Die Leute von Russel´s Point - Elisabeth Hancock - E-Book

Die Leute von Russel´s Point E-Book

Elisabeth Hancock

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Beschreibung

Greta kommt über den frühen Tod ihres Mannes nicht hinweg. In ihrer Verzweiflung kehrt sie ihrem bisherigen Leben den Rücken und geht für ein Jahr nach Australien. In einer kleinen Stadt tritt sie einen Job an, von dem sie keine Ahnung hat, trifft auf eine bunte Mischung von Menschen und verliebt sich.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Die Leute von Russel´s Point

TitelseiteKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Impressum

Elisabeth Hancock

Die Leute von Russel´ s Point

Kapitel 1

Lucas Duncan runzelte die Stirn und warf der Frau vor sich einen mürrischen Blick unter seinen buschigen Augenbrauen zu.

„So, und Sie wollen also tatsächlich hier bleiben? Für länger als ein paar Tage?“

Er hatte schließlich so seine Erfahrungen mit denworking holiday makern. Sie kamen, sahen sich mit leuchtenden Augen um, weil sie nun endlich das Abenteuer Australien erlebten, versprachen ihm hoch und heilig, gut zu arbeiten und waren weg, sobald sie merkten, wie hart die Arbeit hinter dem Tresen wirklich war.

Die Frau hielt seinem Blick ruhig stand.

„Ja, ich möchte gerne bleiben bis mein Visum abläuft, also ein Jahr.“

Duncan´ s Mund verzog sich zu einem ironischen Grinsen.

„Haben Sie sich denn schon umgesehen in unserem entzückenden Städtchen?“

Russel´ s Point war eine Kleinstadt, die etwa zwanzig Meilen westlich von Swan Hill lag, das er persönlich – ehemaliger Weltenbummler, dem es vor allem die Wildnis Kanadas angetan hatte - nicht eben als idyllisch bezeichnen würde. Selbst die Parks rissen da seiner Meinung nach nichts raus.

Russel´ s Point besaß erst gar keinen Park. Es gab die breite, mit Parkplätzen gesäumte Main Street, an der sich ein paar Geschäfte, die Post, eine Bank, sein Hotel und der medizinische Stützpunkt befanden. Ab und zu zweigte eine Straße ab, in der Bungalows, ein Waschsalon und der Sportplatz zu finden waren. Ganz am Ende der Main Road eröffnete sich ein großer Platz, an dem neben der Polizeistation die Kapelle stand, in der Pater Caffyn ab und zu einen Gottesdienst abhielt. In der Mitte des Platzes stand ein Denkmal, das an die vielen gefallenen Söhne der Stadt erinnerte und davor stand eine Bank aus schwarz lackiertem Gusseisen.

Alles in allem war Russel´ s Point also keine Attraktion für Touristen und die einzige Sehenswürdigkeit war nach Lucas Duncan´ s gehässiger Meinung die 260 Pfund schwere Posthalterin Millie Alderson.

„Nein, ich habe noch nichts von Russel´ s Point gesehen, denn ich bin eben erst angekommen und auf der Suche nach Arbeit“, beantwortete die Frau Lucas´ Frage unbeirrt. „Das Zimmermädchen in meinem Hotel in Swan Hill sagte mir, dass Sie eine Hilfe suchen.“

Das musste Anne, die Tochter eines alten Schulfreundes gewesen sein. Lucas kniff leicht die Augen zu und musterte die Frau vor sich genauer. Irgendwie entsprach sie nicht dem gängigen Bild der Touristen. Zunächst einmal war sie deutlich älter als die meistenbackpacker– er schätzte sie auf etwa dreißig Jahre. Nein, ein Backfisch war sie gewiss nicht mehr. Sie sah sich auch nicht mitleuchtenden Augen um, so wie es die Teenies mit ihren Rucksäcken taten. Sie blickte vielmehr ernst und sprach mit ruhiger, sanfter Stimme.

„Woher kommen Sie? Greta ist dänisch, oder?“ fragte er, griff ins Kühlfach unter der Theke und holte eine Flasche Coca Cola hervor.

„Mögen Sie?“ fragte er und setzte schon den Flaschenöffner an.

„Ich hätte lieber Mineralwasser“, wandte sie ein und er holte schulterzuckend eine Flasche Wasser hervor.

„Also Dänemark, hm?“

„Nein, Deutschland.“

Sie trank langsam und in kleinen Schlucken, was bei der Hitze, die hier momentan herrschte, nur vernünftig war.

„Und was haben Sie gelernt, Miss Zimmermann?“

Sie sah ihn kurz nachdenklich an und antwortete dann:

„Ich habe gelernt zu arbeiten, Mr. Duncan. Ich arbeite seit über zwölf Jahren durchgehend im Schichtdienst. Also, geben Sie mir den Job nun?“

Sie wies mit dem Daumen hinter sich. In jedem Fenster hatte er ein Pappschild angebracht, auf dem geschrieben stand, dass er eine Bedienung suchte.

„Sie haben noch nicht einmal gefragt, was alles zu Ihren Aufgaben gehören wird.“

Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper.

„Wie gesagt, ich habe gelernt zu arbeiten.“

Lucas Duncan nickte langsam und sagte:

„Ich habe oben sechs Fremdenzimmer und ein Badezimmer auf dem Gang. Wenn die Zimmer belegt sind, müssen Sie als Stubenmädchen und Putzfrau herhalten. Davon abgesehen, ist ihr Platz hier hinter der Theke – vom späten Nachmittag an bis in die Nacht. Montags ist ihr freier Tag. Wollen Sie den Job immer noch?“

Doch dieses Mal fehlte seinen Worten jede Schärfe.

Greta stellte das Glas ab, aus dem sie soeben den Rest Wasser getrunken hatte und hielt ihm die Hand hin. Vollkommen verblüfft schaute er darauf, bis er sie zögernd ergriff.

„Ich will ihn immer noch.“

„Sie haben nicht einmal gefragt, wieviel Sie verdienen.“

„Ich brauche nicht viel zum Leben.“

Wieder diese scheinbar unerschütterliche Ruhe. Lucas Duncan schnalzte mit der

Zunge und meinte:

„Wie Sie meinen. Dann zeige ich Ihnen mal Ihr Zimmer.“

Sie holte ihr Gepäck, das sie neben der Eingangstür abgestellt hatte, und folgte ihm in den hinteren Teil des Hauses. Er stieg vor ihr eine lange Holztreppe hoch und führte sie durch einen schmalen, dunklen Flur, an dessen Ende er eine Tür öffnete und ihr den Vortritt ließ.

Das Zimmer war einfach aber sauber, wie Greta erkannte. Auf den Holzbohlen des Fußbodens lag lediglich ein kleiner Läufer vor dem Bett. Außer einem Kleiderschrank und einer Kommode gab es nur noch einen niedrigen, runden Tisch in der Zimmerecke und daneben einen kleinen Sessel mit geblümten Polstern. Gegenüber der Tür waren ein Waschbecken und darüber ein fleckiger Spiegel angebracht.

Greta machte einige Schritte und stellte ihr Gepäck ab.

„Das Badezimmer ist gleich gegenüber. Im Moment sind die Fremdenzimmer nicht belegt, aber sobald ich Gäste habe, werden Sie Badewanne und Toilette teilen müssen.“

Ein milder Blick aus schönen, grauen Augen traf ihn und zum ersten Mal lächelte die Frau.

„Das ist kein Problem, Mr. Duncan. Es ist alles bestens.“

Lucas musterte sie kurz und nickte dann.

„Bettwäsche finden Sie in dem großen Schrank im Flur. So zwischen vier und fünf Uhr kommen die ersten auf ein Feierabendbier. Dann beginnt Ihr Dienst.“

Er öffnete zwar schon immer gegen Mittag, aber es war nie viel los um diese Zeit, so dass er es vorzog, allein hinter dem Tresen zu stehen. Für´ s Nichtstun wollte er niemanden bezahlen.

„Ich werde um vier Uhr unten sein.“

Lucas grinste.

„Ihr seid sehr pünktlich, ihr Deutschen, hm?“

Jetzt war es Greta, die ihre Augenbrauen hochzog und ironisch lächelte.

„Das Exemplar, das gerade vor Ihnen steht, sogar ganz besonders!“

Er musste lachen und kratzte sich am Kopf.

„Ach, übrigens, es wäre komisch, wenn wir uns abends hinter der Theke mit Miss Zimmermann und Mr. Duncan ansprechen. Ich heiße Lucas.“

Mit den Worten ließ er sie allein.

