Liebe ist ... - Amelie Winter - E-Book

Liebe ist ... E-Book

Amelie Winter

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Beschreibung

Liebe ist ... ein Kuss unter tausend Luftballons Scarlet glaubt nicht an die Liebe. Ihr Job ist ihr wichtiger als eine dumme Romanze. Als ihr verhasster Stiefbruder Quinn nach über zehn Jahren wieder in ihr Leben tritt und zu einem beruflichen Konkurrenten wird, ist der Ärger vorprogrammiert. Quinn ist alles, was Scarlet nicht ist: clever, unbekümmert und dreist. Ungeniert flirtet er mit ihr, aber Scarlet denkt nicht daran, sich darauf einzulassen. Mit seinem Charme und seiner gelassenen Art kann er jeden für sich gewinnen — und treibt Scarlet zur Weißglut. Aber da Liebe und Hass dicht beieinanderliegen, fällt es Scarlet irgendwann schwer, ihre Gefühle für Quinn richtig zu deuten. Ist er am Ende gar nicht so verabscheuungswürdig, wie sie immer dachte? Kann er ihr vielleicht sogar zeigen, wie Glücklichsein funktioniert? Aber die wichtigste Frage von allen: Was ist Liebe? Und was heißt es, jemanden wirklich zu lieben?   Leserstimmen: "Wundervoll, einfach genial, wie man hier an die Zeilen gefesselt wird." "Eine wahrhaft atemberaubende, mega spannende und traumhaft schöne Geschichte!"   Bisher erschienen: Der Prinz von Manhattan - Küssen erwünscht! Selbst Amor schießt mal daneben Verlobt, verliebt, verpeilt Projekt Cinderella - Bloß nicht verlieben! An der Liebe führt kein Weg vorbei Heiratsschwindler küsst man nicht  

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Amelie Winter

Liebe ist ...

Romantische Komödie

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

1

Liebe ist ...

anstrengend

schwierig

nutzlos, hatte sich Scarlet in den letzten Wochen notiert.

Jetzt schrieb sie: dumm. Liebe ist ... dumm.

Dumm kam sie sich nämlich vor, da sie anderthalb Jahre ihres Lebens damit verschwendet hatte, mit Liam eine Beziehung zu führen. Der Liam, mit dem sie vorgestern Schluss gemacht und der gestern seine Sachen gepackt hatte. Scarlet war heute Morgen zum ersten Mal seit langem allein im Bett aufgewacht.

Mit grimmiger Miene schlug sie ihr Tagebuch zu und strich bedächtig über den blütenweißen Einband, auf dem in dicken schwarzen Lettern stand: Hier drin geht’s um mich.

Es ging sonst nämlich nie um Scarlet. Nie. Das Tagebuch stopfte sie zurück in die Schublade, wo sie es ständig griffbereit aufbewahrte. Sie schrieb häufig ihre Gedanken nieder, wenn sie verärgert war. Oder wenn sie glücklich war. Letzteres kam nicht allzu oft vor. Scarlet wusste nicht mehr, wie man glücklich war. Sie hatte es vor vielen Jahren verlernt.

Erschöpft legte sie den Kopf zurück, atmete tief ein und starrte stoisch an die Decke ihres winzigen Büros, das einen neuen Anstrich vertragen konnte. Ein Klopfen an der Tür ließ sie hochschrecken.

»Komm rein!«, rief sie. Sicher war es nur Cole, der im Zehn-Minuten-Takt bei ihr vorbeischaute. Er arbeitete seit einer Woche hier und Scarlet hatte die Aufgabe, ihn ins Immobiliengeschäft einzuführen.

Hanson Real Estate war nur ein kleines Unternehmen. Trotzdem gab es etliche Immobilienmakler, die sich auf der Suche nach einem Broker hier bewarben. Die Provision war niedrig, aber dafür nahm sich Scarlet Zeit, die Agenten zu unterweisen.

Cole stolperte vor lauter Aufregung über seine eigenen Füße. Er war jung, motiviert – und hatte sich in den Kopf gesetzt, reich zu werden, was schwierig werden würde, sollte er bei Hanson Real Estate langfristig arbeiten wollen. Sie vermittelten vorwiegend Apartments und kleine Familienhäuser, keine Gewerbeimmobilien.

»Was ist, Cole?«, sagte Scarlet und schnippte eine rote Locke aus dem Gesicht. Sie liebte und hasste ihr Haar gleichermaßen. Es reichte ihr bis zum Ellenbogen und zog in der Regel viel Aufmerksamkeit auf sich. Männer liebten ihr Haar.

»Ich habe einen Mieter gefunden«, verkündete Cole. Sein Anzug saß etwas zu eng, aber vielleicht war das Absicht. Somit konnte jeder sehen, wie durchtrainiert sein Körper war. Trug er Make-up? Nicht mal Scarlet hatte einen derart ebenmäßigen Teint und dabei war sie mit einer makellosen Haut gesegnet – wären da nicht die vielen Sommersprossen auf ihrer Nase und den Wangen.

»Einen Mieter? Für welches Apartment?«, fragte sie.

