Liebe und andere Zufälle - Robert Webb - E-Book

Liebe und andere Zufälle E-Book

Robert Webb

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Beschreibung

Was, wenn es die erste Liebe zweimal gibt?

Seit Kates Ehemann Luke – ihre große Liebe aus Uni-Tagen – an einem Hirntumor verstorben ist, droht ihr das Leben zu entgleiten. Wie sollte es auch anders sein? Immerhin war Luke der Klebstoff, der ihre Welt zusammengehalten hat. Doch als Kate eines Morgens erwacht, befindet sie sich wieder im Jahr 1992. Sie steckt wieder im Körper ihres achtzehnjährigen Ichs. Und es ist ausgerechnet der Tag, an dem sie das erste Mal auf Luke treffen wird – dessen Krankheit zu diesem Zeitpunkt noch behandelbar ist! Wenn Kate es schafft, dass Luke sich erneut in sie verliebt, kann sie ihn vielleicht retten. Dumm nur, dass der junge Luke so ganz anders ist, als Kate ihn in Erinnerung hat …

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buch

Seit Kates Ehemann Luke – ihre große Liebe aus Uni-Tagen – an einem Hirntumor verstorben ist, droht ihr das Leben zu entgleiten. Wie sollte es auch anders sein? Immerhin war Luke der Klebstoff, der ihre Welt zusammengehalten hat. Doch als Kate eines Morgens erwacht, befindet sie sich wieder im Jahr 1992. Sie steckt wieder im Körper ihres achtzehnjährigen Ichs. Und es ist ausgerechnet der Tag, an dem sie das erste Mal auf Luke treffen wird – dessen Krankheit zu diesem Zeitpunkt noch behandelbar ist! Wenn Kate es schafft, dass Luke sich erneut in sie verliebt, kann sie ihn vielleicht retten. Dumm nur, dass der junge Luke so ganz anders ist, als Kate ihn in Erinnerung hat …

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Robert Webb

Liebe und andere Zufälle

ROMAN

Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Come Again« bei Canongate Books Ltd., Edinburgh.

Das Zitat von William Shakespeare auf S. 7 und 379–380 stammt aus »Der Sturm«, übersetzt von Christoph M. Wieland, 1763.

Das Zitat von William Shakespeare auf S. 52–53 stammt aus »Hamlet«, übersetzt von August Wilhelm von Schlegel, 1798.

Das Zitat von William Shakespeare auf S. 116 stammt aus »Macbeth«, übersetzt von Dorothea Tieck, 1832.

Das Zitat von Philip Larkin auf S. 324 und 328 stammt aus »High Windows/Hohe Fenster«, übersetzt von Richard Glabotki, Literarisches Bureau Christ & Fez, 2016.

Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright der Originalausgabe © 2020 by Robert Webb

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2022 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Angela Kuepper

Covergestaltung: buerosued

Covermotiv: www.buerosued.de

DK · Herstellung: sam

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-26736-0V003

www.blanvalet.de

Für Mum

Erwache, mein theures Herz, erwache, du hast wohl geschlafen … Erwache!

William Shakespeare,Der Sturm

Teil 1

Komm träumen

Kapitel 1

Als sie aufwachte, lag ein einziges Wort auf ihren Lippen: »Du.« So endeten all ihre Träume von Luke. Die Einzelheiten variierten, doch immer waren sie zu zweit allein in seinem alten Zimmer im Studentenwohnheim. Zwei Menschen, noch keine Zwanzig, die einander erste Fragen stellten, erste Witze machten. Kate bemerkte die Sommersprosse auf dem Knie, das aus seiner zerrissenen Jeans schaute, und wie er den Kopf zur Seite neigte, wenn er zuhörte. Ihr knapp achtundzwanzig Jahre währendes Zwiegespräch war gerade mal ein paar Stunden alt – es war der erste Abend ihrer ersten Woche. Es war der Anfang.

Sie saß in dem kleinen Sessel in der Ecke seines Zimmers im Wohnheim. Kurt Cobain beobachtete sie mit seinem typischen intelligenten Grinsen von dem Nirvana-Plakat an der gegenüberliegenden Wand aus. Auf dem Bett unter Kurt saß Luke, den Rücken an die Wand gelehnt – ähnlich dünn, aber das Haar war dunkler, nicht aufgehellt, und sein Gesicht war das eines Menschen, der weniger Schweres erlebt hatte. Ein Fuß zappelte über der Bettkante. Kate hatte ihm gerade Grund zum Zappeln gegeben.

»Ich muss aber nichtallesausziehen, oder?«

Kate legte den A4-Block auf ihrem Schoß zurecht und spitzte ihren Bleistift extra gründlich.

»Nein, natürlich nicht. Wenn du bloß so nett sein könntest, das Hemd auszuziehen. Ich bin blöderweise noch nicht gut genug, um Klamotten zu zeichnen. Dieses Schlafanzugoberteil würde eine ziemliche Herausforderung darstellen.« Sie sah von ihrem Bleistift auf und blickte in sein zum Schein gekränktes Gesicht.

»Das ist kein Schlafanzugoberteil«, sagte er leicht pikiert, »das ist ein Großvaterhemd.«

»Ja klar«, grinste Kate. »Ich meine dieses blau-grau gestreifte Teil mit der offenen Knopfleiste, das kein bisschen so aussieht, als wärst du noch im Schlafanzug.«

Luke zerrte den Kragen des Hemdes nach vorn und betrachtete ihn stirnrunzelnd. »Gut, es ist nicht völlig von der Hand zu weisen«, nickte er wie ein Strafverteidiger. »Es mag eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Schlafanzugoberteil haben …« Er unterbrach sich abrupt. »Augenblick mal. Wo hast du diesen Spitzer her? Wir sind doch in meinem Zimmer, oder?«

Kate drehte den Stift nicht weiter und holte Luft.

Nein, noch nicht. Lass uns noch nicht aufwachen.

Der Einbruch von Logik drohte ihren Traum vorzeitig zu beenden – sie spürte, wie sie sich langsam dem Wachzustand näherte, und kämpfte durch Weiterreden dagegen an. Sie wollte hierbleiben, hier in diesem Raum, in diesem Moment. Sie wollte für immer hierbleiben.

»Oh, das ist mein Spitzer. Den habe ich immer bei mir für den Fall, dass ich einem Jungen begegne, den ich verführen will.«

Luke hörte auf, mit dem Fuß zu zappeln. »Aha, ich werde also gerade verführt?«

»Natürlich. Warum habe ich wohl gesagt, du sollst dich ausziehen? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich zeichnen kann, oder?«

Luke sah sich halb überrascht, halb elektrisiert in seinem Zimmer um. »Ehrlich gesagt dachte ich, du würdest es wenigstens versuchen, anstandshalber.«

Kate legte die Zeichenutensilien beiseite und trat an sein Bett, um sich neben ihn zu setzen. »Und wie sollte es weitergehen, nachdem ich es anstandshalber versucht hätte?« Sie ließ eine Hand über die Schulter seines Hemdes gleiten, ihre Finger folgten dem Saum des offenen Kragens bis hinunter zu seinen spärlichen Brusthaaren. Sie kannte diesen Körper wie keinen zweiten: den neunzehnjährigen Luke, Luke in den Zwanzigern, Luke in den Dreißigern … und dann bis Mitte vierzig …

Er betrachtete sie mit einem fragenden Lächeln, das schon fast das Ende des Traumes ankündigte. »Was ist denn?«

Hilflos suchte sie in seinem Gesicht nach Spuren. »Du bist gestorben.«

Er nahm ihre Hand und sagte sanft: »Ich weiß, Schatz. Ich weiß. Aber du musst aufwachen.«

»Ich kann nicht. Will nicht. Kann nicht.«

»Du kommst schon klar, Liebes. Hoch mit dir.«

»Geh zum Arzt! Du bist noch jung! Der Tumor ist winzig, sie können ihn entfernen, du wirst …«

»Kate, mein Herz«, sagte er, »es ist zu spät.«

Luke schaute hinunter auf ihre Hände. Erst zu ihren Eheringen und dann wieder hoch in die Augen ihres nicht mehr jungen Ehemanns. »Du wirst drüber wegkommen, Kate«, sagte er. »Nun mach schon … Du weißt so einiges. Du bist das Mädchen aus der Zukunft.«

Sie zog ihre Hand zurück und flüsterte: »Ich werde niemals darüber hinwegkommen, nicht mal ansatzweise.«

»Dann such dir Hilfe.«

»Nein«, sagte sie bestimmt. »Mir kann niemand helfen. Und die Zukunft habe ich satt.«

Ihre Hände hatten sich in sein Hemd gekrallt.

