Liebe vergessen - Sabine Krischer - E-Book

Liebe vergessen E-Book

Sabine Krischer

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Beschreibung

Gerlinde ist von der mehrjährigen Pflege ihres demenzkranken Ehemanns erschöpft. Kurz nachdem dieser einen Platz in der Tagespflege bekommt, lernt sie den attraktiven Johannes kennen, der seine demente Ehefrau pflegt. Die neue Freundschaft und Liebe lässt Gerlinde aufblühen. Doch darf diese Liebe sein? Oder ist es Verrat an ihrem Ehemann? Eine Erzählung über das Entdecken der eigenen Bedürfnisse.

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Heinrich, der Meisterkoch

Was kann schon eine Tagespflege?

Die neue Freiheit

Der Erdbeerkuchen

Mit Schwung und Hoppla

Ein ehrliches Kompliment

Die Sonne geht auf

Rosenzucht und fremder Mann

Seefahrt mit Folgen

Nicht erwischt

Eine Familie denkt nach

Liebe, Pflicht und ein Recht auf Freiheit

Freunde und Fremde

Schmetterlinge im Bauch und auf der Wiese

Schwache Beine, starker Rücken

Der letzte Schritt mit eigenen Füßen

Du bist schön

Einsamkeit und Schuld

Abschied in Liebe

Familie mit Größe

1. HEINRICH, DER MEISTERKOCH

Seit seine Mutter im Krankenhaus war, musste Heinrich alleine für den Haushalt sorgen. Für das Mittagessen musste er kochen, wenn überhaupt was Warmes auf dem Tisch stehen sollte. Heinrich schaute sich in der Küche um und fand einen durchsichtigen Topf mit Henkel. Er stellte den Topf auf den Herd und schaltete an. Er brauchte noch einen Kochlöffel. Der lag sicher in der Schublade. Als er die Schublade öffnete, fiel ihm die Schere ins Auge. Die Büsche mussten geschnitten werden. Als Gärtner wusste er, wie wichtig der Frühjahrsschnitt war. Sogleich nahm Heinrich die Schere und ging hinaus in den Garten.

Gerlinde genoss die ersten Sonnenstrahlen im Frühling. Mit ihren sechsundsiebzig Jahren war sie noch sehr rüstig, ganz anders als ihr zweiundachzigjähriger Ehemann Heinrich, der sich mühsam bewegte, schlecht sah und hauptsächlich von den Ideen seiner Demenz gesteuert wurde.

Was würde sie darum geben, einmal seine Gedanken lesen zu können. Schon seit einiger Zeit verstand sie ihn nicht mehr.

Nach dem Essen klagte er über Hunger, nachts räumte er dringend die Wohnung um und erklärte ihr inständig wie wichtig das sei. Gerlinde fühlte sich in solchen Situationen hilflos. Manchmal versuchte sie es mit Vernunft. Dann ärgerte sie sich im Nachhinein darüber, weil sie ja wusste, dass man mit Vernunft nichts gegen Demenz ausrichten kann. Meistens war es ihr egal und sie richtete sich darauf ein, dass sie in den nächsten Tagen wieder umräumen und suchen musste.

Der Sinn des Lebens oder die Frage, was im Leben sinnvoll ist oder was sie interessiert, war ihr inzwischen egal. Sie war dauerhaft müde und erschöpft von dem ständigen Kampf gegen die Demenz von Heinrich.

Es war erstaunlich, dass Gerlinde trotzdem in Momenten wie diesen an kleinen Dingen Freude fand. Jetzt waren es die Frühlingssonnenstrahlen.

Während sie die Kartoffeln für das Mittagessen schälte, steuerte Heinrich mit der Haushaltsschere auf die Büsche zu. Gleich würde er wieder den Garten verunstalten. Aber es machte ihr schon lange nichts mehr aus. Früher war der Garten eine Pracht. Nachbarn und Besucher bewunderten das grüne Kleinod. Mehr als zwanzig verschiedene Rosensorten, die Heinrich gezüchtet hatte, blühten hier. Aber jetzt konnte jeder Blinde sehen, dass der Gärtner Demenz hatte und nicht mehr wusste, wo er schon die Büsche zurückgeschnitten hatte.

