Liebe in Zeiten zerfallender Gewissheiten - Ulf Hempler - E-Book

Liebe in Zeiten zerfallender Gewissheiten E-Book

Ulf Hempler

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Beschreibung

Am Tag nach dem Mauerfall verliebt sich der Westdeutsche Micha in seine Brieffreundin Marie aus Eisenach. Es könnte eine wunderbare Zukunft für die beiden beginnen, wenn nicht ihre Umgebung eine ausgeprägte Abneigung gegen Leute aus dem anderen Teil Deutschlands entwickelt hätte. Am Tag der Währungsunion fährt Micha nach Berlin, um Marie zurückzugewinnen. Im Kontext einer Liebesgeschichte entwirft der Autor ein Panorama der deutschen Provinz zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für

Cornelius und Julius,

die es sonst niemals gegeben hätte.

Der Autor:

Ulf Hempler wurde 1973 im nordhessischen Homberg/Efze geboren und wuchs in Borken/Hessen auf. Nach Studium in Marburg, Köln und Canterbury (Großbritannien) lebt er mit seiner Familie in Karlsruhe und arbeitet als Rechtsanwalt. Liebe in Zeiten zerfallender Gewissheiten ist sein erster Roman. Außerdem hat er ein erzählendes Sachbuch über Das Grubenunglück von Stolzenbach (2015) veröffentlicht.

Inhaltsverzeichnis

Anbruch

Aufbruch

Umbruch

Anbruch

Wenn er anderswo nach seiner Herkunft gefragt wurde, sagte Micha, er komme vom Ende der westlichen Welt. Vom Dachfenster in seinem Zimmer konnte er den Eisernen Vorhang sehen. Wie ein Lindwurm wälzte er sich durch die hessische Mittelgebirgslandschaft und fraß eine 200 Meter breite Schneise durch die Wälder. Dahinter nur noch Terra Incognita.

Sein Großvater hatte erzählt, die Dorfstraße habe früher einmal weiter geführt, über die hinter dem Dorf gelegenen Felder in den Wald hinein und dann in das nächste Dorf, das sich schon in Thüringen befand. Wenn er von früher erzählte, sah sein Großvater die Straße ins Thüringische immer vor sich. Die Bauern, die von drüben mit ihren Ochsenkarren kamen. Oder die Mädchen, die er mit dem Pferdegespann nach dem Gottesdienst für einen Sonntagsausflug abholte. Das Klappern der Räder auf den Pflastersteinen. Für ihn war das alles noch präsent.

Für Micha lag Thüringen weiter weg als London oder Paris. Die gepflasterte Dorfstraße, von der sein Großvater erzählte, war schon asphaltiert gewesen, solange er denken konnte. Der geteerte Teil endete direkt hinter den letzten Häusern von Hängerode und wurde danach zu einem Feldweg, der auf den Eisernen Vorhang zuführte und direkt davor aufhörte. Am Ende des Feldweges, nur wenige Meter von der Grenze entfernt, hatte ein Tischler aus dem Dorf ein Holzschild aufgestellt, auf welchem in Holzbuchstaben geschnitzt zu lesen war: ‚Letzte Coca-Cola für 15.000 km‘.

Das Ende der Straße, das Holzschild, die Grenze.

Für die Kinder und Jugendlichen des Dorfes hörte tatsächlich die Welt jenseits der Wachtürme und der bewaldeten Hügel auf zu existieren. Das Wasser der Werra war das Einzige, was herüber kam. Von den thüringischen Kaligruben belastet bahnte es sich unten im Tal seinen Weg über die Grenze. Vorbei an den Fachwerkhäusern der Dörfer und den alten Wassermühlen schlängelte sich der Fluss mit seiner giftigen Brühe durch die Wiesen und die weiten Getreidefelder.

In Hängerode aufzuwachsen war, wie unter einer Glocke groß zu werden. Es fing schon damit an, dass praktisch niemand einfach so nach Hängerode kam. Wozu auch, die Straße ins Dorf hinein war ja schon seit Jahrzehnten eine Sackgasse. Hierher kam nur, wer hier wohnte oder einen der wenigen hundert Einwohner besuchen wollte. Alle anderen blieben weg.

Was auch immer in der Welt passierte, in Hängerode schien sich nichts zu verändern. Während sich außerhalb große Umwälzungen abspielten, klebte Hängerode zwischen den Hügeln seiner Mittelgebirgslandschaft. Seine Bewohner hatten sich eine Gelassenheit angeeignet, die das Fehlen jeglicher Geschwindigkeit im Leben als eigenen Wert erachtete. Anderswo mochte es Demonstrationen geben, Rockkonzerte, Aufruhr, Streiks, Sportwettkämpfe oder Raubüberfälle. In Hängerode gab es nur den ewig gleichen Wechsel der Jahreszeiten, die Freitagabende mit den Proben des Gesangsvereins und die Samstagnachmittage mit dem Fußballspiel des Dorfvereins.

Soweit sich Micha erinnern konnte, schaffte es zwischen Zweitem Weltkrieg und Mauerfall nur ein einziges weltweites Ereignis, das Leben der Leute in Hängerode zu beeinflussen. Die Leute erzählten später, die Angelegenheit habe ihren Ursprung bei Herrn Talbach gehabt. Herr Talbach war Inhaber des örtlichen Edeka-Marktes und außerdem im Kirchenvorstand aktiv. Er war ein gedrungener Mann um die Fünfzig, mit einem kleinen Bauch und einem buschigen Schnauzbart, der schon stark ins Graue überging. Er verkaufte in seinem Laden auch ein paar der gängigen Zeitschriften. Stern, die Bunte, Tempo, Bild, Das Neue Blatt und ein paar dieser Gazetten. Es musste an einem Montagmorgen gewesen sein, als er die neueste Ausgabe des SPIEGELs in die Regale sortierte. ‚AIDS – die neue Gefahr!‘

Natürlich hatte er schon von dieser rätselhaften neuen Krankheit gehört, die aus den Großstädten der USA nach Deutschland übergriff, aber bisher hatte er gedacht, dass dies nur ein Problem für in Großstädten lebende homosexuelle Junkies sei. Dass nun der SPIEGEL diese Krankheit auf die Titelseite setzte, alarmierte ihn. Er vergaß, die Regale einzuräumen, obwohl der Laden in einer Viertelstunde geöffnet werden sollte, griff sich ein Exemplar und überflog die Titelgeschichte. Er verstand in der Eile nicht allzu viel, lediglich die Begriffe ‚tödlich‘, ‚Seuche‘, ‚Epidemie‘, ‚Körperflüssigkeit‘ und ‚mangelnde Hygiene‘ blieben ihm im Gedächtnis hängen.