Greta setzte sich auf das Bett, das über eine schrecklich weiche Matratze verfügte, und sah sich um. Sie war froh, nach der langen Anreise von Hamburg endlich angekommen zu sein und seufzte erleichtert.

Es war riskant gewesen, auf´ s Geratewohl loszufahren, um irgendwo in diesem weiten Land Unterkunft und Arbeit zu finden. Doch sie hatte schmerzlich erfahren müssen, dass es Sicherheit nicht wirklich gab und war überzeugt gewesen, dass sich ihr schon irgendetwas bieten würde. Schließlich war sie weder wählerisch noch verwöhnt.

Greta stand auf, ging zu der verglasten Flügeltür und trat auf den Balkon, der an der gesamten Vorderfront des Hauses entlangführte. Hier fand sie einen Klappstuhl und ein kleines Tischchen vor und beschloss, an diesem Platz morgens zu frühstücken.

Jetzt stützte sie sich mit beiden Händen auf das Balkongitter, das aus Holz gearbeitet war und dringend einen Anstrich brauchte. Doch das war ja nicht ihr Problem – nicht mehr. Die Zeiten, in denen sie sich um die Instandhaltung eines eigenen Hauses kümmern musste, waren vorbei. Schmerz durchzuckte ihre Brust und sie schloss kurz die Augen, um ihn weg zu atmen. Dann öffnete sie sie wieder und blickte die Main Road entlang.

Die Straße lag wie ausgestorben in der Mittagshitze. Links gegenüber war ein Lebensmittelgeschäft zu sehen, das aber niemand betrat oder verließ. Auch die Bank und rechts daneben das Postamt duckten sich still unter das breite Vordach.

Ein altes, klappriges Auto schlich vorüber und die herunter gedrehten Seitenscheiben verrieten, dass dieses Modell noch nicht über eine Klimaanlage verfügte.

Greta wandte sich ab und beschloss, auszupacken und sich dann eine Weile auf dem Bett auszuruhen.

Eine dreiviertel Stunde später war sie eingeschlafen. In der halb geöffneten Hand hielt sie einen kleinen Fotorahmen aus Holz. Das Bild zeigte einen Mann mit schmalem Gesicht und ernstem Blick.

Unten im Schankraum nahm Lucas die Pappschilder aus den Fenstern. Die Tür ging auf und Gus Eccles kam mit dem für ihn typischen Hinken herein.

Er war ein schmächtiger Mann, dem niemand zugetraut hätte, einmal körperlicher Arbeit nachgehen zu können. Von der Kinderlähmung schwer gezeichnet, hatte er jedoch trotz seiner damals vierzehn Jahre einen erstaunlich zähen Willen an den Tag gelegt und war heute mit Anfang fünfzig stolzer Inhaber einer Autowerkstatt. Lucas hatte einmal gesagt, er habe in Russel´ s Point eine ähnlich wichtige Stellung wie die Krankenschwestern des medizinischen Stützpunktes, denn seinen Händen wäre eszu verdanken, dass die Menschen in den Weiten dieses Landes vorankamen. Selten hatte Gus solch ein Lob erhalten!

Jetzt sah er sich jedoch missmutig um und knurrte:

„Kann ich ´n Bier haben oder dauert dein Anfall von Ordnungssinn noch länger?“

Lucas kannte diese Stimmung bei ihm und ging sofort hinter den Tresen, wobei er die Pappschilder zerriss und im Mülleimer entsorgte.

„Warum hast du die Dinger abgenommen? Sag nicht, dass du eine Bedienung gefunden hast“, sagte Gus und setzte sich auf einen der Barhocker.

„Doch. Sie kam mit dem Bus von Swan Hill heute Mittag.“

Gus winkte ab.

„Ich an deiner Stelle würde die Schilder hängen lassen.“

„Hat deine Aushilfe gekündigt? Wie hieß er doch gleich … Timmy, oder?“

„Gekündigt? Er ist still und heimlich mit dem Bus weg.“

Wütend nahm er einen Schluck Bier.

„Taugen nicht, die jungen Leute. Kein Mumm in den Knochen. Kaum wird´ s mal ´n bisschen anstrengend oder heiß, schon sind sie weg.“

Er hob den Zeigefinger und schüttelte wild die Hand.

„Das wird dir mit deiner Bedienung genauso gehen. Denk an meine Worte!“

„Ist es ja schon. Zigmal“, erwiderte Lucas mit stoischer Ruhe.

Gus schielte ihn misstrauisch von unten her an.

„Und? Warum lässt du die Schilder nicht hängen? Was ist an der denn so Besonderes?“

Die Tür wurde aufgestoßen und Harrison Biggs kam herein. Lucas stöhnte innerlich auf, denn Biggs war so ziemlich der einzige Mensch weit und breit, den er um´ s Verrecken nicht ausstehen konnte.

In strahlend weißem Hemd und gut sitzender Jeans betrat er den Schankraum mit jenem Selbstbewusstsein, das auszudrücken schien, dass selbst dieses Hotel ihm gehören würde, wenn er wollte. Der Endvierziger mit dem kantigen Gesicht und den kalten, blauen Augen baute in dritter Generation Wein an und wurde oft hinter vorgehaltener Handder Weinbarongenannt. Er war reich, besaß große Ländereien um Russell´ s Point herum und obendrein einige Appartementblöcke in Swan Hill.

„An wem soll etwas Besonderes sein?“ fragte er, nahm seinen Hut ab und machte Lucas ein Zeichen, ihm ein Bier zu geben.

Gus schrumpfte förmlich zusammen. Biggs hatte immer die Wirkung eines Senfpflasters auf ihn: obwohl er ihn als Kunden brauchte, war er schwer zu ertragen.

„Wir haben uns nur unterhalten“, beschied Lucas und schob ihm das gefüllte Glas mit kaltem Lächeln zu.

Biggs lachte etwas gekünstelt und meinte:

„Schon verstanden. Zutritt verboten, nicht wahr?“

Er nahm einen Schluck und man sah ihm an, dass es ihm keineswegs gefiel, ausgeschlossen zu sein. Doch aufgrund seiner arroganten Art war er das eigentlich meistens, wenn man mal vom Kirchenvorstand und der Gemeindevertretung, dem Roten Kreuz und der Vereinigung der Winzer absah. Er mischte in so ziemlich jedem Verein und Komitee in einem Umkreis von dreißig Meilen mit und war mindestens im Vorstand vertreten, wenn nicht gar dessen Vorsitzender. Dass er auch in diesen Kreisen keineswegs beliebt war, sondern vielmehr gefürchtet wurde, war ihm nicht bewusst.

„Gus, ich bringe dir morgen meinen Wagen. Der Reifen vorne rechts muss gewechselt werden.“

Jeder andere fragte, wann Gus sich sein Auto vornehmen könnte, doch Harrison Biggs nie. Er war der Meinung, dass dieser kleine Mechaniker froh sein konnte, ihn als Kunden zu haben.

Dieser stierte finster in sein Glas, nickte knapp und meinte:

„Jupp!“, was so viel wie ja bedeutete.

Biggs zog die Augenbrauen hoch.

In dem Moment entstand links von ihm eine leichte Bewegung und er drehte den Kopf. In der Tür stand eine Frau in Jeanshosen und einer blau karierten Bluse.

Sie lächelte flüchtig in die Runde, sagte: „Hallo“, und ging zu Lucas hinter den Tresen.

Dieser nickte ihr kurz zu und meinte:

„Das ist Greta Zimmermann. Sie hilft mir ab heute. Greta, das ist Gus.“

Trotz seiner schlechten Laune riss Gus sich zusammen, reichte ihr die Hand und begrüßte sie freundlich. Er mochte Frauen mit hübschem, braunem Haar.

„Und das ist Mr. Biggs.“

Auch Harrison Biggs entging nicht, dass hier eine sehr aparte Frau vor ihm stand, nickte aber nur kühl und sprach die Hoffnung aus, dass es ihr in Russel´ s Point gefallen würde.

„Danke“, erwiderte Greta schlicht und sah zu, wie Lucas sein Glas ein weiteres Mal füllte.

Gut, die Zapfanlage würde sie leicht bedienen können. Da war nichts dabei. Aus den Augenwinkeln musterte sie die Reihe von Flaschen, die kopfüber in speziellen Halterungen steckten. Nun, sie würde aufpassen, wenn Lucas daraus etwas entnahm. Allzu schwer konnte das nicht sein.

Erstmals beschlich sie das Gefühl, es sei besser gewesen, ihm zu sagen, dass sie noch nie in einer Bar gearbeitet hatte. Nun musste sie eben sehen, wie sie sich durchschlug.