Doch was war das? Ein seltsamer Geruch strömte an Gerlindes Nase. Sie drehte den Kopf und sah aus der Küche eine Rauchschwade hinausziehen.

"Was ist das? Was riecht so komisch?"

Entsetzt sprang Gerlinde auf und rannte in die Küche. Wie fremdgesteuert schaltete sie den Herd ab und versuchte den teilgeschmolzenen Messbecher zu entfernen. Sie schloss die Tür zum Flur und zum Esszimmer. Die Terrassentür war zum Glück offen.

Langsam beruhigte sich Gerlinde und als der Herd endlich ausgekühlt war, sah sie sich die Misere an. Was für eine Sauerei. Das geschmolzene Plastik hatte sich in die Herdplatte eingebrannt. Für heute war das Kochen erledigt. Den Herd konnte sie nicht mehr benutzen.

Die Verunstaltung des Gartens war eine Sache, damit konnte Gerlinde leben. Aber das war zuviel. Seit drei Jahren brachte er Unordnung ins Haus. Und heute zerstörte er das erste Mal ein teures Haushaltsgerät. Von der Rauchvergiftung ganz zu schweigen. Was wäre, wenn es jetzt nicht so warm wäre und sie sich nicht draußen aufgehalten hätten? Nicht auszumalen, wie das hätte enden können.

"Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr."

Gerlinde schluchzte so laut, dass alle Nachbarn es gehört hätten. Aber die waren ja alle berufstätig und vormittags nicht zu Hause. Keiner war da, dem Gerlinde ihr Leid klagen konnte.

Gerlinde rannte raus, griff zum Telefon, das neben der Kartoffelschüssel auf dem Terrassentisch stand und rief unter Tränen ihre Tochter an. Mit zittrigen Knien suchte sie den Stuhl und hatte Mühe, sich hinzusetzen ohne den Stuhl umzuwerfen.

Endlich hob Kathrin ab. In Gerlindes Stimme schwang Aufregung. Sie sprach hastig.

"Hallo Kathrin. Kannst du vorbeikommen? Er hat gerade die Küche in Brand gesetzt."

"Wer?"

"Na wer schon, dein Vater. Es stinkt. Es klebt."

"Halt, Mama. Du sprichst so schnell. Was ist passiert? Papa hat die Küche in Brand gesetzt? Musstest du die Feuerwehr rufen?"

"Was? Nein, die Feuerwehr musste ich nicht rufen."

"Na, dann war doch alles halb so schlimm."

"Was heißt hier halb so schlimm? Komm und schau dir das an. Wahrscheinlich muss ich den Herd wegschmeißen. Ach, es ist so schlimm. Und was macht dein Vater? Er schneidet seelenruhig die Hecken und hat keine Ahnung von dem, was er angerichtet hat."

"Warte, Mama, bevor du weitersprichst. Ich muss noch bis fünf arbeiten. Ich komme dann heute abend vorbei und wir schauen, was wir tun können. In Ordnung."

"Ja. Danke. Bis später."

Gerlinde legte auf und hielt noch lange das Telefon in der Hand, während sie auf Heinrich starrte, der unbeirrt mit seiner Haushaltsschere die Büsche misshandelte.

Endlich klingelte es. Nur beiläufig hatte Gerlinde heute nachmittag gegessen und Heinrich versorgt. Eigentlich hatte sie die ganze Zeit gewartet. Als Gerlinde die Tür öffnete, fiel sie Kathrin um den Hals und hielt sie lange fest.

"Hallo Mama."

"Grüß dich, Kathrin. Ich bin so froh, dass du da bist. Dein Vater... . Ich weiß nicht mehr weiter."

Es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

"Komm, lass uns doch erst mal hinsetzen."

