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Rolf West

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Beschreibung

… zusammen
Der Hamburger Martin ist nach seinem Studium als Assistent an der Uni München im Bereich Security tätig. Dort lernt er die Studentin Lisa kennen. Sie studiert im Bereich IT, um hinterher in dem dortigen Software-Unternehmen der Eltern einzusteigen.
Beide kommen sich näher. Aus einer Notlage heraus heiraten sie. Und Lisa wird schwanger.
Alles könnte so schön sein, … wenn da nicht ihr machtgieriger Cousin wäre. Er versucht die Liebenden zu trennen. Was er findet, ist so explosiv, dass die beiden vor der Wahl stehen, alles aufzugeben oder zu sterben.
… für immer vereint
Das Suchen nach einem alten Geheimnis, einem verschollenen Schatz, kann zu einer neuen Entdeckung führen. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Zufall Pate stand bei Entdeckungen.
So finden die Schatzsucher bei ihrer Suche nach etwas Verschollenem im Schwarzen Meer etwas viel älteres. Es wird eine Entdeckung, die ihr bisheriges Geschichtswissen auf den Kopf stellt. Sie finden eine Vergangenheit, die beinahe lebendig wird, denn sie entdecken eine Geschichte hinter der Geschichte.
… wieder vereint
Mark hat seine Geliebte verloren. Ein Fehler, eine falsche Entscheidung. Ein Jahr lang tauchte er unter. Niemand wusste, wo er war. Jetzt ruft er seinen alten Freund Peter. Mark hat einen Plan. Zusammen mit seinem Freund Peter erinnert er sich und spricht über seinen Plan. Die Frage ist, ob Peter versteht oder ob Mark seinen Plan umsetzen kann.
… abhängig
In einer beschaulichen Vorstadtsiedlung fällt ein Schuss. Die Police-Officer, die von Anwohnern gerufen wurden, finden Henry Simmons mit einer Frau in seinen Armen. Allerdings lässt Henry die Beamten in die Mündung seines Revolvers blicken. Daher wird ein SWAT-Team eingesetzt, um die Frau aus den Händen des Geiselnehmers zu befreien.
Amanda Gerling ist Psychologin und Verhandlungsführerin. Sie versucht, Henry zum Aufgeben zu bewegen. Der allerdings zwingt sie zu einem Gespräch. Das verläuft ganz anders, als jede Ausbildung sie gelehrt hatte. Und sie erfährt, welche Forderung Henry Simmons hat. Das war wieder nicht, was sie erwartet hatte. Nur, kann sie das Erfüllen der Forderung verhindern?
… (ver)urteilt
Reinhard Witten ist Staranwalt und hat einen klangvollen Namen in der Branche. Seine Frau Veronika arbeitet als Stationsärztin im nahen Krankenhaus. Beide waren glückliche Eltern. Doch dann beging ihre 15jährige Tochter Yasmin vor einem Jahr Selbstmord. Nur … kein Abschiedsbrief, keine bekannte Bedrohung, nichts. Niemand kannte einen Grund, warum sich die 15jährige vor einen Zug geworfen hatte. Es blieb ein Mysterium.
Doch dann findet Veronika zufällig etwas, was ihre Welt bis in die Grundfesten erschüttert. Sie erfährt den Grund für Yasmins Tod. Sie weiß jetzt, warum ihre Tochter sterben wollte. Sie weiß jetzt sogar, wer daran Schuld hat. Und sie handelt, weil jemand ihr die Liebe ihrer Tochter gestohlen hat.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Liebe, …

Einige kürzere … Love-Storys,

vielleicht etwas anders, als gewohnt,

mit eher schwarzem Charakter

Rolf West

© 2025

[email protected]

Vorwort:

Ich erzähle einige Geschichte. Es sind keine Tatsachenberichte.

Alle hier vorkommenden Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht beabsichtigt.

Es sind irgendwie Love-Storys. Sicher nicht unbedingt in der klassischen Form. Liebe hat aber auch andere Gesichter … oder Konsequenzen. Liebe ist persönlich. Liebe beeinflusst und verändert. Jeder bestimmt seine Intensität dabei und wie weit er dafür gehen will. Was ist, wenn man Liebe erhalten will? Was würde man für oder aus Liebe alles machen? Was ist, wenn die Liebe verloren geht?

In memoriam

Allen, die wir lieben und die uns nicht mehr begleiten.

Alle, die wir lieben und an die wir uns erinnern, sind in unseren Gedanken immer bei uns und leben so weiter.

Inhalt:

… zusammen

Der Hamburger Martin ist nach seinem Studium als Assistent an der Uni München im Bereich Security tätig. Dort lernt er die Studentin Lisa kennen. Sie studiert im Bereich IT, um hinterher in dem dortigen Software-Unternehmen der Eltern einzusteigen.

Beide kommen sich näher. Aus einer Notlage heraus heiraten sie. Und Lisa wird schwanger.

Alles könnte so schön sein, … wenn da nicht ihr machtgieriger Cousin wäre. Er versucht die Liebenden zu trennen. Was er findet, ist so explosiv, dass die beiden vor der Wahl stehen, alles aufzugeben oder zu sterben.

… für immer vereint

Das Suchen nach einem alten Geheimnis, einem verschollenen Schatz, kann zu einer neuen Entdeckung führen. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Zufall Pate stand bei Entdeckungen.

So finden die Schatzsucher bei ihrer Suche nach etwas Verschollenem im Schwarzen Meer etwas viel älteres. Es wird eine Entdeckung, die ihr bisheriges Geschichtswissen auf den Kopf stellt. Sie finden eine Vergangenheit, die beinahe lebendig wird, denn sie entdecken eine Geschichte hinter der Geschichte.

… wieder vereint

Mark hat seine Geliebte verloren. Ein Fehler, eine falsche Entscheidung. Ein Jahr lang tauchte er unter. Niemand wusste, wo er war. Jetzt ruft er seinen alten Freund Peter. Mark hat einen Plan. Zusammen mit seinem Freund Peter erinnert er sich und spricht über seinen Plan. Die Frage ist, ob Peter versteht oder ob Mark seinen Plan umsetzen kann.

… abhängig

In einer beschaulichen Vorstadtsiedlung fällt ein Schuss. Die Police-Officer, die von Anwohnern gerufen wurden, finden Henry Simmons mit einer Frau in seinen Armen. Allerdings lässt Henry die Beamten in die Mündung seines Revolvers blicken. Daher wird ein SWAT-Team eingesetzt, um die Frau aus den Händen des Geiselnehmers zu befreien.

Amanda Gerling ist Psychologin und Verhandlungsführerin. Sie versucht, Henry zum Aufgeben zu bewegen. Der allerdings zwingt sie zu einem Gespräch. Das verläuft ganz anders, als jede Ausbildung sie gelehrt hatte. Und sie erfährt, welche Forderung Henry Simmons hat. Das war wieder nicht, was sie erwartet hatte. Nur, kann sie das Erfüllen der Forderung verhindern?

… (ver)urteilt

Reinhard Witten ist Staranwalt und hat einen klangvollen Namen in der Branche. Seine Frau Veronika arbeitet als Stationsärztin im nahen Krankenhaus. Beide waren glückliche Eltern. Doch dann beging ihre 15jährige Tochter Yasmin vor einem Jahr Selbstmord. Nur … kein Abschiedsbrief, keine bekannte Bedrohung, nichts. Niemand kannte einen Grund, warum sich die 15jährige vor einen Zug geworfen hatte. Es blieb ein Mysterium.

Doch dann findet Veronika zufällig etwas, was ihre Welt bis in die Grundfesten erschüttert. Sie erfährt den Grund für Yasmins Tod. Sie weiß jetzt, warum ihre Tochter sterben wollte. Sie weiß jetzt sogar, wer daran Schuld hat. Und sie handelt, weil jemand ihr die Liebe ihrer Tochter gestohlen hat.

… zusammen

 

 

 

Vergangenheit

 

Vor 29 Jahren:

Henriette Rogan saß zusammen mit ihren Gatte Friedrich vor dem Schreibtisch von Professor Doktor von Grabenau. Das Ehepaar war Mitte 30 und machte einen sehr wohlhabenden Eindruck, was dezenten aber kostbaren Schmuck und qualitativ hochwertige Kleidung ausdrückte.

Der Professor, Eigentümer der Klinik für Geburtshilfe im Süden vor den Toren der Stadt Hamburg an der Grenze zur Lüneburger Heide, war dagegen bereits über 50 und hatte nur noch einen Kranz schütterer grauer Haare auf seinem markanten Kopf. Seine runde Nickelbrille wirkte ein wenig altertümlich. Langsam wandte er seinen Kopf vom Bildschirm, auf dem er einige Angaben kontrolliert hatte, zu dem Ehepaar. Sein Bild war ernst und nachdenklich. Er schien verschiedene Optionen durchzudenken, wie seine Gegenüber fanden.

„Ich habe eine schlechte und eine … gute Nachricht“, begann er ruhig und sah Herrn Rogan dabei an.

Beide Rogans fassten sich an den Händen. Schlechte Nachrichten waren sie inzwischen gewohnt. Eine mögliche gute gab ihnen wieder ein wenig Hoffnung. Erwartungsvoll sahen sie den Professor an.

„Also, wir hatte versucht, eine künstliche Befruchtung durchzuführen, indem wir eine Konzentration von Spermien in die Nähe der Eizelle gebracht haben. Leider ist der Versuch fehlgeschlagen. Wie es aussieht, haben wir ein Problem bei der Beweglichkeit ihrer Spermien, Herr Rogan.“

Der Arzt drückte höflich aus, was das Mikroskop gezeigt hatte. Die Spermien hatten sich so gut wie gar nicht bewegt. Ob es dann noch zusätzliche Faktoren gab, war nicht weiter untersucht worden. Innerlich schmunzelte er, denn ihm fiel der Vergleich ein, den ihm einmal ein Fußballstar zurückgegeben hat. Allerdings verkniff er sich diesen Vergleich. Obwohl …?

