Liebe mit Nebenwirkungen - Sassika Büthe - E-Book

Liebe mit Nebenwirkungen E-Book

Sassika Büthe

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Beschreibung

Tina ist 34 Jahre und seit fast zwei Jahren Single. Sie arbeitet in einem angesehenem Hotel und Restaurant als Küchenhilfe, dort lernt sie Henry kennen. Nach einem anfangs harmlosen Abend und etwas zu viel Alkohol, verbringt sie die Nacht mit Henry. Sich einfach heimlich davonstehlen ist aussichtslos, denn Henry ist nicht nur ihr Kollege, sondern Koch in dem Hotel und somit irgendwie auch ihr Vorgesetzter. Nicht schlimm genug, so ist er zudem aber auch noch der Neffe ihrer etwas schrägen und schwierigen Chefin. Doch trotz ihrer guten Vorsätze, so etwas nicht noch einmal passieren zu lassen, beginnen sie eine heimliche Affäre miteinander. Die Situation in der Küche spitzt sich daraufhin immer mehr zu und es kommt zu großen Schwierigkeiten, als die beiden ihr Verhältnis schließlich zugeben. Henry entschließt sich wieder in seinen Heimatort zurückzukehren und Tina zurückzulassen.Das Problem ist nur, dass Tina sich in Henry verliebt hat, doch Henry fährt trotzdem fort. Tina ist am Boden zerstört und muss plötzlich auch noch feststellen, dass sie schwanger ist.

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Sassika Büthe

Liebe mit Nebenwirkungen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Epilog

Impressum neobooks

Kapitel 1

Tina erwachte mit heftigen Kopfschmerzen. Langsam öffnete sie die Augen und musste erschrocken feststellen, dass die letzte Nacht nicht bloß ein Traum gewesen war. Sie lag tatsächlich nackt im Bett und es war ganz gewiss nicht ihr Bett, in dem sie sich befand. Es war auch nicht ihr Schlafzimmer oder ihr Haus. Sie befand sich in einem Hotelzimmer, um genau zu sein in dem Hotel, in dem sie arbeitete. Tina wusste auch genau in wessen Zimmer sie sich gerade befand und wer sich im angrenzenden Bad befand. Sie konnte deutlich die Dusche im Bad hören und begann sich zu fragen, ob sie sich nicht einfach heimlich aus dem Zimmer stehlen sollte. Doch das würde die Sache wohl auch nicht besser machen. Den peinlichen Moment, in dem sie Henry Janzen gegenübertreten musste, würde sie zweifelsohne über sich ergehen lassen müssen, denn sie arbeitete mit ihm zusammen in der Küche. Sie konnte also nicht einfach aus diesem Zimmer verschwinden, Henry nie wieder sehen und die letzte Nacht einfach vergessen. Wenn sie ehrlich war, wollte sie die letzte Nacht auch gar nicht vergessen. Denn auch wenn sie letzte Nacht etwas zu viel getrunken hatte, so konnte sie sich dennoch sehr gut an alles erinnern, auch daran, dass es verdammt gut gewesen war. Henry war gut gewesen und das machte es am allerschlimmsten. Es war nicht gerade so, dass sie Henry nicht mochte oder er unattraktiv war. In Wirklichkeit mochte sie Henry sogar sehr gerne und sie fand ihn auch mehr als nur attraktiv. Einige ihrer Kolleginnen waren zwar der Meinung, dass Stefan, der ebenfalls in der Küche dieses Hotels als Koch arbeitete, um einiges besser aussah. Doch Tina war nicht unbedingt gleicher Meinung gewesen, hatte ihre Einwände jedoch für sich behalten. Stefan war definitiv ein sehr attraktiver Mann mit honigblondem Haar und einem schönen Gesicht und er besaß zudem eine Menge an Charme. Sie mochte Stefan sehr gerne, doch sie fühlte sich nicht zu ihm hingezogen. Ganz anders war es ihr vom ersten Tag ergangen, an dem sie Henry zum ersten Mal begegnet war. Henry war viel mehr ihr Typ mit dunkelbraunem kurzem Haar und leuchtenden braunen Augen. Außerdem hatte er Sinn für Humor und sie waren von Anfang an auf gleicher Wellenlänge. Sie konnten über die gleichen Albernheiten lachen, wo manch einer ihrer Kollegen nur den Kopf geschüttelt hatte.

Henry war etwas größer als Stefan und sie hatte immer vermutet, dass sich unter seiner Kochuniform ein toller Körper verbarg und letzte Nacht hatte sich ihre Vermutung mehr als bestätigt. Es hatte ihr verdammt gut gefallen, ihn anzusehen und über seinen nackten harten Oberkörper zu streichen und seine warme Haut auf ihrer zu spüren. Fakt war, sie fühlte sich schon sehr zu Henry hingezogen.

Dennoch durfte es einfach nicht sein, so toll Henry auch war. Sie arbeitete Seite an Seite mit Henry zusammen in der Küche. Tina war nur eine einfache Küchenhilfe und Henry Koch. Doch er war auch der Neffe ihrer Chefin, Frau Janzen und die wäre alles andere als entzückt davon, wenn sie erfuhr, das ihre Angestellte sich nach Feierabend mit ihrem geliebten Neffen vergnügte. Sie mochte keine Liebeleien am Arbeitsplatz und auch Tina hielt davon im Allgemeinen überhaupt nichts. Sie brauchte diesen Job und wusste, was passieren konnte, wenn eine Beziehung schief ging. Sie selbst konnte da aus Erfahrung sprechen. Doch hatte sie mit Henry keine Beziehung, sondern es war lediglich ein One Night Stand, denn bis gestern Abend war zwischen ihnen nie etwas gewesen, außer dass sie zusammen arbeiteten und sich gut verstanden, auch wenn Tina sich vielleicht ein bisschen zu Henry hingezogen fühlte. Doch was das Letzte betraf, so hatte sie sich diese Gefühle immer verboten und sie wäre niemals auf die Idee gekommen, dass Henry sich ebenfalls zu ihr hingezogen fühlte. Denn so musste es wohl sein, andernfalls konnte sie sich die letzte Nacht nicht erklären. Was sie selbst betraf, so konnte sie vielleicht die Ausrede anwenden, dass es verdammt lange her war, dass sie zuletzt mit einem Mann zusammen gewesen war und sie deshalb einfach so, ohne lange nachzudenken, in Henrys Bett gelandet war. Sie konnte auch dem Wein die Schuld geben, den sie am Abend mit Henry getrunken hatte. Doch diese Ausrede schien ihr selbst ziemlich banal, da sie so betrunken nicht gewesen war, bestenfalls vielleicht angeheitert. Aber man musste wohl dem Ganzen die Schuld geben. Der ganze Abend, der so grässlich begonnen hatte, war schließlich so schön und entspannend geworden. Lange hatte sie schon keinen so netten Abend mehr, schon gar nicht mit einem Mann, der zudem noch äußert attraktiv war. Die meisten Abende verbrachte sie allein in ihrem Haus und fühlte sich oft sehr einsam. Auch gestern hatte sie nach Feierabend mit dem Bus zu ihrem Haus fahren wollen, in dem niemand auf sie wartete bis auf ihr Kater Spencer, der jedenfalls ein treues männliches Wesen in ihrem Leben war. Sie rekonstruierte noch einmal den gestrigen Tag.