„Soll ich die Tische abwischen?“ fragte sie leise.

„Ist schon passiert. Aber du kannst in der Küche den Geschirrspüler ausräumen.“

Die Küche war ein erstaunlich kleiner Raum mit wenig Arbeitsfläche. Da am Abend auch Essen zubereitet wurde, vermutete Greta, dass es hier dann schnell wie auf einem Schlachtfeld aussah.

Sie öffnete probehalber ein paar Schranktüren, um sich zu orientieren und räumte dann rasch das Geschirr aus der Maschine. Das Besteck wies getrocknete Tropfen auf, die sie mit einem feuchten Tuch wegpolierte.

In dem Moment merkte sie, dass sie beobachtet wurde und drehte sich um. Im Türrahmen lehnte Lucas und grinste.

„Mach dir nicht so viel Mühe. Wir sind hier nicht im Fünf – Sterne – Restaurant. Hauptsache, das Besteck ist sauber. Kommst du klar?“

„Ja“, sagte Greta und schloss die leere Spülmaschine.

„Was soll ich als nächstes tun?“

„Erstmal zeige ich dir alles. Die beiden Streithähne da draußen sind nämlich weg.“

Gus hatte sich nicht zurückhalten können und Biggs gesagt, dass seiner Meinung nach alle vier Reifen gewechselt werden müssten – und zwar schon seit längerem. Harrison Biggs hatte daraufhin erwidert, dass er nicht versuchen solle, ihm neue Reifen aufzuschwatzen, wo es die alten noch taten. Zutiefst beleidigt war Gus gegangen, nicht ohne finster zu bemerken, ihn würde es gar nicht wundern, wenn Biggs demnächst von Ethan zu einer saftigen Geldstrafe verdonnert würde.

Ethan Purcell war der Leiter der Polizeistation in Russell´ s Point.

Froh, sich als Neue einen Moment lang nicht von Gästen beobachtet zu fühlen, folgte Greta Lucas wieder hinter die Theke und ließ sich zeigen, wo welche Getränke zu finden waren, wie die Kasse bedient wurde und welche Gläser wofür verwendet wurden.

Beschämt merkte Greta, dass Lucas wusste, dass er eine in der Gastronomie vollkommen unerfahrene Person vor sich hatte. Doch als sie das zu ihm sagte, lachte er nur und klopfte ihr leicht auf die Schulter.

„Wird schon klappen. Am besten gehst du jetzt da drüben an die Kommode und holst Tischtücher heraus. Ich werde mit den Vorbereitungen für das Essen beginnen und bin in der Küche, falls Du mich brauchst.“

Mit den Worten ließ er sie allein.

Einerseits erleichtert, andererseits immer noch etwas angespannt, machte Greta sich daran, die rot – weiß karierten Papierdecken auf den runden Tischen zu verteilen. Sie verbrachte einige Zeit damit, sich die Preise für die unterschiedlichen Getränke einzuprägen und staunte, wie teuer hier der Alkohol war.

Als sie Lucas Hilfe in der Küche anbot, meinte er: „Nicht nötig, aber du könntestBesteck und Servietten vorbereiten. Dann haben wir es leichter, wenn der großeAndrang kommt.“

Also wickelte sie etliche Essbestecke in schlichte weiße Papierservietten und warf dann einen Blick auf ihre Armbanduhr. Schon halb sieben.

Nach und nach füllte sich der Gastraum. Schwatzend und lachend kamen die Leute zumeist in kleinen Gruppen herein, begrüßten Lucas, der zu Greta´ s Erleichterung stets sofort aus der Küche kam, und bestellten fast ausnahmslos Bier.

Schon stand Greta am Zapfhahn und füllte die Gläser. Einigen Gästen stellte Lucas sie vor, andere fragten sie auf nette Art, wer sie sei. Man war ausnahmslos freundlich zu ihr und fast jeder wünschte ihr einen guten Aufenthalt, so dass sie sich bald entspannte.

Das Stimmengewirr um sie herum nahm zu und immer öfter rief Lucas ihr aus der Küche zu, dass sie kommen und die nächsten Essen rausbringen könne. An diesem Abend gab es Kotelett mit roten Bohnen.

Lucas hatte ihr erzählt, dass er keine Speisekarte hatte, da es viel zu viel Arbeit machen würde, mehrere Gerichte vorzuhalten.

„Dazu müsste ich einen Koch einstellen. Außerdem wäre die Küche dafür zu klein. Die Leute kennen es nicht anders und die meisten sind mit dem zufrieden, was ich auf den Tisch bringe.“

Nun, der würzige Duft des Fleisches lies Greta das Wasser im Mund zusammenlaufen und die Gäste langten mit gutem Appetit zu. Greta hatte seit dem Frühstück im Hotel in Swan Hill nur noch eine Handvoll Kekse gegessen und merkte, wie sich ihr Magen schmerzhaft vor Hunger zusammenzog.

Als hätte er es geahnt, kam Lucas jetzt mit einem Teller in der Hand aus der Küche und stellte ihn auf die Ecke des Tresens.

„Hier, lass es dir schmecken.“

„Danke“, sagte Greta und nahm sich Besteck.

Während sie das wirklich gute Essen genoss, beobachtete sie das Treiben um sich herum.

Die Tische und auch die Barhocker waren fast alle besetzt. Der Raum war erfüllt von Stimmen und Gelächter und soeben warf jemand Münzen in die Jukebox. Greta hatte so ein Ding zuletzt als Kind in irgendeiner Gaststätte gesehen. Als jetzt Neil Diamond mitWhat a beautiful noiseerklang, vermutete sie, dass es auch in australischen Pubs wohl eigentlich keine Musikboxen mehr gab. Diese hier war mitsamt Inhalt sicherlich um die vierzig Jahre alt.

Gegen elf Uhr leerte sich der Pub deutlich. Nur einige wenige Männer saßen noch an der Theke und an einem der Tische steckte ein Liebespärchen die Köpfe zusammen. Greta spülte Gläser, während Lucas in eine Debatte mit einem der Gäste verstrickt war.

Es ging um die Todesstrafe. Die Zeitungen hatten davon berichtet, dass es in Texas Demonstrationen gab, die sich gegen die geplante Hinrichtung eines Mannes richteten, der seit Jahrzehnten wegen Mordes einsaß und dessen Schuld nie klar bewiesen worden war.

„Meiner Meinung nach war es falsch, dass man bei uns die Todesstrafe abgeschafft hat. Seither wird jeder Gewaltverbrecher bequem auf Staatskosten untergebracht und hat nichts zu befürchten. Wenn denen der elektrische Stuhl drohen würde, würden die Burschen es sich zweimal überlegen, ob sie wehrlose Menschen umbringen.“

„Das ist Unsinn“, meinte Lucas ganz unverblümt. „Es gibt Studien, die beweisen, dass die Todesstrafe keinerlei abschreckende Wirkung hat. Das ist wie bei den Rauchern: zeig ihnen ein Bild von einem Raucherbein und sie zünden sich auf den Schreck hin erstmal ´ne Zigarette an.“

Die Männer lachten.

„Trotzdem finde ich, dass wir die Todesstrafe wieder einführen sollten“, meinte sein Gesprächspartner und blickte nach Zustimmung suchend um sich. „Es ist doch gar nicht einzusehen, dass wir alle tagtäglich hart arbeiten für unser Geld und diese Burschen es sich auf unsere Kosten im Gefängnis gutgehen lassen. Einmal auf den Knopf drücken…“ – der Mann verdrehte die Augen und zappelte auf dem Stuhl – „… und schon sind wir die los.“

Wieder lachten alle – nur Lucas nicht. Er wog leicht den Kopf hin und her und meinte: „ … und schon unterscheidet uns nichts mehr von denen.“

In die nun eintretende Stille drang das leichte Knarren der Tür und ein stämmiger Mann mittleren Alters in Polizeiuniform betrat den Pub. Mit müden Schritten kam erzur Theke, zog sich die Mütze vom Kopf und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.

„Hallo, Ethan. Bist du noch im Dienst?“ fragte Lucas.

„Eigentlich schon, aber ich habe einfach beschlossen, für heute Schluss zu machen. Ein Bier, bitte.“

Lucas nickte und gleich darauf stand ein gefülltes Glas vor dem Polizisten.

„Gab´ s Ärger?“ fragte einer der Anwesenden.

Ethan Purcell war seit rund zehn Jahren Leiter der hiesigen Polizeistation und die Leute von Russell´ s Point kannten ihn gut. Normalerweise war er die Ruhe in Person, konnte bei aller Strenge auch gütig und nachsichtig sein und war im Großen und Ganzen ein ausgeglichener Mensch. Wenn Ethan missmutig dreinschaute, konnten sie sicher sein, dass etwas nicht stimmte.