»Dieses hier!« Cole lächelte breit und offenbarte zwei perfekte Zahnreihen aus Keramik. Scarlet hielt nichts von Veneers. Zwar konnte ihr Lächeln nicht mit Coles mithalten, aber zumindest waren ihre Zähne echt. An Scarlet war alles echt. Auch ihre Brüste – die mindestens genauso auffällig waren wie ihr Haar.

Hübsch zu sein, brachte nur Ärger. Und Scarlet war hübsch. Das fanden jedenfalls die Männer, die ihr stets das Gefühl gegeben hatten, sie sei wegen ihres guten Aussehens begehrenswert – und nicht wegen ihres Charakters oder Intellekts. Auch Liam war da keine Ausnahme gewesen.

Cole reichte ihr enthusiastisch zwei zusammengeheftete Blatt Papier. Es handelte sich um das Exposé eines Apartments in Harlem: zwei Schlafzimmer, zwei Bäder, viertausend Dollar Monatsmiete.

»Dann kümmere dich um die Verträge. Gut gemacht!«, lobte sie ihn. Cole war nur drei Jahre jünger als sie, aber Scarlet kam sich oft erstaunlich alt vor. Seit einer gefühlten Ewigkeit arbeitete sie als Immobilienmaklerin für Hanson Real Estate. Das Unternehmen gehörte ihrem Vater und Scarlet hatte vor, irgendwann in seine Fußstapfen zu treten.

Eine Haarlocke fiel ihr erneut in die Stirn, die sie genervt aus ihrem Sichtfeld pustete. Die lange rote Mähne war das Einzige, das Scarlet von ihrer Mutter hatte – deswegen schnitt sie sich die Locken nicht kürzer. Die braunen Augen und die breite Nase hatte sie hingegen von ihrem Vater, genau wie die ausgeprägten Fältchen, die sich auf ihrer Stirn, zwischen ihren Augenbrauen, gebildet hatten und nicht mehr verschwinden wollten. Guck nicht so grimmig, hatte ihre Mutter stets gesagt. Hätte Scarlet bloß auf sie gehört! Das hatte sie nun davon.

Cole sammelte die Papierseiten wieder ein und machte sich auf den Weg. Kurz bevor er die Tür erreichte, drehte er sich noch mal zu ihr um.

»Oh, das hätte ich fast vergessen! Mr. Hanson will dich sprechen.«

»Mr. Hanson?« Scarlet lächelte schief.

»Ich meine, dein Vater will dich sprechen.«

»Weswegen?«

»Das hat er mir nicht gesagt.«

Scarlet seufzte tief. »Ist gut, danke.«

Sie nahm den Telefonhörer ab und drückte auf die Kurzwahltaste, während sie Cole ein »Schließ die Tür!« zurief. In seiner Aufregung vergaß er das immer.

Geduldig wartete Scarlet, bis ihr Vater dranging. Sie hatte sich seit jeher lieber am Telefon mit ihm unterhalten. Dann konnte er nicht sehen, was für ein hässliches Gesicht sie zog, weil sie mit ihm sprechen musste.

»Scarlet, mein Büro ist nur zehn Schritte von deinem entfernt«, brummte er schlecht gelaunt ins Telefon.

»Ich hab zu tun, Dad«, erwiderte sie mürrisch.

»Wenn das so ist, dann will ich dich keinesfalls lange aufhalten.« Der grimmige Unterton war deutlich zu vernehmen. »Unser Team wird sich vergrößern: Quinn wird ab heute dazugehören.«

»Ein neuer Agent?« Scarlet war überrascht. Normalerweise bezog ihr Vater sie in solche Entscheidungen mit ein.

»Er kann uns nützlich sein«, sagte er knapp.

»Quinn …«, murmelte Scarlet. Handelte es sich um einen Mann oder eine Frau?

»Du erinnerst dich nicht mehr an Quinn?«

Scarlet runzelte die Stirn, hörte aber sofort damit auf. Die Sorgenfalten würden sich nur noch verstärken. Sie strich mit dem Finger über die Stelle oberhalb ihrer Nase, im lächerlichen Versuch, die Haut zu glätten.

Quinn ...

Scarlet verfügte über ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Eines der wenigen Dinge, die ihr Vater an ihr zu schätzen schien. Sie konnte sich Namen und Gesichter problemlos merken. Während ihr Vater am Telefon eisern schwieg, zermarterte sie sich das Hirn.

»Ich weiß nicht, von wem du sprichst«, sagte sie schließlich. Scarlet kannte nur einen einzigen Menschen mit diesem Namen – aber den konnte ihr Vater doch nicht meinen!

»Also wirklich, Scarlet  ...«, erwiderte er. Dieser Ton war ihr vertraut. Also wirklich, Scarlet – das sagte ihr Vater immer, wenn sie sich in seinen Augen unmöglich benahm. Früher hatte er das ständig gesagt, wenn sie ... wenn sie mit Quinn gestritten hatte. Eigentlich hatte nur Scarlet gestritten. Quinn hatte nie viel gesagt. Er hatte immer so getan, als würde ihn das alles nichts angehen.

