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Da wird das geschnitzte Jesuskind aus der Kirchenkrippe gestohlen, kommt eine Truckerin nicht rechtzeitig zur Bescherung nach Hause, ist eine Nachbarin spurlos verschwunden, soll ein Karpfen nicht geschlachtet werden und kündigt ein Junge seiner geliebten Omi die Freundschaft auf, weil es wieder einmal an Weihnachten nicht schneit. – Das und vieles mehr ereignet sich in vierzehn heiteren oder besinnlichen Weihnachtsgeschichten von Friederike Costa. Lustiges, Trauriges und Beseeltes bringt den Leser zum Lachen oder rührt ihn manchmal auch zu Tränen …
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2015
Oje, du fröhliche …
Vierzehn heiter-besinnliche Weihnachtsgeschichten
von Friederike Costa
Impressum
Copyright © 2015 by arp
Herausgeber by arp
Ledererstraße 12, 83224,Grassau, Deutschland
Ausgabe Dezember 2015
Alle Rechte vorbehalten
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt und darf auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Herausgebers wiedergegeben werden.
Covergestaltung by arp
Foto: Angeline Bauer
Besuchen Sie uns im Internet: http://www.by-arp.de
Inhaltsverzeichnis:
Die himmlische Stimme am Funkgerät
Friedchen, Ossi und Frau Janusch
Stachelige Grüße vom Weihnachtsmann
Esmeralda und das Jesuskind
Fatmas Weihnachtsbaum
Der wunderbare Weihnachtsmann
Eine Liebe bis in den Tod
Hannibal, der Weihnachtskarpfen
Weihnachten ist zu Hause oder gar nicht
Weiße Weihnacht
Das schönste Geschenk
Wenn kleine Engel flügge werden
Fred Astaire und der Nikolaus
Oje, du Fröhliche!
Es war ein Uhr nachts. Monika fuhr auf die Raststätte Gerfried ein und parkte den Truck. Müde lehnte sie sich zurück. Sie starrte auf die Frontscheibe, auf der sich dicke Schneeflocken absetzten und langsam zerschmolzen. Wenn das Schneetreiben so weiterging, würde sie es morgen nie und nimmer schaffen, rechtzeitig nach Hause zu kommen, um mit ihrem kleinen Sohn Philipp das Weihnachtsfest zu feiern. Einen Moment überlegte sie, ob sie einfach weiterfahren sollte, aber sie hatte ihre Lenkzeit bereits um eine halbe Stunde überschritten und wollte nichts riskieren.
Manchmal verfluchte sie diesen Job, obwohl sie auch dankbar war, dass sie ihn hatte. Eigentlich war sie Busfahrerin und hatte bis vor zwei Jahren bei den Städtischen Werken gearbeitet. Doch dann wurden wieder vier Fahrer entlassen, und diesmal war auch sie dabei.
Sie zog ihre Jacke an und ging in die Raststätte. Ganz hinten am Fenster war der letzte freie Tisch. Dort hängte sie die Jacke über eine der Stuhllehnen, legte ihre Mappe dazu und bediente sich an der Theke. Ein großer Salat, etwas Huhn und zum Feierabend ein Viertel Rotwein.
Als sie wieder zum Tisch kam, saß ein Mann dort. Er war groß und schlank, hatte dunkle Haare und strahlendblaue Augen. Er legte sein Besteck aus den Händen und stand auf. „Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich mich an diesen Tisch gesetzt habe.“
Sie stellte ihr Tablett ab und betrachtete ihn misstrauisch. Der Schlüsselbund, der neben seinem Teller lag und einen Truck-Grand-Prix Schlüsselanhänger hatte, wies ihn als Kollegen aus. „Bitte“, sagte sie kurz angebunden, obwohl sie lieber alleine geblieben wäre.
Eine Weile aßen beide still vor sich hin, doch als das Schweigen allzu laut wurde, richtete der Mann das Wort an sie.
„Wir sind Kollegen, nicht wahr?“ Er deutete mit einer Kopfbewegung auf Monikas Mappe, die den Aufdruck ihrer Firma trug, und wechselte zum Du, denn das war unter Truckern so üblich. „Wo musst du hin?“
„Braunschweig“, sagte sie.
„Fährst du noch weiter?“
„Nein. Für heute ist Schluss.“ Sie hob ihr Glas und prostete ihm zu. „Oder würde ich sonst trinken?“
Er zuckte die Schultern. „Ich habe in den zwölf Jahren auf Tour schon viel gesehen. Übrigens, ich heiße Erik.“
Sie nickte und schob sich eine Gabelfuhre Salat in den Mund.
