Liebe brennt ewig - Rhiannon Thomas - E-Book

Liebe brennt ewig E-Book

Rhiannon Thomas

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Beschreibung

Nach über hundertjährigem Schlaf wird Prinzessin Aurora von Prinz Rodric wachgeküsst. Für die Familie des Prinzen ist klar: Aurora und Rodric sind füreinander bestimmt. Doch statt glücklich bis an das Ende ihrer Tage zu leben, gerät Aurora, die rechtmäßige Thronerbin ihres Königreichs, in ein finsteres Intrigenspiel. Als sie ihr Volk vor der drohenden Tyrannei durch Rodrics Eltern zu retten versucht, wird sie zur Verräterin erklärt. Doch Aurora verfügt über eine mächtige magische Gabe: Wird es ihr damit gelingen, sich zu retten und den Fluch, mit dem sie belegt wurde, für immer zu brechen? Phantastisch, mitreißend und voller Romantik: Rihannon Thomas' großes Epos um Macht und Magie und die ewige Kraft von Liebe, die niemals erlischt.

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Seitenzahl: 828

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Rhiannon Thomas

Liebe brennt ewig

 

Aus dem Amerikanischen von Michaela Kolodziejcok

 

Über dieses Buch

 

 

Sie hat hundert Jahre geschlafen. Ein Prinz hat sie wachgeküsst. Doch ab da ist nichts mehr wie im Märchen …

Nach hundertjährigem Schlaf wird Prinzessin Aurora von Prinz Rodric wachgeküsst. Für den Prinzen und seine Familie ist alles klar: Aurora und Rodric sind füreinander bestimmt. Doch ist es das, was Aurora will? Schnell muss sie erkennen, dass sie nur eine Schachfigur in einem Intrigenspiel um Thron und Macht ist. Denn nur wer Aurora, die rechtmäßige Thronerbin, heiratet, hat auch Anspruch auf den Thron. Rodrics Eltern sind tyrannische Herrscher, die Auroras Volk grausam unterdrücken. Und so beschließt Aurora, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und ihr Volk zu retten. Und da ist auch noch der geheimnisvolle Prinz Finnegan, zu dem sie sich gegen ihren Willen hingezogen fühlt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Rhiannon Thomas hat Englische Literatur in Princeton, USA, studiert. Zurzeit lebt sie in Yorkshire, England, im Schatten einer gotischen Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert. Neben dem Schreiben von Fantasy-Romanen betreibt sie leidenschaftlich einen Blog über Feminismus und Medien.

 

Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden sich auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Dieser Doppelband enthält folgende Einzelbände:

›Ewig – Wenn Liebe erwacht‹

2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel ›A Wicked Thing‹ bei HarperTeen, einem Imprint von HarperCollins Publishers, New York

Copyright © 2015 by Rhiannon Thomas

 

›Ewig – Wenn Liebe entflammt‹

2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel ›Kingdom of Ashes‹ bei HarperTeen, einem Imprint von HarperCollins Publishers, New York

Copyright © 2016 by Rhiannon Thomas

 

Für die vorliegende Ausgabe:

© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de

Coverabbildung: © iStockphotos

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-7336-5225-8

 

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Inhalt

Teil 1

Widmung

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Danksagung für Teil 1

Teil 2

Widmung

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Danksagung für Teil 2

Für Phoebe,

die jede Geschichte mit mir teilt

und diese hier als Erste gelesen hat.

Sie erwachte von einem Kuss.

Kein Kuss, bei dem Vöglein sangen, das Herz stockte und die Erde aufhörte, sich zu drehen. Nur ein sanfter Druck an ihren Lippen.

Aurora öffnete die Augen.

Ein Fremder ragte über ihr auf. Ein Junge. Er starrte sie an.

»Ich hab’s geschafft«, sagte er. »Ich hab’s tatsächlich geschafft.«

Aurora schrie auf.

Der Eindringling fuhr erschrocken zurück, und Aurora trat strampelnd um sich, krabbelte hastig zur anderen Bettseite hinüber. Etwas zu hastig. Ihre Füße schlugen hart auf den Boden, und sie sackte auf die Knie. Ihre linke Hand knallte gegen den Stein. Das Sonnenlicht, das durch das Fenster hereinflutete, stach ihr in die Augen.

»Tut mir leid.« Die Worte des Jungen flossen ineinander. »Geht es Euch gut?«

Ein Fremder. Ein fremder Junge. In ihrem Schlafzimmer. Der sie küsste, während sie schlief. Und sich dann … entschuldigte?

»Prinzessin?«

Sie starrte auf ihre Hände hinunter. Ihr Ellbogen zitterte. Wie reagierte man angemessen, wenn ein reumütiger Fremder in das eigene Schlafzimmer eindrang und einen küsste? Irgendwie schien es wichtig, die richtige Reaktion zu zeigen, sich so zu verhalten, wie ihre Mutter es von ihr erwarten würde, aber Aurora schwirrte der Kopf, und der Boden unter ihren Fingerspitzen schien zu beben. Oder vielleicht war das auch sie selbst.

»Ich bin Prinz Rodric«, sagte der Fremde, als sie nicht antwortete. »Sohn von König John dem Dritten und zukünftiger Herrscher über –« Er brach ab. »Ich meine … Rodric. Nennt mich einfach Rodric. Wenn Ihr wollt.«

Sie würde nicht auf dem Boden kauernd mit einem Eindringling sprechen. Aurora hielt sich an der Bettkante fest und rappelte sich hoch. Die Welt schlingerte und schwankte.

»Es ist mir ziemlich egal, wer Ihr seid«, sagte sie. »Was tut Ihr hier in meinem Zimmer?«

Er stand vollkommen reglos da, so wie ein Kind, das auf keinen Fall ein Rehkitz verscheuchen wollte oder Angst hatte, das Kitz würde sich jeden Moment in einen Bären verwandeln, der ihm die Hand abbiss.

»Also, ich bin … ich bin hier, um Euch zu retten.« Es klang schon wieder beinahe wie eine Entschuldigung.

»Um mich zu retten?«

Der Junge starrte sie weiter an.

Er sah nicht sonderlich bedrohlich aus mit seinen schlaksigen Gliedern, dem staunend offen stehenden Mund und den hellbraunen Haaren, die ihm wild vom Kopf abstanden. Aber ungeachtet seiner sympathischen Erscheinung war er eindeutig verrückt. Aurora machte einen zittrigen Schritt rückwärts, und diesmal fand sie sicheren Halt.

»Ich rufe meine Wachen.«

»Wartet!« Der Junge – Rodric – bewegte sich auf sie zu und streckte dabei den Arm vor. Seine Knie stießen gegen das Bettgestell. »Ich meine, erinnert Ihr Euch nicht mehr?«

»Woran erinnern?« Sie machte noch einen Schritt rückwärts, aber das Gewicht ihres Kleides zog sie nach unten – kein Nachthemd, wie sie nun feststellte, sondern ein schweres Seidending, so als hätte sie sich für einen Ball gekleidet und wäre auf dem Weg dorthin einfach in Schlaf gesunken. Ein taubes Kribbeln erfasste ihren Körper.

»Vorsicht!«, rief er. »Ihr seid bestimmt noch sehr schwach.«

»Ach, tatsächlich?«, fragte sie und wich weiter zurück, suchte mit der Hand an der Wand Halt. »Und weshalb?«

»Wegen … wegen des Fluchs.«

Sie blieb stehen. »Ihr habt mich verflucht?« Panik stieg ihr in die Kehle und nagelte sie am Boden fest, doch sie schluckte sie herunter, reckte trotzig das Kinn vor. Sie hoffte, dass ihm nicht auffiel, wie sehr es zitterte. »Ihr arbeitet für Hexe Celestine?«

»Nein!« Hastig eilte er auf ihre Seite des Bettes.

Sie rutschte ein Stück weiter seitlich, noch dichter an die Wand heran, um den Abstand zwischen ihnen zu wahren.

»Nein, nichts dergleichen! Ich bin gekommen … um den Fluch zu brechen. Ich wollte … helfen.«

Nichts konnte den Fluch brechen, außer Warten. Und erst recht kein unbeholfener Fremder, der behauptete, ein Prinz zu sein und nicht mal wusste, dass man Prinzessinnen nur küsste, wenn sie wach waren. Sie rückte näher zur Tür, aber ihr Fuß verfing sich im Saum ihres Rockteils, und sie prallte erneut gegen die Wand. Es war das Ballkleid, das ihre Mutter extra für ihren achtzehnten Geburtstag hatte anfertigen lassen, für das Fest, das ihre Befreiung einläuten würde. Die Befreiung vom Zauber, vom Fluch. Aber wenn da draußen Tageslicht herrschte …

»Der Ball …«, begann sie. »Er hat gestern Abend stattgefunden. Heißt das …« Sie hatte ihr achtzehntes Lebensjahr vollendet. Sie war dem Fluch entkommen. Sie war frei.

