0,99 €
Sie hatte gerade so schön ihre Ruhe und er sowieso kein glückliches Händchen mit Frauen. Trotzdem verlieben sie sich ineinander: Sylvia, frisch geschieden, gerade fünfzig Jahre alt und Matthias, alleinerziehender Polizist mit vielen blauen Flecken auf der Seele. Doch kann das gut gehen?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2019
Obwohl er die Jacke ausgezogen und die Klimaanlage im Wagen eingeschaltet hatte, war ihm warm. Das optische und das akustische Sondersignal waren eingeschaltet und der Streifenwagen raste die Landstraße entlang. Routiniert und mit stoischer Ruhe lenkte sein Kollege den Wagen durch den Verkehr.
Als ein silberfarbener Golf nicht gleich reagierte und erst rechts ran fuhr, als sie schon gefährlich nahe waren, hörte Matthias ihn nicht einmal fluchen. Er warf Heiko einen raschen Blick zu, sah das Spiel seiner Wangenmuskeln und die fest aufeinander gepressten Lippen. Normalerweise hätte Matthias jetzt einen Spruch gebracht, doch er war über die Maßen angespannt.
„Eine weibliche Person hat einen Motorradunfall gemeldet. Vermutlich drei Beteiligte, einer davon laut Aussagen der Frau schwer verletzt. Notarzt ist unterwegs. Sonderrechte freigegeben.“
So hatte die Information aus der Zentrale geklungen. Matthias merkte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat.
Annemie´ s derzeitiger Freund fuhr Motorrad. Er hatte seiner Tochter natürlich verboten, mit diesem hirnverbrannten Idioten mitzufahren. Noch war sie siebzehn, aber schon in vier Wochen konnte sie tun, was sie wollte…
Die langgezogene Rechtskurve, in der sich der Unfall ereignet haben sollte, tauchte vor ihnen auf und er merkte, wie ihm übel wurde.
Irgendjemand hatte ein Warndreieck aufgestellt.
„Na, das steht ja direkt mal richtig“, meinte Heiko und der ätzende Unterton in seiner Stimme verriet, wie angespannt auch er war.
Langsam fuhren sie näher heran.
„Das glaub´ ich ja wohl nicht!“ entfuhr es Matthias und auch Heiko starrte entgeistert durch die Windschutzscheibe.
Auf der Fahrbahn lag ein Motorradfahrer reglos auf der Seite. Soeben beugte sich eine Frau fürsorglich über ihn. Seine Maschine entdeckten die beiden Polizisten verbeult im Straßengraben. Etwa hundert Meter davor standen ordentlich abgestellt zwei weitere Maschinen.
Das, was den beiden Polizisten die Sprache verschlug, waren die beiden Fahrer, eine Frau und ein Mann in Ledermontur. Sie standen am Straßenrand und – machten mit ihren Handys Fotos von ihrem reglos daliegenden Freund.
Matthias sog scharf die Luft ein.
„Also, entweder zieh ich mir die beiden jetzt quer durch die Zähne oder du knöpfst sie dir vor.“
Heiko nickte.
„Ich mach das.“
Schon längst hatte Matthias neidlos anerkennen müssen, dass sein Kollege seine Emotionen besser unter Kontrolle hatte als er.
Sie stiegen aus und Matthias warf den beiden Motorradfahrern nur einen finsteren Blick zu, während er sich auf den Weg zu dem Verletzten machte.
Die Frau kniete neben dem Verunfallten und sprach leise zu ihm. Matthias ging um sie herum, sie sah auf – und er blickte in veilchenblaue Augen.
„Hallo, die Polizei ist da. Mein Name ist Matthias Rabe. Waren Sie es, die uns angerufen hat?“
„Ja, ich kam mit meinem Wagen etwa zehn Minuten nach dem Unfall hinzu.“
„Mmh, der Notarzt ist unterwegs, aber vielleicht sollten wir dem Mann jetzt gemeinsam den Helm abnehmen.“
Die Frau erhob sich und sagte leise:
„Das würde ich ungern tun, denn ich fürchte, er hat so schwere und vielfältige Verletzungen, dass wir nur Unheil anrichten würden, wenn wir ihn jetzt bewegen. Zum Beispiel vermute ich einige Rippenfrakturen und die Wirbelsäule scheint auch nicht intakt.“
Matthias horchte auf.
