Der Prinz von Manhattan - Küssen erwünscht! - Amelie Winter - E-Book
SONDERANGEBOT

Der Prinz von Manhattan - Küssen erwünscht! E-Book

Amelie Winter

4,0
3,49 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Märchenhafte Liebesgeschichte zum Schmunzeln und Träumen! Ellie hat noch nie einen Mann geküsst. In einer Stadt wie New York City, wo sich Dating-Apps großer Beliebtheit erfreuen und ein One-Night-Stand nur wenige Klicks entfernt ist, glaubt sie beharrlich an die wahre Liebe. Als sie dem aufgeblasenen Filmstar Tristan Collins über den Weg läuft und dieser ohne Vorwarnung seine Lippen auf ihre presst, fühlt sie sich um ihren ersten Kuss betrogen. Schlimmer noch: Plötzlich steht Ellies guter Ruf auf dem Spiel, weil jeder glaubt, sie sei die neue Freundin des berühmt-berüchtigten Frauenschwarms, dem »Prinzen von Manhattan«. Während sie das Missverständnis schnellstmöglich aufklären will, kommt Tristan dieses Lügenmärchen sehr gelegen. Ellies Gefühle fahren Achterbahn. Hat sie es mit dem widerlichsten Kerl auf der ganzen Welt zu tun — oder ist sie endlich dem Mann begegnet, der ihr Herz erobern wird, was noch keinem vor ihm gelungen ist? Leserstimmen: »Eine Liebesgeschichte, die mit viel Herz geschrieben sein muss.« »Die Autorin hat wundervolle Charaktere erschaffen.« »Eine niedliche und kurzweilige Geschichte, die den Leser aus dem Alltag holt und träumen lässt.« Bisher erschienen: Heiratsschwindler küsst man nicht An der Liebe führt kein Weg vorbei Selbst Amor schießt mal daneben Verlobt, verliebt, verpeilt Projekt Cinderella - Bloß nicht verlieben! Über die Autorin: Amelie Winter schreibt romantisch-sinnliche Romane mit liebenswerten Helden, einer Prise Humor und viel Gefühl!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
4,0 (3 Bewertungen)
1
1
1
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.
Sortieren nach:
Meiereli

Gut verbrachte Zeit

Ein sehr kurzweiliges Buch. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, auch wenn zb die Medien gegen Ende plötzlich keine Rolle mehr spielen.
00
Andi6811

Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Sehr schöne, ungewöhnliche Geschichte
00



Amelie Winter

Der Prinz von Manhattan - Küssen erwünscht!

Romantische Komödie

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

1

Ellie studierte hoch konzentriert die Speisekarte. Sie saß mit ihrer besten Freundin Jen im Balthazar, einem der angesagtesten Restaurants der Stadt.

»Ich bin so aufgeregt!«, schwärmte Jen.

In dieses Lokal hatten sie sich nur aufgemacht, weil Ellies Freundin hoffte, einem Schauspieler oder bekannten Regisseur über den Weg zu laufen. Diese waren nämlich gerade in Downtown unterwegs. Das TriBeCa-Filmfestival hatte vor wenigen Tagen begonnen und Jen würde darüber schreiben. Sie veröffentlichte Filmkritiken und Interviews auf einem Blog.

»Glaubst du, dass wir Robert De Niro begegnen werden?«, witzelte Ellie. Er war einer der Gründer des Filmfestivals.

»Wer weiß?« Jen grinste verschmitzt.

De Niro und seine Kollegen hatten nach dem Terroranschlag am elften September das TriBeCa-Viertel in der Nähe des früheren World Trade Centers kulturell und wirtschaftlich wiederbeleben wollen und deswegen ein Filmfestival ins Leben gerufen. Es wurden Filme aller Couleur gezeigt: beim Publikum beliebte Streifen, die das Zeug zum Blockbuster hatten, Dokumentationen und ausländische Filme. Auch Podiumsdiskussionen und Vorträge fanden statt. Ellie hatte sich sechs Matinee-Tickets zugelegt – die billigste Variante. Jen hatte sich für den Hudson-Pass entschieden, somit hatte sie Zutritt zu allen Filmvorstellungen, Galaveranstaltungen und Talks. Sie hatte seit Monaten dafür gespart.

Während Jen ganz euphorisch wirkte, suchte Ellie nach dem billigsten Gericht auf der Karte. Sogar das französische Schinken-Käse-Sandwich kostete an die zwanzig Dollar. In Manhattan war alles teuer: vom Essen bis zur Miete.

Vor drei Jahren war Ellie hierhergezogen. Gemeinsam mit Jen bewohnte sie ein winziges Apartment im East Village. Etwas Größeres konnten sie sich beide nicht leisten. Ellie war in Queens aufgewachsen, Jen kam aus Michigan. Sie hatten sich über einen Schreibjob kennengelernt. Beide versuchten sie, sich mit dem Verfassen von Texten jedweder Art über Wasser zu halten.

In den letzten Jahren hatte Ellie viele Leute kennengelernt, die im Gegensatz zu ihr nicht in New York City aufgewachsen waren. Jen war aber die Einzige, die sich bislang nie über das Wetter beschwert hatte. Im oberen Teil Michigans waren die Winter streng – genau wie hier. Jen machte die Kälte nichts aus, dafür liebte sie die tropisch warmen Sommer im Big Apple.

Nach langem Überlegen bestellten sie ein Nudelgericht. Daraufhin schauten sie sich gespannt im Balthazar um. Die hohen Decken und riesigen Spiegel ließen den Raum gigantisch erscheinen. Die Sitzbänke aus rotem Leder und die langen Tische und Regale aus Eiche verliehen dem Restaurant einen nostalgischen Charme. Es war laut und es ging sehr geschäftig zu – wie überall in Manhattan. Aber hier war es besonders schlimm. Der Lärmpegel war so hoch, dass man sich kaum miteinander unterhalten konnte.

Auf einmal verrenkte sich Jen fast den Hals, um an Ellie vorbei schauen zu können, die sich daraufhin etwas duckte.

»Sag bloß, De Niro sitzt tatsächlich dahinten?«, witzelte Ellie, als das Essen an den Tisch gebracht wurde.