Als er das Thema an diesem Abend im Kirchenvorstand ansprach, waren die anderen Mitglieder des Kirchenvorstandes genauso überrascht wie uninformiert. Herr Talbach stand auf und berichtete in Telegrammstil, was er im SPIEGEL über diese Krankheit gelesen und was er davon verstanden hatte. Dann lenkte er das Thema auf das Heilige Abendmahl. Beim Abendmahl wurden die Oblaten an die Gläubigen verteilt und schließlich ein Krug mit Wein herum gereicht. Ein Krug mit Wein. Für unzählige Gläubige. Es stelle sich die Frage, was wäre, wenn einer von denen AIDS habe. Am Ende der Sitzung beschloss der Kirchenvorstand dann kurzerhand die Abschaffung des Weinkruges. Der Pfarrer sagte zu, beim Abendmahl von nun an die Oblaten in den Wein zu tauchen und anschließend den Gläubigen in die Hand zu geben.

In der Praxis ergab sich aber das Problem, dass die dünnen Oblaten sich, nachdem der Pfarrer sie ein paar Sekunden in den Wein getaucht hatte, restlos vollgesaugt hatten. Lediglich jene Stelle am Rande, an denen er sie zum Eintauchen angefasst hatte, blieb trocken. Als der Pfarrer dann versuchte, diese Oblaten an die Wartenden zu überreichen, knickten die weich gewordenen Oblaten bei Übergabe ein, bröckelten ab und fielen herunter. Ein Überreichen der Oblaten war schlicht unmöglich. Ein kurzes Benetzen hatte nicht den gewünschten Effekt; der Wein zog in den Sekundenbruchteilen nicht ein, die wenigen Tropfen perlten ab, bevor sie mit der Oblate überreicht werden konnten. Die selbständige Einnahme der aufgeweichten Oblaten durch die Gläubigen scheiterte wiederum an ihrer brüchigen Konsistenz. Der Pfarrer bat die Kirchgänger schließlich, den Mund zu öffnen damit er die Oblaten hineinlegen konnte, die sich getränkt vom Wein vor den Mündern der Gläubigen nach unten bogen. Das Ganze wirkte, als würde ein Rentner im Park die Vögel mit Brotkrümeln füttern.

Auch wenn dieses Abendmahl das erste und letzte seiner Art blieb, erzählte Micha anderswo diese Geschichte immer wieder, reflektierte sie doch alles, warum er anders sein wollte als die Leute am Ende der westlichen Welt, weltoffener, interessierter, informierter, gewandter.

Von Eisenach war die Grenze zum Westen nur einige Kilometer entfernt und auch wenn Marie eine Vorstellung vom Land dahinter hatte, bezog sich dies nicht auf das angrenzende Nordhessen. Westdeutschland waren für sie die Hochhäuser von Frankfurt, der Hamburger Hafen, das Ruhrgebiet und die Alpen. Direkt hinter dem Todesstreifen kamen für sie der Stacheldraht und die Wachtposten. Danach nichts mehr.

Eisenach war das andere Ende der Welt und wer wie Marie in Eisenach aufwuchs, der wusste, dass es sich manchmal anfühlte, als könne man hier auch schnell über den Rand fallen. Außer einigen kulturell interessierten Westtouristen, die sich durch die Gassen der grauen und verfallenden Altstadt zur Wartburg aufmachten, kam praktisch niemand nach Eisenach, der nicht zum Wartburgwerk wollte.

Die westlichen Ortsteile von Eisenach lagen direkt in der Sperrzone. Ein Streifen von fünf Kilometern, in den selbst die anderen DDR-Bürger nur mit einer Sondererlaubnis einreisen durften. In der Schule hatte Marie Freunde aus dem Stadtteil Stedtfeld, die über Jahre immer nur bei ihr zu Hause zu Gast gewesen waren, ohne dass sie jemals eine Gegeneinladung bekommen hätte. Stedtfeld lag nur drei Kilometer von ihrem Zuhause entfernt, aber es war unerreichbar. Ihre Mutter Marlene meinte, es sei zu aufwändig, lediglich für einen Besuch unter Schulfreunden einen Passierschein zu beantragen.

Die großen Schlote des Wartburgwerkes rauchten Tag für Tag. Die Häuser in Eisenach hatten nach und nach die Farbe und den Geruch des Rauches angenommen. Die Leute hatten sich eingerichtet und jene, die von Fernsucht getrieben wurden, behielten es still für sich, um die Träume nicht den Falschen zu offenbaren.

Ihr Vater Eckart war vor einem Jahr im Westen gewesen. Seine Tante war verstorben. Westverwandtschaft. In Mannheim, irgendwo in Süddeutschland, wie sich Marie erinnerte. Keine Ahnung, wo genau das lag. Ihr Vater war selbst ganz überrascht gewesen, dass sein mit der Beerdigung begründeter Antrag auf Westreise genehmigt wurde. Ihre Mutter Marlene hatte Eckart merkwürdig wortkarg verabschiedet, mit verkniffenem Gesicht. Marie hatte nicht daran gezweifelt, dass er wiederkommen würde. Und tatsächlich war er vier Tage später wieder da. Mit einer großen Schachtel Belgischer Pralinen für ihre Mutter und einem neuen Sony-Walkman für sie. Wortlos, wie es seine Art war, aber verkniffen schmunzelnd hatte er die beiden gedrückt, die noch verpackten Geschenke auf den Tisch gelegt und hatte sie dann erleichtert seufzend alleine gelassen.