„Sind Sie Krankenschwester?“
Die Frau nickte und hockte sich wieder neben den Verletzten.
„Haben Sie gehört? Gleich ist ein Arzt hier und wird ihnen helfen.“
Ihre Stimme klang sanft und beruhigend. Matthias konnte durch das offene Visier des Helms sehen, dass der Mann die Augen aufschlug.
„Mama? Mir ist kalt.“
Über dem Mann lag längst Alufolie und Matthias vermutete, dass die Frau sie über ihm ausgebreitet hatte.
Sie warf ihm einen traurigen Blick zu und beugte sich dann erneut über den jungen Mann.
„Ganz ruhig, mein Junge, es wird schon wieder.“
Der Verletzte schloss kurz die Augen und als er sie wieder öffnete, war der Blick in weite Ferne gerichtet.
„Ich hör´ so gerne deine Stimme, Mama. Erzähl mir was.“
Matthias merkte, wie ihm die Kehle eng wurde.
Die Frau beugte sich noch dichter über den Jungen:
„Ich sage dir, dass du ein ganz wunderbarer Mensch bist und dass du sehr geliebt wirst!“
Ein nie gekanntes Gefühl packte Matthias. Das Entsetzen angesichts des Sterbens eines so jungen Menschen wurde auf wunderbare Weise abgefangen durch die liebevollen Worte und die warme Stimme dieser Unbekannten. Dennoch stemmte er die Hände in die Seiten, wandte den Blick ab und starrte mit brennenden Augen auf irgendeinen Punkt am Straßenrand.
Das nächste, was in sein Bewusstsein drang, war der Rettungswagen, der am Straßenrand hielt.
Der Notarzt kam im Laufschritt heran. Die Frau richtete sich auf und Matthias sah Tränen in ihren Augen, die sie jedoch entschlossen zurück drängte.
„Ich habe nichts machen können, denn als ich ankam, war sein Bauch schon hart und prall und seine Rippen scheinen gebrochen zu sein. Außerdem spürte er seine Beine nicht.“
Der Notarzt warf ihr einen kurzen Blick zu und nahm die Untersuchung des soeben Verstorbenen rasch und routiniert vor. Dann nickte er.
„Ja, einige Halswirbel sind sehr wahrscheinlich gebrochen und das Abdomen ist voller Blut. Da kommt jede Hilfe zu spät.“
„Hätten Sie noch etwas tun können, wenn Sie zehn Minuten früher angefordert worden wären?“ fragte Matthias mit Blick auf die anderen beiden Motorradfahrer, deren Personalien Heiko gerade aufnahm.
Der Notarzt wog skeptisch den Kopf hin und her.
„Schwer zu sagen. Ich nehme an, dass sowohl Milz als auch Leber gerissen sind und der Bauch deshalb binnen kurzer Zeit voll Blut gelaufen ist. Außerdem hatte er sich praktisch das Genick gebrochen. Nein, ich glaube, auch dann hätten wir ihm nicht mehr helfen können.“
Matthias nickte und sagte:
„Ich frage das nur, weil wir es hier mit unterlassener Hilfeleistung zu tun haben. Die beiden Sportsfreunde da drüben hätten sofort zumindest einen Notruf absetzen müssen. Stattdessen haben sie ihren Kumpel lieber fotografiert.“
Der Notarzt riss die Augen auf.
„Im Ernst?“
Er schüttelte verächtlich den Kopf.
„Leute gibt´ s …“
Dann sah er die Frau an, die still und blass da stand.
„Geht es Ihnen gut oder kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ fragte er freundlich.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich war nicht in den Unfall verwickelt. Mir ist nichts passiert.“
„Das weiß ich, aber Sie sind sehr blass. Ich könnte Ihnen ein Beruhigungsmittel spritzen.“
„Das ist nicht nötig, danke.“
Der Mann griff nach ihrem Arm und zog sie zum Rettungswagen.