»Du nimmst mich auf den Arm ...!« Scarlet schnaubte verächtlich. »Quinn soll hier arbeiten? Der Quinn? Warum ...? Ich meine, wie ...?«

War ihr Vater völlig verrückt geworden? Er wusste doch, dass Scarlet Quinn nicht leiden konnte. Jeder wusste das!

»Er kann uns mit seiner Expertise sicher nützlich sein.«

»Welche Expertise?!«, blaffte Scarlet ins Telefon. Quinn war immer ein Taugenichts gewesen.

»Ich wollte dir nur Bescheid sagen, Scarlet. Er wird heute Nachmittag ankommen und ich will, dass du dich um ihn kümmerst. Du hast heute doch einen Termin mit Mrs. McElroy. Quinn wird dich begleiten.«

»Und das sagst du mir erst jetzt?!« Sie schaute auf die Zeitangabe am unteren rechten Rand des Computerbildschirms. Es war zwei Uhr nachmittags. In einer halben Stunde hatte sie sich nach Brooklyn aufmachen wollen.

»Wann hat er eine Lizenz zum Immobilienmakler erworben?«, hakte Scarlet unwirsch nach. »Hat er nicht aufs College gehen und irgendwas Geisteswissenschaftliches studieren wollen? Ich dachte, er sei Philosoph oder so was. Warum unterrichtet er nicht ... oder schreibt Bücher oder tut das, was Philosophen eben so tun! Er hat doch keine Ahnung vom Immobiliengeschäft!«

»Ich muss jetzt los, Scarlet. Wir hören uns später«, entgegnete ihr Vater und legte auf. Scarlet hielt den Hörer noch lange ans Ohr und lauschte dem monotonen Tut, tut, tut. Ihr Vater machte sich aus dem Staub, um nicht zwischen die Fronten zu geraten!

»Ich bin doch nicht sein Babysitter«, murmelte Scarlet verärgert. Kümmere du dich um ihn! Zeig ihm alles! Das war doch genauso wie vor fünfzehn Jahren. Sorg dafür, dass er sich in dieser Familie wohlfühlt. Übernimm du das, Scarlet! Diesen Gefallen hatte sie ihrem Vater schon damals nicht getan.

Wahrscheinlich hatte Quinn gar keine Lizenz zum Immobilienmakler. Scarlet hatte immer gewusst, dass aus dem Idioten nichts werden würde. Mit achtzehn hatte er seine Koffer gepackt und war einfach abgehauen. Weil er auf eigenen Beinen stehen wollte, hatte er behauptet. Quinn hatte ständig die Schule geschwänzt – und trotzdem hatte er gute Noten geschrieben. Das hatte Scarlet am meisten verärgert: Dass er klug gewesen war. Sogar sehr klug. Wahrscheinlich klüger als sie.

Scarlet war nicht außergewöhnlich begabt, aber sie war fleißig. Das hatten schon ihre Lehrer immer über sie gesagt. Fleißig ... Das hieß so viel wie: unbegabt, aber sie arbeitet hart. Scarlet war es gewohnt, hart zu arbeiten. Nur so konnte sie erfolgreich sein. Jemand wie Quinn verstand das mit Sicherheit nicht. Ihm war schon immer alles in den Schoß gefallen.

Wie er heute wohl aussah? Mit den rebellisch gestylten, platinblond gefärbten Haaren und den vielen Piercings in den Ohren hatte er unzählige Mädchenherzen zum Schmelzen gebracht. Dein Stiefbruder ist echt cool!, hatte sich Scarlet immerzu anhören müssen. Glaubst du, er steht auf mich? Ständig hatte er eine neue Freundin gehabt, mit der er schamlos herumgeknutscht hatte. Scarlet hatte ihn öfter dabei erwischt. Er war nie besonders wählerisch gewesen. Dick, dünn, groß, klein, blond, brünett – Quinn hatte nichts ausgelassen. Es war ihm nur ums Spaßhaben gegangen. Aber ob Spaßhaben glücklich machte? Besonders glücklich hatte Quinn nämlich nie ausgesehen. Sein dämliches Grinsen war ihr nicht echt erschienen.

Sei nicht immer so verbissen, Scarlet, hatte er zu ihr gesagt. Geh mal aus dir raus! Er hatte sie ständig aufgezogen, indem er so getan hatte, als würde er mit ihr flirten. Als ob Scarlet sich je auf ihn eingelassen hätte!

War endlich ein Mann aus ihm geworden? Scarlet gab es nicht gerne zu, aber er hatte ein hübsches Gesicht gehabt. Große braungrüne Augen und lange schwarze Wimpern. Dazu das freche Lächeln ... Er war hübscher gewesen als manche Mädchen. Mittlerweile war ihm hoffentlich ein Bart gewachsen!