Auch die Tatsache, dass er jetzt das Glas in einem Zug halb leerte, gab den Anwesenden zu denken.

„Kann man wohl sagen“, bestätigte er und stellte das Glas ab.

Er starrte eine Weile vor sich hin, drehte dann den Kopf und musterte die Anwesenden streng.

„Wer von euch kannte diesen Timothy? Ihr wisst schon, die Aushilfe in Gus´ Werkstatt.“

Ratlose Blicke flogen hin und her. Greta griff nach dem Geschirrhandtuch und begann, die Gläser zu polieren.

„Ich habe ihn nur einmal gesehen, als ich neulich meinen Wagen zur Inspektion bei Gus hatte.“

„Ja, ich auch.“

„Der war doch gar nicht lange bei ihm – drei oder vier Wochen, wenn mich nicht alles täuscht, oder?“

Die Männer nickten. Ethan wandte sich Lucas zu, wobei er flüchtig irritiert war durch die fremde Frau, die neben ihm hinter dem Tresen stand.

„War er abends hier im Pub?“

„Ja, sogar recht häufig. Allerdings saß er meist allein an einem der Tische und las in irgendwelchen Zeitschriften.“

„In was für Zeitschriften?“

Lucas überlegte.

„Motorräder, glaube ich. Ja, es ging um Motorräder.“

„Hm, und du sagst, er saß immer allein?“

Wieder dachte Lucas nach.

„Ja, ich glaube nicht, dass ich ihn jemals mit jemandem habe sprechen sehen. Aber warum interessiert er dich so? Gus sagte mir, dass er seinen Job hingeschmissen hat.“

„Ja, allerdings hat er dabei die Kasse mitgehen lassen.“

Kapitel 2

Der ganze Ort summte vor Aufregung. In Russell´ s Point, wo das Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit und das Stibitzen von Bonbons aus den verführerisch offenen Gläsern im Kaufladen so ziemlich die einzigen Gesetzesverstöße darstellten, bedeutete der Diebstahl der Ladenkasse eine Sensation.

Fast jeder schaute im Laufe des nächsten Tages in der Werkstatt vorbei, um Gus zu versichern, dass man empört sei und man stimmte ihm zu, wenn er meinte, um die Jugend von heute sei es schlecht bestellt – sehr schlecht!

Millie Alderson nickte bekümmert und seufzte.

„Ich weiß wirklich nicht, wohin das noch führen soll. Wenn man bedenkt, dass diese Generation die Zukunft Australiens ist …“

Sie tätschelte Gus die Schulter, der sie daraufhin ganz komisch ansah. „Kopf hoch, mein Lieber. Du bist umgeben von Freunden.“

Mit diesen Worten watschelte sie aus seiner Garage, die Handtasche über dem molligen Unterarm, und strebte dem Postamt zu. Es war gleich neun Uhr und es wurde Zeit, dass sie den Schalter öffnete.

Hinter ihrer Stirn arbeitete es fieberhaft. Sie leckte sich immer wieder hastig die Lippen, was bei ihr ein untrügliches Zeichen innerer Anspannung war. Vor der Poststelle angekommen, durchwühlte sie fahrig ihre Handtasche und fischte schließlich den Schlüssel heraus.

„Guten Morgen, Millie. Du bist ja ganz nervös. Es geht dir doch hoffentlich gut?“ erklang Vicky´ s weiche Stimme.

Die Kaufmannsfrau war gerade dabei, vor dem Laden zu fegen.

„Oh, guten Morgen, Vicky. Ich habe dich gar nicht bemerkt. Ach, verflixt, dieses Schloss…“

Ungeduldig rüttelte Millie an der Tür und versuchte dabei, den Schlüssel herumzudrehen.

„Ich muss es unbedingt reparieren lassen.“

„Warte nur, ich sage Zack Bescheid“, rief Vicky, stellte den Besen an die Wand und verschwand im Laden.

Gleich darauf erschien sie mit ihrem Mann, der Millie die Tür beinahe spielerisch leicht öffnete.

„So, jetzt kannst du zumindest hinein gehen und mit der Arbeit anfangen. Ich hole meinen Werkzeugkoffer und werde mir das Ganze mal genauer ansehen.“

„Oh, vielen Dank, Zack.“

Dabei machte sie Vicky ein Zeichen, dass sie ihr folgen sollte.

„Ich kann nicht. Ich muss öffnen, so wie du.“

Millie warf hektische Blicke die Straße hinauf und hinunter.

„Nun, dann reden wir eben hier. Kunden sind noch nicht in Sicht. Vicky, wir müssen Gus helfen.“

„Ja, sicher. Ihm ist wirklich übel mitgespielt worden. Und dabei machte der junge Mann so einen netten Eindruck.“

Millie verdrehte die Augen. Auf Vicky machten alle Menschen einen netten Eindruck.

„Er hatte so wundervolles Haar, weißt du?“

Sie begegnete Millie´ s Blick, räusperte sich und fragte:

„Also, an welche Art Hilfe hast du gedacht?“

„Nun, an jede! Der arme Mann ist ausgeraubt worden und muss nun sehen, wie er die nächsten Wochen über die Runden kommt. Wir können ihn doch nicht verhungern lassen.“

„Dann werde ich ihn zum Abendessen zu uns bitten.“

„Ja, tue das. Und ich werde eine Spendenaktion ins Leben rufen.“

Sich ihrer eigenen Wichtigkeit bewusst, wandte Millie sich um und ging ins Postamt. Vicky blieb etwas nachdenklich zurück. Was sollte sie nur kochen?

Greta saß, vom Schatten des Dachüberstandes verborgen, auf dem Balkon vor ihrem Zimmer und frühstückte.

Um diese Zeit waren die Temperaturen noch erträglich und es gab bedeutend mehr auf der Main Road zu sehen als gestern Mittag. Geschäfte wurden geöffnet, Autos kamen in die Stadt und parkten vor ihnen, Menschen riefen sich Grüße zu und blieben oft stehen, um kurz miteinander zu plaudern. Es wirkte alles friedlich und beschaulich.

Im selben Moment kam der Polizei – Geländewagen die Straße entlang gefahren und Greta erkannte Ethan Purcell am Steuer. Bei seinem Anblick wurde sie daran erinnert, dass sie am Abend zuvor noch für Aufsehen im Pub gesorgt hatte.

„Merkwürdig, Gus hat vorhin gar nichts davon erzählt, dass er beraubt wurde“, hatte Lucas zu Ethan gesagt.

„Das hat er auch erst viel später entdeckt, als er einem anderen Kunden Wechselgeld rausgeben wollte. Scheint so, als habe der Bengel haargenau den Bus abgewartet, ist eingestiegen – und weg war er.“

Greta hatte irritiert aufgesehen.

„Sprechen Sie von dem Bus, mit dem ich heute Mittag hier angekommen bin?“ fragte sie.

„Ach ja, Ethan, dieses hier ist meine neue Aushilfe, Miss Zimmermann. Sie kommt aus Deutschland.“

Der Polizist musterte sie wachsam, aber nicht unfreundlich und reichte ihr dann mit einem knappen Lächeln die Hand.

„Willkommen bei uns, Miss Zimmermann. Das ist ja ein erfreulicher Zufall, denn wenn Sie aus dem Bus ausgestiegen sind, müssten Sie den jungen Mann ja gesehen haben. Jeder Hinweis kann sehr dienlich sein.“

„Da war aber niemand, Mr. Purcell. Als der Bus hielt, war die Straße wie ausgestorben.“

Der Polizist starrte sie an. Die ganze Zeit hatte er angenommen, dass der Junge schon über alle Berge war und hatte alle benachbarten Polizeistationen informiert.

„Das heißt, der Typ ist noch hier in Russell´ s Point?“ fragte einer der späten Gäste.

Aufgeregtes Gemurmel erklang, doch Ethan bewahrte Ruhe.

„Das kann sein, muss aber nicht. Er kann auch auf jede andere erdenkliche Art die Stadt verlassen haben. Per Anhalter oder sonst wie. Trotzdem sollten alle hier die Augen offen halten.“

Nun wurden die Stimmen lauter. Jemand meinte, man sollte eine Bürgerwehr zusammenstellen, um Ethan zu unterstützen. Der schüttelte nur den Kopf und wandte sich an Greta:

„Und Sie sind wirklich sicher, dass Sie ihn nicht gesehen haben?“

„Wirklich, Mr. Purcell. Ich habe niemanden gesehen – nicht einmal einen Hund. Die Straße war, soweit ich blicken konnte, leer.“

Nun schob sie sich den letzten Bissen Toastbrot mit herrlicher Brombeermarmelade in den Mund und überlegte, was sie bis zum Nachmittag unternehmen sollte. Über die Mittagszeit, wenn es am heißesten war, würde sie im schattigen Zimmer ruhen, beschloss Greta.

