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Viktor würde gerne ein selbstbestimmtes Leben führen und in Ruhe mit seinen 250kg Körpergewicht auf seinem Geld sitzen bleiben. Doch dann muss er wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis, wo er aufgrund seines Aussehens Schwerverbrecher genannt wird. Als ob das nicht schlimm genug wäre, wird seine Haft auch noch verschärft durch seine Tochter Hildegard und Dr. Metzger, die gemeinsam eine fiese Diät ausgeheckt haben, aus der es kein Entrinnen gibt. - Wer den Romanhelden mit einem Schmunzeln begleitet, wird viel Freude bei seiner ungewollt komischen Wandlung erleben.
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Verhaftung mit Hindernissen
Eingangsuntersuchung
Gründe für Haftfähigkeit
Mauseloch und Haftverschärfung
Frauen im Männerknast
Freigang mit Waage
Neue Verehrer für Hildegard
Alles ist sinnlos
Schlechte Musik
Endlich wieder Torte
Eine fette Strafe
Die Zeit der Metamorphose
Messbare Veränderung
Draußen vor der Tür
Reingerollt und rausgeflogen
Daheim ist es ganz anders
Junge Liebe und jüngeres Glück
Der Rest meines Lebens
Sein Name war Viktor, Viktor Renner. Aber mit Rennen hatte sein Leben nichts zu tun, eher mit Sitzen. Da konnte er seinen zwei Hauptbeschäftigungen besser nachgehen: essen und Börsenwerte studieren.
Ein paar Wochen vor dem schlimmsten Tag seines Lebens feierte er noch seinen sechzigsten Geburtstag mit seiner Tochter Hildegard, seiner Haushälterin Frau Süss und sechs Torten. Mehr Gäste waren nicht eingeladen. Er fürchtete nämlich, sie könnten ihm seine Torten streitig machen.
Viktor lehnte es sowieso ab, Freunde zu haben.
Schließlich würden sich alle nur mit sich selbst beschäftigen und ihn mit blödsinnigen Themen wie Abnehmen zulabern. Selbst seine Tochter sprach bei jedem zweiten Besuch davon. Das hatte er nicht nötig. Frau Süss war die einzige, die ihn so akzeptierte wie er war mit jedem Gramm an seinem wohlgeformten Körper. Sie war die wahre Perle in seinem Haus.
Ob der Morgen normal war, kann man nicht sagen. Schließlich war der Lebenswandel von Viktor nicht normal. Aber es begann wie jeden Tag. Viktor genoss das reichhaltige Frühstück von Frau Süss. Dann rollte er die fünfzehn Meter mit dem Rollstuhl in sein Arbeitszimmer und setzte sich an seinen Schreibtisch, wo er die Börsennachrichten studierte. Frau Süss putzte ihren Herrschaftsbereich. Gegen zehn Uhr knurrte wieder Viktors Magen. Er drückte die Klingel, die auf seinem Tisch stand. Kurze Zeit später öffnete Frau Süss die Tür.
"Herr Renner?"
"Frau Süss, bringen Sie mir bitte mein zweites Frühstück."
"Schinken oder Wurst?"
"Beides bitte."
"Kommt sofort."
Frau Süss schloss leise die Tür. Viktor widmete sich wieder dem Bildschirm und sichtete seinen Aktienstand.
Währenddessen schmierte Frau Süss zwei große, sehr dicke Scheiben Brot mit viel Butter.
Dann legte sie auf das eine Brot dick Schinken, auf das andere dick Wurst. Beide garnierte sie mit viel Mayonnaise und Ketchup und einem lächerlich winzigen Stück Petersilie.
Genau in dem Augenblick, als sie den Brotteller auf das Tablett stellte, klingelte es. Frau Süss öffnete mit Tablett in der Hand die Tür. Vor ihr standen zwei Polizisten. Sie staunten, als sie die dicken Brote sahen. Doch ein guter Polizist lässt sich von so einem Anblick nicht ablenken.
Gewohnheitsmäßig griff der eine in seine Tasche, zog den Ausweis heraus und zeigte ihn Frau Süss.
"Grüß Gott, wir kennen uns ja schon, Polizeimeister Dickmann und mein Kollege Zabel. Wir würden gerne Herrn Viktor Renner sprechen."
"Worum geht es denn?"
"Das würden wir ihm gerne selber sagen."
Eigentlich konnte sie es sich denken. Sie sah die Herren ja nicht das erste Mal. Aber in manchen Situationen ist es besser, die Polizei warten zu lassen. Frau Süss lehnte die Tür an und rief laut im Gehen ins Haus.
"Viktor, Viktor."
Viktor, der still an seinem Schreibtisch saß, schaute auf.
"Wie kommt diese Frau darauf, mich beim Vornamen zu rufen."
Und dann fiel es ihm siedend heiß ein. "Ach je, das kann nur eines bedeuten."
Schon betrat Frau Süss das Zimmer.
"Die Polizei ist da. Die haben mir nicht gesagt, was sie wollen."
Viktor ahnte, worum es ging.
"Einen Moment. Ich muss nur noch schnell ..."
Hektisch fuhr Viktor den Computer runter.
Dabei unterliefen ihm Fehler. "Oh nein, jetzt ist er abgestürzt. Dass die auch immer so unvorbereitet kommen müssen. Naja, jetzt passt es. Es sieht ja sonst alles gut aus."
Dann sah er auf Frau Süss mit dem Tablett.