Schon am Morgen lief alles schief. Es hatte den halben Vormittag wie aus Eimern geschüttet und ihren Dachboden unter Wasser gesetzt. Schon seit einigen Wochen hatte sie das Leck an einer Stelle ihres Daches entdeckt, wo Regenwasser eindrang. Zur Vorsorge hatte sie immer einen Eimer unter dem Leck stehen und von Zeit zu Zeit musste sie ihn ausleeren. Aber am gestrigen Morgen hatte sie die Eimer stündlich ausleeren müssen. Es wurde dringend Zeit, dass sie das Dach reparieren ließ. Es hatte dann schließlich noch rechtzeitig aufgehört zu regnen, als sie sich zur Arbeit aufmachte.

Doch ihr Tag schien auch dort nicht besser zu werden. Erst schnitt sie sich mit dem Messer in den Finger und wenig später musste sie mal wieder die Launen ihrer etwas schwierigen und leicht aufbrausenden Chefin ertragen. Tina kannte Frau Janzen jetzt schon seit ein paar Jahren und wusste, dass sie von Zeit zu Zeit Dampf an ihren Angestellten abließ. Doch wie man ein Geschäft zu führen hatte, wusste Frau Janzen sehr genau, das musste man ihr lassen. Sie verlangte viel von ihren Angestellten, es war eben ein ziemlich angesehenes Hotel und Restaurant an der deutschen Nordseeküste, das sie betrieb und es hatte durchaus seinen Grund, warum ihr Hotel so angesehen war. Sie legte großen Wert auf Ordentlichkeit, Teamfähigkeit und Engagement. Als Gegenleistung setzte sie viel Vertrauen in ihre Angestellten und die Bezahlung war zudem auch sehr gut.

Tina hatte also die Schimpftiraden über sich ergehen lassen und ihren Mund gehalten. Sie war nur froh, dass Frau Janzen die nächsten drei Wochen auf Geschäftsreise war und sie somit keine solcher Ausbrüche ihrer Chefin ertragen musste. Im Allgemeinen musste Tina zugeben, dass es sie selten traf. Frau Janzen war ansonsten immer recht zufrieden mit ihrer Arbeit und sie wusste, was Tina leistete.

Zum guten Schluss hatte sie dann noch ihren Bus verpasst, da Frau Janzen noch einen langen Vortrag gehalten hatte, da sie die nächsten Wochen nicht im Lande war. Frau Janzen war oft für einige Zeit beruflich unterwegs und es lief ansonsten immer alles glatt. Doch jedes Mal hielt sie aufs Neue ihre Rede und gerade am gestrigen Abend fiel diese dann auch noch besonders lang aus. Doch Tina hatte es nicht gewagt, ihren Mund aufzumachen, nachdem sie der schlechten Laune ihrer Chefin an diesem Tag bereits einmal ausgesetzt gewesen war. Danach war sie schnell zur Bushaltestelle gelaufen, doch der Busfahrer hatte direkt vor ihrer Nase die Türen geschlossen und war ohne sie davongefahren. Sie hatte noch eine Weile dem Bus fassungslos hinterher gestarrt und überlegt, wie sie nun nach Hause kommen sollte. Da es schon recht spät war, war es der letzte Bus, der in diese Richtung fuhr. Sie überlegte kurz, ob sie ihre Eltern anrufen sollte, damit sie Tina abholten konnten, verwarf diesen Gedanken jedoch wieder. Es war schon spät und ihre Eltern gingen meist früh ins Bett. Es blieb ihr wohl oder übel keine andere Wahl, als sich ein Taxi zu rufen. Doch als Tina in ihre Handtasche griff, musste sie zu allem Überfluss auch noch feststellen, dass sie ihr Handy zu Hause vergessen hatte.

„Verdammter Mist“, fluchte Tina. Hinter ihr hörte sie plötzlich ein leises Lachen und eine vertraute Stimme.

„Was ist los, hast du den Bus verpasst.“ Tina drehte sich um und sah in Henrys Gesicht. Ihr entging nicht, dass er sich köstlich über sie amüsierte und er grinste sie frech an. Tina musste ebenfalls lächeln, auch wenn ihr jetzt gerade nicht danach zumute war. Aber sein Lächeln war ansteckend.

„Das ist nicht lustig, das war der letzte Bus für heute Abend. Der nächste fährt erst morgen früh.“

„Zu dumm. Ich würde dich ja gerne nach Hause fahren, aber mein Wagen ist gerade in der Werkstatt.“

„Tja, das passt zu meinem heutigen Tag. Trotzdem danke. Du hast nicht zufällig ein Handy dabei, damit ich mir ein Taxi rufen kann, oder?“

„Nein, aber ich habe ein Telefon in meinem Zimmer“, grinste Henry. Tina lächelte unwillkürlich zurück. Sie liebte die Wortspielchen mit Henry, zudem schaffte er es fast jedes Mal sie aufzuheitern. Sie spielte also sein Spiel mit.

„Ach wirklich?“

„Mmh… ja.“

„Ist ja echt ein starkes Stück, dass du tatsächlich ein Telefon in deinem Zimmer hast. Meinst du, ich könnte es vielleicht kurz benutzen?“

„Ach, ich weiß nicht, da muss ich erst mal überlegen... ähm nein.“

Tina lachte auf beim Anblick seines ernsten Blicks, auch wenn sie sah, dass seine Mundwinkel verdächtig zuckten.

„Blödmann, nun komm schon, ich kann schließlich nicht hier auf der Straße schlafen.“

Henry überlegte kurz übertrieben angestrengt.

„Na gut, aber später. Zuerst gehen wir noch etwas trinken.“

Damit hatte er Tina dann doch tatsächlich überrascht. Das Späße machen kannte sie von ihm, doch es schien ihm ernst zu sein. Tina war sich nicht sicher und sie wollte eigentlich lieber nach Hause.

„Ich weiß nicht Henry, ich möchte eigentlich gerne nach Hause.“

„Ach komm schon Tina. Seien wir doch mal ehrlich, es wartet niemand auf uns und ich bin es leid, ständig allein in meinem Zimmer zu sitzen und durch die Fernsehkanäle zu zappen. Lass uns kurz ein Glas Wein zusammen trinken und dann rufen wir dir ein Taxi.“

Tina ließ sich erweichen. Schließlich hatte er ja auch Recht. Es wartete niemand auf sie beide. Tina hatte natürlich noch ihre Familie und Freunde, doch sie wusste, dass Henry hier niemanden kannte. Er kam nicht von hier. Seine Familie und Freunde lebten weit fort in Österreich, wo genau wusste Tina nicht. Außerdem war er auch gerade erst ein halbes Jahr hier und hatte somit noch nicht sehr viel Zeit gehabt, um hier Freundschaften zu knüpfen.

„Na gut, aber nur ein Drink.“

„Natürlich und dann rufen wir dir ein Taxi.“

Sie gingen in ein nähergelegenes Lokal und setzten sich an einen kleinen Tisch in einer ruhigen Ecke. Sie hatten natürlich nicht nur ein Glas Wein getrunken, es waren am Ende etwas mehr geworden, doch Tina hatte den Abend sehr genossen. Sie hatten beide kaum über sich selbst gesprochen, sondern die meiste Zeit über die Arbeit und einfach so herumgealbert. Vor allem hatten sie viel gelacht, Tina wusste im Nachhinein gar nicht mehr so genau, worüber eigentlich, doch so viel wie an diesem Abend, hatten sie überhaupt noch nicht miteinander gesprochen.