Kathrin schob ihre Mutter in die Küche und drückte sie sanft auf einen Stuhl. Sie schaute ihr ins Gesicht. Es sah aus, als ob sich die Zahl der Falten verdoppelt hätte. War der Tag so schlimm? Waren mit dem Plastikbecher auch die Kräfte der Mutter geschmolzen? Brauchte sie außer einem neuen Herd noch eine neue Energiequelle für sich?

Zur gleichen Zeit war der Krafträuber aus dem Wohnzimmer zu hören, wie er Gegenstände umräumte. Kathrin stellte sich vor, wie ihre Mutter am nächsten Tag wieder auf die Suche gehen würde und alles, was ihr Vater umgeräumt hätte, zurückräumte.

Aber dann lenkte Gerlinde doch wieder Kathrins Aufmerksamkeit auf den Unglücksort.

"Da, schau. Mit diesem Messbecher hat er gekocht. Kann ich alles wegschmeißen."

Kathrin griff nach Gerlindes Hand. "Mama, das können wir doch ersetzen. Das ist nicht so schlimm."

"Das vielleicht schon. Aber der Herd ist teuer."

"Mama, das kannst du dir leisten. Dafür hast du genug Geld."

"Ja, aber er macht sowas ja immer wieder. Schau dir doch mal unseren Garten an. Ach, was sag ich. Ein Blick in den von ihm geführten Haushalt genügt schon. Alles räumt er um. Ich kann nichts mehr finden in diesem Haus. Nicht eine Sekunde Ruhe. Schau."

Gemeinsam schauten die Frauen durch die offene Tür ins Wohnzimmer, wo Heinrich Sofakissen ins Bücherregal stellte.

"Du solltest dir Hilfe holen." Kathrin schaute ihre Mutter eindringlich an.

"Ich habe heute nachmittag beim Seniorenzentrum angerufen und zwei interessante Angebote erfahren. Erstens gibt es eine Tagespflege für Demenzkranke. Da kann Papa von Montag bis Freitag hingehen. Einen Teil übernimmt die Pflegekasse. So ist es für euch nicht zu teuer. Da hast du dann mehr Zeit für dich. Und dann bieten sie auch eine Selbsthilfegruppe für Angehörige an. Das wär doch was für dich. Da findest du Gleichgesinnte."

"Damit ich mir anhören muss, dass die anderen noch viel schlimmere Heinrichs haben als ich. Nein, danke."

"Du kannst es dir ja nochmal überlegen. Die Adresse lass ich dir auf jeden Fall da. Aber sag, was hältst du von der Tagespflege? Du wirst sehen, er hat mehrere Stunden am Tag Zeit, dort die Sachen umzuräumen ..."

"... und nicht bei mir. Ja, das machen wir. Wieviel? Fünf Tage die Woche? Ja, das will ich. Du hast mich überredet. Wenn ich dich nicht hätte. Und das Geld reicht?"

Gerlinde griff nach Kathrins Hand und hielt sie mit ihrem müden Blick lange fest.

"Ja, das schaffen wir."

2. WAS KANN SCHON EINE TAGESPFLEGE?

Gerlinde hatte schon immer ein Unbehagen, wenn sie das Wort "Seniorenzentrum" hörte. Es klang in ihren Ohren immer wie Tattergreis, senil, häßliche Falten, tausend Wehwehchen. Sie fühlte sich mit ihren sechsundsiebzig Jahren eigentlich noch ganz jung. Sie überholte beim Wandern die fünfzigjährigen, besuchte gerne Museen und Vernissagen, wo Menschen, die mitten im Leben standen, auch hingingen. Sie fuhr gerne mit ihren Enkelkindern in den Freizeitpark oder in den Zoo. Dort konnte sie das pulsierende Leben spüren, ganz anders als in diesem Seniorenzentrum, wo schon in der Eingangshalle lauter Sitzmöglichkeiten waren für Greise mit Rollator oder Krückstock.

