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In diesen vierzehn spannenden, heiteren oder besinnlichen Kurzgeschichten von Friederike Costa geht es nicht nur um die Liebe, sondern auch um tolle Rezepte zum Essen und Trinken. Genau das Richtige für alle, die gerne schmökern, kochen und backen!
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2016
Liebe – süß und scharf
Vierzehn Liebesgeschichten
mit tollen Rezepten zum Essen und Trinken -
für alle, die gerne schmökern, kochen und backen
Impressum
Copyright © 2016 by arp
Herausgeber by arp, Ledererstraße 12, 83224 Grassau, Deutschland
Ausgabe Dezember 2016
Alle Rechte vorbehalten
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt und darf auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Herausgebers wiedergegeben werden.
Covergestaltung by arp
Besuchen Sie uns im Internet: http://www.by-arp.de
Inhaltsangabe
Ein gutes Neues Jahr Herr Doktor
Silvesterkrapfen
Märchenprinz und Zauberfee
Daiquirí
Familiengipfel
Hase nach fränkischer Art
Besuch am Muttertag
Schokosahne-Torte
Liebe nicht ausgeschlossen
Arabischer Mokka
Einsam in einer großen Stadt
Blätterteigtaschen mit Krabben
Ein Ehemann muss her
Linzertorte
Ein Abend beim Botschafter
Garnelen in Kokosmilch - für 4 Personen
Bobbi, die Nervensäge
Holunder-Gewürzkuchen
Ein Hochzeitskleid für Maja
Bratapfeleis – schmeckt nicht nur im Herbst und im Winter
Die Geliebte
Gebackener Ziegenkäse auf Salat
Familienfest mit Herzklopfen
Grünkohl mit Pinkel - für 4 Portionen
Scheidung mit Happyend
Gorgonzola-Nudeln mit Balsamicobirnen
Schon am Klingeln erkannte Ilka Hülst, dass es ihre Mutter war. Niemand sonst ließ seinen Finger so lange auf dem Knopf. Sie schob die Bücher, die sie in der Hand hielt, ins Regal, nahm die leere Kiste und ging öffnen.
Juliane rauschte an ihr vorbei, ließ ihre Tasche auf den Sessel im Wohnzimmer fallen, stützte die Hände in die Hüften und sah sich um. „Der Schreibtisch gehört näher ans Fenster gerückt!“, kritisierte sie. Und dann mit Vorwurf in der Stimme: „Du hättest mich vom Bahnhof abholen können!“
„Hier gibt es eine Unmenge zu tun, und du bist alt genug, dir ein Taxi zu nehmen“, entgegnete Ilka im selben hitzigen Tonfall.
Juliane zog den Mantel aus, hängte ihn achtlos über einen Stuhl und setzte sich aufs Sofa. „Du wirst es kaum glauben, wen ich im Zug kennengelernt habe!“ Sie zündete sich eine Zigarette an und blies mit Genuss den Rauch aus, bevor sie erklärte: „Den Bürgermeister! Der Mann heißt Ernst Schranze und war begeistert, als ich ihm erzählte, dass ich die Mutter der Anwältin bin, die ab siebten Januar die Praxis von Dr. Meisner übernimmt.“
Ilka, die gerade eine wertvolle Jugendstil-Vase ins Regal stellte, drehte sich zu Juliane um und sah sie streng an. „Was hast du um Himmels Willen wieder alles über mich erzählt?“
„Was soll ich erzählt haben? Nichts!“ Juliane Brecht sah ihre Tochter an wie ein Unschuldslamm.
Wenn ihre Mutter ‚nichts‘ sagte und sie so ansah, hatte sie bestimmt in den allerschillerndsten Farben mit ihr angegeben. Das tat sie immer, wenn Ilka nicht dabei war und dazwischen gehen konnte. Juliane konnte wirklich sehr anstrengend sein, ganz besonders seit ihre Stimme nicht mehr mitmachte und sie das Singen aufgeben musste. Als Operettenstar war sie bis vor zwei Jahren noch in Städten wie Wien, Berlin oder Hamburg aufgetreten. Überhaupt schien für einen Juliane Brecht die ganze Welt eine einzige Bühne zu sein. Sie spann rosarote Schicksalsfäden und umgarnte jeden damit, der sich in ihren Fängen verstricken sollte. Auf diese Weise hatte sie im Laufe ihres Lebens vier Ehemänner verschlissen.