"Stellen Sie das hier ab." Frau Süss stellte ruhig das Tablett auf den Schreibtisch. Noch einmal schaute er sich im Zimmer um, damit ja nichts auffälliges rumlag. Dann griff er nach der Zeitung.
"Jetzt können Sie sie reinlassen."
Während der Wartezeit vor der Haustür sprachen die Polizisten über ihre ersten Beobachtungen.
"Hast du die Brote gesehen? Die waren bestimmt für ein Pferd."
"Nein. Da war Fleisch drauf."
„Aber der Wahnsinn ist das trotzdem.“
„Ja.“
Weiter konnten sie sich nicht unterhalten, denn Frau Süss kam zurück und öffnete die Tür, um beide herein zu bitten.
Als die Polizisten das Arbeitszimmer betraten, tat Viktor so, als ob er sein intensives Zeitunglesen extra für die Polizei unterbrochen hätte und legte demonstrativ die Zeitung und den angebissenen Brotrest weg. Die Polizisten kamen kaum aus dem Staunen raus, denn es war doch nur eine Minute vergangen, seit sie die ganze Brotscheibe gesehen hatten.
Frau Süss spürte, dass sie unerwünscht war.
Gerne würde sie ihrem Arbeitgeber zur Seite stehen. Aber das ging leider nicht. Das sah sie an den Blicken der Polizisten. Ohne ein Wort ging sie wieder raus und machte die Tür zu.
"Ah, Grüß Gott, Herr, äh, Polizeibeamten, beehren Sie mich wieder? Ich hab aber nichts, was ich Ihnen diesmal anbieten kann."
Viktor war ja aus Prinzip dagegen, dass andere Leute sein Haus betraten. Denn alle hatten die Angewohnheit, ihn zu kritisieren.
Was ihn aber an den Polizisten besonders störte, war die Tatsache, dass sie beruflich dazu verpflichtet waren, ihn zu kritisieren. Genauso wenig wie es seine Tochter Hildegard etwas anging, was er aß, ging es die Polizisten etwas an, was er mit seinem Geld machte.
Polizeimeister Dickmann kam aber direkt zur Sache.
"Passt schon. Wir brauchen keine Beweismittel mehr. Wir sind diesmal mit einem Haftbefehl da.
Ich denke, Sie wissen es schon, es ist wegen Steuerhinterziehung und mehrfachen Betrugs.
Herr Viktor Renner, wir sollen verhindern, dass Sie erneut den Gerichtstermin verpassen; Sie wissen - nächste Woche. Deshalb sollen Sie bis dahin in Untersuchungshaft. Wenn Sie bitte mitkommen."
Viktor schluckte. Er schaute sich still den Haftbefehl an, den der Polizist ihm hinhielt, und erkannte seine aussichtslose Lage. Natürlich hatte er vor drei Monaten die Einladung zum ersten Gerichtstermin weggeschmissen.
Genauso landete auch die Einladung für diesen zweiten Gerichtstermin im Papierkorb. Er hatte einfach keine Lust auf so viele Leute, die ihn belehrten. Er hatte doch extra bei der Bank gekündigt, weil er sich nicht mehr mit lauter Dummköpfen abgeben wollte.
Der Haftbefehl sprach aber eine ernste Sprache.
Erst eine Woche Untersuchungshaft und dann sah er schon so eine Kindergartentante auf dem Richterstuhl vor sich, die in süßlicher Stimme sagen würde: "Du weißt doch, Viktor, dass man das nicht tut! Du bist ein böser Junge. Du musst bestraft werden. Pfui, pfui, pfui!"
Viktor stand auf, um mitzukommen. Das ganze Ausmaß von Viktors Figur wurde sichtbar.
Polizeimeister Zabel glotzte ihn erstaunt an. Es war das erste Mal, dass er ihn aufrecht stehen sah. Er schaute auf die Reste des großen Brotes und verstand den Zusammenhang. Herr Zabel beobachtete Viktor genau. Weniger, weil er Angst hatte vor unerwarteten Flucht- oder Angriffsversuchen, nein, Herr Zabel war einfach fasziniert davon, dass ein Mensch so dick sein konnte. Bei seinen Beobachtungen fragte er sich, ob Viktor Stummelbeine hätte und der Bauch mit den Oberschenkeln verwachsen wäre. Und er fragte sich, was es wohl zu sehen gäbe, wenn die Hose runterfallen würde. Hatte er seinen Pimmel auf Kniehöhe oder war der vielleicht auch eingewachsen wie die Oberschenkel?
Schwerfällig nahm Viktor sein Jackett, das am Sessel hing, und zog es an. Er kontrollierte den Inhalt der Taschen ohne ihn herauszuholen.
Dann ging er schwerfällig mit den Beamten zur Tür. Den Rollstuhl ließ er stehen, worüber sich Frau Süss wunderte, als sie die Gruppe an der Haustür beobachtete.
Viktor schnaufte heftig, als sie aus der Haustür traten. Er tat so, als ob er kaum laufen könnte und stützte sich bei Herrn Zabel ab. Er wusste ja, dass er mehr konnte. So wie heute, hatte er damals auch dem Arzt etwas vorgespielt, um den Rollstuhl auf Kassenrezept zu bekommen.
Viktor freute sich diebisch, wenn er anderen etwas vormachte.
"Junger Mann, ich kann nicht so schnell. Sie müssen auf mich Rücksicht nehmen."
Dann drehte er sich zurück und rief zur Tür:
"Frau, äh, Susi, ich ruf dich an, sobald ich Zeit habe."
Herr Zabel wollte das Gewicht so schnell wie möglich loswerden und sagte aufmunternd:
"Jaja. Schauen Sie, wir haben gleich da vorne geparkt. Das ist nicht weit."