Erik lachte. „Na, sehr gesprächig bist du aber nicht.“
„Stimmt. Manchmal gibt man den kleinen Finger, und der Andere nimmt gleich die ganze Hand.“
„Verstehe. Frauen auf dem Truck werden oft als Freiwild betrachtet.“
Monika sah ihn bedeutungsvoll an. „Anschaulich ausgedrückt.“
„Andererseits vergällt einem das ewige Misstrauen aber auch das Leben“, gab Erik zu bedenken. „Mir selbst geht es so, dass ich unterwegs froh bin, wenn ich mal jemanden treffe, mit dem ich ein paar vernünftige Sätze reden kann. Den ganzen Tag am Steuer macht mir nichts aus, aber immer allein mit dem Radio oder der Funkanlage, das fällt mir ehrlich gesagt schwer.“
„Und warum machst du den Job dann?“
„Hineingeboren. Mein Vater hat mir den Betrieb überschrieben. Meist sitze ich ja im Büro, aber wenn ein Fahrer ausfällt und wir keinen Ersatz finden, muss ich eben selbst ran.“
Monika nickte. „Dann bist du also Unternehmer.“
„Du sagst das, als ob ich gebrandmarkt wäre!“ Er sah sie grinsend an.
„Tut mir leid, aber von Spediteuren habe ich nicht unbedingt die beste Meinung. Ich arbeite seit zwei Jahren auf dem LKW und hatte in der Zeit drei Chefs. Einer war schlimmer als der andere. Mal ein paar Stunden länger fahren, als erlaubt, mal ein paar Geschwindigkeitsbeschränkungen übertreten, das muss schon drin sein! Und ob du zu Hause ein kleines Kind hast, dass Weihnachten mit dir feiern will, ist denen egal. Spurst du nicht wie sie wollen, bitte, dann kannst du ja deine Papiere abholen.“
Erik schob sich das letzte Stück Braten in den Mund und nickte. „Ja, ich kenne diese Rambomethoden. Bei uns kommt das allerdings nicht vor.“
Sie sah ihn mit von Ironie durchtränktem Blick an. „Natürlich. Anwesende sind immer ausgenommen.“
Erik seufzte. „Vorurteile hast du wohl gar nicht!“ Er deutete auf ihren Wein. „Ist der gut?“
„Ganz in Ordnung.“
„Okay, dann hol ich mir auch ein Glas.“
Er verschwand und kam nach einer Weile mit Wein und zwei Tassen Espresso zurück. „Hoffe, du sagst nicht nein.“ Er stellte ihr eine der Tassen hin. Seine blauen Augen strahlten sie an.
„Kaffee ist meine große Schwäche“, gab sie zu.
„Und warum arbeitest du in dem Job, wo er dir doch so gar nicht gefällt?“
„War eigentlich Busfahrerin, aber ich wurde entlassen. Ich habe ein Kind, einen sechsjährigen Sohn, und keinen Vater dazu. Irgendwie muss ich uns ja ernähren.“
Erik rührte in seinem Espresso. „Und wo ist der Kleine, wenn du unterwegs bist?“
„Bei meinen Eltern. Wir wohnen bei ihnen. Ohne sie wäre ich verloren.“ Sehnsucht und Traurigkeit schwang in Monikas Stimme mit.
Erik sah sie nachdenklich an. „Braunschweig, da fährst du noch mindestens acht Stunden, vorausgesetzt, es gibt keine Staus und die Straßen sind frei. Schaffst du das überhaupt rechtzeitig, bis das Christkind kommt?“
Als sie nun aufsah, glänzten ihre Augen verdächtig. „Wie du schon sagtest: Wenn alles gut geht, schaffe ich es. Aber bei dem Wetter...“ Sie starrte aus dem Fenster. „Dabei habe ich Philipp hoch und heilig versprochen, pünktlich zu sein. Und das Schlimmste ist: Ich habe sein Geschenk im Truck. Einen großen Legobaukasten. Ich habe ihn gestern in Ungarn gekauft, denn dort bekam ich ihn ein ganzes Stück günstiger.“
„Dann liegt also auch kein Geschenk für ihn unterm Baum, wenn du nicht rechtzeitig zur Bescherung kommst?“
„Doch, ein Schlitten und eine Märchenkassette, die Geschenke meiner Eltern. Die goldene Gans. Das ist sein Lieblingsmärchen. Kennst du es?“
Erik schüttelte den Kopf.