»Ihr habt Euch in den Finger gestochen«, sagte Rodric mit hoffnungsvollem Unterton in der Stimme, so als glaubte er, sie würde nun endlich begreifen. »Ihr seid eingeschlafen.«

Aurora konnte sich nicht erinnern. Sie hatte sich für den Ball fertig gemacht, überglücklich, dass der Fluch endlich vorbei sein würde, und dann … Etwas rumorte am Rande ihrer Erinnerung. Eine Melodie. Sie hatte ein Bild vor Augen, wie sie vor sich hinsang, und dann war da ein Licht, das sich in einem Turm, in dem es eigentlich nicht weiter nach oben ging, aufwärts bewegte. Die verschwommenen Konturen einer Frau. Und ein kaum spürbarer Druck an ihrer Fingerkuppe.

Sie sah auf ihre Hände hinunter und entdeckte eine winzige Blutperle an der Spitze ihres Zeigefingers. Als sie mit dem Daumen darüberwischte, blieb auf ihrer Haut eine rote Schmierspur zurück.

»Warum habt Ihr mich geküsst?«

»Die … die Überlieferung«, stammelte er, als wäre damit alles gesagt.

Sie starrte ihn an und schüttelte langsam den Kopf.

»Der Kuss der wahren Liebe«, fügte er hinzu. »Wer die Prinzessin mit einem Kuss erweckt … Nun, die beiden sind dazu bestimmt zu heiraten und leben dann glücklich bis an ihr Lebensende.«

Wahre Liebe? Bestimmung? Er war offenbar wirklich verrückt.

»Ich kenne Euch nicht mal«, entgegnete sie.

»Aber die Überlieferung …«

»Welche Überlieferung?«, fragte sie. »Wovon sprecht Ihr?«

»Von Eurer Geschichte, Prinzessin«, sagte er. »Von der schlafenden Schönheit.«

Auroras Finger pochte. Sie presste die Fingerspitze gegen ihren Handteller, um den Schmerz wegzudrücken, aber dieser Junge, dieser Prinz, stand immer noch da und starrte sie an, als wüsste er vor lauter Fassungslosigkeit, dass sie tatsächlich leibhaftig vor ihm stand, nicht, wohin mit sich.

»Es gibt keine Geschichte über mich«, sagte sie.

»Aber sicher, Prinzessin.« Rodric machte einen Schritt auf sie zu. Er glühte förmlich vor Eifer, so als wäre dies der Schlüsselmoment, der Augenblick, in dem sich alles aufklärte. »Alle lieben Euch. Ihr ahnt ja nicht, wie wunderbar alles wird, jetzt, wo Ihr endlich wach seid.«

»Wach?« Sie stützte sich mit der Hand an der Wand ab.

»Wir haben natürlich schon früher versucht, Euch aufzuwecken«, beeilte Rodric sich zu sagen. »Viele haben es im Laufe der Jahre mal versucht. Aber es hat nie geklappt. Bis heute.« Seine Wangen waren rot erhitzt. »Ich hätte nie gedacht, dass ich derjenige sein würde. Also, ich bin natürlich froh, dass es so ist, aber … Normalerweise tauge ich nicht für diese Heldensachen.«

Im Laufe der Jahre …

»Wie lange habe ich geschlafen?«, fragte sie mit fester, bedächtiger Stimme, so als wäre es eigentlich gar keine wichtige Frage, so als würde sie die Antwort bereits kennen und wollte lediglich auf Nummer Sicher gehen.

»Wir haben es versucht«, wiederholte er. »Aber es hat eine Weile gedauert.« Er stammelte die Worte hervor, zerrte sie aus irgendeinem sicheren Schlupfwinkel heraus. »Länger, als wir dachten. Nicht ewig, aber … eine Weile.«

Nicht ewig. Eine Weile. Seine Worte klangen wie die ihres Vaters, als er zum ersten Mal die Tür zum Turm verriegelte und ihr erklärte, dass von nun an der Rest des Schlosses für sie tabu sei. Es sei zu gefährlich. Sie müsse drinnen bleiben, zu ihrer eigenen Sicherheit. »Für eine Weile«, hatte er mit leicht gerunzelter Stirn und einem tröstenden Lächeln gesagt. »Nur für eine Weile.«

Das war zehn Jahre her. Und dann war sie eingeschlafen.

»Sagt es mir«, verlangte sie und machte einen Schritt auf ihn zu. »Sagt mir, wie lange.«

Er sah weg. Die Stille zwischen ihnen war zum Zerreißen gespannt. »Hundert Jahre.«

»Hundert Jahre?« Sie wiederholte die Worte in ihrem Kopf, versuchte, sie dort festzupinnen, aber sie schienen vollkommen bedeutungslos.

»Also, na ja, eigentlich hundertzwei Jahre.«

Aber alles sah so aus wie immer. Ihr Buch lag noch aufgeschlagen auf dem Tisch. Die Kerze war halb heruntergebrannt, mit einem Rinnsal aus erstarrtem Wachs an der Seite. Alle Dinge befanden sich am selben Fleck wie gestern, jedes Detail war genauso wie an dem Tag vor ihrem achtzehnten Geburtstag, als sie ihr Haar gekämmt, ihr neues Kleid anprobiert und sich darauf gefreut hatte, dass sie bald in die Welt hinausgehen könnte. Gestern.

»Nein«, sagte sie. Sie schüttelte den Kopf. Ihr Haar kitzelte sie im Nacken. »Ihr lügt.«

»Prinzessin –« Er streckte wieder die Hand nach ihr aus, und sie fuhr ruckartig zurück.

»Ihr habt den Verstand verloren«, sagte sie, jedoch ohne es selbst zu glauben. Die Luft schmeckte schwer und abgestanden. Sie stolperte zur Tür und riss sie auf.

Der kleine runde Treppenraum dahinter sah aus wie eine verlassene Ruine. Alles war mit Staub bedeckt, von dem Tischchen gegenüber bis hin zur Treppe, die sich spiralförmig nach unten wand. Rodrics Fußabdrücke endeten an der Schwelle, daneben gab es noch weitere, verwischte, so als hätten vor ihm bereits andere Leute den gleichen Weg genommen. Spinnweben hingen in den Ecken, und ihr Lieblingswandteppich, der mit dem sich aufbäumenden Einhorn inmitten eines Lichtwalds, war von Motten zerfressen und nicht mehr zu retten.

»Prinzessin …«

Sie ließ die Tür los, die quietschend wieder vor ihr zufiel. Unmöglich. Das war unmöglich. Ein Trick. Sie ging Schritt für Schritt rückwärts, dann drehte sie sich um und eilte zum Fenster. Es verlangte sie nach frischer Luft, nach dem tröstlichen Blick auf den ihr so vertrauten Wald zu Füßen des Turms.

Aber der Wald war weg. Stattdessen breitete sich eine Stadt vor ihr aus, so weit das Auge reichte. Die Sonne tanzte über rote Dächer, ein Durcheinander von Häusern, dazwischen schlängelten sich Pflasterstraßen, die Luft war erfüllt von Geplauder und Geschrei und Lachen.

Eine ganze Welt war auf einmal aus dem Boden geschossen.

»Prinzessin?«, sagte Rodric. »Geht es Euch gut?«

Sie antwortete nicht. Ihre Fingerspitze pochte. Alles verschwunden. Alle …

»Wo sind meine Eltern?«, fragte sie und formte jedes einzelne Wort so vorsichtig, als könnte es bei der leisesten Erschütterung explodieren. »Haben sie auch geschlafen?«

Stille, abgesehen vom Gesumm der Stadt. Sie starrte unverwandt auf die Szene vor ihr, beobachtete die Menschen, die auf den Straßen hin und her eilten. Sie wollte die Frage nicht wiederholen, wollte nicht nachhaken, aber die Stille zog sich in die Länge, die Sekunden schleppten sich dahin, und sie spürte die Wahrheit wie einen harten Klumpen im Magen.

»Rodric.« Sie klammerte sich mit den Fingern am Fenstersims fest, bis ihre Knöchel weiß hervortraten. Mit Macht versuchte sie, die Spannung aus ihrem Körper zu verbannen und in den Stein zu pressen. »Wo sind meine Eltern?«

»Es tut mir leid«, sagte er. »Sie sind … gestorben. Schon vor langer Zeit.«

»Gestorben«, wiederholte sie. Das Wort schien bedeutungsleer. Wie kann deine Familie, deine ganze Welt sterben, während du schläfst? Da ist kein Altwerden und keine Krankheit, weder Schmerzen noch Kummer. Sie sind einfach verschwunden. Schon vor etlichen Jahrzehnten, während sie selbst jung und unverändert geblieben war. Sie nahm ihre Hände vom Fenstersims und starrte ihre blasse Haut an.

Lag es am Schlaf oder am Schock oder einfach an ihrer eigenen Schwäche, dass sie sich so benommen fühlte, als würde sie noch immer träumen? Sie schrie nicht. Sie weinte nicht. Ein kleiner Teil von ihr rollte sich in ihrer Brust zusammen, und als sie die Augen hob, wurde sie vom Licht geblendet.

»Es tut mir leid«, sagte Rodric noch einmal.

Sie erwiderte nichts.

»Sollen wir runtergehen?«, fragte er. »Alle warten.«

»Alle?«

»Ein paar Höflinge. Meine Familie. Nicht so viele, wie man vielleicht annehmen würde, aber …«

Sie drehte sich um, ihr Haar streifte dabei ihren Nacken. Er hatte ein sanftes Gesicht. Er schien es gut zu meinen. »Eure Familie?«, fragte sie. Meine Familie ist tot.