Schließlich hatten sie das Lokal wieder verlassen und waren zum Hotel, in dem Henry zur Zeit noch ein Zimmer bewohnte, zurückgeschlendert. Sie waren durch den Hintereingang hinauf zu Henrys Zimmer gegangen und nachdem Tina sein Zimmer betrat, sah sie sich erst einmal um. Sie war noch nie hier oben in seinem Zimmer gewesen. Sie kannte wohl die Zimmer des Hotels, doch sie hatte vermutet, dass dieses Zimmer weniger wie ein Hotelzimmer aussehen würde, als die üblichen Zimmer, welche für die Hotelbesucher zur Verfügung standen. Aber im Großen und Ganzen unterschied es sich nicht von den üblichen Zimmern. Es waren kaum persönliche Gegenstände zu sehen und Tina fragte sich, wie er so lange in so einem Zimmer wohnen konnte. Warum suchte er sich nicht eine Wohnung, er war nun schließlich bereits seit einem halben Jahr hier. Plötzlich stand Henry dicht hinter ihr. Sie zuckte zusammen und drehte sich erschrocken zu ihm um. Dabei stießen sie zusammen und sie standen sich mit einem Mal furchtbar nah. Ihre Körper berührten sich leicht und sein Gesicht war dem ihren ebenfalls ziemlich nah. Henry hielt die Hand hoch und streckte ihr sein Telefon entgegen.

„Hier, das Telefon“, sagte er nur.

„Äh, danke“, stammelte sie und nahm ihm das Telefon aus der Hand. Dabei berührten sich ihre Hände und Tina sah wieder auf. Wieder begegnete sich ihre Blicke und im nächsten Moment spürte sie seine Lippen auf ihren. Tina erwiderte seinen Kuss zunächst zaghaft, doch im nächsten Moment vergaß sie ihre guten Vorsätze, nichts mit einem Kollegen anzufangen. Henrys Zunge schob sich durch ihre leicht geöffneten Lippen. Er schmeckte nach Wein und mehr und sie erwiderte seinen leidenschaftlichen Kuss. Henry nahm ihr das Telefon aus der Hand und schmiss es aufs Sofa. Dann umfasste er ihre Taille und zog sie näher zu sich heran. Tina legte ihm ihre Hände um den Nacken und fuhr mit den Fingern durch sein Haar. Für einen kurzen Augenblick war Tina der Gedanke gekommen, sich zurückzuziehen und nach Hause zu fahren, doch in dem Augenblick als Henrys Hand ihren Busen durch den dünnen Stoff ihrer Bluse streichelte, vergaß sie den Gedanken augenblicklich und gab sich Henry und dem Augenblick hin. Wenige Augenblicke später hatten sie sich ihre Klamotten vom Leib gerissen und waren auf Henrys Bett gelandet und hatten sich geliebt. Anschließend waren sie eng aneinandergekuschelt eingeschlafen. Sie hatten nicht viel geredet, sondern einfach nur den warmen Körper des anderen genossen.

Kapitel 2

Doch jetzt am nächsten Morgen schämte Tina sich auf einem Mal entsetzlich für ihr Verlangen am Abend zuvor. Aber aus dem Bett zu springen und einfach aus diesem Zimmer zu verschwinden war völlig zwecklos. Trotzdem schlug sie die Bettdecke zurück und stand auf. Sie sah auf die Uhr und musste erschrocken feststellen, dass sie in einer halben Stunde bereits wieder arbeiten musste Hastig suchte sie ihre Kleidungsstücke zusammen und zog sich an.

Gerade als sie den letzten Knopf ihrer Bluse zuknöpfte, wurde die Badezimmertür geöffnet und Henry stand vor ihr mit nacktem Oberkörper und lediglich einer Boxershorts bekleidet.

„Guten Morgen“, sagte Henry und lächelte sie an. Tina sah beschämt zu Boden und murmelte leise:

„Morgen.“

„Muss du schon gehen?“, fragte Henry und ging an ihr vorbei um zu seinen Kleiderschrank zu gelangen.

„Ja, ich muss arbeiten.“

„Heute morgen schon?“ Henry streifte sich ein T-Shirt über und sah zu ihr hinüber.

„Ja, ich habe heute meinen Dienst mit Julia getauscht, weil sie heute Morgen einen Arzttermin hat. Musst du auch jetzt arbeiten?“

„Nein, aber ich muss meinen Wagen aus der Werkstatt holen.“ Sie sah kurz zu Henry auf und ihre Blicke begegneten sich für einen Augenblick. Tina wandte sich verlegen ab und sah sich im Raum nach ihrer Jacke um.

„Gut, dann werde ich jetzt runter in die Küche gehen“, sagte Tina, hob ihre Jacke vom Boden auf und ging zur Tür.

„Ja, wir sehen uns dann später“, sagte Henry und kam ihr entgegen. Er öffnete einen Spalt die Tür und hauchte ihr einen scheuen Kuss auf den Mund. Tina atmete kurz seinen Duft ein und schlüpfte dann durch den Türspalt hinaus. Leise schloss sie die Tür von außen und schlich sich davon, ehe sie noch jemand hier im Flur sah. Sie lief hinunter in die Küche und band sich ihre Schürze um.

Sie hatte allerdings nicht geahnt, dass genau in dem Augenblick, als sie aus Henrys Zimmer schlich, Stefan aus der oberen Etage die Treppe herunter kam. Doch bevor er mit ihr zusammentraf versteckte er sich schnell hinter einer Wand und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Als er wieder hinter der Wand hervorsah, war Tina schon nach unten verschwunden. Doch er war sich ziemlich sicher, Tina erkannt zu haben, und sie war eindeutig aus Henrys Zimmer geschlichen. Der Schreck saß ihm noch in den Knien als er ebenfalls hinunter in die Küche ging. Sie begrüßte ihn, als wäre nichts gewesen, also hatte sie ihn nicht entdeckt, worüber er schon mal erleichtert war. Doch es war nicht zu leugnen, dass sie die letzte Nacht nicht zu Hause geschlafen hatte, denn sie trug eindeutig noch die gleichen Klamotten wie am Tag zuvor.

Tina versuchte sich den ganzen Morgen krampfhaft auf ihre Arbeit zu konzentrieren, doch ständig schweiften ihre Gedanken wieder ab. Ihr ging einfach nicht die letzte Nacht aus dem Kopf und wo Henry sie überall berührt hatte. Gott, wie hatte das nur passieren können? Wie sollte sie jetzt wieder mit ihm zusammenarbeiten, ohne dass ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Würden sie überhaupt darüber reden oder einfach so tun, als wäre nichts geschehen? Oder würde die letzte Nacht vielleicht sogar irgendwelche Veränderung zu ihrer jetzigen Beziehung herbeiführen und wenn ja, welche? Tina selbst hatte keine Ahnung, was sie sich überhaupt mehr wünschte. Sie war völlig verwirrt.