Scarlet kaute nervös an ihren Fingernägeln – das tat sie sonst nie. Ihr Herz raste! Würde er tatsächlich kommen? Sie war nicht darauf vorbereitet, ihrem Stiefbruder plötzlich wieder gegenüberzutreten. Was sollte sie zu ihm sagen? Sie hatte sich nicht mal von ihm verabschiedet, als er damals seine Koffer gepackt hatte. Seitdem hatte sie ihn vielleicht drei- oder viermal gesehen. Das letzte Mal am fünfzigsten Geburtstag ihrer Stiefmutter Rachel. Scarlet hatte nur kurz »Hallo« gesagt, ihr Geschenk abgegeben und war dann verschwunden. Sie hatte einem Interessenten ein Haus zeigen müssen. Es war nur ein Vorwand gewesen, um den Familienfeierlichkeiten schnellstmöglich zu entfliehen.

Und wenn er den Job besser machte als sie? Scarlet hatte einen Master-Abschluss einer renommierten Universität. Sie hatte immer dieses Unternehmen übernehmen wollen. Ihr ganzes Leben drehte sich ums Immobiliengeschäft. Sie kannte sich aus. Aber in diesem Job ging es um weit mehr als um Wissen und Kompetenz.

Quinn war immer gut darin gewesen, andere für sich zu gewinnen. Er war charmant und umgänglich. Er verstand es wie kein anderer, sich durchs Leben zu mogeln. Das hatte er sicherlich von seiner Mutter, die es geschafft hatte, Scarlets Vater um den Finger zu wickeln.

Und wenn er doch eine Lizenz zum Immobilienmakler erworben hatte? Dafür war nicht mehr nötig, als einen Kurs zu besuchen und zwei Prüfungen abzulegen. Wahrscheinlich hatte er die Zulassung in wenigen Wochen in der Tasche gehabt.

Seufzend stand Scarlet auf und nahm den Mantel vom Kleiderständer. Vor zwei Jahren hatten sie renoviert. Ihrem Vater gefiel die neue Einrichtung nicht. Zu dunkel, hatte er gesagt, und zu glatt. Scarlet mochte es modern, schlicht, geordnet und sauber. Das war in ihrem Büro so – und in ihrem Leben. Chaos konnte sie nicht ausstehen. Und der Name Quinn stand für Chaos. Er hatte damals Chaos in ihr Leben gebracht, und Scarlet wurde das Gefühl nicht los, er würde es jetzt wieder tun.

 

2

Quinn stand mit einem Laptop-Rucksack vor Hanson Real Estate.

Er war schon lange nicht mehr in Manhattan gewesen. Vor ziemlich genau zwölf Jahren hatte er dieser Stadt und seiner neuen – und alten – Familie den Rücken gekehrt. Und jetzt war er wieder da, wobei er das Gefühl nicht loswurde, dass es eine schlechte Idee war, sich hier aufzuhalten.

Sein Stiefvater Jon hatte ihn um Hilfe gebeten. Aber vielleicht hätte er diesen Job lieber nicht annehmen sollen. Gleich würde er mit Scarlet reden, vorausgesetzt, sie ignorierte ihn nicht wieder, wie sie es in den drei Jahren, die sie unter demselben Dach gelebt hatten, ständig getan hatte. Sie war großartig darin, andere Leute wie Luft zu behandeln. Ihr hübsches, etwas zu breit geratenes Näschen in die Höhe gestreckt, war sie ständig an ihm vorbeimarschiert, als würde sie ihn nicht bemerken. Scarlet sah immer nur das, was sie sehen wollte. Sie sprach nur mit den Menschen, mit denen sie sprechen wollte. Die rothaarige Königin war immer sehr eigenwillig gewesen.

Ohne länger zu zögern, drückte er die Glastür auf und ging in den zweiten Stock, wo sich laut den Schildern im Eingangsbereich die Büros von Hanson Real Estate befanden. Die Treppenfliesen waren blitzblank, das Aluminiumgeländer sah neu aus. War hier kürzlich renoviert worden? Dieses Gebäude hatte er anders in Erinnerung.

Die Tür zu den Büros stand offen. Quinn steckte neugierig seinen Kopf hinein und sah sich um. Er entdeckte bequeme Ledersessel und eine moderne Empfangstheke, die nicht besetzt war. Die Einrichtung war elegant, wenn auch etwas trist. Alles war in Schwarz, Grau und Weiß gehalten. Ein junger Mann marschierte von einer Tür zur nächsten, wobei er den Blick auf die Unterlagen in seiner Hand richtete und Quinn gar nicht bemerkte.

Niemand schien ihn zu erwarten. Quinn las die Zeit von seinem Handy ab. Es war genau halb drei. Er war pünktlich.

Sollte er Jon anrufen?

Er suchte bereits nach der Nummer, als sich eine der Türen öffnete und eine rothaarige Frau energisch auf ihn zukam – ohne aufzusehen. Mit flinken Fingern band sie den Gürtel ihres Trenchcoats zu einem Knoten. Die Gabardine spannte sich über ihrem üppigen Busen. Das lockige Haar war noch länger, als er es in Erinnerung hatte. Es reichte ihr mindestens bis zum Ellenbogen – dazu der Schmollmund, die großen wachen Augen und die unzähligen Sommersprossen, die sich wie Puderzucker auf ihren Wangen und der Nase verteilten.