Er lächelte ein kleines, hoffnungsvolles Lächeln. »Es kann jetzt auch Eure Familie sein.«

Sie starrte ihn an, und er errötete.

»Wollen wir gehen?« Er hielt ihr seinen Arm hin.

»Ja«, sagte sie langsam, als wollte sie sich an dem Wort festhalten. Ihre Beine zitterten, und so legte sie ihre Hand in seine Armbeuge, so sacht wie möglich. Der Stoff seines Ärmels fühlte sich weich unter ihren Fingerspitzen an.

»Alles in Ordnung?«

»Ja.« Das war alles, was sie sagen konnte.

Rodric nickte. »Da lang.« So als müsste man ihr auf die Sprünge helfen.

Im Gehen legte sich Staub auf ihre Lippen und zwischen ihre Wimpern. Er hüllte alles ein, stieg in Wolken auf, jedes Mal, wenn Aurora einen Schritt machte oder ihre Hand das Geländer berührte. Er kratzte in ihrer Kehle, kroch zwischen ihre Zähne. Sie hustete.

So gingen sie die Stufen hinab, Windung um Windung, bis Aurora der Kopf schwindelte. Aber mit jeder Biegung schien die Treppe weniger schmutzig. Der Staub lichtete sich. Neue Teppiche hingen an den Wänden. Auf einem war ein Mädchen mit goldenem Haar zu sehen, das einen Prinzen unter einem Hochzeitsbogen küsste. Ein paar Stufen tiefer schlief das gleiche Mädchen in einem riesigen Bett, erhellt von Tausenden leuchtenden Feen. Dann saß es vor einem klapprigen Spinnrad, einen Finger in die Luft gereckt. Aurora blieb stehen und fuhr mit ihrem Finger über den Stoff des Wandbehangs. Ihr Nagel blieb an dem rauen Material hängen. »Soll ich das sein?«

»Ja«, sagte Rodric. »Das waren Geschenke. Zu Euren Ehren. Ich weiß nicht … weiß nicht, von wem die sind.«

Aurora drehte sich um und blickte die Wendeltreppe hinauf, kniff die Augen zusammen, um das Hochzeitsbild zu erkennen. Ihre vielversprechende Zukunft, für aller Augen sichtbar an die Wand genagelt.

Sie gingen weiter. Der Verfall rundherum wirkte beinahe schon selbst wie ein Gemälde. Spinnweben hingen von den Stufen herab, aber ohne störend im Weg zu sein, und nirgends waren Spinnen in Sicht. Die Steine waren mit einer dünnen Staubschicht bedeckt, und ein paar Wandleuchter erhellten den Weg.

»Hier hat jemand gefegt«, stellte sie fest.

»Den Turm hat seit Jahren niemand mehr benutzt«, erwiderte Rodric. »Aber manchmal haben Leute ihn besichtigt.« Er sprach schnell und ein bisschen zu laut; seine Stimme schwoll an, wie um die Stille auszufüllen. »Aber … Aber natürlich nicht, um Euch aufzuwecken. Das … Das haben nur Prinzen und Edelleute versucht. Es herrscht ein gewisser Aberglaube, um genau zu sein«, fügte er an, »was das Betreten des Turms angeht. Nur derjenige, der in seinem achtzehnten Lebensjahr hingeht, um Euch aufzuwecken, darf die Stufen erklimmen. Alle anderen müssen unten warten. Wenn er in Begleitung erscheint oder irgendjemand anders Euch stört, werdet Ihr niemals erwachen, so hieß es. Aber es gab trotzdem Leute, die einen Blick riskiert haben. Auf die Wandteppiche. Und auf die Treppe.«

Aurora starrte ihre Füße an. Zwischen ihren Schläfen spürte sie ein Piksen wie von winzig kleinen Nadeln.

Am Ende der Treppe wartete eine schwere Holztür, die alle Geräusche dahinter aussperrte. Sie war schon seit Jahren nicht mehr durch sie hindurchgegangen, nicht seitdem ihr Vater entschieden hatte, dass es auch in den übrigen Teilen des Schlosses zu gefährlich für sie war. Das war jetzt so viele Jahre her. Diese Tür hatte ihr ganzes ruhiges, überschaubares Leben lang den Weg nach draußen repräsentiert, den Weg in die Freiheit. Und was bedeutete sie jetzt?

Rodrics Hand schwebte über dem Türklopfer aus Messing. Der Augenblick dehnte sich, dann nickte er knapp und stemmte sich gegen das Holz. Sie ruckte auf, nur ein kleines Stück, vibrierte leicht, wie zögernd, ob sie aufschwingen oder wieder zuschlagen sollte.

»Und?« Eine scharfe Stimme schnitt durch den schmalen Spalt. »Ist sie wach?«

»Ja«, sagte Rodric. Seine Stimme bröckelte, und er räusperte sich. »Ja«, wiederholte er mit mehr Nachdruck. »Sie ist wach.«

Dann wurde die Tür aufgerissen, und Aurora blinzelte. Mit zittriger Hand versuchte sie, ihr Gesicht vor der plötzlichen Helligkeit zu schützen.

Vor ihnen stand eine Frau. Sie hatte ein längliches, knochiges Gesicht, braune Haut und glattes schwarzes Haar, das am Hinterkopf zu einem Knoten geschlungen war. Ihre kalten Augen taxierten Aurora, so als suchten sie nach einem Makel, nach einem Anzeichen dafür, dass sie nicht echt war.

»Es ist wahr«, sagte sie schließlich, als könne sie es selbst nicht recht glauben. »Die Prinzessin ist wach.«

Stille.

Dann schwatzende Stimmen, die lauter und lauter wurden, sich gegenseitig übertönten und in Auroras Kopf scheppernd widerhallten. Im Flur hinter der Tür wartete eine unüberschaubar große Menschenmenge.

Aurora war ihr ganzes Leben lang nie von mehr als zehn Menschen auf einmal umgeben gewesen. Ihre Eltern, ihre Leibwache, ihre Zofe sowie gelegentlich der eine oder andere Hausgast, als sie noch jünger gewesen war, bevor die Angst ihres Vaters überhandgenommen hatte.

Die Frau packte Aurora an der Hand und zog sie nach vorne, über die Schwelle des Turms in das Schloss hinein. Aurora stemmte sich leicht dagegen, versuchte, sich aus dem Griff der Frau zu befreien, aber die ließ nicht los.

Ein großer, beleibter Mann stand neben der Tür. Er hatte einen üppigen braunen Bart und lächelte breit. Der Gang hinter ihm war bevölkert von Männern und Frauen, die in Grüppchen eng beieinanderstanden und hinter vorgehaltenen Händen und goldenen Federfächern tuschelten. Alle waren in bunt leuchtende Seide und weichen Samt gehüllt, und die Frauen trugen hochtaillierte Kleider mit weitausgestellten Ärmeln. Schmuck funkelte an ihren Hälsen und in den kunstvoll frisierten Haaren. Doch sobald sie Aurora bemerkten, verstummte das Geflüster. Alle starrten sie an.

»Prinzessin Aurora«, verkündete die Frau in gebieterischem Ton. Ihr Griff um Auroras Handgelenk verstärkte sich, und als sie erneut etwas sagte, war ihre Stimme so leise, dass Aurora sie kaum verstand. »Knicksen!«

Aurora raffte ihre Röcke und beugte die zitternden Knie, verneigte den Kopf und ließ das Haar vor ihr Gesicht fallen. Sie konnte spüren, wie Hunderte Augen sich in sie hineinbohrten, wie sie jeden Millimeter von ihr begutachteten. Aurora ließ den Kopf gesenkt. So viele Fremde, die sie anstarrten, als wäre sie irgendein exotisches Fabelwesen. Sie ballte ihre Hände im Stoff des Rockes zusammen.

»Hach, lass doch die Förmlichkeiten«, rief der korpulente Mann fröhlich. Er sprach mit dröhnender Stimme, eher wie ein Schauspieler als wie ein Herrscher, aber er trug eine goldene Krone, und alles deutete darauf hin, dass er der König sein musste. »Du gehörst schließlich bald zur Familie, meine Liebe!«

Noch ehe Aurora sich wieder aufrichten konnte, riss er sie an sich und drückte sie so fest, dass sie glaubte, ihre Knochen müssten brechen. Ihr blieb kurz die Luft weg, und sie hing schlaff in seinen Armen, ihr Gesicht an seine Brust gedrückt. Er roch nach Schweiß und schwerem Parfum.

»Wir sind überglücklich, dich bei uns zu haben!«

Als er sie losließ, wankte sie rückwärts und griff Halt suchend nach der Wand.

Wenn sie sich nur irgendwo hinsetzen und die Augen schließen könnte, vielleicht würde sich dann alles wie ein böser Traum in Luft auflösen, und sie wäre wieder zu Hause.

»Aber, aber, John«, tadelte die Frau. Ihre Stimme war leicht, aber so dünn wie die Spitze einer Nadel. »Wir wollen das Mädchen doch nicht ersticken.« Sie legte eine Hand auf seinen Arm.

