Das Grubenunglück von Stolzenbach - Ulf Hempler - E-Book

Das Grubenunglück von Stolzenbach E-Book

Ulf Hempler

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Beschreibung

Am 1. Juni 1988 erschütterte eine Kohlenstaubexplosion die Braunkohlegrube Stolzenbach im Braunkohlerevier von Borken/Hessen. 51 Bergleute kamen bei dem Unglück ums Leben. Nach vier Tagen wurden sechs überlebende Bergleute entdeckt und in einer dramatischen Rettungsaktion zu Tage gebracht. Die Staatsanwaltschaft Kassel stellte im Oktober 1989 die strafrechtlichen Ermittlungen mit der Begründung ein, eine Kohlenstaubexplosion sei völlig unvorhersehbar gewesen. Im Jahr 2008 wiesen zwei Journalisten des Hessischen Rundfunks nach, dass die Gefahr von Kohlenstaubbildung dem Betreiber und der Bergbehörde bereits seit 1968 bekannt war. Die Recherchen zu diesem Buch haben zudem aufgedeckt, dass das sogenannte „Wunder von Borken“, die Rettung der sechs Bergleute nach 66 Stunden, nicht nur auf eine ganze Häufung von glücklichen Zufällen zurück zu führen war. Die Rettungsarbeiten wurden derart nachlässig und ignorant organisiert, dass der Krisenstab eine rechtzeitige Rettung beinahe verhindert hätte.

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Gewidmet:

meinem Vater Helmuth Hempler (1948-2002)

Im Gedenken an die 51 Bergleute, die beim Grubenunglück von Stolzenbach starben:

Ali-Akser Akarsu, Selahattin Alkan, Hamit Alkus, Michael

Andreas, Serafettin Barlas, Michael Bartz, Paul Bilinsky,

Klaus Böhnert, Helmut Brandau, Horst Budnitz, Dursun

Büyüktürk, Ali Buzdag, Erwin Cassel, Murat Celik, Walter

Drescher, Klaus Ellrodt, Uwe Feldbusch, Dieter

Fennel, Ernst Hapke, Dieter Henke, Hans-Joachim

Hergenröder, Hans Hirschner, Egon Holzhauer, Walter

Kraft, Erich Kuhn, Reinhold Kuhn, Horst Landsiedel, Michael

Matys, Cevdet Mete, Heinz Morgen, Alfred

Niewienda, Dieter Nuhn, Burkan Ölcek, Faik Ölcek, Dieter

Rosenau, Rudolf Roth, Edercan Saglam, Kemal Saglam,

Otto Sawitzki, Jörg Schmidt, Karl-Dieter Schnurr,

Helmut Schulz, Gerald Sindermann, Hans-Jürgen

Specht, Helmut Strenzel, Bayram Tüysüz, Johann Walter,

Günter Weidemeier, Oliver Wett, Wilfried Wilhelmi,

Wilhelm Wittig

Eine Chronik der Ereignisse vom 1. bis 8. Juni 1988 um das Grubenunglück von Stolzenbach bei Borken/Hessen sowie der Vor- und Nachgeschichte.

Über den Autor

Ulf Hempler wurde 1973 in Homberg/Efze geboren und wuchs in Borken auf. Das Grubenunglück erlebte er als 15-jähriger Schüler. Nach Studium in Marburg, Köln und Canterbury (Großbritannien) lebt er mit seiner Familie in Karlsruhe und arbeitet als Rechtsanwalt. „Das Grubenunglück von Stolzenbach“ ist sein erstes Sachbuch.

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

TEIL 1: VORHER

Das Braunkohlerevier Borken

Katastrophe mit Ansage

Abbildungen

TEIL 2: DAS UNGLÜCK

Vorahnung - Mai 1988

Kurz zuvor - 1. Juni, 12:00 Uhr

Die Explosion - 1. Juni, 12:30 Uhr

Chaos - 1. Juni, 14:20 Uhr

Funkspruch! - 1. Juni, 15:25 Uhr

Giftige Wetter - 1. Juni, 17:30 Uhr

Bewetterung und Bohrung, 1. Juni – 20:00 Uhr

Keine Hoffnung mehr - 2. Juni, 5:45 Uhr

Fehler und Abbruch? - 3. Juni, 8:00 Uhr

Durchbruch! - 3. Juni, 20:50 Uhr

Rettung - 4. Juni, 2:30 Uhr

Sensationspresse – 4. Juni, 7:00 Uhr

Trauerfeier – 8. Juni, 11:00 Uhr

TEIL 3: SPÄTER

Die Staatsanwaltschaft… ermittelt?

Verarbeitung des Traumas und materielle Hilfe

Enthüllung nach 20 Jahren

Der Justizkrimi geht weiter

Verantwortung und Schuld

Glossar der Bergmannssprache

Quellenverzeichnis

Anmerkungen zu den Quellen der Kapitel

VORWORT

Am 1. Juni 1988 erschütterte eine Explosion die Braunkohlegrube Stolzenbach im Braunkohlerevier von Borken/Hessen. 51 Bergleute kamen bei dem Unglück ums Leben. Nach vier Tagen wurden sechs überlebende Bergleute entdeckt und in einer dramatischen Rettungsaktion zu Tage gebracht. Diese Rettung wurde als das „Wunder von Borken“ bezeichnet. Das Unglück erschütterte das Städtchen Borken und seine Menschen, die damals von und für den Bergbau und das Braunkohlekraftwerk lebten. Fast jeder hatte Freunde, Bekannte, Verwandte, die von dem Unglück direkt oder indirekt betroffen waren.

Die Kohlenstaubexplosion, so hieß es in allen Untersuchungen und der Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Kassel, sei unvorhersehbar gewesen. Niemand trage an dem Unglück eine Schuld. Über zwei Jahrzehnte legte sich die Patina der Geschichte auf die Ereignisse - bis im Jahr 2008 zwei Journalisten des Hessischen Rundfunks nachwiesen, dass das Unglück sehr wohl vorhersehbar war und es vielmehr um eine Katastrophe mit Ansage handelte.