Hoffentlich würde er mal ein paar Schritte schneller gehen. Herrn Zabels Arm schmerzte schon, so sehr zog Viktors Gewicht daran. Er war froh, dass sein Kollege vorging, um das Gartentor zu öffnen. So kämen sie schneller zum Auto.
Aber Viktor entlastete ihn anders. Er stützte sich am Pfosten des Gartentors ab und bat um eine kleine Verschnaufpause. Glücklich über diese Entlastung ging Herr Zabel vor, um die Autotür zu öffnen. Je schneller alles vorbereitet war, um so schneller hätten sie den Dicken im Auto. Auch Herr Dickmann ging davon aus, dass das Einsteigen ins Auto nun zügig geschehen würde und stand erwartungsvoll auf dem Gehweg.
Nur Viktor dachte nicht daran. Er hatte andere Pläne. Völlig überraschend schlug er das Gartentor von innen zu und rannte los.
"Ihr kriegt mich nicht." rief er. Vielleicht konnte er ihnen doch entkommen und seine Freiheit behalten. Einen Versuch war es wert. Das Gartentor, das man nur von innen öffnen konnte, verschaffte ihm einen Vorteil.
Die Beamten schauten sich an. Nach kurzem Staunen über die absurde Situation kletterte Herr Dickmann über das Gartentor und lief ihm nach.
Viktor schaffte es bis hinter das Haus. Dort holte er sein Handy aus der Tasche und suchte die Nummer von Frau Süss. Gerade in dem Moment kam Herr Dickmann an und nahm ihm das Handy ab, bevor er anrufen konnte. Viktor ging es wie einem Schuljungen, der vom Lehrer erwischt wurde, erst recht, als der Polizeimeister mit seiner bescheuerten Belehrung begann.
"Ja, so geht das nicht. Das verstößt gegen die Spielregeln. Das Handy ist beschlagnahmt.
Wenn Sie bitte wieder mitkommen."
Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg.
Viktor war sich dessen bewusst, dass eine Flucht gerade für ihn sehr schwierig war. Aber er musste es nochmal versuchen. Er schnaufte und schwitzte.
"Sie glauben also, nur weil Sie ein bisschen dünner sind, können Sie mich immer wieder einholen. Aber ich werd’s Ihnen zeigen. So leicht mach ich Ihnen die Verhaftung nicht."
In Viktor erwachte Kampfgeist. Er ärgerte sich über den Grünschnabel, der sich als Bestimmer aufspielte. Einen Vorteil hatte Viktor noch. Er kannte den Garten. Er wusste, wo die Fluchtpunkte waren.
Um seine Erschöpfung zu zeigen, stützte er sich auf den Polizisten und schnaufte laut. Sehr langsam gingen die beiden am Haus entlang.
Schon einen Meter vorher schaute Viktor auf die gestapelten Gartenstühle neben der Terrasse und fasste einen Plan. Das war seine zweite und letzte Chance.
Er zerrte den ahnungslosen Polizisten so nah wie möglich an die Gartenstühle heran, um im letzten Moment urplötzlich den Stoß umzuschmeißen. Wie erhofft polterten die Stühle direkt vor den Polizisten. Ein Stuhl traf ihn sehr schmerzhaft am Knie.
Viktor zögerte nicht. Er drehte sich um und lief weg so schnell er mit seinem massigen Körper konnte. Sein Glück war, dass er Herrn Dickmann am Schienbein getroffen hatte, der sich dieses vor Schmerzen viele Sekunden festhielt. Das gab Viktor Zeit, den hinteren Teil des Gartens zu erreichen.
Viktors Kampfgeist entfachte nun auch im Polizisten den Drang nach einem Wettkampf.
Das fand er sehr reizvoll. So rief er Viktor einen Vorschlag zu: "Na gut. Ich gebe Ihnen zehn Minuten Vorsprung. Wetten, dass wir Sie einholen."
Er schaute dem Dicken nach, wie er keuchend hinter einem Busch verschwand. Die Jagd würde leicht werden, wenn sich der Dicke ausgetobt hatte. Dann würde er brav und folgsam mit zum Auto kommen. Das könnte Herr Dickmann ruhig abwarten. Langsam ging er zurück zum Auto. Er war froh über die Pause, in der er sein Schienbein schonen konnte.
Am Auto lehnte sich sein Kollege Zabel gemütlich am Auto an und ließ sich von der Sonne bescheinen. Herr Dickmann lehnte sich daneben. Etwas erstaunt schaute Herr Zabel auf seinen Kollegen. "Was ist? Hast du ihn nicht mitgebracht?"
"Ich habe mit ihm gewettet. Ich habe ihm zehn Minuten Vorsprung gegeben." Er schaute auf die Uhr. "Das heißt, in neun Minuten laufen wir los. Bis dahin können wir die Sonne genießen."
"Sauber. Ihr wettet also, ob eure Namen stimmen. Der Renner rennt und der Dickmann lehnt sich an."
Herr Zabel lachte über seinen Kalauer.
Dickmann schaute ihn erst böse an, dann schmunzelte er doch darüber.
"Ja, das werden wir sehen. Name oder Figur.
Wer wird gewinnen?"
Schon fünf Minuten brutzelte die Sonne den Polizisten das Hirn weg, als Hildegard ihr Auto direkt hinter dem Polizeiwagen parkte. Mit einer kleinen Einkaufstasche in den Händen stieg sie aus und ging auf die Polizisten zu.