„Er hat uns zu seiner Silvesterparty eingeladen“, verkündete Juliane stolz.
Ilka, die sich eine weitere Bücherkiste geschnappt hatte, um sie auszuräumen, hielt kurz mit ihrer Arbeit inne. „Was soll ich auf einer Silvesterparty, wenn ich dort niemanden kenne?“
„Na eben – Leute kennenlernen!“ Juliane drückte ihre Zigarette aus.
„Nein.“ Ilka schüttelte entschieden den Kopf. „Da musst du ohne mich hingehen.“
„Unsinn! Du kommst mit! Wer in eine fremde Stadt zieht, um dort eine Anwaltskanzlei zu übernehmen, muss sich bekannt machen. Wenn die Leute sehen, was für eine hübsche, sympathische junge Frau du bist ...“
„Gehen sie zur Konkurrenz!“, fiel ihr Ilka ins Wort. „Die Leute trauen hübschen, sympathischen jungen Frauen nämlich nicht zu, einen vor Gericht rauszuboxen. Im Übrigen bin ich nicht hübsch. Meine Nase ist zu groß, meine Zähne stehen schief ...“
„Und dein Selbstvertrauen ist viel zu klein!“ Diesmal war Juliane es, die ihrer Tochter ins Wort fiel. „Du kommst mit – bitte, Häschen“, fügte sie mit großem Augenaufschlag an.
Weil Ilka wusste, dass ihre Mutter nicht nachgeben würde, und weil sie müde war und keine Lust auf weitere Diskussionen hatte, sagte sie schließlich zu.
Juliane hatte ihre Tochter hinter sich her in die Kellerbar gezogen, ein Glas Sekt-Orange für sie geordert und war dann wieder verschwunden. „Muss mal eben für kleine Mädchen, warte hier auf mich!“
Jetzt saß Ilka schon geschlagene zwanzig Minuten irgendwo zwischen Rauchfahnen, umgeben von Menschen, die sie nicht kannte und die ausgelassen, fröhlich und angetrunken ins Neue Jahr hineinfeierten und langweilte sich. Wie schön wäre es zu Hause, dachte sie wehmütig, dort hätte sie in aller Ruhe ein Buch lesen können.
Jemand ging mit einer Schüssel herum und reichte den Gästen Silvesterkrapfen. Ilka nahm einen, biss hinein und stutzte. Sie hatte etwas Hartes zwischen den Zähnen. Sie zog es aus dem Mund und hielt ein kleines Herz in der Hand.
Einer der Söhne des Bürgermeisters ließ sich im selben Moment auf den Platz neben Ilka fallen. „Gratuliere!“, rief er. „Wer das Herz im Krapfen findet, wird sich im Neuen Jahr verlieben. Findet man das Karo, gibt es Geldsegen. Wer aber das Pik bekommt, hat ein Jahr lang Pech. Darum habe ich lieber keinen Krapfen gegessen. Bei meinem Glück bekomme ich das Pik, und ich hab eh schon genug Pech!“ Und dann erzählte ihr mit schwerer Zunge von seinen Lebenspleiten. „Geheiratet, Vater geworden, geschieden, und jetzt muss ich mein Leben lang für meine Dummheit bezahlen! Kann man da nichts machen? Ich meine gesetzlich? Sie sind doch Anwältin, soviel ich weiß.“
„Sie bezahlen nicht für Ihre Dummheit, sondern für Ihr Kind“, berichtigte Ilka und versuchte, den Rauch wegzuwedeln, der in dicken Schwaden auf sie zukam, weil jemand das Fenster hinter ihr geöffnet hatte.
„Meine Ex soll arbeiten gehen! Wofür gibt es schließlich Kinderkrippen.“
Dazu hätte Ilka einiges zu sagen gehabt, aber sie ließ es bleiben, denn in Anbetracht seines Alkoholspiegels war jedes Wort ein verlorenes Wort.
Sie ließ das Herz in die Tasche gleiten. Ihr Blick streifte die große runde Bahnhofsuhr, die an der Wand rechts vom Tresen hing. Viertel vor zwölf!