Quinn stand der Mund offen, aber er schloss ihn sofort, als er sich dessen bewusst wurde. Gleich würde sie aufschauen und ihn bemerken – oder ihn anrempeln. Eins von beidem.

»Scarlet ...«, flüsterte er, als sie endlich aufschaute. Jeder Junge war damals scharf auf sie gewesen. Jeder. Seine Freunde hatten ihn beneidet, weil er mit Jessica Rabbit unter einem Dach gewohnt hatte: der Rothaarigen mit den riesigen Titten. Aber keiner hatte eine Chance bei ihr gehabt oder gar ahnen können, wie heiß sie später mal aussehen würde. Aus dem Mädchen war eine Frau geworden. Und was für eine Frau! Heute wie damals zog sie Aufmerksamkeit auf sich.

Sie schaute grimmig, wobei sich zwei tiefe Falten zwischen ihren Augen bildeten. Neugierig scannte sie ihn von Kopf bis Fuß. Er hatte keine Ahnung, was in ihrem hübschen Kopf vor sich ging. Ihr hässlicher Gesichtsausdruck ließ jedoch vermuten, dass sie über sein Erscheinen nicht glücklich war.

»Lange nicht gesehen, Schwesterherz«, versuchte er es erneut und grinste frech.

»Wir sind keine Geschwister. Mein Vater hat deine Mutter geheiratet. Das ist alles.« Sie quetschte sich an ihm vorbei und ging zum Ausgang.

»Ich habe mir eine freundlichere Begrüßung erhofft!«, rief er und eilte ihr hinterher. Eigentlich hatte er mit genau einer solchen Begrüßung gerechnet! Sie hatte ihn immer gehasst. Von Anfang an. Er hatte aber nie verstanden, warum. Seine bloße Existenz war Grund genug gewesen, ihm die Pest an den Hals zu wünschen.

»Wo ist eigentlich Jon? Ich dachte, ich würde mich mit ihm unterhalten können.«

Sie hastete die Treppe hinunter und tat so, als wäre er unsichtbar.

»Wo willst du hin?«, fragte er.

»Ich muss mir ein Haus ansehen«, erwiderte sie.

»Das in Brooklyn? Deswegen bin ich hier. Jon meinte, ich soll dir bei diesem Job helfen.«

Abrupt blieb sie stehen, drehte sich um und sah zu ihm hoch. Sie war kaum kleiner als er, aber da sie eine Stufe unter ihm stand, musste sie ihren Kopf in den Nacken legen. »Ich brauche keine Hilfe«, presste sie zwischen den Lippen hervor. »Von dir schon gar nicht!«

Quinn lächelte schief und folgte ihr schweigend die Treppe hinunter, bis sie draußen auf der Straße standen. Dicke graue Wolken brauten sich am Himmel über Manhattan zusammen. Das schlechte Wetter passte hervorragend zu Scarlets Laune – als hätte sie höchstpersönlich die Gewitterwolken heraufbeschworen! Sicher würde es bald in Strömen gießen. Quinn liebte den Regen, Scarlet hasste ihn. Sie hasste vieles. Die Sonne auch, wegen ihrer empfindlichen Haut.

»Du hast dich nicht verändert«, stellte er fest.

Sie ging auf einen Chrysler zu, der am Straßenrand parkte, öffnete schwungvoll die Autotür und drehte sich zu ihm um, bevor sie einstieg.

»Aber du hast dich verändert. Neue Haarfarbe?«, meinte sie unwirsch und schielte auf seinen honigbraunen Schopf. Kurz stutzte er, bis ihm einfiel, dass er sich das Haar früher platinblond gefärbt hatte.

»Und was ist mit dir? Neue Brüste?« Er richtete seinen Blick auf die Stelle, wo sich der Mantel besonders spannte. Die Knöpfe leisteten gute Arbeit. Er hätte schwören können, ihre Brust war seit damals noch gewachsen. Sie schaute böse und stieg ins Auto. Quinn ging zufrieden zur Beifahrertür und setzte sich neben Scarlet. Zu seiner großen Überraschung protestierte sie nicht. Das hatte sie nie. Die Königin ließ sich vom Fußvolk nicht verunsichern. In der Familie Hanson hatte sich schon immer alles um Scarlet gedreht, und gleichzeitig hatte er das Gefühl gehabt, sie würde glauben, dass ihr niemand die Aufmerksamkeit schenkte, die ihr zustand.

»Schnall dich an«, befahl sie und startete den Motor. Er gehorchte dem Befehl der Königin und zog am Gurt. Sie manövrierte den Wagen geschickt auf die Straße und trat aufs Gaspedal.

»Ich wusste nicht, dass du dich fürs Immobiliengeschäft interessierst«, sagte sie kühl, nachdem sie sich minutenlang angeschwiegen hatten. Quinn zog verwundert die Augenbrauen hoch. Warum dachte sie, er würde sich fürs Immobiliengeschäft interessieren? Quinn war als Mediator tätig, er war Konfliktcoach. In Philly hatte er ein eigenes Büro. Jon hatte ihn gebeten, Scarlet bei diesem Job zu unterstützen, weil er offensichtlich glaubte, Quinns Fähigkeiten wären hilfreich. Wusste Scarlet etwa nichts davon? Wenn Jon ihr die Wahrheit verheimlicht hatte, dann musste es einen guten Grund dafür geben.