Es dauerte über 27 Jahre, bis mit der Erstauflage dieses Buches die erste umfassende Darstellung der entscheidenden Tage im Juni 1988 sowie der Vor- und der Nachgeschichte erschien. Für die zweite Auflage musste ich nur wenige kleine Ungenauigkeiten und Fehler überarbeiten, auf die mich Leser aufmerksam gemacht haben. Lange schien es, als würde es bei diesen marginalen Änderungen bleiben. Im März 2016 wurde mir das gerichtliche Gutachten von Dr. Kohlschmidt übermittelt, auf welchem das Landgericht Kassel die Klageabweisung gegen die Verantwortlichen im Wesentlichen aufgebaut hatte. In alten Unterlagen fand ich einen Vortrag aus dem Jahr 1961, der unter anderem Ausführungen zur besonderen Gefährlichkeit der Braunkohlestäube im Revier Borken enthielt, und die gutachterlichen Feststellungen widerlegt. Diese Ereignisse und die Ausführungen hierzu sind im neu eingefügten Kapitel „Der Justizkrimi geht weiter“ enthalten.

Der Prozess wird vor dem Oberlandesgericht Frankfurt fortgesetzt. Die Verantwortlichen weisen immer noch jede Schuld von sich.

Karlsruhe, im April 2016

TEIL 1: VORHER

1. Das Braunkohlerevier Borken

Im Jahr 1898 wurde beim Ausheben eines Brunnens im Dorf Arnsbach bei Borken ein mehrere Meter mächtiges Kohleflöz entdeckt. Es war der Rohstoff gefunden, der in den kommenden 93 Jahren das Bild, die Bevölkerung und das Schicksal des damaligen Ackerbürgerstädtchens Borken und seiner umliegenden Dörfer prägen sollte. Es war der Beginn von Wohlstand und starkem Bevölkerungszuzug, aber auch von Entbehrung, Gefahr und blindem Vertrauen in die Macht des reich machenden Rohstoffs Braunkohle.

Nur zwei Jahre später, im Jahr 1900, wurde schon die Braunkohle in der Grube Arnsbach im Tiefbau abgebaut.

Im August 1922, nur wenige Jahre nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und noch mitten in der wirtschaftlichen Depression der Nachkriegsjahre, wurde der Grundstein für das Braunkohlekraftwerk Borken gelegt.

Im Jahr 1927 wurden verschiedene Kraftwerke und Abbaugebiete vom preußischen Staat zu der Preußischen Elektritäts AG fusioniert. Das Braunkohlerevier Borken gehörte nun jenem Konzern, der über Jahrzehnte die alles bestimmende Macht in Borken sein sollte: der späteren PreußenElektra AG, von allen kurz PREAG genannt, welche noch viel später in der heutigen E.ON SE aufging.

Im Jahr 1925 waren schon 236 Menschen im Bergbau beschäftigt, 10 Jahre später waren es bereits 356. In den Jahren des zweiten Weltkriegs betrug die Zahl etwa 1.000 Menschen, bis 1963 stieg die Zahl der bei der PREAG Beschäftigen auf 1.609 Menschen an. Die Stadt Borken, einst nicht mehr als ein Dorf mit Stadtrechten, wuchs von 1.226 Einwohnern im Jahr 1910 auf 5.130 Einwohnern im Jahr 1970. Mit den umliegenden Dörfern, die meist ebenso durch die Braunkohle geprägt waren, hatte die Großgemeinde Borken/Hessen im Jahr 1975 insgesamt etwa 15.000 Einwohner.

Geht man von den Beschäftigten im Bergbau und im Kraftwerk aus, zählt man deren Partner, Kinder sowie die verrenteten PREAG-Mitarbeiter mit, rechnet man dann noch die Arbeitsplätze hinzu, die durch die beträchtliche Kaufkraft der PREAG-Mitarbeiter im Borkener Einzelhandel und im Handwerk gesichert wurden, so lebte mehr als die Hälfte der Einwohner direkt oder indirekt von der Braunkohle. Oder von der PREAG, so wie es die Einwohner bevorzugt sahen.

Braunkohlbergbau und Kraftwerk oder – je nach Lesart - die PREAG eröffneten begabten und fleißigen Menschen einen sozialen Aufstieg, die aufgrund ihres sozialen Hintergrundes oder ihres Bildungsstandes in der Gesellschaft der Weimarer Republik niemals auf einen solchen Aufstieg hätten hoffen können.

So wie Fritz Witzel aus dem Dorf Mosheim, nördlich von Homberg. Geboren wurde er im Jahr 1900 als ältester Sohn eines Steinbrucharbeiters. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste Fritz nicht nur für seine Mutter und seine vier jüngeren Geschwister sorgen, sondern ab dem Jahr 1923 auch für seine Frau und sein erstes Kind. Im nur etwa 20 Kilometer entfernten Borken wurde 1923 das Braunkohlekraftwerk gebaut. Trotz der in Deutschland vorherrschenden Wirtschaftskrise wurden in den Gruben junge Männer wie er gesucht, die Erfahrung aus den Steinbrüchen mitbrachten. Also fing Friedrich Witzel im Tiefbau in Borken als Bergarbeiter an. Er schaffte es, alle Familienmitglieder satt zu bekommen.

Fritz war trotz seiner dürftigen Bildung von nur wenigen Jahren Volksschule ein kluger Mann. Und er konnte organisieren. Im Jahr 1930 gründete er mit anderen Bergleuten aus Mosheim einen Verein, legte mit den Kollegen Geld zusammen, machte den Busführerschein und kaufte einen kleinen Bus. Angeführt von Fritz Witzel setzen die Bergarbeiter durch, dass alle Mosheimer Bergleute nur noch zu gemeinsamen Schichten eingeteilt wurden, damit sie zusammen im neuen Bus von Mosheim nach Borken pendeln konnten.

1937 wurde er Reichssieger im Berufswettkampf des nationalsozialistisch gewordenen Deutschen Reiches. Als Belohnung durfte er für knapp drei Jahre auf die Bergschule in Clausthal-Zellerfeld. Er war mit 37 Jahren der älteste Teilnehmer und zudem der einzige seines Studienjahrgangs, der ausschließlich die Volksschule besucht hatte. Mit viel Intelligenz und noch mehr Disziplin ergriff er die einmalige Chance, in seinem Alter und mit seiner Bildung noch eine Fachhochschule besuchen zu dürfen.