 

„Sehen Sie, es gibt eine andere Methode. Sie ist komplizierter, aber dieses Problem der Beweglichkeit kann damit umgangen werde, dass wir anders herangehen und die Spermien ‚an die Hand nehmen‘. Jemand hat mir das Problem der schwachen Beweglichkeit einmal an einem anderen Beispiel beschrieben, so wie er es verstanden hat. Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt und das Tor ist davor. Solange keiner den Ball tritt, rollt der nicht von alleine ins Tor. Und mit der anderen Methode stoßen wir den Ball ins Tor. Faktisch platzieren wir ein Spermium direkt in die Eizelle. Das Ganze nennt sich wissenschaftlich ‚intrazytoplasmatischen Spermieninjektion‘ oder kurz ‚ICSI‘. Wir entnehmen mit einem kleinen Eingriff einige Ihrer Eizellen, Frau Rogan. Das erhöht die Chancen und belastet Sie kaum. Mit einer winzigen Pipette halten wir eine Eizelle fest und mit einer anderen durchstoßen wir die Eizellwand und legen das Spermium Ihres Mannes dort ab. Das alles erfolgt zu dem Zeitpunkt außerhalb des Körpers. Wir beobachten die Eizellen einige Tage und dann pflanzen wir eine der befruchteten Eizellen bei Ihnen wieder ein. Der Rest ist dann der natürliche Ablauf von Schwangerschaft und Geburt. Außerdem ist alles von Ihnen, also nichts Fremdes. Haben Sie Fragen?“

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann entnehmen Sie mehrere Eizellen, befruchten alle, aber nur eine wird dann wieder eingepflanzt. Was passiert mit den Übrigen. Immerhin ist das doch auch schon Leben?“

„Völlig richtig. Sicher streitet man, ab welchem Moment man von Leben reden kann. Aber hier hat der Gesetzgeber bereits Festlegungen getroffen.

In anderen Ländern werden diese Embryonen „verworfen“, also abgetötet. Manche Länder erlauben auch die Nutzung im Rahmen der umstrittenen Embryonenforschung verwendet: Beides ist hier in Deutschland verboten. Gesetzlich gilt bei uns das Embryonenschutzgesetzes. Erlaubt dagegen ist die sogenannte Kryokonservierung, bei der die Embryonen in flüssigem Stickstoff konserviert werden. Diese imprägnierten Eizellen können später aufgetaut werden und sich zu Embryonen entwickeln, die in die Gebärmutter übertragen werden. Sollten Sie später nochmals den Kinderwunsch verspüren, würde man einfach eine der konservierten Eizellen von Ihnen auftauen und einsetzen. Die Schritte davor wären dann nicht mehr notwendig.“

 

Es wurden noch einige Punkte diskutiert, aber es ergab sich nichts, dass das Ehepaar Rogan abgeschreckt hätte. Schon am nächsten Tag erfolgte die Eizellenentnahme und deren künstliche Befruchtung. Sechs Eizellen waren entnommen worden und bei vier davon funktionierte die Befruchtung perfekt. Auch das Einpflanzen einer dieser vier Embryonen funktionierte reibungslos und das Ehepaar verließ glücklich die Klinik. Die restlichen drei Eizellen wurden kryokonserviert. Sie landeten in einem entsprechenden Vorratsbehälter, mit der passenden Kodierung. Die beiden Eizellen, bei denen es nicht funktioniert hatte, wurden vernichtet.

 

Nach einer ansonsten völlig normalen Schwangerschaft gab es eine ebenso problemlose Geburt und Mama und Papa Rogan hielten stolz und glücklich ihren Sohn Martin im Arm.

Allerdings hielten sie in den folgenden Jahren der Ausbau ihrer Firma und das Heranwachsen des Sohnes davon ab, noch ein zweites Kind zu wollen. Der erste Versuch war erfolgreich gewesen. Es bestand für sie nicht die Notwendigkeit, Martin noch einen Bruder oder eine Schwester beizustellen.

 

 

Drei Jahre später, Von Grabenau Geburtshilfeklinik

Das Geschäft lief gut. Professor Dr. von Grabenau hatte inzwischen seinen Stab erweitert und einen weiteren Arzt, Dr. Lammers, eingestellt, der sich hauptsächlich um die praktische Durchführung bei ICSI-Planungen kümmerte. Der Professor selber übernahm die psychologische Betreuung und die Erklärungen.

Er hatte vor einigen Jahren diese Klinik gegründet, nachdem neue Methoden den Nachwuchswünschenden mehr Optionen bot. Seine Zielgruppe waren die Wohlhabenden gewesen. Auch deswegen hatte er diese alte Villa mit dem Parkgrundstück gekauft und modernisiert. Äußerlich war es eine herrschaftliche Villa mit drei Stockwerken. Der Erbauer, ein reicher Überseehändler, hatte etwas für seine Familie und die zehn Bediensteten gesucht, damals in der Kaiserzeit. Innen war alles hochmodern und fügte sich gut in Stuckdecken und gedrechselte Holzornamente ein. Edel und funktional, hatte es jemand mal beschrieben.

Von Grabenau war sehr zufrieden mit seiner Wahl des jüngeren Arztes als Unterstützer. Er arbeitet gut und präzise. Auch Dr. Lammers hatte sich schnell eingearbeitet und seinen Stab an Mitarbeitern.

Nur hatte noch niemand mitbekommen, dass der Doktor noch ein Nebeneinkommen hatte. Da er ja für die Durchführung der ICSI zuständig war, gehörte zu seinem Aufgabenbereich auch die Kryokonservierung. Und natürlich der entsprechenden Datenbankpflege.

Der Mediziner kannte die gesetzlichen Restriktionen und Verpflichtungen. Er hatte sie mit unterschrieben bei Einstellung und jedes Jahr erfolgte eine Erinnerung und ein Update für alle Mitarbeiter der Klinik.

So wusste Dr. Lammers auch, in welchen Ländern und welche Firmen offizielle und weniger offizielle Forschung an Embryonen betrieben. Als Hüter der Datenbank hatte er die Möglichkeit, bei Patienten, die seit fünf oder mehr Jahren keinen neuen Kinderwunsch geäußert hatten, so mal eines von den eingefrorenen drei, vier oder fünf imprägnierten Eizellen verschwinden zu lassen. So landete, zwar nicht regelmäßig, aber doch auch nicht zu selten ein mehrstelliger Betrag auf seinem Konto, dass er auf den Bermudas unterhielt. Das war der Vorteil bei einer sehr renommierten und gut laufenden Klinik mit großer Klientel.

 

Heute allerdings hatte er ausgesprochenes Pech. Es hatte am Vormittag angefangen. Plötzlich hatte sich sein Assistent zusammengekrümmt und dabei sein Glas mit Wasser verschüttet. Daraufhin war allgemeine Hektik ausgebrochen. Die erste Untersuchung deutete auf einen Blinddarmdurchbruch hin. Ein derart Erkrankter in einer Klinik bot die Möglichkeit schnellster Hilfe ohne erst Transport und mehr zu initiieren. Deshalb war eine Notoperation angesetzt worden. Der Professor persönlich übernahm die Regie und scharte alle verfügbaren Kräfte um sich.

Für Dr. Lammers blieb die Vorbereitung der Einpflanzung einer befruchteten Eizelle am Mittag bei dem Industriellenpaar, dass dafür extra aus München angereist war. Er musste nun alles alleine vorbereiten, denn sein Assistent lag auf dem OP-Tisch und seine zweite Assistentin war als helfende Kraft abgezogen worden.

Natürlich war es keine aufwendige Vorbereitung, aber die Schale nit den Eizellen aus dem Brutschrank nochmals einer Begutachtung unter dem Mikroskop zuzuführen, war bisher unter seiner Würde gewesen. Er bevorzugte, der Arzt zu sein, der über profanen Tätigkeiten stand und seine Assistenten per Fingerschnipp dirigierte.

Vielleicht war es sein inneres Grummeln um diese unwürdige Tätigkeit, dass er unaufmerksam war. Er dachte nicht mehr daran, dass der Assistent Wasser verschüttet hatte bei seinem Anfall. Doch er erinnerte sich daran, dass man vor lauter Sorge um den Verletzten vergessen hatte, das Wasser aufzuwischen. Es fiel ihm in dem Moment ein, als sein Fuß darauf wegrutsche und er in Rückenlage auf den Fliesenboden krachte.

Mühsam erhob er sich wieder. Laut fluchte er, doch es war niemand da, der es hören konnte. Das ärgerte ihn noch mehr. Jemandem die Schuld zuweisen, hätte ihn erleichtert.

Dann aber fuhr es ihm eiskalt über den Rücken. Er sah die zerplatzte Petrischale mit den befruchteten Eizellen am Boden. Diesmal war sein Fluchen leise, aber wesentlich inbrünstiger.

„Verdammt. Den Termin nachher müssen wir absagen. Die Eizellen sind zerstört.“

Langsam kehrt Überlegung in sein Denken zurück.

„Verdammt. Absagen können wir nicht. Erstens zahlen die Kunden viel Geld und alles war umsonst. Alles noch einmal. Die werden sauer sein. Zweitens wäre das dann auf Kosten des Hauses und gleichzeitig schlechte Publicity. Damit ist der Chef sauer. Ich bin auch noch schuld daran. Also wird er noch wütender sein. Vielleicht feuert er mich sogar. Dann wäre auch mein Nebenverdienst weg. Und dann sind meine Kunden dort auch noch sauer auf mich. Nein, in Summe ist das nicht akzeptabel. Was habe ich an Möglichkeiten?“

Er dachte nach und seine Wut und Panik legten sich langsam. Er hatte es nicht bis in diese Position geschafft, wenn er nicht immer ein Ass hatte aus dem Ärmel zaubern können.