Sie betrachtete die Leute, die an der Bar standen. Gleich unter der Uhr lehnte ein perfekter Doppelgänger von Brad Pitt an der Bar, neben ihm eine aufgedonnerte Blondine mittleren Alters, die auf ihn einredete und ihm dabei durchs Haar fuhr, wie einem kleinen Jungen. Das gefiel ihm offensichtlich nicht, denn er zog ein Gesicht wie hundert Tage Regenwetter. Vermutlich ist sie seine Frau, und sie haben Streit, dachte Ilka.
Acht Minuten vor zwölf - wo zum Donnerwetter blieb Juliane?
„Gleich geht das alte Jahr zu Ende“, sagte der Sohn des Bürgermeisters, „dann müssen Sie mich küssen.“
Darauf hatte Ilka überhaupt keine Lust! Schnell klemmte sie sich Ihre Clutch unter den Arm, stand auf, murmelte einen Gruß und drängte sich an den Leuten vorbei zur Wendeltreppe, die ins Erdgeschoss hinaufführte. Dort droben war Juliane aber auch nicht zu finden!
Die Terrassentür stand offen. Um den Neujahrsküssen wildfremder Menschen zu entkommen, ging Ilka hinaus. Einige Raucher gruppierten sich um einen Aschenbecher, ein Liebespaar stand am Teich und betrachtete den Sternenhimmel. Ilka ging an den beiden vorbei und um einen Pavillon herum. Da hörte sie plötzlich ein Zischen, und in der nächsten Sekunde schlugen sich brennende Krallen in ihre linke Schulter.
Mit einem Aufschrei stürzte sie in den Schnee. Sie fühlte Blut aus ihrer Schulter sickern, offensichtlich hatte sie ein Feuerwerkskörper verletzt.
Warum um Himmels Willen hatte sie sich bloß von Juliane breitschlagen lassen, hierher zu kommen!
„Fehlt Ihnen etwas?“, hörte sie eine besorgte Stimme neben sich. Sie sah in das Gesicht eines jungen Mannes, der vermutlich ebenfalls ein Sohn des Bürgermeisters war, denn er sah dem anderen, der in der Kellerbar neben ihr gesessen hatte, frappierend ähnlich.
„Entschuldigen Sie bitte, es tut mir so furchtbar leid, aber ich konnte ja nicht wissen, dass plötzlich jemand hier herumläuft. Wir bereiten das Feuerwerk vor.“ Er half ihr auf, führte sie ins Haus und dort in ein kleines Zimmer am Ende des Flurs. „Es tut mir so leid“, wiederholte er. „Ich hoffe, es ist nicht so schlimm. Hab schon jemanden geschickt, Dr. Sellmann zu holen, der kommt bestimmt gleich und kümmert sich um Sie.“
Im selben Moment wurde die Tür aufgerissen und Mister Pitt erschien. Er hatte eine große schwarze Ärztetasche bei sich, setzte sie auf dem Tisch ab, sah von Ilka zu ihrem Begleiter, dann wieder zu Ilka. „Bitte ziehen Sie die Bluse aus.“ Es klang ziemlich kratzbürstig, wie er das sagte.
Ilkas Geduld war bis zum Zerreißen strapaziert. Juliane schleppte sie auf eine Party, auf der sie niemanden kannte und auch niemanden kennenlernen wollte, verschwand dann einfach und ließ sie unter all diesen Fremden alleine zurück! Und dann wurde sie auch noch verletzt und musste sich von einem schlechtgelaunten Arzt anmosern lassen!
Sie duckte sich in Kampfstellung und fauchte zurück: „Selbst wenn Sie aussehen wie Brad Pitt würde ich doch gerne wissen, wer Sie sind, bevor ich mich für Sie entkleide.“
„Dr. Reinhard Sellmann“, knurrte er und klappte seinen 'Werkzeugkasten' auf.
„Mein Name ist Ilka Hülst.“ Sie öffnete die Bluse und knurrte zurück: „Nur für den Fall, dass Sie wissen möchten, wem Sie gerade das Leben retten.“
„Hören Sie, man hat mich gebeten, Ihnen zu helfen, und ich tue es, weil es meine Pflicht ist. Sind Sie immer so pampig?“
Ilka schnappte nach Luft. Wer war hier pampig! Er doch wohl!
Mit geübten Fingern säuberte er die Wunde, klebte Klammerpflaster darüber, zog einen steril verpackten Verband aus der Tasche und deckte damit alles ab. „Es sah schlimmer aus, als es ist, sie werden nicht einmal eine Narbe zurückbehalten. Kommen Sie in zwei Tagen zum Nachsehen in meine Praxis.“ Damit stand er auf.