Fritz Witzel sollte sein Diplom vom „Führer“ persönlich verliehen bekommen. Als alter (und immer noch heimlicher) Sozialdemokrat sagte er den Verleihungstermin mit dem „Führer“ in Berlin nur deshalb nicht ab, weil seine Frau Anna ihn anflehte, wegen der beiden Kindern und ihr auf diese politisch gefährliche Geste zu verzichten. Seine Solidarität gehörte nicht dem Staat, der sich nun als das „Dritte Reich“ bezeichnete, sondern seinen Kollegen und der PREAG, jenem Unternehmen, dem er in seinen Augen den Aufstieg verdankte.

Der nunmehr diplomierte Bergbauingenieur Friedrich Witzel zog mit der Familie nach Trockenerfurth bei Borken, ging zurück in den Tiefbau, wurde dort Fahrsteiger und schließlich von 1954 bis zu seiner Verrentung Betriebsleiter im damaligen Tiefbau Altenburg 1 nahe dem Borkener Dorf Trockenerfurth.

Borken hatte Arbeit, viel Arbeit. Direkt nach dem 2. Weltkrieg, noch vor der Währungsreform von 1948, bekamen zahlreiche Kriegsheimkehrer aus der Region sofort eine Beschäftigung. Mit dem sogenannten Wirtschaftswunder Anfang der Fünfzigerjahre fanden die Vertriebenen in Borken Arbeit und Heimat: Im Kraftwerk, beim Führen der Eisenbahnen und der Reparatur der Maschinen, als Bürogehilfen oder als Bergleute und Handwerker im Tief- und im Tagebau.

Noch später folgen die damals noch Gastarbeiter genannten Migranten, vornehmlich aus der Türkei.

Die Borkener Braunkohle wurde seit Ende der Fünfzigerjahre mehrheitlich im Tagebau abgebaut. Dies ist bei dem Braunkohlebergbau die übliche Abbauvariante, weil die Braunkohle im Gegensatz zu der meist im Tiefbau abgebauten Steinkohle geologisch noch sehr jung ist und deshalb nah an der Erdoberfläche liegt. Der Abbau im Tagebau kann nach dem Abtragen der oberen Erdschichten viel kostengünstiger als die Förderung im Tiefbau erfolgen.

Wie viele andere nordhessische Braunkohlereviere wies auch das Borkener Revier einige Besonderheiten auf. So lag ein Teil des mächtigen Braunkohleflözes tief unter der Erde, so dass die Förderung teilweise im Tiefbau erfolgen musste. Diese Besonderheit bewirkte, – für den späteren Verlauf der Dinge fatal - dass ein Rohstoff hier ausnahmsweise im Tiefbau abgebaut wurde, obwohl deutschland- und weltweit die allermeisten Bergbauerfahrungen auf einem Abbau im Tagebau beruhten. Entsprechend richtete sich auch die Forschung, die Ausbildung und letztlich das Sicherheitsdenken der meisten Verantwortlichen an Lehrsätzen aus, die im Tagebau und nicht im Tiefbau gewonnen wurden.

In den Sechziger- und Siebzigerjahren wurden rund um Borken die Tagebaufelder Altenburg 4, Singlis und Gombeth ausgebeutet. Parallel dazu, organisiert durch jene PreußenElektra AG, welche mit dem gleichen Führungspersonal die genannten Tagebauten betrieb, wurde in den Gruben Altenburg 4 und Weingrund die Braunkohle im Tiefbau gefördert.

Das Braunkohlevorkommen bei Stolzenbach war bereits Anfang der Zwanzigerjahre durch die Gewerkschaft Frielendorf nachgewiesen worden. Anfang der Fünfzigerjahre wurde direkt südwestlich des kleinen Dorfes Stolzenbach mit der Anlegung des Zechenhofes begonnen, um einen Tiefbau bei Stolzenbach einzurichten. Die Arbeiten gestalteten sich anfangs sehr aufwändig. Das Deckgebirge war an dieser Stelle schwierig, so dass es häufig zu Wasser- und Sandeinbrüchen kam und die Arbeiten zwischenzeitlich unterbrochen werden mussten.

Der erste Schacht erreichte schließlich 1956 die Tiefe des Kohleflözes. Danach wurde mit den Ausbauarbeiten unter Tage begonnen, bis in der Grube Stolzenbach im Mai 1958 schließlich die erste Braunkohle gefördert werden konnte.

Die Grubenanlage lag etwa fünf Kilometer Luftlinie vom Stadtzentrum Borkens entfernt. Das Abbaugebiet grenzte im Westen direkt an das zur PREAG gehörende Gebiet Weingrund. Nachdem sie die Grube Stolzenbach seit dem 1. Januar 1968 zunächst nur über mehr als sieben Jahre gepachtet hatte, erwarb die PREAG zum 31. Dezember 1975 schließlich die Abbaurechte für das gesamte Gebiet der Grube Stolzenbach.

Zwischen dem Abbaugebiet Weingrund, welches sich direkt südwestlich an das Stadtgebiet Borken anschloss, und dem Abbaugebiet Stolzenbach im Borkener Südosten liegt der Stolzenbacher Graben. Hierbei handelt es sich um eine bis zu 200 Meter mächtige geologische Verwerfung aus Sand und Ton mit starken Wasserläufen, die sich zwischen dem westlichen und östlichen Abbaugebiet erhebt. Vereinfacht gesagt wurde das ehemals einheitliche und durchgängige Braunkohleflöz im Borkener Kohlerevier durch Spannungen in der Erdoberfläche getrennt, so dass das westliche Gebiet Weingrund separiert von dem östlichen Gebiet Stolzenbach abgebaut werden musste.

Solche geologischen Details mögen zwar zunächst bedeutungslos erscheinen, für die Zurechnung der Verantwortung für das spätere Unglück kommt dieser Trennung eine wichtige Bedeutung zu. Für die Verantwortlichen der PREAG waren die Gruben Weingrund und Stolzenbach zwei verschiedene Lagestätten mit unterschiedlichen Betrieben. Geologisch jedoch handelte es sich aber um ein und dieselbe Braunkohle.