„Ausgerechnet nach Australien? Wo du Angst vor Schlangen hast und Hitze nicht verträgst?“ hatte eine Kollegin denn auch skeptisch bemerkt, als Greta ihr von ihren Plänen erzählte.

„Und dann reist du auch noch im Januar an – das soll doch dort der heißeste Monat sein, oder?“

Das war er zweifellos, wie Greta gestern bemerkt hatte, doch sie war sicher, dass sie sich mit der Zeit an die hohen Temperaturen gewöhnen würde. Und Schlangen hatte sie noch nicht gesehen.

Stattdessen war sie durch eine fremdartige, eigentümlich karge und doch schöne Landschaft gefahren. Und auch dieses Städtchen mit seinen Arkaden, hübschen, kleinen Häusern und einigen liebevoll gepflegten, alten Balkonbalustraden gefiel ihr.

Also beschloss sie, Russell´ s Point zu erkunden und anschließend ein paar Besorgungen zu machen. Kurz darauf verließ sie das Hotel in einem leuchtend türkisfarbenen T-Shirt und weißen Hosen.

Greta bummelte die Main Street hinunter. Harrison Biggs kam in seinem beeindruckenden Geländewagen in die Stadt gefahren und hupte, um jemanden zu grüßen.

„Der muss aber auch immer sichergehen, dass niemand ihn übersieht“, bemerkte eine Frau bissig gegenüber ihrem Begleiter.

Greta kümmerte sich nicht darum, sondern schlenderte weiter. Sie kam an einem Immobilienbüro vorbei, war begeistert, einen Friseursalon zu sehen und stand plötzlich vor einem Schaufenster, in dem mehrere Urnen auf einem cremefarbenen Tuch ausgestellt waren. Ach so, na ja, auch hier mussten die Toten schließlich unter die Erde gebracht werden.

An dieser Stelle überquerte sie die Straße, weil es keine weiteren Geschäfte in der Richtung mehr gab. Schließlich betrat sie den Laden von Vicky und Zack Evans.

Vicky bezeichnete ihn immer gerne als Supermarkt, aber hier gab es keine Fliesen auf dem Boden, große Spiegel über der Gemüseauslage und auch keine riesigen Schilder, die auf Sonderangebote hinwiesen.

Stattdessen war der Boden mit hellgrauem Linoleum ausgelegt, die Waren befanden sich in langen, deckenhohen Regalen und gleich links vom Eingang befand sich der Verkaufstresen mit der Registrierkasse.

Greta fand alles herrlich originell, griff sich einen der Einkaufskörbe, die gleich neben der Tür gestapelt waren, und ging langsam durch das Geschäft. Es gab hauptsächlich Lebensmittel und alles für den Haushalt, aber darüber hinaus ein buntes Sortiment anderer Dinge. An einem runden Ständer hingen T – Shirts und Blusen, in einer Ecke gab es Schminkutensilien zu kaufen und auch die Kleinen waren nicht vergessen worden: ein ganzes Regal quoll über von Spielzeug aller Art.

Greta legte schließlich eine Packung Kekse, eine Melone, zwei Pfirsiche und den Swan Hill Guardian in ihren Korb und ging zur Kasse.

Vicky, die in einer Frauenzeitschrift geblättert hatte, sah freundlich lächelnd auf. „Haben Sie alles gefunden, meine Liebe?“

„Nun, ich würde gerne noch einen guten Tee kaufen. Können Sie mir einen empfehlen?“

Solche Fragen liebte Vicky! Sie lief zur Hochform auf, holte mehrere Päckchen aus einem Regal und erörterte die Vorzüge einer jeden Art genauso begeistert, wie es ein Weinhändler mit seinen besten Tropfen tat.

„Ich glaube, ich nehme Daintree Tee“, sagte Greta irgendwann.

„Eine gute Wahl, meine Liebe. Trinken Sie den Tee mit Milch? Dann hole ich Ihnen noch eine Flasche.“

Rasch verschwand die rundliche Frau in Richtung Kühltheke, nur um noch von weitem weiterzureden:

„Wenn Sie so eine begeisterte Teetrinkerin sind, müssen Sie mich unbedingt besuchen kommen.“

Sie schob sich wieder hinter den Tresen und tippte den Preis für die Milch ein. „Montags ist doch Ihr freier Tag, nicht wahr?“

Greta, die in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie suchte, sah verblüfft auf.

„Woher wissen Sie…?“

Vicky lachte und reichte ihr die Hand.

„Ach, in Russell´ s Point bleibt nichts verborgen. Jeder weiß, dass du Greta heißt und bei Lukas arbeitest. Ich bin Vicky. Herzlich willkommen!“

„Vielen Dank, Vicky.“

„Also nächsten Montag. Sagen wir, um vier Uhr.“

Zur selben Zeit, als Greta noch ganz benommen von Vicky´ s Herzlichkeit ins Hotel zurückging, lenkte Ethan Purcell seinen Dienstwagen von der Straße und schaltete herunter. Langsam rollte er auf den Platz zu, wo er die Motorrad – Gruppe vermutete.

Er hatte in der vergangenen Nacht lange nicht einschlafen können. Irgendetwas hatte ihn nicht zur Ruhe kommen lassen.

Immer wieder war er die verschiedenen Aussagen der Leute im Geiste durchgegangen und dann gegen drei Uhr endlich darauf gestoßen: Lukas hatte erzählt, dass der junge Mann, der Gus´ Ladenkasse gestohlen hatte, stets tief versunken gewesen war in Motorradzeitschriften.

Vorgestern hatte eine Gruppe von zehn oder zwölf unterschiedlichen Maschinen in Russell´ s Point beträchtlichen Staub aufgewirbelt und er fragte sich, ob es hier wohl einen Zusammenhang gab.

Bei den Männern handelte es sich zwar nicht um Rocker, aber natürlich sahen sie wild aus mit ihren ausgefransten Westen, Muskelshirts und den Tätowierungen auf den Armen. Doch sie hatten sich höflich verhalten und Ethan´ s anfängliche Skepsis beseitigt, indem sie um die Erlaubnis baten, am Darling River ein oder zwei Nächte zu kampieren. Dann hatten sie bei Vicky und Zack Vorräte gekauft und waren mit enormem Getöse aus der Stadt gefahren.

Was Ethan obendrein besänftigt hatte, war die Tatsache, dass sie drei Mädchen dabei hatten. Eine davon trug ihr weizenblondes Haar in einem dicken, geflochtenen Zopf, der ihr über den Rücken hing. Auch sie war tätowiert und trug ein Top, das äußerst knapp war. Ethan konnte sich nicht vorstellen, dass die Männer in Begleitung der Mädchen auf Ärger aus waren.

Sie hatten ihren Lagerplatz klug gewählt, wie er jetzt feststellte. Im Schatten einiger Eukalyptusbäume hatten sie ihre Zelte im Halbkreis aufgebaut.

Auf bunten Decken saßen oder lagen sie und plauderten miteinander, während zwei der Mädchen aus einem Kessel heißes Wasser in eine Schüssel gossen, um Wäsche zu waschen. Etwas entfernt schraubte einer der Männer an seiner Maschine herum und warf Ethan einen gleichgültigen Blick zu.

Der griff seufzend nach seiner Mütze und stieg aus dem Wagen. Während er auf den Lagerplatz zuging, zog er seine Hose etwas höher und nahm sich wohl zum hundertsten Male vor, endlich Sport zu treiben und ein paar Pfund abzunehmen.

Jener Mann, der ihn um die Erlaubnis gebeten hatte, hier kampieren zu dürfen, stand jetzt auf und kam ihm entgegen.

„Guten Morgen“, sagte Ethan. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“

Der Mann musterte ihn kurz und nickte dann.

„Ja, alles in Ordnung.“

Ethan betrachtete das fast idyllische Bild vor ihm und fuhr dann fort:

„Ich bin in einer dienstlichen Angelegenheit unterwegs. Bei uns in Russell´ s Point ist gestern der Inhalt einer Ladenkasse gestohlen worden und ich bin dem Täter auf der Spur. Haben Sie gestern oder heute einen schlanken Mann von Anfang zwanzig gesehen? Er hat auffallend blonde, lange Locken.“

Das Gesicht des Mannes vor ihm war vollkommen ausdruckslos.