Ganz sicher nicht, schwor sich Ilka im Stillen. „Was bin ich Ihnen für diese reizende Viertelstunde schuldig?“, fragte sie.
„Nichts.“ Er klappte seine Tasche zu, die Tür fiel krachend hinter ihm ins Schloss.
„Und noch ein gutes neues Jahr Herr Doktor!“, rief Ilka ihm nach, als sie mit einem Blick auf ihre Uhr feststelle, dass es inzwischen zehn nach zwölf war.
Sie stand auf, um sich in die durchlöcherte Bluse zu quälen. „Charmant“, knurrte sie dabei. „So was von einem Kotzbrocken! Der reinste Romikaschuh war der doch – reintreten und wohlfühlen!“
„Und wer ist der Glückliche?“, fragte Juliane, die plötzlich hinter Ilka stand. „Etwa der gutaussehende Arzt, der gerade aus diesem Zimmer kam?“
Ilka sah sie wütend an. „Nett, dass du dich auch mal wieder blicken lässt!“
„Ich bin bei einem reizenden jungen Mann am Kalten Buffet hängen geblieben, was ist so schlimm daran? Du bist schließlich erwachsen und kannst dich auch ohne mich amüsieren.“
„Amüsieren ist gut.“ Ilka lachte auf.
Wenigstens war ihr der berühmt-berüchtigte Neujahrskater erspart geblieben. Sie hatte sich gleich nach dem Unfall in einem Taxi nach Hause bringen lassen, hatte sich eine große Tasse Schlaftee zubereitet und war ins Bett gegangen.
Beim Ausziehen war ihr das Herz aus dem Neujahrskrapfen aus der Tasche gefallen. „Ha, von wegen Liebe!“, hatte sie gezischt und es achtlos auf den Nachttisch geworfen. Darauf konnte sie nach der Pleite mit ihrem Ex gut verzichten. Und dann schwor sie sich: In diesem Jahr wird alles besser werden! Jetzt hast du keinen Chef mehr, der dir das Leben vergällt, keinen Mann mehr, der dich hintergeht, und von deiner kapriziösen Mutter lässt du dich in Zukunft auch nicht mehr herumschieben, wie eine Figur auf ihrem Schachbrett!
Gegen vier Uhr wurde sie von Juliane geweckt, die offensichtlich gerade erst nach Hause gekommen war, denn sie trug noch immer das knallgrüne Glitzerkleid und roch nach Alkohol und Rauch.
„Häschen, ich habe kein Aspirin mehr – Du vielleicht?“, fragte sie.
Seufzend griff Ilka in ihre Nachttischschublade. Welcher Teufel hatte sie nur geritten, ihrer Mutter Asyl zu gewähren?
„Wozu habe ich schließlich eine Tochter, wenn ich im Alter ganz alleine in München leben müsste!“, hatte Juliane vor zwei Wochen verkündet und dann: „Ich werde mir ein kleines, gemütliches Appartement in Deiner Nähe kaufen. Solange ich noch nicht das Richtige gefunden habe, hast du doch Platz für mich in deiner schönen großen Wohnung, Häschen?“
Was hätte Ilka da auch anderes sagen sollen als Ja – und so war es gekommen, dass sie mit vierunddreißig Jahren plötzlich wieder an Mamas Rockzipfel hing.
Juliane nahm die Tablette und warf sie in das Wasserglas, das auf Ilkas Nachttisch stand. „Habe übrigens noch ein paar Erkundigungen über den netten Doktor eingezogen, der dich verarztet hat. Stell dir nur vor, der fliegt mit dem Hubscharuber herum und rettet verunglückte Skifahrer. Oder im Sommer Wanderer, die abgestürzt sind.“
„Nein“, tat Ilka begeistert, „nicht möglich! Ein richtiger Held?“
„Warum bist du denn schon wieder so voller Ironie? Das Leben besteht nun mal nicht aus lauter Paragraphen, mit denen du dich tagtäglich herumschlägst. Hab sowieso nie verstanden, warum du dich für so einen Beruf entschieden hast.“
„Mein Beruf besteht nicht aus lauter Paragraphen, sondern bringt mich mit vielen interessanten Leuten zusammen. Hast du selbst nicht noch vor ein paar Tagen diesem Mann von der Presse erzählt, ich würde fortwährend Menschen davor retten, unschuldig im Gefängnis zu landen?“
„Weil du immer viel zu bescheiden bist, mein Kind. Du musst endlich mal lernen, dich ins rechte Licht zu setzen.“
Ilka seufzte. „Ich will schlafen, Juliane, bitte geh jetzt.“ Entschlossen schaltete sie die Nachttischlampe aus.