Jens Wangen verloren an Farbe. Der Mund stand ihr offen und Ellie drehte sich verwundert um, weil sie wissen wollte, wen ihre Freundin fassungslos anstarrte. Keines der Gesichter kam ihr bekannt vor. Ellie war im Gegensatz zu Jen kein großer Filmfreak.

»Was ist los?«, fragte sie unbekümmert.

»Da drüben sitzt …!«, begann Jen und wirkte völlig aufgelöst. »Ich glaub’s nicht!«

»Na, wer denn?« Ellie drehte sich noch mal um. Die wirklich großen Stars kannte selbst sie. Weder Leonardo DiCaprio noch Robert Downey Jr. waren zu sehen. Oder sollte sie sich nach einer Frau umschauen? Auch Meryl Streep oder Sandra Bullock entdeckte sie nicht.

»Tristan Collins sitzt dort!«

»Wo?«

»Gleich da drüben!«

»Tristan Collins …«, murmelte Ellie. Der Name sagte ihr nichts. »Wer soll das sein?« Sie setzte sich wieder gerade hin und trank einen Schluck von dem Wein, den sie bestellt hatten.

»Du weißt nicht, wer Tristan Collins ist?«, hauchte Jen entsetzt. Bis vor zwei Wochen hatte Ellie auch nicht gewusst, wer Timothée Chalamet war.

»Nein. Wer ist das?«

»Der Prinz von Manhattan!« Jen war ganz aufgeregt und Ellie zog die Stirn in Falten.

»Ein Prinz?« Sie drehte sich noch mal um. »So einen wie Prinz William, der künftige Thronfolger des britischen Königshauses?«, fragte sie. Jetzt wurde es spannend! Einem Prinzen war sie noch nie begegnet. Jen rollte mit den Augen.

»Ellie! Du bist unmöglich!«, schimpfte sie. »Hast du den Film Der Prinz von Manhattan noch immer nicht gesehen?«

»Ähm, nein.« Der Prinz von Manhattan … Ach, jetzt fiel es ihr wieder ein. Ellie konnte sich vage daran erinnern, dass Jen diesen Film mal erwähnt und ihr nahegelegt hatte, ihn sich anzuschauen. Sie war damals ganz ins Schwärmen geraten.

»Das war einer der größten Box-Office-Hits des letzten Jahres!«, rief sie aufgeregt. Bei Tristan Collins handelte es sich also um einen neuen Star am Sternenhimmel Hollywoods, von dem Ellie bislang nichts gehört hatte.

»Und worum geht’s in dem Film noch mal?«, hakte sie vorsichtig nach.

»Es ist eine romantische Komödie«, erklärte Jen mit einer Engelsgeduld. Ellie schaute eigentlich nie romantische Komödien, auch wenn ihre Schwester Madison ihr ständig vorwarf, sie sei hoffnungslos romantisch. Nicht einfach nur romantisch, sondern hoffnungslos romantisch! Fürs Filmschauen hatte sie ohnehin kaum Zeit. Wie viele New Yorker arbeitete sie sechzig Stunden die Woche, um über die Runden zu kommen. Sie verbrachte den Großteil ihrer Zeit damit, Kontakte zu potenziellen Kunden aufzubauen, für Texte zu recherchieren und diese dann fristgerecht abzuliefern. Sie übernahm auch Lektorate und kümmerte sich um die Inhalte verschiedener Websites. Jeder dieser Jobs brachte ihr nur wenige hundert Dollar ein.

»Also ist er kein echter Prinz?«, fragte sie.

»Aber nein! Das ist nur ein Übername!« Ellie kostete von den Tagliatelle, bevor sie kalt wurden, während Jen mit leuchtenden Augen und kirschroten Wangen immer wieder zu dem ominösen Prinzen schielte.

»Welcher ist es denn?« Ellies Neugier war geweckt.

»Der gut aussehende Typ dahinten! Ist er nicht umwerfend?«

»Der Kerl im Anzug?« An einem Tisch, ganz allein, saß ein Mann, vermutlich knapp über dreißig, mit frech gestyltem haselnussbraunem Haar, einem markanten Kinn und breiten Schultern. Ein typischer Hollywood-Schönling, dennoch hatte sein Gesicht unbestreitbar Charakter.

Er blickte stur auf sein Telefon.

»Der da?«, fragte Ellie. Just in dem Moment sah er auf und ihre Blicke trafen sich. Seine Augen waren blau. Blauer als blau. Ruckartig drehte sich Ellie wieder zu ihrer Freundin um. Wie peinlich! Aber wenn er ein bekannter Schauspieler war, dann passierte es ihm sicher häufig, dass er angestarrt wurde.

»Du musst dir den Film unbedingt ansehen! Jede Frau hat sich auf Anhieb in ihn verliebt! Im Film und im echten Leben. Das People-Magazin wird ihn dieses Jahr mit Sicherheit zum Sexiest Man Alive küren!«

»Aha.« Die Tagliatelle waren wirklich köstlich.

»Kannst du nicht wenigstens so tun, als wärst du beeindruckt?«, murrte Jen.

»Bin ich doch!«, entgegnete Ellie mit vollem Mund. Ihre Freundin widmete sich kopfschüttelnd den mit Speck überbackenen Makkaroni, wobei sie ihren Blick nicht von Tristan Collins abwenden konnte – und deswegen ständig an Ellies linkem Ohr vorbei schaute, was äußerst irritierend war.

»Was für eine Rolle spielt er denn?«, wollte Ellie wissen, um das Gespräch am Laufen zu halten.

»Du kennst doch Barney Stinson aus der Sitcom How I Met Your Mother?«

»Ja.«

»Der war ein Experte im Frauenverführen. Er hatte sogar ein Playbook!« Ellie erinnerte sich dunkel daran.

»Im Film will der Prinz von Manhattan tausend Frauen flachlegen, bevor er sich auf eine einlässt. Und um dies zu erreichen, geht er äußerst kreativ vor!«

»T... tausend?!«, stammelte Ellie ungläubig. »Und so was nennst du eine romantische Komödie?« Eine Komödie war es sicherlich, denn wie sollte es ihm gelingen, tausend Frauen flachzulegen? Ellie rechnete schnell nach: An die hundert im Jahr waren vielleicht zu schaffen. Aber selbst dann bräuchte er zehn Jahre, um dieses Ziel zu erreichen.

