderte Male angehört. Johnsons Stimme und Gitarrentechnik sind unmittelbar süchtigmachend, sie gehen widerstandslos ins Gehirn, wie eine Art Vision.
Am meisten begeisterten mich immer seine Lyrics. Ich bin ein stark schriftlich tickender Mensch, also ist das nicht weiter verwunderlich, aber was mich beim Studium der Lyrics durchaus verwunderte, ist die Tatsache, dass sich niemand darauf einigen kann, was Johnson in seinen unsterblichen, unzählige Male gecoverten Bluesklassikern eigentlich singt.
Die Aufnahmequalität ist nicht schuld daran, denn die ist, gemessen an den historischen Umständen, erstaunlich gut. Vielmehr ist es Johnsons stark dialektgefärbte, ekstatisch verformte Aussprache, die es so schwer macht, seine Worte zu verstehen. Das Magische an der ganzen Sache ist allerdings, dass seine herrlichen Blueszeilen sowohl in der einen wie auch der alternativen Lesart gleichermaßen interessante Verse und Bilder ergeben.
In dem gespenstischen Lied Hellhound on My Trail könnte es etwa heißen:
I gotta keep movin, I gotta keep movin
Blues falling down like hail
oder
I gotta keep movin, I gotta keep movin
Blues falling down like hell
Und beides ist plausibel. Ein bisschen wahrscheinlicher scheint „hail“, weil Hagel eher „fällt“ als die Hölle. „Hell“ würde allerdings vom titelgebenden Höllenhund unterstützt, „hail“ aber wiederum vom später kommenden Reimwort „trail“. Oder in dem Song Love in Vain der berühmte Vers:
When the train it left the station
with two lights on behind
Well the blue light was my blues
and the red light was my mind
Was für ein großartiges Bild. Aber manche wollen darin „with two lights shone behind“ hören. Macht in diesem Fall nicht so viel aus, das Bild bleibt intakt in beiden Auslegungen des akustischen Materials. Auch die Frage, ob es im Song Come On in My Kitchen heißt: „It’s gonna be rainin’ outdoors“ oder „It’s gonna be rainin’ all day“, ist nicht so entscheidend. Aber dann, im selben Lied, plötzlich die sonderbare Ansage:
Winter time’s comin’
he’s gonna be slow
Wer, der Winter als „er“? Funktioniert im Englischen nicht so richtig. Das wie eine kommentierte Werkausgabe gestaltete Booklet des Boxsets der Complete Recordings vermerkt in einer Fußnote, es heiße „hit’s gonna be slow“, mit einem „phonetically correct although certainly meaningless“ h-Laut am Anfang des Wortes „it“. Hä? Andere Quellen lesen das Wort hingegen direkt als „hit“ im Sinne von Schlag oder Anschlag. Der Schlag des Winters ist langsam.
In dem mitreißend wütenden Lied Last Fair Deal Gone Down brechen schließlich alle Transkribierbemühungen in sich zusammen.
Take camp tain he and see
camp ain’t he and see
At scal ain’t be at seen, good Lord,
on this Gulfport Island Road
So die offizielle Version im Booklet. Aber was heißt das? Die (von einer KI erstellten?)
Lyrics auf Spotify behaupten dagegen, es heiße:
Take camp, baby, and sing
camp, baby, and sing
let’s camp, baby, and sing, good Lord,
on the Gulfport Island Road
Was wieder phonetisch überhaupt nicht passt.
Mein Lieblingsvers aus Johnsons Gesamtwerk ist zufällig auch einer der unklarsten.