Es heißt ja, man begegnet sich immer zweimal im Leben und Ilka hatte tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass dieser Spruch stimmt. Dass sie Dr. Reinhard Sellmann allerdings schon am nächsten Tag wiedertreffen würde, hätte sie nicht gedacht.
Während Juliane den Vormittag verschlief, hatte Ilka ihren Wagen genommen und war zur Wallfahrtskirche Maria Hilf gefahren. Der Weg dorthin führte durch verschneite Wälder noch ein Stück weiter ins Gebirge hinein. Vom Parkplatz aus musste man achthundert Meter zu Fuß an einem Bachlauf entlang bergauf gehen.
Ilka genoss den Spaziergang und die Zeit mit sich alleine. Sie wollte den Kopf frei bekommen. In den letzten vier Wochen hatte es keinen Moment der Stille und Muße gegeben, nur Abschiede von ihren Münchner Freunden, Umzug und Kanzleiübernahme. Sie hatte Kisten gepackt und wieder ausgepackt, mit Dr. Meisner die alten Fälle durchgesprochen, Akten gewälzt und Klienten kennengelernt. Dazu musste sie Juliane und ihre Eskapaden ertragen und gestern schließlich diese Party und den Schrecken mit dem Feuerwerkskörper.
Die Stille und die kühle, frische Luft taten ihr gut. Ab und zu huschte ein Eichhörnchen über den Weg, sonst schien sie hier oben ganz alleine zu sein. Vermutlich schliefen die meisten Menschen, vom Feiern müde und katrig, bis in den Nachmittag hinein.
Oben angekommen tat sich ein weites Gelände auf, und ganz hinten vor einem Wald stand die imposante Barockkirche.
Ilka schob die große, schwere Tür auf, trat ein und blieb wie verzaubert stehen, denn jemand spielte die Orgel und eine Sopranstimme sang dazu. Leise setzte sie sich in die letzte Bank, um mit geschlossenen Augen zu lauschen. Hin und wieder wurde unterbrochen, Stellen wurden wiederholt - es schien sich um eine Probe zu handeln. Trotzdem ging ihr die Musik zu Herzen, und sie fühlte, wie nach und nach die Sorgen von ihr abfielen.
Als das Orgelspiel aufhörte, die Probe zu Ende war, stand Ilka auf, spazierte durchs Kirchenschiff, um alle Kunstschätze zu bewundern.
Da stand plötzlich Dr. Sellmann vor ihr. „Sie?“, sagten beide wie aus einem Mund.
Reinhard Sellmann wies auf die Noten, die er in Händen hielt, stellte dann die Frau vor, die sich zu ihnen gesellte. „Wir geben heute Abend ein Neujahrskonzert, deshalb haben wir hier geprobt“, erklärte er.
„Und ich wollte ein bisschen durchatmen.“ Ilka rang sich ein Lächeln ab. „Danke für die schöne Musik. Ich war Zaungast und hab eine Weile zugehört.“
„Und wie geht es Ihrer Schulter?“
„Es brennt, aber ich habe bereits Schlimmeres überstanden.“
Er nickte. „Wir sind mit dem Auto hier, können Sie bis zum Parkplatz mitnehmen.“
Ilka dachte darüber nach, schüttelte dann aber den Kopf. „Das Gehen und die frische Luft tun mir gut.“
„Na dann seien Sie aber bitte vorsichtig. Hier oben gibt es keinen Handyempfang und Spaziergänger, die Hilfe holen könnten, sind am Neujahrsmorgen auch nur selten unterwegs.“ Er nickte ihr einen Gruß zu und verließ an der Seite der Sängerin die Kirche.
Ilka wartete, bis sie sicher sein konnte, dass er gefahren war, dann trat sie den Rückweg an.
Dummerweise erzählte sie zu Hause ihrer Mutter davon.