In den letzten paar Monaten hatte Ellie über zwanzig Dates gehabt – ihr persönlicher Rekord! Und sie war fix und fertig. Aber sie hatte mit keinem dieser Männer geschlafen. Knapp mit der Hälfte hatte sie sich ein zweites Mal getroffen und nur mit einem hatte sie ein drittes Date gehabt.

Jen schwärmte derweil von Tristan Collins, der im Film wahnsinnig cool und sexy war. »Wahrscheinlich hat er sich selbst gespielt«, flüsterte sie Ellie unter vorgehaltener Hand zu. Dabei konnte sowieso niemand hören, worüber sie sprachen. »Die Boulevardpresse schreibt ständig über ihn. Er hatte angeblich mit jeder seiner Filmpartnerinnen eine Affäre!«

»Ist das so ...«

Jen schien überaus begeistert. Sie fand jeden Mann cool. Sie fand New York City cool, denn nirgends war es einfacher, Männer zu finden. Sie fand auch Ellie cool, weil diese seit anderthalb Jahren eine Kolumne über die Liebe schrieb. Ask Ellie! war bei den Lesern ziemlich beliebt und der bisher beste Schreibjob, den sie hatte ergattern können.

Jen meinte immer, Ellie sei wie Carrie Bradshaw in Sex and the City. Aber Ellie hatte kaum etwas mit dem fiktiven Charakter gemein. Sie konnte sich weder Designerklamotten leisten noch hortete sie Manolo Blahniks in ihrem Kleiderschrank. Ellie trug meist Sneakers, die waren bequem und billig. Sie war keine Stilikone, keine Fashionista wie Carrie. Sie war eine ganz gewöhnliche New Yorkerin, die neben vielen anderen Dingen eine ganz gewöhnliche Kolumne schrieb, die ihr nicht besonders viel einbrachte. Selbst Carrie hätte damals an die 40.000 Kolumnen schreiben müssen, um sich allein ihre Schuhsammlung leisten zu können! Wie es ihr möglich gewesen war, zudem ein schickes Apartment in Manhattan zu bewohnen, würde für immer ein Geheimnis bleiben.

Das echte New Yorker Leben war nicht ganz so glamourös wie im Fernsehen. Aber Jen sah das anders. Sie liebte das New Yorker Feeling. Hier war immer was los. Und wenn man in dieser Stadt keinen Mann fand – wo dann? Auf der Suche nach Mr. Right war sie bereit, viele Frösche zu küssen.

»Wie lange willst du noch starren?«, fragte Ellie schmunzelnd. »Geh zu ihm hin und frag ihn um ein Interview!«

»Bist du verrückt?«, japste Jen. »Ich bin ein Nobody, der auf einem unbedeutenden Blog Filmkritiken veröffentlicht. Tristan Collins hingegen ist ein Filmstar!«

»Du bist kein Nobody! Du bist hübsch, selbstsicher und talentiert.« Jen wirkte nicht überzeugt. »Seit wann bist du so schüchtern?«, wollte Ellie wissen. Ihre Freundin scheute in der Regel nicht davor zurück, fremde Männer anzusprechen. »Oder willst du ihn lieber um ein Date fragen?« Ellie grinste breit.

Jen verabredete sich fast täglich mit jemand Neuem. Sie schwor auf Dating-Apps wie Tinder und OKCupid und liebte es, sich stundenlang durch Profile von den unterschiedlichsten Männern zu scrollen und fröhlich mit ihnen zu chatten. Und wenn ihr einer nicht gefiel – ein Fingerstreich und schwups! –, war der nächste nicht weit. New York war eine Stadt der unendlichen Möglichkeiten.

Sie hatten fertig gegessen und Jens Blick wanderte unweigerlich zu dem Prinzen von Manhattan. »Um ein Date fragen ...«, murmelte sie und schien ernsthaft darüber nachzudenken.

»Warum wird er eigentlich der Prinz von Manhattan genannt?« Ellie dachte laut.

»Weil ihm alle Frauen zu Füßen liegen?«, gab Jen grinsend zurück. »Im Film war er stinkreich. Ihm gehörte halb Manhattan.«

»Niemandem gehört halb Manhattan«, stellte Ellie klar.

»Das war doch nur im Film so! Obwohl er auch im echten Leben stinkreich ist. Schon mal von Collins Top Estates gehört? Dem gigantischen Immobilienunternehmen?«

Ellie schaute verstohlen über ihre Schulter zurück. Tristan Collins scrollte weiterhin durch sein Smartphone. Jen war zudem nicht die Einzige, die ihn erkannt hatte. Zwei junge Frauen nahmen ihn kichernd und tuschelnd ins Visier. Er schien von seinem Umfeld kaum etwas wahrzunehmen, zu sehr war er mit seinem Telefon beschäftigt. Was er wohl gerade so aufmerksam studierte? Suchte er auch bei Tinder nach einem Date für die Nacht?

Sogar Ellie hatte sich auf Jens Drängen hin bei der Dating-App angemeldet. Aber nachdem sie das zehnte Schwanz-Selfie in ihrem virtuellen Postfach gefunden hatte – ohne es angefordert zu haben, wohlgemerkt! –, hatte sie die Nase voll gehabt. Da draußen gab es unzählige Männer, die glaubten, eine Frau mit einem Bild ihres Genitales beeindrucken zu können. Vielleicht gab es auch Frauen, die sich davon beeindrucken ließen – aber Ellie war keine davon.

An Angeboten für Sex fehlte es in der City gewiss nicht. Liebe hingegen war Mangelware. Vielleicht war Ellies Kolumne deswegen so erfolgreich? Sie schrieb nämlich über die romantische Liebe, nach der sich jeder sehnte, die es aber gar nicht zu geben schien. Jedenfalls nicht hier. Nicht in New York City, einer Stadt, die für ihre Hook-up-Kultur bekannt war. Ellie hielt nichts von spontanem Sex. Mit jemandem zu schlafen, für den sie keine Gefühle hatte – wozu sollte das gut sein? Aber Jen sah das ganz anders. Diese amüsierte sich gerne, um später ausschweifend von ihren amourösen Abenteuern erzählen zu können. Jen ließ sich nichts entgehen.

»Ich will mich nicht lächerlich machen. Der Kerl ist ein Filmstar!«, sagte sie. »Das ist nicht irgendein Typ, den man über Tinder kennenlernen kann.«

»So toll ist er auch wieder nicht«, brummte Ellie.