„Sehen Sie hier einen mit blonden Locken?“

Ein paar der anderen Männer lachten.

„Beantworten Sie einfach meine Frage“, entgegnete Ethan liebenswürdig. „Umso schneller sind Sie mich los.“

Der Mann vor ihm hob die Augenbrauen und rief dann über die Schulter:

„Hört mal, hat einer von euch einen Jungen mit blonden Locken gesehen?“

Keiner blickte auf und die Mädchen hielten auch nicht inne bei ihrer Arbeit. Ethan spürte, dass hier etwas nicht stimmte.

„Offenbar können wir Ihnen nicht helfen.“

Nun war es an Ethan die Augenbrauen zu heben.

„Offenbar“, meinte er scheinbar resigniert.

Er warf einen letzten Blick in die Runde, nickte dann und ging wortlos zurück zu seinem Wagen. Nach einer halben Meile, außer Sichtweite des Lagerplatzes, parkte er am Straßenrand und fügte sich seufzend ins Unvermeidliche. Auf Schuster´ s Rappen ging er zurück in Richtung des Lagers.

Logan hatte dem davon fahrenden Wagen finster hinterher geblickt, bevor er sich umdrehte und zu einem der Zelte ging. Er schlug die Zeltklappe zurück und bellte:

„Komm raus!“

Sofort sprang das Mädchen mit dem langen Zopf auf und verließ die Waschschüssel.

„Was willst du von ihm? Er ist mein Bruder, Logan.“ „Das weiß ich. Und er hat verdammte Scheiße gebaut!“

Sie prallte zurück.

„Was sagst du da? Was meinst du?“

Der Junge, der Vicky mit seinem Engelshaar so beeindruckt hatte, kroch aus dem Zelt hervor.

„Ist der Bulle weg?“ fragte er.

Die Antwort war eine schallende Ohrfeige.

„Hey!“ brüllte er empört, nur, um noch einen Schlag zu kassieren.

„Hör auf!“ schrie das Mädchen und hängte sich an Logan´ s Arm. „Was hat er dir denn getan?“

Ein raues Lachen war die Antwort.

„Mir würde er nicht wagen, etwas anzutun! Aber dieser kleine Hosenscheißer ist imstande, uns alle in verdammte Schwierigkeiten zu bringen. Er hat irgendwo in diesem Kaff die Ladenkasse mitgehen lassen.“

„Hat er nicht!“ rief seine Schwester aufgebracht.

Logan wandte sich an den Jungen.

„Nun, Tim, hast du oder hast du nicht?“

Mittlerweile hatten sich die anderen neugierig näher herangeschoben. Ein Kreis schweigender Menschen umgab Tim, der mit hängenden Armen da stand.

„Ja, habe ich.“

Jäh warf er flehende Blicke zu seiner Schwester hinüber, die ihn fassungslos mit offenem Mund anstarrte.

„Ich wollte doch, dass ihr mich mitnehmt, euch aber nicht auf der Tasche liegen. Ich war vollkommen abgebrannt und hab´ bei ihm gearbeitet. Ihr seid früher gekommen als ich erwartet habe und er hatte mir noch keinen Lohn gezahlt. Genau genommen habe ich mir nur genommen, was mir zusteht.“

Tim wurde durch das finstere Schweigen um ihn herum immer nervöser.

„Es hat schließlich keinem wehgetan. Die Werkstatt läuft gut und die paar Kröten hat er schnell wieder drin.“

Stille senkte sich über die Menschengruppe. Nur ein paar Vögel zwitscherten träge in den Bäumen.

„Du bringst das Geld zurück!“ knurrte Logan. „Und dann will ich dich hier nicht mehr sehen.“

„Aber, aber … Lilly! Hilf mir doch. Ich hab´ s doch nicht böse gemeint.“

Doch Lilly liebte Logan und sie fand, dass er richtig entschieden hatte. Timothy hatte den falschen Weg eingeschlagen, so wie schon einmal vor ein paar Jahren in ihrer Heimatstadt. Es war an der Zeit, ihn loszuwerden, denn sonst würde er sie und womöglich den ganzen Club in Verruf bringen.

„Du hast gehört, was Logan gesagt hat“, meinte sie leise und wandte sich ab.

Dem Mann, der aussah wie ein Engel, blieb nichts weiter übrig, als seine Tasche zu nehmen und zu gehen. Ihm war sehr wohl bewusst, dass Logan darauf achtete, dass er auch die richtige Richtung einschlug. Den Kopf gesenkt, schlich er die Straße entlang.

Nach einer Kurve stand plötzlich der Polizist vor ihm.

„Na, Bürschchen, kann ich dich ein Stück mitnehmen?“

In sein Schicksal ergeben nickte der Engel nur und Ethan führte ihn mit einem zufriedenen Seufzen ab.

Ungefähr zur gleichen Zeit seufzte auch Zack.

„Aber Liebes, du weißt doch gar nicht, ob ihm das Recht ist.“

„Warum sollte ihm eine Einladung zum Abendessen nicht Recht sein? Wir kennen uns schließlich seit dreißig Jahren!“ erwiderte Vicky.

„Eben. Und in all der Zeit haben wir ihn nie zum Essen zu uns eingeladen. Er wird es merkwürdig finden.“

Seine bessere Hälfte stemmte eine Faust in ihre Hüfte und sah ihn streng an. „Also, gehst du nun rüber zu ihm und lädst ihn ein?“

„Ja, ja, nur damit die liebe Seele Ruhe hat. Aber ich kann dir nicht garantieren, dass er die Einladung annehmen wird.“

Kopfschüttelnd verließ Zack sein Geschäft und ging die Straße hinunter zur Werkstatt. Die lag ziemlich still in der Morgensonne. Auf der einzigen Hebebühne stand Harrison Biggs´ Wagen und Zack dachte wohl zum hundertsten Male neidisch, dass er auch gern so ein phantastisches Auto hätte. Stattdessen fuhr er einen klapprigen Lieferwagen, der eine altersschwache Klimaanlage hatte.

„Hey, Gus, wo bist du?“ rief er in die Halle hinein.

Aus dem kleinen Kontor an der hinteren Wand erklangen Stimmen und gleich darauf kam Gus in Begleitung des Bestatters Mr. Ormand heraus.

„Also, wie gesagt, sobald die Stoffbespannung für die Fenster da ist, melde ich mich und Sie bringen mir den Wagen.“

„Vielen Dank, Mr. Eccles“, sagte der Mann, der, wie Zack fand, ebenso blass war wie die Leichen, die er versorgte.

Gemeinsam blickten sie der großen, dürren Gestalt hinterher und Zack meinte:

„Ich kann mir nicht helfen, aber bei seinem Anblick kriege ich immer eine Gänsehaut.“

„Sieht aus wie der Sensenmann in unseren Geschichtsbüchern früher, nicht wahr?“ meinte Gus und lachte meckernd.

Zack grinste.

„Ja, Mann, da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen.“

Gus wischte sich seine ölverschmierten Finger in einem Lumpen ab.

„Ach was, er ist ein ganz anständiger, harmloser Kerl. Der macht auch nur seinen Job. Doch als Zugereister müsste er mehr auf die Leute zugehen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand seinen Vornamen kennt oder sonst etwas über ihn weiß. Das macht die Leute misstrauisch. Aber was willst du eigentlich von mir? Streikt der Anlasser mal wieder?“

„Nein, nein, der Anlasser ist okay.“

Verlegen trat Zack von einem Fuß auf den anderen und rieb sich die Nase.

„Vicky schickt mich. Ich soll dich zum Abendessen einladen.“

Gus beugte sich leicht vor.

„Hä?“

Zack verdrehte die Augen.

„Essen! Verstehst du? Du sollst zum Essen zu uns kommen.“

„Wieso?“

„Wieso?“ rief Zack aufgebracht.

„Weil wir dich einladen eben. Herrgott noch einmal!“

Gus lehnte sich gegen die Werkbank und musterte ihn misstrauisch.

„Da ist doch was im Busch. Deine Frau will mich doch wohl nicht bemuttern?!“

„Nein, jedenfalls nicht wirklich. Sie … sie und Millie wollen … nun ja, sie wollen dir nur helfen.“

„Millie? Was hat die damit zu tun? Und wobei wollen die mir helfen?“

Zack zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann beschloss er, es kurz und schmerzlos zu machen.