Marie sollte erst Jahre später erfahren, dass Eckart noch zwei Stunden vorher auf dem Bahnhof der hessischen Provinzstadt Bebra gestanden hatte. Der Fernzug nach Berlin machte dort den letzten Halt, bevor er kurz vor Eisenach wieder die Grenze überqueren und Eckart zurück in den anderen Teil Deutschlands bringen würde.

Zehn Minuten Aufenthalt.

Genug um auszusteigen, um noch einmal die Luft durch die Nase zu ziehen und die gut verpackten Geschenke, die er nur mit Hilfe der Verwandten aus Mannheim im Karstadt hatte kaufen können, nervös von der einen Hand in die andere zu drücken. Zeit genug, die überwältigenden Eindrücke der ersten Westreise seines Lebens zu rekapitulieren, die freundliche Aufnahme durch die Westverwandten, die Trauerfeier für seine Tante, die Fülle in den Läden – oder eher die Abwesenheit des ihm bekannten täglichen Mangels in der DDR. Keine Zeit aber, um das, was ihn wirklich bewegte, noch einmal zu überdenken.

Wie lange würde es dauern, bis sie Marlene und Marie den Ausreiseantrag genehmigen würden. Drei Jahre? Oder fünf Jahre? Würde er sie bis dahin unterstützen können mit einer Arbeit im Westen? Wie würde es sein, Marie, die jetzt gerade 17 war, nicht mehr sehen zu können, bis sie 20 oder 22 war? Wie würde es sein, nach den ganzen Jahren endlich Marlene in Mannheim wieder in den Armen halten zu können? Würde ihre Ehe es aushalten?

Als der Schaffner über den Bahnsteig lief, um die Weiterfahrt freizugeben, stieg Eckart wieder in den Zug und schloss ruckartig das Fenster. Es ging weiter nach Eisenach. Die Geschenke würden ihnen gefallen.

Micha hieß genau genommen Erwin Michael Seifert. Den ersten Vornamen hatte er auf Wunsch seines Vaters in Erinnerung an dessen im Zweiten Weltkrieg gefallenen Onkel bekommen. Erwin! Seine Mutter versicherte ihm immer noch, sie habe sich vergeblich dafür eingesetzt, den aus Zwecken der Reminiszenz gegebenen Vornamen als zweiten und nicht als ersten einzutragen. Gelöst hatte sie das Problem dann aber auf die ihr eigene, pragmatische Weise, nämlich indem sie ihren Sohn nur mit dem zweiten eigetragenen Vornamen Michael rief, der sich im Laufe der Schulzeit auf Micha verkürzte.

Mit sechzehn hatte er sich auf seinem Gymnasium in der nahen Kreisstadt Eschwege zunächst der Schülerzeitung und dann dem Arbeitskreis Antifa angeschlossen; letzteres weniger, weil er sich dem Thema inhaltlich nahe fühlte, sondern weil fast alle Typen der Schule sich dort versammelten, die anders sein wollten. Links war er schon, so fand er: Zumindest hasste er Helmut Kohl, trug im Winter Palästinensertücher statt Schals, hörte Punk, Reggae und Ton Steine Scherben statt Modern Talking, Kylie Minogue oder die ganzen Metal-Bands, die jetzt gerade aufgekommen waren, und logischerweise fand er die Macht der Großkonzerne verdammt bedrohlich.

Mit den Leuten der Eschweger Antifa fuhr er im Herbst 1986 zur großen Demonstration gegen die Wiederaufbereitungsanlage im bayrischen Wackersdorf. Das Reaktorunglück von Tschernobyl lag gerade ein halbes Jahr zurück und sie waren sich sicher, dass der Weg zu einer vom Faschismus befreiten Gesellschaft zweifellos nur über einen von Atomkraft befreiten Staat führen konnte.

Während in Hängerode der Todesstreifen bereits wie eine große Narbe in der Natur wirkte, sah man hier auf der Baustelle der geplanten Wiederaufbereitungsanlage die frischen Wunden, die das Projekt der fränkischen Region geschlagen hatte. Inmitten einer gigantischen, schlammig-braunen Rodung, ein Platz von der Größe mehrerer Fußballfelder, richtete sich ein grüner, von Panzerdraht gekrönter Metallzaun in einem Rechteck gegen den Waldrand aus. Auf der einen Seite umkreisten Demonstranten dieses Areal, während mehrere Hundertschaften Polizisten, flankiert von Wasserwerfern und gepanzerten Einsatzfahrzeugen, am Rande der Abzäunung aufgefahren waren.

Sie schritten in einer großen friedlichen Prozession durch den Nadelwald, querten die Schranke und umrundeten die Trutzburg inmitten der Lichtung. Die Demonstration hatte den Charakter eines Osterspaziergangs, dessen harmonisches Bild nur von den flankierenden Hundertschaften getrübt wurde. Erst nachdem sich diese Demonstration am späten Nachmittag auflöste, die Normalbürger, die Familien, die Rentner, die Bauern, zurück durch den Wald zu ihren geparkten Autos strömten, formierten sich vor ihnen die Hundertschaften der Polizei mit ihren Wasserwerfern und Sondereinsatzkräften. Schulter an Schulter standen sie dort in mehreren Reihen. Die Helme mit den vor das Gesicht gezogenen Plexiglasschirmen ließen keine Gesichter erkennen. Gleich einer Römischen Kohorte erhoben sie ihre Schutzschilder, hatten die Hand an ihrem im Gürtel steckenden Schlagstock, marschierten im Gleichschritt mit ihren schwarzen Stiefeln durch den Morast. Micha blickte rechts und links neben sich, sah, wie seine Freunde, wie alle anderen ihr Gesicht mit ihrem Palästinensertuch verhüllten, wie einige zum Schutz gegen Tränengas Schwimmbrillen anfeuchteten und über die Augen zogen, fühlte ein Prickeln im Magen, welches das genaue Gegenteil des Hängerode-Gefühls war, und zog schließlich auch sein Palästinensertuch bis unter die Augen.

Wer den ersten Stein geworfen hatte, ließ sich nicht mehr klären. Er beschrieb eine kurze Flugbahn und landete auf dem Erdwall unterhalb der Polizisten. Dann ging ein Steinhagel auf die Polizei nieder. Auf die Schutzschilde aus Plexiglas prasselten die Steine ein, prallten ab, schwebten kurz über dem Polizeipulk wie ein Schwarm steinerner Heuschrecken, bis sich ihr Flug nach unten neigte und die Steine im Schlamm liegen blieben. Die Hundertschaft stand immer noch wie fest gemauert auf ihrem Platz.