„Aber wenigstens den Blutdruck messe ich Ihnen.“
Sie warf dem Arzt einen nachsichtigen Blick zu, der Matthias schlagartig an seine Mutter erinnerte. So hatte sie ihn stets angesehen, wenn er sich als kleiner Junge trotzig gegen sie durchsetzen wollte. Amüsiert sah er der Frau nach wie sie in den Rettungswagen stieg.
Zwei Sanitäter kamen mit einer Trage und legten den Toten darauf. Ein BMW näherte sich der Unglücksstelle und Matthias machte eine ungeduldige Handbewegung, die besagte, dass der Fahrer weiterfahren sollte.
Dann forderte er einen Abschleppwagen für das verbeulte Motorrad an. Es würde ebenfalls untersucht werden müssen, weil sich ihnen der Grund für diesen Unfall bisher nicht erschloss.
Heiko kam auf ihn zu und steckte im Gehen den Notizblock in seine Gesäßtasche. Als der Leichnam an ihm vorbeigetragen wurde hob er die Augenbrauen.
„Wie alt?“ fragte er Matthias.
„Keine Ahnung. Ich konnte seine Papiere noch nicht sichten. Was ist mit den beiden Kanaillen da drüben?“
„Nun, sie sind alle in demselben Motorradclub. Sie gaben sich aber große Mühe, zu bestreiten, dass sie mit ihm befreundet waren. Kaum dass sie seinen Namen sagen konnten.“
„Na Klasse! Wenn man solche Freunde hat, braucht man keine Feinde mehr.“
Matthias klappte die schwarze Kunststoffhülle auf, die er dem Verstorbenen aus der Innentasche seiner Motorradjacke gezogen hatte und zog den Ausweis heraus.
„Ingo Zavatzky. 22 Jahre alt.“
Er presste die Lippen aufeinander und ließ seinen Blick über die Wiesen schweifen. Die Sonne stand nach wie vor an einem wolkenlosen, blauen Himmel. Auf einem weiter entfernten Feld wurde Korn gedroschen und er konnte das Geräusch des Mähdreschers bis hierher hören.
Ein kleines, rotes Cabriolet kam langsam heran. Auf dem Beifahrersitz saß ein Mädchen, dessen Haarband fröhlich im Wind flatterte.
Soeben war ein junger Mann gestorben – ganz unnötigerweise, doch die Welt drehte sich völlig unbeeindruckt weiter.
„Scheiße!“
Heiko nickte.
„Was ist mit der Frau?“
„Hm?“
Matthias drehte sich zum Rettungswagen um, aus dem die Frau gerade heraus stieg.
„Ach so, das ist die Ersthelferin. Sie hat den Notruf abgesetzt. Ihre Personalien muss ich noch aufnehmen.“
„Das kann ich machen.“
„Nein, ich mach das. Gleich müsste der Abschleppwagen kommen. Kümmere dich darum, ja? Und mach ein paar Aufnahmen von den Bremsspuren und der Maschine.“
Die Frau verabschiedete sich gerade vom Notarzt. Matthias nickte ihm zu.
„Ihr wollt fahren, oder?“
„Ja, viel konnten wir ja leider nicht ausrichten.“
„Danke euch für´ s kommen und einen ruhigen Dienst noch.“
Der Arzt hob den Daumen.
„Danke, ebenso.“
Gleich darauf wendete der Rettungswagen und fuhr ohne Hast davon.
Matthias wandte sich an die Frau.
„Nun, was sagt der Arzt? Geht es Ihnen gut?“
In ihrem Gesicht blitzte ein Lachen auf und ihre Augen strahlten ihn unvermittelt an.
„Ich brauche doch keinen Arzt, um festzustellen, ob es mir gut geht.“
Mit dieser Antwort konnte er nichts anfangen. Irritiert wich er diesen unglaublichen Augen aus und sah sie dann wieder an.
„Ich bräuchte noch Ihre Personalien. Die Zeugenaussage können Sie auch morgen machen.“
„Nun, mein Ausweis ist in meiner Handtasche und die liegt im Auto. Ich hole sie rasch.“
„Ich kann auch mitkommen“, sagte Matthias und folgte ihr zu einem schwarzen Mini Cooper.
Er zog sein Notizbuch hervor und nahm ihr den Ausweis ab.