Der König gluckste. »Natürlich, natürlich. Ich bin nur so aus dem Häuschen, dass unsere zukünftige Schwiegertochter leibhaftig hier vor uns steht.«

»Wie bitte?« Auroras Stimme klang hohl und weit entfernt. Schon diese zwei höflichen, bedeutungslosen kleinen Worte hatten sie völlig ausgelaugt. »Aber ich weiß nicht mal, wer Ihr seid.«

Die Frau stutzte, ihre Stirn legte sich in kleine Falten, so als wäre sie überrascht, dass Aurora sprechen konnte. Sie verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln, nur der König grinste. »Ich bin König John, der Dritte, und seit zehn Jahren Herrscher über Alyssinia. Und das hier ist meine teure Gattin.« Er deutete mit der Hand auf die Frau, woraufhin sie kurz nickte.

»Du darfst mich Iris nennen.«

Aurora nickte. Ihr Haar kitzelte an ihrer Wange.

»Und das junge Ding da, das sich dort drüben versteckt, ist meine Tochter Isabelle«, fuhr der König fort. »Isabelle?«

»Sei nicht schüchtern, Liebes«, sagte eine Frau. »Geh und begrüße die Prinzessin.« Sie schob ein braunhaariges Mädchen nach vorn, das acht oder neun Jahre alt sein musste. Die Kleine errötete. Als sie einen Knicks machte, zitterte sie am ganzen Körper.

»Und meinen Sohn Rodric hast du natürlich bereits kennengelernt.«

Rodric verbeugte sich, wobei die Haare ihm ums Gesicht flatterten.

»Also«, sagte der König. »Nachdem wir uns alle vorgestellt haben, sollten wir jetzt schleunigst die Bekanntgabe machen, nicht?«

Die Königin musterte Aurora von Kopf bis Fuß und registrierte erst ihre staubigen Füße und dann die Blutspur an ihrer Hand. »Nun, ich nehme an, die Leute werden es dir verzeihen, dass deine Erscheinung alles andere als makellos ist, meine Liebe. Nur dieses eine Mal. Immerhin hast du einiges durchmachen müssen, bevor du zu uns gekommen bist.«

»Oh, ich finde sie absolut hinreißend«, rief der König mit einem Grinsen. »Irgendwie drollig. Kommt, Sir Stefan, kommt«, sagte er zu dem Mann neben ihm. »Schickt die Herolde heraus. Und sorgt für ordentlich Glanz und Gloria, wenn ich bitten darf. Schließlich ist dies kein gewöhnlicher Tag.«

Der Mann verbeugte sich steif und marschierte den Gang hinunter davon. Der König folgte ihm, und dann die Königin, die im Vorbeigehen wieder Auroras Hand packte. Aurora stolperte hinterher und versuchte, mit Iris’ eiligen Schritten mitzuhalten. Die Höflinge schlossen sich ihnen an, und wieder setzten das Wispern und Flüstern ein, wie eine stürmische Woge, die von innen gegen Auroras Schädel drängte und ihre Gedanken übertönte.

Die Königin umklammerte ihre Hand so fest, dass es weh tat.

»Sag nichts«, raunte sie in Auroras Ohr, als sie in einen anderen Gang einbogen und eine geschwungene Treppe hinabstiegen. »Lächle einfach. Um den Rest kümmern wir uns.«

Welcher Rest?, überlegte Aurora, wollte die strenge, elegante Fremde aber nicht herausfordern. Jeder Schritt hallte in ihrem Kopf wider, hämmerte ihr unerbittlich den Gedanken ein, dass ihre Eltern tot, tot, tot waren und ein Jahrhundert vergangen war.

Sie erreichten eine große hölzerne Flügeltür mit zwei eingeschnitzten aufrecht stehenden Bären. Der Korridor kam ihr bekannt vor – eine vage Erinnerung an das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, bevor die Tür zu ihrem Turm verschlossen worden war, aber die Unterschiede waren zu groß, und das Gedächtnisbild zerbarst in tausend Stücke. Die leuchtend roten Banner an den Wänden, die wie Blutrinnsale aussahen. Die Wachen, ebenfalls in Rot, die sie mit staunenden Augen anstarrten. Die schrillen Fanfarenstöße, die durch die Tür abgedämpft und leicht verzerrt klangen.

Die Königin presste Auroras Hand gegen Rodrics Arm, quetschte deren Finger zusammen, bis der Stoff darunter völlig zerknüllte. Dann nickte sie knapp und blickte ihren Sohn an. »Gut gemacht«, sagte sie leise. »Du machst uns sehr stolz.« Sie stockte kurz, so als wollte sie noch etwas hinzufügen, aber dann nickte sie lediglich ein weiteres Mal und folgte ihrem Mann durch die Tür.

Aurora und Rodric warteten auf der Schwelle. Durch den Spalt blitzten Farben, da waren Hunderte von Leuten, ein ganzes Menschenmeer.

»Sie harren dort seit heute morgen aus«, sagte Rodric leise. »Zumindest die Optimisten unter ihnen. Ich war mir allerdings sicher, ich würde sie enttäuschen müssen …«

Stattdessen brachte er ihnen nun die Trophäe. Aurora wollte seinen Arm loslassen und von ihm abrücken, aber ihre Hand bewegte sich nicht.

Die Stimme eines Herolds erhob sich über die Menge, laut und klar. »Nach einhundert Jahren Schlaf durch den Kuss der wahren Liebe von Prinz Rodric erweckt – Prinzessin Aurora!«

Hände drückten die Tür auf, und Rodric machte einen Schritt nach vorn. Aurora stolperte mit ihm vorwärts, bis sie das Brüllen der Menge mit solcher Wucht traf, dass ihr der Atem wegblieb.

Sie betraten eine Steinterrasse, von der Stufen abwärts zu einem Platz hinunterführten. Mehr konnte Aurora nicht erkennen, denn alles andere wurde von der Menschenmenge verdeckt, die jeden Zentimeter ausfüllte, dicht zusammengedrängte schwirrende Farbtupfer, die vor Auroras Augen verschwammen. Dieser Lärm! Ein Schreien und Jauchzen. Sie riefen Auroras Namen und jubelten Rodric zu, feierten ihn, als wäre soeben ihr Erlöser aus dem Nebel herausgetreten.

An ihrem Finger klebte immer noch Blut. Wie ungebührlich, dachte sie flüchtig. Sie vergrub ihn tiefer im Stoff von Rodrics Wams.

Die Königin stand an der Seite und starrte Aurora erwartungsvoll an, bis diese langsam und vorsichtig einen Knicks machte. Jubel brandete auf. Hinter ihrem Wall blonder Haare verborgen, verdrehte Aurora die Augen und bekämpfte die Panik, die sich in ihre Brust krallte. Alle, die ich kenne, sind tot, dachte sie. Aber diese Fremden hier führen sich auf, als würden sie mich lieben.

Sie verharrte einen Moment in der Verbeugung, ihre Knie schlotterten unter ihrem Kleid. Eins. Zwei. Drei. Dann entspannte sie ihre Gesichtszüge und richtete sich auf, setzte eine neutrale Miene auf und probierte sogar ein Lächeln.

Der König ergriff das Wort, seine Stimme donnerte über die Menge hinweg. Er sprach von Hoffnung. Von einer neuen Ära. Davon, wie stolz er auf seinen Sohn war. Aurora hörte gar nicht richtig hin. Es war wichtig, um zu verstehen, was vor sich ging, das wusste sie, aber sie konnte nur auf die Flut von Gesichtern starren, Hunderte und Tausende von Fremden, die sie anhimmelten, als wäre sie etwas, das ihren Träumen entstiegen war.

Dann verneigte Rodric sich, die Menge johlte und danach geleiteten die Wachen sie zurück ins Schloss. Aurora konzentrierte sich auf jeden ihrer Schritte, darauf, ihre Knie unter Kontrolle zu bringen und den gemeingefährlichen, unzweckmäßigen Saum ihres Kleides im Blick zu haben.

Die Tür knallte hinter ihnen zu, und die Königin eilte an Auroras Seite. »Hach, das lief doch ziemlich gut!«

»Und das ist erst der Anfang!«, sagte der König, halb zu Aurora, halb zu den Höflingen, die immer noch um sie herumwuselten. »Wir werden ein großes Fest für Euch veranstalten. Eine Verlobungsfeier, einen Ball und, na ja, die Hochzeit natürlich …«

»Ich weiß nicht –« Die Worte waren nicht lauter als ein Atemhauch. Jeder Muskel in ihrem Körper protestierte gegen diese absurden Pläne, aber das Gefühl war stumpf, wie weit weg. Der Schmerz eines anderen Mädchens, in einer anderen Zeit. Sie konnte keinen zusammenhängenden Gedanken fassen, und so ließ sie ihren Widerstand unausgesprochen in der Luft verwehen.

»In der Zwischenzeit«, fuhr der König fort, als hätte er sie nicht gehört, »werde ich ein Abendessen für euch zwei Turteltäubchen arrangieren. Kulinarische Köstlichkeiten. Kerzenschein. Geplauder. Würde dir das gefallen, Rodric?«

»Ja. Danke.«

»Fabelhaft, fabelhaft.« Der König klatschte in die Hände. »Dann komm, mein Sohn, wir beide haben einiges zu besprechen.«

Rodric küsste Aurora die Hand. Fremde Lippen zwischen Blutsprengseln. Ihre Blicke trafen sich, seine Wangen waren rosa, und Aurora knickste, ohne etwas zu sagen.

Der Prinz verbeugte sich, bevor seine Schritte und die des Königs sich klappernd den Flur hinunter entfernten.