"Grüß Gott, wollten Sie zu meinem Vater."
"Sie sind wohl die Tochter von Herrn Renner?"
"Ja!?"
"Mein Name ist Dickmann. Das ist mein Kollege Zabel. Wir sind hier, um Ihren Vater zu verhaften."
"Hat er wohl nicht nur an der Börse Geld verdient?"
"Das kann ich so nicht sagen. Schließlich verhaften wir ihn nur wegen Tatverdacht. Sie verstehen? Verdacht - nicht Bestätigung. Das ist Aufgabe der Richter, nicht unsere. Verstehen Sie?"
"Ja, und warum stehen Sie noch hier rum?
Warum klingeln Sie nicht und gehen rein?"
"Wir haben schon geklingelt. Wir haben auch schon mit Ihrem Vater geredet. Wir haben ihm zehn Minuten Vorsprung gegeben. Das machts spannender."
Hildegard war entsetzt. "Sie haben was?"
"Das ist so eine Art Wette." schaltete sich nun Herr Zabel ins Gespräch ein. "Wissen Sie. Ob der dicke Herr Renner oder der rennende Herr Dickmann gewinnt." Er kicherte und war immer noch begeistert von seinem Kalauer.
Hildegard war nicht begeistert. Sie war stinkwütend. Was für ein Blödsinn fiel diesen hirnverbrannten Polizisten ein? Sie wurde laut.
"Dann rennen Sie mal los. Sie sind wohl von allen guten Geistern verlassen. Sie können doch nicht meinen Vater zu so einer bescheuerten Wette animieren. Wenn er einen Herzinfarkt hat, dann sind Sie schuld. Ich werde eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreichen. Sie (...)-beamten, Sie."
Während Hildegard schimpfte, rannten beide Polizisten los durch das Gartentor hinters Haus.
Hildegard brachte ihre Einkäufe ins Haus. Dann rannte auch sie durch die Terrassentür in den Garten. Am Gartenzaun trafen sie sich. Aber von Viktor war weit und breit keine Spur. Dabei war er doch sicher nicht zu übersehen. Wie geht das?
"Da hinten ist ein Tor. Das ist offen," wies Hildegard die Polizisten hin. Damit hatten die beiden nicht gerechnet, dass es noch einen Fußweg direkt hinter dem Haus gab. Viktor hatte doch mehr Chancen als sie dachten.
Am Gartentor hielten die drei inne. "Links oder rechts?"
"Das weiß ich nicht. Der Weg führt in beide Richtungen auf eine Straße." So gut kannte sich Hildegard aus.
Dann entschied Herr Zabel: "Ok. Ich links, du rechts," und schon rannten die Polizisten wieder los.
Viktor war nach rechts gelaufen, aber er kam nicht sehr weit. Die Folgen seiner Fettleibigkeit und seiner Unsportlichkeit waren heute deutlich zu spüren. Er schaffte viel weniger als er dachte. Er spürte, wie sein Herz raste und sein Atem nicht mehr nachkam. Er stürzte schon zwei Grundstücke weiter zusammen und lag auf dem Boden.
Durch die Krümmung des Weges und die überstehende Hecke des Nachbarn konnte er sein Grundstück nicht mehr sehen. Er versuchte sich aufzurichten, schaffte es aber nicht einmal zum Sitzen.
Der Speichel rann ihm aus dem Mund und vermischte sich mit dem Dreck am Boden. Auch an seinem Hals und seiner Stirn spürte er, wie Gräser und Erde durch seinen Schweiß festgehalten wurden. Aber zum Abwischen war er zu schwach. Er hatte auch nichts zum Abwischen dabei. Seine Hände waren ja ebenfalls von einer Mischung aus Schweiß, Dreck und dem Blut einer Schürfwunde bedeckt.
So lag er einige Minuten bis Herr Dickmann angerannt kam, sich umdrehte und nach hinten schrie: "Zabel, wir haben ihn. Komm her."
Hildegard traf als zweites ein und beugte sich zu ihrem Vater auf den Boden. "Papa, was machst du da? Du weißt doch, dass du nicht so weit rennen kannst."
"Ach, Kindchen. Ich kann es doch diesen grünen Männern nicht so leicht machen. Die glauben wohl, die können alles mit mir machen.
Und außerdem wollte ich zeigen, was noch in mir steckt. Naja, vielleicht kann ich es doch nicht mehr in jeder Disziplin mit diesen Grünschnäbeln aufnehmen."
"Kannst du aufstehen?"
Viktor versuchte aufzustehen. Wie zu erwarten, schaffte er es nicht. Hildegard wendete sich den Polizisten zu, die abwartend daneben standen.
"Und jetzt? Haben Sie sich bei Ihrer Wette auch überlegt, wie er aufstehen soll?"
Herr Dickmann wollte den Schaden wieder gutmachen. "Das machen wir schon." Er gab seinem Kollegen ein Zeichen. Jeder griff einen Arm und zog. Viktor bewegte sich, doch nicht nach oben, sondern zur Seite. Sein Kopf wurde mit Wucht an den Zaun geschleudert. Das brachte die Polizisten auf eine Idee. Statt ihm beim Aufstehen zu helfen, schoben und zogen sie solange an seiner Körpermasse herum, bis er ansatzweise aufrecht am Zaun anlehnte.