»Du«, seufzte sie.

Kate zog das Hemd an ihr Gesicht, aber natürlich roch es schon lange nicht mehr nach ihm. Dafür war es jetzt mit Mascara verschmiert, verknittert und vollgerotzt.

Müsste mal gewaschen werden. Ach, was soll’s. Vielleicht morgen. Nein, nicht morgen. Heute ist der Stichtag.

Der Memorystick. Wo ist er? Am Schlüsselbund eine Treppe tiefer.

Wer mich wohl finden wird? Vielleicht die Mäuse, die ich nachts höre. Nagt bloß nicht die Leber an, ihr kleinen Kerlchen wärt nach einem Bissen sternhagelvoll! Nicht, dass ihr am Ende irgendwelche unklugen Entscheidungen trefft.

Kate knüllte das Hemd langsam unter ihr Kopfkissen, während sie an die Anstrengung dachte, die sie das Aufstehen kosten würde. Sie fühlte sich zu leer für Tränen und hatte längst keine Worte mehr. Der einzige Mensch, mit dem sie über Lukes Tod reden wollte, war Luke selbst. Sie warf einen Blick aus dem Fenster gegenüber, dessen Vorhänge sie nicht zugezogen hatte. Eine einzelne Wolke am blauen Märzhimmel. Eine popcornpralle Kumuluswolke, wie eine erstarrte Explosion.

Manchmal war es ihr in den vergangenen neun Monaten gelungen, wieder einzuschlafen. Dann schlief sie, bis sie Kopfweh davon bekam. Heute Morgen kam es nicht darauf an, sie hatte ohnehin Kopfschmerzen vom Pinot-Besäufnis gestern Abend. Schon in den ersten paar Sekunden des Wachseins begannen die Krallen eines Höllenkaters sich in ihre Hirnrinde zu graben. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als aufzustehen. Eine Witwe auf Selbstzerstörungskurs sollte besser organisiert sein und sich ein paar Ibuprofen bereitlegen.

»Hoch mit dir«, sagte er. Du hast gut reden, Lukey.

Kate setzte sich auf und starrte auf ihre geschundenen und geröteten Hände, die sich auf der weißen Bettdecke zu Fäusten ballten.

Sie versagte sich streng einen Blick auf die leere Seite des Betts. Wenn sie das Dauertrauma seiner Abwesenheit verdrängte und sich für den Tag fertig machte, würde sie ihn, sobald sie aus dem Bad kam, vielleicht friedlich schlafend dort liegen sehen. Einen Augenblick später schaute sie trotzdem hin. Nur die übliche Ansammlung leerer Bier- und Weinflaschen.

Das Bett klirrte, als sie die Füße auf den Boden setzte.

Strümpfe.

Wenigstens hatte sie die Schuhe ausgezogen.

»Streng dich an, Katie.«

Das hatte ihr Dad immer zu ihr gesagt. Also vorwärts, die Treppe hinunter, Tabletten suchen. Kopfweh war immerhin ein Schmerz, gegen den sie etwas tun konnte.

Der Memorystick. Muss mich drum kümmern, dass der Memorystick in Sicherheit ist. Nein, erst pinkeln. Mein Gott, dieser Tag ist einfach gnadenlos.

Sie schnitt vorm Badezimmerspiegel Grimassen. Wenigstens musste sie sich an diesem Morgen nicht nackt sehen, weil sie noch die Klamotten trug, die sie bei ihrem Black-out angehabt hatte. Schlabberjeans, schwarzes Langarm-Top, darüber ein schwarzer Grobstrickpullover, schon reichlich verwaschen. Sie gab sich flüchtig dem Gedanken hin, wozu dieser eins sechzig große Körper einmal fähig gewesen war – ihr Medaillen- und Pokalgewinner. Sie sah ihre ungläubig hochgezogenen Augenbrauen angesichts der Erinnerung, weder stolz noch verbittert. Sport gehörte einer anderen Lebensphase an.

Sie hatte feststellen müssen, dass es eines gab, worauf man in der Witwenschule nicht vorbereitet wurde – das schlagartige Altwerden. Mit achtzehn lernst du jemanden kennen und verliebst dich, dann bist du einen Tag älter und immer noch zusammen, dann noch einen … bis die Tage sich zu fast achtundzwanzig Jahren summiert haben. Damit existiert die ganze Zeit ein Teil von dir, der dich nach wie vor mit diesen anderen Augen sieht – der Teil, der noch immer achtzehn ist. Und wenn der oder die andere stirbt, wenn diese Verbindung abreißt, siehst du von einem Moment auf den anderen nur noch das, was auch die anderen Leute sehen …

Kate starrte auf diese Frau mittleren Alters, die beinahe eine Fremde war. Eine grausame Form der Zeitreise, aber in ihren Augen nur gerecht. Luke war von ihr gegangen und mit ihm ihre Unschuld. Warum auch nicht? Was hätte Kate Marsden mit Unschuld anfangen sollen?

Sie inspizierte die versprengten Reste des Make-ups, das sie vor fünf Tagen aufgetragen hatte. Warum zum Teufel war sie überhaupt geschminkt? Dann fiel es ihr mit Schaudern wieder ein. Ihre Mutter hatte ihr einen ihrer königlichen Besuche abgestattet, und Kate hatte geglaubt, sich anstandshalber zurechtmachen zu müssen. Der Eyeliner war verlaufen, wie auf der Suche nach einem neuen Leben fernab des Schlachtfelds. Ihr Haar war ein Nest der Verwahrlosung. Mit etwas Zuwendung ließ es sich dazu bringen, als dunkelbraune Mähne bis knapp auf die Schultern zu fallen. Jetzt aber thronte es wie ein verrückter Hut auf ihrem Kopf. Sie dachte daran, nach einer Bürste zu suchen, doch schon die bloße Vorstellung hätte sie beinahe zurück ins Bett getrieben.

Nein, erst nach dem Memorystick sehen. In der Küche. Ach ja, pinkeln gehen.

Sie wohnte in einem Reihenhaus mit vier Zimmern, Küche, Diele, Bad in Clapham. Zu groß für ein Paar ohne Kinder, aber vertretbar bei Kates Alter und Gehalt. Ihrem früheren Gehalt, genauer gesagt. Gestern Nachmittag war sie gefeuert worden.

»Charles«, sagte sie, als sie auf der Schüssel saß. Eine behutsame Aufforderung an ihren Darm.

Na, mach schon, Charles.

Sie wartete auf das übliche Alles-oder-nichts-Verdikt: explosiver Dünnpfiff oder komplette Sperre. Dann also nichts. Das war jetzt – Tag vier? Nicht sonderlich überraschend. Sie hatte praktisch nichts gegessen.

Kate wollte ihren Slip und ihre Jeans wieder hochziehen, aber beide waren mittlerweile so untragbar, dass sie sie lieber ganz auszog und auf dem Boden liegen ließ. Sie in den Wäschekorb zu stopfen wäre Blödsinn gewesen, da sie längst nicht mehr zwischen »spezieller Ort für Schmutzwäsche« und »der Rest des Hauses« unterschied. Allein schon sich vorzubeugen, um den Stoff über ihre Fersen zu streifen, strengte sie so an, dass sie sich fast übergeben hätte. Erschöpft lehnte sie sich ans Waschbecken, um wieder zu Atem zu kommen.