„Sie wollen dir über die nächsten Wochen hinweghelfen, bis du wieder flüssig bist. Vicky will für dich mitkochen und Millie sammelt Spenden für dich.“

Gus stand wie vom Schlag getroffen in seiner Werkstatt und starrte Zack fassungslos an.

Jahrzehntelang hatte er alles getan, um kein Mitleid in den Leuten zu wecken, weil dieses ihm ein Gräuel war. Dafür hatte er hart gearbeitet – zunächst an seinem Körper, so dass nur noch ein leichtes Hinken zurückgeblieben war, und später in seinem Beruf. Er hatte sämtliche Skeptiker ignoriert, Hohn und Spott ausgeblendet und war stur seinen Weg gegangen.

Und nun, wo er seit vielen Jahren sein eigener Herr war, sich mit seiner Hände Arbeit ernährte, da kamen zwei mittelalte Matronen des Weges und meinten, ihm ihre Hilfe aufzwingen zu können. Sie bettelten für ihn!

Mit einem vernichtenden Blick in Zack´ s Richtung stieß er sich von der Werkbank ab und rannte zur Halle hinaus. Zack folgte ihm so schnell, wie es sein Bierbauch zuließ und hoffte im Stillen, noch rechtzeitig im Laden anzukommen, bevor Gus Vicky das Lebenslicht ausgeblies.

Doch der rannte zuerst in die Post.

„Was fällt dir ein?!“ brüllte er Millie an.

Das junge Eingeborenenmädchen, das soeben ein Päckchen aufgegeben hatte, floh an ihm vorbei aus der Tür.

„Aber… aber Gus. Was…?“

„Ich brauche deine Hilfe nicht!“ brüllte er. „Wie kannst du es wagen, deine lange, spitze Nase in meine Angelegenheiten zu stecken? Hast du selber keine Sorgen?“

Millie prallte zurück. Lange, spitze Nase…!

Doch nun kam Gus mit wild gestikulierender Faust auf sie zu.

„Du wirst den Leuten ihr Geld zurückgeben, hast du verstanden?“

„Zurückgeben? Aber…“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Aber ich habe es doch nur gut gemeint.“

„Da pfeif´ ich drauf! Du gibst es zurück!“

„Oh Gott, das ist so peinlich. Das kannst du unmöglich von mir verlangen, Gus.“

Gus stemmte beide Fäuste in die Seiten.

„Das kann ich und das werde ich! Und wenn das erledigt ist, halte dich ein für alle Mal aus meinem Leben raus, verstanden?!“

Mit diesen Worten stapfte er zur Tür hinaus und in den Laden rein. Zack hatte Vicky vorwarnen können und stand nun, schützend seinen Arm um ihre Schultern gelegt, neben ihr hinter dem Tresen. Als Gus reinkam, hob er abwehrend den Arm und meinte:

„Beruhige dich, Kumpel. Diese Frau hat dir etwas zu sagen.“

Doch Gus hatte schon genug Dampf abgelassen und sah Vicky nur noch finster an. Die lachte nervös und sagte:

„Oh, Gus, sollte ich dich verletzt haben, bitte ich dich um Entschuldigung. Das lag ganz gewiss nicht in meiner Absicht! Im Gegenteil. Ich dachte, ein Freund sei in Not und deshalb… deshalb wollte ich helfen.“

Das war entwaffnend. Es gelang Gus nicht, seine finstere Miene beizubehalten. Stattdessen glättete sich seine Stirn und er drehte verlegen seine Kappe in den Händen. Minuten vergingen, Minuten, die Vicky wie Stunden vorkamen. Dann hob Gus den Kopf.

„Was … was hätte es denn gegeben? Zu essen, meine ich.“

Vollkommen überrascht riss Vicky die Augen auf.

„Carpet bag – Steak“, hauchte sie und Zack fügte hinzu: „Genau das richtige für hart arbeitende Männer, mein Freund.“

Gus grinste und kratzte sich am Kopf.

„Na, wenn das so ist, werde ich wohl kommen. Schätze ich.“

Viele Stunden später ging es im Pub hoch her. Die Neuigkeit hatte sich wie ein Lauffeuer im Ort verbreitet: Ethan hatte den Flüchtigen gestellt – ganz allein! Jeder schien genau zu wissen, wie das abgelaufen war und eine Geschichte war abenteuerlicher als die andere.

Als Ethan dann nach Feierabend und in Zivil in die Bar kam, scholl ihm ein großes Hallo entgegen. Irgendjemand rief, Lukas solle ihm auf seine Kosten ein Bier einschenken, doch das wollten mindestens zehn andere auch. Ethan winkte lächelnd ab und meinte:

„Danke, Leute, aber ich bezahle mein Feierabendbier selber, bevor ihr euch meinetwegen noch in die Haare geratet …“

Sie lachten gutmütig und rückten näher.

„Also, erzähl mal. Wie war´ s?“

Ethan, der natürlich ganz genau wusste, was sie meinten, nahm genussvoll einige Schlucke und stellte dann sein Glas ab.

„Wie war was?“

„Na, die Festnahme. Der Junge. Hat er sich gewehrt? Und wie bist du eigentlich allein mit den Rockern fertig geworden?“

Ethan musterte die Leute mit liebevoller Verzweiflung. Er mochte die Menschen in dieser Stadt, doch manchmal brachten sie ihn mit ihrem Klatsch und Tratsch und ihrer blühenden Phantasie fast um den Verstand. Ohne ihre verhängnisvolle Eigenart, Geschichten zu erfinden und auszuschmücken, wäre sein Job sehr viel leichter gewesen. Deshalb beschloss er, ihnen eine beträchtliche Portion Ernüchterung einzuschenken.

„Ihr meint die Motorradfahrer? Nun, das waren harmlose, friedliche Männer und Frauen. Und der Junge ist mir im wahrsten Sinne des Wortes in die Arme gelaufen. Er war lammfromm und hat sich ohne Gegenwehr abführen lassen. Nun sitzt er drüben bei mir in der Arrestzelle und wird morgen abgeholt, um dem Haftrichter vorgeführt zu werden.“

Greta hatte die Pause, die seit Ethan´ s Auftauchen entstanden war, dankbar genossen. In Anbetracht der Geschehnisse des Tages quoll der Pub über und sie war seit vielen Stunden gerannt, um Essen und Getränke zu den Tischen zu bringen.

Nach Ethan´ s enttäuschender Schilderung leerte sich der Pub deutlich und der Polizist hatte nun Gelegenheit, sich ihr zuzuwenden.

„Ohne Ihre Aussage hätten wir ihn nicht so schnell geschnappt, Miss Zimmermann. Vielen Dank nochmal dafür.“

Greta sah ihn erstaunt an.

„Das war doch selbstverständlich, Mr. Purcell.“

„Nein, das war es nicht. Oft schweigen Touristen in so einem Fall, aus Angst davor, Probleme in diesem Land zu bekommen.“

Greta überlegte kurz und zuckte dann mit den Schultern.

„Das ist bedauerlich.“

In dem Moment betraten Vicky und Zack sowie Gus den Pub, um sich nach einem gelungenen Abendessen noch einen Absacker zu genehmigen. Millie Alderson, die mit einer Freundin an einem Tisch neben dem Tresen saß, wandte sich bei Gus´ Anblick demonstrativ ab und ihre Freundin tätschelte ihr mitleidig die Schulter.

Aber auch Gus fühlte sich nicht sehr wohl in seiner Haut, wie die nervösen Blicke in Millie´ s Richtung verrieten. Längst tat ihm sein Wutausbruch leid.

„Was soll ich denn nur tun?“ raunte er Vicky zu, als Greta ihm sein Glas über die Theke schob.

„Ich sehe, dass die Dame ihr Glas geleert hat. Sie hatte einen Weißwein“, meinte Greta, die mitbekommen hatte, wie Millie ihrer Freundin das Vorgefallene tief gekränkt erzählt hatte.

Gus sah sie an, als sei er ihrer gerade jetzt erst gewahr geworden.

„Würdest du ihr den Wein bringen?“ fragte er vorsichtig.

Greta hob amüsiert die Augenbrauen.

„Sicher. Das ist mein Job!“

Wenig später stellte sie das gefüllte Glas vor der Posthalterin ab und flüsterte:

„Von Gus - für eine Frau, die ein wirklich großes Herz hat!“

Millie starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an und stammelte atemlos:

„Hat er das wirklich gesagt?“

Greta trat beiseite, so dass Millie Gus sehen konnte und betete im Stillen, dass das gutgehen möge. Als sie sich langsam umdrehte, sah sie Gus, wie er Millie beinahe liebevoll zuwinkte.