Punkt eins. Noch habe ich Zeit, etwas vorzubereiten. Allerdings gibt es kein Placebo, den ich einsetzen kann. Punkt zwei. Die anderen Eizellen im Brutschrank kann ich nicht nutzen. Das würde auffallen. Aber, Punkt drei, es gibt die aus der Kryokammer. Und es ist noch genügend Zeit zum Auftauen. Ich brauche nur eine. Gut. Lösung gefunden. Und auf, ans Werk. Gut, dass ich heute alleine bin.

 

Als das Ehepaar Heger eintraf, waren seine Vorbereitungen abgeschlossen. Die befruchtete Eizelle war geprüft und lebte. Sie war bereit zum Einsatz. Und sie kam zum Einsatz.

Gewohnt souverän führte Dr. Lammers den kleinen Eingriff durch und demonstrierte dabei entspannte Professionalität. Das Fehlen einer Assistentin spielte er lässig herunter, indem er andeutete, dass jemand anderes mehr Unterstützung brauchte als er.

Und so konnte er später das Ehepaar Heger als werdende Eltern verabschieden. Professor von Grabenau war ebenfalls beeindruckt von der Zufriedenheit der glücklichen Eltern. Neun Monate später bekam er die Geburtsanzeige der dankbaren Eltern, die jetzt eine Tochter hatten.

Wieder einmal gratulierte er sich innerlich, diesen jungen und derart qualifizierten Arzt in sein Team geholt zu haben.

 

Und Dr. Lammers pflegte die Einträge in der Datenbank entsprechen nach. Es war ja so einfach. Die Anzahl der befruchteten Eizellen ‚Rogan‘ reduzierte er um eine und löschte den entsprechenden Datensatz. Dafür erhöhte er die Zahl der damals nicht befruchteten Eizellen um eine. Die waren längst vernichtet und den eben gelöschten Datensatz kopierte er in die Vernichtungsprotokolle.

Beim Ehepaar Heger hatte es jetzt ‚offiziell‘ nur einmal mit der Befruchtung geklappt. Alle übrigen wanderten in die Vernichtungsprotokolle. Da niemand vor frühestens einem oder zwei Jahren wiederkommen würde, wäre es auch aus allen Köpfen verschwunden, wie viele Eizellen tatsächlich befruchtet worden waren. Nur die ‚einzige‘ befruchtete Eizelle wurde als eingepflanzt eingetragen. Alles hatte damit seine Richtigkeit, dachte er zufrieden, während er sich zurücklehnte und die Datenbank schloss. Es ist praktisch, wenn man die Administratorrechte dafür hat und niemand mich kontrolliert.

Er hatte nur nicht gemerkt, dass ihm hier sein einziger Fehler unterlaufen war. Bei der eingesetzten Eizelle war durch das Kopieren des Datensatzes der originale Code weiterhin eingetragen, nicht der für die Hegers.

 

 

Begegnung

 

„Hallo Lisa“, rief Martin Rogan und winkte.

Weiter vor ihm wandte eine junge Frau suchend den Kopf nach dem Rufer und winkte dann lachend zurück. Sie blieb stehen und wartete bis Martin zu ihr an der Tür zur Universitätskantine aufgeschlossen hatte.

Schmunzelnd betrachtete sie den Näherkommenden. Martin war ein hoch aufgeschossener Mann im Alter von 28 Jahren. Seine Gestalt war schlank und doch kräftig. Das lag vor allem daran, dass er sich in der Handballmannschaft der Universität einbrachte und so Zeit verbrachte. Und er surfte im Sommer an den Wehren im Englischen Garten, die dafür eingerichtet waren und an sonnigen Tagen viel Zuspruch hatten. Seine kurzen braunen Haare wirkten immer etwas verwuschelt, aber Gel lehnte er kategorisch ab. Dafür blitzten jetzt seine braunen Augen im etwas kantigen Gesicht mit dem leichten Bartschatten. Er hat wieder einmal vergessen, sich heute Morgen zu rasieren, dachte Lisa amüsiert.

Martin trug neben den üblichen blauen Jeans und den Turnschuhen ein dunkelblaues Poloshirt. Auf der rechten Brust prangte das Logo der Universität, auf dem Rücken aber kauerte ein Steinzeitmensch vor einem brennenden Busch und über seinem Kopf schwebte ein Glühbirne, so wie in Comics oft Ideen dargestellt wurden. Der Text darunter lautete ‚Ohne uns Nerds wärt ihr noch in der Steinzeit‘. Bild und Text kannte sie, denn sie selber hatte ihm das Poloshirt zu seinem letzten Geburtstag vor ein paar Monaten geschenkt. Sie beide hatten lange gelacht, als er es bekommen und gleich angezogen hatte.

Er hatte seinen Master in Informatik mit Summa cum Laude abgeschlossen. Nebenbei hatte er noch Digital Humanities belegt, ein Nebenfach bezüglich anwendungsorientierter Programmierung und Datenbanken. Und er hatte das Glück gehabt, eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent bei seinem Professor bekommen zu haben. Lisa wusste, dass seine Wohnung mit Computern vollgestopft hatte und an einer eigenen Idee in Richtung KI arbeitete.

Lisa Heger war 24 Jahre alt. Sie war ebenfalls schlank und einen halben Kopf kleiner als er, als sie nebeneinanderstanden. Auch sie hatte braune Augen. Nur ihre normalerweise braunen leicht gewellten schulterlangen Haare hatten derzeit rote Strähnen. Ihre mittelgroßen festen Brüste dehnten das enganliegende grünes T-Shirt. Und ihre Beine saßen ebenfalls eng eingehüllt in Stretch-Jeans. Ihre weiblich muskulöse Gestalt hielt sie mit ihrem Hobby von Feldhockey in Schuss. Sie war im Abschlussjahr für ihren Master in Informatik und hatte BWL als Nebenfach belegt. Typisch für sie war der kleine Rucksack, in dem sie vom Tablet bis zu Büchern alles mitschleppte, was sie meinte, zu brauchen. Sie wusste, ebenso wie Martin, dass sie gewöhnlich mehr dabeihatte. Als sie es ihm gegenüber erklärt hatte, dass sie lieber auf Nummer sicher gehen würde, hatte er ihr eine Plakette besorgt, mit der typischen Hand, die Pfadfinder machen und einem ‚Allzeit bereit‘ darunter als Text. Sie trug die Plakette mit lächelndem Stolz an ihrem Rucksack.

 

„Das Übliche?“ fragte er schmunzelnd.

„Yupp. Ich reserviere unseren Platz.“

Damit ging sie zielstrebig zu einem der hinteren Tische, die noch wegen der frühen Uhrzeit frei waren. Martin stellte sich in die Reihe bei der Essensausgabe und fing an, ein Tablett zu beladen. Heute gab es Lasagne als ein Hauptgericht und er wusste, dass sie beide es mochten. Dazu kam noch für jeden ein Schälchen mit Salat und ein Glas Wasser neben Servietten und Besteck. Er bezahlte mit seiner Karte und trug das volle Tablett zu ihr hinüber.

Es war ihr Stammplatz. Mit der Zeit hatte es sich so ergeben. Und meistens war er nicht belegt, weil er weit im Hintergrund gelegen war. Vor einem Semester hatten sie sich hier das erste Mal getroffen. Er hatte sich neben sie gesetzt, weil es weiter vorne zu laut war, wie er fand. Sie hatte hier bereits gesessen, ihr Tablet neben sich und hatte zwischen Bissen immer wieder den Text studiert. Natürlich hatte er beim Essen zu seiner Nachbarin hinübergeschielt. Einerseits war sie eine hübsche junge Frau und er ungebunden, andererseits war er neugierig, was sie dort las.

„Das ist einfach“, war ihm entrutscht, denn das Problem, dass sie studierte, kannte er.

„Wirklich?“ war ihre skeptische Antwort.

Daraufhin erklärte er ihr die Lösung und wie sie dahin kam. So entspannte sich ihre erste Diskussion und das Essen war kalt, als sie fertig waren. Erst danach hatten sie sich gegenseitig vorgestellt.

Es ergab sich, dass sie anfänglich eher zufällig sich wieder an diesem Tisch trafen, doch es wurde regelmäßiger. Er als Assistent eines Professors und sie an ihrer Master-Arbeit fanden immer ein Fachthema.

Langsam trafen sie sich auch mal bei ihm zum Vertiefen von Themen oder er fuhr auch mal zur Villa ihrer Eltern nahe dem Starnberger See, von wo sie die Natur bewanderten als Entspannung. Allerdings drehten sich auch dabei die Gespräche oft um Informatik und Problemstellung oder neue Ideen.

Beide wurde Freunde, aber nicht mehr. Mochten beide auch Hoffnungen in sich tragen, so hielten beide diese zurück, denn sie würde hier in München in die Firma der Eltern einsteigen und er wollte seinen persönlichen Zielen nachjagen. Beide sahen momentan nicht die Möglichkeit, ihre Ziele zugunsten einer Beziehung hintenanzustellen.

Bis sich alles von einem Tag auf den anderen änderte.

 

--- xxx ---

 

Das riesige Grundstück mit der über hundert Jahre alten Villa lag außerhalb westlich von Aachen und lag nahe dem Dreiländereck Deutschland – Belgien – Niederlande. Nur ein breiter Waldstreifen lag dazwischen. Das Haus befand sich seid fünf Generationen im Familienbesitz. Der Urgroßvater hatte es kurz vor dem Ersten Weltkrieg einem Adligen abgewonnen. Und er und sein Sohn zählten während und nach dem Krieg zu den Kriegsgewinnlern. Mit Beginn der Stellungskriege hatten sie das Ende vorhergesehen und das Horten von Kostbarkeiten, wie auch von Lebensmitteln begonnen. Nach dem Krieg hatte man die Waren überteuert verkaufen können … nur gegen Gold und Schmuck. Sohn und Enkel hatten zwischen den Kriegen den Schmuggel betrieben und waren dann wieder zu horten und verkaufen gewechselt. Nebenbei hatten sie alle Seiten mit Informationen gedient. Den Deutschen ebenso wie den Belgiern und Franzosen und später den Amerikanern. Selbst das verzögerte Versenden von Warnungen hatte sich rentiert.