Der Einsatzleiter ließ den Steinkaskaden einen Wasserstrahl als Echo folgen. Die Wasserwerfer drehten ihre Türme und spritzten, malten regenbogenfarbene Wasserfontänen in die Luft, die sich fauchend ihrem Standort näherten. Der gesamte Pulk setzte sich in Bewegung. Micha stand in der Mitte und beobachtete fasziniert den großen Kinofilm, der gerade vor seinen Augen ablief.

Die erste Welle der Autonomen schwappte an ihm vorbei. Jene, die nicht von den Wasserwerfern aus ihrem Lauf geworfen wurden, schleuderten ein paar Steine gegen die Plexiglaswand von Polizisten und traten postwendend zum beschleunigten Rückzug an. Geschlossen setzte sich die Phalanx einer Hundertschaft in Bewegung. Es sah beeindruckend aus, wie sie in ihren einheitlichen Panzerungen im Gleichschritt marschierte, ein einziger, riesiger Organismus. Nun begann auch Micha zu rennen. Schnell, schneller, in den angrenzenden Wald hinein und zwischen den Bäumen hindurch, bis von der Polizei nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu hören war.

Was für ein Gefühl, war für ein Erlebnis! Etwas, das er mit sehr wenigen Eingeweihten teilte, dem elitären Kreis der Eschweger Gymnasiasten, die am Wochenende die graue Provinz verließen, um in den – zugegeben bescheidenen – Großstädten der Umgebung in das Gegenuniversum zur heimischen Provinz einzutreten. Micha umstrahlte der Nimbus des Wissens, des Bewusstseins der eigenen klaren Sicht auf die Dinge. Die dumpfen Gespräche in der Dorfkneipe an einem langen Freitagabend nahm er hin, ging es doch am nächsten Tag mit den Freunden aus Eschwege auf große Fahrt zum Open-Air in Richtung Hamburg. Wenn jemand mal wieder erzählen wollte, wie früher alles besser gewesen sei, warum die GRÜNEN, die Kommunisten, manchmal sogar noch: die SPD! das Land zu Grunde richteten – Micha wusste eine Antwort.

Auf die Frage, was sie vom Leben erwarte, hatte Marie zwei verschiedene Antworten. Eine individuelle und eine offizielle. Sie träumte davon, die Welt zu sehen, sich Dinge zu erschließen, die ihr bisher verschlossen geblieben waren, weiter zu blicken als andere oder schlichtweg: frei zu sein. Offiziell wollte sie ein nützliches Mitglied ihrer Gesellschaft sein, das ihre Fähigkeiten und Kenntnisse zum Wohle des Kollektivs, einer besseren Gesellschaft und dem Friede unter den Völkern einbrachte.

Als sie noch ein Kind war, existierte noch kein Widerspruch zwischen dem einen und dem anderen, doch je älter sie wurde, umso tiefer wurde die Kluft zwischen dem persönlichen und dem offiziellen Anspruch.

Am deutlichsten legte das Fach Staatsbürgerkunde dies offen und Maries Lehrer in Staatsbürgerkunde, Walter Lohr, nahm seinen Lehrauftrag ernst. Ihre Mutter, die an ihrer Schule Deutsch und Biologie unterrichtete und ihn deshalb aus dem Lehrkollegium kannte, hatte Walter Lohr zu Hause schon als „Honeckers Betonkopf“ bezeichnet, als Marie von ihm nur auf dem Schulhof gehört hatte. Als Marie bei ihm Unterricht erhielt, gab Marlene ihr mit, der einzige Grundsatz von Walter Lohr sei, dass die Partei immer Recht habe. Er war in der Schule berüchtigt für die Hausaufgabe, am Montagabend den Schwarzen Kanal sehen zu lassen und am anschließenden Dienstag die Sendung ausgiebig mit den Schülern zu besprechen.

Ihr Vater nannte den Schwarzen Kanal „die schönste Realsatire des real existierenden Sozialismus“. Er war der Meinung, dass man selbst bei dem Betonkopf Lohr nicht alles mitmachen müsse. Wenn es nach Eckart gegangen wäre, hätte sich Marie dieser Hausaufgabe verweigert. Marlene meinte dazu immer, er als Autobauer bei Wartburg habe es leicht, so zu reden. Es kam dann oft zum Streit zwischen Maries Eltern, weil Eckart dies so interpretierte, als gelte sein Beruf als Facharbeiter im Autowerk gegenüber Marlenes Tätigkeit als Lehrerin nichts. Seine Frau war aber schlicht und einfach der Ansicht, dass es für Marie am besten sei, wenn sie von der Klassenkonferenz zum Abitur zugelassen würde, um später studieren gehen zu können. Voraussetzung dafür sei nun einmal, dass man sich auch mit einem Betonkopf wie Walter Lohr arrangierte, ohne dabei etwas von seiner ideologischen Verbohrtheit anzunehmen.

In ihrer Pragmatik ähnelte Marie ihrer Mutter. Sie hatte ihre eigene Meinung, war aber der Ansicht, man müsse sich nicht unnötig selbst in Schwierigkeiten bringen. Ihr Ziel war das Abitur an der Erweiterten Oberschule. Dafür war sie auch bereit, den Schwarzen Kanal zu sehen und Walter Lohr am folgenden Tag das zu erzählen, was er von der Überlegenheit des Sozialismus hören wollte.