»Hast du ihn dir überhaupt richtig angesehen?« Jen schnappte aufgeregt nach Luft und Ellie drehte sich zum hoffentlich letzten Mal um. Er war zweifellos groß. Wie groß würde sie erst herausfinden, wenn er vom Tisch aufstand. Ellie mochte keine großen Männer, da sie selbst eher klein war, wie alle Frauen in ihrer Familie. Zu jemandem ständig aufschauen zu müssen, gefiel ihr nicht.

»Gehst du nun zu ihm rüber?«, wollte Ellie wissen.

»Und wenn er mir eine Abfuhr erteilt? Ich will mich nicht blamieren.«

»Ich dachte, er ist einer, der nichts anbrennen lässt? Da wird er sich bestimmt darüber freuen, dass eine hübsche junge Frau auf ihn aufmerksam wird.«

»Geh du rüber!«, forderte Jen plötzlich.

»Was?!« Ellie hoffte, sich verhört zu haben.

»Wenn du denkst, dass das so einfach ist, dann frag du ihn um ein Date! Du bist doch die Dating-Expertin!«

Ellie verzog das Gesicht. Dating-Erfahrung hatte sie reichlich, das stimmte. Zudem gab sie in ihrer Kolumne Frauen und Männern regelmäßig Tipps, wie sie jemanden kennenlernen konnten und wie sie am besten auf die Person zugingen und mit ihr ins Gespräch kamen.

»Komm schon, Ellie! Zeig mir, wie man’s richtig macht!« Jen grinste breit.

»Ich will doch gar nichts von ihm! Er gefällt mir nicht mal.«

»Tatsächlich? Dann bist du die einzige Frau auf diesem Planeten, die Tristan Collins nicht umwerfend findet!«

»Eine muss es ja geben!«, erwiderte Ellie schnippisch und leerte das Weinglas in einem Zug. Jetzt schielte sie doch wieder zu ihm rüber. Sich mit ihm zu unterhalten, konnte interessant sein. Was so jemand wie er wohl über die Liebe dachte?

»Ellie, du starrst ihn an«, flötete Jen gut gelaunt.

»Tu ich nicht.« Sie drehte sich wieder um. Natürlich sah er gut aus. Er war ein Filmstar! Filmstars mussten gut aussehen.

»Jetzt telefoniert er ...«, meinte Jen. Sie war ganz zappelig. Normalerweise verhielt sie sich nicht wie ein verrücktes Fangirl. War dieser Kerl wirklich so großartig?

»Okay, ich mach’s!«, seufzte Ellie.

»Echt?« Jen guckte, als wäre sie den Tränen nahe. »Du bist die beste Freundin auf der ganzen Welt!«

»Schon gut.«

Ellie stand auf, ohne noch länger darüber nachzudenken, und ging auf den Tisch zu, wo Tristan Collins saß.

Selbst wenn sie sich gleich ganz schrecklich blamieren würde, dann konnte sie dieses unangenehme Erlebnis zumindest in ihrer Kolumne verarbeiten. Den Titel hatte sie schon parat: Wie man sich auf keinen Fall verhalten sollte, wenn man einem Filmstar begegnete!

Ellie versuchte, aus Erfahrungen zu lernen – besonders aus negativen. Das Leben steckte voller Überraschungen. Wer wusste schon, wie bedeutsam diese Begegnung sein würde?

 

2

Tristan ließ sich sein Schinken-Käse-Sandwich schmecken, während er seinen eigenen Namen googelte. Noch vor einem Jahr wäre er nie auf die Idee gekommen, das Internet nach Infos über seine Person zu durchforsten. Aber vor einem Jahr hatte ihn auch so gut wie niemand gekannt. Das war nun anders.

Er scrollte ständig durch die News. Mehrmals täglich. Und wieder fand er einen Artikel über sich und Helen. Die Boulevardpresse hatte einen Narren an ihm gefressen! Immerzu tauchten Bilder von ihm auf, wo er sich mit einer Frau unterhielt und die Headline war stets dieselbe: Der Prinz von Manhattan und seine neue Eroberung! Vielleicht sollte er sich fortan nur noch mit Männern unterhalten? Wie lange es wohl dauern würde, bis sie ihm unterstellten, schwul zu sein?

Eigentlich müsste sich doch Henry, sein Agent, Manager, Imageberater und Pressesprecher darum kümmern, dass nicht ständig dieser Unsinn über ihn geschrieben wurde. Aber seit Tristan quasi über Nacht Weltruhm erlangt hatte, galt er nun als eine Person des öffentlichen Interesses. Das musst du locker nehmen, hatte Henry gemeint. Hauptsache, die Leute schreiben über dich! Auch negative Publicity ist Publicity!

Henry wusste, wie der Hase lief. Er hatte Tristan die Rolle im Film Der Prinz von Manhattan verschafft. Seinetwegen war Tristan nun ein Star. Aber so ganz gewöhnt hatte er sich noch nicht daran.

Nachdenklich wählte er Henrys Nummer. Dieser hob erst nach dem fünften Klingeln ab.

»Tristan? Was ist los?«, fragte er sogleich und wirkte gehetzt.

»Ich habe die News gelesen.«

»Und?«

»Du weißt doch, dass ich nicht will, dass ein Bild von mir und Helen in den Medien auftaucht«, murrte Tristan.

»Helen? Wer ist das noch mal?«

»Willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Ich muss mich um hunderttausend Dinge gleichzeitig kümmern, Tristan! Da bleibt keine Zeit, mir die Namen all deiner Betthäschen zu merken!«

»Betthäschen?!«, wiederholte Tristan ungläubig. »Hast du getrunken?«

»Noch nicht. Aber ich fange gleich damit an.«

Tristan seufzte tief. »Hast du wieder Stress mit deiner Frau?«, brummte er ins Telefon, das er ganz dicht an sein Ohr hielt, um Henrys Stimme hören zu können. Im Balthazar war es um diese Zeit besonders laut.

»Eva will mir meinen Seitensprung einfach nicht verzeihen! Ich schlafe schon seit drei Monaten auf der Couch! Mein armer Rücken! Lange macht er das nicht mehr mit.«

»Dann hättest du es dir eben zweimal überlegen sollen, bevor du mit einer anderen in die Kiste gestiegen bist.« Tristans Mitleid hielt sich in Grenzen.