Dann wischten sich die Polizisten den Schweiß aus der Stirn. Viktor wischte sich nicht ab. Ihm ekelte immer noch vor dem Schweiß an seinen Händen, der mit dem Staub des Bodens und dem Blut seiner Schrammen verwischt war. Zur Erde vom Wegesrand mischten sich auf seinem Stirnschweiß noch die Holzbrösel des alten Gartenzauns. Es war widerlich und erniedrigend. Hätten die Nachbarn nicht wenigstens für einen anständigen, glatten Zaun sorgen können? Man merkte, dass diese Nachbarn mit Geld nicht umgehen konnten, wenn es nicht mal zu einem neuen Gartenzaun reichte.
Hildegard beobachtete die Aktion mit Wut und Sorge. Sie überspielte ihre Gefühle mit einem spöttischen Blick, woraufhin sich die Polizisten schämten.
"Sehen Sie, wo Sie meinen Vater mit ihrem Schmarrn hingeführt haben. Sie können ihn jetzt nicht verhaften. Er hat einen Zusammenbruch. Er muss jetzt zum Arzt."
Hildegard nahm ihr Handy aus der Hosentasche und tätigte einen Notruf. Die Polizisten standen betreten daneben.
Eine Stunde später parkte der Rettungswagen am Ende des Fußweges an der Straße. Aus dem Fahrzeug holten die drei Sanitäter eine kranartige Hebehilfe und eine fahrbare extrabreite Trage.
Als sie mit den großen Geräten bei Viktor ankamen, entschuldigten sie sich: "Es tut uns leid, dass wir so lange gebraucht haben. Aber wir brauchen die breite Trage so selten, dass wir sie erst suchen mussten. Und dann mussten wir den Akku vom Lifter aufladen. Herr Renner, gell? Wir müssen jetzt schnell machen, sonst ist der Akku vom Lifter wieder leer, bevor sie auf der Trage liegen."
Das Wort "schnell" löste bei Viktor wieder einen Schweißausbruch aus. Er dachte an das unsanfte Gezerre der Polizisten, die ihn an den Gartenzaun wuchteten.
Doch es war dann nur halb so schlimm. Mit gekonnten Griffen und wenig Drehen, schoben die Sanitäter ein großes Tuch unter ihn. Dann befestigten sie die Seile vom Tuch am Lifter.
Erst jetzt begann die Phase, die schnell gehen musste.
Hildegard stockte der Atem, als sie sah, wie sich der Hebearm des Lifters nach unten bog. Viktor schwebte frei in der Luft. Ob das Gerät Viktor aushielt? Oder würde Viktor unter einem lauten Knall zusammen mit dem Hebekran umfallen?
Der Lifter erwies sich als stabil. Außerdem konnten die Sanitäter geschickt damit umgehen. Doch als Viktor wenige Zentimeter über der Trage schwebte, piepste der Akku und gab den Geist auf. So musste Viktor doch leicht fallend auf der Trage platziert werden.
Geschafft! Hildegard gab ihrem Vater die Hand und streichelte seine Wange zum Abschied. Sie erkundigte sich bei den Sanitätern in welches Krankenhaus sie fuhren und winkte ihnen nach. Viktor winkte zurück, bevor er in den Rettungswagen geschoben wurde.
Die Polizisten standen immer noch wortlos daneben. Sie schämten sich für die Situation, die sie zu verantworten hatten, aber nicht lösen konnten.
Hildegard warf ihnen zum Abschied einen bösen Blick zu, ehe sie die beiden stehen ließ und das Gartentor demonstrativ von innen zuschloss.
Die Polizisten waren gezwungen den langen Weg um den ganzen Häuserblock zu ihrem Auto zurückzugehen.
Dort angekommen, nahmen sie erleichtert die Mützen runter.
"Bin ich froh, dass wir ihn nicht bei uns mitnehmen mussten. Den hätten wir hier nie und nimmer rein- und wieder rausgekriegt."
"Ja, da haben wir richtig Glück gehabt. Nur den Bericht möchte ich nicht schreiben."
Hildegard schaute aus dem Küchenfenster, als der Polizeiwagen wegfuhr. Hätte sie das verhindern können, wenn sie nicht ausgezogen wäre? Er musste wohl schon sehr lange auf irgendwelche krummen Geschäfte zugesteuert haben, bevor es zu einem Haftbefehl kam. Was hatte ihr Vater bloß alles gemacht als sie weg war? Aber gerade deswegen war Hildegard ja ausgezogen. Sie hatte weder das tägliche Fressen noch das Gerede über das Geldverdienen ausgehalten. Nur aus der eigenen Wohnnung heraus konnte sie sich selbst verwirklichen und studieren, was ihr Spaß machte, auch wenn oder gerade weil es gegen den Willen ihres Vaters war.
Ihre Gedanken wurden jäh von Frau Süss unterbrochen, die gerade in die Küche hereinkam. Hildegard drehte sich um.
"Frau Süss, warum sollte mein Vater festgenommen werden?"
"Weiß nicht."
Frau Süss stellte sich sichtlich dumm.
"Wirklich nicht? Sie sind doch jeden Tag hier.
Da müssen Sie doch was mitgekriegt haben."
"Nein."
Frau Süss drehte sich weg und nahm einen Lappen in die Hand, um zu spüren, dass die Küche ihr Reich war. Leise murmelte sie vor sich hin.
"Viktor weiß schon, warum er ihr nie was gesagt hat."
"Ich habe ihr Genuschel zwar nicht verstanden, aber ich sage Ihnen, was ich jetzt tun werde. Ich gehe jetzt in sein Arbeitszimmer und werde nach Hinweisen suchen, was die Polizei von ihm wollte."
Frau Süss schaute auf.
"Sie werden nichts finden. Das Finanzamt war schon da und hat alles mitgenommen."