Der Schwarze Kanal wurde von Karl-Eduard von Schnitzler moderiert. Schnitzler war nur als „Karl-Eduard von Schni“ bekannt, weil angeblich jeder umschaltete, bevor er die zweite Silbe seines Nachnamens ausgesprochen hatte. Äußerlich bestach Schnitzler wenig. Bevorzugt trug er schwarze bis schmutzig-braune Anzüge, deren Stoffe so aussahen, als hätten sie einmal in einer russischen Textilfabrik zu Lenin-Mützen verarbeitet werden sollen. Seine Kleidung stellte ein akkurat-langweiliges Pendant zur streng nach links gescheitelten, im Laufe der Jahre ergrauten Frisur dar. Lediglich seine Augen, von den fingerdicken Brillengläsern in eine überdimensionale Größe verzerrt, zogen die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich. Mit der fanatischen Überzeugung eines christlichen Missionars im kolonialen Afrika des 19. Jahrhunderts präsentierte Schnitzler in seinem Schwarzen Kanal verschiedene Ausschnitte aus westdeutschen Fernsehsendungen, die er anschließend, mit Kampf- und Hasstiraden gegen den westdeutschen ‚Chauvinismus‘, ‚Kapitalismus‘ und ‚Faschismus‘ versetzt, kommentierte.

Die Sendung startete an diesem Montagabend mit einem Bericht über AIDS, den die Redaktion des Schwarzen Kanals aus einem Beitrag der Sendung Report München zusammengeschnitten hatte. Gezeigt wurden unter anderem Drogensüchtige und Homosexuelle, die im Krankenhaus wegen AIDS behandelt wurden und schon deutliche Krankheitssymptome zeigten. Die meisten waren erschreckend abgemagert. Einer der Kranken, nach Angaben des Berichtes ein Drogensüchtiger, hatte kaum noch Zähne. Ob dies allerdings aus der Drogensucht und dem Leben als Obdachloser resultierte oder von der AIDS-Erkrankung, gab der Bericht nicht an.

Dann folgte ein Schnitt und Karl-Eduard von Schni kommentierte, dass die neue Krankheit letztlich das Ergebnis einer Mischung aus jahrelanger Dekadenz – hemmungsloses Treiben der Homosexuellen – und durch den kapitalistischen Imperialismus bedingter Armut und Verwahrlosung breiter Schichten – Drogensucht und Obdachlosigkeit – sei. Zum Beweis schloss sich ein Bericht über die neue Armut in den Arbeitervierteln an, den die Sendung Monitor in einigen besonders heruntergekommenen Ecken Duisburgs gedreht hatte.

Die Stunde Staatsbürgerkunde am Tag darauf folgte einer genauen Choreographie. Walter Lohr leitete die Stunde immer damit ein, dass er von zwei oder drei ideologisch unverdächtigen, aber eher faulen Schülern eine Zusammenfassung der gestrigen Sendung vortragen ließ. Dann stellte er das Hauptthema zur Diskussion.

Dies bedeutete, dass er zunächst formell eine solche Diskussion eröffnete. Da sich nie jemand meldete, mit Ausnahme von Stasi-Carmen, wie Carmen Sattler angesichts des Berufes ihres Vaters als Offizier der Staatssicherheit hinter vorgehaltener Hand genannt wurde, forderte er einen Schüler zu einem Diskussionsbeitrag auf. Die Wahl fiel immer auf einen derjenigen, die ideologisch verdächtig waren, sei es, dass sich ihre Eltern oder Geschwister bereits politisch ‚gegen den Staat gestellt‘ hatten, wozu ein in den Westen geflohener Bruder, eine in der Kirchengemeinde für den Frieden eintretende Mutter oder auch nur ein politisch nonkonformistischer Vater ausreichten, oder weil die jeweiligen Schüler schon in den vergangenen Monaten öfters mit kritischen Bemerkungen im Staatsbürgerkundeunterricht aufgefallen waren. Er stocherte dann immer so lange herum oder nahm jemand anderen, ebenso ideologisch Verdächtigen dran, bis er eine für ihn unbefriedigende Antwort bekommen hatte.

Heute war Jakob Ellmann sein Opfer. Jakob war der Sohn des örtlichen Pfarrers und daher schon per familiärer Abstammung verdächtig. Hinzu kam, dass er lange Haare trug und sich der Mitgliedschaft in der FDJ verweigert hatte. Jakob machte es ihm aber an diesem Tag sehr schwer. Er wiederholte stur die Thesen des Schwarzen Kanals. Im Westen gebe es Drogensucht, Dekadenz und sozialen Niedergang, deshalb könne sich auch AIDS so schnell ausbreiten.

Walter Lohr wollte ihn aber nicht aus den Fingern lassen und fragte mehrmals nach. Abschließend beugte er sich zu Jakob vor und fragte mit scharfem Ton:

„Und warum ist es im Sozialismus Der Deutschen Demokratischen Republik nicht möglich, dass sich AIDS ausbreitet?“

„Weil es in der DDR keine Heroinsüchtigen gibt, die Spritzen mit Blut benutzen und so“, nuschelte Jakob.

„Nein!“, schrie der Lehrer triumphierend. Er lächelte zufrieden. Von jetzt ab folgte die Stunde wieder dem bekannten Ablauf.

„E-ben nicht!“ Walter Lohr betonte jede Silbe. „Wer weiß es?“, fragte er und blickte in die Runde der ideologisch Linientreuen.

Außer Stasi-Carmen meldete sich Marie. Immer dann melden, wenn die Antwort laut Betonkopf eindeutig ist, du aber keinen deiner Klassenkameraden brüskierst, hatte Marlene ihr mitgegeben. Walter Lohr nahm sie dran.

„Weil der Sozialismus die Bedürfnisse des Menschen befriedigt und daher Drogensucht und Dekadenz gar nicht vorkommen können. Deshalb hat AIDS bei uns keine Chance.“

„Hervorragend kombiniert“, meinte der Lehrer, was ein Zeichen war, dass die Antwort zutreffend und die Diskussion hiermit beendet war.

Flapp. Flapp, flapp. Die Betonplatten der Autobahn hatten sich im Laufe der Jahre verschoben und an ihren Nahtstellen Risse, Absätze, Senkungen entstehen lassen, die die Stoßdämpfer in einem regelmäßigen Rhythmus stauchten.

Flappflappflappflapp.

Der Stoßdämpfertakt erhöhte sich, als der Reisebus einen Lkw überholte. Die Geräusche der Reifen, die über die Fugen zwischen den Betonplatten der Transitstrecke von Helmstedt nach Westberlin rollten, begleiteten den Überholvorgang.