Gegen Mittag, kurz bevor ihre Schicht endete, betrat Henry dann die Küche. Er band seine Schürze hinter seinem Rücken zusammen und besprach kurz mit Stefan, was nun genau anstünde, ehe auch Stefan Feierabend machen konnte. Tina sah von Zeit zu Zeit zu Henry hinüber und versuchte eine Reaktion zu erahnen. Doch Henry sah kein einziges Mal zu ihr auf. Sie erledigte noch ihre Arbeit mit der sie gerade begonnen hatte. Gerade als sie mit ihrer Arbeit fertig war, ging Henry an ihr vorüber und sagte leise:

„Hallo Tina.“

„Hi“, murmelte Tina zurück und musste erschrocken feststellen, dass ihr Herz wie verrückt zu schlagen begann. Sie ärgerte sich über sich selbst und dass sie so verkrampft war. Wie konnte nur eine einzige Nacht alles verändern. Vorbei war die Lockerheit.

Tina wusch sich die Hände sauber und ging noch einmal zu Henry hinüber, der bereits am Herd stand und kochte.

„Brauchst du noch irgendwas? Kann ich noch was tun?“

„Nein, danke“, sagte Henry und sah nur einmal kurz zu ihr auf.

„Gut, dann mache ich jetzt Feierabend.“

„Ja, in Ordnung. Bis morgen“, sagte Henry und schwenkte die Pfanne.

„Bis morgen.“

Tina öffnete ihre Schürze und sah sich noch einmal verstohlen nach Henry um. Henry war bereits vollends in seiner Arbeit versunken und rannte in der Küche hin und her und schenkte ihr nicht mal einen Blick. Frustriert ging Tina in den Umkleideraum und riss sich die Schürze vom Körper. Warum war sie auf einem Mal so enttäuscht. Was hatte sie denn erwartet. Sie hatten eine schöne Nacht miteinander verbracht, mehr aber auch nicht. Zumindest hatte sie die letzte Nacht als schön empfunden, aber vielleicht ging es Henry da ja anderes. Dennoch hätte sie zumindest ein Lächeln von ihm erwartet. Ihr stiegen unerwartet vor Enttäuschung die Tränen in die Augen. Wütend wischte sie die Tränen fort und zog ihre Jacke an.

An der Tür stieß sie mit Mareike zusammen. Mareike war Köchin in der Küche und das seit bereits mehr als zehn Jahren. Außerdem war sie seit einigen Jahren Tinas beste Freundin und nur durch Mareike war Tina zu diesem Job gekommen.

„Hallo Tina“, begrüßte ihre Freundin sie und nahm sie stürmisch in die Arme. Die beiden Freundinnen konnten in ihrem Aussehen nicht unterschiedlicher sein. Mareike war in etwa so groß wie Tina, aber um einiges breiter. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie vielleicht etwas zu viel Speck auf den Rippen hatte und sie ließ sich gutes Essen nicht abspenstig machen. Abgesehen von ihrer etwas rundlichen Figur hatte Mareike ein sehr hübsches Gesicht und lange blonde Locken, die ihr die meiste Zeit widerspenstig im Gesicht hingen, außer beim Kochenband sie ihr Haar zu einem Zopf zusammen. Tina liebte Mareike über alles. Sie war der liebenswürdigste Mensch den sie kannte und wohl auch der lustigste. Sie hatten sich vom ersten Moment an gut verstanden. Auch wenn sie ein sehr ungleiches Paar abgaben.

Abgesehen nämlich von ihrer Größe hatten sie nichts gemein. Tina war sehr schlank, hatte einen schmalen Hintern, um den Mareike sie jeden Mal aufs Neue beneidete. Mareike hatte dafür aber einen anständigen Busen, womit sie gegen Tina auftrumpfen konnte. Nicht, dass Tina gar keinen Busen gehabt hätte, aber eben nicht so üppig wie der von Mareike.

Tinas Haar war zwar auch lang, doch nicht so lockig wie Mareikes Haar und obendrein war sie brünett. Alles in allem, konnte man Tina wohl schon als gutaussehend bezeichnen. Auch wenn Tina das etwas kritischer sah, so wusste sie doch, dass sie bei Männern gut ankam, wenn vielleicht auch immer nur für kurze Zeit.

Mareike ließ sie wieder los und sah Tina fragend an.

„Geht es dir gut? Ist etwas passiert?“

„Nein, es ist alles in Ordnung, warum?“

„Du sieht etwas zerknirscht aus. Hast du geweint?“

„Nein“, log Tina. Sie hatte keine Lust jetzt mit ihrer Freundin zu reden. Sie musste selbst erstmal einen klaren Gedanken fassen. Außerdem war es ihr etwas peinlich, dass sie sich so hatte gehen lassen und mit Henry geschlafen hatte und vor allem, dass es sie jetzt so durcheinander brachte.

„Ich muss los, Mareike. Wir sehen uns morgen.“

„Gut, ruf mich an, wenn du reden willst“, rief Mareike ihr noch hinterher, doch Tina schloss bereits die Tür hinter sich zu. Tina kannte Mareike sie ziemlich gut, aber sie war noch nicht bereit, mit ihr jetzt darüber zu reden. Sie wollte jetzt einfach nur nach Hause, ihren Kater füttern und ein langes heißes Bad nehmen.

Kapitel 3

Auch den restlichen Tag über musste sie ständig an Henry denken und auch wenn sie es nicht gerne zugab, so musste sie sich eingestehen, dass sie doch etwas enttäuscht über Henrys Reaktion war oder besser gesagt seine nicht vorhandene Reaktion. Sie spielte sogar mit dem Gedanken Henry einfach anzurufen, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Zum einen wollte sie ihn nicht nerven und wie eine Glucke hinterher telefonieren und zum anderen war Tina sich nicht sicher, ob Henry womöglich noch arbeitete. Mitunter konnten die Spätschichten ziemlich spät werden. Im Übrigen hätte Tina auch gar nicht gewusst, was sie hätte sagen sollen. Sie widerstand den Drang und ließ es also bleiben ihn anzurufen. Tina war nur froh, dass morgen ihr freier Tag war und sie Henry nicht so schnell wieder begegnen musste und erst einmal einen klaren Kopf kriegen konnte.

Es war bereits dreiundzwanzig Uhr, als plötzlich ihr Telefon klingelte. Tina, die auf ihrer Couch vor dem Fernseher eingeschlummert war, schrak überrascht auf. Ihr Kater Spencer hatte eben noch seelenruhig auf ihren Beinen geschlafen und suchte nun verschreckt das Weite. Tina sah auf ihre Uhr und begann augenblicklich sich Sorgen zu machen. Um diese Uhrzeit rief sonst niemand mehr an. Sie nahm den Telefonhörer zur Hand und sah auf das Display, doch die Telefonnummer, die dort stand, konnte Tina nicht einordnen.

„Hallo“, sagte sie zaghaft in den Hörer.

„Hallo, hier ist Henry“, kam es ebenso zaghaft von der anderen Seite. Tina war augenblicklich hellwach, sagte jedoch kein Wort.

„Tina? Bist du noch da?“

„Äh… ja. Was ist los?“

„Ich… ich weiß auch nicht. Ich meine, vielleicht sollten wir reden, oder?“

„Mhm… da hast du wohl Recht.“

„Hast du jetzt Zeit oder warst du schon im Bett.“

„Nein im Bett war ich noch nicht und ja ich hätte jetzt Zeit.“

„Ehrlich? Okay, wo treffen wir uns?“ Tina überlegte kurz, doch wenn sie jetzt noch mit dem Bus in die Stadt fuhr, würde sie wieder einmal auf ein Taxi angewiesen sein, um nach Hause zu kommen. Deshalb sagte sie:

„Warum kommst du nicht einfach zu mir… ich meine dein Auto ist doch wieder aus der Werkstatt, oder?“

„Ja, ich habe ihn wieder und ich komme gerne, wenn es für dich wirklich in Ordnung ist.“

„Ja. Weißt du, wo ich wohne?“

„Nein nicht genau. Sag mir noch einmal die Straße und dann mache ich mich sofort auf den Weg.“

Tina nannte Henry ihre Adresse und gab noch eine kurze Wegbeschreibung dazu, da sie in einem recht kleinen Dorf wohnte und Henry sich hier nicht allzu gut auskannte. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, begann Tinas Herz augenblicklich wieder wie verrückt zu schlagen. Sie sah an sich herunter und musste erschrocken feststellen, dass sie ihre Schlapperjogginghose und ein verwaschendes graues T-Shirt trug. Was Henry ihr auch immer zu sagen hatte, so in diesem Aufzug wollte sie ihn beim besten Willen nicht empfangen. Tina rannte nach oben in ihr Schlafzimmer und tauschte ihre Jogginghose in eine Jeans und ihr graues T-Shirt in ein rosafarbenes eng anliegendes T-Shirt mit V-Ausschnitt.

Zwanzig Minuten später klingelte es bereits an der Haustür und Tina rannte die Treppe hinunter. Bevor sie die Tür öffnete, warf sie noch einen kurzen Blick in den Spiegel und fuhr sich mit Hand kurz durchs Haar.

Dann öffnete sie die Tür und Henry stand vor ihr und der erste Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, war: „Gott sieht er gut aus.“ War ihr vorher eigentlich je aufgefallen, wie gut er wirklich aussah? Er trug eine lässige ausgewaschene blaue Jeans und ein schlichtes weißes T-Shirt. Sein Haar hing ihm zerzaust in die Stirn und um die Augen herum sah er müde aus. Dennoch hatte Tina einige Schwierigkeiten ihren Blick von ihm abzuwenden.

„War es ein langer Abend heute? Du siehst ein wenig müde aus.“

„Ja, war viel zu tun heute. Darf ich reinkommen?“

„Äh, klar… natürlich. Komm rein. Entschuldige.“

Tina ging zur Seite und ließ ihn eintreten. Henry wirkte in ihrem kleinen engen Flur riesig und Tina dirigierte ihn in ihr Wohnzimmer.

„Möchtest du ein Glas Wein oder vielleicht etwas anderes.“

„Ein Glas Wein ist okay, vielen Dank.“ Tina ging in ihre Küche und kam wenige Augenblicke mit zwei Gläsern Wein zurück. Sie trat zu Henry heran und überreichte ihm sein Glas.

„Danke“, sagte er und lächelte sie an, wobei Tinas Knie augenblicklich weich wurden. Warum war das auf einem Mal so? Vor letzter Nacht war es ihr noch nicht so ergangen. Oder hatte sie es nur bis jetzt noch nicht wahrgenommen? Sie führten beide gleichzeitig ihr Glas an ihre Lippen. Henry nahm einen kleinen Schluck Wein, Tina leerte das halbe Glas in einem Zug. Gott, warum war sie nur plötzlich so nervös.

Henry sah sich in ihrem Wohnzimmer um. Ihr Wohnzimmer war von allen Räumen das größte Zimmer. Tina liebte dieses Zimmer und es strahlte eine ganz besondere Gemütlichkeit aus mit ihren alten antiken Möbeln und dem besonders schönen alten Parkett. Ein großer Esstisch stand vor der großen Fensterfront, wo man in ihren großen und ebenfalls gemütlichen Garten sehen konnte. Im Augenblick war es aber draußen viel zu dunkel, um irgendetwas erkennen zu können.

„Hier wohnst du also?“

„Ja“, sagte Tina und sie sah Henry lächelnd an. Henry erwiderte ihr Lächeln und kam ein Schritt auf Tina zu. Für Tinas Begriff stand er ihr nun viel zu nah, doch er sah sie weiter an und es war ihr nicht möglich seinem Blick zu entkommen. Langsam beugte Henry sich zu ihr herüber und gab ihr einen sanften Kuss auf die Lippen. Tina schloss die Augen und erwiderte seinen Kuss zaghaft. Henry zog sich ein wenig zurück und Tina öffnete sofort wieder ihre Augen. Doch Henry hatte nicht vor aufzuhören, wie sie vermutet hatte. Stattdessen nahm er ihr Glas aus der Hand und stellte beide Gläser auf den Couchtisch, der neben ihnen stand. Dann kam er wieder näher und schlang seinen rechten Arm um ihre Taille. Henry zog sie näher an sich heran und im selben Augenblick umschloss sein Mund wieder den ihren, dieses Mal viel inniger und hungriger. Soviel zum „wir müssen miteinander reden“. Dazu würde es dann wohl heute nicht mehr kommen, dachte Tina.

Damit hatte sie auch richtig gedacht. Während sie sich gegenseitig die Klamotten vom Leib rissen, bugsierte Tina ihn langsam nach oben. Als sie ihr Schlafzimmer erreicht hatten, waren bereits beide nackt.

Plötzlich stoppte Henry bevor sie ihn mit sich auf ihr Bett ziehen konnte. Er machte sich von ihr los und murmelte in ihr Ohr:

„Warte. Lauf nicht weg. Bin gleich zurück.“

Tina sah ihm verwirrt hinterher und sie hörte ihn die Treppe hinunterlaufen. Wenig später war er jedoch wieder bei ihr und hielt strahlend eine Kondompackung in die Höhe. Daran hatte Tina gar nicht gedacht, und wenn Henry letzte Nacht nicht so umsichtig gewesen wäre und noch in letzter Minute daran gedacht hätte, ein Kondom zu benutzen, hätte sie es wohl auch schon letzte Nacht vergessen. Was war bloß mit ihr los? Sie war ansonsten immer absolut vorsichtig gewesen und hatte immer penetrant darauf geachtet, keinen ungeschützten Sex zu haben. Bei Henry schien sie es einfach zu vergessen.

Nachdem Henry sich ein Kondom übergestreift hatte kam er endlich zu ihr ins Bett und sie liebten sich wie schon am Tag zuvor. Doch dieses Mal war es fast noch schöner, da sie sich mit ihrem Liebesspiel viel mehr Zeit ließen und den Augenblick voll auskosteten bis sie schließlich gemeinsam den Höhepunkt erreichten.

Sie liebten sich in dieser Nacht noch ein zweites Mal bis sie schließlich erschöpft und müde aneinandergekuschelt einschliefen. Geredet hatten sie natürlich nicht. Aber es war im Augenblick auch unwichtig. Es war beiden schnell klar geworden, dass es nicht bloß ein One Night Stand bleiben sollte und worauf die ganze Geschichte hinaus laufen würde, konnte noch niemand von beiden beantworten. Tina genoss im Augenblick einfach Henrys Nähe und das Wissen nicht allein in ihrem Bett zu schlafen. Jetzt, wo sie ihre guten Vorsätze, nichts mit Arbeitskollegen anzufangen, bereits gebrochen hatte, war es ohnehin egal.

Kapitel 4

Nach langer Zeit wachte Tina am nächsten Morgen in ihrem Bett wieder einmal nicht alleine auf. Sie spürte deutlich einen zweiten Körper auf der anderen Seite ihres Bettes. Mit einem Lächeln räkelte sie sich im Bett. Im selben Moment umschlang Henrys Arm ihre Taille und rückte ein Stückchen näher an sie heran.

„Guten Morgen“, raunte er ihr ins Ohr. Langsam öffnete Tina ihre Augen und drehte sich zu Henry um. Henry sah sie lächelnd an und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen.

„Guten Morgen.“

„Gut geschlafen?“

„Mmh, sehr gut. Danke“, murmelte Tina dicht an Henrys Lippen und schlang ihre Arme um Henrys Nacken um ihn dichter an sich heranzuziehen. Sie küssten sich eine halbe Ewigkeit, ehe sich Henry plötzlich aufsetzte und sagte:

„Hey, hast du heute nicht auch deinen freien Tag?“

„Ja, du etwa auch?

„Ja, was hältst du davon, wenn wir einen Ausflug machen?“

Tina musste lachen bei soviel freudiger Energie, die von Henry ausging,

„Gut von mir aus, woran hast du denn gedacht?“

„Ich weiß nicht genau, aber wie wäre es mit einer Schifffahrt, vielleicht nach Helgoland. Ich habe mir sagen lassen, dass es dort wunderschön sein soll. Ich bin jetzt schon eine ganze Weile hier, doch ich hatte kaum Gelegenheit mal den Strand zu genießen oder mit dem Schiff hinauszufahren.“

Tina lachte.

„Mit dem Schiff bin ich auch schon seit Jahren nicht mehr gefahren und auf Helgoland war ich bestimmt schon seit zehn Jahren nicht mehr.“

„Du wohnst so dicht am Meer und bist seit Jahren nicht mit dem Schiff gefahren?“

Tina dachte kurz nach. „Nein, aber wenn man am Meer aufgewachsen ist, sieht man, glaube ich, die schöne Dinge, die das Meer mit sich bringt, manchmal gar nicht mehr.“

„Wirklich? Ich glaube ich wäre ständig auf See, wenn ich hier leben würde.“

„Aber das tust du doch, hier leben meine ich.“

„Ja schon, aber bisher habe ich nur gearbeitet und alleine macht es nicht halb so viel Spaß. Also, was sagst du nun, machen wir diesen Ausflug? Komm schon, sag ja.“

Tina lachte auf, als sie Henrys Gesicht sah, das dem eines Kindes im Augenblick sehr ähnelte und dem man eine Bitte unmöglich abschlagen konnte.

„Gut… ja, wir fahren. Aber vorher mache ich uns Frühstück“, sagte Tina und schlang die Beine aus dem Bett.

„Super“, jubelte Henry und sprang ebenfalls aus dem Bett.

Tina zog sich einen Morgenmantel über und während sie die Treppe hinunterging, hob sie im Vorbeigehen die herumliegenden Klamotten vom Boden auf, die sie am Abend im ganzen Haus verteilt hatten. Während Henry unter der Dusche stand, deckte Tina den Tisch. Kurze Zeit später saßen sie beide am Frühstückstisch und genossen das gemeinsame Frühstück. Hin und wieder sahen sie einander lächelnd über den Tisch hinweg an, doch ansonsten sprachen sie nicht allzu viel. Tina hatte seit langem nicht mehr so viel gegessen. Gesättigt schob sie ihr Brett weiter auf den Tisch und stand auf.

„Wenn wir noch los wollen, sollte ich mich schnell noch fertig machen und duschen.“

„Gut, ich räume währenddessen hier auf“, sagte Henry und erhob sich ebenfalls.

Als Tina wenig später frisch geduscht nach unten kam, fand sie Henry auf ihrer Terrasse wieder. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand schaute er versunken in ihren Garten. Henry zuckte leicht zusammen, als Tina hinter ihm auf die Terrasse trat. Er sah sie über seine Schulter hinweg an.

„Schön hast du es hier.“

„Ja“, sagte Tina mit einem stolzen Lächeln.

„Du fühlst dich sehr wohl hier, oder?“

Tina nickte. „Ich liebe es. Hier bin ich zuhause.“

„Beneidenswert. Ich wünschte ich könnte das gleiche von mir sagen, aber bisher habe ich mich noch nirgends je wirklich zuhause gefühlt.“

„Nicht einmal in deinem Elternhaus?“, fragte Tina leicht verwirrt. Henry wich ihrer Frage jedoch aus und schüttelt leicht mit dem Kopf.

„Können wir los?“, sagte er stattdessen nur und Tina ging nicht weiter darauf ein. Er wollte anscheinend nicht darüber reden. Also beließ es dabei.

„Klar, los geht’s.“

Sie fuhren mit Henrys Wagen bis nach Büsum, um von dort die Fähre nach Helgoland zu nehmen. Eine halbe Stunde später befanden sie sich bereits auf einem Schiff Richtung Helgoland.

Der Morgen war sehr neblig gewesen und erst so langsam klarte sich der Himmel auf und die Sonne guckte dann und wann zwischen den Wolken hervor. Es würde ein schöner sonniger Tag werden, doch als sie an Bord des Schiffes gingen war die Feuchtigkeit des Nebels noch deutlich zu spüren. Aus diesem Grund waren Tina und Henry auch einer der wenigen Fahrgäste, die sich nicht unter Deck verkrochen. Sie gingen ganz nach vorne des Schiffes und sahen schweigend dabei zu, wie das Schiff ablegte und aus dem Hafen verschwand. Sie standen dicht beieinander, doch sie berührten einander nicht, bis Henry sich plötzlich von der Reling abstieß und sanft über ihren Arm strich.

„Ich hole uns einen Kaffee, ja?“, sagte Henry dicht an ihrem Ohr. Tina nickte nur. Sie wusste nicht, worauf dieser Tag hinaus laufen sollte. Sie war sich unsicher. Zum einen wünschte sie sich Henry einfach in die Arme zu nehmen, ihn zu küssen und den Tag einfach zu genießen. Zum anderen wünschte sie, sie könnten einfach wieder zusammen ganz ungezwungen rumalbern wie früher. Am meisten aber wünschte sie, dass dieses beklemmende Schweigen zwischen ihnen endlich ein Ende haben würde und sie irgendetwas von den anderen Möglichkeiten tun konnten.

Wenige Minuten später erschien Henry wieder mit zwei Styroporbechern in der Hand. Tina stieß sich nun ebenfalls von der Reling ab und drehte sich zu Henry um. Er überreichte ihr einen Becher.

„Danke.“ Tina nahm einen kleinen Schluck und verbrannte sich ein wenig die Zunge am heißen Kaffee. Sie zuckte zusammen. Henry sah sie grinsend an.

„Heiß?“

„Ja, verdammt heiß“, lachte Tina. Dann sahen sie sich kurz in die Augen, doch Tina ließ den Blick schnell wieder zu Boden sinken. Die ganze Situation war ihr unangenehm. Sie hatte gehofft, die Fahrt würde ihr Spaß machen, doch nun war sie sich nicht mehr so sicher, ob es eine so gute Idee gewesen war.

Henry sah sie jedoch weiter an. Tina spürte seinen Blick sehr genau und hob ihren Kopf schließlich wieder ein wenig. Henry lächelte und strich zärtlich mit der Hand über ihre Wange. Bei der Berührung wurde Tina augenblicklich heiß.

„Wie kommt es eigentlich, dass du nicht verheiratet bist oder einen Freund hast?“, fragte Henry mit rauer Stimme.

Tina lachte leicht auf. „Mmh… ich habe ehrlich gesagt absolut keine Ahnung“, scherzte sie dann.

Henry grinste. „Ich meine es ernst, Tina. Wie kommt es, dass du alleine bist? Ich meine, du bist sehr liebenswürdig, du bist witzig und du bist hübsch.

Tina freute sich über dieses Kompliment von Henry, doch bei den letzten Worten schüttelte sie nur den Kopf. Doch Henry widersprach ihr sofort.

„Doch Tina Wagner, du bist sehr hübsch. Warum also?“

Tina lächelte. „Vielleicht will ich ja gar keinen Mann haben, hast du daran schon einmal gedacht?“

„Nein“, sagte Henry frech und grinste.

Tina wandte ihren Blick dem Meer zu. Dann sagte sie:

„Ach, weißt du Henry, dass war nicht immer so. Es gab schon mal lange Zeit einen Mann an meiner Seite.“

„Was ist passiert?“

Tina sah Henry wieder an und zuckte mit den Schultern.

„Das Übliche, denke ich. Wenn eine Beziehung schon sehr lange anhält und das anfängliche Kribbeln nicht mehr vorhanden ist, aber es plötzlich bei jemand anderem wieder auftaucht.“

„Er hat dich verlassen, oder du ich?“

„Nein, er mich.“

„Was für ein Blödmann“, sagte Henry mit ernster Miene und Tina musste erneut lachen.

„War es was Ernstes mit ihm?“

„ Ja, wir wollten heiraten.“ Tina lachte bitter auf, bevor sie weiter sprach. „Er hat mich praktisch vorm Altar stehen lassen.“

„Im ernst?“

„Na, nicht ganz. Eine Woche vor unserer Hochzeit hat er seine Sachen gepackt und ist gegangen, aber es hat sich ähnlich angefühlt.“

„Das tut mir leid“, sagte Henry aufrichtig. Tina lächelte ihn gequält an. Es tat immer noch weh, darüber zu sprechen. Sie trank einen weiteren Schluck von ihrem mittlerweile abgekühlten Kaffee und sah wieder hinaus aufs Meer. Die Sonne stieß erneut durch die Nebelwaden hervor. Tina schloss für einen Augenblick die Augen und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Dann sah sie Henry wieder an und begann zu erzählen.

„Ich kannte Tim schon eine ganze Weile, ehe wir ein Paar wurden. Ich habe ihn durch meinen Bruder kennen gelernt, kurz nachdem ich gerade eine recht unschöne Beziehung hinter mir hatte. Wir waren anfangs nur gute Freunde und sind zusammen mit meinem Bruder und zwei, drei anderen Freunden oft um die Häuser gezogen, ehe wir anfingen miteinander auszugehen. Irgendwann haben wir dann herausgefunden, dass wir ähnliche Ansichten vom Leben hatten und bald mussten wir feststellen, dass wir mehr füreinander empfanden, als nur Freundschaft. Nach einem Jahr sind wir zusammen in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen, und wir haben uns wunderbar verstanden. Streit gab es bei uns so gut wie nie. Wir waren uns beide einig, dass wir Kinder wollten, doch Tim hatte darauf bestanden zuerst ein Haus zu kaufen. Die Haussuche wurde aber ziemlich schwierig, und dann ergab es sich, dass meine Großmutter mir ihr Haus vermachte. Für mich war sofort klar, dass ich in ihrem alten Haus leben wollte, ich hatte dieses Haus schon als Kind immer geliebt. Tim wollte hingegen unbedingt ein eigenes Haus kaufen, aber da wir nichts geeignetes fanden und er merkte, wie wichtig es mir war, ließ er sich schließlich doch dazu überreden. Es war natürlich eine Menge an dem alten Haus zu machen. Wir haben viel Geld in das Haus hineingesteckt und es von Grund auf saniert, bevor wir überhaupt eingezogen sind. Doch dann wurde alles gut und wir haben uns beide schnell eingelebt und uns ziemlich wohl gefühlt. Zumindest hatte ich angenommen, dass Tim sich ebenso wohlfühlte wie ich, denn kurz nachdem wir eingezogen waren, hat Tim mir schließlich einen Heiratsantrag gemacht. Ich weiß nicht, was dann plötzlich passiert ist oder warum. Einen Monat vor unserer Hochzeit klingelte sein Handy und ich ging ran, warum auch nicht? Das hatte ich schon öfter getan. Doch es meldete sich niemand auf der anderen Seite. Die Telefonnummer, die auf dem Display erschien kam mir jedoch bekannt vor. Ich wusste nur nicht woher. Im Nachhinein wusste ich, dass ich die Nummer schon öfter auf dem Display unseres Telefons gesehen hatte, aber auch da schon nie einzuordnen wusste. Ich sprach Tim darauf an, doch er wich mir aus und war aufgebracht, warum ich an sein Telefon gehe. Sein Verhalten hat mich stutzig und misstrauisch gemacht, doch er sagte es wäre alles in Ordnung und er wolle mich auf jeden Fall heiraten. Eine Woche vor unserer Hochzeit, hatte er es sich dann plötzlich anders überlegt. Er gestand mir, dass er bereits seit einem halben Jahr eine Affäre hätte und er nicht wusste, wie er es mir hätte sagen sollen. Er wollte mich nicht verletzten, also hat er bis eine Woche vor unserer Hochzeit gewartet.“

„Und es hat trotzdem weh getan?“

„Ja, sehr.“ Tina sah zu Boden, da sie fürchtete, dass ihr sonst die Tränen kommen würden, so sehr verletzte es sie noch immer. Dann atmete sie tief durch und sah aufs Wasser, wo bereits in einiger Entfernung die Insel sichtbar wurde.

„Ich hatte mein Leben komplett mit ihm geplant.“

„Aber das Leben kann man nicht planen.“

„Ich weiß und trotzdem. Ich bin vierunddreißig Jahre, Henry. Ich meine, ich habe mir immer Kinder gewünscht.“

„Dafür hast du doch noch immer Zeit.“

„Ja klar, das ist ohne Mann aber vielleicht etwas schwer. Aber ich habe mich mittlerweile eigentlich schon damit abgefunden, wahrscheinlich niemals Mutter zu werden.“ Tina schwieg. Sie wollte Henry nichts von ihren Sehnsüchten auftischen. Sie wollte außerdem nicht, dass er davor zurückschrak und sich vor allem von ihr zurückzog. Es fing an ihr langsam zu gefallen, was sich zwischen ihr und Henry abspielte und wie er sie nun ansah. Sie selbst hatte mit dem Thema, Kinder zu bekommen auch tatsächlich schon längst abgeschlossen, eigentlich schon vor ihrer Trennung von Tim. Denn den Versuch mit dem Kinderkriegen hatten sie bereits hinter sich, war jedoch ohne Erfolg geblieben war. Henry riss sie plötzlich wieder aus ihren Gedanken.

„Du hast nicht damit gerechnet, dass Tim dich verlassen würde?“

„Nein, gar nicht. Wie auch immer, er hat dann seine Sachen gepackt und ist ausgezogen. Es lag dann an mir, die Hochzeit abzusagen und die Gäste wieder auszuladen. Abgesehen von den Schmerz, den ich empfand, war es zudem auch noch ziemlich peinlich.“

„Wie lange wart ihr zusammen?“

„Zehn Jahre.“

„Wow, dass ist eine lange Zeit.“

Tina lächelte und sah Henry herausfordernd an.

„Ja. Aber genug von mir. Was ist mit dir? Irgendwelche Frauen?“

Henry schüttelte den Kopf.

„Nichts, was erzählenswert wäre. Da war nie etwas Ernstes.“

Tina zog skeptisch die Stirn kraus, das konnte er seiner Großmutter erzählen.

„Ach komm schon, das glaube ich dir nicht.“

„Ist aber so“, sagte Henry und machte ein bockiges Gesicht, so dass Tina losprustete vor Lachen. Henry stimmte in ihr Lachen ein.

„Mal im ernst, ich habe dir auch von meiner grauenhaften Erfahrung erzählt.“

„Na gut. Es gab da mal Jemanden. Ihr Name war Laura und ich war wirklich verliebt in sie.“

„Weiter“, bohrte Tina, als Henry aufhörte zu reden. Henry lächelte sie an.

„Nichts weiter. Ich war siebzehn und wir sind eine Zeit lang miteinander gegangen. Dann hat sie mir das Herz gebrochen.“

„Du hältst dich ziemlich kurz mit deinen Aussagen, finde ich.“

„Was soll ich sagen, Tina? Es ist lange her, wir waren zwei Jahre zusammen, dann hatte sie die Nase voll von mir und ist gegangen. Es hat lange gedauert bis ich mich davon erholt habe und danach habe ich versucht, nie wieder jemandem mein ganzes Herz zu schenken. Danach gab es nur immer kurze Geschichten. Ich bin niemand für immer, schätze ich.“

„Das glaube ich dir nicht. Wünscht du dir nie mehr?“

„Nein, bisher bin ich damit ganz gut gefahren.“

„Mmh…“

„Wie lange bist du jetzt alleine?“

„Seit eineinhalb Jahren, aber warum sind wir jetzt schon wieder bei mir?“, fragte Tina, doch Henry ging nicht weiter darauf ein.

„Und genießt du es nicht manchmal allein zu sein? Zu tun, was du willst, ohne jemandem Rechenschaft abzulegen.“

Tina lächelte. „Manchmal. Ich denke, ich habe eine Weile gebraucht mich wieder an das Alleinsein zu gewöhnen nach so vielen Jahren Beziehung, aber ich komme auch ganz gut alleine zu recht, das stimmt. Dennoch fühle ich mich schon manchmal einsam, du nicht?“

„Ja, aber ich habe gute Freunde, zumindest in Innsbruck. Hier scheine ich nicht allzu viele Freunde zu haben. Ich hatte noch nicht viel Gelegenheit unter Menschen zu gehen und bei der Arbeit scheine ich nicht allzu beliebt zu sein.“

„Quatsch, natürlich mögen sie dich.“

„Nein nicht wirklich. Nenn mir einen Einzigen, der mich wirklich mag und nicht nur höflich zu mir ist.“

„Na, ich zum Beispiel.“

„Echt, du magst mich… wirklich, so richtig?“ Henry sah Tina lächelnd an und Tina grinste.

„Na ja, ein bisschen.“

Henry lachte und riss Tina in seine Arme. Dann beugte er seinen Kopf zu ihr hinunter und gab ihr einen langen Kuss. Tina umschlang seinen Nacken mit ihren Armen und erwiderte seinen Kuss, der so leidenschaftlich und berauschend war. Tina konnte sich nicht erinnern, jemals so geküsst worden zu sein. Das Schweigen zwischen ihnen schien nun Gott sei Dank ein Ende zu haben. Sogar rumalbern konnten sie wieder. Nun war sich Tina sicher, dass es doch, entgegen allen Erwartungen, ein guter Tag werden würde.

Nur mit Mühe konnten sie sich wieder voneinander trennen, doch sie waren die letzten Passagiere an Bord. Die übrigen waren bereits von Bord gegangen und wenn sie nicht wieder mit diesem Schiff gleich wieder ablegen wollten, mussten sie sich beeilen. Henry nahm Tinas Hand und gemeinsam rannten sie lachend zum Ausgang des Schiffes und stiegen dann in ein Börteboot, das sie an Land der Insel brachte. Das Ausbooten der Passagiere mit kleinen Booten war eine einmalige Touristenattraktion und gehörte einfach zu einem Besuch auf Helgoland dazu.

Nachdem sie trockenen Fußes die Insel erreicht hatten, gingen sie eine Weile händchenhaltend spazieren und ließen sich die Sonne auf den Kopf scheinen. Sie genossen das schöne Wetter und die wundervolle Insel mit allen ihren Schönheiten und Sehenswürdigkeiten. Sie gingen auf einen Rundweg, der auf dem Oberland entlang der Steilküste führte. Vorbei an dem von tausenden Seevögeln bevölkertem Lummenfelsen, auch Lange Anna genannt, bis hin zum Leuchtturm von Helgoland und der St.-Nicolai-Kirche. Vor allem aber genossen sie die schöne Landschaft.

Später suchten sie sich ein Restaurant und studierten die Speisekarte. Sie entschieden sich beide für ein Fischgericht Henry bestellte für sich Hummermedaillons mit Lauchkartoffen und Tina den gedämpften Heilbutt mit grünem Spargel. Dazu tranken sie Weißwein. Während des Essens sahen sie sich ständig in die Augen und mussten dann immer wieder lauthals lachen. Sie alberten wie zwei Teenager herum, und es war ihnen egal. Tina hatte sich lange nicht mehr so jung gefühlt. Erst als die Gäste der umliegenden Tische ihnen böse Blicke zuwarfen, weil sie sich gestört fühlten, ergriffen Tina und Henry die Flucht. Sie gingen zu dem kleinen Badestrand, der sich im Süden neben der Landungsbrücke befand. Als sie dort ankamen mussten sie immer noch lachen, wegen der empörten Ausrufe der Restaurantbesucher, als Henry sie lachend durch die Stuhlreihen des Restaurants gezogen hatte und Tina dabei einen Stuhl umgeworfen hatte. Henry hatte ihr keine Gelegenheit gegeben den Stuhl wieder aufzuheben. Er hatte sie einfach weitergezogen.

„Hast du gehört, was die Frau mit dem Hut gesagt hat?“, sagte Tina und wischte sich die Tränen fort, die ihr vor Lachen in den Augen standen.

„Welche Frau mit Hut? Ich habe keine Frau außer dir gesehen.“

„Sie hat gesagt, dass wir vollkommen betrunken wären und die jungen Leute von heute überhaupt kein Benehmen mehr hätten.“

„Na immerhin hat sie uns jung genannt. Ich meine, dass ist doch schon mal etwas. Ich bin schließlich schon sechsunddreißig Jahre und so jung bist du ja nun auch wieder nicht“, sagte Henry grinsend.

Tina boxte ihn auf den Arm, doch Henry hielt ihren Arm fest. Dabei gerieten sie ins Stolpern und fielen der Länge nach in den weichen Sand. Lachend lagen sie nebeneinander und sahen in den nun vollkommen blauen Himmel hinauf. Dann beugte Henry sich über Tina und gab ihr einen langen Kuss. Augenblicklich hörte Tina mit dem Lachen auf und erwiderte seinen Kuss. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass sie das alles tatsächlich mit Henry tat, ihrem Arbeitskollegen. Sie hatte sich geschworen, niemals etwas mit einem Arbeitskollegen anzufangen, niemals wieder. Aber es fühlte sich so gut an, dass sie jetzt einfach nicht damit aufhören wollte.