"Oh! Sie wissen es ja doch."
Hildegard zeigte, dass sie durchaus zurück sticheln konnte.
"Und warum haben sie Sie mit ihrer besonderen Arbeitsform nicht gleich auch mitgenommen?"
"Weil ich die Freundin von Viktor bin."
"Das ist mir neu. Weiß mein Vater das auch?"
"Es war seine Idee. So, und jetzt muss ich weiterarbeiten. Stören Sie mich nicht."
Frau Süss hatte keine Lust auf dieses Gespräch. Da es ihr mit dem Lappen in der Hand nicht gelang, Hildegard aus der Küche herauszuwischen, begann sie die Spülmaschine auszuräumen. Wie eine Gewehrsalve drang das laute Geschirrklappern an Hildegards Ohr.
Es wirkte. Hildegard bedrängte sie nicht weiter und ging ins Arbeitszimmer.
Dort setzte sie sich an den Schreibtisch ihres Vaters und versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Sie las Briefe, die sie in der Ablage und im Papierkorb gefunden hatte. Dabei entdeckte sie sowohl die Ladung vom nichtwahrgenommen Gerichtstermin vor drei Monaten als auch vom neuen nächste Woche.
Sie schüttelte den Kopf. Was käme erst zum Vorschein, wenn sie hier weitersuchte?
Inzwischen kam Viktor im Krankenhaus an. Die Sanitäter schoben ihn mit ihrer extrabreiten Trage ins Untersuchungszimmer von Dr.
Metzger. Schade, dass der Spezialrollstuhl noch immer im Arbeitszimmer stand. Damit hätte sich Viktor eine Spur wohler gefühlt als in dieser Liegehaltung, die ihn mehr zur Sache als zum selbständig denkenden Menschen machte.
Zumindest aus der Sicht dieses Arztes, der sich die Geschichte von den Sanitätern anhörte, aber nichts zu Viktor sagte.
Dann verabschiedete er die Sanitäter und dachte immer noch nicht an einen Wortwechsel mit Viktor. Stattdessen telefonierte er. Immer wieder sagte er "Aha" und "ach, so".
Viktor kam sich richtig blöd vor. Ging es jetzt um ihn oder nicht? Langsam wuchs sein Ärger über Menschen, die sich alle dazu berufen fühlten, ihm auf die Nerven zu gehen. Dr. Metzger gehörte zu diesen Typen. Wenn er nicht so ein schreckliches Erlebnis hinter sich gehabt hätte, wäre er aufgestanden und gegangen. Aber er konnte nicht.
Endlich legte Dr. Metzger auf, schaute Viktor fasziniert an.
"Das ist ja ein Ding. Sie wollten sich einer Verhaftung entziehen."
"Jaa. Und?"
"Sie wissen, dass ich Sie nicht nach Hause entlassen darf, auch wenn Sie sich jetzt wieder erholt haben. Da würde ich mich strafbar machen."
"Aber ins Gefängnis gehen lassen, das können Sie. Da haben Sie wahrscheinlich nicht mal ein schlechtes Gewissen. Und mit dem hypokratischen Eid ist das wahrscheinlich auch vereinbar, dass ich in einer viel zu kleinen Zelle krepiere. Ist das so?"
"Nein, mit ruhigem Gewissen kann ich Sie auch nicht ins Gefängnis entlassen. Ich müsste erst überprüfen, ob die Haftbedingungen für ihre Gesundheit zumutbar sind."
"Gut, dann sind wir uns einig. Sie schreiben einen Befund, dass ich nicht haftfähig bin. Ich gehe nach Hause und Sie können mal auf meine Kosten im Sternelokal ihrer Wahl essen gehen."
"Sie haben mich nicht verstanden. Wenn Sie nicht haftfähig sind, dann kann ich Sie auch nicht nach Hause entlassen. Dann bleiben Sie hier im Krankenhaus. Wir haben letztes Jahr erst drei Betten gekauft, die bis zu 300 kg aushalten. Wir können Sie hier bestens versorgen. Und zunächst geht es auch nur um eine Woche bis zur Verhandlung. Dann entscheidet sich, wie es mit Ihnen weitergeht."
Viktor schaute Dr. Metzger entsetzt an. Wieder gab es kein Entrinnen. Er litt unter dem triumphalen Ton, mit dem Dr. Metzger sprach.
"Gut, dann hätten wir das geklärt. Dann können wir mit der Aufnahmeuntersuchung starten. Machen Sie mal den Arm frei, damit ich den Blutdruck messen kann."
Dr. Metzger versuchte Viktor, die Blutdruckmanschette um den Arm zu legen. Sie war zu klein.
"Naja, dann machen wir das auch in der Tierklinik. Wegen der Waage müssen Sie eh dorthin."
Es klopfte an der Tür. Es waren die Sanitäter, die beim Rettungswagen bemerkten, dass ihnen noch was fehlte.
"Herr Dr. Metzger, wir bräuchten die Trage wieder. Nicht dass wir sie heute nochmal brauchen. Das wäre unwahrscheinlich: zweimal am Tag so einen Transport." Er schaute dabei grinsend auf Viktor. "Aber der Ordnung halber wär’s wichtig."
"Meine Herren, das freut mich, dass sie schon da sind. Da brauch ich Sie gar nicht mehr rufen. Herr Renner müsste für die Untersuchungen in die Tierklinik. Wissen Sie, unsere Waage ist zu klein und unsere größte Blutdruckmanschette auch. Ich schreib noch schnell den Überweisungsschein, dann können Sie gehen."