Im Sitz neben ihm saß David, bleich im Gesicht, die Hände in die Sitzlehne des Vordermannes verkrampft. Sein Magen vertrug das ständige Ruckeln nur schwerlich. Vorne unterhielt sich ihr Klassenlehrer Herr Huby mit dem Busfahrer, während Micha versuchte, seinen Freund David abzulenken. Herr Huby schaltete das Mikrofon ein und räusperte sich. Dann kündigte er an, dass sie sich jetzt dem Grenzübergang nach Westberlin näherten. Er erinnerte die Klasse daran, wie scharf die DDR-Grenzer angeblich kontrollierten, bat sie aus diesem Grund, alle westlichen Zeitschriften, insbesondere auch die „sogenannten Jugendzeitschriften“ wie BRAVO und politische Zeitschriften wie den SPIEGEL in den Rucksäcken zu verstauen und auch keine Walkmans und ähnliches herum zu liegen lassen, während die Grenzer den Bus kontrollieren würden. Selbstverständlich sollten sie sich sämtliche frechen und überheblichen Kommentare verkneifen, andere Busse seien wegen solcher Vorfälle schon Stunden an der Grenze festgesetzt worden. Und natürlich sollten sie die Reisepässe bereithalten.

„Personalausweis geht doch auch, oder?“ rief Micha nach vorne durch und stieß David mit dem Ellenbogen an.

„Nein, geht nicht. Genau deshalb habe ich vor der Abfahrt gefragt, ob alle die Pässe dabei haben“, gab Herr Huby durch das Mikrofon zurück.

„Ja, aber da habe ich doch noch gedacht, ein Personalausweis ginge auch. Deshalb hab‘ ich auch nix gesagt. Ich meine, da ist doch kein großer Unterschied...“

„Was heißt hier kein großer Unterschied!“ rief Herr Huby in das Mikrofon, legte es dann weg und kam durch den Gang zu uns nach hinten. „Willst du damit sagen, du hast nur einen Personalausweis dabei? Michael, wenn wir wegen dir die Klassenfahrt an den Grenzanlagen verbringen dürfen...“

Micha grinste sein schelmisches Lachen, zückte den roten Reisepass aus der Brusttasche und hielt ihn dem Klassenlehrer entgegen. Herr Huby murmelte irgendetwas von „pubertär“ und stampfte zurück zum Busfahrer. Die DDR-Grenzer flößten ihm einen gehörigen Respekt ein.

Sie hielten am Grenzübergang. Von Berlin war noch nichts zu sehen außer den Ankündigungen auf den Straßenschildern. Ähnlich irreal wie der Eiserne Vorhang im heimischen Hängerode und doch viel belebter zogen sich hier die Grenzanlagen durch die märkischen Wälder. Herr Huby sammelte die Reisepässe ein und brachte sie nach draußen zu einer Überprüfung. Nach fünfzehn Minuten kam er wieder herein und gab sie ihren Besitzern zurück. Die Grenzer betraten den Bus mit versteinerter, unbeweglicher Miene. Ihre Uniformmützen hatten sie in die Stirn gezogen, als wollten sie es uns noch schwerer machen, ihren Augen eine Regung zu entnehmen. Es war still im Bus. Nur durch die geöffnete Tür kamen die Geräusche der fahrenden Autos.

Langsam schritten die Grenzer die Sitzreihen ab. Der eine links, der andere rechts nahmen sie die ihnen bereits aufgeklappt entgegen gestreckten Pässe auf, fuhren mit ihrem Blick über die Dokumente, dann über die Gesichter, blickten durch sie durch, streiften mit ihrem Blick auch über die Sitzreihen und sagten außer einem gelegentlich dahin genuscheltem „Danke“ kein Wort. Im hinteren Teil des Busses hatten sich Micha und David ihre langen Haare ins Gesicht gekämmt, sodass sie jeweils nur noch mit einem Auge unter den dicht fallenden Ponys hervor lugten und nur für Geübte mit dem schon mehrere Monate alten Passbild, auf welchem sie noch Kurzhaarschnitt trugen, zu identifizieren waren. Ihr Mut schwand aber mit jedem Meter, den sich die Grenzer nach hinten durcharbeiteten, bis sie dann kurz zuvor, etwas hektisch, die Haare mit den Händen wieder nach hinten strichen, die langen Strähnen hinter den Ohren festklemmten und den Grenzbeamten kreuzbrav und mit versteinerter Miene ihre Pässe reichten. Diese waren nach zehn Minuten ebenso gespenstisch wieder verschwunden, wie sie gekommen waren. Die Fahrt ging weiter, hinein nach Westberlin.

Tscha-Bapp, Tscha-Bapp, Tscha-Bapp, Tscha-Bapp. Die Deutsche Reichsbahn hielt erneut bei irgendeinem kleinen Bahnhof im Niemandsland zwischen Erfurt und Halle. Marie lehnte mit dem Kopf am Fenster und sah hinaus in die Einöde. Zwei Häuser lagen rechts der Bahnstrecke, halb verfallen, aber noch bewohnt. Im Hintergrund einige alte Ställe, von denen der Putz abblätterte, die aber noch von irgendeiner LPG genutzt wurden. Ein Pfiff des Schaffners. Tscha-Bapp, Tscha-Bapp. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

Hinter Marie lärmten die anderen, eine kleine, glückliche Gruppe FDJ-ler, die aus welchen Gründen auch immer für die kommenden drei Tage nach Ostberlin fahren durften, um das Konzert von Bryan Adams zu besuchen. Der kanadische Rockstar in der DDR. Und Marie war dabei.

Sie hatte es erst gar nicht glauben können, als ihr von der FDJ-Leitung mitgeteilt wurde, sie dürfe zum Konzert fahren. Alle anderen, die mit ihr fuhren, waren Tochter oder Sohn von irgendwem. Irgendwem Wichtigen in der Partei oder irgendwem mit Funktion. Oder sie waren genau diejenigen, die Walter Lohr dienstags in Staatsbürgerkunde die richtigen Antworten soufflierten.