»Wenn du glaubst, der Verkauf von Immobilien bedeutet schnelles Geld, dann irrst du dich«, klärte sie ihn auf. »Harte Arbeit ist nötig. Viele schaffen es nicht, in dieser Branche zu überleben.«

»Ich werde es mir merken.«

Sich mit ihr zu unterhalten war seltsam. Es fühlte sich an, als wäre er in der Zeit zurückgereist – und gleichzeitig war ihm bewusst, dass die Frau, die gerade hinterm Steuer saß und gefährlich schnell die 1st Avenue entlangbretterte, nicht mehr das Mädchen war, das er mal gekannt hatte.

Früher war sie einfach zu durchschauen und deswegen erstaunlich unkompliziert gewesen. Er hatte sich nie Gedanken darüber machen müssen, was sie von ihm hielt. Weil sie keinen Hehl daraus gemacht hatte, dass sie ihn nicht leiden konnte – ganz egal, was er getan hatte.

Kurz nahm sie den Blick von der Straße und schaute ihn missbilligend an. Was hatte er jetzt wieder verbrochen? Dass er neben ihr saß und zu atmen wagte, schien bereits eine Straftat zu sein.

»Ich dachte, du wohnst in Philadelphia?«, sagte sie.

»Tue ich auch. Noch.«

Sie schwieg. Er würde später wieder zurück nach Philly fahren müssen. Die Fahrt dauerte mindestens zwei Stunden.

»Also ... was wissen wir über Mrs. McElroy?«, begann er versöhnlich.

»Was hat dir mein Vater erzählt?«

»Nicht viel.«

Er wusste nur, dass die Frau seit über fünfzig Jahren in dem Haus lebte und es nicht verlassen wollte. Jon hatte ihm aufgetragen, sie zu überreden, das Haus zu verkaufen – aber so etwas gehörte bestimmt nicht zum Job eines Mediators.

»Die Frau will ihr Haus verkaufen. Mehr weiß ich nicht. Mein Vater hat sich mit ihr am Telefon unterhalten.«

Quinn stutzte. Die Informationen stimmten nicht überein. Wenn die Frau wirklich ihr Haus verkaufen wollte, dann wäre er jetzt nicht hier. Wenn Scarlet erfuhr, dass er mehr über diesen Job wusste als sie, würde sie sich ärgern. Sie hatte ohnehin immer geglaubt, benachteiligt zu werden, obwohl jeder in der Familie nur auf ihr Wohl geachtet hatte.

Seufzend machte er es sich auf dem Beifahrersitz bequem und gähnte ungeniert. Dabei entging ihm nicht, wie Scarlet immer mal wieder einen Blick auf ihn warf. Hatte er etwas im Gesicht?

»Hast du einen Freund?«, fragte er geradeheraus.

Sie schnappte aufgeregt nach Luft, bevor sie mit ruhiger Stimme antwortete: »Willst du mich etwa anmachen?«

»Würde mir doch nie einfallen!« Er grinste überlegen.

»Warum fragst du dann?«

»Ich bin nur neugierig. Ist sicher ein totaler Langweiliger, nicht wahr?«

Scarlet krallte sich am Lenkrad fest, sodass ihre Fingerknöchel deutlich hervortraten. Quinn lachte leise. Es machte ihm Spaß, sie zu ärgern. Egal, was er sagte oder tat: Sie schien stets von ihm genervt. Das war schon damals so gewesen und offenbar hatte sich nichts daran geändert.

»Ich bin Single«, gab sie zu. »Seit gestern, nein, vorgestern.«

»Oh. Und warum hat’s nicht geklappt?«

»Was ist mit dir? Hast du eine Freundin?«, meinte sie seufzend und klang so, als würde sie sich für die Antwort gar nicht interessieren. Vermutlich wollte sie nur das Thema wechseln, um nicht über ihre gescheiterte Beziehung sprechen zu müssen.

»Ich bin auch Single. Trifft sich doch gut, oder?« Er leckte sich über die Lippen und Scarlet schaute entrüstet zu ihm hin.

»Was meinst du denn damit?«

»Wir könnten es ja mal miteinander versuchen.« Quinn zuckte mit den Schultern. Ernst meinte er es nicht! Scarlet zu triezen, war ihm immer leichtgefallen. Mit ihr zu flirten und ständig abgewiesen zu werden, war ein Spiel, das ihre Beziehung definiert hatte. Aber weder Jon, Rachel noch Ava, Scarlets jüngere Schwester, hatten je etwas davon mitgekriegt.

»Wir sind Geschwister«, murrte sie.