Unter der Leitung der PREAG hatte sich die Grube Stolzenbach im Laufe der Jahre zum flächenmäßig größten Tiefbau des Borkener Braunkohlereviers entwickelt. Ende der Siebzigerjahre war der Betrieb noch einmal ausgebaut und modernisiert worden.

Vom oberirdischen Zechenhof nahe dem Dorf Stolzenbach führten nun zwei schräg verlaufende Stollen unter Tage. Über den erst 1980 angelegten Materialschrägstollen wurden mit einer Schienen-Hängebahn, meist als Seilbahn bezeichnet, vorrangig Material und technische Geräte in die Grube transportiert. Durch den im Jahr 1962 gebauten Förderschrägstollen führte ein Förderband, welches die gewonnene Kohle nach oben trug und direkt in den oberirdischen Kohlebunker förderte.

Der bereits 1956 erschlossene Hauptschacht wurde jetzt nur noch zur Personenbeförderung benutzt. Die Bergleute gelangten über den Personenförderkorb, der ähnlich einem Fahrstuhl durch den senkrechten Förderschacht nach unten und oben fuhr, in den Tiefbau.

Im Bereich unterhalb des Zechenhofes, der durch die beiden Schrägstollen und den Förderschacht erschlossen wurde, trafen alle unterirdischen Gänge – in der Bergmannssprache als Strecken bezeichnet - zusammen. Dort befanden sich auch die Sprengstoffkammern, in denen unterirdisch Sprengstoff und Zünder gelagert wurden.

Unter Tage bestand der Tiefbau mittlerweile aus dem Nordfeld, dem Südfeld und dem jüngsten Bereich, dem Ostfeld.

Sämtliche Hauptverbindungswege unter Tage, die Hauptstrecken, trafen unterhalb der Tagesanlagen, also im Bereich des Hauptschachtes und der beiden Schrägstollen, zusammen.

Die erste lange Hauptstrecke führte in nordwestlicher Richtung durch das Nordfeld. Das Nordfeld war westlich und östlich seiner Hauptstrecke bereits völlig abgebaut; nur am Nordrand des Nordfeldes waren noch Teile des Kohleflözes zu fördern.

Zwei weitere Hauptstrecken verliefen im Abstand von etwa 30 Metern parallel nebeneinander in östlicher Richtung. Südlich dieser beiden Hauptstrecken lag das Südfeld, welches bis auf einen kleinen Rest bereits vollständig abgebaut war. Nördlich dieser beiden Hauptstrecken lag das Ostfeld, in dem es noch die größten, nicht abgebauten Braunkohlereserven gab. Die durch das Ost- und das Südfeld führenden beiden Hauptstrecken knickten am Ende noch nach Norden ab und erschlossen mit diesem Knick das Ostfeld weiter in nordöstlicher Richtung. Vom Ende des Streckennetzes im äußersten Ostfeld waren es etwa zweieinhalb Kilometer Entfernung bis zum Ausstieg über den Hauptschacht.

Neben dem Materialschrägstollen, dem Bandschrägstollen und dem Förderschacht könnte man noch über drei andere Wege in die Grube gelangen, nämlich den nördlichen, den südlichen und den Hauptwetterschacht. Alle drei Schächte waren wesentlich schmaler als der Hauptschacht und dienten eigentlich nur der Bewetterung, also der Versorgung der Grubenanlage mit Frischluft. Allerdings waren in den Wetterschächten jeweils Trittleitern eingebaut, so dass eine Person in die Grube herunter klettern konnte.

Der Hauptwetterschacht lag überirdisch direkt auf dem Gelände des Zechenhofes, nur unweit vom Förderschacht entfernt. An seinem Ende befand sich unter Tage ein großer Ventilator, die Hauptbewetterungsanlage.

Der südliche Wetterschacht lag etwa 100 Meter südöstlich des oberirdischen Zechenhofes, jenseits der kleinen Straße von Dillich nach Stolzenbach, und bewetterte die Strecken des Süd- und Ostfeldes.

Der nördliche Wetterschacht befand sich über einen Kilometer nördlich des Zechenhofes relativ unzugänglich im Wald und bewetterte das Nordfeld.

Der oberirdische Zechenhof lag direkt an der Straße und umfasste eine Reihe von Betriebsgebäuden. Er wurde dominiert von dem Materialschrägstollen und der Seilbahn, die aus dem Stollen heraus ragte, sowie dem nahe stehenden Kohlebunker, in welchen der Förderbandschrägstollen mündete, so dass die abgebaute Kohle über das Förderband direkt in den Kohlebunker getragen wurde. Südlich dieses Zentrums lagen die Bahnanlagen mit der Zechenbahn, die das Grubengelände mit dem Braunkohlekraftwerk verband, sowie der Holzplatz. Östlich des Zentrums befanden sich die Schachthalle mit dem Ausgang des Förderschachtes und die eigentlichen Betriebsgebäude, bestehend aus der Elektro- und der Metallwerkstatt sowie dem Hauptgebäude mit den Sozialräumen und dem Verwaltungstrakt.

Die Grube Weingrund war im Jahr 1980 restlos ausgebeutet und wurde geschlossen. Das Kohleflöz in Borken war nicht sonderlich mächtig, aber die Braunkohle war sehr energiereich. Das Kraftwerk benötigte beständig weitere Braunkohle. In Stolzenbach wurde die Kohle daher durch neue Abbaumethoden mit immer größerer Intensität abgebaut. Das Ostfeld wurde sehr zügig erschlossen.

Auch wenn in den Achtzigerjahren aus der Grube Stolzenbach und den Tagebauten noch genügend Kohle gefördert wurde: Es war unübersehbar, dass die Vorräte an Braunkohle in Borken langsam aber sicher zur Neige gingen. Zwar hätten neue Abbaustätten in unmittelbarer Nähe, so beispielsweise in Frielendorf, zur Verfügung gestanden. Der Aufschluss solcher Abbaustätten wurde von der PREAG aber als unwirtschaftlich abgelehnt.