Sie wusch sich die Hände mit dem Rest der Teerseife, die sie ein paar Tage nach der Beerdigung im Badezimmerschrank gefunden hatte. Nicht gerade ihre Lieblingsseife, aber Luke hatte sie gelegentlich benutzt, wenn die Tage kürzer wurden und sein Hautausschlag aufgeflammt war. Das dünne Seifenstück schäumte nur widerwillig. Sie hielt die Hände mitsamt der Seife lange unter den laufenden Hahn, hypnotisiert vom plätschernden Wasser. »Wer hat dich zum Tanzen aufgefordert?«, fragte sie mit einer Zärtlichkeit, die sie selbst überraschte. Sie blickte hoch, und die schaurig aussehende Frau wartete erneut auf sie. In ihren kobaltblauen Augen war immer noch Leben, als hätten sie nicht mitbekommen, dass alles andere sich bereits abschaltete. Sie sah sich selbst unverwandt in die Augen, während sie nach dem Hahn tastete und das Wasser abstellte. Aus dieser Position wirkte sie vollständig angezogen, aber es kam sowieso nicht darauf an. Ein unfrohes Lachen brach sich Bahn bei der Vorstellung, dass Sittsamkeit in einem so schonungslos einsamen Haus wie diesem jemals wieder ein Thema sein könnte. Der Pullover reichte bis über den Po, und sie erwartete keinen Besuch.

Kate ließ Lukes Seife behutsam in eine Hand gleiten und klammerte sich mit der anderen an den Rand des Waschbeckens. Dann schloss sie die Augen und rief sich die gestrige Konfrontation mit Charles wieder ins Gedächtnis. Was hatte sie eigentlich erwartet? Der Mann war ein Krimineller. In seinem Büro war es ihr noch einmal gelungen, ihr altes Ich zu mobilisieren, diese mutige, selbstbeherrschte Frau, die sie gewesen war, bevor der Himmel über ihr eingestürzt war. Eine Reverenz an alte Zeiten, die stark an dem Quäntchen Restenergie gezehrt hatte, das ihr geblieben war. Heute fühlte sie sich wie Yoda, der vergreist nach seinem Stock griff, nachdem er für zehn Minuten wie ein durchgedrehter Frosch herumgehüpft war und mit dem Lichtschwert um sich geschlagen hatte.

Einen Kampf hatte sie erwartet. Aber nicht, dass ihr grausame Vergeltung angedroht würde.

Kate blickte wieder in ihre eigenen Augen und weigerte sich zu blinzeln.

Charles – dieser treue Gefolgsmann eines russischen Gangsters. Was hatte er noch mal gesagt?

»Danke, dass du dich zu mir bemühst, Kate, und nur fürs Protokoll, es tut mir leid wegen Luke et cetera …«

Kapitel 2

Kate schob die Hände in die Taschen ihrer Schlabberjeans. Ihr Blick schnellte zum Fenster hinter Charles und konzentrierte sich auf die Dachlandschaft von West London.

»Wie nett von dir, Charles et cetera«, sagte sie.

Ihre Aufgabe bestand darin, Geschichte umzuschreiben. Nicht, dass sie Luke den Job so geschildert hätte, als sie ihn antrat, und auch Charles Hunt, der jetzt in seinem Stuhl hin und her schwang und sich überlegte, wie er sie feuern sollte, hätte ihn nicht so beschrieben.

Charles nickte gewichtig – und eine Idee zu lang, als hätte er Ärzte in Krankenhausserien studiert und daraus geschlossen, dass man genau das mit dem Kopf tun musste, um Mitgefühl auszudrücken. Er hatte ein kantiges, blasses Gesicht mit permanent geröteten Wangen und schütter werdendes blondes Haar mit Seitenscheitel, das immer gut lag, obwohl er häufig mit der Hand hindurchfuhr. Sein Büro war ein großer Raum mit heimeligem Touch – ein altes Sofa, das seine Mutter ihm geschenkt hatte, ein Toastständer, den er kokett zum Briefständer für einkommende Post umfunktioniert hatte. Er vermittelte seiner Kundschaft gerne den Eindruck, dass seine Arbeit reine Liebhaberei sei.

Kate saß ihm an dem massiven Mahagonischreibtisch gegenüber, von dem er früher behauptet hatte, er sei ein Geschenk von Harvey Weinstein, und nun erzählte, er habe ihn persönlich aus den Planken der Mary Rose geschnitzt, eines Kriegsschiffs, das im Italienischen Krieg gesunken und Jahrhunderte später geborgen worden war.

Sie beobachtete ihn, während er sich zurechtlegte, was er als Nächstes sagen wollte. War es Einbildung, oder war ihr Stuhl tatsächlich ein paar Zentimeter niedriger als sonst? Oder war seiner höher? Bisher war ihr das nie aufgefallen. Vor neun Monaten hatte ihr Charles vierzehn Tage frei gegeben und dann angerufen, um zu sagen … Was hatte er gesagt? Sie war nicht richtig bei sich gewesen vor Schlafmangel und permanentem Kater.

Es war eine Voicemail gewesen. »Kate, bin wie üblich untröstlich wegen Luke et cetera, aber wir könnten dich hier wirklich brauchen, und zwar asap. Natürlich bist du eine Frau und brauchst deshalb ein bisschen länger, das kapiere ich ja. Nimm dir die Zeit, die nötig ist … Wobei, je eher, desto besser, wenn du mich fragst, denn bei meiner Mutter – schon klar, Witwen stürzen einfach ab, so wie Windows. Klick bei einer Excel-Tabelle auf das Kreuzchen oben links, und der ganze Scheiß macht [Todesröcheln]. Nichts für ungut! Du bist eine Frau, schon klar.«

Im Büro lächelte Kate freundlich und wartete. Sie wusste, was kam: Der Idiot hatte »Kate feuern« in seinen E-Kalender geschrieben, ohne zu ahnen, dass sie ihn einsehen konnte. Zu schade, dass sie ihm mit dem Kündigen nicht zuvorgekommen war. Wo war ihr großer Auftritt, bei dem sie unter den Augen ihrer Kolleginnen und Kollegen breit grinsend zu einem Aretha-Franklin-Soundtrack aus dem Büro stolzierte?

Dieser Moment würde ihr verwehrt bleiben, und sie hatte berechtigten Grund zu der Annahme, dass sie ihn auch nicht verdiente. Aber zumindest gab es noch etwas anderes, das sie mitnehmen konnte. Sie schlug die Beine übereinander und tastete mit der rechten Hand nach dem Memorystick an ihrem Schlüsselbund.

Charles war ein Selfmademan, der Belgravia Technologia praktisch aus dem Nichts erschaffen hatte – mit nichts als Talent, harter Arbeit und bescheidenen 394.000 Pfund von seinem Vater, der Verteidigungsminister der konservativen Regierung gewesen war. Kate hatte Charles im ersten Semester kennengelernt, genau wie Luke – als Studentin an der University of York. Über die Jahre hatte sie mitbekommen, dass er gegenüber Klienten gerne »New York« daraus machte. In seiner Vorstellung war das »New« bloß eine harmlose Ausschmückung und, da war Kate sich sicher, längst zur Tatsache geworden. Seine Firma war ein Vorreiter und führender Vertreter im Bereich des Online-Reputationsmanagements, kurz: ORM. Kate war die IT-Managerin, aber Charles verdankte ihrer Mitarbeit wesentlich mehr, als dieser Titel vermuten ließ, und entschieden mehr, als er ihr dafür zahlte. Sie hatte die Website entworfen und betreute sie, sie hatte eine undurchdringliche Firewall errichtet und optimiert und die komplette Softwarearchitektur, die dafür sorgte, dass alles ohne Macken lief, entwickelt und permanent upgegradet. Und natürlich dem Rest der Belegschaft erklärt, wie man die Computer ein- und wieder ausschaltete.

Im Herbst 1992 hatte Kate ihre Doc Martens geschnürt und sich aufgemacht, um frühzeitig zu ihrer ersten Informatik-Vorlesung zu erscheinen. Hätte ihr jemand gesagt, dass sie praktisch ihr ganzes Berufsleben damit verbringen würde, die Onlinegeschichte einflussreicher Männer umzuschreiben, hätte sie ihm ins Gesicht gelacht. Tja, das Leben war lang und voller Überraschungen. Und was war überhaupt dieses »Internet«? Aber hätte ihr damals jemand gesagt, dass sie es in den Diensten von Charles Hunt tun würde, wäre aus ihrer Belustigung schnell Unglaube geworden.