Sylvia Döring.Gleich darauf stutzte er. Er warf ihr einen überraschten Blick zu. Fast fünfzig – er hatte sie auf Anfang vierzig geschätzt. Er notierte noch ihre Anschrift, fragte nach einer Telefon- oder Handynummer und schrieb auch diese nieder. Dann klappte er sein Notizbuch zu und gab ihr den Ausweis zurück.
„Wie gesagt, Ihre Zeugenaussage können Sie auch morgen machen. Kommen Sie einfach im Laufe des Tages zu uns auf das Revier und fragen sie nach Polizeihauptmeister Matthias Rabe.“
„Morgen ist Montag und ich muss arbeiten. Bis wann sind Sie im Dienst?“
„Wann könnten Sie denn da sein?“
Sie überlegte kurz.
„Gegen siebzehn Uhr.“
Er nickte freundlich.
„Ich werde auf Sie warten.“
Dann deutete er auf ihr Auto.
„Fühlen Sie sich in der Lage, zu fahren?“
„Ja, mir geht es gut. Aber ich habe noch ein Anliegen.“
„Ja?“
„Sie werden doch jetzt sicherlich zu den Eltern des jungen Mannes fahren müssen, um ihnen zu sagen, was passiert ist, oder?“
Die altbekannte Übelkeit überfiel ihn und er merkte, wie ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat.
„Ja, warum?“ fragte er knapp.
Ein warmer Blick aus den veilchenblauen Augen traf ihn.
„Ich möchte, dass Sie den Eltern meinen Namen und meine Telefonnummer geben. Ich war die Letzte, zu der ihr Sohn gesprochen hat. Vielleicht ist es wichtig für sie, mit mir reden zu können.“
Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
„Normalerweise geben wir keine persönlichen Daten weiter. Sind Sie sicher, dass Sie das wollen?“
„Ja! Es kann sehr wichtig sein für die Eltern. Wenn Sie möchten, unterschreibe ich Ihnen das auch gerne. Ich will Sie nicht in Schwierigkeiten bringen.“
Heiko war herangetreten und hatte den Wortwechsel verfolgt.
„Ich glaube, das wird nicht nötig sein. Der Kollege hier kann bestätigen, dass Sie mir die Erlaubnis gegeben haben.“
Der Abschleppwagen fuhr an ihnen vorbei und gleich darauf erklangen die Motoren der beiden anderen Motorräder. Etwas kleinlaut wurden die Maschinen gestartet, doch dann, nach der Kurve, wurde das Gas voll durchgetreten und mit ohrenbetäubendem Knall entfernten sich die Motorräder. Wieder wurde Matthias übel.Wie lange wird es dauern, bis man diese beiden von der Straße kratzt?
Sie lenkte den Wagen in die Hofeinfahrt, wich Lutz aus, der mit dem Trecker davon fuhr und blieb vor dem Carport stehen.
Als sie den Motor abstellte und das Tuckern des Traktors verklungen war, umfing sie Ruhe – herrliche Ruhe. Eine sanfte Sommerbrise wehte durch die offenen Fenster des Mini Coopers und es roch würzig nach Heu. Ihr Blick fiel auf das kleine Holzhaus, in dem sie seit einem viertel Jahr wohnte. Die Blumenampel unter dem Vordach drehte sich leicht im Wind und eine Amsel hüpfte auf dem Geländer der Veranda entlang.
Sie hörte das Knirschen von Schritten hinter sich und sah im Seitenspiegel, wie Selma herankam. Die stämmige Frau mit den grauen, kurzen Locken trat ans Fenster und warf ihr einen prüfenden Blick zu.
„Alles in Ordnung?“
„Ja. Ich musste nur gerade denken, wie gut ich es hier getroffen habe.“
Selma trat einen Schritt zurück und Sylvia stieg aus dem Auto.