»Dein Vater hat meine Mutter geheiratet. Das ist alles. Hast du selbst gesagt!«

Sie hatten drei Jahre lang unter demselben Dach gewohnt, wobei sie stets bemüht gewesen war, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen. Sie hatten in diesen drei Jahren dieselbe Schule besucht, waren sogar in derselben Klasse gesessen, und sie hatte ständig so getan, als würde sie ihn nicht kennen. Und jetzt plötzlich waren sie Geschwister?

Scarlet richtete den Blick stur auf die Straße. Sie überquerten die Brooklyn Bridge und Quinn beugte sich etwas nach vorne, um durch die Windschutzscheibe nach oben auf die Stahlträger sehen zu können. Gleich würden sie unter einem der Türme durchfahren. Jetzt regnete es. Klitzekleine Regentropfen prasselten aufs Glas und Scarlet aktivierte die Scheibenwischer. Entspannt lehnte er sich wieder zurück.

»Ich meine es ernst«, flötete er gut gelaunt. »Wenn du dich mal einsam fühlst, kannst du jederzeit an meine Tür klopfen.«

»Als würde ich deinetwegen bis nach Philly fahren«, spottete sie.

»Ich habe vor, mir in Manhattan ein Apartment zu suchen.« Er spielte tatsächlich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken umzuziehen. Vielleicht war Manhattan die richtige Wahl? In Philly hielt ihn nichts mehr.

»Kannst du bitte mit diesem Unsinn aufhören?«, fauchte sie. Heute wie damals verstand Scarlet keinen Spaß.

Quinn betrachtete sie eindringlich von der Seite und sagte nichts mehr. Er scannte ihr hübsches Gesicht, die schlanken Finger, die sich am Lenkrad festkrallten, und das lange rote Haar, das bis über ihre Brust reichte und seidig glänzte.

Hätte Scarlet jemals mit ihm ausgehen wollen – er hätte bestimmt nicht Nein gesagt. Mit Sicherheit gab es keinen einzigen Mann auf dieser Welt, der zu Scarlet Nein sagen würde.

»Sind wir nicht bald da?«, fragte er und sah sich um. Sie waren bereits eine halbe Stunde mit dem Auto unterwegs. Scarlet bog nach rechts ab und fuhr eine schmale Straße entlang. Sie passierten ein eingezäuntes Grundstück, auf welchem etliche Baucontainer standen. Auf der anderen Straßenseite befanden sich moderne Wohngebäude und gleich daneben, eingepfercht zwischen zwei mehrstöckigen Gebäuden, ein kleines viktorianisches Häuschen.

»Das ist es«, sagte Scarlet und parkte rücksichtslos auf dem Bürgersteig. Sie stiegen aus. Es hatte aufgehört zu regnen. Die Luft war klar, weswegen sie das schäbige Häuschen in seiner ganzen Pracht bestaunen konnten. Nur der weiß lackierte Gartenzaun schien neu.

Scarlet sah sich neugierig um. Sie warf einen Blick auf die Nachbarschaft, bevor sie das Haus in Augenschein nahm.

»Die Adresse stimmt«, sagte sie matt und schaute auf einen der Pfosten, der das Dach der Veranda stützte. Dort war die Hausnummer in brauner Farbe aufgemalt. Scarlet ging voraus, öffnete das Gartentor und peilte zielsicher die Eingangstür an. Quinn folgte ihr auf dem Fuß und besah sich den ungepflegten Rasen. Hinter den Fenstern hingen von der Sonne vergilbte, altmodische Vorhänge.

Zögerlich drückte Scarlet auf die Klingel. Niemand machte auf.

»Ist wohl keiner zu Hause«, sagte Quinn gedankenverloren, woraufhin Scarlet ihm einen Blick zuwarf, der sein Leben um mindestens fünf Jahre verkürzte.

»Denkst du etwa, wir sind umsonst hierhergefahren?«, brummte sie.

3

Ein weiteres Mal betätigte Scarlet die Klingel. Quinn stand gleich neben ihr und sie spähte zu ihm hin. Sie hatte ihn nicht so groß in Erinnerung gehabt. Eigentlich hatte sie geglaubt, ihn zu überragen, da sie Pumps trug. Zwar war er etwas größer als damals, aber noch genauso schlank. Früher hatte er immer aufgerissene Jeans getragen. Heute hatte er Kleidung ohne Löcher – zum Glück! Scarlet wollte sich nicht seinetwegen blamieren. Dennoch wünschte sie sich, er hätte sich besser angezogen. Mit der dunkelgrauen Sweatjacke erweckte er den Eindruck, er würde mit ein paar Kumpels auf ein Bier gehen wollen – und nicht ein Haus verkaufen. Scarlet kam nicht umhin, ihn mit Cole zu vergleichen, der viel Zeit und Geld in sein Aussehen investierte, und dennoch sah Quinn um Längen besser aus. Sogar mit dieser albernen Sweatjacke! Das Leben war unfair.

Die Ohrpiercings trug er immer noch. Drei Ringe baumelten allein an seinem linken Ohr. Am rechten hing ein Kreuz. Die dunklen Wimpern erweckten den Eindruck, dass seine Augen geschminkt waren, und die honigbraunen Haare passten wunderbar zu seinem Hautton und den grünen Augen. Die femininen Gesichtszüge waren härter geworden, männlicher, auch wenn sein Kinn immer noch glatt und haarlos war. Scarlet versuchte vergeblich, einen Bartschatten auszumachen.