Charles war eine komplette Witzfigur. Bart Simpson schlief in Charles-Hunt-Bettwäsche. Charles DeMontfort Alphonso Hunt, dieser außerordentlich vermögende, komplett ahnungslose und mit einer unbeirrbar hohen Selbstgefälligkeit gesegnete Depp. Charles, der das Matthew Chatsworth College besucht hatte, ein Internat zur Förderung eher unterbegabter Jungen aus der englischen oberen Mittelschicht. Kate hätte beinahe Mitgefühl mit Charles haben können, wäre er nicht ein so notorischer Lügner gewesen. Er konnte kaum den Mund aufmachen, ohne dass ein unaufhaltsamer Strom von Angebersprüchen daraus hervorquoll, die auf Anhieb als unwahr zu erkennen waren. Sein Jaguar war ein Bentley. Sein Familienname bedeutete im Lateinischen »königlich«. Im Kadettenkorps seiner Schule hatte er einen Panzer gefahren. Und das mit solcher Bravour, dass man ihn zur Territorial Army nach Nordirland entsandte (wo er einen Mann getötet hatte). Er hatte einen IQ von 176. Sein Großonkel war das Vorbild für den von Richard Attenborough verkörperten Helden inGesprengte Ketten. Sein Vater war Minister in einem Tory-Kabinett gewesen (das stimmte sogar), aber davor Fechtlehrer, Redenschreiber für Martin Luther King und englischer Botschafter in Nordkorea. Seine Mutter dagegen hatte lediglich das Kartenspiel Bridge erfunden. Was allerdings, wie Charles mit liebevoller Nachsicht einräumte, »auch keine schlechte Leistung« gewesen sei.

Die Anfänge von BelTech waren durchaus unschuldig gewesen. Das Motto »Jeder verdient eine zweite Chance« konnte Kate unterschreiben, trotz des erbärmlichen Kursivschriftzugs über dem Empfangstresen. Eine Krankenschwester, der Fahrlässigkeit vorgeworfen wurde, ein Rotarier, der die Nerven verloren und eine Politesse geohrfeigt hatte – Menschen, deren Suchergebnisse im Internet von vergangenen Fehltritten bereinigt werden mussten, die an ihnen hängen geblieben waren. Ob zu Unrecht beschuldigt oder schuldig im Sinne der Anklage, irgendwann musste mit der Vergangenheit abgeschlossen werden. Jedenfalls war es Kate gelungen, sich einzureden, sie sei nicht mehr als ein Tekkie, der durchs Haus lief und Fotokopierer reparierte. Aber in Momenten größerer Aufrichtigkeit war ihr bewusst, dass ihre Verstrickung weitaus komplexer war. Als Expertin für digitale Sicherheit und Key Holder jedes einzelnen Passworts im Gebäude hatte Kate Zugriff auf sämtliche Dateien, die Charles bekam. Von Zeit zu Zeit hatte sie einen unerlaubten Blick darauf geworfen, was die Firma so trieb. Rastlos und habgierig hatte Charles sich unter Ausnutzung der Kontakte seines Vaters jüngst der wundervollen Welt des Waffenhandels zugewandt. Kate hatte sich eingeredet, sie müsse dafür sorgen, dass er rechtschaffen blieb. Dass Charles der am wenigsten rechtschaffene Mensch war, den sie kannte, wurde durch etwas anderes aufgewogen, das sie über ihn wusste: Er war eine Niete und ein Schwachkopf. Wie sollte ein solcher Mann je zum Problem werden?

»Kate, wie du weißt, war ich nicht immer einer Meinung mit Luke, seinen amüsanten Idealen und dem ganzen Pipapo. Aber du hast ihn gemocht, das muss ja was heißen, und er war zweifellos total okay.«

Kate nickte verständnisvoll. »Wirklich, Charles, wenn ich gewusst hätte, wie tief deine Gefühle für ihn gehen, hätte ich dich gebeten, die Grabrede zu halten.«

»Tja, du weißt doch selbst, dass ich nicht zur Beerdigung kommen konnte, weil ich Prinz Andrew in einer gewissen Angelegenheit beraten musste. Du hast mir eine Karte geschickt und geschrieben, dass du das verstehst.«

»Oh, ich habe das definitiv verstanden.«

»Ich hab die Karte eingescannt, die Kopie muss hier irgendwo sein …« Charles öffnete eine Schreibtischschublade und begann nach einem Stück Papier zu suchen, das er sich gerade erst ausgedacht hatte, wie Kate sehr genau wusste.

»Mach dir keine Umstände, Charles. Ich erinnere mich an die Karte.«

Charles knallte die Schublade wieder zu. »Gut.«

Sie sah zu, wie er sich an seine einstudierte Rede zu erinnern versuchte. In früheren Jahren hatte es Zeiten gegeben, wo sie, ohne anzuklopfen, in sein Büro getreten war und Charles Hunt bei seinen einzigen Anflügen von Kreativität ertappt hatte: wie er seinen Part eines bevorstehenden Telefongesprächs geprobt hatte. Die unnatürlich sonore Stimme für Klienten, die aufdringliche Jovialität, ein Einfühlungsvermögen auf Teletubbies-Niveau und ein Namedropping, dessen Einschlag man noch im Orbit hören konnte.

Zwanglos stocherte sie nach einem imaginären Stück Spinat zwischen ihren unteren Schneidezähnen. Er würde nett zu ihr sein müssen. Sehr nett. Er brauchte sie, um die Nestor-Petrov-Datei zu finden, wusste aber immer noch nicht, wie er sie danach fragen konnte.

»Deine Kollegen beharren darauf, dass deine Leistung durch die Luke-Situation nicht gelitten hat«, hob er an. »Darum habe ich versucht, über dein ›Zeitmanagement‹ hinwegzusehen. Manchmal kommst du erst nach vier Uhr ins Büro.«

»Okay«, sagte Kate. »Nur, dass das klar ist. Unter ›Luke-Situation‹ verstehst du, dass der Mann, mit dem ich achtundzwanzig Jahre mein Leben geteilt habe, beim Ausräumen der Spülmaschine tot umgefallen ist? Diese Situation?«

»Bingo. Und dann ist da natürlich noch das Problem deiner schlampigen Aufmachung.«

Zum ersten Mal seit neun Monaten hätte Kate fast gelacht. In der Mittagspause hatte sie einen flüchtigen Blick in den Spiegel im Waschraum geworfen. Sie sah aus wie Suzi Quatro, die zwei Monate lang von Hunden über eine verlassene Insel gehetzt worden war. Ungerührt erwiderte sie: »Ich weiß wirklich nicht, was du meinst.«

»Darum geht es jetzt nicht.« Charles zog eine schlichte braune Aktenmappe aus der Schreibtischschublade und legte sie vor sich hin, bezeichnenderweise ungeöffnet. Er guckte Kate an, als hätte er gerade einen Royal Flush hingeblättert.

Oh Mann, der glaubt, wir sind in einem Bond-Film. Noch nicht. Halt dich zurück.

Kate hörte auf, in den Zähnen zu pulen, und schielte nach dem Ordner.

»Was hast du denn da, Charles? Doch hoffentlich nicht deine jüngste Absage vom Marylebone Cricket Club?« Charles konnte Cricket nicht das Geringste abgewinnen, aber sie wusste, wie sehr es ihn wurmte, dass zumindest ein Club in England ihn völlig inakzeptabel fand.