»Du bist nicht verheiratet, Tristan. Du weißt nicht, wie das ist! Der Stress, die Kinder, der Job – irgendwann lebt man aneinander vorbei.«

»Was ist nun mit Helen?« Tristan versuchte, das Thema zu wechseln. Wenn er Henry die Gelegenheit gab, über seine zerrüttete Ehe zu lamentieren, dann hörte dieser meist gar nicht mehr damit auf.

»Ich kann da nichts machen, Tristan. Helen ist doch nur eine von vielen. Ich kann der Sensationspresse nicht vorschreiben, was sie über dich berichten soll. Nimm das Ganze nicht so ernst! Morgen werden sie ein Bild von dir veröffentlichen, wo du dich mit einer anderen Frau unterhältst, und Helen ist schon wieder vergessen!«

»Du meinst also, ich muss mich selbst darum kümmern? Wofür habe ich dich überhaupt engagiert?«

»Dafür, dass ich dir Filmrollen beschaffe, die dir gutes Geld einbringen! Wenn du mit meiner Arbeit nicht zufrieden bist, dann such dir endlich einen Manager! Ich bin dein Agent, mehr nicht!« Henry kümmerte sich um alles. Er organisierte ihm Rollen, beriet ihn in Karrierefragen, managte seine Termine und vieles mehr. Sie kannten sich seit über zwei Jahren.

»Schon gut, schon gut.« Tristan gab sich geschlagen.

»Wenn du sonst keine Anliegen hast, dann würde ich mich jetzt gerne meiner Flasche Wodka widmen«, murrte Henry.

»Wenn du glaubst, trinken hilft gegen den Kummer, dann nur zu!«

Kopfschüttelnd legte Tristan auf. Er steckte das Handy in die Tasche seines Jacketts und schaute kurz auf, da eine junge Frau vor seinem Tisch stand und ihn interessiert musterte, als wäre er der Weihnachtsmann. Das passierte ihm in letzter Zeit häufig. Er hatte unzählige weibliche Fans, aber keine männlichen. Es kam nie vor, dass ein Kerl auf ihn zutrat, ihm auf die Schulter klopfte und zu seinem Filmerfolg gratulierte. Die Frauen hingegen umschwärmten ihn wie die Motten das Licht.

»Hi«, meinte die Unbekannte mit einem strahlenden Lächeln.

»Hi«, gab er kühl zurück. Wollte sie ein Autogramm haben? Oder nur kurz mit ihm quatschen? Oder beides?

Sie trug enge Jeans und einen locker sitzenden Pulli. Die blond gesträhnten und leicht gewellten Haare reichten ihr bis zur Schulter. Die Frisur war schick und passte gut zu ihrem hübschen Gesicht, das sie hinter einer gigantischen Brille versteckte. Die Kleine war niedlich. Und wirklich klein …

»Ähm, mein Name ist Ellie«, stellte sie sich vor und reichte ihm die Hand, auf die er lange starrte, bevor er ihren Gruß erwiderte. Dass Frauen ihn ansprachen und zu einem Drink einluden, war ihm früher nur in Bars und Nachtklubs passiert. Nun geschah das überall: in Restaurants, Cafés – oder auf offener Straße.

Er grinste charmant, während er ihre Hand schüttelte, die sich überraschend kühl anfühlte.

»Darf ich mich kurz zu dir setzen?«, fragte sie.

»Ich wollte eigentlich gerade los.« Er hatte vor, sich einen Film anzusehen, der in zwanzig Minuten anfing. Mit einer der Schauspielerinnen hatte er vor drei Jahren zusammengearbeitet. Er kannte auch den Regisseur. Hätte er nicht die Filmrolle in Der Prinz von Manhattan angenommen, hätte er an einem der Indie-Filme mitgewirkt, die beim Festival gezeigt wurden.

»Es dauert nicht lange«, versicherte ihm Ellie. Ob das die Abkürzung für Elena war? Oder Ellen?

»Gut«, meinte er nüchtern und bedeutete ihr mit einer höflichen Handbewegung, dass sie sich zu ihm setzen konnte. Zu Fans musste er freundlich sein – das hatte ihm Henry aufgetragen. Und bloß lächeln nicht vergessen!

»Ich bin mit meiner Freundin Jen hier. Sie sitzt gleich da drüben«, begann Ellie und deutete auf einen Tisch, nur wenige Meter entfernt. Eine Frau mit langem brünettem Haar saß dort und schaute gespannt zu ihnen herüber. Ihre Wangen glühten.

»Sie ist ein großer Fan von dir«, erklärte Ellie unnötigerweise. Was denn sonst? Er gab sich Mühe, nicht die Augen zu verdrehen. Wollte diese Jen ihn näher kennenlernen, hatte sich aber nicht getraut, ihn anzusprechen und deswegen ihre Freundin vorgeschickt? Mit Sicherheit hatten die beiden seinen letzten Film gesehen – wie alle Frauen, die ihn in den vergangenen Monaten angequatscht hatten.

Der Prinz von Manhattan – die Damen wollten Realität und Fiktion nicht auseinanderhalten. Wenn das so weiterging, würde Tristan die fiktive Figur, die er im Film gespielt hatte, sogar noch übertreffen und weit mehr als tausend Frauen flachlegen können. Die Damen rannten ihm geradezu hinterher!

Dass die Ladys verrückt nach ihm waren, konnte er ihnen nicht verübeln. Tristan sah nämlich gut aus. Besser als die meisten Männer. Nur deswegen hatte Henry sein Agent sein wollen. Ein Filmstar muss gut aussehen – alles andere ist nebensächlich, hatte er zu ihm gesagt. Nur eine Hühnerbrust hatte Tristan gehabt, aber Henry hatte einen Fitnesscoach für ihn angeheuert. Sollte es mit der Schauspielerei nichts mehr werden, konnte Tristan als Aktmodell sein Glück versuchen. Aber ob er sich dann noch seinen Fitnesscoach leisten konnte? Der kostete nämlich ein Vermögen.