„Ich dachte, du würdest die Welpen sehen wollen.“
„Sind sie da? Ist alles gut gegangen?“
„Ja, obwohl der Vormittag für mich etwas hektisch war. Lutz hatte sich Eierpfannkuchen zum Mittag gewünscht. Also lief ich immer zwischen zwei Welpen in die Küche, um die Pfannkuchen zu wenden und dann zurück in die Scheune, um Jura den nächsten Welpen unter die Schnauze zu schieben. Pfannkuchen wenden – Welpen schieben – Pfannkuchen wenden – Welpen schieben.“
„Nun ja, solange du das nicht durcheinander gebracht hast …“ meinte Sylvia und sie mussten beide furchtbar lachen.
„Aber sag´ mal, wie viele Welpen hat sie denn?“
Mittlerweile waren die beiden Frauen auf dem Weg zur Scheune, wo Selma jetzt eine Seitentür öffnete.
„Acht sind es – vier Rüden und vier Hündinnen.“
„Donnerwetter!“
Sie betraten einen sauber gefegten Raum, in dem eine Wurfkiste stand. Jura, eine Schäferhündin, lag auf der Seite und beobachtete das Getümmel vor ihrem Bauch. Als Selma und Sylvia hereinkamen, sah sie ihnen ausgesprochen selbstgefällig entgegen. Sylvia musste lachen.
„Wie hochnäsig sie gucken kann.“
Selma sprach die Hündin an:
„Na, meine Gute? Es ist Zeit für dein Futter.“
Auf einem Regal standen mehrere Hundenäpfe, Dosen mit Hundefutter sowie Schachteln mit Medikamenten, Zeckenzangen und Verbandsmaterialien. Auf einem alten Tisch war eine Waage aufgestellt, daneben lag ein Buch, in dem Selma alles notierte: das Gewicht jedes Welpen, Zufütterungen und eventuelle Auffälligkeiten, zu denen es aber bisher nicht gekommen war.
Jetzt trat sie an eine Futtertonne, gab etwas Trockenfutter in einen Napf und vermengte das mit Dosenfutter und etwas Wasser.
„Komm, Jura“, sagte sie und die Hündin gehorchte.
Sylvia stand, die Arme verschränkt, vor der Wurfkiste und versuchte, wie schon so oft, sich dem Eindruck der blinden, hilflosen Geschöpfe zu entziehen. Vergeblich.
„Na, hast du dir schon einen ausgesucht?“ fragte Selma.
„Nein. Ich bin mir auch noch gar nicht sicher, ob ich das will.“
Sie hatte fast ihr Leben lang Hunde gehabt, aber in der letzten Zeit genoss sie es, frei und ungebunden zu sein – in jeder Hinsicht. Trotzdem verfolgte sie lächelnd, wie die Hündin schließlich in die Wurfkiste zurückkehrte, aufmerksam jedes ihrer Babys beroch und liebevoll ableckte. Als die Kleinen endlich selig schmatzend an ihrem Bauch lagen, verließen die beiden Frauen den Raum und gingen über den Hof.
„Hast du Lust, nachher auf ein Alsterwasser rüberzukommen?“
„Lust hätte ich schon, aber ich bleibe besser in der Nähe des Telefons. Ich habe heute Erste Hilfe geleistet bei einem Unfall und ein junger Mann ist gestorben. Eventuell rufen die Eltern mich noch an, um mit mir zu sprechen.“
Selma hob die Augenbrauen.
„Oh Mann, da hast du dir aber etwas vorgenommen.“
„Das ist nichts im Vergleich zu dem, was den Eltern jetzt bevorsteht.“
„Du solltest dir endlich angewöhnen, dein Handy bei dir zu tragen und nicht nur für Notfälle im Handschuhfach zu lassen. Na ja, solltest du es dir noch anders überlegen, weißt du ja, wo wir wohnen“, meinte Selma und ging lachend in ihren Garten.
Wenig später – Sylvia hatte Tomaten und Gurken aus ihrem Hochbeet geerntet und wollte sich gerade einen Salat machen – klingelte ihr Telefon. Nachdem sie sich gemeldet hatte, blieb es am anderen Ende stumm. Nur ein leises Atmen konnte sie hören.
„Hallo?“ fragte sie vorsichtig.
Im Grunde ahnte sie, wer dran war.
„Ja, hier… hier… Ich bin … Ein Polizist gab uns Ihre Nummer.“
„Das ist gut, denn ich hatte ihn darum gebeten. Ich dachte, dass Sie vielleicht den Wunsch haben, mit mir zu sprechen.“
Der Mann am anderen Ende schnaufte und rang um Fassung.