»Ah nein, ich fürchte, es ist sogar noch deprimierender. Das ist deine Nachricht an Mr. Petrov.«

Sie ließ sich nicht aus der Reserve locken. »Es gibt so viele Petrovs. Der Steuerhinterzieher?«

»Du weißt, welcher.«

»Ah! Der Pädophile. Ich dachte, da hätte ich einen guten Job gemacht.«

»Du bist ein Tekkie. Es ist nicht deine Aufgabe, mit Klienten zu reden. Und woher hast du überhaupt seine Kontaktdaten?«

»Hm. Womöglich ein Zufallstreffer?«

Charles unterdrückte seine aufsteigende Wut. Für Kate war es offensichtlich. Er hatte kapiert, dass sie ihn seit Jahren ausspionierte, konnte das aber kaum sich selbst eingestehen, geschweige denn aussprechen. Er öffnete den Ordner, entnahm umständlich ein einzelnes A4-Blatt, als trüge er dabei Chirurgenhandschuhe, legte es vor sich auf den Schreibtisch und hob hochtrabend an.

»Wie du sehr wohl weißt, kommen sämtliche Anschuldigungen von Frauen, die nur auf Geld und Publicity aus sind. Mr. Petrov hat sich vertrauensvoll an uns gewandt, und ich habe wie immer eine umfassende ORM-Strategie entwickelt. Seine Wohltätigkeitsarbeit in den Vordergrund rücken. Persönliche Statements über seinen guten Charakter über alle Plattformen streuen. Optimierung seiner Website und Erhöhung der Zugriffe um fünfhundert Prozent unter Einsatz der üblichen Methoden. Der Originaltext sollte auf Englisch wie auf Russisch produziert werden und sich auf das makellose Geschäftsgebaren und beispielhafte Familienleben konzentrieren. Jegliche Anschuldigungen hinsichtlich sexueller Kontakte mit Minderjährigen bis auf diejenigen Beiträge, die die Glaubwürdigkeit der Anklägerinnen in Zweifel ziehen, sollten von mindestens den ersten drei Seiten der Suchergebnisse bei allen Suchmaschinen getilgt werden. Der Charakter dieser Frauen sollte nachhaltig diskreditiert und bedauerliche Informationen über das Privatleben und die geistige Gesundheit der Journalisten, die dieser Geschichte nachgehen, über die üblichen Kanäle verbreitet werden. Mr. Petrov würde folglich mit weißer oder zumindest dunkelweißer Weste dastehen. Dafür hat er uns bezahlt.«

Kate arrangierte ihre Beine neu und legte den Kopf schief. »Und haben wir nicht genau das geleistet?«

Charles nahm das Blatt zur Hand und las vor: »›Lieber Mr. Petrov, ich bin hier nur Angestellte, habe mir aber so meine Gedanken gemacht. Sie gehören eindeutig ins Gefängnis. Ich kann zwar nicht garantieren, dass Sie tatsächlich dort landen, aber wenn doch, will ich hoffen, dass Sie jeden einzelnen Tag von vierschrötigen Kosaken in den Arsch gefickt werden. Mein fundierter Ratschlag, was Ihre zukünftige Imagepflege betrifft: Versuchen Sie einfach, nicht so ein widerlicher Drecksack zu sein. Herzlichst, Kate. Küsschen, Küsschen, Küsschen.‹«

Kate starrte aus dem Fenster und zog die Brauen hoch. »Stimmt schon, da fehlt ein bisschen die Leichtigkeit.«

»Mr. Petrov ist davon alles andere als begeistert.«

»Warum? Nicht genug Küsschen?«

»Kate, sei nicht so …«

»Zugegeben, das mit dem Arschficken ist ein bisschen homophob, aber ich hätte nicht gedacht, dass ihn das stört, angesichts seiner aufregend rechtslastigen Ansichten zu diesem Thema. Wenn du willst, kann ich dir da …«

»Kate!« Charles ließ die flache Hand auf den Tisch knallen. Sie wartete, dass er sich abregte, was nicht lange dauern würde, denn er rieb bereits seine rot anlaufende Handfläche an der Hose. In einem zweiten Wutausbruch versuchte er, das Blatt Papier nach ihr zu werfen, doch es segelte nur über sein Handgelenk und landete mit der bedruckten Seite nach unten quasi direkt vor ihm. Er sah durch sie hindurch, während er sich beruhigte und einen offensichtlich einstudierten Spruch abrief: »Weißt du, ich wundere mich, dass eine Frau von deiner Intelligenz etwas so Dummes tut.«

Kate nickte. »Ist ja witzig, mich wundert es nämlich, dass ein Mann von deiner Intelligenz nicht in einem Container lebt.«

»Ha-ha«, machte Charles, lächelte dünn und schwenkte wieder mit seinem Stuhl herum. Aus irgendeinem Grund betrachtete er sich und Kate als intellektuell ebenbürtig und tat solche Bemerkungen regelmäßig als Frotzelei ab. Sie konnte ihm buchstäblich alles an den Kopf werfen, und er brachte es fertig, es als Kompliment zu verstehen. Über die Jahre hinweg war ihnen beiden das gelegen gekommen.

Kate atmete tief durch und wartete auf seinen nächsten Zug. Zugleich musste sie daran denken, wie ihre Hand beim Entwenden der Petrov-Datei gezittert hatte.

Vor einer Woche hatte Kate, wie es ihre Gewohnheit war, aus reiner Langeweile Charles’ Inbox gehackt und durch seine Korrespondenz gescrollt. Aber dann war ihre Stimmung irgendwie gekippt. Ein dumpfes, geradezu außerkörperliches Gefühl hatte ihr den Eindruck vermittelt, dass sich ihr Leben dem Ende zuneigte. Was wollte sie noch hier? Was hatte sie je hier gewollt?

Etwas an Charles’ Korrespondenz war neu gewesen. Ein bestimmter Mann tauchte in den E-Mails auf – ein in London ansässiger Milliardär. Kate kannte ihn als Promi: Nestor Petrov besaß einen Fußballverein in der Premier League und war regelmäßiger Gast in Comedy-Panel-Shows, in denen er es als attraktiver Mittfünfziger mit billiger Exzentrik zum Liebling eines Millionenpublikums gebracht hatte. Zumindest zum Liebling einer Handvoll Fernsehproduzenten und des Vorstands eines finanziell schlecht aufgestellten Fußballvereins.

Je mehr sie an jenem Nachmittag las, desto mehr wurde ihre Neugier geweckt. Natürlich war Diskretion bei einem Firmenkonzept wie dem von BelTech oberstes Gebot, aber was die beiden Männer sich da lieferten, war nichts anderes als ein veritables Wichs-Fest, bei dem ordentlich gemauschelt wurde.

Petrov: »Das überaus sensible Thema, das wir unter vier Augen besprochen haben«, »die ruchlos entwendete Datei«, »die dringende Notwendigkeit, diesen heiklen Fehltritt zu korrigieren«.

Charles wiederum gelang wie so oft das Kunststück, sein eigenes Englisch dermaßen zu verunstalten, als wäre es von Google Translate erstellt worden, und Kate musste sich konzentrieren, um durchzusteigen: »Unser tiefstes Bedauern vis-à-vis, dass das Problem bis jetzt ungelöst ist«, »unsere begabtesten Leute arbeiten 24/7 daran, das Unbehagen zu mindern«, »die Datei wird mit alleroberster Eile wieder aufgespürt werden«.

Welche Datei?

Kate öffnete Petrovs Erstkontakt – seine ursprüngliche Anfrage bei BelTech.

Seine Anwälte beklagten sich darin, dass er in jüngster Zeit sexueller Belästigungen und Übergriffe beschuldigt werde, die in die frühen Neunzigerjahre zurückreichten, als er gerade erst nach London gezogen war. Petrov wollte eine komplett renovierte Fassade und ein runderneuertes Image. Um bei den Fake News auf der sicheren Seite zu sein, hatte er beschlossen, Charles dafür zu engagieren, sie für ihn zu gestalten.

Kate hatte nicht viel im Magen, aber es wäre ihr beinahe hochgekommen. Begraben in den Verliesen ihrer Trauer, hatte sie seit Monaten keine Nachrichten mehr verfolgt. Jetzt aber las sie die Berichte und Zeugenaussagen der Frauen, die Petrov beschuldigten. Sie war weder Richterin noch Geschworene, aber eine eigene Meinung stand ihr zu: Dieser Mann war gemeingefährlich. Er gehörte festgenommen, nicht beschützt. Dass Charles es billigte, für einen solchen Menschen zu arbeiten, war ein neuer Tiefpunkt. Aber das war noch nicht alles.