Marie war mittgenommen worden, so die offizielle Begründung, wegen „der außerordentlich guten schulischen Leistung“ und „des großen sozialen Engagements für die sozialistische Gesellschaft“. Obwohl dies ohne Zweifel zutraf, war es nicht der wirkliche Grund. Marlene mutmaßte, man habe Marie ausgewählt, weil man den Leuten zeigen wolle, dass die FDJ auch ganz normale Jugendliche zu solch einem Konzert schickte. Eckart hatte gemeint, dass Marie die Reise mit der FDJ allein schon deshalb absagen müsse. Das hatte wiederum Marlene auf den Plan gerufen, die ihm verbat, seiner Tochter den Spaß an der Sache zu nehmen.

Also saß Marie jetzt im Zug nach Halle/Saale – dort umsteigen nach Berlin/Ost, Hauptstadt der DDR – und freute sich auf das Konzert von Bryan Adams.

Für die Oberstufe vom Landstrich am Ende der Welt war Westberlin eine Mischung aus Faszination und Kulturschock. Die meisten stellten es sich vor wie die große, hektische Variante des nicht allzu weit von Hängerode gelegenen Kassel. Micha stellte es sich vor wie eine Art Großflächenbiotop, in welchem auf der Fläche einer Millionenstadt die Kreuzberger Subkulturen wucherten, wie Moos auf einer ständig feuchten Felswand.

Die Realität war anders. Verkehr, Lautstärke, eine U-Bahn, die den intensiven Geruch von Maschinenöl ausströmte, ungezählte Möglichkeiten einzukaufen, keine Sperrstunde in den Kneipen, Diskotheken illustriert von Neonlicht, die Diskothekenwerber, Ticketeers genannt, davor. Die Second-Hand-Läden, Plattenläden mit einer Menge Alben von Bands, von denen sie noch nie etwas gehört hatten. Döner Kebap. Der Bahnhof Zoo mit der durch ‚Christiane F.‘ bekannt gewordenen Drogenszene und schließlich – vereinzelt, viel massierter in Kreuzberg, auf keinen Fall aber flächendeckend oder auch nur ansatzweise dominierend – die Vertreter der alternativen Szene.

Sie besuchten die berühmte Mauer, die hier in Berlin nichts Besonderes war, weil sie überall zu sehen war, und es sich die Leute ebenso behaglich in ihrem Schatten eingerichtet hatten wie die Leute zu Hause im Schatten des Eisernen Vorhangs. Wie ein langes Band zog sich die Mauer durch die Stadt, durchschnitt den Organismus Großstadt. Häuser ragten auf der Nordseite der Bernauer Straße in den Himmel, bewohnt von den Westberlinern im Stadtteil Wedding, in dem sie standen. Ihre Ostberliner Nachbarn auf der Südseite der Straße kehrten dem Westen den Rücken zu, blickten mit zugemauerter Nordseite in Richtung ihres Stadtteils Mitte.

Sie fuhren weiter zum Potsdamer Platz, gingen über eine Treppe zu einer Aussichtsplattform, um herüberzusehen, standen dort wie auf dem Ausguck eines Wildparks, der seinen Besuchern einen Einblick in das Freigehege ermöglichen sollte. Der Potsdamer Platz war als solcher nicht erkennbar. Eine riesige Wiese, mehrere Fußballfelder groß, lag vor ihnen. Gras spross wild aus dem Boden, einige Asphaltwege zogen sich wie feine Adern zwischen den wilden Blumenwiesen, gesprenkelt mit Absperrgittern und Wachtürmen, das trostlose Bild eines Kadavers, den man seit Jahrzehnten unter den Augen der Öffentlichkeit von Gras und Wildblumen umwuchern ließ. Ganz weit entfernt, entlang der ersten geschlossenen Bebauung auf Ostberliner Gebiet, waren sie, die Ostberliner.

Sie waren in einem der FDJ-Heime in Ostberlin untergebracht. Ein neuer Plattenbau in Marzahn. Innen war alles so, wie sie das aus den Plattenbauten ihrer Heimatstädte gewohnt waren. Trotzdem, Berlin war größer, weitläufiger, die Plattenbauten höher. Der Fernsehturm am Alexanderplatz erhob sich über die Stadt. Man konnte ihn sehen, wenn man in einem der oberen Stockwerke das Fenster öffnete und den Kopf heraus steckte. Marie war schon öfters mit ihren Eltern zu Besuch in Ostberlin gewesen, aber hier, mit all den anderen, mit der Möglichkeit, alleine durch die Stadt zu laufen, war das Gefühl ein anderes.

Heute Nachmittag war sie mit zwei Freundinnen aus Eisenach durch das Zentrum gelaufen. Die Schaufenster waren voll. Am Alexanderplatz gab es alles, was man wollte! Nun gut, nicht wirklich alles, aber doch viel, viel mehr, als man in Eisenach zu Gesicht bekam.

Und wie die ganzen Jugendlichen hier angezogen waren! Es gab echte Punks, die am Alexanderplatz herumhingen. Es gab schick herausgeputzte Typen, die man Popper nannte. Ganz anders als zu Hause, wo sie irgendwie immer alle die gleichen Sachen anhatten, sich irgendwie alle ähnelten.

Die Eisenacher FDJ-Delegation wurde im Palast der Republik empfangen. Führung durch Erichs Lampenladen, wie Marie schmunzelnd mit Erinnerung an die Bemerkung ihres Vaters feststellte. An langen Stromkabeln hingen überall gigantische Lampen von der Decke, als hätte man hunderte von Regenschirmen in Glas gegossen und verkehrt herum aufgehängt. Der für die FDJ-Delegation aus Eisenach zuständige Hausführer überschlug sich vor Begeisterung über die Errungenschaften des Sozialismus. Im Gegensatz zu den Staatsbauten im kapitalistischen Westen, so der Führer, könne hier jeder seine private Feier gestalten. Hochzeiten zum Beispiel.

Marie dachte an ihre Tante, die vor wenigen Wochen geheiratet hatte. Sie wohnte in einem der Dörfer, die westlich von Eisenach in der Sperrzone lagen. Die Gäste, die von außerhalb kamen, also auch Maries Familie, die ja nur wenige Kilometer entfernt im Eisenacher Zentrum wohnte, hatten alle einen Passierschein beantragen müssen. Die Hochzeit hatte in einem alten, äußerlich verwitterten Gasthof stattgefunden, dem Hotel zur Post. Der Gasthof wurde von einem alten Ehepaar betrieben, das zusammen mit dem Gebäude aus der Kaiserzeit zu stammen schien. Einer der Kronleuchter aus Erichs Lampenladen hätte dort wie ein notgelandetes Raumschiff gewirkt.