Kapitel 3

So sehr Vicky´ s Einladung Greta zunächst gefreut hatte, so stellte diese sie vor eine knifflige Frage: war es in Australien üblich, der Gastgeberin ein kleines Geschenk mitzubringen oder würde das auf Befremden stoßen?

Sie beschloss, Lucas zu fragen.

Als sie sich morgens ihr Frühstück machen wollte, ging sie deshalb zunächst in die Bar, wo er an einem der Tische saß und die Zeitung las. Die Fenster und die Tür waren weit geöffnet und anhand der hochgestellten Stühle erkannte sie, dass er den Boden gewischt hatte.

„Guten Morgen, Lucas.“

Er blickte auf und nickte:

„Morgen. Na, heute schon was vor? Ist ja dein erster freier Tag.“

„Ja, ich habe eine Einladung zum Tee heute Nachmittag.“

Er zog spöttisch die Augenbrauen hoch.

„Lass mich raten: bei Vicky.“

„Ja, aber wie kommst du darauf?“

„Nun, Vicky pflegt englische Konventionen oder das, was sie dafür hält.“

„Ist sie denn aus England?“

Er grinste.

„Wenn du ihr schmeicheln willst, dann frag sie das.“

Schon wollte er sich wieder der Zeitung zuwenden.

„Du, Lucas?“

„Mh?“

„Ist es bei euch üblich, Gastgebern ein kleines Geschenk mitzubringen?“

Er runzelte nachdenklich die Stirn.

„Glaub schon. Zu Zack´ s Barbecue bring ich immer ´n Sechserpack mit.“

Greta musste lachen.

„Ich glaube nicht, dass ich damit Vicky´ s Geschmack treffen würde.“

Er zuckte die Achseln.

„Dann nimm ihr ´n paar Blumen aus dem Garten mit.“

„Vielen Dank. Damit hast du mein Problem gelöst, denn ich kann ihr ja nicht gut Pralinen aus dem eigenen Laden mitbringen. Ich werde ihr sagen, dass die Blumen von dir sind.“

„Das tust du nicht!“ knurrte er.

Wieder lachte sie und ging in die Küche, um ihr Frühstück zu holen.

Der Bereich hinter dem Hotel glich eher einem Hinterhof denn einem Garten. Irgendjemand hatte vor langer Zeit einmal Blumenbeete angelegt, die jetzt aber verwildert waren. Statt eines Rasens gab es eine sonnenverbrannte Wiese voller Unkraut und auf der Veranda fanden sich statt Gartenmöbeln nur an der Hauswand aufgestapelte leere Getränkekisten und Kartonabfälle. Aber der Hof war umgeben von einer Steinmauer und im Halbschatten einer Platane gedieh unverdrossen eine Kletterrose.

Greta knipste am Nachmittag einen Zweig mit einer geöffneten, zartrosa Blüte und mehreren Knospen ab und stellte fest, dass diese Rose sogar duftete.

Wenig später überquerte sie die Main Road und merkte, dass es immer noch sehr heiß war. Sie trug ein zweiteiliges Kleid aus einem leichten, hellen Stoff, der mit leuchtend bunten Streublumen bedruckt war. Der Wind, der heute erstaunlich stark war, zerrte an ihrem weit geschnittenen Rock und wirbelte Staub auf. Greta war froh, sogleich wieder in den Schatten der Arkaden eintauchen zu können und betrat den Laden.

Zack stand hinter dem Tresen und lächelte ihr zu.

„Hallo Greta. Vicky erwartet dich im Garten. Komm, ich zeig dir den Weg.“

Er führte sie zur Hintertür hinaus durch einen schattigen Laubengang, der auf eine kleine, aber sehr gepflegte Rasenfläche führte. Diese war umgeben von Farnen und Gräsern, die sich im Moment heftig im Wind bogen. Auf der anderen Seite des Rasens stand ein runder, weißer Pavillon.

„Vicky, dein Gast ist hier“, rief Zack und sagte, zu Greta gewandt: „Viel Spaß den Damen.“

„Danke, Zack, den werden wir haben.“

Vicky erschien unter dem Rundbogen des Pavillons und strahlte sie an.

„Wie schön, dass du hier bist, Greta!“

Greta überreichte ihr die Rose und Vicky steckte, ebenso wie sie selber vorhin, die Nase in die Blüte.

„Oh, wie wundervoll! Ich will nur rasch ins Haus gehen und eine Vase holen. Bitte nimm schon Platz.“

Vier Korbsessel mit dicken, hübsch geblümten Kissen standen um einen Tisch herum. Auf dem weißen Tischtuch stand ein Teeservice aus Porzellan, das mit Rosenblüten dekoriert war. Kuchengabeln und Teelöffel waren aus echtem Silber, das makellos glänzte. Auf einem Sideboard standen eine kleine Tortenplatte und daneben ein Schälchen mit Plätzchen. In einer Kristallkaraffe schimmerte bernsteinfarbener Sherry, umgeben von hübsch verzierten Gläsern.

Greta seufzte und lehnte sich genussvoll in ihrem Korbsessel zurück. Welch ein schöner Platz! Von hier aus konnte sie den hübschen Garten sehen, hörte das träge Gezwitscher weniger Vögel und war vor Wind und Staub geschützt. Selbst die Hitze schien hier nicht so stark zu sein.

Vicky kam über den Rasen zurück und der Wind bauschte den Plisseerock ihres hellen Sommerkleides auf. Lachend hielt sie ihn herunter und stellte die Vase mit der Rose auf den Teetisch.

„So, jetzt lassen wir zwei es uns so richtig gut gehen!“

Sie strahlte über das ganze Gesicht und Greta merkte, wie sehr sie diese Frau mochte.

Vicky schnitt die Torte an – eine ungemein leckere Mandarinentorte mit Baiserhaube – und schenkte ihnen Tee ein. Nach den ersten beiden genussvollen Bissen, während derer sich die beiden verschmitzt anlächelten, sagte Vicky:

„Ich bin natürlich ganz furchtbar neugierig darauf, zu erfahren, wer du bist und wie dein Leben bisher war. Ich hoffe, das stört dich nicht. Aber sieh´ mal, wir leben hier so weit weg vom alten Europa und ich wäre so furchtbar gerne einmal dort gewesen. Vor allem natürlich in England, denn dort sind ja meine Wurzeln.“

Der letzte Satz wurde von einem stolzen Blick in Greta´ s Richtung begleitet und die nutzte ihre Chance, von sich selber abzulenken.

„Ich dachte mir schon, dass deine Vorfahren aus England stammen. Ist das Silberbesteck ein Familienerbstück?“

Vicky hielt verzückt im Kauen inne vor Freude darüber, dass man es ihr offenbar anmerkte, aus der guten alten Welt zu stammen. Doch nun schüttelte sie den Kopf.

„Nein, leider habe ich kaum alte Erbstücke, denn meine Vorfahren waren bitterarm. Tatsächlich kamen wir erst sehr spät nach Australien, nämlich um Neunzehnhundert. Es war mein Großvater, der als sechster Sohn eines Farmers für sich keine Zukunft sah und nach Australien auswanderte. Er kam mit nichts als der Kleidung die er trug auf diesem Kontinent an. Aber er hatte ein gutes Gespür für Geschäfte. Er verdingte sich als Ladengehilfe in Perth und beobachtete genau, wie sein Boss das Geschäft führte. Einige Male schlich er sich nachts sogar ins Kontor, um die Bücher einzusehen. Wenn man ihn erwischt hätte, wäre er ohne Zweifel auf die Straße gesetzt worden. Noch Tee, Liebes?"

Greta nickte und hielt ihr die Tasse hin.

„Nun, mein Großvater arbeitete hart und sparte jeden Penny. Es heißt, er habe sich fast nur von dem ernährt, was im Laden übrig blieb: altes Brot, überreife Früchte und Wurstzipfel.“

Sie lachte kopfschüttelnd und schob sich eine Gabel voll Torte in den Mund. Als vollendete Lady sprach sie natürlich erst weiter, als sie heruntergeschluckt hatte:

„Irgendwann hatte er so viel zusammengespart, dass er beschloss, selber einen Laden zu eröffnen. Er legte sich also auf die Lauer und kaufte irgendwann einem alten Mann sein Geschäft ab. Das war in Northam, einer kleinen Stadt nordöstlich von Perth. Dort lernte er auch meine Großmutter kennen, bekam vier Kinder mit ihr und lebte glücklich bis ans Ende seiner Tage. Er wurde einhundertfünf Jahre alt.“

„Donnerwetter!“ bemerkte Greta.

Während Vicky aufstand und die Plätzchen holte, erzählte sie weiter: