Verlorene Liebe - Sassika Büthe - E-Book

Verlorene Liebe E-Book

Sassika Büthe

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Beschreibung

Julia ist gerade mal siebzehn Jahre als sie glaubt den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Marcos lebt in Puerto Rico und arbeitet in dem Hotel, wo sie mit ihrer Familie den Urlaub verbringt. Sie verlieben sich auf Anhieb und verbringen ein paar aufregende und schöne Tage miteinander. Doch die Lebensumstände der beiden können kaum unterschiedlicher sein und die ersten Probleme tauchen auf. Das größte Problem ist jedoch, dass Julia nach ein paar Wochen wieder abreisen muss und sie sich Lebewohl sagen müssen. Nach einem tränenreichen Abschied hat Julia zu Hause sehr unter der Trennung von Marcos zu leiden und denkt noch sehr oft an ihn. Nur langsam lernt sie damit umzugehen und ihr Leben weiter zu leben. Doch trotz allen kann sie ihn nie ganz vergessen. Siebzehn Jahre später begegnen sie sich plötzlich wieder, als er beruflich in Hamburg ist, Julias Heimatstadt. Schnell wird klar, dass sie sich noch immer zueinander hingezogen fühlen. Doch kann es diesmal ein Happy End für sie beide geben?

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Seitenzahl: 426

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Sassika Büthe

Verlorene Liebe

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

Impressum neobooks

Kapitel 1

Müde und abgekämpft stieg Julia aus dem Zug und wappnete sich schon innerlich für das Gedränge, das um die späten Nachmittagsstunden immer auf dem Hamburger Hauptbahnhof herrschte. Sie hatte einen langen, arbeitsreichen Tag hinter sich und sehnte sich nun nur noch nach Hause und nach ihrer gemütlichen Couch. Im Geiste plante sie schon, sich eine Pizza vom Lieferservice zu bestellen, da sie keine große Lust verspürte, noch zu kochen. Gedankenverloren und mit einem Blick in ihrem Terminkalender, ging sie über den Bahnsteig, um zu ihren Zug zu kommen. Ein Mann stürmte an ihr vorbei und riss ihr beinahe ihre schwere Tasche von den Schultern. Erschrocken sah sie ihn hinterher und erstarrte im gleichen Augenblick. Direkt hinter ihm hechtete ein weiterer Mann, der sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, im letzten Augenblick in den Zug, bevor die Türen sich mit einem lauten Knall schlossen. Sie riss sich aus ihrer Erstarrung und rannte auf den Zug zu, was gar nicht so leicht war, da ihr unzählige Menschen im Weg waren. Als sie endlich am Zug angekommen war, setzte dieser sich bereits langsam in Bewegung. Sie lief mit dem Zug ein Stück mit und versuchte, in das Innere des Zugabteils zu gucken. Doch der Zug war proppevoll und die Insassen standen eng aneinandergedrängt, so dass es ihr unmöglich war, das Gesicht, welches eben ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, noch einmal ausfindig zu machen. Dann nahm der Zug an Fahrt auf und verschwand aus dem Bahnhofsgebäude und aus ihrem Blickfeld.

Völlig außer Atem blieb sie stehen und sah den davonfahrenden Zug hinterher. Sie wusste, dass das eigentlich nicht sein konnte und wahrscheinlich nur ein Hirngespinst war, hatte sie sich doch oft so eine Situation in ihren Träumen vorgestellt. Sie hatte ihn nur einen Augenblick gesehen, und doch war sie sich beinahe sicher, dass er es gewesen sein musste. Aber es konnte doch gar nicht sein.

Julia atmete langsam aus, steckte ihren Terminkalender in ihre Tasche und machte sich wieder auf den Weg zu ihrem Zug. Dann jedoch zögerte sie wieder, sah sich um und blickte auf die Anzeigentafel auf der angezeigt wurde, dass der nächste Zug in vier Minuten in diese Richtung fuhr. Nervös sah sie auf ihre Uhr. Vergessen war ihre Müdigkeit, und an dessen Stelle war eine innere Unruhe eingetreten. Sie überlegte fieberhaft, ob sie diesen nächsten Zug nehmen sollte, um nach ihm Ausschau zu halten oder sich lieber sofort auf den Weg nach Hause machen sollte. In dem Augenblick, wo sie kehrt machen wollte und sich schon selbst für bescheuert hielt, fuhr der Zug bereits in den Bahnhof ein und kam vor ihr zum Stehen. Kurzerhand und ohne weiter darüber nachzudenken, stieg Julia nun doch in die S-Bahn. Sie wollte es wenigstens nicht unversucht lassen, auch wenn jeder sie vermutlich für verrückt halten würde, am meisten wohl sie selbst.

Der Zug setzte sich in Bewegung und Julia drückte ihre Nase beinahe am Fenster platt. An jedem Bahnhof auf dem sie hielten, stand sie mit zitternden Knien auf und ließ den Blick hektisch über das Bahngelände wandern.

Doch von ihm war keine Spur mehr zu erblicken, und ihre Hoffnung sank stetig. Langsam, aber sicher fuhr die Bahn aus der Stadt hinaus. Der Zug leerte sich zusehends, und Julia begann, sich ernsthaft zu fragen, was sie hier tat. Als der Zug schon außerhalb von Hamburg in einer angrenzenden Stadt hielt, nahm sie ihre Tasche vom Sitz und stieg aus.

Seufzend setzte sie sich auf eine Bank, raufte sich frustriert die Haare und wartete bis die nächste Bahn wieder Richtung Hamburg zurückfuhr. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht? Sie hatte mindestens eine Stunde verplempert, um mit einem völlig falschen Zug und in die völlig falsche Richtung zu fahren und Ausschau nach einem Phantom zu halten.

Als sie endlich zu Hause war, war es bereits fast zwanzig Uhr und der Appetit auf Pizza war ihr auch vergangen. Dafür rief ihre Freundin Stefanie an, um sich mit ihr auf einen Drink zu treffen. Julia hatte eigentlich keine Lust, noch irgendwo hinzugehen und schlug deshalb vor, noch ein Glas Wein bei ihr zu Hause zu trinken.

Als Stefanie eine halbe Stunde später bei ihr auftauchte, fiel ihr sofort auf, dass mit Julia irgendetwas nicht stimmte. Ständig war sie mit ihren Gedanken woanders, und die ansonsten immer fröhlich wirkende Julia wirkte eher traurig und niedergeschlagen.

„Was ist los, Julia? Du wirkst so abwesend. Ist irgendetwas passiert?“

„Nein, alles bestens“, sagte Julia wenig überzeugend.

„Ach komm, das nehme ich dir nicht ab. Ärger im Büro?“

„Nein. Es ist nur… ach nichts.“

„Nun sag schon, was ist los?“

„Ich habe heute nur an jemanden denken müssen, an den ich schon sehr lange nicht mehr gedacht habe, das ist alles.“

„Ist dieser Jemand ein Er oder eine Sie?“

Julia lachte. „Es ist ein Er.“

„Du hältst dich heute ziemlich bedeckt mit deinen Antworten, finde ich, und ich habe ehrlich gesagt, keine Lust, dir alles aus der Nase zu ziehen, aber ich kann nicht anders. Ich brenne darauf, zu erfahren, wer dich so sehr aus der Fassung bringt, dass du ein solches Gesicht machst. Nun sagt schon, eine alte Flamme von dir?“

Julia lachte erneut. „Nein, ein bisschen mehr ist es schon als nur eine alte Flamme, jedenfalls für mich. Aber das ist schon so lange her.“

„Kenne ich ihn?“

„Nein.“

„War das bevor wir uns kennengelernt haben oder danach und du hast mir ihn einfach nur vorenthalten?“

„Davor.“

„Oh, nun komm schon, erzähl mir davon, sonst kann ich heute nicht schlafen.“

Julia musste grinsen und hatte so ihren Spaß daran zu sehen, wie ihre beste Freundin darauf brannte, die Geschichte zu hören. Sie hatte ihr nie davon erzählt, sie selbst hatte jahrelang nicht mehr daran gedacht. Nachdem sie Jahre gebraucht hatte, es zu vergessen, wollte sie eigentlich auch nie mehr daran denken, geschweige denn darüber reden. Aber da die alten Erinnerungen nun sowieso wieder von ihr Besitz ergriffen hatten, konnte sie ihrer Freundin auch ebenso gut davon erzählen, schließlich hatten sie eigentlich keine Geheimnisse voreinander. Nur diese Geschichte hatte sich vor deren Freundschaft ereignet. Siebzehn Jahre waren seither vergangen, und doch konnte Julia sich noch an jedes Detail erinnern, als wäre es in ihren Erinnerungen eingebrannt. Sie seufzte laut auf und begann zu erzählen.

Kapitel 2

Julia war siebzehn Jahre alt, als sie den letzten gemeinsamen Urlaub mit ihren Eltern und ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Claudia verbrachte. Sie war gerade in ihrer rebellischen Teenagerphase gewesen und hatte es gehasst, mit ihren Eltern gemeinsam nach Puerto Rico zu reisen. Sicher, sie war noch nie auf einer karibischen Insel gewesen, und es war sicherlich sehr schön dort, doch mit siebzehn hatte sie andere Dinge im Kopf. Sie wollte viel lieber zu Hause bleiben bei ihren Freundinnen, Partys feiern und mit ihrer Clique abhängen. Vor allem aber wollte sie nicht fort von Michael, auf den sie schon seit einer ganzen Weile ein Auge geworfen hatte. Michael war cool, witzig und überaus gut aussehend. Er ging eine Schulklasse höher als sie, und hatte in diesem Jahr sein Abitur gemacht. Schon das ganze letzte Jahr hatte Julia ihm hinterher geschaut, und nun endlich vor drei Wochen hatte er zum ersten Mal auf einer Party auch von ihr Notiz genommen. Sie hatten den ganzen Abend miteinander geflirtet und am Ende sogar miteinander geknutscht. Sie hatte sich mit ihm dann noch einmal getroffen, wo er ihr gestand, dass er sie sehr mögen würde und sie gerne öfter treffen würde. Nun waren jedoch Ferien und sie musste unbedingt mit auf diese beschissene Insel, während sich Michael und ihre Freundinnen zu Hause vergnügten. Sie machte sich nichts vor, er war ein gut aussehender und beliebter Junge, und viele Mädchen standen auf ihn, und sie zweifelte ernsthaft daran, ob er in drei Wochen nicht jemand anderes hätte. Jemand, der nicht die Ferien mit den Eltern und der jüngeren Schwester verbringen musste. Sie hatte ihre Eltern angefleht, zu Hause bleiben zu können, doch alles bitten und betteln hatte nichts genützt. So war sie mürrisch und enttäuscht in den Flieger gestiegen und saß nun im Bus, der sie vom Flughafen in das gebuchte Hotel bringen sollte. Sie sah zum Fenster hinaus und ließ die Landschaft vorbeiziehen. Gesprochen hatte sie mit ihren Eltern während der gesamten Reise noch kein Wort.

Als der Bus wenig später vor ihrem Hotel hielt, hatte sich ihre Laune nicht wirklich gebessert. Doch das angenehme milde Klima und die Sonne hatte ihre schlechte Stimmung etwas gemildert. Da konnte Hamburg, Julias Heimatstadt, nicht mithalten. Denn trotz Anfang Juli war in Hamburg das Wetter mal wieder seit Wochen sehr feucht mit ungemütlichen 16 Grad. Um Hamburg nicht komplett schlecht zu machen, es gab auch richtig schöne Tage im Norden, an denen die Sonne den ganzen Tag schien und man vor Hitze nicht wusste, wie man sich abkühlen sollte. Doch so ein Sommer schien es dieses Jahr wieder mal nicht zu werden. Wenn es in Hamburg einmal regnete, dann nicht bloß für eine Stunde, dann gab es eben oft mehrere Tage Dauerregen.

Da Julia die Sonne und die Wärme liebte, hob das ihre Stimmung doch ein wenig und sie machte ein nicht mehr ganz so grimmiges Gesicht, als sie aus den klimatisierten Bus stieg und von einer Hitzewelle überrascht wurde. Während der Busfahrer sich daran machte, ihr Gepäck auszuladen, zog Julia sich die Stöpsel ihres Walkmans aus den Ohren und ließ ihren Blick über das imposante Hotel mit den großen weißen Säulen und den großen Palmen davor wandern. Ein Hotelangestellter kam aus dem Hotel und begrüßte ihre Eltern freundlich, dann drehte er sich um und sagte etwas auf Spanisch zu einem Mann, der gerade die Blumenbeete vor dem Hotel pflegte. Der Mann sprang sofort auf, kam zu ihnen gelaufen und machte sich auf, ihr Gepäck auf die Schultern zu laden. Da erst sah sie ihn. Ein Junge, etwa in ihrem Alter, hatte hinter dem Mann im Beet gekniet. Es war nicht zu übersehen, dass das Vater und Sohn waren, denn er war das jüngere Ebenbild des älteren Mannes. Der Junge war ebenfalls aufgestanden, doch er half seinem Vater nicht sofort mit dem Gepäck sondern sah nur sie an, nein, er starrte sie beinahe an. Julia fühlte sich von seinem Blick wie magisch angezogen und konnte den Blick ebenfalls nicht von ihm nehmen. Dann lächelte er, und irgendetwas passierte mit ihr in diesem Augenblick. Sie konnte das Gefühl nicht genau beschreiben. In ihrem Magen begann es zu kribbeln und ihre Knie fühlten sich ganz zittrig und wie Pudding an. Es war ein merkwürdiger Augenblick. Doch sie vermochte den Augenblick nicht zu unterbrechen. Der Hotelportier riss sie schließlich aus ihrer Erstarrung, indem er den Jungen auf Spanisch böse anfuhr. Julia verstand kein Wort. Nur das Wort Marcos hatte sie herausfiltern können, das war offensichtlich sein Name. Der Junge erwiderte ebenfalls etwas auf Spanisch und machte sich dann daran, das restliche Gepäck ins Hotel zu bringen.

Julia wusste nicht, was da gerade vor sich gegangen war und sie musste erst einmal tief durchatmen, um sich innerlich zu fangen, ehe sie ihrer Familie hinterher ins Hotelinnere folgte.

Julia betrat als letzte die imposante Lobby des Hotels und prallte prompt hinter der Tür mit ihrer Schwester zusammen, die sich ihr in den Weg gestellt hatte.

„Sag mal, was war denn das da eben, bitte schön?“, sagte Claudia kichernd.

„Äh, ich weiß nicht, was du meinst“, gab Julia bissig zurück.

„Ach komm schon, ich denke du weißt ganz genau, was ich meine. Wie der Typ dich eben angesehen hat, Wahnsinn.“

„Das ist doch Unsinn.“

„Nein, ist es nicht. Entweder fand er dich hübsch, oder du hast vielleicht irgendwo einen Fleck im Gesicht. Lass dich mal anschauen.“ Claudia riss ihre Schwester unsanft herum und inspizierte sie genauestens.

„Mhm, nein. Kein Fleck. Du siehst aus wie immer. Ich dachte zwar immer diese südländischen Typen stehen auf blonde Frauen, aber da du brünett bist, kann es daran wohl nicht liegen. Wohl eher an deinen langen Beinen in dieser kurzen Shorts, die du trägst. Und ich habe gedacht, ich hätte hier mit meinen blonden Haaren mehr Chancen als du, doch da habe ich mich wohl geirrt.“

„Könnte daran liegen, dass du noch ein Kind bist“, konnte sich Julia die bissige Antwort nicht verkneifen. Dieser Spruch wirkte meistens, da ihre Schwester ständig älter sein wollte, als sie war und andauernd versuchte, mit ihrer großen Schwester mitzuhalten und auch ständig dabei sein wollte, wenn sie mit ihren Freundinnen über Jungs sprach. Auch heute wirkte dieser Spruch ausgezeichnet und sie hatte die gewünschte Wirkung erreicht. Das ätzende, kindische Gekicher ihrer Schwester endete abrupt, und sie blickte Julia beleidigt an.

„Bin ich nicht. Du bist gemein.“

Im Vorbeigehen grinste sie Claudia von der Seite an, wenn es auch ein wenig gehässig war, wie sie sich selbst eingestehen musste. Doch manchmal hatte Claudia es nicht anders verdient. Dennoch tat es ihr schon ein bisschen leid, ihre Schwester so getroffen zu haben. Julia war im Allgemeinen nicht gehässig, und im Großen und Ganzen verstanden sich die Schwestern ganz gut und hatten ein sehr enges Verhältnis. Doch in den letzten Wochen und Monaten war ihre Beziehung ein wenig angespannt. Claudia fühlte sich oft zurückgestoßen und von ihr verletzt und war schnell beleidigt, wenn sie ihren eigenen Weg durchs Leben ging, und in dem ihre kleine Schwester im Augenblick keinen Platz hatte. Trotzdem lief Claudia ihr ständig hinterher, und das nervte ungeheuerlich. Julia war siebzehn Jahre alt und hatte keine Lust, mit ihrer nervigen dreizehnjährigen Schwester abzuhängen, die zudem ohnehin keine Ahnung von den Dingen hatte, die Julia beschäftigten, aber da war Claudia natürlich ganz anderer Meinung. Im Allgemeinen gesehen, war dies vermutlich eine ganz normale Entwicklung zwischen Schwestern, deren Alterunterschied fast vier Jahre betrug. Sie wurde eben langsam erwachsen, interessierte sich vorwiegend für Partys und Jungs und würde im nächsten Jahr ihr Abitur machen. Na ja, was das Letzte anging, war das leider noch nicht so sicher. Sie hatte der Schule in letzter Zeit nicht sehr viel Aufmerksamkeit und Interesse gewidmet, was sich auch in ihren Noten widerspiegelte. Nur mit Ach und Krach hatte sie in diesem Sommer überhaupt die Versetzung geschafft, ob sie da ihr Abitur im nächsten Jahr bestehen würde, stand somit in den Sternen. Doch was das Thema Schule und Noten anging, so hatte sich bei ihr eine Gleichgültigkeit eingeschlichen, die ihre Eltern schier um den Verstand brachte. Aber es gab einfach für Julia zurzeit wichtigere Dinge in ihrem Leben als die Schule, nämlich ihre Clique, Partys und eben Jungs.

Claudia hingegen spielte zum Teil noch mit Barbies und ihren Puppen, wenn auch nur noch heimlich. Doch sie hatte Claudia schon des Öfteren dabei ertappt, hatte jedoch, sobald ihre Schwester ihren grinsenden Gesichtsausdruck gesehen hatte, aus Sicherheitsgründen schnell das Weite suchen müssen, ehe sie mit irgendwelchen Gegenständen bombardiert wurde. Im Grunde, fand Julia, war ja auch gar nichts dabei, dass ihre Schwester von Zeit zu Zeit noch mit ihren Puppen spielte. Sie selbst hatte auch lange mit ihren Sachen gespielt, und sie hatte sich erst im letzten Jahr stark verändert, wie eben leider auch ihre schulischen Leistungen, sehr zum Ärger und Verzweiflung ihrer Eltern, die mit ihrem Latein so langsam aber sicher am Ende waren. Vielleicht war das auch der Grund, warum sie unbedingt an dieser Reise, die in erster Linie für ihre Eltern gedacht war, teilnehmen musste. Ihre Eltern vertrauten ihr nicht mehr genug, um sie alleine zu Hause in dem trüben Norden Deutschlands zu lassen, und wenn Julia ganz ehrlich mit sich selbst war, auch nicht so ganz zu unrecht. Sie hatte die beiden in letzter Zeit zu oft enttäuscht, hatte gelogen, war häufig viel zu spät zu Hause erschienen, und sie hielt sich nur noch selten an Abmachungen. Es hatte in den letzten Monaten viele Streitereien zu Hause gegeben, kurzum sie befand sich in der rebellischen Teenagerphase eines heranwachsenden Mädchens. Zwar recht verspätet, dafür aber umso heftiger, wie ihr Vater immer sagte.

Am nächsten Tag hatte Julia die ungewöhnliche Begegnung mit dem schönen Puerto Ricaner beinahe vergessen, wenn auch nur beinahe. Sie hatte den ersten Urlaubstag mit ihrer Familie am wunderschönen Strand mit dem türkisfarbenen Meer verbracht. Sie hatte den ganzen Tag in der Sonne gelegen, ein Buch gelesen und war zum Abkühlen in den Ozean gesprungen, wobei man bei den warmen Temperaturen, die das Meer hier hatte, nicht wirklich von abkühlen reden konnte.

Sie legte ihr Buch beiseite, nahm ihre Sonnenbrille ab und ließ ihren Blick den Strand entlang wandern. Ihre Eltern hatten recht behalten, es war wunderschön in Puerto Rico und sie hätte es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eines Tages bereut, nicht mitgefahren zu sein. Doch das zuzugeben, davon war sie noch meilenweit entfernt. Ihre Stimmung hatte sich zwar ein wenig gebessert, doch sie war in ihrem Inneren noch immer sauer auf ihre Eltern, und das ließ sie ihnen auch immer noch deutlich spüren. Den ganzen Tag schon hatten sie nicht viel miteinander gesprochen, nur Claudia konnte den Mund nie lange halten. Sie hatte auch heute den ganzen Tag gequatscht, und im Augenblick war es endlich mal für einen Augenblick ruhig. Claudia hatte sich auf die Suche nach einem Eis gemacht und war nun schon seit einer Viertelstunde fort. Auch wenn Julia die Ruhe ein wenig genossen hatte, so hielt sie nun doch Ausschau nach ihrer Schwester, bevor ihre Eltern womöglich noch das Augenmerk auf sie lenkten. Sie sah sich nach allen Seiten um, und dann sah sie ihn plötzlich wieder. Er kämpfte sich mit den schweren Strandliegen ab und stapelte diese zusammen, die die Strandgäste nach ihrem Strandtag zurückgelassen hatten. Auch wenn Claudia sie damit aufgezogen hatte, wie er sie angesehen hatte, so war sie sich ziemlich sicher, dass sie ihn genauso angesehen haben musste, was ziemlich peinlich war, und im Nachhinein hatte es sie auch ziemlich erschreckt. In dem Augenblick war es ihr jedoch nicht bewusst gewesen. Aber, wo sie ihn jetzt wiedersah, wusste sie, warum sie ihn so angesehen hatte. Denn auch jetzt konnte sie die Augen nicht von ihm lösen, wie er so nur mit einem ausgewaschenen T-Shirt und kurzer Hose bekleidet seiner Arbeit nachging.

Er hatte dunkles Haar, was ihm leicht über die Augen fiel und ein markantes Gesicht. Seine Haut war braungebrannt und seine Arme waren muskulös. Wenn er lächelte, bildeten sich kleine Grübchen in den Wangen. Er war der schönste Junge, den sie je gesehen hatte. Vor allem aber waren es seine Augen, die es ihr angetan hatten, auch wenn sie diese wegen der Entfernung nicht genau ausmachen konnte. Sie waren ihr jedoch vom Vortag noch genauestens im Gedächtnis. Die Augenfarbe hatte sie bisher nicht erkennen können, doch sie vermutete, dass sie braun waren.

Julia war völlig in Gedanken versunken, doch dann sah er plötzlich, als hätte er ihren Blick gespürt, zu ihr hinüber, und ihre Blicke trafen sich. Sein Gesicht verzog sich augenblicklich zu einem Lächeln. Sie zuckte unwillkürlich zusammen und sah schnell in eine andere Richtung. Sie fühlte sich beschämt und ertappt, und sie war sich außerdem ziemlich sicher, dass sie rot geworden war. Ruckartig stand sie von ihrer Liege auf, murmelte ein paar zusammenhanglose Worte zu ihren Eltern, so ziemlich die ersten an diesem Tag, und flüchtete zum Hotel und hinauf in ihr Zimmer, welches sie sich mit ihrer Schwester teilte.

Am nächsten Tag sah sie ihn bereits früh am Morgen als sie auf den Weg zum Essenssaal an dem Hotelpool vorbeilief. Sie hatte ihn leider zu spät gesehen, um noch einen anderen Weg einzuschlagen. Nun gab es kein Entkommen mehr, und deshalb versuchte sie möglichst unbemerkt an ihm vorbeizuschleichen. Sie wusste, dass sie sich dämlich aufführte, aber sie konnte schwer aus ihrer Haut. Sie war eben von Natur aus eher feige und zurückhaltend. Sie senkte den Kopf und beschleunigte ein wenig ihren Schritt, um schnell an ihm vorbei zu huschen, doch es war zu spät. Er hatte sie bereits gesehen und als sie ihren Blick kurz hob, sah sie, wie er sie anlächelte. Sie lächelte schüchtern zurück, setzte ihren Weg dennoch fort. Als sie fast neben ihm stand, vernahm sie mit einem Mal plötzlich seine Stimme.

„Hallo.“ Julia blieb kurz stehen und sah ihn an und blickte direkt in seine, wie sie richtig vermutet hatte, wunderschönen braunen Augen.

„Oh, äh… hallo“, bekam sie gerade noch mit Mühe und Not heraus, ehe ihre Stimme versagte. Er lächelte sie noch immer an und sie stand ebenfalls ziemlich dämlich grinsend vor ihm. Doch dann machte er ein Zeichen mit Hand und gab ihr zu verstehen, dass er arbeiten musste. Er ging an ihr vorbei und Julia war sich ziemlich sicher, dass sie knallrot angelaufen war. Sie musste erst einmal tief durchatmen, bevor sie im Speisesaal ihrer Familie gegenübertrat. Gott, war das peinlich. Er hatte nur höflich hallo gesagt, und sie hatte bloß dagestanden und ihn dämlich angegrinst.

Am Abend sah sie ihn noch einmal aber nur von Weiten. Dennoch hatte auch er sie erblickt und ihr zugewinkt. Sie hatte zaghaft die Hand zu Gruß gehoben, und war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt gemeint war. Am Tag darauf hatte sie ihn überhaupt nicht gesehen, und sie musste zugeben, dass sie ein wenig enttäuscht war. Auch wenn die bisherigen kurzen Begegnungen eher von der peinlichen Sorte gewesen waren, und Julia zudem auch noch Stichelleichen von ihrer Schwester einbrachten. Dennoch ertappte sie sich dabei, wie sie heimlich und möglichst unauffällig nach ihm Ausschau hielt.

Kapitel 3

Erst am vierten Tag nach ihrer Ankunft kamen sie zum ersten Mal miteinander richtig ins Gespräch. Gegen Mittag hatte sie ihn einmal kurz gesehen, doch sie wollte nicht noch einmal so eine peinliche Begegnung wie beim letzten Mal erleben und machte deshalb einen großen Bogen um ihn herum. Sie wusste nicht, ob er sie überhaupt gesehen hatte.

Am Abend nach dem Abendessen hatte sie sich dann zurückgezogen. Ihre Eltern waren in der Hotelbar und ließen es sich gut gehen, während sie sich mit ihrer Schwester im Hotelzimmer aufhielt. Julia hatte versucht, ein Buch zu lesen, doch ihre Schwester ließ sie einfach nicht in Ruhe lesen. Stattdessen redete sie ununterbrochen oder stellte die Musik so laut, dass sie sich nicht konzentrieren konnte. Mürrisch hatte Julia ihr Buch unter den Arm geklemmt und war an den Strand gegangen. Doch zum Lesen war es hier viel zu dunkel. Also setzte sie sich auf einen Felsen am Strand und sah aufs Meer hinaus. Sie zog ihre Flip Flops aus und ließ ihre Zehen in dem immer noch warmen Sand kreisen, als eine Stimme hinter ihr sie plötzlich zusammenzucken ließ.

„Hallo.“ Julia drehte sich um, und da war er wieder.

„Hallo“, sagte sie leise und ihre Stimme hörte sich ein wenig heiser an.

„Was machst du hier so ganz alleine am Strand?“

„Ich fliehe vor meiner nervigen Schwester.“

Er lachte und Julia entspannte sich ein wenig.

„Ja, das kenne ich. Kleine Schwestern sind immer ein bisschen anstrengend. Darf ich mich zu dir setzen?“

„Äh, ja… gut“, stotterte Julia und rutschte ein Stück zur Seite, damit er sich neben sie setzen konnte und trotzdem noch genug Abstand zwischen ihnen war.

„Danke, ich heiße übrigens Marcos“, sagte er.

„Ich bin Julia.“

„Julia, ein schöner Name.“

Darauf wusste sie nichts zu erwidern. Sie lächelte deshalb nur und erst da fiel ihr mit einem Mal auf, dass er erstaunlich gut ihre Sprache sprach. Man konnte zwar deutlich seinen Akzent heraushören, aber sie hatte überhaupt keine Schwierigkeiten ihn zu verstehen. Erstaunt sah sie ihn an.

„Wieso sprichst du so gut deutsch?“

„Es wird von uns verlangt, dass wir die Sprache unserer Gäste lernen, damit wir sie verstehen können. Außerdem arbeite ich schon sehr lange hier, und da ein Großteil unserer Gäste aus Deutschland kommt, bekommt man eben viel mit und lernt sehr schnell.“

„Wie lange arbeitest du denn schon hier?“, wollte Julia wissen.

„Oh, schon ein paar Jahre.“

Sie sah ihn überrascht an. Ein paar Jahre? Sie hätte ihn nicht viel älter als sich selbst geschätzt. Sie konnte sich deshalb auch die Frage nicht verkneifen.

„Wie alt bist du?“

„Ich bin achtzehn, und du?“

„Siebzehn.“

„Ja, ich dachte mir schon, dass wir ungefähr ein Alter haben. Was machst du so? Arbeitest du?

„Nein, ich gehe noch zur Schule.“

„Oh, geht man in Deutschland so lange zur Schule?“

„Ja, ich… nein. Nicht unbedingt. Es kommt darauf an, welche Schule man besucht.“

„Das kann man sich aussuchen?“

„Ja. Das heißt manchmal.“ Als sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck sah, musste sie lachen. „Er kommt darauf an, wie gut man in der Schule ist. Wenn man gut ist, geht man eben länger.“

„Oh, also bist gut?“

„Nein.“

Immer noch sah er sie verwirrt an und sie musste erneut lachen, was ihr dann einen schmollenden Gesichtsausdruck seinerseits einheimste.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht verwirren.“

„Also bist du nun gut in der Schule oder nicht?“

„Eher nicht, aber ich war mal gut.“

„Oh, und warum jetzt nicht mehr?“

„Ich weiß nicht. Ich habe die Schule in letzter Zeit ziemlich schleifen lassen.“

„Warum?“, fragte er ernst.

Julia lächelte. „Ich weiß nicht. Ich habe einfach keinen Spaß daran und ich habe viele Freunde, die mir wichtiger sind.“

„Freunde kann man doch trotzdem haben, deshalb solltest du dir nicht deinen Weg verbauen lassen.“

„Mmh, vielleicht hast du recht.“

„Ich habe recht. Ich wäre gerne länger zur Schule gegangen und wäre gerne Arzt oder Lehrer geworden, aber ich habe diese Möglichkeit leider nicht. Die wenigsten haben hier die Möglichkeit, weil ihnen das Geld fehlt und so ist das auch bei uns in der Familie. Ich musste früh anfangen zu arbeiten, um die Familie mit zu ernähren.“

„Tut mir leid. Ja, du hast vermutlich wirklich recht. Du hältst mich jetzt sicher für eine verwöhnte deutsche Göre, die nur an sich selbst denkt.“

„Oh, ihr Deutschen seid alle verwöhnt.“

Julia sah ihn an und wusste im Augenblick nicht, ob sie beleidigt sein sollte. Doch er hatte es mit einem Grinsen und einem schelmischen Unterton gesagt, dass sie ihm nicht böse sein konnte. Stattdessen brach sie in schallendes Gelächter aus.

„Ja, das stimmt wahrscheinlich.“

Er sah sie lächelnd an, dann sagte er leise:

„War nicht so gemeint. Aber wenn du mal gut in der Schule warst, solltest du dein Talent nicht vergeuden.“

„Werde ich mir merken“, sagte sie lächelnd und sah auf ihr Füße im Sand.

„Du hast ein wunderschönes Lächeln“, sagte Marcos, während er sie von der Seite musterte.

Sie sah verlegen zu ihm auf und ihre Blicke trafen sich. Wieder war sie unfähig, den Blick abzuwenden und sofort machten sich wieder die Schmetterlinge in ihrer Magengegend bemerkbar.

„Danke“, krächzte sie.

Er lächelte nur, doch dann hörte sie jemanden seinen Namen rufen. Sie sah über Marcos Schulter und entdeckte wieder den Mann, mit dem sie ihn bei ihrer Ankunft zusammen gesehen hatte. Auch Marcos hatte sich zu ihm umgewandt und ihm etwas auf Spanisch zugerufen. Dann wandte er sich wieder ihr zu.

„Tut mir leid, ich muss leider los.“

Julia nickte und stellte die Frage, die sie eigentlich nicht zu stellen brauchte, weil es so offensichtlich schien. „Dein Vater?“

„Ja. Er arbeitet auch hier. Wir arbeiten alle hier, meine Mutter und meine jüngere Schwester auch. Ich habe noch zwei weitere Geschwister, doch die sind noch zu jung, um zu arbeiten.“

Julia versuchte sich zu erinnern, ob sie seiner Mutter oder seiner Schwester schon begegnet war, doch sie konnte sich nicht erinnern.

„Also ein Familienbetrieb, ja?“

Marco lachte. „Ja, so in der Art. Also, wir sehen uns dann.“

Julia nickte.

„Wie lange bleibst du hier?“, wollte Marcos wissen, ehe er ging.

„Drei Wochen.“

„Das ist gut. Dann bis morgen.“

„Ja, bis morgen.“

Er winkte ihr noch ein letztes Mal zu, dann wandte er ihr den Rücken zu und lief den Strand entlang Richtung Hotel. Julia sah ihm noch nach bis er aus ihrem Blickfeld verschwand, und sie lächelte immer noch. Sie konnte gar nicht mehr damit aufhören. Marcos sah nicht nur unheimlich gut aus, er war zudem auch noch wahnsinnig nett, und sie hatte ihre Verlegenheit und Schüchternheit während seiner Anwesenheit vollkommen vergessen. Sie hatte sich so gut und entspannt mit ihm unterhalten, dass sie sich gar nicht albern vorkam. Es hatte richtiggehend Spaß gemacht, mit ihm zu reden, auch wenn sie jetzt etwas zittrig Luft holte. Er war einfach ein toller Typ und spätestens in diesem Augenblick hatte sie ihren Schwarm Michael zu Hause komplett vergessen. Sie freute sich nur auf den nächsten Tag, denn dann würde sie Marcos wiedersehen.

Nachts bekam sie kaum ein Auge zu, immer wieder schweiften ihre Gedanken ab und sie musste ständig an Marcos denken. Wann würde sie ihn wohl am nächsten Tag sehen?

Sie musste nicht lange warten, denn schon direkt nach dem Frühstück als sie ihren Eltern und ihrer Schwester zum Strand folgte, sah sie ihn. Er verteilte die Klappliegen am Strand und spannte die Sonnenschirme auf. Als er sie sah, winkte er ihr zu. Julia lächelte und hielt sich die Hand an die Stirn um die Sonne, die ihr in die Augen schien, abzuschirmen. Er kam auf sie zu und Julias Herz machte einen Satz.

„Hallo, guten Morgen“, begrüßte er sie.

„Hallo, wie geht’s?“

„Bestens und dir? Hast du gut geschlafen?“

„Ja“, log sie. Er musste nicht wissen, dass sie die halbe Nacht damit zugebracht hatte, an ihn zu denken.

„Es wird ziemlich heiß heute werden. Habt ihr heute irgendwas Bestimmtes geplant?“, wollte er wissen.

„Nein, heute ist nur Faulenzen und am Strand liegen angesagt. Eigentlich ist die nächsten Tage auch nichts anderes geplant. Nur meine Eltern machen morgen einen Tagesausflug nach Old San Juan und in den Regenwald.“

„Und du und deine Schwester, ihr fahrt nicht mit? Das solltet ihr euch nicht entgehen lassen. Es ist wunderschön dort.“

„Ja, kann sein, dass es schön ist. Aber ich finde es hier auch sehr schön und muss gar nicht weg. Außerdem ist es ihr Tag. Meine Eltern haben morgen ihren fünfundzwanzigsten Hochzeitstag, und da haben sie etwas ganz Besonderes geplant. Die ganze Reise ist eigentlich etwas ganz Besonderes und sozusagen ihre Hochzeitsreise. Als sie geheiratet haben, konnten sie sich eine Hochzeitsreise nicht leisten. Sie haben es immer wieder aufgeschoben, und nun zu ihrer silbernen Hochzeit haben sie es endlich wahr gemacht und es mal so richtig krachen lassen. Es war schon immer ein großer Wunsch von meiner Mutter, einmal in ihrem Leben Urlaub auf einer karibischen Insel zu machen. Mein Vater hat ihr nun diesen Traum erfüllt.“

„Eine schöne Geschichte. Sie scheinen sich auch immer noch sehr zu lieben, so wie es aussieht“, sagte Marcos und sah zu ihren Eltern hinüber, die es sich gerade auf ihren Liegen unter dem großen Sonnenschirm bequem machten und miteinander lachten. Julia folgte seinem Blick und musste lächeln. Ja, es stimmte, ihre Eltern waren ein tolles Paar. Sie sahen beide noch für ihr Alter ziemlich gut aus und sie waren nach all den Jahren auch noch immer ziemlich glücklich miteinander.

„Ja, das stimmt. Sie passen gut zusammen.“

„Was machst du morgen Abend?“, fragte er plötzlich ganz unvermittelt und riss Julia aus ihren Gedanken.

„Äh… ich weiß nicht.“

„Hast du vielleicht Lust mit mir etwas trinken zu gehen. Ich kenne eine ganz nette Bar hier in der Nähe. Es kommen dort kaum Touristen hin, weil sie für Touristen nicht so bekannt ist, aber es ist sehr nett dort. Was sagst du?“

„Ja, warum nicht? Gern.“

„Schön. Wollen wir uns hier am Strand nach meinem Feierabend treffen um neunzehn Uhr?“

„Okay, ich werde kommen.“

„Dann bis morgen Abend. Ich freue mich.“

Julia nickte und musste noch einmal tief durchatmen, ehe sie zu ihren Eltern hinüberging. Sie wollte auf keinen Fall, dass die beiden ihren aufgewühlten Zustand miterlebten. Doch dafür war es eigentlich schon zu spät. Denn ihre Mutter hatte ihre große Tochter schon die ganze Zeit aus den Augenwinkeln mit einem Lächeln beobachtet.

Als Julia am nächsten Abend zum verabredeten Treffpunkt kam, war Marcos bereits da und wartete auf sie. Sie sah gehetzt auf ihre Armbanduhr, sie war spät dran.

„Tut mir leid, ich bin zu spät“, sagte sie.

Er zuckte mit der Schulter und grinste.

„Du bist da, also ist doch alles gut. Was habt ihr Deutschen nur immer mit eurer Pünktlichkeit.“

„Keine Ahnung. Ehrlich.“ Auch Julia grinste. „Ich hatte etwas Schwierigkeiten, meine Schwester davon abzuhalten, mitzukommen.“

„Hast du ihr erzählt, dass wir beide was trinken gehen?“

„Nein, nicht wirklich. Aber sie hat irgendetwas vermutet.“

„Ist sie denn jetzt allein?“

„Ja, meine Eltern sind erst gegen dreiundzwanzig Uhr zurück und bis dahin sollte ich auch wieder zurück sein.“

„Kein Problem, das schaffen wir. Es ist nicht sehr weit. Ein kleines Stück der Promenade entlang und dann sind wir auch schon fast da.“

Sie gingen nebeneinander auf der belebten Promenade, Marcos unterhielt sie währenddessen mit lustigen Anekdoten über seine Landsleute. Dann zog er sie in eine kleine Nebenstraße. Zwei- oder dreimal bogen sie noch ab und schon standen sie vor einer kleinen heimeligen Bar direkt am Strand. Sie setzten sich an einem kleinen Tisch und bestellten sich Pina Colada. Den ganzen Abend blieben sie dort und unterhielten sich angeregt. Marcos war sehr interessiert und wollte von ihr alles wissen, wie das Leben in Deutschland war und wie es dort aussah. Sie erzählte ihm auch von ihren Freunden, nur Michael ließ sie aus. Sie selbst verschwendete schon überhaupt keinen Gedanken mehr an ihn. Es machte Spaß mit Marcos. Er war ein guter Zuhörer, und er war außerdem ein echter Spaßvogel und sie hatten ein Menge Spaß. Julia hatte lange nicht mehr so viel gelacht. Aber er hatte auch eine ernste Seite. Im Grunde war er so ganz anders als ihre Freunde zu Hause, und er war vor allem so ganz anders als die Jungs, mit denen sie ansonsten zu tun hatte. Er wirkte viel reifer und älter. Das machte ihn für Julia noch interessanter, und außerdem sah er wahnsinnig gut aus. Seine braunen Augen strahlten so viel Wärme aus und sie hatte das Gefühl, sich in ihnen zu verlieren. Gegen zweiundzwanzig Uhr brachen sie dann langsam auf. Diesmal gingen sie am Strand zurück zum Hotel. Der Abend war noch immer sehr warm, und doch hatte sie ein wenig Gänsehaut. Sie vermutete jedoch, dass es eher daran lag, dass er so dicht neben ihr ging und sich ihre Arme beinahe berührten.

„Ist dir kalt?“, fragte er und berührte mit seiner Hand leicht ihre Hand. Sie schüttelte den Kopf und blieb stehen.

„Bist du sicher?“

„Ja“, sagte sie und sah ihn an. Ihre Augen trafen sich und für einen Augenblick schien die Welt stehen zu bleiben. Dann neigte Marcos ihr seinen Kopf entgegen und gab ihr einen kleinen schüchternen Kuss auf die Lippen. Julia schloss für einen Augenblick die Augen, doch der Kuss war so schnell vorbei, viel zu schnell für ihren Geschmack. Sie öffnete die Augen wieder und sah ihn unsicher an. Er lächelte schüchtern und sie sehnte sich noch einmal seine Lippen auf den ihren zu spüren. Doch er machte keine weiteren Anstalten in diese Richtung. Was war mit ihm los? Die Jungs die sie kannte waren nicht so schüchtern. Er hatte doch sicher schon einmal eine Frau geküsst. Julia selbst war zwar auch nicht gerade erfahren in solchen Sachen, aber geküsst hatte sie schon, mehrere Male. Schüchtern machte sie einen kleinen Schritt näher auf ihn zu und küsste ihn noch einmal vorsichtig auf die Lippen und dann endlich schlang er die Arme um ihre Hüften und küsste sie richtig. Als ihre Zungen sich berührten, begann ihr Herz wie verrückt zu schlagen. Julia konnte ihr Glück kaum fassen. Dieser Wahnsinnstyp küsste sie wirklich, und es war das Schönste, was sie je erlebt hatte. So war sie bisher noch nie geküsst worden. Sie konnte sich nicht erinnern, wie lange sie dort am Strand standen und sich küssten, doch irgendwann setzen sie ihren Weg fort und dann hatte er ihre Hand gegriffen und sie waren schweigend und Händchen haltend zum Hotel zurück geschlendert. Viel zu schnell waren sie zurück, und sie wäre gerne noch ein Stück weiter mit ihm gegangen. Am Strand vor dem Aufgang zum Hotel blieben sie stehen.

„Ich werde dich besser hier verabschieden, es ist besser wenn man uns im Hotel nicht zusammen sieht.“

„Oh.“ Sie wusste nichts darauf zu sagen.

„Tut mir leid. Es ist nur so, dass wir vom Personal uns nicht mit Gästen einlassen dürfen.“

„Warum nicht?“

„Keine Ahnung. Aber ich könnte in echten Schwierigkeiten kommen und meinen Job verlieren und meine Familie würde wahrscheinlich auch mächtig Ärger bekommen. Normalerweise gehe ich den Gästen auch aus dem Weg, aber bei dir ist mir das nicht gelungen. Schon als ich dich am ersten Tag gesehen habe, war mir klar, dass ich dich unbedingt kennenlernen muss.“

„Okay und was jetzt?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich würde dich gerne wiedersehen. Ich meine, natürlich sehen wir uns hier im Hotel, aber ich meine was anderes.“

„Du meinst also, dass wir uns heimlich treffen und es niemanden sagen?“

Er nickte zerknirscht.

„Gut. Ich kann Geheimnisse für mich behalten. Aber ich warne dich, meine Schwester passt auf wie ein Luchs.“

„Dann erzähl es ihr halt. Es darf nur nicht unbedingt dem Hoteldirektor zu Ohren kommen.“

„Also sehen wir uns morgen?“

„Ja“, sagte Marcos, und dann gaben sie sich noch einen letzten langen Kuss, ehe sie schnell in ihr Hotelzimmer flitzte. Claudia hatte noch eine Weile versucht, aus ihr herauszubekommen, wo sie gewesen war und was sie gemacht hatte, doch für den Abend war Julia davongekommen, da kurz nach ihrer Rückkehr auch ihre Eltern eingetrudelt waren. Die Zwei waren zwar ziemlich müde und kaputt von der langen Fahrt, ließen sich aber trotzdem nicht davon abhalten, ihren Mädchen bis ins kleinste Detail von der aufregenden Fahrt zu berichten.

Kapitel 4

Viel geschlafen hatte Julia in dieser Nacht auch nicht. Immer wieder hatte sie an den herrlichen Kuss denken müssen und daran, wie Marcos sie angesehen hatte. Kein Wunder also, dass sie nun am Morgen hundemüde war und völlig verschlafen am Tisch im Speisesaal saß. Gedankenverloren schlürfte sie ihren Tee und ließ ihren Blick durch den Raum wandern, bis sie Marcos mit einem Mal im hinteren Teil des Raumes erblickte. Er sprach mit einer weiteren Angestellten des Hotels. Die Frau war ein paar Jahre älter als er und Julia fragte sich, ob das wohlmöglich seine Mutter war. Als hätte er ihren Blick gespürt, sah er auf und in ihre Richtung. Sein Mund verzog sich sofort zu einem Lächeln als er sie sah, und er winkte ihr kurz zu. Julias Herz machte augenblicklich einen Satz. Sie erwiderte sein Lächeln und winkte zaghaft zurück. Sie hoffe, dass ihre Familie nichts davon mitbekommen hatte, aber ein Seitenblick auf ihre Mutter genügte, um die Antwort bereits zu kennen. Sie beobachtete ihre älteste Tochter sehr genau und grinste sie nun amüsiert an.

„Er ist ein gutaussehender Junge, nicht?“, sagte ihre Mutter leise, als Julia sich an den Tisch setzte.

„Äh…“ Julia befürchte, wieder einmal rot zu werden. „Ich weiß nicht… ähm, ja kann sein.“

Claudia begann zu kichern. „Ja, Julia steht total auf ihn.“

Na toll, warum nur konnte ihre Schwester nicht einmal die Klappe halten? Nun war sie definitiv rot geworden.

„Quatsch.“

„Doch tust du. Hast du dich gestern Abend nicht mit ihm getroffen, als du mir nicht sagen wolltest, wo du hingehst?“

„Ähm…“, machte Julia bloß und sah ihre Eltern erschreckt an. Auch ihr Vater war nun neugierig geworden und sah auf. Drei Augenpaare ruhten auf ihr. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum.

„Nun?“ Ihr Vater wartete tatsächlich auf eine Antwort.

„Ja, wir haben uns kurz getroffen. Er ist sehr nett, wir haben uns unterhalten.“

„Oh, kann er denn deutsch?“

„Ja, sehr gut sogar und… ach Paps, sieh mich nicht so an. Er ist wirklich sehr nett, mehr nicht.“

„Mmh, na gut. Aber sei vorsichtig.“

„Ja, bin ich.“

Damit war das Gespräch glücklicherweise vorbei, und Julia hätte ihrer Schwester am liebsten in ihr höhnisch grinsendes Gesicht geschlagen. Sie hatte gehofft, dass Claudia nur ein einziges Mal ihren vorlauten Schnabel halten und ihr ein bisschen Rückendeckung geben würde. Wahrscheinlich wollte sie ihr damit eins auswischen, weil sie Claudia aus ihrem Leben ausschloss. Doch wie sollte sie ihr auch trauen, wenn sie sie jedes Mal auffliegen ließ, wenn sie mal etwas ohne die Erlaubnis ihrer Eltern tat. Na gut, jetzt hatte sie immerhin mehr oder weniger die Erlaubnis ihrer Eltern, Marcos weiterhin zu treffen, auch wenn sie ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Und von dem Kuss würde sie ganz sicher nichts erzählen. Sie schob ihren Stuhl zurück und machte sie auf zum Frühstücksbuffet, so langsam bekam sie jetzt Hunger. Sie füllte eine Schüssel mit Müsli, als Marcos plötzlich hinter ihr auftauchte.

„Guten Morgen.“ Sie sah sich leicht erschreckt nach ihm um und sah direkt in seine braunen Augen. Ihr Herz begann zu rasen.

„Guten Morgen“, sagte sie leise und er lächelte sie an.

„Wie geht es dir heute Morgen?“

„Gut, danke“, sagte sie.

„Treffen wir uns heute Abend wieder nach meinem Feierabend am Strand?“

„Ja, gerne.“

„Ich freue mich“, sagte er und strich unauffällig mit den Fingern über ihre Handfläche. Ein warmer Schauer durchzog sie. Sie sah sich unsicher um. Sie war sich ziemlich sicher, dass niemand der hier Anwesenden die Berührung gesehen haben konnte und doch glaubte sie, dass jeder hier im Raum es ihr einfach ansehen musste.

Am Nachmittag machte Julia sich auf ins Hotelzimmer. Die Sonne hatte an diesem Tag unermüdlich geschienen und ihre Schultern waren feuerrot und schmerzten. Sie hatte sich einen ordentlichen Sonnenbrand zugezogen und dass, obwohl sie schon seit ein paar Tagen hier waren. Sie hatte das Eincremen an diesem Tag jedoch ein wenig außer Acht gelassen und schließlich hatte sich nach dem Mittag die Müdigkeit nun endgültig in ihr breit gemacht. Somit war sie mit dem Buch in der Hand eingeschlafen und war sofort dafür bestraft worden.

Sie hängte sich beim Gehen ein Handtuch über die schmerzenden Schultern und im selben Augenblick packte sie jemand an der Hand und zog sie hinter einen Palmenbusch. Erschrocken schrie sie auf, doch sofort wurde ihr der Mund mit der Hand verschlossen.

„Psst, entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken.“

Erst jetzt sah sie auf und blickte in das grinsende Gesicht von Marcos. Spielerisch haute sie ihm auf die Finger, doch sie konnte ein Lächeln nicht verbergen.

„Hey, was fällt dir ein?“

„Tut mir ehrlich leid, aber ich konnte nicht bis heute Abend warten“, sagte er und gab ihr einen Kuss. Bei der Berührung seiner Lippen auf den ihren wurde ihr noch heißer als ihr ohnehin schon war. Sie hätte nicht gedacht, dass es noch eine Steigerung geben konnte. Doch der Kuss endete so abrupt, dass sie ihn gar nicht richtig genießen konnte. Sie öffnete die Augen und sah Marcos fragend an.

„Sorry, meine Mutter ruft mich. Ich muss gehen.“

„Äh…“, war alles, was sie herausbrachte. Sie sah ihm hinterher, wie er davoneilte. Jetzt vernahm sie auch die aufgebrachte Stimme seiner Mutter, die nach ihm rief. Großer Gott, hatte seine Mutter etwas mitbekommen? Sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken. Seufzend setzte sie ihren Weg fort in ihr Hotelzimmer. Sie musste dringend aus der Sonne raus, ehe sie noch verglühte, sowohl innerlich als auch äußerlich.

Am Abend spannten ihre Schultern noch immer ein wenig, doch der pochende Schmerz hatte etwas nachgelassen, nachdem sie eine halbe Ewigkeit unter der kalten Dusche gestanden hatte. Als sie diesmal zu ihrem verabredeten Treffpunkt am Strand ankam, war Marcos noch nicht da. Doch als er wenige Augenblicke später auftauchte, machte ihr Herz erneut einen Satz. Er riss sie auch sofort in seine Arme und sie küssten sich leidenschaftlich und in Julia machte sich das Gefühl breit, den Richtigen gefunden zu haben. Leider war er hier in Puerto Rico zuhause, und sie würde in zwei Wochen wieder abreisen. Doch darüber wollte sie sich jetzt noch keine Gedanken machen.

Dieses Mal gingen sie nur am Strand spazieren, und später saßen sie ewig lange dicht aneinandergekuschelt am Strand und erzählten sich Geschichten aus ihrer jeweiligen Leben. Ihre Lebensweisen und Einstellungen zum Leben konnten kaum unterschiedlicher sein und doch fühlte sich so unglaublich zu Marcos hingezogen. Was passierte nur mit ihr? Diese Gefühle waren völlig neu für sie. Es fiel ihr unglaublich schwer, sich am späten Abend von Marcos zu verabschieden, doch sie hatte ihren Eltern versprochen, spätestens um Mitternacht zurück zu sein. Sie wollte sich an deren Regeln halten, zu groß war ihre Sorge, dass sie ihr sonst die Treffen mit Marcos verbieten würden, und dieses Risiko wollte sie auf keinen Fall eingehen.

Die nächsten Tage erschienen Julia wie im Traum. Die Abende verbrachte sie mit Marcos und wann immer sie sich auf dem Hotelgelände über den Weg liefen, hatten sie Schwierigkeiten, die Finger voneinander zu lassen. Das Versteckspiel fiel ihnen von Tag zu Tag schwerer, vor allem aber auch, weil ihre Schwester nicht locker ließ und sie jeden Abend löcherte, was mit Marcos lief. Und umso mehr Julia beteuerte, sie wären nur gute Freunde, desto misstrauischer wurde sie. Ständig schlich sie hinter Julia her und so war es kein Wunder, dass sie schließlich ihre große Schwester mit Marco ertappte, wie sie sich im hinteren Bereich des Hotels zwischen den stinkenden Mülltonnen aneinanderdrängten und sich gegenseitig die Zungen in den Hals steckten. Sie hatte angefangen zu lachen und die beiden waren erschrocken auseinander gefahren.

„Hab ich es doch gewusst.“

„Was hast du gewusst?“, fragte Julia mit warnendem Ton.

„Na, das ihr beiden zusammen seid. Ich bin gespannt, was unsere Eltern dazu sagen.“

„Ich warne dich! Halt die Klappe, nur ein einziges Mal in deinem Leben.“

„Warum?“

„Weil ich darum bitte. Marcos könnte richtig Ärger bekommen, wenn das hier herauskommt. Also bitte bitte, sag niemanden etwas.“

Claudia schien zu überlegen, doch erst als Marcos die Bitte wiederholte, lenkte sie doch ein.

„Na, gut. Aber von jetzt an will ich, dass du mich nicht mehr für Dumm verkaufst. Ich habe von Anfang an gewusst, dass da mehr ist und ich will, dass du mir alle Einzelheiten berichtest.“

„Uff, na gut, wenn es sein muss“, lenkte Julia schließlich ein. Sie würde ihrer Schwester mit Sicherheit nicht in alle Details einweihen, aber etwas würde sie ihr schon sagen können. Vielleicht war es sogar ganz gut, mit jemanden darüber reden zu können. Über die unbekannten und völlig neuen Gefühle, über das Glück das sie empfand und vielleicht auch über ihre Ängste. Denn ob sie wollte oder nicht, in nicht einmal mehr zwei Wochen würde sie abreisen müssen, und was das in ihr ausrichten würde, wusste sie nicht. Sie wollte auch jetzt noch nicht darüber nachdenken.

Claudia hielt ihr Wort und verriet nichts. Am Abend als sie bereits in ihren Betten lagen, musste Julia ihr dann erzählen, wie das mit Marcos passiert war. Sie hatte recht behalten, es hatte gut getan mit jemanden darüber zu reden, und abgesehen von den Schwierigkeiten die die Schwestern zur Zeit hatten, war Claudia eine gute Zuhörerin.

Doch auch wenn Claudia ihren Mund hielt, blieb die heimliche Liebelei nicht für alle verborgen. Sie hatte ständig das Gefühl, dass auch seine Eltern ihr immer wieder besorgte Blicke zuwarfen. Sie waren immer freundlich zu ihr und grüßten sie herzlich, aber Julia wurde das Gefühl nicht los, dass sie mehr über sie und Marcos wussten.

Auch seine Schwester Lucia lernte sie kennen, und ihr brauchten die beiden auch nichts vorzumachen. Lucia hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihrem zwei Jahre älteren Bruder und somit war das Versteckspiel ihr gegenüber völlig zwecklos. Lucia machte keinen Hehl daraus, dass sie das Verhältnis der beiden nicht guthieß. Sie befürchtete, dass das Geturtel der beiden irgendwann auffliegen und ihre gesamte Familie in Schwierigkeiten bringen würde. Sie erinnerte ihren Bruder auch in Julias Beisein an das Verbot, mit Hotelgästen anzubändeln. Dennoch war Lucia sehr herzlich zu ihr, und Julia mochte sie, trotz ihrer offenen Worte. Lucia sagte immer was sie dachte, was nicht unbedingt eine schlechte Eigenschaft war, fand Julia. Lucia war zwar zudem um einiges verrückter als ihr Bruder, doch die offene und herzliche Art seiner Schwester gefiel ihr.

Letztendlich war wichtig, dass niemand vom Hotelpersonal, und ganz besonders der Hoteldirektor, nichts von ihrer Beziehung wussten. Dass ihre Eltern etwas ahnten, war Julia klar. Schließlich traf sie sich jeden Abend mit ihm und sie suchten immer wieder Blickkontakt, wenn sie sich im Hotel begegneten. Ihre Eltern waren schließlich nicht blöd, und gerade ihre Mutter war sehr aufmerksam. Bisher hatte sie jedoch nichts gesagt und nur still in sich hineingelächelt, doch gegen Ende der Woche suchte sie das Gespräch mit Julia. Sie kam in ihr Zimmer als Julia sich gerade umzog und für den Abend mit Marcos zurechtmachte. Sie setzte sich auf das Bett und sah Julia eine Weile lächelnd zu, wie diese diverse Klamotten aus ihren Schrank riss, anzog und schließlich doch wieder in den Schrank stopfte. Julia wünschte sie hätte mehr schöne Sachen mitgenommen, statt ihren kurzen Shorts und T-Shirts. Sie hatte nur ein einziges Sommerkleid dabei, und das hatte sie schon zweimal getragen.

„Du siehst wunderschön aus, und er wird das auch so finden, egal war du anhast“, sagte ihre Mutter schließlich. Julia drehte sich zu ihrer Mutter um und wollte erst protestieren und sagen, dass sie sich nicht für ihn schön machte. Doch wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Sie seufzte und setzte sich neben ihre Mutter aufs Bett.

„Meinst du?“

„Natürlich. Als wir hier angekommen sind hattest du diese grässliche kurze Short mit den Löchern auf dem Oberschenkel an und dieses neongelbe T-Shirt und er war trotzdem hingerissen von dir.“

Verdammt, hatte ihre Mutter es etwa auch bemerkt? Julia errötete bei dem Gedanken an ihre erste Begegnung.

„Du magst ihn sehr, oder?“

Julia nickte und wagte nicht ihrer Mutter dabei in die Augen zu sehen.

„Behandelt er dich gut?“

Nun sah sie ihre Mutter an. „Ja, er ist sehr nett. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“

„Na, dann ist es ja gut. Und, küsst er gut?“

„Mama“, sagte sie empört. Verdammt, was würde jetzt kommen, das Aufklärungsgespräch? Nein, das konnte nicht sein. Das hatte sie schon vor einiger Zeit mit ihrer Mutter besprochen und sie war sich sicher, dass ihre Mutter ihr in dieser Hinsicht vertraute. Doch als sie aufblickte und in das grinsende Gesicht ihrer Mutter sah, musste sie auch lächeln. „Ja… ja, er küsst gut.“

„Sieh dich trotzdem vor, Kind. Genieß die Zeit mit ihm, aber verlier dich nicht in ihm. Ich möchte nicht, dass du verletzt wirst.“

„Nein, das werde ich schon nicht. Ich bin einfach gerne mit ihm zusammen, dass ist alles. Du wirst sehen, wenn wir abreisen, werde ich nicht weinen.“ Mist, was redete sie denn da? Glaubte sie das etwa wirklich, was sie gerade sagte? Egal, sie wollte jetzt nicht länger darüber nachdenken. Sie musste sich beeilen, wenn sie nicht zu spät zu ihrer Verabredung kommen wollte. Sie stand auf, gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und sagte:

„Mach die keine Sorgen, Mama. Alles wird gut.“