»Ruth, bitte finde ein geeignetes Zimmer für die Prinzessin«, rief kurz darauf die Königin. »Im Ostflügel. Dritter Stock. Und besorg ihr eine Zofe – jemanden, dem wir vertrauen können. Oder zumindest jemanden, dem sonst keiner vertraut.«

Das Dienstmädchen machte einen Knicks.

»Ich habe bereits ein Zimmer«, sagte Aurora, und schon dieser kleine Einwand kostete sie enorme Anstrengung. Noch während sie ihn formulierte, wunderte sie sich, warum sie von allen Dingen, die sie hätte sagen können, ausgerechnet diesen Satz wählte. Sie hatte ihr ganzes Leben im Turm verbracht und davon geträumt, ihn eines Tages verlassen zu dürfen. Aber ihr blitzsauberes, aufgeräumtes, altersloses Schlafzimmer war ihre einzige noch bestehende Verbindung zur Vergangenheit. Es war das Einzige, was noch von ihr übrig war.

»Oh, du möchtest doch nicht etwa in diesem staubigen alten Turm bleiben«, rief die Königin, drehte sich zu Aurora um und sah sie an. Sah sie wirklich an, schaute ihr direkt in die Augen. Ihr Lächeln war so dünn, dass es schien, als würden ihre Lippen in ihrem Gesicht verschwinden. »Gestatte einfach, dass wir uns deiner annehmen. Wir sind so glücklich, dich bei uns zu haben.«

Aurora schlug die Augen nieder. Ihr schwerer Seidenrock bauschte sich um ihre Füße, so dass sie dreimal so viel Platz einnahm wie die anderen Damen des Gefolges, die sie erwartungsvoll beobachteten. Darauf warteten, dass sie das Wort ergriff. Die Stille wurde bedrückend. »Danke«, sagte sie schließlich. Was sollte sie sonst sagen?

Die Höflinge beobachteten sie weiterhin. Zwei junge Frauen, aus deren Haarknoten identische lila Federn herausragten, steckten die Köpfe zusammen und hielten sich die Hände vor den Mund.

»Sie scheint nicht ganz helle zu sein«, murmelte die eine. Die andere kicherte und gab ihr einen Klaps mit ihrem Fächer.

Die Königin lächelte. »Carina, Alexandra.«

Die Frau, die geflüstert hatte, stellte sich aufrechter hin, ihre behandschuhte Hand sank zwischen die weichen Falten ihres Kleides.

»Eure Anwesenheit hier ist nicht länger vonnöten. Ich bin sicher, die Prinzessin wird nach Euch rufen lassen, wenn sie Euren Rat braucht.«

Die Gesichter der beiden liefen rot an. Sie knicksten vor der Königin, dann eilten sie davon. Danach sprach niemand ein Wort.

Die Zofe kehrte zurück, gefolgt von einem Mädchen, das große Augen und dichtes braunes Haar hatte. Sie konnte kaum älter als vierzehn sein.

»Das ist Betsy«, sagte die Zofe. »Ihre Mutter arbeitet schon seit vielen Jahren im Schloss. Sie ist jung, aber tüchtig. Ich denke, sie wird gut zur Prinzessin passen.«

Betsy hielt den Blick gesenkt, ihre Knie halbgebeugt zum Dauerknicks, aber sie glühte förmlich vor Stolz über das Lob.

»Sehr schön«, befand die Königin. »Und du hast ein Zimmer vorbereitet?«

»Ja, Euer Majestät.«

»Dann werden wir uns jetzt zurückziehen.« Sie drehte sich zu den Hofdamen um, die noch immer in der Nähe ausharrten; einige beobachteten Aurora mit ungebrochenem Interesse, andere jedoch zupften an ihren Ärmeln oder starrten geistesabwesend an die Wände, so als wären sie des Geschehens bereits überdrüssig. »Vielen Dank, dass Ihr diesem bedeutsamen Ereignis beigewohnt habt. Wenn die Damen zu unserer Suite zurückkehren wollen, die Dienstboten haben das Abendessen sicher schon aufgetragen. Ich werde nachkommen, so schnell ich nur kann.«

Die Frauen knicksten, beinahe gleichzeitig, und die Königin zog Aurora weg.

»Unerträglich«, murmelte Iris. »Aber wir tun, was getan werden muss.«

Wieder wurde Aurora durch die verwinkelten Gänge des Schlosses geführt, vorbei an goldgerahmten Gemälden mit Wäldern, Königinnen und siegreichen Helden. In jeder Nische standen Tischchen mit getrockneten Blumensträußen, welche die Korridore mit einer welken Süße erfüllten. Wachen und Zofen verneigten sich und knicksten, während sie an ihnen vorbeigingen, doch die Königin beachtete sie nicht.

Schließlich gelangten sie am Ende einer Treppe in einen Flur, der leer war abgesehen von ein paar Gemälden und einer einsamen Tür. Ein reichverziertes Schloss war unterhalb der Klinke angebracht, und die Tür war nur angelehnt.

»Da wären wir!«, sagte die Zofe der Königin. »Es ist alles für die Prinzessin hergerichtet.«

Der Raum war groß und rechteckig, und es herrschte diese kühle Aufgeräumtheit, die Gästezimmern eigen ist. Ein Himmelbett füllte eine Ecke aus, und zwei gepolsterte Sessel standen in der Mitte um einen niedrigen Tisch herum. In dem kleinen Kamin lag Holz, aber es fehlten Kaminbesteck und extra Scheite. Ein paar einsame Bücher lehnten in einem ansonsten leeren Regal, und eine schmucklose Uhr tickte an der Wand die Zeit herunter. Die Fenster standen sperrangelweit offen, aber selbst die frische Luft konnte den muffig-abgestandenen Geruch nicht vertreiben.

»Das wird fürs Erste genügen«, sagte die Königin.

Niemand fragte Aurora nach ihrer Meinung.

»Betsy, sorg dafür, dass die Prinzessin vor dem Abendessen mit meinem Sohn erfrischt ist. Ruth und ich werden für sie etwas Passendes zum Anziehen finden.«

Aurora griff mit beiden Händen in ihren Rock. Sie trug seit über hundert Jahren dasselbe Kleid. Ein Teil von ihr wollte sich die schweren Röcke herunterreißen, aber der Stoff fühlte sich auch vertraut an auf ihrer Haut, ihre Beine geschützt durch die Lagen von Seide.

»Zwar haben die Motten deine Kleider verschont«, erklärte die Königin, »aber sie sind schrecklich altmodisch. In jedem Fall solltest du nicht in der Vergangenheit schwelgen.« Sie legte eine Hand auf Auroras Schulter. »Der beste Weg, mit Veränderungen umzugehen«, sagte sie mit leiser Stimme, »ist, sie zu akzeptieren. Vergiss alles, was davor war. Dein Platz ist jetzt hier bei uns, Aurora.«

Als Ruth und die Königin fort waren, füllte Betsy die gusseiserne Wanne mit heißem Wasser, und Aurora tauchte darin ein, bis ihre Haut sich krebsrot färbte. Betsy wusch ihr den Staub aus den Haaren, und während sie vorsichtig ein paar Knoten entwirrte, begann sie im vertraulichen Ton zu plaudern. Erst noch zaghaft, doch bald schon lauter und mit mehr Selbstbewusstsein, über Aurora und das Kleid, und darüber, dass sie so unglaublich glücklich war, ihr dienen zu dürfen.

Aurora nahm kein einziges Wort davon wahr, starrte nur auf die Holzscheite im Kamin, ohne sie wirklich zu sehen. »Würdest du mich bitte allein lassen?«, fragte sie sanft, nachdem Betsy ihr Haar mit einem Handtuch getrocknet hatte und sie in einen Morgenrock gehüllt dasaß. »Ich würde gern einen Moment für mich sein.«

Die Zofe biss sich auf die Lippe, knickste aber gehorsam. »Natürlich, Prinzessin.«

Allein gelassen wartete Aurora darauf, dass die Leere in ihrer Brust sich mit Tränen füllte, und ließ sich in den Sessel sinken, aber sie weinte nicht. Nichts von alldem fühlte sich real genug an, um zu weinen.

Ich bin hier, sagte sie sich selbst. Ich bin hier und kann nicht mehr zurück.

Der Kamin glotzte sie kalt an. Die Uhr tickte an der Wand. Aber Aurora weinte nicht.

Es war einmal vor langer Zeit, als Wünsche noch wahr wurden, da wurde Alyssinia von einem allseits geliebten König und seiner sanftmütigen Frau regiert.

 

Ihre Eltern starrten Aurora von der Seite entgegen. Auf dem Bild war der Bart ihres Vaters zu dicht und ihre Mutter zu groß, und doch standen sie da, das Abbild einer Vorstellung, sorgfältig gezeichnet und für sie zum Greifen nah. Sie ließ ihre Finger über die Illustration gleiten, spürte den Pinselspuren nach.

Aurora hatte das Buch im Regal entdeckt: Die Geschichte der schlafenden Schönheit. Seine Ecken waren abgestoßen, und das Papier leicht abgegriffen, so als wäre es über die Jahre hinweg immer wieder von Gästen des Schlosses gelesen worden. Jede Seite war mit Reproduktionen der Wandteppichmotive geschmückt, die sie erst wenige Stunden zuvor im Turm gesehen hatte. Und die Worte … Aurora verschlang sie mit fieberhafter Geschwindigkeit, ihre Augen flogen über die Zeilen, so als könnten die Buchstaben sich jeden Moment in Luft auflösen.