Auf dem Programm der Oberstufenfahrt stand auch eine Fahrt nach Ostberlin. Micha und David hätten viel lieber noch einen halben Tag zur freien Verfügung gehabt, um sich noch einmal einige Stunden durch das wilde Kreuzberg treiben zu lassen, aber der Besuch war Pflichtprogramm, das hatte etwas mit der Bezuschussung zu tun, wie Herr Huby mitteilte. Durch die Kontrollen und den Zwangsumtausch hindurch gelangten sie hinüber.

Es war beinahe nicht zu bemerken, dass sie in einen anderen Staat gelangt waren. Saubere Straßen, gefüllte Schaufenster, der gleiche ruppige Berliner Akzent, der hektische Verkehr, in allem ähnelte Berlin-Mitte Bezirken wie Schöneberg oder Wilmersdorf. Nur die Zweitaktautos vermittelten den ersten Hauch von Exotik in dieser Stadt, in der man erst bei näherem Hinsehen bemerkte, dass etwas anders war. Es war nichts Greifbares, lag eher in einer Abwesenheit von etwas. Im Ostteil der Stadt fehlte der betriebsame Lärm der Menschen, die allgegenwärtige menschliche Kommunikation, das täglich neue Brodeln der Großstadt, das im Westen überall hörbar, spürbar, fühlbar war. Nirgendwo, zumindest nicht so wie im Westteil der Stadt, standen oder saßen auf der Straße Leute zusammen, redeten laut, führten Diskussionen. In den Restaurants und in den Läden unterhielt man sich ausschließlich in einem Tonfall, der im Westen als gedämpfte Lautstärke galt. Wenn man sich den Leuten näherte, verstummten die Gespräche, schwenkten die Passanten die Augen nach rechts und links, die unerwünschten Zuhörer im Blick.

Sie besuchten das Brandenburger Tor, das abseits des Trubels in einem toten Winkel der Stadt, im Hintergrund von der Mauer umrahmt, sein stilles Dasein fristete. Sie gingen weiter über die Straße Unter den Linden, bestaunten die prächtigen Botschaftsgebäude und die in Bronze gegossene überdimensionale Karl-Marx-Büste vor der sowjetischen Botschaft. Sie passierten den Palast der Republik, ein monolithisch großer Klotz, den man lieblos wie einen Fremdkörper in die Innenstadt gepflanzt hatte.

Schließlich kamen sie zum Alexanderplatz, der zugig und eintönig nur wenig zum Verbringen jener Mittagspause einlud, die ihnen dort zur freien Verfügung stand.

In der Kaufhalle fielen ihnen die vielen jungen Menschen auf, die teils zielstrebig, teils auffällig hektisch durch die Gänge strömten oder zur nahen U-Bahn drängten. Viele kauften etwas, einige schauten nur. Der neugierige Blick des Provinzlers, der das erste Mal in die Großstadt durfte. Einige Tage vorher waren auch sie auf diese Weise durch Westberlin gelaufen, diese große, leuchtende und komplexe Großstadtwelt. Nur die vollen Warenregale hatten sie nicht so bestaunt, wie die Leute hier im Osten. Der Kleidung nach zu urteilen, kamen die Leute alle aus der DDR. Ausländer oder Westdeutsche sahen anders aus. Es mussten aber nicht nur junge Leute aus Ostberlin sein, dafür waren es zu viele und dafür warfen zu viele staunende Blicke in die vollen Auslagen der Geschäfte in der Hauptstadt der DDR. Im Norden der Stadt hatte die SED oder die FDJ angeblich ein großes Rockkonzert organisiert, zu dem selbst Bryan Adams kam.

Micha ging durch den Mittelgang der Kaufhalle und sah sich bedächtig die jungen Leute an. Wenn man von den etwas schäbig wirkenden Kleidungsstücken absah, dann waren sie genauso wie sie selbst, genauso alt, genauso neugierig, schüchtern oder mutig, nur vielleicht nicht so sehr mit sich und der Welt beschäftigt, wie sie drüben im Westen. Waren sie in diesem Staat so aufgehoben, wie seine Freunde aus der Antifa-Gruppe am Gymnasium immer behaupteten, oder erdrückte es sie, in ein Einheitsgrau gepresst zu werden, das auf den Häusern, den Autos und selbst unter den Farben der Kleidung zu liegen schien?

Vor ihm wühlte ein Mädchen in den Shirts, die auf einem Ständer hingen. Sie war klein, vielleicht nur eins sechzig, halblange Haare, deren kastanienbrauner Ton sich auch in ihren Augen wiederfand. Sie hatte eine kleine Stubsnase, die durch den kleinen aber mit vollen Lippen versehenen Mund ergänzt wurden. Sie mochte so alt sein wie er, vielleicht ein Jahr jünger, und immer wenn sie einen Kleiderbügel nach links verschob, um sich das nächste Shirt anzusehen, wippte die Locke, die ihr in die Stirn hing und welche sie gedankenverloren immer wieder mit dem Mund nach oben blies. Er beobachtete sie länger und musste über diese Angewohnheit lächeln, als sie sich zu ihm umdrehte. In ihren warmen, dunklen Augen verbreitete sich für Sekundenbruchteile Nervosität, als sie merkte, dass er sie beobachtete.

„Is was?“, fragte sie ihn.

Die Gruppe aus Eisenach stieg in die U-Bahn und fuhr Richtung Radrennbahn Berlin-Weißensee, wo die Konzerte der Friedenswoche stattfanden. Am Alexanderplatz mussten sie umsteigen. Ein paar Mädchen schlugen vor, die Fahrt kurz zu unterbrechen und über den Alexanderplatz zu bummeln. Den kannte Marie schon von ihrem gestrigen Ausflug. An seinem Nordende, nicht weit weg von dem Ausstieg aus der U-Bahn, waren eine Menge Geschäfte, unter anderem eine große Kaufhalle.