Heute war der Hausherr die fünfte Generation und als weltweit agierender Immobilienmakler bekannt. Wer etwas mit mindestens sechs Nullen im Verkaufspreis suchte, war bei ihm richtig. Eine Villa in Beverly Hills? Kein Problem. Eine Penthouse-Wohnung am Central Park in New York? Ein Appartement im Burj al Kalifa in Dubai? Kommen Sie nächste Woche vorbei. Unter der Hand waren aber weiterhin Informationen das Wichtigste. ‚Wissen ist Mach‘ hätten schon die alten Römer gewusst, hatte der Vorfahre auch gegrinst.

Mochte sein Vermögen mit einigen Millionen geschätzt werden, so wussten nur sehr wenige, dass es sich tatsächlich drei weitere Stellen vor dem Komma bewegte. Penibel verschachtelte Firmenstrukturen und Briefkastenfirmen im Ausland sorgten dafür. Er war der einzige, der wirklich einen Überblick hatte. Aber das verdankte er auch seinen fotographischen Gedächnis. Was er hörte und sah, vergaß er nicht mehr. Deshalb gab es hier im Arbeitszimmer der Villa keine Aufzeichnungen von Gesprächen. Elektronik sorgte dafür, dass Mikrophone versagten und auch über die Schwingungen der Fenster konnte niemand etwas aufzeichnen. Die verspiegelten Scheiben erlaubten nicht einmal Lippenlesen.

Im Zimmer gab es nur einen einfachen Schreibtisch und eine lederne Sitzgruppe. Dazu kam der Parkettfußboden und die Holzdecke. Auch die Wände waren ohne Bilder. Nur über der Zugangstür hing ein längeres zerbrochenes Brett mit den schwarzen Buchstaben ‚Der Krug geht solange zu Brunnen, bis er bricht‘. ‚Man kann alles machen, nur nicht übertreiben‘ hatte ein Vorfahre diesen Sinnspruch erklärt.

Heute stand der Hausherr am bodenhohen Fenster und schaute hinaus in die Nacht. Im Zimmer selber war es dunkel. Nur schwach erhellte eine kleine LED den Schreibtisch. Dementsprechend schwach wurde der schlanke Körper des 42jährigen am Fenster von hinten beleuchtet. Und genauso schwach wurde der zweite Mann vor dem Schreibtisch erhellt. Es war einer der Koordinatoren, wie sie genannt wurden, der seinen monatlichen Bericht ablieferte.

„Alles läuft ohne Probleme“, fasste er es gerade zusammen.

Der Hausherr hob den Kopf ein wenig. Er Hatte den fast unhörbaren Unterton herausgehört.

„Alles?“

Der Koordinator zuckte zusammen. Für ihn gab es in seiner Position nur schonungslose Offenheit. Es lag nichts an, aber als Koordinator hatte er nicht nur das Tagesgeschäft im Kopf zu haben, sondern auch die längerfristige Entwicklung.

„Für die kommenden Monate gibt es nichts Berichtenswertes. In der zweiten Jahreshälfte könnte sich eventuell etwas ergeben.“

„Wo?“

„München.“

Der Hausherr musste nicht weiter nachfragen und der Koordinator nichts weiter erklären. Mit dem Ort wussten beide, um wen es ging.

„Warum?“

„Die Tochter wird mit ihrem Studium fertig und in die Firma eintreten. Das könnte eine Veränderung der Situation bewirken, wenn die Eltern die Besitzverhältnisse ändern. Dann hätte unser Mann weniger Zugriffsmöglichkeiten auf die Daten. Die Tochter können wir nicht für unsere Zwecke gewinnen. Sie hat keine Angriffsflächen wie Spielschulden wie unser bisheriger Lieferant.“

„Lösungsmöglichkeiten?“

„Verschiedene. Die Tochter ist aber die Auffälligste. Zu wenig Angriffsfläche, sie geht zu wenige Risken ein.“

Der Koordinator hatte sich schon Gedanken gemacht. Sich auf alle Fragen vorbereiten, gehörte zu seinem Job.

„Dann sorgen Sie dafür, dass Bruder Zufall unauffällig bleibt“, gab der Hausherr seinen Befehl.“

„Wird erledigt, Chef“.

Der Koordinator wandte sich schweigend ab und ging. Sonst stand nichts mehr für ihn an. Noch im Wagen kontaktierte er jemanden und erteilte einen Auftrag. Es dauerte noch vier Wochen, bis der Auftrag umgesetzt wurde.

 

 

Erschütterung

 

Zusammengesunken saß Lisa auf dem Hartschalenstuhl im Krankenhausflur. Zumindest das abgewetzte dünne Kissen erleichterte das lange Sitzen ein wenig. Noch immer versuchte sie zu begreifen, wie sich ihr Leben faktisch von einer Minute auf die anderen geändert hatte.

Heute Morgen hatten sie gemeinsam gelacht und Pläne für den Abend gemacht. Grillen wollte er. Und jetzt lag ihr Vater im Raum hinter ihr. Intensivstation. Angeschlossen an zig Geräte, die dafür sorgten, dass sein Körper einen Kreislauf hatte und atmete. Er war noch nicht tot aber auch kaum noch am Leben. Die Ärzte sahen nur eine minimale Chance, dass er irgendwann wieder ohne Geräte leben würde. Und sie hatten ein dickes Fragezeichen in den Raum gestellt, ob er jemals wieder bewusst leben würde. Seine Kopfverletzungen und die möglichen Schäden durch die inzwischen entfernten Blutgerinnsel im Kopf waren noch lange nicht einschätzbar.

Lisa biss die Zähne zusammen. Die Ärzte hatten durch die Blume zu verstehen gegeben, dass es wahrscheinlich besser wäre, die Geräte abzuschalten. Doch das war etwas, was Lisa nicht zulassen konnte. Mochte die Chance auch noch so klein sein, es blieb eine Chance. Und was war ein Mensch ohne Hoffnung?

Erneut dachte sie darüber nach, wie wenige Sekunden das Leben verändern konnten. Da waren ihre Eltern auf dem Heimweg. Es dämmerte. Die Strecke durch den Wald. Der übliche Weg, die übliche Zeit. Und dann war das andere Fahrzeug aus dem Seitenweg gekommen. Überhöhte Geschwindigkeit. Ungebremst. Dunkelblau. Wahrscheinlich ein Transporter. Hatte die Polizei gesagt. Eine ziemlich sichere Vermutung. Denn der Unfallverursacher hatte Fahrerflucht begangen. Nur Splitter, Lackspuren und Reifenspuren waren geblieben.

Doch der unbekannte Wagen war den ihrer Eltern frontal in die Seite gefahren. Der Aufprall musste ihre Mutter sofort getötet haben, schätzte die Polizei. Und der Wagen ihrer Eltern war einfach von der Straße geschoben worden und hatte sich danach überschlagen. Das hatte ihrem Vater die schweren Brust- und Kopfverletzungen zugefügt. Deswegen lag er nun in dem Krankenhauszimmer im Koma.

Wie lange hatte der Unfall gedauert? Drei Sekunden? Vier? Fünf? Zehn, bis der Wagen endlich auf dem Kopf zum Liegen kam? Wie viel Zeit hatten ihre Eltern gehabt, um das Unausweichliche zu erkennen? Noch eine Sekunde mehr? Oder doch noch zwei? Haben sie geschrien? Oder waren sie stumm vor Entsetzen? Haben sie gewusst oder zumindest geahnt, dass es in den nächsten Sekunden endete?

Lisa beugte sich vor. Ihre Ellenbogen stützen sich auf ihren Knien ab, als sie das Gesicht in ihre Hände bettete. Weinen konnte sie nicht mehr. Ihre Tränen waren längst versiegt. Sie wusste nicht, ob sie beten sollte oder um sich schlagen vor Verzweiflung.

Wieder glitten ihre Gedanken zurück zu dem Unfall. Minuten später hatte jemand den Notruf gewählt. Minuten später waren dann Polizei und Rettungskräfte gekommen. Und noch Minuten später die Feuerwehr, um ihren Vater aus dem eingedrückten Wagen zu schneiden. So viele Minuten. So viel Zeit, bis wirksame Hilfe möglich war. Dann noch der Transport ins Krankenhaus, in den Op. Was waren es gewesen? Eine, zwei oder drei Stunden? Und irgendwann nach Mitternacht die Verlegung auf die Intensivstation und die Geräte.

Das Klingeln der Polizei bei ihr. Die mitleidigen Blicke. Die leisen Erklärungen. Die Fahrt hierher, an die sie sich nicht erinnerte. Das stumme Sitzen, weil sie nicht zu ihm durfte. Die Erklärungen der Ärzte, die sie zwar gehört, aber nicht in ihren Kopf gelassen hatte. Mutter tot, Vater aufs schwerste verletzt und im Koma. Mehr war noch nicht in ihren Verstand vorgedrungen. Alles andere blieb Rauschen.

 

Mehrfach waren die Ärzte und Pflegekräfte zu ihr gekommen und hatten sie gebeten, nach Hause zu gehen und zu schlafen. Schließlich konnte sie hier doch nichts machen und eine Veränderung des Zustands ihres Vaters, weder in positive noch in negative Richtung, war momentan auch nicht zu erwarten. Das einzige, was sie machen konnte und durfte, war auf dem Flur sitzen. Selbst zu ihm hatte sie nur kurz gedurft.

Noch waren viele Wunden frisch und niemand wollte Komplikationen durch eingeschleppte Keime. Es war zumindest ein Argument, dass Lisa ohne Schwierigkeiten einsah. Es war schlimm genug, wie es um ihren Vater stand. Noch weitere Erschwernisse würden einer Heilung nur entgegenwirken.

Lisa blieb die ganze Nacht vor dem Zimmer sitzen und starrte die Wand an. In ihrem Kopf liefen die Gedanken träge umher, immer nur mit der Frage nach dem ‚Warum‘.