„Meiner Frau geht´ s nicht gut. Wir hatten den Notarzt hier und der hat ihr eine Beruhigungsspritze gegeben.“
„Ja, ich verstehe. Und Sie?“
„Nein, ich habe keine Spritze bekommen.“
„Möchten Sie mit mir sprechen? Über den… über Ihren Sohn vielleicht? Ich könnte zu Ihnen kommen.“
„Ja.“
Der Mann, der die ganze Zeit scheinbar um Luft rang, gab ihr die Adresse.
Eine viertel Stunde später hielt Sylvia vor einem Einfamilienhaus, das in einem gepflegten Garten ein paar Dörfer weiter stand. Auf der Auffahrt war ein dunkelgrüner Golf geparkt, der ebenfalls sehr gepflegt war, wie Sylvia mit einem Anflug schlechten Gewissens bemerkte. Ihr Mini Cooper war seit zwei Wochen vom Erntestaub überzogen und irgendjemand hatte mit dem Finger auf die Motorhaubewasch mich!geschrieben.
Als sie den Gartenweg zur Haustür entlang ging, wurde auf dem Nachbargrundstück ein Rasenmäher gestartet und der Mann, der ihn gleich darauf vor sich her schob, warf ihr einen neugierigen Blick zu.
Über der Klingel hing ein bunt bemaltes Schild:Hier wohnen Helga, Jürgen und Ingo Zavatzki.Darunter waren zwei große und ein kleiner Igel gemalt.
Sylvia schluckte, holte tief Luft und drückte den Klingelknopf. Die Tür wurde geöffnet und ein erschreckend bleicher Mann von kleiner Statur öffnete ihr.
„Ich bin Sylvia Döring.“
Er nickte und trat zur Seite.
„Bitte kommen Sie herein.“
Seine Stimme klang dünn und brüchig. Im Haus war es kühl. Er führte sie in das Wohnzimmer, in dem die Gardinen zugezogen waren. Es dauerte eine Weile, bis Sylvia´ s Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten und sie auf dem Sofa eine liegende Gestalt ausmachen konnte.
„Helga?“
Die Frau reagierte nicht. Sie lag auf dem Rücken, den Blick starr zur Decke gerichtet. Der Mann beugte sich über sie und rüttelte sie leicht an der Schulter.
„Helga, diese Frau ist da, von der ich dir erzählt habe.“
Keine Reaktion.
„Lassen Sie nur, Herr Zavatzky. Darf ich mich einen Augenblick setzen?“ griff Sylvia ein.
Sie wusste, dass die Eltern unter Schock standen und vor allem eines brauchten: Menschen, die ihnen Zeit ließen. Zeit, zu begreifen, Zeit zu weinen, Zeit um Fragen zu stellen.
Der Mann schob ihr einen Sessel zurecht und setzte sich selber auf die Kante des Sofas zu seiner Frau.
Über der Couch hing ein Bild, Edvard Munch´ sDer Schreiund Sylvia fröstelte plötzlich. Sie sah sich weiter im Zimmer um. Auf dem Esstisch vor der Durchreiche zur Küche stand eine altmodische Kristallvase mit Rosen, die offenbar aus dem eigenen Garten stammten. An der Wand daneben hing ein selbst geknüpfter Teppich und hinter ihr befand sich der Kamin, auf dessen breitem Sims sich eine Zinnsammlung befand. Kaum zu glauben, dass hier ein junger Motorradfahrer zu Hause gewesen war.
Es war still im Raum; nur gedämpft klang das Geräusch des Rasenmähers herein.
Ganz allmählich, mit leiser Stimme begann Sylvia zu reden:
„Ich habe den Polizisten gebeten, Ihnen meine Nummer zu geben. Ich war zusammen mit ihm die Letzte, die Ihren Sohn lebend gesehen und auch gesprochen hat.“
Der Mann nickte und streichelte die Hand seiner Frau.