Ich dachte jahrelang, er würde singen:
Like the blues
is a low-down achin heart disease
like consumption
killing me by degrees
I can study rain
oh oh drive oh oh drive my blues
I been studyin the rain and
I’m gon’ drive my blues away
Aber dann las ich, dass einige dieses geniale Bild „Ich hab den Regen studiert und werde meinen Blues1 schon noch verjagen“ ganz anders hören, nämlich als „I been stutterin’“, „ich stotterte und werde meinen Blues verjagen“. Je öfter ich es mir anhörte, desto mehr klang es tatsächlich nach „stutterin’“. Der Sinn wurde dadurch verändert, aber auch anregend rätselhaft. Eine Weile blieb ich bei dieser Deutung, dann las ich in einem Buch von M. G. McGeachy, das von den Parallelen zwischen der altenglischen Dichtung und der amerikanischen Songbook-Tradition handelt, von einer anderen Auslegung, in der das frühere „study“ mit einem Hinweis auf die spezielle Bedeutung, die das Wort damals in gewissen Kontexten besaß, bestätigt wird. Der Autor weist darauf hin, dass „study“ nämlich nicht „studieren“ bedeutete, sondern „durch Voodoo/schwarze Magie zu beherrschen lernen“. Whoa! Als Beispiel für diesen Wortgebrauch nennt er die Zeile aus dem Lied Death Bell Blues (1928) von Tom Dickson: „I began to study and the winds began to howl.“ In Harry Middleton Hyatts Studie Hoodoo – Conjuration – Witchcraft – Rootwork, in der der Autor verschiedene Zeugnisse von magischem Alltagsglauben aus den amerikanischen Südstaaten in den Jahren 1935 bis 1941 versammelt, wird dieses Wort ebenfalls auf diese Weise gebraucht, z. B. in der Anleitung „study a whirlwind“: Um einen Tornado zu erzeugen, sammle man aufwirbelnden Staub von der Landstraße und vermische ihn mit Friedhofserde.
Was übrigens eine der sympathischsten Eigenschaften der Beschäftigung mit (frühem) Blues ist: Egal, in welche Richtung man recherchiert oder lauscht, schon nach wenigen Schritten landet man auf dem Friedhof. So stammt übrigens auch der schönste Begräbniswunsch (neben García Lorcas „Begrabt mich, wenn ihr wollt / in einer Wetterfahne“), der mir bekannt ist, aus einem Lied von Robert Johnson:
You may bury my body oooh
down by the highway side
So my old evil spirit
can get on a Greyhound bus and ride
1 Wobei es korrekterweise „meine Blues“, „meine blauen (= trostlosen) Momente“ heißen müsste, denn zumindest in den Anfangsjahren dieser Poesie- und Musikrichtung war „blues“ immer im Plural gedacht: „I’ve got the blues.“
Tanja Paar
Ausstieg bitte sofort verlassen!
Er hat den Urlaub nicht gewollt, sie hat gesagt, es müsse sein. Unbedingt zurück an diesen Ort ihrer Kindheit. Seit Jahren lag sie ihm damit in den Ohren. Und endlich hatte sie sich durchgesetzt. Zu Weihnachten sollte es sein, so wie damals. Oder zumindest in einer Zeit, in der Schnee lag. Der Sommer kam für sie nicht in Frage, da sie einen bestimmten Duft mit der Mariannenhütte verband, der nur im Winter zu haben war: der nach aperen Wiesen, noch von einzelnen Schneeflecken durchzogen, die manchmal bereits aufgefirnt waren.
Sie erinnerte sich an das Rauschen des Windes in den hohen Tannen, das für sie gleichzeitig beruhigend und aufregend gewesen war. Beruhigend, weil sie nicht draußen sein musste im Kalten, sondern in der warmen Hütte saß, und aufregend, weil alles hier so anders war als in der Stadt. Würde es die alte Gaststube noch geben mit dem beigen Fliesenboden und den schweren Holztischen, der umlaufenden Bank, auf der sie sich manchmal ausgestreckt hatte, während die Erwachsenen noch debattierten oder Karten spielten? Sie wusste, dass der Schlepplift vor Jahren abgebaut worden war. Nicht mehr rentabel. Die Freude ihrer Kindheit: Endlich allein ohne Eltern mit dem Lift fahren dürfen! Nicht mehr wie die Kleinen zwischen die Beine genommen zu werden, sondern sich allein mit der Freundin anstellen dürfen, den Bügel vom brummigen Liftwart gereicht bekommen und mit einem Satz losstarten, weil die Spur steil war und die Mädchen leicht.