„Da bekommt der Dummling eine goldene Gans, und wer sie anfasst bleibt daran kleben. Natürlich will jeder mal die Gans anfassen, und so folgen dem Dummling am Ende eine ganze lange Reihe Leute, die ihm nützlich sein können und helfen, die Prinzessin zu erobern.“ Monika lächelte, war dann aber plötzlich wieder ernst. „Doch sonst bekommt er nichts. Wir wollen Weihnachten nicht mit Geschenken überfrachten. Lieber singen wir mit ihm und tollen im Schnee und lesen ihm Märchen vor.“
Erik hatte den Kopf in die Hand gestützt und Monika gedankenversunken angesehen. „Ja“, sagte er, „so hätte ich mir meine Kindheit auch gewünscht. Aber meine Mutter war sehr krank, und mein Vater immer unterwegs. Ein Geschenk kaufen war da einfacher.“
Monika nahm ihren letzten Schluck Wein und sah auf die Uhr. „Es wird Zeit, ich lege mich hin.“
Sie stand auf, schlüpfte in ihre Jacke und nahm ihre Mappe vom Tisch. Erik reichte ihr die Hand zum Abschied. Sie nahm sie und lächelte ihn an. „War ja doch ganz nett mit dir“, sagte sie. „Als denn, gute Fahrt, und frohe Weihnachten!“
„Ja, dir auch!“ Er lächelte mit einem tiefen Blick in ihre Augen. „Und übrigens, außer Erik heiße ich noch Leinweber, und ich komme aus Hannover. Ist gar nicht so weit von Braunschweig entfernt. Ich meine, falls du mal einen Job brauchst.“
Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann nickte sie. „Ich werde es mir merken.“
Als sie draußen am Fenster vorbeiging, winkte er ihr nochmals zu, und sie dachte: „Wenigstens deine Telefonnummer hättest du ihm ja geben können, du dummes Fleckvieh!“
Verschlafen kletterte Monika aus ihrem Truck und ging zum Waschraum. Danach ließ sie sich im Rasthaus ihre Thermoskanne mit Kaffee füllen und nahm zwei Brötchen mit, die sie sich im Truck mit Butter und selbstgekochter Marmelade bestrich.
Während sie frühstückte, rief sie Philipp auf dem Handy an. Prompt meldete er sich. „Hallo, Mami!“, begrüßte er sie. „Ich habe schon versucht, dich auf dem Funkgerät zu erreichen, aber du bist noch zu weit weg. Und auf dem Handy hast du dich nicht gemeldet.“
„War mich waschen und Zähne putzen, mein Schatz, das Handy hatte ich im Truck gelassen!“
„Wo bist du denn gerade?“
„Auf einer Raststätte, die Gerfried heißt.“
„Ist das noch weit weg?“, fragte er.
„Ja, leider noch ziemlich weit.“
„Und schaffst du's dann rechtzeitig, bis der Weihnachtsmann kommt?“
Monika sah hinaus. Es schneite schon wieder, auf den Dächern der Autos lagen mindestens 15 Zentimeter Neuschnee. „Ich werde es versuchen.“
„Das sagst du immer, wenn's dann doch nicht klappt!“ Seine Stimme klang enttäuscht.
Sie seufzte. „Weißt du, für das Wetter kann ich nichts. Hast du mich trotzdem lieb?“
„Ja schon“, murrte er.
„Vielleicht schaffe ich es ja doch! Ich versuche es. Halte mir ganz fest die Daumen.“
„Okay. Und ich bete zu Petrus, und sag ihm, dass er mit dem Schneemachen aufhören soll.“
„Gut, mein Sohn.“
„Und wenn du nah genug bist, dann funkst du mich an!“
„Versprochen.“ Sie schickte ihm ein paar Küsse durchs Handy, dann legte sie auf.
Als sie zehn Minuten später von der Raststätte fuhr, kam sie an Erik Leinwebers Lastwagen vorbei. Er überprüfte gerade die Plane und zurrte sie fest. Sie hupte. Er sah auf und winkte ihr nach, dann reihte sie sich in den Verkehr ein.
Der Unfall musste gerade erst passiert sein. Von ihrem Führerhaus aus konnte sie sehen, wie etwa 50 Meter vor ihr ein Lastwagen quer stand und ein ganzes Arsenal Bierkästen und zerbrochene Flaschen über beide Fahrbahnen verstreut lagen. Und immer noch schneite es!
Monika seufzte. Zwei Kilometer vorher hätte es eine Ausfahrt gegeben, und sie hätte die letzten 40 Kilometer über Land fahren können. Aber jetzt saß sie fest und bis die Unfallstelle geräumt sein würde, würde es mindestens eine Stunde, wahrscheinlich länger dauern.