Soweit sie sehen konnte, hatte entweder Petrov selbst oder jemand, der für ihn arbeitete, versehentlich eine höchst kompromittierende Datei an BelTech weitergeleitet, die Charles prompt verschludert hatte. Kate konnte seine Panik nachvollziehen. Sie selbst hatte das maßgeschneiderte Filesharing-System der Firma entworfen, und niemand sonst wusste, was zu tun war, wenn etwas schieflief. Eine überaus unkluge Art, für IT-System-Sicherheit zu sorgen, doch Charles hatte sich nicht groß dafür interessiert, und Kate hatte auf ihrem ureigenen Terrain niemand anderem vertraut. Sie brauchte keine neunzig Sekunden, um zu begreifen, was passiert war, und lokalisierte die verschlüsselte Datei, während sie nervöse Blicke über ihre Schulter warf.

Der File sah wie eine gewöhnliche AVI-Datei aus, mit einer Laufzeit von vier Minuten und zweiundvierzig Sekunden. An jenem Tag wartete Kate, bis alle anderen im Büro Feierabend gemacht hatten, und schaute sich dann das Video an.

Vier Minuten und zweiundvierzig Sekunden später starrte Kate Marsden geschockt auf den Monitor. Ihre Entdeckung hatte das Zeug dazu, ein paar der wenigen auf der Welt noch verbliebenen zivilisierten Regierungen zu stürzen. Und Charles steckte bis zum Hals mit drin. Sie war wütend auf sich selbst, dass sie so viele Jahre bei BelTech die Augen verschlossen und sich vorgemacht hatte, sie trüge keine Mitschuld.

Jede Nacht träumte sie von Luke, und der Moment des Aufwachens war unerträglich geworden. Sie hatte längst Pläne für die kommende Zeit geschmiedet. Doch zuerst würde sie ihre Beteiligung an diesem unaufhaltsam rollenden Jauchewagen sühnen. Abbitte für die träge Vergeudung ihrer außergewöhnlichen Talente leisten. Sie schuldete der Welt noch einen letzten Liebesdienst – beziehungsweise Judaskuss.

Petrov war fällig, entschied sie. Und Charles mit ihm.

Kate wartete darauf, dass Charles auf den akuteren Grund seiner Wut zu sprechen kam. Er beäugte sie argwöhnisch und nahm wieder den Ausdruck ihrer E-Mail an Petrov zur Hand. »›PS: Mir hat das Video gefallen, das Sie Charles geschickt haben. Außerordentlich kreativ. Wobei ich persönlich etwas anders zu Grießbrei stehe.‹« Er sah sie an, während er augenscheinlich auf eine Erklärung wartete, und bemühte sich um einen ungezwungenen, scherzhaften Tonfall: »Was zum Henker ist denn damit gemeint?«

Der Versuch, auf witzig zu machen, war peinlich, aber Kate spielte mit und gluckste leise.

»Ach das! Ja, das war ein echter Brüller. Ich wollte gerade den Server aufräumen, als ich auf dieses lustige Video stieß, das Mr. Petrov geschickt hatte.«

Charles war sehr still geworden. Mit zusammengekniffenen Lippen fragte er: »Das … lustige Video?«

»Sehr lustig.«

»Wovon?«

»Nichts Wichtiges. Ich war gerade dabei, ein bisschen Speicherplatz freizugeben, und ichglaube, ich habe es gelöscht. Ich weiß es nicht mehr.«

»Du hast es gelöscht.«

»Glaubeich.« Kate tat plötzlich aufgeschreckt. »Mensch, Charles, sag bloß nicht, du hast es nicht gesehen! Ach, das tut mir schrecklich leid. Da hast du echt was verpasst.«

Kate lehnte sich zurück und sah fasziniert zu, wie Charles versuchte, diese neue Information zu verdauen. Er wusste tatsächlich nicht, was er als Nächstes tun sollte. Schließlich machte er einfach mit dem weiter, was er ursprünglich im Sinn gehabt hatte. Er zeigte auf die Petrov-E-Mail: »Tja, ich fürchte, ich muss das als Kündigungsschreiben werten.«

Kates Faust schloss sich fester um den Memorystick. »Ich verstehe.«

Charles sah sie wachsam an. »Ich bin nicht gewillt, dir eine große Abfindung zu zahlen, aber ich denke mal …« Kate war klar, dass dies die Eröffnung eines längeren Geschachers werden sollte. Aber sie hatte nicht vor, sich bestechen zu lassen und die Datei zurückzugeben.

»Nein«, sagte sie scharf, »ich will nicht mehr haben als das, was du mir bis zum heutigen Tag schuldest.«

»Ach wirklich? Ich meine … ja, verstehe. Tja, das ist …«

»Und hier ist das, was du mir schuldest.« Sie zückte ihr eigenes Schriftstück. Eine handgeschriebene Liste, sorgfältig doppelt gefaltet. Sie beugte sich vor und legte sie ihm hin.

Charles faltete das Blatt auf. Er murmelte laut vor sich hin, während er verwirrt las: »›Frauenhaus Camden, 50.000; Index on Censorship, 50.000; CALM, 50.000; Save the Children, 50.000 …‹« Jetzt war ihm anzusehen, dass er wirklich Angst vor Kate bekam. »Was zum Teufel soll das?«

»Du wirst zwei Millionen Pfund für wohltätige Zwecke spenden. Jeweils 50.000 an die vierzig aufgelisteten Organisationen.«

Charles starrte sie mit offenem Mund an und blinzelte unkontrolliert. »Hast du komplett den Verstand verloren?«

»Ja, das könnte gut sein.«

»Und warum, zum Teufel, sollte ich das tun?«

»Oh, das kann ich dir sagen. Du wirst es tun, weil ich sonst ein paar von den Dingen ausplaudern werde, die wir hier angestellt haben. Und dann werden du und Mr. Petrov in den Knast wandern.«

Charles gab ein ersticktes Lachen von sich. Kate lächelte ihn zuckersüß an. Er stand von seinem Schreibtisch auf und begann auf und ab zu gehen. »Kein Mensch wird dir glauben.«

»Ich habe die Beweise gesehen.«

»Beweise sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.«

»Stimmt. Und das liegt an Leuten wie uns. Zeit, dass sich daran etwas ändert, Charles.«

»Das wagst du nicht.«

»Nicht? Finden wir’s raus.« Kate holte ihr Handy hervor und drückte auf einen Kontakt.

»Wen rufst du da an?«

Kate hielt das Handy ans Ohr. »DenGuardian.«

»Lass … lass das bleiben.«

»Ah, hallo. Die Nachrichtenredaktion, bitte. Bitte? Oh ja, gut, sie wäre ideal, aber mir ist jeder recht.«

»Stopp! Schon gut, schon gut, hör auf!«

Kate beendete den Anruf. Charles merkte, dass er vor Erregung an seinen Manschetten fummelte, und stopfte die Hände in die Hosentaschen. Dann zog er sie wieder heraus, nahm Kates Liste in die Hand und schüttelte ungläubig den Kopf. Er warf sie beiseite, drehte sich zum Fenster und dann wieder zu Kate. Sie steckte sich einen Kaugummi in den Mund und genoss die Show.

»Das ist ungeheuerlich. Wieso ich?«, quengelte er. »Wenn du diese Organisationen so liebst, warum schenkst du ihnen nicht beschissene zwei Millionen?«

»Ich habe keine zwei Millionen. Aber ich habe Shelter mein Haus vermacht. Ist alles testamentarisch festgelegt.«

Charles starrte sie an. Allmählich wurde ihm bewusst, wie gravierend ihre Drohung war. Wenn jemand noch gefährlicher war als Kate Marsden, dann eine Kate Marsden, die nichts mehr zu verlieren hatte.