Die Tage des Braunkohlereviers Borken waren gezählt. Die Schließung der Grube Stolzenbach war für das Jahr 1991 geplant. Kurz darauf, im März 1993, sollte auch das Braunkohlekraftwerk Borken den Betrieb einstellen.

Die wirtschaftliche Grundlage der Stadt Borken und seiner umliegenden Dörfer war dadurch in Frage gestellt. Was dies für die Zukunft der Stadt bedeutete, wurde in Borken umso verbissener diskutiert, je näher der berechnete Endtermin rückte. Die Antwort konnte in einer Deindustrialisierung und einer starke Schrumpfung bestehen, in der Ansiedlung anderer Industrien oder – ein Szenario, das die PREAG propagierte - im Bau eines neuen Kernkraftwerkes.

An vielen Orten, an denen man in den Achtzigerjahren Kernkraftwerke plante, organisierte sich die örtliche Bevölkerung in Bürgerinitiativen und lief gegen diese Pläne Sturm. Mit dem Reaktorunglück von Tschernobyl wurden diese Bürgerinitiativen zur Massenbewegung. Kernkraft schien politisch nicht mehr durchsetzbar.

In Borken schon. Dort glaubte man der Beteuerung der PREAG, das ein Kernkraftwerk erstens absolut sicher sei und zweitens für Borken die einzige Möglichkeit darstellte, die wirtschaftliche Prosperität zu erhalten. Zweifel äußerte die überwiegende Mehrheit in Borken - wenn überhaupt - nur im Stillen. Leute, die eine abweichende Meinung vertraten, wurden nicht selten boykottiert.

In Borken waren der Stolz auf den Braunkohlebergbau und das Vertrauen in die PREAG groß. Ein ehemaliger Lehrling der PREAG beschreibt seine damalige Einstellung vermutlich stellvertretend für viele der damaligen PREAG-Angehörigen:

„Das Glück zu haben, bei ‚Preags‘ eine Lehrstelle zu bekommen, war fast wie‘n 6er im Lotto. Noch heute erinnere ich mich gern an diese Zeit zurück. Zu einer besonderen Erfahrung wurde meine Zeit während und nach meiner Ausbildung im Tiefbau in Stolzenbach […]. Die Gefahr, die eine Tätigkeit unter Tage mit sich bringt, hat man selbst gar nicht gesehen, ja vielleicht sogar verdrängt. Auf jeden Fall war so etwas wie Mobbing im Tiefbau ein Fremdwort. Man half sich gegenseitig und bekam auch geholfen: Ohne wenn und aber!“

Der langjährige Bürgermeister Heinz Kniest trat im Sommer 1987 nicht mehr zur Wiederwahl an und mit seinem jungen Nachfolger Bernd Heßler, damals gerade einmal 37 Jahre alt, kamen neue Ideen in das Borkener Rathaus. Zum ersten Mal dachte man von offizieller Seite darüber nach, dass es in Borken vielleicht auch eine Zukunft ohne die Braunkohle, ohne ein Kernkraftwerk und ohne die PREAG geben könnte.

Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, wie schnell diese Zukunft anbrechen würde. Die PREAG plante den Betrieb des Braunkohlekraftwerkes bis März 1993. Die meiste der hierfür benötigten Braunkohle sollte im Tiefbau Stolzenbach gewonnen werden. Der Tiefbau in Stolzenbach war zu diesem Zeitpunkt zu einem großen Teil ausgebeutet. Die Grube sollte noch bis zum Jahr 1991 laufen; genügend Zeit, nach wirtschaftlichen Alternativen für Stadt und Bevölkerung zu suchen.

2. Katastrophe mit Ansage

Eine Kohlenstaubexplosion ist die im Kohlenbergbau gefürchtete explosive Reaktion von Kohlenstoff-Pulver mit Luftsauerstoff. Kohlenstaubexplosionen stellen die Ursache zahlreicher Grubenunglücke dar. Sie treten bevorzugt im Gefolge von Grubengasexplosionen, den sogenannten Schlagwetterexplosionen, auf. Sie können jedoch auch ohne vorangehende Zündung von Schlagenden Wettern auftreten, wenn anderweitig aufgewirbelte, fein verteilte Kohlepartikel durch Funken, erhitzte Geräteteile oder Ähnliches zur Reaktion mit Luftsauerstoff gebracht werden und dadurch in Brand geraten.

Man kann die Gefahr von trockener, feiner Kohle recht gut am Beispiel von Holz deutlich machen: Ein frisch gefällter Baumstamm brennt, selbst wenn man ihn in wenige Zentimeter dicke Scheiben schneidet, nur sehr schlecht. Das Holz ist schlichtweg zu feucht und muss zunächst einmal vom Zündfeuer getrocknet werden. Außerdem brennt dickes Holz viel schwerer als dünnes, weil das Verhältnis von zuströmenden und damit feuerförderndem Sauerstoff und der Masse des Holzes ungünstig ist. Daher stellt feuchte, in großen Stücken geförderte Kohle im Bergbau kein Problem dar, soweit nicht Feuer mit großer Hitze über einen längeren Zeitraum die Kohlestücke aufheizt.

So wie Holz brennt auch Kohle leichter, wenn sie kleinstückig ist und die Feuchtigkeit aus dem Holz bzw. der Kohle getrocknet ist. Ein dünner Holzspan brennt auch dann recht schnell, wenn er von einem frisch gefälltem Baum stammt; in getrocknetem Zustand ist ein Holzspan sogar ein idealer Feueranzünder und Brandbeschleuniger. Genauso wird die Brandgefahr auch im Bergbau umso größer, je trockener und kleiner die Kohlepartikel sind.