Sie sah auf die Uhr. Es war 15 Uhr 50. Um 16 Uhr sollte eigentlich Bescherung sein. Seufzend schaltete sie den Funk ein, um ihrem Sohn die traurige Nachricht zu übermitteln. Bestimmt saß er schon mit seinem Großvater am Mikrofon und wartete darauf, dass sie sich meldete.
Sie drehte an den Knöpfen. Es rauschte gehörig, und wie immer trieben sich auf ihrer Frequenz auch einige andere Funker herum. Es herrschte ein richtiges Funkchaos, und die Stimmen purzelten durcheinander, wie die Bälle in einem Lottoziehungsgerät!
Monika versuchte es trotzdem: „Hallo, hier Goldene Gans an Nest - bitte melden!“
Prompt kam die Antwort: „Hier Nest an Goldene Gans - hallo Mami, wo bist du denn gerade?“
„Knapp an Heimstedt vorbei, Opa soll dir‘s auf der Karte zeigen.“
Einen Moment war es still. Dann meldete sich Philipp wieder. „O.K., ich hab's gesehen - das ist ja gar nicht mehr so weit weg!“
„Nein, weit ist es nicht mehr, aber es ist etwas passiert. Ein Unfall. Lauter Bierkästen liegen auf der Autobahn, und bevor wir weiterfahren können, vergeht mindestens eine Stunde.“
„Wann bist du denn dann zu Hause?“, fragte Philipp verzagt.
„Bis ich auf dem Hof bin, den Truck abgespritzt und das mit den Papieren erledigt habe, und dann noch der Weg nach Hause - ich fürchte, es wird mindestens acht Uhr sein.“
„Noch so lange! Du bist gemein Mami, ganz schön gemein! Du hast mir versprochen, dass du rechtzeitig...“
Plötzlich mischte sich eine andere Stimme in das Gespräch. Sie war dunkel und klang samtweich, und irgendwie kam sie Monika bekannt vor.
„Hallo, hier ist der Nikolaus! Hallo, Philipp, kannst du mich verstehen?“
Eine Weile war es still. Sogar die anderen Stimmen, die bis jetzt im Hintergrund zu hören gewesen waren, schwiegen auf einmal.
„Der Nikolaus ganz persönlich?“, fragte Philipp, und es entfuhr ihm ein Ausruf des Staunens: „Bo, echt?“
„Ja, richtig. Sag mal, warst du auch immer brav?“
„Ich glaube schon.“ Plötzlich klang die Stimme des Kleinen gar nicht mehr so selbstsicher wie eben noch.
„Aber was mir da gerade zu Ohren gekommen ist, ich meine, dass du zu deiner Mami sagst, sie ist gemein, finde ich nicht so gut. Weißt du eigentlich, was für eine großartige Mami du hast?“
„Ja, weiß ich...“ Das kam so leise, dass es kaum noch zu hören war.
„Soll ich dir mal erzählen, was sie heute Morgen getan hat? Sie fuhr auf einen Parkplatz, und dort sah sie mich, wie ich verzweifelt nach meinem Schlitten suchte. Es war so viel Schnee gefallen, dass ich ihn gar nicht mehr finden konnte. Er war einfach zugeschneit. Und da hat sie mir geholfen, ihn zu suchen. Und als wir ihn gefunden hatten, hat sie einfach die Deichsel an ihren Truck gehängt und hat ihn aus dem Schneehaufen gezogen. Deine Mami ist eine wunderbare, tapfere Frau, die sehr viel arbeitet, damit es dir gut geht. Und wenn du sie wirklich liebhast, dann solltest du ihr sehr, sehr dankbar sein.“
„Aber ich habe sie doch wirklich lieb! Ich habe sogar ein Gedicht für sie gelernt. Soll ich es dir mal aufsagen?“ Der Respekt in Philipps Stimme war nicht zu überhören.
„Na gut- hoho! Leg los!“
Eine Weile war es still, dann sagte Philipp: „Es war einmal ein Mann, der hatte keinen Kamm. Da ging er hin und kaufte sich einen - da hatte er einen!“
Der Nikolaus machte seltsame Geräusche. Es klang, als hätte er sich verschluckt und musste husten. Dann räusperte er sich hoheitsvoll. „Das war wirklich ein sehr schönes Gedicht, Philipp. Weißt du übrigens, dass die Kinder in Amerika erst am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages ihre Geschenke bekommen?“