Tristans Gedanken drifteten ab – wie so häufig in letzter Zeit. Ein Filmstar zu sein, war schräg. Vor seinem großen Durchbruch war er im Theater aufgetreten und hatte Rollen in Indie-Filmen gespielt. Der Erfolg war lange Zeit ausgeblieben, aber zu den brotlosen Künstlern hatte er nie gezählt. Tristan war mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden. Seine Eltern bewohnten ein Penthouse in der Upper West Side. Wer in Manhattan eine Immobilie erwerben wollte, wusste, an wen er sich wenden sollte: Collins Top Estates. Sein Vater war ein bekannter Immobilienmakler, seine Mutter war eine erfolgreiche Anwältin – und Tristan war Schauspieler. Seine Eltern hatten nie viel davon gehalten, dass er gerne auf einer Bühne stand. Lange Zeit war es ihm nicht gelungen, damit Geld zu machen. Eine Menge Geld. In der Familie Collins war nichts wichtiger, als Reichtum anzuhäufen.

»Meine Freundin mag Filme und hat einen Blog, wo sie Filmkritiken und Interviews mit Schauspielern und Regisseuren veröffentlicht«, fuhr Ellie fort. Sie rückte ihre dicke Brille auf der Nase zurecht.

Tristan zog die Augenbrauen hoch. Stimmte das, oder hatten sich die beiden diese Geschichte nur ausgedacht? Die Frauen wurden mit ihren Anmachsprüchen immer kreativer! Vermutlich waren sie nur zwei verrückte Fans, die nachts davon träumten, vom Prinzen von Manhattan flachgelegt zu werden. Im Film gelang es ihm spielend leicht, jede Frau um den Finger zu wickeln. Eigentlich hatte er diese Rolle dämlich gefunden, aber Henry hatte ihm unaufhörlich in den Ohren gelegen, er sollte sich darauf einlassen. Dann kommst du endlich groß raus, hatte er gesagt – und damit hatte er recht gehabt.

»Ein Interview? Klingt sehr interessant«, sagte Tristan beiläufig und schielte auf seine Armbanduhr. Er würde zu spät kommen, wenn er sich nicht endlich auf den Weg machte. Sie quatschte ihn voll, aber er hörte gar nicht hin. Ab und zu nickte er – das war alles.

»Okay, sicher. Kein Problem«, murmelte er. Ihr Enthusiasmus war bewundernswert. Und wie ihre Augen strahlten! Himmelte sie ihn an? Vermutlich. Alle Frauen fanden ihn toll.

»Ich muss jetzt los, tut mir leid.« Ohne ein weiteres Wort stand er auf und ging eilig zum Ausgang. Bezahlt hatte er bereits. Draußen hielt er nach einem Taxi Ausschau. Er konnte es kaum fassen, als er bemerkte, dass ihm die beiden Damen folgten. Die zwei waren hartnäckig! Hatte er es mit verrückten Stalkerinnen zu tun?

»Warte doch!« Die Kleine war ihm auf den Fersen.

Zu Fans musst du immer freundlich sein, hallte in seinen Ohren wider. Henry würde ihm die Leviten lesen, wenn er sich nicht daran hielt. Die Presse wartete doch nur darauf, Skandalgeschichten über ihn verbreiten zu können.

»Was ist denn noch?«, meinte er genervt und bemühte sich vergebens um einen freundlichen Ton.

»Wie können wir dich kontaktieren?«, fragte Ellie, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihre Freundin, die bislang schweigsam neben ihr gestanden hatte, rammte ihr nun den Ellbogen in die Seite.

Tristan glaubte, sich verhört zu haben. »Süße, du willst meine Telefonnummer?«, entgegnete er süffisant. Das würde noch böse enden! Sie zog erwartungsgemäß ein hässliches Gesicht.

»Ja, dann könnte dich Jen wegen des Interviews anrufen.« War sie dämlich oder tat sie nur so? Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, schloss ihn aber sofort wieder. Kopfschüttelnd wandte er sich ab, um ein Taxi herbeizuwinken. Als er sich zur Seite drehte, stand Ellie plötzlich neben ihm. Sie reichte ihm gerade mal bis zur Schulter. Selbst hinter der dicken Brille wirkten ihre Augen riesig.

»Was zum Teufel …?«, erwiderte er unwirsch.

»Was ist jetzt mit dem Interview?«, fragte sie geradeheraus. »Meine Freundin ist richtig gut darin, Leute zu interviewen. «

»Schön für sie«, murmelte er. Warum hielt kein Taxi an? Diese Jen rüttelte derweil an Ellies Arm und schien sich zu genieren. »Gehen wir lieber«, flüsterte sie ihrer Freundin zu.

»Du willst kein Interview geben, nicht wahr?«, sagte die Kleine plötzlich. Er widmete ihr nun seine ganze Aufmerksamkeit und antwortete:

»Nein. Könnt ihr mich jetzt in Ruhe lassen?«

Er sah die Schlagzeile schon vor sich: Tristan Collins zeigt sein wahres Gesicht! Es war anstrengend, ein Star zu sein.

»Warum hast du das nicht gleich gesagt?«, meinte Ellie nüchtern. Sie musterte ihn mit unverhohlenem Interesse. »Das hätte uns beiden viel Zeit und Mühe erspart.« Tristan schnaubte ungläubig. Ellie sah ihn derweil an, als würde sie durch ihn hindurchschauen wollen. Diese Frau war doch nicht ganz richtig im Kopf! Seufzend hielt er nach einem Taxi Ausschau und hoffte, den beiden Damen entfliehen zu können.

»Ellie ist immer direkt! Tut mir sehr leid, dass wir Sie belästigt haben, Mr. Collins. Das war nicht unsere Absicht«, sagte Jen.

Tristan legte den Kopf etwas schief.

»Du solltest dich nicht entschuldigen«, meinte Ellie unwirsch zu ihrer Freundin. »Er hätte mir nur sagen müssen, dass er kein Interesse an einem Interview hat.«

»Ellie! Ist gut jetzt, okay?«, flüsterte Jen.

»Hast du ein Problem mit mir?«, fragte Tristan neugierig. Er verstand nicht, was hier vor sich ging.

»Ich mag’s nicht, wenn Leute unehrlich sind. Das ist alles.«

»Haben wir uns nicht schon genug blamiert, Ellie?«, wisperte Jen und zerrte an ihrem Arm. Ellie sah anklagend zu Tristan hoch und rührte sich nicht vom Fleck.

»Wollt ihr wirklich ein Interview?«, fragte er harsch.