Wenn sich in der Luft feiner, trockener Kohlestaub befindet, dann kann es wegen eines besonderen Effektes zu extrem starken Explosionen kommen: Die einzelnen Kohlepartikel können durch einen kleinen Funken entzündet werden, wie er beispielsweise bei Zündung von Schlagenden Wettern oder einer Sprengstoffexplosion vorkommt. Der Funke entzündet zunächst einmal nur die wenigen Kohlenpartikel in unmittelbarer Nähe. Durch die Verbrennung dieser Staubpartikel dehnt sich die heiße gewordene Luft schlagartig aus und es kommt zu einer Verpuffung. Die Druckwelle der Verpuffung wirbelt weitere Kohlenstaubpartikel auf und die Zündflamme kann so von den hunderten brennenden Kohlestaubpartikeln auf weitere tausend in der unmittelbaren Umgebung übergreifen. Wenn auch diese Partikel dann plötzlich brennen, führt dies zu einer noch größeren Verpuffung. Diese größere Verpuffung wirbelt wieder den umliegenden trockenen Kohlestaub auf, das Feuer findet neue Nahrung und schließlich läuft eine Explosionswelle durch das gesamte Bergwerk.

Die Gefahr von Kohlenstaubexplosionen ist im Steinkohlebergbau viel höher als im Braunkohlebergbau. Zum einen ist Steinkohle in der Regel trockener als Braunkohle, zum anderen gibt es im Steinkohlebergbau öfters Methangas, durch das eine Schlagwetterexplosion ausgelöst werden kann, die dann wiederum zu einer Initialzündung für eine Kohlenstaubexplosion wird.

Im Steinkohlebergbau werden daher regelmäßig besondere Vorkehrungen getroffen, um die Gefahr für Kohlenstaubexplosionen entscheidend zu mindern. Dazu gehört unter anderem, dass ein sogenannter Wettersprengstoff verwendet wird, der für die Sprengung explosiven Gesteins geeignet ist. Die Verwendung eines Wettersprengstoffes ist aber nicht auf den Steinkohlebergbau beschränkt, sondern im Bergbau überall dort vorgeschrieben, wo eine besondere Explosionsgefahr unter Tage besteht.

Zur Sprengung in Bergwerken werden fast immer gelatinöse Sprengstoffe eingesetzt. Diese liegen hinsichtlich der „Brisanz“, wie in der Chemie das Zertrümmerungsvermögen eines Explosivstoffes bezeichnet wird, zwischen den brisanteren militärischen und den weniger brisanten pulverförmigen Sprengstoffen. Die üblichen gelatinösen Sprengstoffe werden zum Sprengen von Bauwerken und Bauwerksteilen sowie von Gesteinen eingesetzt. Ihr Vorteil liegt neben der mittleren Brisanz und der guten Anwendbarkeit auch darin, dass diese gelantinösen Sprengstoffe vergleichsweise preiswert herzustellen sind. Dies hält die Kosten für die Sprengung niedrig. Einer der Standardsprengstoffe in der Gruppe der gelatinösen Sprengstoffe ist Donarit 1.

Solche herkömmlichen Sprengstoffe wie Donarit sind allerdings für Sprengungen im Tiefbau ungeeignet, bei denen die Gefahr von Schlagwetter- oder Kohlenstaubexplosionen besteht. Zum Sprengen unter Tage werden die bereits erwähnten Wettersprengstoffe verwendet. Diese erzeugen bei der Detonation eine geringere Explosionswärme, wodurch das Entstehen von Schlagwetter- oder eben Kohlestaubexplosionen verhindert wird. Je geringer die Explosionswärme ist, umso geringer ist die Möglichkeit, dass durch die Explosion Wettergase oder Kohlenstäube entzündet werden und sich die Explosion auf diesem Weg unkontrollierbar auf die gesamte Grube ausweitet. Wettersprengstoffe sind meist ein Gemisch konventioneller gelantinöser Sprengstoffe, bei denen spezielle Salze zugesetzt werden. Durch diese Salze findet unmittelbar nach der eigentlichen Explosion eine Zweitreaktion statt, die den Feuerstoß der gezündeten Sprengladung örtlich und zeitlich reduziert. Damit wird die Explosionswärme deutlich verringert, sodass eine Zündung von Schlagwettern oder Kohlestäuben nicht mehr möglich ist.

So einfach dieses Prinzip ist, so komplex sind dann die Zusammenstellungen der speziellen Salze und die Feinabstimmung der chemischen Wirkung. Das hat zur Folge, dass Wettersprengstoffe in der Herstellung viel teurer sind als herkömmliche gelantinöse Sprengstoffe; dies erhöht entsprechend deutlich die Kosten für eine Sprengung mit einem Wettersprengstoff.

Ein Bergwerksbetreiber hat insofern ein wirtschaftliches Interesse, soweit es technisch und rechtlich möglich ist, nur herkömmliche gelantinöse Sprengstoffe statt Wettersprengstoffe zu verwenden.

In der Grube Stolzenbach wurden die Sprengungen mit Donarit 1 ausgeführt, wie erwähnt ein herkömmlicher gelatinöser Sprengstoff. Zwar war die Grube Stolzenbach kein Steinkohle- sondern ein Braunkohletiefbau, in welchem die Gefahr von Schlagenden Wettern und Kohlenstaubexplosionen üblicherweise viel geringer ist.

Diese Regel gilt aber natürlich nicht ohne Ausnahme. Es kann in einigen Fällen gegen die beschriebenen Wahrscheinlichkeiten selbstverständlich auch im Braunkohletiefbau zu Kohlenstaubexplosionen kommen. So wie am 3. Januar 1934 in der Tschechoslowakei. An diesem Tag wurde die Grube Nelson III bei Osek durch eine gewaltige Explosion zerstört. Von der gesamten Nachmittagsschicht überlebten nur zwei Personen. Die Rettungsmannschaften konnten sich anfangs kaum in der Grube fortbewegen, weil unter Tage eine extrem tödliche Konzentration von Kohlenmonoxid vorgefunden wurde. Insgesamt starben 144 Menschen. Eine Kommission der Regierung stellte später fest, dass es entgegen der damals mehr oder weniger allgemeingültigen Ansicht in dem Braunkohletiefbau zu einer Kohlenstaubexplosion gekommen war. Mit der Untersuchung setzte sich im Bergbau die Erkenntnis durch, dass der Staub eines jeden organischen Stoffes explosiv wird, wenn er in der Luft in ausreichender Konzentration aufgewirbelt und mit einer heißen Flamme initiiert wird.