Warum sie dann am nächsten Vormittag doch Martin anrief, hätte sie hinterher nicht erklären können. Sie war willenlos genug, außerdem körperlich und geistig so erschöpft, dass er sie nach kurzem Beieinandersitzen einfach aufhob und sie mit zu sich nach Hause fuhr. Sie hatte ihm mit monotoner Stimme erzählt, was passiert war.

Bei sich nötigte er sie, wenigsten ein paar Bissen zu essen und ein Glas Wasser zu trinken. Apathisch folgte sie seinen Anweisungen mit leerem Blick. Und genauso apathisch ließ sie sich von ihm bis auf BH und Höschen entkleiden. Wie ein hilfloses Kind legte er sie in sein Bett, verdunkelte das Zimmer und legte sich hinter sie.

Einige Minuten lag sie einfach nur steif in seinem Arm. Nur ganz langsam fühlte er ihre Entspannung wachsen. Am Ende war sie es, die sich vertrauensvoll in seine Umarmung kuschelte und schlief. Er selber lag wach an ihrem Rücken und überlegte, wie er ihr helfen konnte.

 

Die nächsten Tage liefen ziemlich gleich ab. Nach einem aufgezwungenen Frühstück brachte Martin seine Freundin in die Klinik. Natürlich hatte sich die Situation dort nicht verändert. Aber sie konnte zumindest zeitweise, wenn nicht gerade Visiten waren, bei ihrem Vater sitzen und seine Hand halten.

Tagsüber war Martin in der Uni. Er hatte dort einen Job und konnte sich nicht laufend fortstehlen. Aber er reduzierte seine privaten Forschungen und investierte diese Zeit in das Bearbeiten und Ergänzen von Lisas Masterarbeit. Immerhin gab es auch hier Zeitrahmen. Nach Dienstende tauchte er wieder in der Klinik auf. Meistens saß er eine Weile im Hintergrund, bis er dann Lisa mehr oder weniger nötigte, wieder an sich zu denken. Er brachte sie weiter zu sich nach Hause. Einmal hatten sie den Umweg gemacht und ihre notwendigen Dinge, wie auch Ersatzkleidung von ihrem Zuhause zu holen. Dort bleiben wollte sie aber nicht. Es war die Villa der Eltern. Es gab zu viele Erinnerungen, die sie jetzt bedrückten.

Jede Nacht kuschelte sie sich an ihren Freund. Es schien, als ob er damit ihre Batterien wieder auflud und ihr auch ein wenig Entspannung und Hoffnung schenkte. Bis der nächste Morgen denselben Trott bot. Trotzdem änderte die Nähe noch mehr. Mehr, als sich beide eingestehen wollten. Die Situation erlaubte ihnen keine Gedanken abseits des Krankenhauses. Sie würden es beschämend finden, wenn sie Freude zeigten, während hier jemand mit dem Tod kämpfte.

 

Zehn Tage später änderte sich alles erneut. Martin lernte so auch Sebastian, Lisas Cousin, kennen. Zwar nicht persönlich per Handschlag, aber er erlebte ihn in Aktion.

Lisa und Martin standen auf dem Flur des Krankenhauses. Sie hatten dort wie üblich in der Cafeteria eine Kleinigkeit zu Mittag gegessen, als Sebastian den Gang entlang gestürmt kam. Lisa bemerkte ihn zuerst. Eine Handbewegung und ein schneller Blickwechsel baten Martin zu warten und ruhig zu bleiben. Lisa wollte nicht mehr Streit als nötig. Deswegen ging sie auf ihren Cousin zu. Dass noch jemand den Gang entlangkam, entging ihr, weil sich die Person halb hinter einen Türeingang versteckte.

„Was willst du eigentlich, Lisa?“ zischte Sebastian scharf.

„Er ist doch bereits tot. Nur die Maschinen halten den winzigen Funken noch am Glimmen. Aber ein Feuer wird es nie mehr. Lass ihn doch endlich gehen. Lass ihn zu seiner Frau. Lass endlich abschalten. Hörst du?“

„Er ist mein Vater. Ich …“

„Und er ist mein Onkel“, wurde er lauter, „auch ich bin verwandt. Doch im Gegensatz zu dir, klammere ich mich nicht an falsche Hoffnungen. Wenn sogar die Ärzte ihn aufgegeben haben, was willst du dann noch?“

Genervt warf er die Hände in die Luft. Dann wandte er sich ab und schritt zum Ausgang. Nach ein paar Schritten blieb er stehen und drehte sich ihr nochmals halb zu.

„Wenn du es nicht machst, dann lasse ich abschalten.“

„Das kannst du nicht. Ich allein bin die nächste Verwandte“, warf Lisa erschüttert zurück.

„Wenn du nur hier auf dumpfe Lethargie, Däumchen drehen und Heilzauber machst, was meinst du, bekomme ich Unzurechnungsfähigkeit durch bei Ärzten und Gerichten?“ kicherte er böse.

„Aber gut“, gab er sich zwei Sekunden später generös, „ich gebe dir noch eine Woche. Wenn sich dann nichts verändert, dränge ich auf Abschalten. Hast du verstanden? Eine Woche.“

„Nein. Das lasse ich nicht zu“, zischte Lisa, jetzt auch wütend.

Sebastian winkte kichernd ab.

„Wer weiß? Vielleicht hat dein Daddy ja sogar eine Anweisung hinterlassen, dass er nicht von Maschinen abhängig sein will. Patientenverfügung oder so.“

Lisa schnappte förmlich nach Luft. Sie wusste zwar, dass es so etwas gab, aber sie wusste absolut sicher, dass ihr Vater so ein Papier nicht hatte. Es sei denn ….? Ihr kam ein furchtbarer Gedanke.

„Du … du würdest so ein Papier erfinden?“

„Ich doch nicht“, winkte Sebastian grinsend ab, „dein Vater. Du kannst gerne so etwas versuchen, als Lüge darzustellen. Die Frage ist nur, ob ein Gericht dir glaubt oder dem Dokument.“

Noch einmal lachte er fast fröhlich. Laut und unpassend für einen Krankenhausflur. Aber siegessicher. Dann ging er endgültig.

Martin hielt die schluchzende Lisa im Arm. Mit leisen Worten und Streicheln versuchte er sie zu beruhigen, doch es dauerte, bis nur noch gelegentliches Schniefen zu hören war. Dafür schmiegte sie sich eng an ihren Freund.

Er hatte nichts in diesem Schlagabtausch gesagt, nur die Fäuste hatte er geballt. Er konnte nichts sagen, denn in der Sache hatte er kein Mitspracherecht. Und jede Parteinahme hätte mindestens eine Seite schlecht aufgenommen. Sebastian wahrscheinlich als Einmischung in fremde Angelegenheiten, Lisa möglicherweise zwiespältig im positiven als Unterstützung, im negativen als Bevormundung. Derart emotionale Diskussionen konnten schnell einen falschen Geschmack bekommen. Deswegen hielt er sich jetzt an die Rolle des Trösters.

 

Langsam kam ein älterer Mann heran. Er hatte sich in einem Zugang zu einem anderen Krankenzimmer an die Wand gelehnt, als er Sebastian bemerkt hatte. Nun war der weg und die Ältere konnte seine Aufgabe erledigen. Er wartete, bis sich Lisa beruhigt hatte und wieder aus Martins Arm löste. Leider wusste er auch, dass er ihr den nächsten Schock verpassen würde.

 

„Doktor Lorenz, was machen Sie hier?“ fragte Lisa erstaunt, als sie den Älteren erkannte.

„Martin, das ist Doktor Lorenz. Er ist kein Arzt, aber der langjährige Rechtsberater meiner Eltern. Internationales Handelsrecht“, erklärte sie Martin und gleichzeitig als Vorstellung.

„Das ist Martin, Martin Rogan. Er ist an seiner Masterarbeit in IT und wissenschaftlicher Assistent hier an der Uni“, übernahm sie auch die Gegenvorstellung.

Beide Männer begrüßten sich mit Handschlag und einem freundlichen Gruß. Dass Martin auch mehr für Lisa darstellte, bemerkte der Rechtsanwalt mit einem Seitenblick auf die verflochtenen Finger und seinen Arm um ihre Schulter. Doch er sagte nichts. Nur ein kleines Nicken zeugte von Wohlwollen.

„Ähm, Fräulein Heger, ich würde Sie gerne unter vier Augen sprechen“, machte Doktor Lorenz nach einer schweigenden Pause den Anfang.

Lisa schüttelte den Kopf. Nach der Tirade eben von ihrem Cousin wollte sie nichts mehr alleine erfahren. Und das Auftauchen des Rechtsanwalts bedeutete nichts Gutes, wie sie fand.

„Bitte sagen Sie, was Sie zu sagen haben. Ich will, dass Martin bei mir bleibt. Er ist mein bester Freund.“

Der Anwalt nickte kurz und sah Martin nachdenklich an. Vielleicht ist es sogar von Vorteil, sinnierte er. Dann gab er sich einen Ruck, weil die anderen ihn erwartungsvoll ansahen.

„Gut, aber ich muss darauf bestehen, dass das, was ich sage, dann nur unter uns dreien bleibt.“

Er sah Lisa und Martin nacheinander an. Die beiden schauten sich einen Moment an und nickten dann zustimmend.

„Um es zu erklären, Fräulein Heger, ich bin nicht nur der Firmenanwalt, sondern ihr Vater hat mir auch sein Testament anvertraut und mich zum Testamentsvollstrecker bestellt.“

Seine beiden Gegenüber runzelten die Stirn, sagten aber nichts. Nur Fragezeichen schienen sich in den Gesichtern abzuzeichnen.

„Offiziell darf ich nichts sagen, aber ich habe gerade Herrn Bader gehört. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er es herausgefunden hat, aber er scheint das Testament zu kennen. Anders kann ich mir sein Verlangen nicht erklären. Deswegen möchte ich Sie über einen Punkt des Testamentes informieren, den Sie bei der Entscheidung berücksichtigen sollten.“

Erneut herrschte unverständiges Schweigen. Die Frage ‚Was ist das?‘ stand förmlich im Raum.