„Ein Herr Rabe, nicht wahr? Er war vorhin zusammen mit einem Kollegen hier, um uns … die Nachricht zu überbringen. Er war sehr mitfühlend. Sagte, sein eigener Bruder sei auch bei einem solchen Unfall umgekommen.“
Sylvia hob die Augenbrauen und dachte flüchtig, wievielmal schwerer es für diesen als jeden anderen Polizisten sein musste, zu so einem Unfall gerufen zu werden.
„Nun, dann konnte er bestimmt besser als jeder andere Mensch verstehen, wie es Ihnen beiden jetzt geht.“
Wieder nickte der Mann.
„Ja, er war sehr verständnisvoll!“
Das laute Ticken der Standuhr wurde unvermittelt abgelöst durch sechs klangvolle Schläge: achtzehn Uhr. Rasch stand der Vater auf, öffnete die Tür der Standuhr und hielt das Pendel an. Sylvia beobachtete, dass auch jetzt keine Reaktion der Frau zu erkennen war.
Als der Mann wieder saß, fuhr Sylvia fort:
„Als ich zur Unfallstelle kam, war Ihr Sohn bei Bewusstsein. Er war zwar etwas benommen, doch ich konnte mit ihm sprechen.“
„Hatte er Schmerzen?“ fragte der Vater mit heiserer Stimme.
„Nein, hatte er nicht“, antwortete Sylvia und verschwieg, dass der junge Mann gar nichts mehr gespürt hatte.
Schweigen senkte sich über das Zimmer und die Zeit schien zäh wie Kleister zu rinnen.
„Kurz bevor er starb, sprach Ihr Sohn … von seiner Mutter, seiner Mama. So nannte er sie, nicht wahr?“
Der Mann blickte auf und nickte.
„Ja, diese Anrede gebrauchte er immer noch. Ich sagte einmal zu ihm, dass ich das kindisch fände…“
Herr Zavatzky stand unvermittelt auf und verließ mit den Worten „Entschuldigen Sie“ rasch den Raum.
Sylvia atmete tief ein und aus und setzte sich dann zu der Mutter auf das Sofa. Sie ergriff die Hand der Frau und sagte:
„Frau Zavatzky, ich möchte, dass Sie eines wissen: Ihr Sohn starb in dem Wissen, geliebt zu werden!“
Dann streichelte sie der Frau sanft über die Wange und stand auf.
Der Vater kam wieder herein und Sylvia sah, dass er geweint hatte.
„Kann ich im Moment noch etwas für Sie beide tun?“ fragte sie, doch er schüttelte den Kopf während er zutiefst bekümmert zu seiner Frau hinüber sah.
„Dann werde ich jetzt erstmal gehen. Bitte rufen Sie mich an, wenn Sie mich sprechen möchten. Ich komme wieder, so oft wie Sie mich brauchen.“
Als der Mann die Haustür hinter ihr ins Schloss drückte, drehte Sylvia sich noch einmal nach dem Klingelschild um.
Der kleine Igel …
Er verließ den Aufzug, warf das Schlüsselbund auf das Sideboard und öffnete sein Hemd auf dem Weg zum Schlafzimmer.
„Annemie?“ rief er, war aber nicht erstaunt, keine Antwort zu bekommen.
Seine Tochter verbrachte mal bei ihm, mal bei ihrer Mutter die Nacht. Beide Eltern wussten im Voraus nie, wann sie bei wem sein würde. Matthias konnte damit nicht gut leben, denn alles in ihm drängte danach, immer noch auf sie aufzupassen.
Doch jetzt ergab er sich in das Schicksal des unwissenden Vaters, stieg unter die Dusche und begann anschließend in Jogginghosen und T-Shirt das Abendbrot vorzubereiten.
Er liebte das! Beim Kochen in seiner offenen Küche konnte er abschalten und innerlich runterfahren. So war es auch jetzt.
Er begann damit, frische Kräuter, die in Blechtöpfen auf dem Küchentresen wuchsen, abzuschneiden und zu zerkleinern und allein diese Aromen in seiner Nase bewirkten, dass sein Geist frei wurde. Er erinnerte sich an einen Urlaub in der Toskana vor enorm langer Zeit. Sie hatten ein Zimmer in einer kleinen Pension gehabt und in der Küche ihrer Wirtin hatte es genauso gerochen…