„Na wunderbar!“, war Juliane gleich begeistert. „Ein Neujahrskonzert in einer schönen Bergkirche, da fahren wir hin!“
„Ich weiß nicht ... Wir haben doch gar keine Karten.“
„Das lass mal meine Sorge sein.“ Juliane tätschelte ihrer Tochter auf die Wange und zwinkerte ihr zu. „Man hat schließlich so seine Beziehungen.“
Natürlich bekam Juliane Karten und sogar die Erlaubnis, mit dem Auto bis ganz hinauf zu fahren. Die Kirche erstrahlte im Kerzenglanz, die Damen im Publikum trugen Pelz, und sogar ein Übertragungswagen vom Fernsehen war da. Ein Ereignis von Rang und Namen, was Juliane entgegenkam, denn sie liebte große Aufzüge.
Ilka hingegen schloss die Augen, um sich auf die Musik zu konzentrieren und ganz mit sich alleine zu sein. Nun ja, ganz alleine, das gelang ihr nicht, denn immer wieder drängte sich das Bild von Reinhard Sellmann in ihre Gedanken. Sie stelle sich vor, wie er droben an der Orgel saß und mit seinen schönen, geschickten Händen über die Tastaturen strich. Ob er mit der Sängerin liiert war? Oder mit der Frau, mit der sie ihn am gestrigen Silvesterabend an der Bar gesehen hatte?
Nach dem Konzert kamen die beiden von der Empore und verbeugten sich vorne am Altar. Reinhard Sellmann in einem Trachtensmoking, die Sängerin in einem Abenddirndel aus dunkellila Seide.
„Sie sind ein schönes Paar“, dachte Ilka und seufzte.
Im Auto seufzte sie wieder, und Juliane hob die Augenbrauen und sah sie verwundert an.
Zu Hause, bei einem Glas Prosecco sagte sie: „Glaub mir, Häschen, der gutaussehende Doktor wird dir keine Ruhe mehr lassen - ich kenne dich, du hast mein Temperament.“
„Wie kommst du denn auf so etwas!“, rief sie empört.
„Ich habe deinen Gesichtsausdruck beobachtet, als du für ihn applaudiert hast, und auf der Rückfahrt hast du alle paar Minuten geseufzt.“
„Juliane Brecht“, knurrte Ilka, „erspar mir um Himmels willen deine Operettenweisheiten! Im wirklichen Leben sieht es anders aus, als auf deiner geliebten Bühne! Dieser Mann kann mich nicht ausstehen, und ich kann ihn nicht ausstehen. Also kein Happyend mit Engelschor, klar?“
Juliane schmunzelte nur, eine Antwort blieb sie schuldig.
Man konnte über Juliane Brecht denken wie man wollte, aber eines musste man ihr lassen: Meistens hatte sie recht! So auch diesmal - Reinhard Sellmann ließ Ilka keine Ruhe mehr. In der Silvesternacht hatte sie noch unter Zähneknirschen und Wutausbrüchen an ihn gedacht, am Tag darauf bereits mit Selbstvorwürfen: Der Ärmste hat sich für mich aufgeopfert, während sich die anderen amüsierten und auf das neue Jahr anstießen, und ich habe ihm zum Dank die Krallen gezeigt! Doch als sich ihr Seelenzustand nur noch durch verbissenes Schweigen und herzzerreißendes Seufzen äußerte, beschloss Juliane einzugreifen.
Ilka trat aus dem Aufzug und öffnete die Tür zur Kanzlei. Sie hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. Morgens bei Gericht, am frühen Nachmittag Klienten und eben noch der Termin in der JVA Bernau bei einem jungen Mann, der ihrer Meinung nach unschuldig einsaß.
„Ach, da sind Sie ja!“, rief Ilkas Sekretärin, als sie gegen 17 Uhr die Tür zur Kanzlei aufschob und stürmte ihrer Chefin aufgeregt entgegen. „Im Wartezimmer sitzt Dr. Sellmann. Er wollte sich nicht auf morgen vertrösten lassen und ich brachte es einfach nicht fertig, ihn wegzuschicken, er ist ja auch immer zur Stelle, wenn man ihn braucht.“
Reinhard Sellmann? Ilkas Herz machte einen Satz. „Ist schon gut“, sagte sie mit möglichst sachlicher Stimme. „Bitten Sie ihn herein.“