 

Das Königreich blühte, aber der König und die Königin litten großen Kummer, denn sie wünschten sich sehnlichst ein Kind. Sie hofften und sie wünschten und sie träumten, aber sie wurden älter und blieben allein. Dann, eines Tages, als sie beinahe schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, bekamen sie ein wunderschönes kleines Mädchen. Sie nannten es Aurora.

Im ganzen Königreich herrschte drei Tage und drei Nächte lang Jubel. Der König und die Königin gaben ihrer Tochter zu Ehren ein Fest und luden ihre Freunde, alle benachbarten Fürsten und sogar das gemeine Volk ein, um gemeinsam mit ihnen zu feiern. Doch es gab jemanden, den sie nicht einluden: die Hexe Celestine, eine kaltherzige, mächtige Frau, die tief im Wald in einem Turm lebte und das einzige Geschöpf war, das die Menschen von Alyssinia fürchteten.

 

Auroras Geschichtsbücher hatten von mehreren mächtigen Hexen berichtet, die im Laufe der Jahrhunderte ihr Unwesen trieben, aber keine von ihnen war so grausam gewesen wie Celestine. Wenn sie sich gekränkt oder betrogen fühlte oder wenn sie schlicht fand, dass die Menschen im Königreich zu glücklich waren, schlug sie erbarmungslos zu. Sie zerstörte Ernten und überzog das Land mit Seuchen, die viele Menschen dahinrafften, ohne Aussicht auf Heilung. Sie verhexte Männer, so dass sie Gräueltaten begingen, und säte Zwietracht zwischen Alyssinia und seinen Verbündeten. Manche behaupteten sogar, sie hätte Alyssinia aller Magie beraubt, so dass nun allein sie die Macht besaß. Doch die Einfältigen und Verzweifelten pilgerten weiterhin zu ihrem Turm im Wald und flehten sie an, wenn sie Hilfe brauchten. Sie gab ihnen alles, worum sie baten, doch zu einem unvorstellbar hohen Preis, nur um dann die Träume der Verzweifelten in nacktes Grauen umzukehren.

Celestine betrachtete sich selbst als heimliche Königin von Alyssinia. Dass man sie vom Fest zu Auroras Geburt ausschloss, war für sie die schlimmste aller vorstellbaren Kränkungen.

 

Voller Zorn, dass man sie übergangen hatte, platzte die Hexe mitten ins Festmahl, und bevor jemand sie aufhalten konnte, hatte sie die kleine Aurora bereits an sich gerissen. Mit einer Nadel stach sie dem Mädchen in die winzige Fingerkuppe und belegte es mit einem Fluch: Noch vor ihrem achtzehnten Geburtstag würde die Prinzessin sich an einer Spindel stechen und in einen furchtbaren Schlaf fallen.

»Aber ich bin nicht herzlos«, sagte Celestine, »solche Schönheit einfach zu vergeuden wär ein garstig Ding. Mein Geschenk für dieses Kind ist wahre Liebe. Sie wird nur so lange schlafen, bis sie den Kuss ihres Geliebten empfängt, und dann soll sie erwachen, so frisch und schön wie eh und je.«

 

All die Jahre, die der Fluch Aurora verfolgt hatte, hatte ihr nie jemand erzählt, dass wahre Liebe sie davon erlösen würde. Es klang wie eine wilde Phantasterei, ein romantisches Detail, das jemand im Laufe der Jahrzehnte hinzugedichtet hatte, während der echte Fluch immer mehr verblasst war.

Glaubten die Leute etwa wirklich daran?

 

Der König und die Königin ließen jedes Spinnrad im Königreich verbrennen und begaben sich auf die verzweifelte Suche nach Celestine, aber die Hexe war wie vom Erdboden verschluckt. Und so wuchs Prinzessin Aurora heran, verbrachte ihre Tage in einem Turm des Schlosses, versteckt vor der Welt, in Sicherheit vor denen, die ihr schaden wollten. Aber Zauberflüche lassen sich nicht so einfach brechen. Am Abend vor ihrem achtzehnten Geburtstag wurde Aurora von Celestine in Bann geschlagen. Sie stach sich wie vorhergesagt an der Spitze einer vergessenen Spindel in den Finger und fiel in einen tiefen Schlaf.

Der König und die Königin versuchten alles, was in ihrer Macht stand, damit ihre Tochter wieder erwachte. Jeder nur erdenkliche Zauber wurde gewirkt. Sämtliche Männer des Landes machten Jagd auf die Hexe. Prinzen von nah und fern kamen und versuchten, Aurora mit einem Kuss voll wahrer Liebe zu wecken, aber die schlafende Schönheit schlummerte weiter.

 

Aurora versuchte, sie sich vorzustellen, die vielen Fremden, die in den Turm kamen und sie küssten, während sie schlief. Prinzen und Fürsten, Menschen, mit denen sie noch nie gesprochen hatte, Männer, die inzwischen alt oder tot waren, alle beugten sich zu ihr herunter, drückten ihre Lippen auf die ihren und warteten voller Spannung darauf, dass sie freudig überrascht nach Luft schnappte und die Augen aufschlug.

Unter ihrer Haut juckte es, so als hätte sich etwas Fremdes, Unerwünschtes dort eingenistet.

 

Die Jahre verrannen, und das Königreich Alyssinia verfiel. Mit dem Tod des gütigen Königs und der Königin endete die Abstammungslinie, die bis zu König Edward dem Großen zurückreichte. Viele Adels- und Königshäuser kämpften nun um den Thron. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten herrschte wieder Krieg im Land. Die Menschen litten, und endgültig verschwand aller Zauber aus dem Königreich, außer in diesem einen Turmzimmer, in dem ein Mädchen ewig schlummerte.

Doch eines Tages, in nicht mehr allzu weiter Ferne, wird ein stattlicher Prinz, der auserwählte und zukünftige Herrscher unseres Volkes, die Prinzessin küssen und damit sie und alle Magie, die die Welt vergessen hat, wieder erwecken.

Nach ihrer Hochzeit werden er und Aurora Alyssinia Frieden und Wohlstand zurückbringen. Und wir alle werden glücklich und zufrieden sein, bis an unser Lebensende.

Aurora starrte das Bild von sich selbst an, so wunderschön, unantastbar, wie entrückt vor Freude über die Vermählung mit dem stattlichen Prinzen. Und plötzlich fühlten sich die Wände ihres Zimmers zu nah an, sie bekam keine Luft mehr. Es ist nur eine Geschichte, sagte sie sich immer wieder. Nur eine Geschichte.

So viele Jahre hatte sie eingesperrt in einem Turm verbracht, ohne etwas von der Welt sehen zu können außer dem kleinen Stück Wald jenseits ihres Fensters. Aber dank der Bücher hatte sie all dem entfliehen können. Neue Bücher, alte Bücher, Dramen, Historisches und phantastische Abenteuer, Geschichten über gewöhnliche Menschen, über Drachen und Dämonen, über Mörder und Mysterien und Mythen aus längst vergangenen Zeiten. Hundert verschiedene Welten, die ihr alle wahrhaftiger erschienen waren als ihre eigene, aufregender als ein Leben, bei dem sie immer dieselben Wände und dieselben Bäume anstarrte, während sie darauf wartete, dass eines Tages das Schloss rasseln würde und sie endlich hinausdürfte.

Eine Geschichte konnte ihr nicht weh tun.

»Prinzessin? Geht es Euch gut?«

Betsy schlüpfte ins Zimmer. Zwei Kleider hingen über ihrem Arm.

Aurora klappte das Buch zu und rappelte sich hoch. Einhundert Jahre Schlaf steckten ihr noch in den Gliedern, aber sie ignorierte die Schmerzen in ihren Beinen.

»Ja.«

»Ich habe Euch ein paar Kleider mitgebracht«, sagte Betsy. »Sie sind vielleicht nicht perfekt, aber ich glaube … ich hoffe … sie sind trotzdem hübsch. Ein bisschen altmodisch, aber … die Königin sagte, fürs Erste würden sie reichen.«

Sie hielt ein schimmerndes grünes Kleid hoch, mit bauschigen, ellbogenlangen Ärmeln und Röcken, die raschelnd bis zum Boden herabfielen. Es war anders als alle Kleider, die Aurora je gesehen hatte. Anders als das Kleid, das sie bisher getragen hatte, aber auch nicht vergleichbar mit den eleganten Roben der Hofdamen. Ein Kleid, das ihr Anderssein unterstrich. »In diesem hier fände Prinz Rodric Euch sicher ganz hinreißend. Das Grün betont Eure Augen. Oder ich habe noch eins in Rosa …«

»Das Grüne ist gut.« Die Farbe erinnerte sie an den Wald – nach einem Regen, wenn das Licht sich auf den Blättern widerspiegelte. »Ich wollte sagen … Es ist wunderschön. Danke.«

Betsy half ihr beim Ankleiden und redete derweil wie ein Wasserfall. Aurora ließ die Worte über sich hinwegrauschen, fühlte, wie der Stoff weich an ihren Beinen herabfloss, nur um die Taille saß es etwas eng und raubte ihr noch den letzten Atem, während der Halsausschnitt hinten ein kleines Stück abstand.