Nicht selten endete so eine Fahrt nach wenigen Metern mit einem Sturz. Aber auch wenn es lästig war, die steile Rinne im Stemmbogen hinunterzuzittern, bis der Lift wieder eingeschaltet wurde, ganz abgesehen von der Schmach, es nicht geschafft zu haben, war es doch ein erster Schritt in die Freiheit. In die Freiheit des Unbeaufsichtigtseins, einer Qualität, die es in der Stadt selten gab. Also nächster Versuch, zurück an den Start, den Bügel unter den Hintern geklemmt und die Skier konzentriert in den vereisten Spuren halten. Oben angekommen, gab es zwei Möglichkeiten: die leichte Familienabfahrt und die schwierigere Märchenwiesenabfahrt. Die Freundinnen konnten sich jedes Mal zwischen den beiden sensationellen Möglichkeiten entscheiden: links oder rechts. Trotzdem wurde es nie langweilig. Die Abfahrten waren für sie lang, Stürze oder Plauderpausen wurden eingelegt, manchmal sausten die Mädchen durch geheime Waldwege.
Sie erinnerte sich nicht, je von ihren Eltern dabei beaufsichtigt worden zu sein. Gewiss, der Vater saß oben vor der alten Schutzhütte in der Sonne, und es wäre ihm aufgefallen, wären die Kinder längere Zeit nicht wieder aufgetaucht am „Ausstieg – bitte sofort verlassen“. Die Hütte war aus altersschwarzem Holz und beige davor der Vater in seinem Anorak. Der Vater rauchte Pfeife oder las ein Buch – oder tat so. Er sah sehr zufrieden aus und winkte ab und zu. Pünktlich zum Mittagessen rief er die Mädchen ins wenige Meter entfernte Quartier. Die Mariannenhütte war mehr ein Haus als eine Hütte, zweistöckig mit Matratzenlagern und – absoluter Luxus – auch Einzel- und Doppelzimmern. Die Familie bewohnte zwei Doppelzimmer, immer die gleichen, die Sechs und die Acht im zweiten Stock.
Auf das Zimmer freute sie sich besonders, sie hatte auf Fotos gesehen, dass diese nie modernisiert worden waren, dieselben hellblauen Bauernschränke mit den aufgemalten Blumen in Gelb und Rosa, sehr hässlich. Sie wusste noch, dass sie sich immer ein wenig vor diesen Kästen gefürchtet, ihrer freundlichen Pausbäckigkeit mit den dicken, gedrechselten Schultern und Beinen misstraut hatte. Vor den Fenstern erwartete sie dieselben braun-beigen Vorhänge, muffig schon damals. Er kannte all diese Geschichten und teilte ihre aufgekratzte Aufgeregtheit bei der Anreise nicht.
Wieso auch? Die Landschaft war abgesehen von den süßen Erinnerungen der Kindheit, die er nicht teilte, unspektakulär. Nadelbaumwälder, einzelne Gehöfte, nur vereinzelt noch bewirtschaftet, dazwischen in weiten Schwüngen das Band der Autobahn. Eine Gegend, geschaffen zur Durchreise – schon von alters her. Die alten Gasthöfe am Pass verlassen, dort, wo einmal der Tourismus floriert hatte, die Hoffnungen begraben. Größere Skischaukeln, längere Pisten, spektakulärere Aussichten, billige Flugreisen. Erst jetzt, da Wandern wieder in Mode kam, besannen sich manche auf diese mittleren Lagen und die Heidelbeeren, die darin wuchsen. So auch sie.
Sie musste auch im Sommer hier gewesen sein, denn sie erinnerte sich an den süßbitteren Geschmack der Beeren und die blauen Finger und Zungen. Ja, hinter der Mariannenhütte im Wald war das Wrack eines Feuerwehrautos gelegen ohne Reifen, sie hatten darin gespielt, auch dabei unbeaufsichtigt. Und sie waren auf die Felsen geklettert, auf hohe Felsen, viel höher als sie selbst groß, und sie hatte gewusst, dass sie das den Eltern nicht erzählen durfte.