»Jen will eins.« Ellie deutete auf ihre Freundin.

»Und was willst du?« Er trat ganz nah an sie heran. Jetzt musste sie ihren Kopf in den Nacken legen, um zu ihm hochschauen zu können.

»Nichts.« Sie guckte unschuldig.

»Bist du dir sicher?« Die beiden heckten doch was aus! »Ich steh nämlich nicht auf kleine Frauen mit einer großen Klappe.« Er grinste süffisant. Sie war wirklich nicht sein Typ. So gar nicht.

»Und ich stehe nicht auf Männer, die Interesse heucheln, auch wenn sie keins haben.«

Er drehte sich mit einem spöttischen Lachen weg und richtete den Blick wieder auf die vorbeifahrenden Autos. Was nahm sich diese Frau heraus, ihn zurechtzuweisen? Auf der anderen Straßenseite entdeckte er plötzlich einen Mann, der ungeniert das Smartphone auf ihn richtete. Filmte er ihn gerade? Wenn ein Kerl ihn stalkte, dann konnte es sich nur um einen lästigen Paparazzo handeln. In letzter Zeit fühlte er sich wie ein Gejagter. Dabei war er nicht der einzige Star, der sich gerade jetzt, da das bekannte Filmfestival stattfand, in TriBeCa aufhielt. Wahrscheinlich war er aber der Einzige, über dessen Privatleben die vielen einsamen Frauen da draußen lesen wollten.

Sein Handy klingelte. Er holte es aus der Hosentasche, ohne weiter auf seine Stalkerinnen zu achten. Helen hatte ihm eine Nachricht geschrieben.

Sehen wir uns morgen?

Sie lud ihn öfter zu sich nach Hause zum Essen ein. Ihm wurde schwer ums Herz. Ob sie die News schon gelesen hatte?

Bevor er antworten konnte, quatschte ihn diese Ellie wieder voll. Zumindest beschimpfte sie ihn nicht, sondern sprach in ruhigem Tonfall. Dennoch hörte er kaum zu, denn diese Frau interessierte ihn nicht. Stattdessen richtete er seinen Blick auf die andere Straßenseite. Der Kerl filmte ihn immer noch. Was wohl morgen in der Zeitung stehen würde? Tristan Collins trifft sich mit zwei Frauen gleichzeitig!

Er schaute an Ellie vorbei zu ihrer Freundin, die den Eindruck machte, sich überall lieber aufzuhalten als hier. Ihm fiel auf, dass ihre Lippen geschminkt waren. Tristan mochte den Geschmack von Lippenstift überhaupt nicht. Wie ärgerlich! Also blieb ihm nichts anderes übrig, als –

Ohne noch länger darüber nachzudenken, trat er auf Ellie zu – sie redete ohne Punkt und Komma –, beugte seinen Kopf zu ihr herunter und küsste sie auf den Mund. Endlich verstummte sie! Die Lippen bewegte er nicht. Natürlich hatte er nicht vor, sie richtig zu küssen. Sekundenlang verharrte er in dieser Position. Zum Glück stieß sie ihn nicht weg! Sie war zur Salzsäule erstarrt. Wahrscheinlich konnte sie ihr Glück kaum fassen, schließlich schmiegte gerade der Prinz von Manhattan seine Lippen an ihre. Welche Frau in New York City – und auf der ganzen Welt – träumte denn nicht davon? Der Film war sogar in China ein Erfolg gewesen.

Der Kerl auf der anderen Straßenseite hatte genügend Zeit gehabt, alles filmisch festzuhalten. Nun würde Tristan morgen zumindest kein Bild mehr von ihm und Helen in der Zeitung finden. Nichts anderes zählte.

»W... was?«, stammelte Ellie, als er von ihr abließ.

»Heute ist offenbar dein Glückstag, Süße!« Er lächelte zufrieden und gab ihr einen Klaps auf den winzigen Po. Sie war so zierlich.

Ellie schnaubte fassungslos und sah richtig wütend aus. Ihre Freundin wirkte derweil, als wäre sie der Ohnmacht nahe. Jetzt hatte er doch nicht eine Klage wegen sexueller Belästigung an der Backe? Tristans Puls beschleunigte sich. Was war nur in ihn gefahren? Henry würde ihm die Hölle heißmachen ...

Schnell drehte er sich um, winkte ein Taxi herbei – endlich hielt eins an! – und machte sich aus dem Staub.

 

3

Ellie saß im Kinosaal und versuchte, sich auf den Film zu konzentrieren – vergebens.

Tristan Collins hatte sie geküsst.

Ein Mann hatte sie geküsst.

Es war ihr erster Kuss gewesen.

Ihr allererster Kuss.

»Ellie, dir läuft noch der Sabber aus dem Mund!«, flüsterte Jen ihr zu.

»Was?« Sie wischte sich über die Lippen. Seit dem Vorfall war ihr Körper in eine Art Schockstarre verfallen. Ellie nahm ihre Umgebung kaum mehr wahr. Hatte sie vielleicht alles nur geträumt? Nein, ganz sicher nicht. Jens Grinsen, das in ihrem Gesicht festgeklebt schien, war der Beweis.

Oh mein Gott!, war das Erste gewesen, das Jen zu ihr gesagt hatte, als Tristan Collins ins Taxi gestiegen und einfach abgehauen war. Ellie langte mit der Hand in die Popcorntüte und stopfte sich den Mund voll. Kauen würde sie ablenken – zumindest lief ihr dann nicht mehr der Speichel am Kinn entlang.

»Wie ich dich beneide!« Jen hatte vorhin gekreischt, als wäre sie auf einem Konzert und würde ihrer Lieblingsband zujubeln.

»Echt jetzt?«

Ellie hatte ihren ersten Kuss mit jemandem haben wollen, den sie liebte. Stattdessen war es ein Kerl gewesen, der sich morgen nicht mehr an ihr Gesicht erinnern würde.

Dieser Kuss zählte nicht. Das hatte sie soeben entschieden. Sie würde einfach so tun, als wäre das alles nie passiert. Als hätte ein Filmstar nicht aus heiterem Himmel seinen Mund auf ihren gelegt.