»Ich bringe das rasch in Ordnung«, rief Betsy mit einem hastigen Knicks. Dann machte sie sich an die Arbeit, steckte ab, nähte um, säumte und plapperte dabei ununterbrochen über das aufregende, erstaunliche, traumhafte Wunder, das heute geschehen war.

»Ich habe mich natürlich ganz unerhört geehrt gefühlt, Prinzessin, als man mich fragte, ob ich Euch dienen wolle. Damit hätte ich ja niemals gerechnet! Andererseits hätte ich ja auch niemals damit gerechnet, Euch hier vor mir stehen zu sehen, wenn ich das so sagen darf. Also, nicht dass ich je daran gezweifelt hätte, dass Rodric Eure wahre Liebe sein könnte, weil, er ist natürlich ganz wundervoll, aber ich hätte einfach nie zu hoffen gewagt, dass es passieren würde, während ich hier bin. Ach, und von nun an wird alles ganz traumhaft werden, Ihr werdet schon sehen. Alle lieben Euch schon jetzt. Und wie sollte es auch anders sein?«

Aurora dachte an die Worte am Ende der Geschichte, an das unerfüllbare Versprechen: Und wir alle werden glücklich und zufrieden sein, bis an unser Lebensende. Ihre wahre Liebe würde sie küssen, sie würde erwachen, und der Fluch wäre vorbei. Aber wussten die Leute denn nicht, dass nichts, was Celestine tat, jemals zu etwas Gutem führen konnte? Ihr Fluch konnte für niemanden im Glück enden, am allerwenigsten für sie.

»Was ist mit Celestine geschehen?«, fragte Aurora. »Die Hexe, die mir das angetan hat?« Die Worte fühlten sich schwer an auf ihrer Zunge und schienen sogar noch schwerer in der Luft zu hängen.

Doch Betsy zögerte nur kurz. »Das weiß niemand«, nuschelte sie, ein paar Stecknadeln zwischen den Lippen. »Sie hat Euch verflucht und ist dann verschwunden. Im ganzen Königreich und über die Grenzen hinaus haben sie nach ihr gesucht, aber man hat sie nie gefunden. Ich glaube«, fügte sie in verschwörerischem Flüsterton hinzu und ließ dabei eine Nadel durch den Stoff hin- und hergleiten, »dass sie ihre Zauberkraft verbraucht hat, als sie Euch verwünschte. Puff! Weg. Und dann hat sie sich so geschämt für ihr neues schwaches Selbst, dass sie geflohen ist.« »Oh.« Aurora starrte ihr Spiegelbild an. Celestine ist tot, sagte sie sich selbst. Einhundert Jahre waren vergangen, und sogar Celestine war tot. Und doch hatte sie nach wie vor ein seltsames Gefühl; ihr war, als würde jemand sie heimlich beobachten.

Rodric wartete im Bankettsaal auf sie. Ein langer Tisch erstreckte sich in der Mitte des Raumes, umgeben von Gemälden und Wandteppichen. Einige davon kamen ihr bekannt vor, doch die meisten waren völlig neu und zeigten fremde Wappen und Szenen aus Geschichten, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Als Kind hatte sie in diesem Saal ein paar kleine Feste miterlebt, sofern ihr Vater den Gästen genug vertraute, um ihr zu gestatten, daran teilzunehmen. Und soweit sie sich erinnerte, war es immer lebhaft und lustig zugegangen. Es war einer der wenigen Orte gewesen, wo sie fremden Menschen begegnen konnte, Musik und Lachen hörte und so lebte, als wäre sie nicht verflucht. Jetzt, da nur der Prinz hier auf sie wartete, kam ihr der Raum verlassen und kalt vor, zu groß und zu ernst.

Rodric stand auf, als er sie hereinkommen sah. »Prinzessin Aurora«, sagte er und eilte auf sie zu, wobei er über seine eigenen Füße stolperte. »Ihr seht … Ihr seht wunderschön aus.« Er lächelte schüchtern. »Ich meine, Ihr seht natürlich immer zauberhaft aus. Aber heute Abend seid Ihr besonders schön. Das hatte ich sagen wollen.«

Aurora verzog ihren Mund zu einem Lächeln. »Danke.«

»Wollen wir … wollen wir essen?« Rodric rieb sich den Nacken. Seine Nase war leicht gerötet.

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, und der Boden unter ihren Füßen schien zu schlingern, wovon sie Kopfweh bekam. Das war beileibe kein märchenhaftes Gefühl. Aurora nahm seinen Arm und ließ sich von Rodric ans Ende der langen Tafel führen.

Ein Diener in einer extravaganten roten Livree servierte ihnen eine Schale mit Suppe. Aurora sprach nicht, Rodric sprach nicht, Löffel kratzten an Porzellan, und das Geräusch hallte in dem leeren Saal wider.

»Ihr habt den Schnee verpasst«, begann Rodric schließlich. »Vor zwei Wochen hat es mehrere Zentimeter geschneit, aber das wird wohl nicht noch mal geschehen. Bald haben wir ja Frühling.«

Aurora nickte und starrte in ihre Schale.

»Meine Schwester Isabelle … sie freut sich schon unbändig, Euch kennenzulernen«, fuhr Rodric fort. »Sie ist sehr still, aber … Sie ist aufgeregt. Sie tut sich nur ein bisschen schwer, wenn sie Fremde trifft.«

Tja, dann sind wir ja schon zu zweit, dachte Aurora. Sie nickte wieder.

»Ist es wahr«, fragte Rodric, während er seine Schale auslöffelte, »dass früher …« Er brach ab und lief wieder rot an. »Tut mir leid. Vermutlich möchtet Ihr gar nicht darüber sprechen. Über früher, meine ich.«

Auroras Finger schlossen sich fester um den Löffelstil. Über irgendetwas mussten sie ja reden. »Was wollt Ihr denn gern wissen?«

»In einigen Büchern steht, dass man sich damals auf Festen von Zauberei unterhalten ließ.« Er lächelte und klang zum ersten Mal gelöst und lebendig. »Ich rede nicht von Zauberkünstlern oder Illusionisten. Ich meine echte Zauberei.«

»Nein«, sagte Aurora. Bei dem Gedanken überlief es sie eiskalt. »Nein, das ist nicht wahr.«

»Oh.« Jetzt starrte Rodric auf seinen Teller, aber Aurora hatte trotzdem das Gefühl, als beobachte er sie aus dem Augenwinkel. »Die Leute hatten gehofft …« Er ließ die Worte in der Luft hängen. »Wenn solch eine alltägliche Magie mit Euch zurückkehren würde … könnte das womöglich von Nutzen sein.«

»Gehofft?« Aurora schloss die Augen. Wie konnte er nur so naiv sein? »Ohne Magie ist man besser dran.«

»Eure Familie hat also nie …«

»Nein«, erwiderte sie scharf. »Warum hätte meine Familie Magie gebrauchen sollen? Sie waren keine Dummköpfe.« Aber sie hatten Magie gebraucht, dachte sie. Sofern man dem Buch Glauben schenken konnte. Sie hatten sie damit regelrecht überschüttet, um den Fluch zu brechen, um sie zu retten.

Rodric blickte mit gerunzelter Stirn auf seine leere Suppenschale. »Tut mir leid, Prinzessin, ich will Euch ja nicht widersprechen, aber … Magie kann nicht dumm sein. Sie hat Euch hierhergebracht.«

»Ein Fluch hat mich hierhergebracht.«

»Und doch … Wir leben nun schon so lange ohne Magie, Prinzessin, und es liegen viele Dinge im Argen, seit ihr damals in Schlaf gesunken seid. Aber jetzt wird alles wieder besser. Das ist doch gut so, oder?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass Magie jemals etwas Gutes bewirken kann. Vielleicht war es ganz früher einmal anders, aber nicht so lange ich auf der Welt bin. Selbst damals hat es nur noch eine Handvoll Zauberer gegeben.« Männer, die sich ihre Fähigkeit mit einem Vermögen bezahlen ließen, Frauen, die Heilmittel anboten und stattdessen Gift verabreichten. Und Celestine. Die Hexe, die sie verflucht hatte. »Das waren keine guten Menschen.«

Bevor sie geboren wurde, hatte ihr Vater die wenigen Leute, die Magie benutzten, gewähren lassen. Denn da war immer die Hoffnung gewesen, dass einer von ihnen imstande wäre, Krankheiten zu heilen oder das Königreich vor Bedrohungen zu schützen. Aber nach Celestines Fluch war er zu dem Schluss gekommen, dass die Magie selbst böse war und dass jeder, der sie beherrschte, eine Gefahr für sie alle darstellte. Magie zu gebrauchen wurde von da an mit Verbannung bestraft. Flüche zu verhängen mit dem Tod.