»Okay, du kannst deinen Job behalten.«

»Ich will ihn gar nicht«, erklärte Kate kaugummikauend. »Es ist ein Scheißjob.«

»Schön, was willst du dann?!«

»Hab ich dir doch schon gesagt. Lass es über das Geheimkonto laufen … ich überwache die Zahlungen. Du hast vierundzwanzig Stunden Zeit dazu.«

Charles wischte sich abrupt über den Scheitel. »Na hör mal. Jetzt komm. Echt jetzt. Also hör mal.«

Kate kaute ihn bloß an.

»Erinnerst du dich nicht an den schönen Spruch ›Jeder verdient eine zweite Chance‹? Darum geht es doch bei ORM, oder? Wir alle machen Fehler, die dann im Internet landen. Die Menschen brauchen Hilfe, um das so weit wie möglich herunterzuspielen. Hmm? Und genau das macht eine seriöse Firma für Online-Reputationsmanagement, mehr nicht.«

»Cool. Nur haben wir seit Jahren nicht mehr seriös gearbeitet, stimmt’s, Charles? Schon paradox, wenn man so drüber nachdenkt.«

»Jetzt hör aber mal auf. Du warst doch von Anfang an mit dabei, Kate. Erinnerst du dich an die Krankenschwester, der wir geholfen haben? Der standeswidriges Verhalten vorgeworfen wurde? Sie war eine Frau! Und schwarz! Okay? Wie in alten Tagen? Jeder verdient eine zweite Chance, Kate.« Er schloss die Augen, um seinen Worten gebührenden Nachdruck zu verleihen. »Jeder.«

Kate sah ihren alten Kollegen beinahe zärtlich an. »Manche Leute schon«, sagte sie ruhig. »Aber du und ich gehören nicht dazu.«

Irgendwo in Charles’ Hirn ging endlich ein Lämpchen an. Er reagierte auf die Erleuchtung mit einem Wutkoller. »Du kannst gar nichts beweisen. Dein Zugang zum System ist aufgehoben. Mit sofortiger Wirkung.«

»Charles, du weißt doch gar nicht, wie man das anstellt.«

»Mit sofortiger Wirkung!«

Er griff nach dem Schreibtischtelefon und drückte einen Knopf. »Colin, ich widerrufe Kates Zugangsberechtigung mit sofortiger Wirkung. Ich will, dass du … Nein, nicht Kate aus der Buchhaltung, Kate Marsden. Ich will, dass du sie aus dem System aussperrst und ihr jeglicher Zugriff verweigert wird. Und ich meine jeglicher … Hörst du überhaupt zu, Colin? Ja, Kate Marsden! … Komm mir nicht mit dieser IT-Scheiße, Colin, rede ich vielleicht Chinesisch? Sorg einfach dafür, dass ihr Computer nicht mehr geht. Schmeiß das Scheißding meinetwegen aus dem Fenster.« Charles knallte den Hörer auf. Er setzte sich, beugte sich über den Tisch und fauchte: »Denk bloß nicht, du könntest mich erpressen.«

»Charles, vor nicht mal einem Monat hast du mich gebeten, den MI6 zu hacken. Es ist nicht fair, Colin zu sagen, er soll mich aus dem System aussperren. Colin hat Talent, aber wir wissen beide, dass er mich nicht mal aus einem Ford Focus aussperren könnte.«

»Du hast ja keine Ahnung, worauf du dich da einlässt. Man versucht nicht, einen Mann wie Nestor Petrov zu ficken.«

»Ein guter Rat für alle Teenager.«

»Was auch immer auf dem Video zu sehen ist, er wird nicht zulassen, dass es veröffentlicht wird. Er wird dir was antun.«

»Du hast nicht zugehört. Ich bin bereits tot.«

Kate nahm den Kaugummi aus dem Mund und presste ihn auf das »H« von Charles Hunts silbernem Namensschild, von dem er behauptete, es sei ein Geschenk des Malers Lucian Freud. Sie versuchte, aus dem Kaugummi ein »C« zu formen. Cunt statt Hunt. Charles, die Fotze. Sie hatte keine große künstlerische Begabung, aber sie gab ihr Bestes. Während sie knetete, sprach sie ruhig und bedächtig.

»Du warst ein ganz lieber Junge, als wir uns kennenlernten. Auf der York dachten wir alle, man könne dich noch zurechtbiegen. Wir haben dich praktisch zu unserem Projekt gemacht, weißt du nicht mehr?«

Noch nie hatte sie Charles so wütend gesehen. Sie legte den Finger auf jede einzelne Wunde, und das Ergebnis war spektakulär. Er stieß das Kinn vor und bleckte die unteren Schneidezähne.

»Du selbstgefällige, miese Hexe. Ich weiß nichts von einem ›Projekt‹. Ich weiß aber noch, wie du und Luke, Amy und Kes und Toby euch über mich lustig gemacht habt, wenn ich eine neue Runde holen war. Ich erinnere mich an eine Bande linker Schmarotzer.«

»Ja, genau das sind wir gewesen. Andererseits haben all deine vornehmeren Freunde dich damit aufgezogen, dass du nicht mit dem Dritten Duke von Arschfordshire verwandt bist. Zumindest haben wir dich zum Lachen gebracht, Chuck. Deswegen hast du mit uns abgehangen. Und weil du geglaubt hast, wir könnten dir später von Nutzen sein. In meinem Fall lagst du damit total richtig. Aber jetzt liegst du total falsch.«

Charles suchte nach den verletzendsten Worten, die er vorbringen konnte. »Luke war der Schlimmste. Luke war ein Dreckskerl.«

Kate atmete ihre Wut weg und legte letzte Hand an »Charles Cunt«. Sie stellte das Namensschild wieder auf den Schreibtisch, diesmal so herum, dass er es lesen konnte. Charles guckte hin und schnaubte höhnisch.

Seine Bemerkung über Luke wurde in ihrem Kopf zum Bumerang, und sie hatte Glück, dass ihre Gedanken durch ein Türklopfen unterbrochen wurden. In erster Linie war es ein Glück für Charles, denn Kate war spezifisch darauf trainiert, ihm die Nase zu brechen, und sah sich bereits über den Tisch springen.

Es war Colin, der jetzt den Kopf zur Tür hereinsteckte. »Tut mir leid, wenn ich störe. Hab ein Problem.«

»Komm rein«, schnauzte Charles. »Was gibt’s?«

Colin Laidlaw, Kates IT-Stellvertreter, war Anfang dreißig, großgewachsen, hatte einen langen Bart und einen Männerbusen. Er trug ein verwaschenes schwarzes T-Shirt mit der AufschriftAuch JavaScript hat Gefühle.

Colin schloss die Tür hinter sich, Kates Computer unter seinem massiven Bizeps: die Power hinter ihrem PowerPC.

»Hi, Colin.«

»Hey, Kate! Wie läuft’s bei dir?«

»Gar nicht schlecht, Col. Was macht die niedliche Carly?«

»Oh, die wird am Freitag sieben. Sie redet immer noch vom letzten ›Mit Papa zur Arbeit‹-Tag. Du warst echt süß zu ihr, Kate. Sie fragt immer: ›Wann kommt denn Kate mal zum Spielen?‹«

»Tja … da kann ich nichts versprechen, aber grüß sie lieb von mir und sag ihr, sie soll immer schön Zehn-Finger-Blind auf der Tastatur üben.«

Charles zappelte auf seinem Stuhl herum, als wäre ihm ein Zwergskorpion in den Hintern gekrochen.

»Was gibt es denn, Colin?«

»Ah ja! Das Problem ist, ich krieg die Fenster nicht geöffnet, Skipper. Wie Sie wahrscheinlich wissen, können die nicht manuell bedient werden. Ein paar davon sind woanders im Gebäude … Also Reg von Aztec im zweiten Stock meint …« Colin registrierte die schmallippige Ungeduld seines Bosses. »Ich will sagen, als ihr ins Büro eingezogen seid, hat Kate zum Öffnen und Schließen der Fenster eine Regelschaltung eingerichtet, wahrscheinlich, damit es kein Chaos mit der Klimaanlage gibt und alles schön harmonisch und ökologisch einwandfrei läuft, sozusagen …«

»Ich bedauere das, ehrlich gesagt«, warf Kate ein. »Jeder sollte sein Bürofenster aufmachen können, wann immer er will. Nur für den Fall, dass er sich rausstürzen möchte.«

»Genau«, pflichtete ihr Colin bei. Er wandte sich wieder Charles zu. »Das Problem ist, Kate hat den Override-Modus mit einer PIN geschützt, daher kann ich ihren Computer nicht wie vorgeschlagen aus dem Fenster werfen.«

»Ja, Herrgottnoch …«, fing Charles an.