Aber die Wahrheit war, Gerlinde war vor sechs Jahren das letzte Mal auf einer Vernissage, vor vier Jahren auf einer Bergwanderung und vor acht Jahren das letzte Mal mit den Enkelkindern im Zoo. Seit drei Jahren hatte sie gar keine Gelegenheit mehr einen Ort des pulsierenden Lebens zu besuchen.

Vielleicht spiegelte das Seniorenzentrum doch ihre gegenwärtige Situation wider mit Heinrich, der sich gerade in ihrem Arm hängenließ und sie mit seinen langsamen Schrittchen am Vorwärtskommen hinderte.

Mit dem anderen Arm hängte sich Heinrich bei Kathrin ein. Aber an ihr zog er anscheinend weniger stark. Sonst hätte sie doch nicht ständig daran gedacht, sich nach Frau Hofer, der Leiterin des Seniorenzentrums, umzuschauen.

Da kam sie auch schon aus einem Zimmer heraus und steuerte direkt auf die drei zu. Frau Hofer begrüßte sie sehr freundlich.

"Herzlich Willkommen. Sie sind also der Herr Bergmann."

Frau Hofer gab Heinrich die Hand. Er hielt sie fest. Frau Hofer tat, als ob es normal sei, dass der Gesprächspartner ihr die Hand fast abdrückte. Sie lächelte trotzdem weiterhin sehr freundlich.

"Ja. Woher kennen Sie meinen Namen?"

"Ihre Tochter hat mit mir telefoniert und hat mir gesagt, dass Sie heute kommen."

"Aha. Das freut mich. Mein Name ist Bergmann."

Heinrich schüttelte nochmals kräftig Frau Hofers Hand.

"Papa, Frau Hofer wollte uns etwas zeigen."

Kathrin spürte eine Eile in sich, die ihrem Vater fremd war.

"So, was denn?"

Frau Hofer war die Situation vertraut. Sie nahm die Aufforderung von Kathrin an, die Hausführung zu beginnen.

"Kommen Sie mit. Ich geh voran."

Gemeinsam gingen sie durch einen Flur. Frau Hofer öffnete eine elektrische Glastür durch einen Knopf an der Wand. Gerlinde fand das viel zu technisch. Kann man sich bei solchen Türen wohlfühlen?

Der Flur hinter der Glastür wirkte auch so technisch. Neben jeder Tür hing ein Schild mit Raumnummer und Funktion. Zum Glück sah es bei ihr zuhause nicht so aus Sie würde sich ausgesprochen dumm fühlen, wenn sie erst ein Schild bräuchte, um die Küche oder das Wohnzimmer zu finden. Für die ganz Dummen hingen an manchen Türen plastische Symbole wie eine Toilette, die man sehen, aber auch ertasten konnte. War Heinrich schon so weit? Naja, vielleicht erhöhte es ja bei den anderen die Wahrscheinlichkeit, das richtige Zimmer zu finden.

"So, hier sind wir in den Räumen der Tagespflege. Sicher fällt Ihnen hier im Flur schon auf, dass die Raumgestaltung den modernen Richtlinien für Sehbehinderte und alte Menschen entspricht. Ich bin sehr stolz, dass wir das in der ganzen Einrichtung gemacht haben." Frau Hofer wies eindrücklich auf die weißen Wände hin, von denen sich die Türrahmen farblich absetzten. Gerlinde fand das übertrieben.

"Wenn Sie wieder zurückwollen, müssen Sie auf die beiden Türöffner gleichzeitig drücken. Ich weiß, das ist umständlich. Aber so dauert es länger bis unsere Tagesgäste den Tagespflegebereich verlassen. Das ist aber noch nie vorgekommen. Bisher hatten unsere Tagesgäste immer soviel zu tun, dass sie es nicht mal probiert haben. Ich zeig Ihnen die wichtigsten Räume."

Noch bevor Gerlinde über diesen Doppeltüröffner nachdenken konnte, öffnete Frau Hofer eine Tür. Sie traten ein.