»Mein Vater …« Rodric legte eine Pause ein, als wäre er unsicher, ob er weitersprechen sollte. »Mein Vater sagt, dass es auch heutzutage immer noch Menschen gibt, die ein wenig Magie besitzen. Er glaubt, sie hätten sie gestohlen, und wenn wir diese Leute bekämpfen, wird sie zurückkommen.«

»Magie kann man nicht stehlen.«

»Warum nicht?«

Sie öffnete den Mund, um ihm zu antworten, aber es kamen keine Worte heraus. Magie kam von außerhalb, so viel wusste sie. Man zog sie aus der Luft. Manche behaupteten, man müsse von schlechter Gesinnung sein, um sie zu erlangen, dass die gute Magie restlos verbraucht und nur noch Groll und Böswilligkeit übrig waren. Aber wie es sich tatsächlich verhielt, das wusste Aurora nicht. Sie hatte viele Bücher gelesen, doch die Wahrheit über Magie hatte man ihr stets vorenthalten, so als könnte schon allein der Gedanke daran sie ins Verderben reißen.

Rodric platzte in ihr Schweigen hinein. »Sie wird zurückkehren«, erklärte er mit Nachdruck. »Jetzt, wo Ihr da seid. Und sie wird viel Gutes bewirken, genau, wie ich es gesagt habe. Ich meine … ich meine, warum sonst wärt Ihr jetzt hier?«

Ihre Hände zitterten, und ihr Löffel schlug klappernd seitlich gegen die Schale, dass es klang wie ein Trommelwirbel. Das Gefühl von Verlust wallte schmerzhaft in ihr hoch, ballte sich in ihrer Brust zusammen, bis sie kaum noch atmen konnte. Es gab kein Zuhause. Keine Familie. Nur leere Versprechungen von wahrer Liebe und die Hoffnung, dass sie etwas zurückbringen würde, das nie hätte existieren sollen.

Sie stand auf. Ihr Stuhl rutschte mit einem kratzenden Geräusch zurück und fiel mit einem Knall um. »Ich muss gehen«, sagte sie. »Ich habe keinen Hunger.«

Jeder Schritt stauchte ihr die Knie, trotzdem rannte sie plötzlich los bis ans Ende des Bankettsaals, ihre Füße schlugen dabei laut auf den Boden. Draußen vor dem Saal fand sie ein offenes Fenster, und sie stemmte die Handflächen gegen die steinerne Einfassung, ließ sich die kühle Brise ins Gesicht wehen. Sie trank die frische Luft, während sie ihre Augen fest zusammenkniff.

»Prinzessin?«

Rodric.

Aurora hielt die Augen geschlossen, ihr Gesicht in den Wind. Er schien nett zu sein. Ein bisschen glücklos, ein bisschen unsicher, aber nett. Und doch war er ein Fremder, ein fremder, unbeholfener Prinz, der sie für sich beanspruchte, und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte sonst nichts anderes, niemand anderes, und die drohende Einsamkeit rumorte in ihrem Magen, bis sie vor Übelkeit schwankte. Sie konnte nicht fort. Aber sie konnte auch nicht in seiner Nähe bleiben, sie ertrug nicht, wie er mit hilflosem Blick in ihren Augen nach Rettung suchte. »Tut mir leid«, sagte sie. »Ich würde gern allein sein.«

»Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt habe.«

»Ich bin nicht verstimmt.« Sie zwang sich dazu, Luft zu holen, und öffnete die Augen. »Dieser Ort hier … ist mir fremd. Ich gehöre nicht hierher.«

»Ich weiß. Aber … hier sind wir nun, Prinzessin. Das Schicksal hat es so gewollt.«

Sie zuckte zusammen. Schicksal. »Warum nennt Ihr mich die ganze Zeit Prinzessin? So heiße ich nicht.«

»Wahrscheinlich weil Ihr immer von allen so genannt wurdet. Die Prinzessin. Die schlafende Schönheit.« Er lächelte verlegen. »Und das ist nicht übertrieben. Ihr seid wahrhaft wunderschön.«

»Ich heiße Aurora.«

Schweigen. Er nickte, den Kopf leicht gesenkt, mit glühenden Wangen und roter Nase.

»Ich würde wirklich gern allein sein.«

»Bitte«, er bot ihr seinen Arm an. »Ich geleite Euch noch bis zu Eurem Zimmer.«

Sie verzog den Mund zu einem schmalen, zittrigen, zerbrochenen Lächeln. »Schon gut«, sagte sie. »Ich kenne den Weg.«

 

In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf.

Sobald sie die Lider schloss, blieb ihr der Atem im Hals stecken, und ihre leeren Lungen schrien gierig nach Luft. Ihr Herz raste, und ihre Glieder kribbelten. Wie ein aus verschiedenen Teilen zusammengesetzter Mensch, der dazu gezwungen war, an einem Ort zu bleiben, wo er nicht hingehörte.

Sie ging auf und ab, ihre Füße tappten dabei einen gleichmäßigen Rhythmus auf den glatten Steinfußboden. Und mit jedem Hin und Her wurde sie schneller, mit jedem Atemzug rückten die Wände näher an sie heran. Wenn sie stehen bliebe, auch nur für einen kurzen Augenblick, würde sie sich womöglich auflösen und verschwinden, wie alles andere in ihrem Leben auch. Also wanderte sie durch den Raum, starrte auf die fremden Wände und ihre vertrauten Hände, während sie die jüngsten Ereignisse Revue passieren ließ.

Und ab und zu traf es sie wie ein Schlag, dass dies alles wahr war. Dass ihre Familie, ihr ganzes Leben weg waren. Dann hielt sie an, mit weichen Knien und einem Klumpen im Magen, und konnte nicht mehr atmen. Doch nur wenige Sekunden später war ihr die Gewissheit schon wieder entglitten, zu gewaltig, um lange daran festhalten zu können. Sie schlüpfte ins Reich der Phantasie zurück, und Aurora marschierte weiter hin und her, bis sie beiläufig überlegte, ob ihr Vater morgen wohl zu Besuch käme, woraufhin sie erneut der Schmerz übermannte.

Und so brachte sie die Nacht herum.

Nebel driftete bei Tagesanbruch durch das offene Fenster und hüllte Auroras klamme, fiebrige Haut ein, während sie am Fenster lehnte. Die Stadt vor ihr erwachte allmählich zum Leben. Die Häuser schienen sich übereinanderzustapeln, bis weit nach hinten in die Ferne, bevor sie an eine hohe Mauer stießen, mit Türmen und Fahnen oben drauf. Unterhalb ihres Fensters huschten Frauen mit Körben auf den Armen die gepflasterte Straße entlang. Zwei Karren holperten vorbei, langsame, von Eseln gezogene Vehikel, beladen mit Korn und Stoffen.

Hinter Aurora quietschte die Tür. »Aurora, meine Liebe. Es freut mich, dass du wach bist.«

Die Königin stand auf der Schwelle. Ungeachtet der frühen Stunde war sie bereits der Inbegriff von Eleganz, ihre Augen blickten hell und aufmerksam, und das schwarze Haar war in einem kunstvollen Kranz um ihren Kopf geflochten.

Aurora erhaschte einen Blick auf sich selbst im Wandspiegel: blasser als blass, Lippen, die aussahen wie klaffende Wunden, umgeben von einem Gewirr goldener Haare. Schlafende Schönheit, fürwahr!

»Ich hoffe, ich störe nicht«, flötete die Königin, als sie ins Zimmer rauschte. »Ich dachte, wir könnten vielleicht zusammen frühstücken.«

Aurora unterdrückte den Impuls, ans Fenster zurückzuweichen. »Aber ich bin noch gar nicht angekleidet, Eure Majestät.«

»Das macht doch nichts«, sagte sie und winkte ein Dienstmädchen herein. »Wir Frauen sind hier doch unter uns, oder? Außerdem«, fügte sie hinzu, als die Bedienstete Obst und Tee auf den Tisch stellte, »wollte ich mich gern mit dir unterhalten, solange der Tag noch jung ist.«

Die Königin lächelte, höflich und entspannt, aber in ihren Augen und den spitzen Gesichtszügen lag etwas Scharfes. »Wollen wir uns setzen?«

Aurora nickte. Sie spürte, dass die Königin niemand war, dem man etwas verwehrte.

Vorsichtig nahm Iris Platz und schwang die Röcke dabei mit einer eleganten Bewegung zur Seite. Aurora setzte sich auf den Stuhl neben ihr, auf die äußerste Kante und mit zusammengekrampftem Magen.

Die Königin goss sich eine Tasse Tee ein. »Ich bin sicher, du bist schon sehr aufgeregt. Wegen der Hochzeit. Ich fürchte nur, ich muss dich leider ein bisschen enttäuschen. Ich weiß, dass du so schnell wie möglich heiraten möchtest, aber meine Berater sind zu dem Schluss gekommen, dass der beste Zeitpunkt für das Fest heute in drei Wochen sein wird.«

»Drei Wochen?« Sie planten, sie in drei Wochen zu verheiraten. Einundzwanzig Tage.

»Ich weiß«, sagte die Königin. »Ich war auch zuerst enttäuscht. Aber unsere besten Schneiderinnen sind zurzeit in Fellbridge, der Kastellan sagt, wir hätten nicht genügend Vorräte für ein Festmahl, und wir müssen natürlich einen Nationalfeiertag ausrufen … Ich muss gestehen, dass du uns doch arg überrascht hast und wir wohl nicht ausreichend vorbereitet sind.« Sie seufzte und nippte an ihrem Tee. »Wie auch immer, wir werden in acht Tagen Verlobung feiern, und darüber wollte ich mit dir sprechen. Die Leute haben dich natürlich bereits in ihr Herz geschlossen, dennoch kann es nie schaden …«