Viktor saß kopfschüttelnd im Rettungswagen.
"Was glauben die, wer die sind? Die können mich doch nicht so behandeln. In die Tierklinik?
Ich bin doch kein Ochse."
Der Sanitäter schaute ihn schulterzuckend an, sagte aber nichts.
Nach einiger Zeit bog der Rettungswagen in die Tierklinik ein. Es war ein schrecklicher Anblick.
Viktor sah, wie gerade ein Ochse herausgeführt wurde zu einem Wagen mit offenem Tieranhänger. So wollten sie ihn behandeln.
Was für eine Demütigung!
Bei genauerer Betrachtung merkte Viktor, dass er schon den ganzen Tag wie ein Ochse behandelt wurde. Erst wurde er gejagt von den naseweisen Tierpflegern im Staatsdienst, dann sprachen der Arzt und seine Helfer ständig über ihn, als ob man wie bei einem Ochsen nicht mit ihm reden könnte. Ganz klar, das hier war nur die Spitze der Demütigungen.
Im Untersuchungssaal der Tierklinik stieg Viktor das erste Mal von seiner extrabreiten Trage runter. Ein Tierarzt führte ihn auf eine große Waage. Sie zeigte 250 kg an. Der Arzt konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen.
"Aha! Das Pferd, das gerade operiert wird, wiegt drei Kilo weniger."
Es wurden weitere Untersuchungen durchgeführt mit Geräten, die eigentlich für Pferde und Rinder bestimmt waren. An den Wänden hingen Lehrtafeln der Tiermedizin über Pferde und Rinder. Aus dem Nachbarraum hörte man ein Pferd wiehern. Für Viktor war alles eine Erniedrigung.
Nach den Untersuchungen wurde Viktor durch den Flur zum Rettungswagen zurückgebracht.
Er sah, wie ein junges Pferd vom OP-Saal zum Schlafstall gebracht wurde. Davor lagen zwei Strohballen. Er deutete darauf.
"Das steht mir jetzt aber nicht bevor?"
Doch anstatt Viktor seine Würde zurückzugeben, blieb der Tierarzt bei seinem erniedrigenden Humor.
"Nein. Das ist für den Patienten mit 247 Kilo bestimmt."
Viktor war froh, endlich wieder im Krankenhaus zu sein. Es war so demütigend mit Pferden und Rindern auf eine Ebene gestellt zu werden. Jetzt hatte er immerhin eine Chance, wieder wie ein Mensch behandelt zu werden.
Spontan dachte er, dass er es der Privatversicherung zu verdanken hätte, dass er allein im Zimmer lag. Doch der Anblick von Polizeimeister Zabel, der als erster den Wachdienst übernehmen musste, erinnerte ihn daran, dass er aus ganz anderen Gründen ein Einzelzimmer hatte. Vielleicht sollte man besser sagen: Einzelzelle. Jetzt musste er eine Woche lang einen Anstandswauwau in Uniform in seiner Nähe ertragen. Naja, mit Ignorieren sollte er wohl diese Situation aushalten können.
Schlimmer war dieser Weißkittelträger, der ihm doch schon bei der ersten Begegnung von seinen Betten für übergewichtige Patienten bis 300 kg vorgeschwärmt hatte. Doch trotz der misslichen Lage musste Viktor gestehen, die Betten waren bequem. Man konnte mit einem Bedienelement die Rückenlehne hoch- und runterfahren und der Galgen war auch stabil genug für sein Gewicht. Also das musste er dem Krankenhaus lassen. Das Bett war bequem.
Dann war die Zweisamkeit mit dem Anstandswauwau beendet. Dr. Metzger stand plötzlich im Zimmer und setzte sich an den Bettrand. Das konnte Viktor nicht leiden. Das war übergriffig. Wenigstens das Bett wollte er als seinen Privatbereich haben.
Schon wieder sprach Dr. Metzger triumphierend von oben herab.
"Na, Herr Renner, haben Sie sich im Zimmer gut eingefunden? Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wohlfühlen. Ein Polizist wird immer vor der Tür sein."
Er deutete auf Herrn Zabel.
"Und wenn Sie etwas brauchen, können Sie klingeln. Bis zur Verhandlung nächste Woche stehen sicher alle Untersuchungsergebnisse fest. Dann sehen wir weiter."
Viktor ärgerte sich über Dr. Metzgers überheblichen Tonfall. Demonstrativ drückte er die Klingel.
"Brauchen Sie noch was?" fragte Dr. Metzger.
"Ja. Ich habe Hunger."
"Darüber wollte ich auch noch mit Ihnen reden."
Eine Krankenschwester betrat das Zimmer.
"Ja, bitte?"
Dr. Metzger stand auf, nahm die Krankenschwester am Arm und stellte sich mit ihr gegenüber von Viktor. Viktor hätte platzen können. Ging es dem Arzt wieder nur darum, seine Macht zu demonstrieren? Musste er sich mit der Schwester vor ihm so aufplustern?
Genoss er es, einmal einen Patienten zu haben, der mal was wiegt? Aber da muss man ihn doch nicht gleich wie einen dummen, störrischen Ochsen behandeln. Viktor war ein Mensch und er hatte ein Recht darauf, wie ein Mensch behandelt zu werden. Wann würde er das endlich einsehen?
"Unsere Schwestern sind weisungsgebunden.
Sie werden Ihnen nur das zu essen bringen, was ich anordne."
Dr. Metzger drehte sich zur Schwester. "Bringen Sie ihm eine Scheibe Brot mit Butter und nicht mehr. Und eine Flasche Wasser. Davon kann er trinken soviel er will."