Seufzend fuhr sie sich mit den Fingern über die spröden Lippen. Sie brannten, weil das Popcorn viel zu salzig war. Ellie konnte sich überhaupt nicht daran erinnern, wie sich der Kuss angefühlt hatte. Viel zu erschrocken war sie gewesen, als Tristan Collins sich plötzlich zu ihr heruntergebeugt und sie einfach ...! Sie wollte lieber nicht mehr daran denken.

Der Film war zu Ende, der Abspann lief und Ellie schaute ungläubig auf ihre Uhr. Wo war nur die Zeit geblieben? Hatte sie sich wirklich gerade eben anderthalb Stunden einen Film angesehen? Es erschien ihr, als hätte sie erst vor fünf Minuten den Kinosaal betreten.

Sie spazierten nach draußen. Ins Village East Cinema ging Ellie immer gerne. Es handelte sich dabei um eins der letzten verbliebenen jiddischen Theatergebäude in New York City, das vor fast hundert Jahren im neo-maurischen Stil erbaut worden war. In den mit farbenprächtigen Ornamenten reich verzierten Decken und Wänden waren islamische und alhambrische Einflüsse zu erkennen. Sich hier einen Film anzusehen, war ein besonderes Erlebnis. Zudem wohnte Ellie gleich in der Nähe.

Sie starrte gedankenverloren auf die Filmplakate an den Wänden, während sie sich schleppend fortbewegte, als würde sie schlafwandeln. Sie konnte einfach nicht glauben, was vorhin passiert war! So etwas passierte doch nur in Filmen – vermutlich in romantischen Komödien –, aber nicht im echten Leben! Und im Film wäre die Heldin sicher überglücklich gewesen, dass der Prinz von Manhattan sie geküsst hatte. Der Kuss wäre romantisch und bedeutsam gewesen – für beide. Die Heldin und den Helden.

Aber Ellie war nicht überglücklich. Sie war von jemandem geküsst worden, den sie nicht kannte und der sich nichts aus ihr machte. Vor zwei Monaten war sie neunundzwanzig geworden – und das war ihr erster Kuss gewesen. Ihre Schwester Madison meinte immerzu, sie sei zu wählerisch und hätte zu hohe Erwartungen. Niemand ist perfekt, Ellie! Keine Beziehung ist perfekt, kein Mann ist perfekt! Aber um Perfektion ging es Ellie überhaupt nicht. Es ging ihr um die Liebe. Um tief empfundene, echte Zuneigung. Es ging ihr darum, einen Menschen wirklich zu wollen. Ellie ließ sich nie halbherzig auf etwas ein. Sie war nicht romantisch, sie war leidenschaftlich.

Nun standen sie draußen auf der Straße und Ellie schloss den Reißverschluss ihres Anoraks.

»Komm schon! Lach drüber!«, forderte Jen sie auf.

»Du hättest mir vorhin ruhig helfen können«, grummelte Ellie. »Das ist alles deine Schuld.«

»Meine Schuld? Meinetwegen hättest du ihm nicht hinterherlaufen müssen!«

»Er war arrogant und selbstgefällig!«

»Er ist ein Star. Wahrscheinlich wird er ständig von irgendwelchen Frauen angequatscht. Sicher hatte er nur einen schlechten Tag«, versuchte Jen, sie zu beschwichtigen.

»Das gibt ihm nicht das Recht, andere so zu behandeln!«

Jen schüttelte verständnislos den Kopf. »Du bist unmöglich, Ellie ... Musstest du ihn wirklich auf offener Straße beschimpfen?«

»Ich habe ihn nicht beschimpft. Ich habe mich ganz sachlich und ruhig mit ihm unterhalten.« Auch wenn es ein sehr einseitiges Gespräch gewesen war. Zwar hatte Ellie versucht, höflich und freundlich zu sein, aber dennoch hatte sie ihm unmissverständlich klarmachen wollen, dass sein Verhalten falsch und unangebracht gewesen war.

»Verhältst du dich bei deinen Dates genauso?«, meinte Jen amüsiert. »Wenn ja, dann weiß ich jetzt, warum du immer noch Single bist!«

Ellie guckte beleidigt, zog die Schultern hoch und ging los. Jen lief alsbald neben ihr her.

»Ich mag’s nicht, wenn andere unehrlich sind, das ist alles«, versuchte Ellie zu erklären. Sie konnte ihm nicht verübeln, dass er von ihr genervt gewesen war. Aber er hätte ihr doch klipp und klar sagen können, dass er nicht mit ihr reden wollte! Stattdessen hatte er so getan, als hätte er tatsächlich Interesse an einem Interview – nur um dann plötzlich vom Tisch aufzustehen und abzuhauen.

Sie wusste selbst, dass sie es immer übertrieb. Vermutlich hatte Jen recht: Deswegen war Ellie noch Single. Sie arbeitete hart an sich – und das erwartete sie auch von anderen Menschen. Ellie log nicht, sie betrog nicht. Egal, worum es ging, sie versuchte stets ihr Bestes zu geben, ehrlich zu sein und andere zu respektieren, genauso wie sie selbst von anderen respektiert werden wollte. Das ist eine schlechte Welt da draußen, sagte ihre Mutter immer. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass Ellie genauso schlecht sein musste.

»Gehen wir ins Lois?«, fragte Jen versöhnlich. Eigentlich hätte sich Ellie jetzt lieber zu Hause in ihre Lieblingsdecke eingemummelt. In einer ruhigen Bar wie dem Lois den Abend mit einem Glas Wein ausklingen zu lassen, war aber auch keine schlechte Idee. Der Tag war ohnehin schon gelaufen. Heute würde sie keinen anständigen Text mehr schreiben können.

Sie machten sich zu Fuß auf den Weg. Ellie kannte alle Bars und Restaurants im East Village. Hier fand sie sich blind zurecht.

Nachdem sie fünf Minuten lang schweigend die Straße entlanggegangen waren, platzte wieder ein »Oh mein Gott!« aus Jen heraus.

»Kannst du vielleicht auch mal was anderes sagen?«, murrte Ellie.

»Ich kann’s nicht fassen, dass er dich geküsst hat! Das ist unglaublich!«

»Ja, das ist es wirklich. Warum macht er denn so was?« Diese Frage war ihr zuallererst durch den Kopf geschossen.

»Vielleicht dachte er, du würdest von ihm geküsst werden wollen?«, scherzte Jen.

»Aber klar doch!«