„Ihr Vater war … wie soll ich sagen … in manchen Dingen altmodisch in seiner Einstellung. Kurz, in seinem Testament steht, dass Sie alles erben. Das Haus, die privaten Konten und die Firma.“

Er machte eine dramatische Pause.

„Allerdings nur, wenn sie zum Zeitpunkt seines Todes verheiratet sind. Sind Sie es nicht, selbst verlobt zählt nicht, dann bleiben Ihnen nur das Haus und die privaten Konten. Die Firma dagegen fällt an Sebastian Bader als dem nächsten männlichen Verwandten.“

Er konnte sehen, wie Lisa fast in Martins Arm zurücktaumelte.

 

Verdammt, konnte Martin auch nur denken. Er ahnte, was für ein Schlag das gerade für Lisa gewesen sein musste. Im Zimmer hinter ihr lag ihr Vater an der Kante zum Tod und sie musste verheiratet sein, um die Firma zu bekommen, die sonst an ihren Cousin fiel. Kein Wunder, dass der wollte, dass Lisa abschaltete. Der kennt das Testament garantiert und sieht jetzt seine einzige Chance. Sonst geht der Mistkerl leer aus. Faktisch hat sie wohl keine Chance mehr, dass sie die Firma erbt. Obwohl …?

In seinem Kopf rasten die Gedanken. In Lisas dagegen herrschte Stille. Die neuesten Informationen hatten ihr einen aus ihrer Sicht vernichtenden Schlag erteilt. Sie kannte ihren Cousin. Wenn der die Führung der Firma innehatte, würde er sie zuerst ausbluten und dann verscherbeln für billiges Geld. Die Mitarbeiter wären ihm egal, die Kunden nur soweit, wie sie Geld brachten. Und die eigenen Pläne für die Firma konnte sie in den Wind schreiben. Ohne die Unterstützung ihres Vaters würde sie ganz unten anfangen müssen bei irgendeiner Firma. Das würde Jahre brauchen, bis sie in geeigneter Position wäre. Und selbst dann wäre sie immer noch von der Zustimmung ihres Chefs abhängig.

Sie musste verheiratet sein. Diese Forderung konnte sie nicht erfüllen. Nicht in der möglicherweise kurzen Zeit, die ihr noch blieb. Eine Woche, hatte ihr Cousin gedroht. Und er würde es erzwingen, wie sie vermutete. Jedenfalls bei der Beute, die für ihn auf dem Spiel stand, würde er keine Skrupel kennen. Schon seine Drohung zeigte ihm, dass ihm das Leben seines Onkels egal war.

Müde, wie erschlagen, sank sie auf einen Stuhl und vergrub ihr Gesicht in den Händen.

 

Martin ließ sie gehen. Stattdessen trat er zu dem Anwalt, der mitleidig die junge Frau ansah. Er ahnte, was sie empfand.

Als Martin neben ihn trat, schaute er auf. Fragen sah er den für ihn Unbekannten an. Was wollte er?

„Lisa muss verheiratet sein?“ fragte Martin leise.

Doktor Lorenz nickte schweigend.

„Es gibt niemanden, dem sie versprochen ist?“

Wieder antwortete Kopfschütteln.

„Hier heiraten dauert zu lange?“

Diesmal antwortete Nicken. Der Gang zum Amt, einen Termin finden … das konnte Tage oder Wochen dauern.

„Und eine Heirat in Las Vegas?“

Martin nannte einen klassischen Ort, bekannt für das Vorbeikommen und Heiraten ohne Wartezeit.

„Oh“, kam die erstaunte Antwort.

„Und wer würde es machen?“ folgte die Frage des Anwalts.

„Ich.“

„Sind Sie sich sicher?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil … ich sie liebe.“

Gedacht hatte Martin es schon, aber sich selber nicht getraut, es als Realität anzuerkennen. Sie waren gern zusammen, es harmonierte bei ihnen, sie vertrauten sich gegenseitig. Man lachte gemeinsam, auch das Streiten und wieder vertragen passierte. Gemeinsam ausgehen, sogar unterbewusst Händchen halten war schon vorgekommen. Aber mehr noch nicht. Kein Kuss, keine intime Berührung oder noch mehr. Gemeinsam Baden gehen oder im Sommer in Bikini und Badehose an den Isarauen oder dem Englischen Garten … alles schon passiert. Aber das war’s. Und jetzt dachte er sich mehr. Jetzt war er bereit, es laut auszusprechen.

„Liebe? Oder das Erbe?“ fragte der Anwalt direkt mit einem kleinen provokanten Lächeln.

Martin lachte leise.

„Vor ein paar Jahren sind meine Eltern im Ausland erkrankt und gestorben. Ich glaube, wegen Geld brauche ich nicht unbedingt heiraten. Ich habe bereits genug.“

 

„Gut, lassen wir es erst einmal so stehen. Also hinfliegen, heiraten, zurückkommen. Das ist Ihr Plan?“

„Im Prinzip … Ja. Natürlich müssen Flüge organisiert werden und so. Aber ich schätze, das könnte man kurzfristig hinbekommen. Sicher schneller, als hier per Standesamt.“

Diesmal lachte der Anwalt leise.

„So als Deutsche dort heiraten würde funktionieren. Aber Sie haben Recht. Das Drumherum wird gerne vergessen.“

Er machte eine Pause und sah Martin wieder ernst an.

„Und wie denkt Fräulein Heger darüber?“

„Eine entscheidende Frage“, er wandte sich zu Lisa, die immer noch apathisch auf dem Stuhl saß.

„Lisa, kommst du bitte her. Vielleicht haben wir eine Lösung“, äußerte er ruhig.

Lisa hob ihr verweintes Gesicht und sah die beiden Männer erstaunt an. Martin streckte ihr seine Hand hin. Zögernd stand sie auf und kam langsam heran. Doch ohne Zögern fasste sie seine Hand. Der Anwalt hatte alles scharf beobachtet. Jetzt glitt ein kleines Lächeln und ein Nicken über sein Gesicht.

„Fräulein Heger“, fing er an, „Ihr Freund hat sich bereiterklärt, Sie zu heiraten.“

„Warum?“ stotterte sie und sah Martin mit großen Augen an.

Der lächelte schief und zuckte die Schultern.

„Du brauchst die Ehe jetzt. Ich hätte sonst mit meiner Frage gewartet, bis du fertig bist mit dem Studium. Und natürlich, bis sich diese ganze Situation gebessert hätte. Aber so …. Reicht dir Liebe als Grund?“

„Du liebst mich“, ihr Stottern nahm zu.

„Nun, du hast dich in mein Herz eingeschlichen und jetzt bist du drin. Unsere Freundschaft hat sich für mich weiterentwickelt. Ich wusste nur nicht, ob ich dich verschrecke, wenn ich es andeute.“

„Oh.“

Auch wenn sie weiter in seinem Gesicht zu forschen schien, merkten beide Männer, dass sie eher in sich hineinsah. Sie hatte den Vorschlag verstanden. Sie war überrascht von dem vielleicht wenig emotionalen Liebesgeständnis. Und sie sann über zwei Fragen nach. Liebe ich Martin? Will ich mit ihm eine Ehe eingehen?

Besonders die zweite Frage war ihr wichtig. Ging es nur um eine Ehe, um ihr die Firma zu sichern? Rein als temporärer Pragmatismus? Schließlich war nur gefordert, dass sie zum Zeitpunkt des Todes ihres Vaters verheiratet sein musste. Oder verstand er auch dasselbe wie sie darunter, nämlich für immer?

„Was erwartest du?“ fragte sie schließlich.

„Das volle Programm“, lächelte er, „bis hin zu Kindern und ‚bis dass der Tod euch scheidet‘.“

Lisa nickte und lächelte. Dann atmete sie tief durch und sah den Anwalt an.

„Wie sieht der Plan aus?“

„Haben Sie einen Reisepass?“

„Ja.“

„Gut. Dann ab nach Hause, eine Tasche packen. Sie beide“, er nickte zu Martin und Lisa, „schicken mir die Passdaten. Ich wecke einige Leute und dann haben wir morgen früh das ESTA, die elektronische Einreiseerlaubnis in die USA. Zwei Tickets nach Las Vegas besorge ich auch. Und ein alter Studienfreund arbeitet in Nevada. Der besorgt euch den Termin beim ‚Marriage License Bureau‘ in Las Vegas. Die Bescheinigung von dort ist notwendig, damit ihr dort heiraten könnt. Damit könnt ihr euch aussuchen, bei welchem Elvis ihr heiraten wollt. Nehmt euch ein Hotel, denn der Rückflug ist frühestens am nächsten Tag.

Oh, und nicht vergessen, geht am nächsten Tag wieder in das Bureau zu meinem Freund. Der besorgt euch dann noch eine beglaubigte Kopie und eine Apostille. Die braucht ihr, damit die Ehe hier in Deutschland rechtskräftig zu machen. Gültig ist sie, keine Sorge. Aber rechtskräftig bedeutet die rechtliche Bindung, die Verbindlichkeit und das Ende von Einspruchsfristen hier in Deutschland.

Und dann nehmt ihr das Rückflugticket und einige Stunden später seid ihr wieder hier. Am besten kommt ihr dann zu mir und ich prüfen, ob noch etwas an Dokumenten fehlt.“

„Gut“, murmelte sie erneut und wandte ihren Blick auf Martin.

„Kümmerst du dich um Hotel und so in Vegas?“

Martin nickte. Zufrieden registrierte er, dass sie den Schlag momentan weggesteckt hatte und wieder Anteil nahm. Vor allem, weil es einen Plan gab, ihrem Cousin eines auszuwischen.

„Gut“, sagte sie noch einmal, „Übrigens, ich liebe dich auch. Ich habe nur darauf gewartet, dass du den Schritt machst und mehr willst.“

Martin lachte.

„Ich sehe schon unser erstes Problem, wenn wir verheiratet sind.“

Sowohl Lisa als auch der Anwalt hoben fragend eine Augenbraue.