»1832, Colin«, unterbrach ihn Kate.

Colin sah sie stirnrunzelnd an: »Great Reform Act?«

»Choleraepidemie.«

»Nice.«

Charles schoss vom Stuhl hoch. Die blasseren Partien seines Gesichts waren jetzt genauso rosa angelaufen wie seine Wangen. »Colin, Sie Idiot! Das habe ich doch nicht wörtlich gemeint! Ich will bloß, dass er unbenutzbar gemacht wird! Hauen Sie meinetwegen mit einem Schraubenschlüssel drauf!«

Colin runzelte die Stirn und blickte auf das Gerät unter seinem Arm. »Okay, gut. Aber das Problem ist, dass wir es hier mit einem Fusion Drive zu tun haben. Ein Schraubenschlüssel, selbst ein schwerer, wird da nicht viel …«

»Stellen Sie ihn einfach hin …«

»… selbst ein kräftiger Engländer …«

»Stellen Sie das Scheißding auf den Boden, und dann raus!«

»Wie Sie wollen, Skipper.« Colin stellte den Computer ehrerbietig auf Charles’ Teppich und wandte sich zum Gehen. Über die Schulter sagte er: »Der IT-Stammtisch heute Abend, Kate … Hast wohl keine Lust, was? Ist schon ewig her.«

»Nein, tut mir leid, Colin.«

»Alles klar.« Er wandte sich zum Gehen.

Charles starrte kläglich auf Kates Computer, während sie aufstand und sich Richtung Tür bewegte.

»Okay«, sagte sie, »dann lass ich dich mal allein damit. Ein Schraubenzieher bringt vielleicht mehr als ein Schraubenschlüssel. Aber aufpassen wegen des Reststroms. Nicht, dass du einen fiesen Schock kriegst.«

Er warf ihr einen hasserfüllten Blick zu.

»Du hast längst alles, was du brauchst, oder?«

Sie ignorierte seine Bemerkung und sagte: »Überweise einfach das Geld, Charles. Tu einmal etwas Gutes. Vielleicht kommst du auf den Geschmack.«

»Du hast vertrauliches Material gestohlen.«

»Zeig mich doch an.«

»Wir wissen beide, dass nicht die Polizei bei dir anklopfen wird, um zu suchen, was du entwendet hast.«

Kate ging in aller Ruhe hinaus und ließ die Tür weit offen stehen. Ihr Herz raste vor Angst, während sie auf den Aufzug wartete, doch niemand kam hinter ihr her. So tief Charles auch gesunken sein mochte, einen privaten Schlägertrupp hatte er noch nicht im Gebäude installiert. Aber sie hatte seine Furcht vor Petrov definitiv unterschätzt und begann sich zu fragen, ob all das vielleicht eine schlechte Idee gewesen war.

Ich schätze, so was machen Leute, wenn sie langsam verrückt werden, dachte sie, als sie in den Aufzug stieg. Sie nehmen sich vor, sehr lange zu schlafen, und dann, wenn sie gerade im Begriff sind wegzudämmern … zetteln sie einen Krieg an.

Kapitel 3

Kate legte den Rest Teerseife zurück in die Schale und trocknete sich die Hände am Pullover ab. Als sie in die Küche trat, guckte sie mit zusammengekniffenen Augen auf die Uhr am Ofen: 10.23 Uhr. Viel früher als sonst – kein Wunder, dass sie sich beschissen fühlte. Sonnenlicht fiel durch das Terrassenfenster und zeigte die Küche in ihrer ganzen verwahrlosten Pracht.

Leck mich, Charles. Komm doch und hol mich.

Sie geriet auf den achtlos fallen gelassenen Wäschestücken und Verpackungen diverser Fertiggerichte ins Schlittern und musste beinahe würgen, als sie eine kalte, gammelige Linguine zwischen ihren nackten Zehen spürte. Sie bückte sich und wischte den Fuß mit einem vor Dreck steifen Trockentuch ab. Ihr Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen. Der Kater wurde allmählich selbstbewusster und holte sich Verstärkung in Form von Übelkeit und Sodbrennen, um ihren Kopfschmerz zu potenzieren. Sie öffnete einen Hängeschrank in Augenhöhe und griff nach der vielgepriesenen silbernen Schachtel mit dem Schmerzmittel. Als ihre Finger sie berührten, fiel ihr das Papiertütchen der hiesigen Apotheke mit den Antidepressiva ins Auge, die der Hausarzt ihr nach der einzigen erfolgreichen Intervention ihrer Freunde verschrieben hatte. Sie hatte nur mitgespielt, damit sie endlich Ruhe gaben. Dem unverkennbar überarbeiteten Arzt hatte sie so neutral wie möglich ein Minimum an Auskunft gegeben. Während dieser zehn Minuten hatte er ein paar Fragen gestellt, sie gelegentlich unterbrochen und »Hmm« gemacht. Schließlich war seine Miene von routinierter Anteilnahme in kaum verhohlene Beunruhigung umgeschlagen. Die Tabletten, die er ihr verschrieben hatte, waren ihrer Art und Dosierung nach das, was Kates Freundin Amy – altgediente Fachkraft für Ängste und Depressionen – in ihrem breiten Sheffield-Zungenschlag als »brutale Hämmer« bezeichnet hatte.

»Der Typ hat keine Ahnung, Kate«, hatte Amy gesagt. »Schmeiß die Drecksdinger weg und geh zu einem anderen Arzt. Was hindert dich daran?«

Kate hatte zustimmend genickt und keines von beidem getan. Die zweite Meinung blieb ungehört, die Tablettenpackung ungeöffnet. Aber heute würde sie mehr tun, als sie nur zu öffnen. Ihr Blick verweilte auf der Papiertüte.

Noch nicht. Zumindest nicht heute Morgen.

Sie nahm die Packung mit dem Schmerzmittel heraus und schloss den Schrank wieder.

Ein wenig später hatte sie genug Platz freigeräumt, um ihren Kaffeebecher in die Müllhalde zu integrieren, die früher mal ein Küchentisch gewesen war. Sie schnippte einen abgelegten BH vom Stuhl und ließ sich darauf plumpsen. Die Frühlingssonne glitzerte auf ihren Hausschlüsseln, die sie halb im Topf eines toten Geldbäumchens versenkt hatte.

Der Memorystick.

Sie griff nach dem kleinen Blumentopf. Warum hatte sie ihre Schlüssel da hineingesteckt? Musste wohl ihrer stockbesoffenen Vorstellung von einer Sicherheitsmaßnahme entsprochen haben, für den Fall, dass Petrov eine Bande Ganoven schickte, um in das Haus einzubrechen. Sie betrachtete die Müllwüste um sich herum. Vielleicht waren sie ja schon da gewesen. Schwer zu sagen. Sie zog den Schlüsselbund heraus und begutachtete den Memorystick, der an dem Tiffany-Anhänger baumelte, den Luke ihr vor Jahren geschenkt hatte. Der Stick war nur ein billiges kleines Ding mit 16 GB, das sie irgendwo im Büro eingesteckt hatte. Sie zog ihn einen Zentimeter weit aus seiner Union-Jack-Plastikhülle und blickte sich instinktiv dabei um. Aber da war nur das Fenster, das auf den winzigen Stadtgarten hinausging. Es reizte sie, noch einmal das gestohlene Video anzusehen.

Nein, nicht jetzt. Versteck ihn. Ich verstecke mich.

Sie warf den Schlüsselbund in eine zur Hälfte mit fossilem Reis gefüllte Schüssel und kippte sie um, als hätte sie darunter eine Wespe gefangen. Dann tippte sie auf die Leertaste ihres geöffneten Laptops.