Die Schwester ging raus. Viktor rang nach Worten in seinem Zorn über das Essverbot.
Essen war doch ein Menschenrecht. Durfte der Arzt ihm dieses Recht nehmen? Aber sein Schock über diese ärztliche Anweisung verschlug ihm die Sprache. Er bekam nichts raus.
Und wieder klangen Dr. Metzgers Worte wie ein Triumph über Viktors Niederlage.
"Gut, dann wäre vorläufig alles geklärt. Wir sehen uns später."
Dr. Metzger verließ das Zimmer. Konnte Viktor ein Grinsen in seinem Gesicht sehen? Nein, es war eine Erniedrigung. Viktor tastete in seinem Bett nach Gegenständen, an denen er seine Wut ablassen konnte. Er erwischte ein kleines Kissen, das er Herrn Zabel an den Kopf warf.
Dieser zuckte zusammen. Aber darauf achtete Viktor nicht.
In seiner Verzweiflung schrie er.
"So kann der mit mir doch nicht umgehen. Der will mich verhungern lassen. Ich werde sterben.
Helfen Sie mir."
Mit immer leiseren Worten flehte er den Polizisten an.
"Bitte helfen Sie mir."
Aber dieser stand nur schulterzuckend da. Er war doch auch weisungsgebunden. Viktors Rufe verhallten an den Wänden des Zimmers.
Ein paar Tage später hatte sich Hildegard einen Überblick im Arbeitszimmer ihres Vaters verschafft. Wie Frau Süss ihr schon gesagt hatte, fand sie keine Unterlagen zu Viktors finanzieller Situation. Alles lag beim Staatsanwalt. Aber sie fand die Anschrift des Rechtsanwalts. Und das erweiterte ihren Einblick enorm.
Endlich kamen ihr die Vollmachten zugute, die ihr Vater vor vielen Jahren schrieb. Damals empfand sie die Vollmachten als Belastung. Die Vorstellungen über die richtige Lebensführung waren so unterschiedlich. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals seine Interessen zu vertreten.
Aber vielleicht war das gar nicht der Sinn der Vollmachten. Man konnte diese Schriftstücke auch etwas freier auslegen. Eine freiere Auslegung könnte es Hildegard ermöglichen, ihre eigenen Interessen in die Tat umzusetzen.
Mangels Anwesenheit war ihr Vater auch nicht in der Lage, zu überprüfen, was sie machte.
Außerdem würde ihr jeder angesichts der schwierigen Lage des Vollmachtgebers glauben, dass sie in dessen Sinn handelte. Sie entzifferte nochmal jeden Buchstaben, den ihr Vater damals schrieb und sie kam zu folgendem Schluss.
“Ja, die Vollmachten erlauben mir, das zu tun, was ich will.”
Ob es ihm recht war, dass sie sich so umfangreich über seine Finanzen erkundigte, war Hildegard egal. Schließlich hatte er in all den Jahren die Vollmachten nicht widerrufen.
Ob er es vergessen hatte oder ob sein Vertrauen in seine Tochter weiterhin so groß war, blieb sowohl ihr als auch dem Rechtsanwalt ein Rätsel.
Immerhin beantwortete der Anwalt freimütig alle Fragen von Hildegard. Ihr fiel die Kinnlade herunter, als sie erfuhr, welche Summen ihr Vater legal mit Aktien verdiente, wie wenig Steuern er tatsächlich zahlte und wieviele Menschen er per Internet zu einer dubiosen Geldanlage überredete.
Gier und Raffsucht waren keine Beleidigung, sondern eine ehrliche Beschreibung ihres Vaters.
“Und was ist mit Frau Süss?”
“Sie meinen Susanne Süss. Was soll mit ihr sein?”
“Gibt es von ihr einen Arbeitsvertrag?”
“Ach so, ich hab es mir schon gedacht. Davon ist in der Anklage keine Rede. Wahrscheinlich haben die beiden so überzeugend das Liebespaar gespielt, dass in dieser Richtung nicht weiter ermittelt wurde. Kann es sein, dass Sie Frau Süss nicht mögen?”
“Nein, wenn es nach mir ginge, wäre sie nie bei meinem Vater eingezogen. Am liebsten würde ich sie rausschmeißen.”
“Das geht nicht. Sie wissen ja, dass ich die Interessen ihres Vaters vertrete und er ließ durchblicken, dass ihm Frau Süss sehr am Herzen liegt. Wenn Sie aber auf geordnete Verhältnisse wertlegen, dann bieten Sie ihr doch einen Miet- und Arbeitsvertrag an.”
“Das mach ich.”
“Und Sie? Warum ist Ihnen das so wichtig?
Wollen Sie etwa wieder in das Haus einziehen?”
“Ja, warum nicht. Wenn mein Vater jetzt fünf Jahre im Gefängnis sitzt, dann steht das Haus doch leer. Also, Frau Süss in ihrer Einliegerwohnung zählt ja nicht richtig. Und das wäre doch schade, wenn ich als Studentin teure Miete bezahle, während ich im Haus umsonst wohnen kann.”
“Handeln Sie aber bitte im Sinne Ihres Vaters.”
“Das ist im Sinne meines Vaters. Und wenn im Haus mal andere Sitten einkehren, schadet ihm das gar nicht. Sie sehen ja, wo ihn seine Lebenseinstellung hinführt. Also wegen mir droht ihm nicht das Gefängnis.”
“Ich sag es ja nur. Denken Sie bitte an Ihren Vater.”