Braunkohlestaubexplosionen waren unter anderem auch deshalb so selten, weil Braunkohle meistens im Tagebau abgebaut wird. Trotzdem bestand, dies hatte spätestens die Explosion der Grube Nelson bewiesen, immer eine zumindest abstrakte Gefahr von Kohlenstaubexplosionen.

In der niedersächsischen Braunkohlegrube Treue kam es am 4. März 1966 zu einer Kohlestaubverpuffung, welche zu einem Glimmbrand führte. Als Sprengstoff hatte man Donarit benutzt. Die Untersuchungen des zuständigen Bergamtes in Wolfenbüttel zeigten, dass der Wassergehalt der Braunkohle nicht wie angenommen bei fast 50 Prozent lag, sondern an Stellen, wo Kohlenstaub sich über längere Zeit ablagern konnte, auf weniger als 30 Prozent gesunken war. Mit diesem geringen Wassergehalt war der Staub explosionsgefährlich - so explosionsgefährlich, dass eine Sprengung mit Donarit aus Sicherheitsgründen nicht mehr erfolgen durfte.

Die Untersuchung alarmierte auch die zuständigen Behörden in Hessen, die eine Untersuchung auch für das Braunkohlerevier Borken anordneten. Die Verfügung datiert laut Gutachten vom 28. September 1966; Berichterstatter der zuständigen Bergbehörde war der „Bergrat Braun“.

Während die Bergbehörden ihre Untersuchungen zur Explosionsgefährlichkeit der unterirdisch geförderten Braunkohle einleiteten, ereignete sich in der Borkener Grube Weingrund ein Grubenbrand. Aus diesem Grund beauftragte die PREAG die Berggewerkschaftliche Versuchsstrecke in Dortmund mit der Untersuchung des Braunkohlestaubes dieser Grube. Das Ergebnis übertraf alle Befürchtungen. Die Probe hatte einen Wassergehalt von nur 21,4 Prozent. Das Gutachten vom 14. Juli 1967 schließt mit der folgenden Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse [Hervorhebungen kursiv]:

„Bei dem von der Preußischen Elektrizitäts-AG, Borken, vorgelegten Untertagesstaub des Braunkohletiefbaus Weingrund handelt es sich um einen explosionsgefährlichen, vergleichsweise sehr zündwilligen Braunkohlestaub.“

Unabhängig davon kam aber kurze Zeit später noch die Untersuchungsverfügung des Bergamtes Kassel zum Tragen, aufgrund welcher die Borkener Braunkohle anlässlich der Explosion in der Braunkohlegrube Treue zu untersuchen war.

Bei der Berggewerkschaftlichen Versuchsstrecke in Dortmund wurden deshalb im November 1967 drei weitere Proben von Braunkohlestäuben aus dem Borkener Revier eingereicht. Zwei stammten aus der Grube Weingrund der PREAG; die dritte Probe stammte aus der Gruben Stolzenbach, welche damals noch von der BUBIAG betrieben wurde. Zum 1. Januar 1968 wurde die Grube Stolzenbach von der PREAG gepachtet, die damit zum Betreiber wurde.

Nur kurz darauf, am 17. Januar 1968, trafen die Testergebnisse für die Staubproben ein. Bei annähernd gleichen Untersuchungsmethoden wurden hinsichtlich der Proben aus der Grube Weingrund die Ergebnisse bestätigt. Das Ergebnis für die Probe aus Stolzenbach fiel ebenfalls sehr ähnlich aus: Die Braunkohle hatte eine anfängliche Feuchte von nur 30,9 %; dies war ein weitaus geringerer Wert, als erwartet. Der Glimmpunkt, das heißt die Entzündungs- und damit die Explosionstemperatur für den abgelagerten und hierdurch getrockneten Braunkohlestaub aus der Grube Stolzenbach, lag mit 185 Grad Celsius fast ebenso niedrig wie bei dem Staub aus der Grube Weingrund.

Der damalige Gutachter für die drei im Januar 1968 begutachteten Proben wie auch der Verfasser des Gutachtens aus dem Juli 1967 war der Bergassessor Dieter Reeh.

Der Gutachter sagte im Jahr 2010 gegenüber dem Nachrichtenmagazin Der SPIEGEL, es hätte allen Beteiligten damals klar sein müssen, dass in der Nähe eines solchen Staubes nicht mit Donarit gesprengt werden durfte, sondern allenfalls mit sichererem Wettersprengstoff. Reehs Gutachten ging sowohl an den Betreiber als auch an das hessische Oberbergamt.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt mussten also alle Beteiligten wissen, dass von der Braunkohle im Tiefbau Stolzenbach eine erhöhte Gefahr ausging.

Die Behörde hielt im März 1969 ausdrücklich fest, durch diese Tests sei nun „erwiesen“, dass explosionsgefährliche Braunkohlenstäube „an begrenzten Betriebspunkten auch unter Tage vorkommen“.

Danach wurden im Braunkohlerevier Borken einige Regeln erlassen, um Bränden vorzubeugen. In den abgetrockneten Strecken, bei denen die Braunkohle Trocknungsvorgängen unterlief, wurden „erforderlichenfalls“ Salze aus Chlorkalzium-Schuppen gestreut, um Kohlestaub zu binden.

Das Chlorkalzium wurde also gestreut, um Bränden vorzubeugen. Die Braunkohlestäube waren aber nicht nur brandgefährlich sondern laut dem Behördengutachten auch „explosionsgefährlich“.

Wäre es da nicht durchaus konsequent gewesen, wenn man nicht nur die Brandgefahr durch Salzstreuung bekämpft hätte, sondern auch die Explosionsgefahr durch Maßnahmen wie Einsatz eines anderen Sprengstoffes, welcher weniger explosionsgefährlich war, verringert hätte? Wenn man gleichzeitig den Einbau von Explosionssperren angeordnet hätte, um die theoretisch möglichen Explosionen örtlich zu begrenzen?