»Was ist?«, fragte er plötzlich, da ihm aufgefallen war, dass sie ihn anstarrte.

»Nichts«, erwiderte sie knapp.

Er hatte die Hände lässig in die Taschen seiner Sweatjacke gesteckt. An den Handgelenken trug er Armbänder aus Silber und geflochtenem schwarzem Leder. Er trug mehr Schmuck als sie. Ob er tätowiert war? Er hatte sich damals unbedingt ein Tattoo stechen lassen wollen, aber Rachel war dagegen gewesen.

Scarlet drückte zum gefühlten tausendsten Mal auf die Klingel. Ihr Vater hatte den Termin mit Mrs. McElroy vereinbart. Normalerweise übernahm Scarlet nicht seinen Job. Es war schon lange nicht mehr vorgekommen, dass er Arbeit an sie delegiert hatte. Und dann hatte er ihr auch noch Quinn zugeteilt! Sie hatte nicht mal die Telefonnummer von Mrs. McElroy. Ihr Vater hatte ihr nur die Adresse gegeben und ihr die Zeit genannt, wann sie sich mit der Frau treffen sollte. So unprofessionell ging Scarlet sonst nicht vor. Aber es gab für alles ein erstes Mal.

Seufzend drehte sie sich um und wollte zurück zum Auto gehen, als sich die Tür wie von Geisterhand öffnete.

Eine alte Dame stand vor ihnen. Groß, schlank, elegant. Das weiße Haar reichte ihr bis zur Schulter, war glatt und glänzend. Die himmelblauen Augen funkelten. Sie trug hübsche Perlenohrringe, die ihr gepflegtes Äußeres noch unterstrichen. Die Dame schien gar nicht in ein solch schäbiges Haus zu passen.

»Mrs. McElroy?«, fragte Scarlet. Die Frau nickte und Scarlet fühlte sich an ihre Mutter erinnert, die eine ähnliche Statur gehabt hatte. Auch sie war schlank und anmutig gewesen.

»Ich bin Scarlet Hanson und komme im Auftrag von Hanson Real Estate«, stellte sie sich vor. »Sie wollen Ihr Haus verkaufen, nicht wahr? Wir helfen Ihnen gerne dabei!«

Mrs. McElroy schaute ehrfürchtig, als würde der Leibhaftige vor ihr stehen.

»Wie war noch mal Ihr Name?«, fragte sie.

»Scarlet Hanson. Sie haben mit meinem Vater telefoniert, Jon Hanson!« Scarlet hatte ihre Stimme erhoben, da sie vermutete, die Frau sei etwas schwerhörig.

»Ach ja! Jetzt fällt es mir wieder ein! Kommen Sie doch rein!«

Scarlet folgte der alten Lady – und um eine Lady schien es sich zu handeln – durch den engen Flur bis in die winzige Küche. Mrs. McElroy bewegte sich sicher und graziös durch ihr Häuschen, ohne ein einziges Geräusch zu verursachen. Es war, als würde sie über den Boden schweben. Unter Scarlets Füßen hingegen knarrten geräuschvoll die Dielen. Die Wände waren mit altmodischen Tapeten zugekleistert. Fotografien in antiken Rahmen hingen entlang des Flurs.

»Setzen Sie sich doch! Ich mache Ihnen einen Tee«, sagte Mrs. McElroy, als sie die Küche erreichten. Scarlet sah sich um. Sollten sie einen Käufer für das Haus finden, würde dieser es mit Sicherheit abreißen. Renovieren lohnte sich nicht mehr. Das Haus war zu verkommen. Es schien, als könnte es jederzeit in sich selbst zusammenfallen.

Quinn war gleich hinter Scarlet und setzte sich nun an den Tisch, während Mrs. McElroy einen Teekessel auf den Herd stellte. Die Küchenschränke waren abgenutzt, genauso wie der Fußboden.

»Das ist doch nicht nötig«, sagte Scarlet.

»Wissen Sie, ich kriege nicht oft Besuch. Machen Sie einer alten Dame eine Freude und trinken Sie einen Tee mit mir.«

Scarlet nahm Platz und schielte zu ihrem dämlichen Stiefbruder, der sich benahm, als wäre er hier zu Hause. Mrs. McElroy wuselte zu den Küchenschränken, holte Teegeschirr daraus hervor und stellte es auf den Tisch.

»Ein nettes Zuhause haben Sie hier, Mrs. McElroy«, sagte Quinn. Er war der Meister des Smalltalks!

»Mein Haus gefällt Ihnen?« Mrs. McElroy schien überrascht.

»Sehr gemütlich«, erklärte Quinn.

»Das Haus ist aber leider nicht viel wert«, sagte Scarlet. Es war nicht ihre Art, um den heißen Brei herumzureden. Das einzig Wertvolle an dem Haus war das Grundstück.