Im Flur war es ihr zu technisch. Hier war die Raumgestaltung anders komisch. Es war schön hell durch die großen Fenster. Aber die zwölf Stühle im Kreis in der einen Hälfte des Raumes hatten den Flair eines Übungsraumes. Diesen Eindruck verstärkten die paar älteren Leute, die dort saßen und gespannt zu den Gruppenleiterinnen Frau Sonnleitner und Frau Bauer blickten, die die umhergehenden Menschen aufforderten, sich zu setzen. In der anderen Hälfte des Raumes stand eine Tischgruppe.

"So, dies ist der Gruppenraum." erklärte Frau Hofer. "Hier beginnen wir gemeinsam den Tag. Im Sitzkreis singen wir oder machen Sitzgymnastik. Da drüben essen wir zu Mittag, trinken Kaffee und manchmal finden dort Bastelangebote oder ähnliches statt. Einige der Damen sind ganz begeistert von den Handarbeiten."

Bisher hatte Gerlinde leise gedacht, aber jetzt konnte sie es sich nicht mehr verkneifen, Kathrin ihren spontanen Gedanken zuzuflüstern. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Heinrich da still sitzen wird und seine Stricknadeln festhält."

Aber Gerlinde flüsterte zu laut. Frau Hofer hörte sie und fühlte sich bemüßigt, etwas dazu zu sagen. "Das macht nichts. Er kann jederzeit aufstehen und umhergehen. Schauen Sie, Frau Seuermann sitzt auch fast nie. Ich sehe sie immer in Bewegung. Dann haben wir halt zwei ständige Spaziergänger."

"Na gut." Gerlinde gab sich geschlagen. Frau Hofer setzte ihre Hausführung fort. "Schauen Sie sich jetzt unser Prachtstück an, den Garten."

Frau Hofer ging voran und öffnete die Terrassentür. Gemeinsam traten sie ins Freie. Frau Hofer zeigte, dass sie nicht nur von "ihrem" Haus, sondern auch von "ihrem" Garten begeistert war.

"Na, wie finden Sie ihn? Der Garten wurde unter der Anleitung von Frau Sonnleitner angelegt. Sie hat eine Zusatzausbildung als Gartentherapeutin. Ist er nicht schön?"

Gerlinde wurde zunehmend skeptisch bei dem Gedanken, dass Heinrich die Tagespflege besuchen sollte und sagte über den Garten: "Jetzt ist er noch schön. Aber was glauben Sie, wie der in einem Jahr aussieht, wenn mein Mann hier wütet."

Kathrin war das Verhalten ihrer Mutter vor Frau Hofer peinlich.

"Entschuldigen Sie bitte meine Mutter. Mein Vater war Gärtner. Er hat sogar als Rosenzüchter Preise gewonnen. Und jetzt, also seit er dement ist und schlecht sieht, schneidet er die Büsche nach eigenen Regeln zurück."

Gerlinde fand es nicht in Ordnung, dass Kathrin sich für sie schämte. Dafür hatte sie allen Grund, sich für Heinrich zu schämen, dachte sie zumindest.

"Du hast ja eine Gabe, die Taten deines Vaters zu beschönigen."

Sie wendete sich an Frau Hofer. "Die Wahrheit ist, er schneidet alles kurz und klein und man kann eine Rose nicht mehr von einer Geranie unterscheiden. Sie sollten sich gut überlegen, ob Sie meinen Mann unbeaufsichtigt in Ihren Garten lassen."

Auch wenn Gerlinde und Kathrin das Verhalten von Heinrich besonders peinlich fanden, so war doch Frau Hofer den Umgang mit Demenzkranken gewohnt. Sie wusste, wenn man nicht lebenslang vor Scham im Erdboden verschwinden wollte, dann ist bei Menschen mit Demenz gar nichts peinlich. Alles ist normal. Und Äußerungen wie die von Gerlinde oder Kathrin hatte sie schon oft gehört. Und genauso oft hatte sie dieselbe Antwort gegeben. "Das lassen Sie mal unsere Sorge sein. Bisher hat noch jeder seinen Platz bei uns gefunden."