In Anbetracht der Weisung, abgetrocknete Strecken mit Salzen abzustreuen, kann man nicht behaupten, dass die Bergwerksdirektion die Gefahren in der Grube Stolzenbach einfach abtat. Angesichts der Kenntnis zumindest theoretischer Risiken war es schlichtweg die bergrechtliche Pflicht der Bergwerksdirektion, die Gefahren so gut als möglich einzudämmen.

Fraglich ist nur, ob die Tätigkeit der Bergwerksdirektion in diesem Zusammenhang ausreichend war. Diesbezüglich ist ein Artikel aus dem Juni 1981 von besonderem Interesse. Er lautet „Braunkohletiefbaue der Preußischen Elektrizität-AG, Abt. Borken (Hessen), Stand und Entwicklung des Grubenzuschnitts“.

Der Autor geht sich in seinem Beitrag explizit auf die Grube Stolzenbach ein.

Diese Abhandlung ist aus verschiedenen Gründen von besonderer Bedeutung:

Zunächst handelt sich hier um einen Artikel für die wissenschaftliche Fachzeitschrift Bergbau. Der Verfasser hat also nicht für ein breites Publikum geschrieben und hierbei naturgemäß viele fachspezifischen Detaillierungen ausgelassen oder vereinfacht, er hat vielmehr bewusst für ein fachkundiges Publikum geschrieben und sich daher auf die wissenschaftliche Richtigkeit sämtlicher Aussagen konzentriert.

Insbesondere aber handelt es sich bei dem Verfasser um keinen geringeren als Herrn Dipl.-Ing. Klaus Friedrich, seinerzeit als Bergwerksdirektor der oberste Verantwortliche der Borkener Braunkohlebetriebe.

Wenn also der Bergwerksdirektor als oberster Verantwortlicher der PREAG Ausführungen über die Grube Stolzenbach in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift macht, so kann man unterstellen, dass diese Ausführungen die direkte, quasi dienstliche Ansicht der PREAG darstellen! In dem Artikel heißt es aufschlussreich [Hervorhebungen kursiv]:

„Die Kohle selbst ist von derber und stückiger bis klotziger Struktur mit muschelartigem Bruch. […] Der Wassergehalt der Stolzenbacher Kohle liegt bei 45%, der Aschegehalt bei 10%. […]

Bohr- und Sprengwesen

[…] Im Tiefbau Stolzenbach waren 1980 ausschließlich druckluftbetriebene Hand-Drehbormaschinen der Fa. Turmag, Type Fortschritt II, … im Einsatz. Als Sprengstoff wurde Donarit 1/28 Super verwandt; der spezifische Sprengstoffverbrauch lag bei 550 g/ t Rückzugkohle. […]

Grubensicherheit

Die methanfreie Borkener Braunkohle hat eine Zündertemperatur von etwa 420° Celsius. Hin und wieder kommt es zu Glimmbränden durch Fremdentzündung, z. B. infolge Reibung oder Wärmestau. In 1966 entstand im Tiefbau Weingrund vermutlich durch Erdschluss in einem 5-kV-Kabel ein offener Streckenbrand, wodurch der Grubenbetrieb 10 Monate gestundet werden mußte. […]

Bei der Gewinnung der Kohle fällt flugfähiger Kohlestaub nicht an, so dass vor Ort eine Staubbekämpfung nicht durchgeführt wird. In den abgetrockneten Strecken werden erforderlichenfalls Chlorkalzium-Schuppen gestreut. […]“

Dieser Artikel des Bergwerksdirektors Friedrich lässt drei wichtige Rückschlüsse über die offizielle Sichtweise der PREAG zu:

Erstens glaubte man, dass die Braunkohle mit einem Wassergehalt von 45% so feucht sei, dass flugfähiger Kohlestaub bei der Gewinnung nicht anfiel und somit eine Staubbekämpfung nicht durchgeführt werden musste.

Wie kam denn die PREAG hierauf? Im Gutachten zur Braunkohle der Grube Weingrund aus dem Jahr 1967 war doch festgestellt worden, dass die dortige Braunkohle mit einem Wassergehalt von teilweise nur 21,4 Prozent stellenweise außerordentlich trocken und damit explosionsgefährlich war. Die Staubprobe aus der Grube Stolzenbach hatte einen Wassergehalt von nur 30,9 Prozent. Bei solch einem Wassergehalt waren Sicherheitsmaßnahmen gegen die Entstehung von flugfähigem Kohlestaub dringend notwendig! Eine solche Sicherheitsmaßnahme wäre die beständige Vornahme von Messungen über das Luft-Staub-Gemisch unter Tage. Solche Staubmessungen, so sagte im Juni 1988 der PREAG-Vorstand Dr. Krämer, seien nur sporadisch vorgenommen worden – im Vertrauen auf einen Wassergehalt von 45 bis 50 Prozent.

Zweitens wird in dem Artikel deutlich, dass die Bergdirektion die Sicherheitslage in der Grube Weingrund in die Sicherheitsbetrachtung der Grube Stolzenbach mit einbezog. Sonst wäre die Erwähnung des Streckenbrandes im Jahre 1966 in der Grube Weingrund an dieser Stelle sinnlos gewesen.

Die Grube Weingrund war nur wenige Kilometer – in den Randgebieten teilweise nur einige hundert Meter - von der Grube Stolzenbach entfernt. Das Braunkohleflöz war geologisch identisch; nur wegen der Trennung durch den Stolzenbacher Graben wurde die Braunkohle in diesem Bereich in zwei verschiedenen Tiefbauen anstatt lediglich in einem gefördert. Wie wahrscheinlich war es, dass die Kohle auf der westlichen Seite im Weingrund weniger explosionsgefährlich war als die Braunkohle im östlichen Teil Stolzenbach, obwohl ja die Probe aus der Grube Stolzenbach eine ähnlich niedrige Feuchtigkeit der stückigen Kohle sowie des Staubes ergeben hatte?

Drittens lässt sich aus dem Artikel im Wege des Rückschlusses erkennen, dass die Bergwerksdirektion selbst (trotz des angenommenen hohen Wassergehaltes der Braunkohle) davon ausging, dass die Braunkohle nach Abbau austrocknen könnte und sodann die Gefahr von Kohlenstaubbildung