„Kommunikation. Ist doch logisch. Wer Wünsche hatte, sollte nicht schweigen. Miteinander reden, wird gefordert. Sonst lernen wir uns nie kennen.“

Für kurze Zeit kicherten alle drei. Doch schlagartig versickerte es, als sie sich daran erinnerten, wo sie waren, wer hinter ihnen im Zimmer um sein Leben kämpfte, und was sie vorhatten.

Doch jetzt hatten sie einen Plan. Neuer Mut zog bei Lisa ein. Hier warten brachte nichts. Sie konnte nichts für ihren Vater tun, außer hoffen und beten. Die Ärzte hatten hier die Pflicht. Aber sie konnte dafür sorgen, dass die Zukunft sich änderte. Sich änderte in ihrer Hinsicht und zu ihrem Vorteil. Natürlich auch zu dem der Mitarbeiter ihres Vaters. Und sie hatte einen Partner dabei, der ihr überraschend seine Liebe gestanden hatte. Liebe, die sie erwiderte. In der Hinsicht empfand sie ihren Rücken als sehr gestärkt.

Hand in Hand verließen Lisa und Martin das Krankenhaus. Sie hatten einiges zu organisieren. Doktor Lorenz folgte ihnen, mit einem kleinen Umweg beim Stationsarzt.

 

Lisa bat Martin, sie nach Hause zu fahren. Durch die Anspannung wegen ihrem Vater hatte sie sonst immer ein Taxi genommen. Und heute schlug sie vor, dass sie schnell packte und dann mit zu ihm fuhr. So konnten sie morgen zusammen aufbrechen. Außerdem wollte sie mal wieder richtig schlafen. Momentan allein im Haus der Eltern plus deren Schicksal hielt sie vom erholsamen Schlaf ab.

 

Drei Stunden später waren sie in seiner Wohnung, wo er eine Tasche für die Reise packte. In der Zeit übermittelte Lisa die notwendigen Daten aus den Reisepässen an den Anwalt. Der konnte ihnen bereits die Flugnummer und die Abflugzeit nennen. So konnten beide in Ruhe ihre Vorbereitungen abschließen.

Als die Taschen, Pässe und anderes notwendige griffbereit neben der Wohnungstür stand, nahmen beide ein kaltes Abendessen zu sich. Anschließend versuchten sie sich bei einem Film abzulenken. Beide schwiegen die meiste Zeit. Beide dachten über ihren Plan nach, die Liebesgeständnisse und wie sie sich die gemeinsame Zukunft vorstellten.

Doch beide fanden erst den Mut zum Reden, als sie aneinander gekuschelt im Bett lagen. Sonst war nichts passiert. Martin sah nicht die Gelegenheit gegeben, es auszunutzen. Im Gegenteil war nur das Kuscheln jetzt die Hilfe für sie. Keine Forderung, sondern langsame Annäherung. Den ersten Schritt mit dem gemeinsamen Beieinanderliegen hatten sie getan. Gerade für Lisa war das schon ein großer Schritt, denn Erfahrungen hatten sie so gut wie keine. Dass er ihr nur die Nähe und Wärme schenkte, bestätigte ihr seine Art.

Leise konnten sie erste grobe Vorstellungen für die Zukunft machen. Der Plan war einfach. Die Villa der Eltern war groß. Er würde dort mit einziehen. Einen jetzt kaum benutzten Raum konnte er für seine Computer nutzen. Aber wenn ihr Vater irgendwann aus dem Krankenhaus kam … und das hoffte sie … dann würde er weiter Pflege brauchen. Zumindest am Anfang. Sie selber musste den Spagat zwischen Firmenvertretung und dem Beenden ihres Studiums leisten. Da aber konnte Martin sie unterstützen.

So fanden sie erste Konzepte. Wie es detailliert aussehen würde, hing von verschiedenen Faktoren ab, die sie jetzt noch nicht absehen konnten. Doch sie waren zufrieden, dass sie nun eine gemeinsame Marschroute hatten. So zufrieden, dass sie ruhig schlafen konnten. Lisa hatte sogar eine gewisse freudige Aufregung verspürt, denn beim nächsten Einschlafen würde sie eine Frau sein. In jeder Hinsicht.

 

Am nächsten Vormittag standen sie vor dem Check-In des Münchener Flughafens. Doktor Lorenz war ebenfalls gekommen und gab ihnen die notwendigen Unterlagen für den Flug. Und er gab ihnen ein kleines Paket mit, dass sie dort seinem Freund übergeben sollten. Alles andere vor Ort in Las Vega hatte Martin organisiert.

„Was ist das?“ fragte Martin, „nur falls ich gefragt werde am Zoll.“

„Ein Bierkrug mit Zinndeckel. Für seine Sammlung“, grinste der Anwalt.

Martin und Lisa lachten. Beide sahen sich einen Moment an und dachten dasselbe. Ein Bierkrug? Eine neue Form von Bestechung, wie ihnen spöttisch kam, wenn sie an das organisieren zu ihren Gunsten dachten. Aber es schien eine gute Form von Bestechung zu sein. Auf jeden Fall keine, bei der sie Probleme zu erwarten hatten.

„Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“, grinste Martin mit einem passenden Sinnspruch zurück und der Anwalt nickte lächelnd.

Martin verstaute den Geschenkkarton noch schnell in seinem Trolley. Lisa und er checkten anschließend ein und gaben ihr Gepäck auf. Dann wurde es auch schon Zeit, durch die Kontrollen und zum Gate zu gehen. Ihr Zeitplan war eng. Mit dem Anwalt würden sie in Kontakt bleiben, vor allem, wenn die Eheschließung erfolgt war. Dann mussten die nächsten Schritte zur rechtlichen Anerkennung eingeleitet werden.

 

Der Flug war langweilig. Für das Bordkino hatten sie kein Interesse. Lisa schwieg hauptsächlich und schien verlorenen Schlaf nachzuholen. Oder sie dachte an ihren Vater. Martin störte sie nicht. Dafür prüfte er eine Zeitlang Informationen, bevor er auch die Augen schloss und zu dösen versuchte. Immerhin hinkte Las Vegas gegenüber Deutschland neun Stunden hinterher. Es würde also ein langer, sehr langer Tag.

Die Landung auf dem Harry Reid International Airport von Las Vegas und der folgende Check-out mit ihrem kleinen Gepäck war problemlos. Martin hatte Lisa noch nichts von seiner Planung erzählt, nur, dass er alles im Griff habe. Deswegen folgte sie ihm einfach und schaute sich nach Autoverleihstationen um. Nur ging er an ihnen vorbei und zu einer Gruppe wartender Männer und Frauen. Jetzt sah auch Lisa den jungen Mann mit dem Schild, auf dem Martins Name stand.

Keine fünf Minuten später saßen beide auf der Rückbank einer Stretch-Limousine. ‚Wenn schon Heirat in Vegas, dann mit Stil‘ hatte er zugeflüstert beim Einsteigen. Der Fahrer kannte ihre nächste Station. Für die Hochzeit brauchten sie ein Formular.

„Formulare, Formulare … von der Wiege bis zur Bahre“, hatte er einen bekannten Spruch zitiert und damit ein kleines Lächeln bei ihr hervorgerufen.

„Selbst wenn Männer bei der Hochzeit in den eigenen Untergang gehen, geht es nicht ohne Formulare und Genehmigung“ hatte er über sich selber gespottet und ihr einen Kuss zugehaucht.

Immerhin hatten dadurch ihre Mundwinkel sichtbar gezuckt und sie hatte den Kopf gesenkt, um das Lächeln nicht zeigen zu müssen.

Der Tausch des bereits ausgefüllten Formulars gegen einen Bierkrug mit Zinndeckel war beinahe eine feierliche Szene geworden. Doch es waren in der Kürze nur ein paar deutsche Sätze und Grüße am Ende, denn der nächste Termin stand an. Die Limousine brachte sie pünktlich hin. Elvis stand an der Tür und ein leises ‚Love me, tender‘ klang im Hintergrund der Zeremonie.

Und dann waren sie Mann und Frau.

Die Ringe, die sie bei einem Juwelier auf dem Weg zur Kapelle besorgt hatten, wurden getauscht, die Gebühr unter der Hand im Umschlag übergeben, damit es nicht zu profan wirkte, und die Zeremonie war zu Ende.

Die Limousine brachte das frischverheiratete Paar ins Fontainebleau Hotel. Martin hatte dort, auch wenn es nur für eine Nacht war, eine der Regal Suiten gebucht. So groß und schön die Suite auch war, ebenso der Panoramablick aus dem Fenster weit oben im Hotel, so nutzten beide doch nur noch das Badezimmer und anschließend das Kingsize-Bett, um eng aneinandergeschmiegt den langen Tag beim Schlaf ausklingen zu lassen.

Der nächste Morgen begann mit einem ausgedehnten Frühstück. Immerhin gab es eine mehr als nur umfangreiche Buffetmöglichkeit. Dass dann an der Rezeption beim Auschecken schon ein Umschlag vorhanden war mit den weiter relevanten Unterlagen, um die Ehe auch in Deutschland voll rechtsgültig zu machen, vereinfachte die Abreise. Doktor Lorenz hatte wirklich einen guten Freund hier.

 

Nach der Landung in München wurden sie bereits von Doktor Lorenz erwartet. Da sie ihm schon Scans ihrer Unterlagen geschickt hatten, war auch hier schon vorbereitet worden. Noch am Flughafen nahmen sie den nächsten Schritt in Angriff.

Natürlich konnte der Anwalt Lisas drängendste Frage nach dem Zustand ihres Vaters nur mit eine „unverändert“ beantworten. Und genauso natürlich führte der erste Weg des jungen Paares direkt ins Krankenhaus. Dort konnte Lisa ihrem Vater die Botschaft bringen, dass seine Tochter nun verheiratet war. Leise schilderte sie alles und hoffte, dass er sie vielleicht doch hören konnte in seinem Zustand.