Dann setzte sie die Hausführung unbeirrt fort. "So, ich zeig Ihnen dann noch die Toiletten und die Küche und dann schlage ich vor, dass Herr Bergmann in den Gruppenraum geht und wir regeln das Schriftliche im Büro."

Heinrich schaute auf, als er seinen Namen hörte. "Sie wollten noch was sagen, Herr Bergmann?" fragte Frau Hofer.

"Ist das Ihr Garten? Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein bisschen bei der Gartenarbeit helfen. Ich bin nämlich Gärtner. Ich kenne mich da aus. Ich helfe gerne."

Gerlinde drehte sich peinlich berührt weg. Heinrich blühte auf. Jetzt war er in seinem Element. Frau Hofer nahm sein Angebot ernst. "Danke. Ich komme auf Ihr Angebot zurück. Ich zeige Ihnen später, was zu tun ist. Aber im Moment muss ich mit Ihrer Frau im Haus etwas besprechen."

"Im Haus kann ich Ihnen auch helfen. Wissen Sie, als meine Mutter im Krankenhaus war, da musste ich den Haushalt führen, während mein Vater in der Arbeit war. Ich habe zwei jüngere Geschwister und ich habe den Haushalt ganz alleine gemacht. Ich weiß wie das geht."

"Danke."

"Ich weiß, was eine Hausfrau so alles leisten muss. Das ist viel Arbeit. Mein Vater hat zu mir gesagt: "Das machst du ja fast besser als die Mutti." Und als die Mutti wieder aus dem Krankenhaus zurückkam, hat sie mich auch gelobt. Wissen Sie, ich hab ..."

Kathrin hielt es nicht mehr aus und schaltete sich ein. Sie kannte die Geschichte aus unzähligen Wiederholungen.

"Papa, wir wissen was für eine Hilfe du bist. Du darfst dich jetzt im Haus ein wenig umsehen. Die Frau Hofer muss mit uns etwas besprechen. Schau, Frau Sonnleitner wartet schon."

Kathrin drängte Heinrich zur Terrassentür. Frau Hofer und Gerlinde machten sich ebenfalls auf den Weg.

Frau Sonnleitner war genauso verständnisvoll wie Frau Hofer. Kathrin war froh, dass ihr Vater so bereitwillig seine Gesprächspartnerin wechselte und sie endlich wieder in die Welt der Vernünftigen eintauchen konnte.

Auf dem Weg zum Büro ging Frau Hofer voran. Gerlinde und Kathrin folgten mit etwa zwei Metern Abstand. So leise sie konnte, flüsterte Gerlinde zu Kathrin: "Das wird nicht gut gehen. Heinrich hat ihr jetzt schon vorgeschlagen, den Garten und den Haushalt zu führen. Wir wissen ja, was das heißt. Er wird alles auf den Kopf stellen und ihnen so auf die Nerven gehen, dass sie ihn wieder rausschmeißen. Und dann hab ich ihn wieder zu Hause. Er ist so furchtbar."

Gerlinde hatte noch nicht ein einziges Mal gelächelt seit sie im Seniorenzentrum waren. Die Last der Pflege, die Scham für Heinrichs Fehlverhalten, die Angst, die Mitarbeiter der Tagespflege könnten mit Heinrich überfordert sein, das schlechte Gewissen, ihren geliebten Ehemann abzuschieben, all das brannte sich so stark in ihre Gedanken, dass sie nichts anderes als Pessimismus verbreiten konnte.

Kathrin war durch ihre Arbeit und durch ihre Familie geschützt. Sie sah ihren Vater nur stundenweise. So konnte sie sich die Hoffnung auf eine gelingende Tagespflege bewahren. "Mama, du siehst das viel zu negativ. Du hast doch gesehen, wie liebevoll sie mit Papa umgegangen sind."