Erst am Abend fuhren sie dann in Martins Wohnung. Lisa mied weiterhin die elterliche Villa. Martins Wohnung war für sie ein Ruhepol, neutrales Gebiet. Und seine Umarmung nachts war ein sicheres Nest, dass ihr friedlichen Schlaf schenkte.

Abgesehen von der Eheschließung änderte sich nichts am Tagesablauf für Lisa und Martin. Zumindest nicht sofort. Während er an der Uni seinen Job ausführte und für sie unter der Hand arbeitete, war sie fast den ganzen Tag im Krankenhaus. So wenig Hoffnung auf ein Wunder sie selber auch hatte, sie betete darum, dass das Wunder doch geschehen würde. Und dann wollte sie dort sein, um den vielleicht nur kurzen Moment zu erleben.

Erst in der vierten Nacht wurde Lisa aktiv. Wenn sie nun schon verheiratet war, dann richtig, fand sie. Es war die Sehnsucht nach intensiverer Nähe, aber auch ihre wachsende Liebe zu ihm, weil er sie so selbstlos unterstützte. Sie drehte sich in der nächtlichen Umarmung und sah ihm schweigend in die Augen, während sie ihm gleichzeitig die Schlafanzugshose herunterschob. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, entledigte sie sich auch ihres Höschens.

Martin schwieg ebenso. Er stellte keine Fragen, denn sein Blick hatte ihm ihre schweigende Bitte gezeigt. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt. Nur Blick wurzelte in Blick. Die Lippen blieben stumm. Mit einer gleitenden Bewegung hob sie ihr Bein über seine Hüfte. Noch die Hüfte etwas anwinkeln und beide erlebten ihre erste, langsame Vereinigung. Nie wanderten ihre Augen weg, nie kamen andere Geräusche als ein schneller werdendes Atmen über ihre Lippen. Es blieb eine stumme Vereinigung, ohne viel Vorspiel. Beide waren sich bewusst, dass es Moment eher getrieben war, sich mehr Nähe zu geben, als dass Lust dahinterstand.Und die Erfüllung war ein langgezogenes Seufzen.

Erst dann senkte sie ihr Blick und legte ihre Stirn an seine Schulter. Und er zog sie enger an sich. Noch immer vereint genoss sie sein Streicheln. Aber ab der Nacht erlaubten sich beide mehr Aktivitäten.

 

Es waren kurze Erfahrungen, denn drei Tage später starb Lisas Vater. Mitten in der Nacht wechselte, ohne weiter Vorwarnung, seine Lebenslinie in eine nur noch waagerechte. Kein Puls mehr. Die Alarme scheuchten den Stab im Krankenhaus in Hektik. Doch alle Bemühungen und Reanimationen blieben ohne Wirkung.

Für Lisa war es ein Schock. Sie hatte den Zustand ihres Vaters gekannt. Sie hatte gewusst, wie klein die Hoffnung auf ein Wunder gewesen war. Aber es war Hoffnung vorhanden gewesen. Es hatte die noch so winzige Hoffnung gegeben, an die sie sich hatte klammern können. Nun gab es nichts mehr. Nun war ihr Leben endgültig anders geworden. Keine Eltern mehr, kein Hort, kein langsames Einsteigen in den Beruf. Dafür war sie jetzt verheiratet und stand kurz vor dem Einreichen ihrer Masterarbeit.

Einen Helfer hatte sie jetzt noch. Martin. Er hatte ihre Arbeit stillschweigend beendet. Er forderte nichts, er gab ihr schweigend alles. Halt, Ruhe, Unterstützung. Vor allem Ruhe, sich jetzt selber wieder einzufangen.

Nach einigen Tagen, die sie nur in seinen Armen ruhte und Trost suchte, rappelte sie sich langsam wieder auf. Der erste Schritt von ihr, war ihm für seinen Halt zu danken. Der zweite Schritt war, dass sie wieder auf eigenen Beinen stehen konnte. Der dritte Schritt markierte den Start eigener Entscheidungen. Und der vierte Schritt stand für ihr Nachdenken über ihre Zukunft.

Dazu gehörte, dass sie erstmals langsam durch die Villa ihrer Eltern ging. Mochte Martin sie auch im Hintergrund begleiten, so war es doch ihre Reise. Sie betrachtete die Gegenstände, sie erinnerte sich, was sie damit verband, welche Erinnerungen sie dabei durchlief. Sie, ihre eigenen Erinnerungen dabei, nicht die Erinnerungen ihrer Eltern. Für sie wurde es eine sehr emotionale und gleichzeitig schwierige Reise. Für sie war es plötzlich eine Umgebung, in der sie so viele Jahre gelebt hatte und die doch durch den abrupten Tod der Eltern eine ganz andere Atmosphäre bekommen hatte. Alles, was sie sonst kaum beachtet hatte, weil es gewohnt war, trug nun ein Siegel mit dem, was ihre Eltern damit verbunden hatte. Es war ihr, als ob die Geister ihrer Eltern neben allem standen, zusammen mit ihren Erinnerungen. Und es war das Haus an sich. Durch die vielen Jahre hier und die eigenen Erinnerungen, war und blieb es das Haus der Eltern. Es war schön, es war groß … aber für sie blieb es das Haus der Eltern. Nicht ihres. Auch wenn es ihr jetzt gehörte.

Doch am Ende stand die Entscheidung, was sie für sich selber als wichtige Erinnerung behalten wollte. Vieles, sehr vieles, konnte sie mit einer gewissen Wehmut betrachten, aber es war mehr Teil ihrer Eltern, es wäre für die wichtiger gewesen, aber nicht für sie selber. Natürlich kannte sie die Gründe ihrer Eltern, aber es waren eben nicht ihre Gründe, nicht ihre Entscheidungen, Notwendigkeiten oder Bedürfnisse gewesen, diese Dinge zu besorgen. Sie kannte sie alle, daher die Wehmut, etwas zurücklassen zu müssen. Aber sie konnte nicht alles mitnehmen. Man musste auch mal loslassen können.

Und so ergaben sie die Kisten und Pakete, die sie mitnehmen wollte in ihre neue Wohnung. Ein neues Leben, nicht eine erdrückende Erinnerung durch was alles an die Eltern erinnerte.

Ein neuer Anfang.

 

 

Schock

 

Martin brachte gerade die letzte Kiste aus dem Auto in seine Wohnung. Als er eintrat, hörte er ein Telefon gedämpft klingeln. Da es nicht sein Klingelton war, huschte sein Blick zu Lisa hinüber, die gerade ihre Handtasche öffnete. Schlagartig wurde das Klingeln lauter.

Sie aktivierte das Telefon und hob es gleichzeitig an ihr Ohr.

„Ja, bitte?“ fragte sie.

Martin stellte die Kiste ab und schloss die Wohnungstür. Dabei behielt er seine Frau im Auge. Dass es keine guten Nachrichten waren, erkannte er daran, wie sich ihr Körper aufrichtete und versteifte.

„Was?“

Unglauben und aufkeimende Wut waren in ihrer Stimme zu hören. Martin runzelte die Stirn. Nicht nur schlecht, sondern sehr schlecht, dachte er misstrauisch, denn er versuchte zu verstehen, wer oder was die Ursache sein konnte.

„Ich komme, sagte sie scharf und beendete das Gespräch.

Martin verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was ist los? Wohin gehen wir?“

Es war vor allem seine leichte Betonung von dem ‚wir‘, dass sie den Kopf heben ließ. Ein warmes Gefühl durchlief sie und kühlte ihre Wut. Es kühlte nur ein wenig, aber es verdoppelte die Kraft und Entschlossenheit, die sie jetzt erfüllte. Die Erleichterung, die sie fühlte, war die Erkenntnis, dass sie nun nicht mehr allein war. Ob er nur ihre Hand hielt, nur hinter ihr stand, oder sogar für sie eintreten würde, … es war egal. Sie war nicht mehr allein. Es schenkte ihr Kraft. Sie konnte ihm nur zustimmen und danken. Deswegen drückte sie kurz seine Hand.

„Sebastian“, fauchte sie, „er ist in der Firma und macht auf Chef. Ich muss hin.“

„Wir gehen“, lächelte Martin und wedelte mit den Autoschlüsseln.

Auch Lisa grinste. Sie hatte erkannt, dass seine blitzenden Augen keine gute Zeit für ihren Cousin bedeuten würde. Sie war nicht mehr allein.

 

Zehn Minuten später waren sie unterwegs. Beide hatten gewusst, was sie mitnehmen mussten, um ihren Cousin wirkungsvoll zu stoppen. Sie hatten nur nicht mit diesem Zeitpunkt gerechnet. Ihre Erwartung hatte bei der Testamentseröffnung in der kommenden Woche gelegen.

Doch es dauerte noch eine halbe Stunde Fahrt, bis sie das Firmengelände erreicht und geparkt hatten. Nebeneinander betraten sie das Gebäude.

„Wo ist er, Regina?“ fragte sie die Rezeptionistin.

Wen sie meinte, musste sie nicht erklären. Schließlich arbeitete Sebastian auch hier, nur im Vertriebsbereich. Doch die Animositäten zwischen Sebastian und Lisa waren in der Firma allgemein bekannt. Ebenso wusste jeder, dass Lisa für jeden immer ein freundliches Wort übrighatte, während ihr Cousin die ‚niedrigeren Chargen‘ höchstens mal mit einem Nicken zur Kenntnis nahm. Und jeder kannte seine Eigenart, dass jeder Vertriebsmitarbeiter ihm zuarbeiten musste, so dass immer nur er am Ende die Lorbeeren einstrich. Vielleicht auch deswegen hatte die Vertriebsabteilung die höchste Fluktuationsraten in der Firma. Zumindest gab es die sehr guten Gehälter dort. Das hatten bereits ihre Eltern eingeführt, nachdem Erfolgsboni nur noch einem zu Gute kamen.

„Er hat den Konferenzraum genommen. Alle Abteilungsleiter sind dorthin befohlen, Fräulein Heger“, entgegnete Regina.