Lieber Paul Gerhard! - Kathrin Thiemann - E-Book

Lieber Paul Gerhard! E-Book

Kathrin Thiemann

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Beschreibung

Der Briefwechsel zwischen einem 16jährigen Hitlerjungen (Flakhelfer) und einem BDM-Mädchen aus dem Jahr 1943/44 gewährt uns einen Einblick in die Gedankenwelt der Jugend unter dem Nationalsozialismus. Er beschreibt eindringlich die Sicht der damaligen Jugend in den Wirren des zweiten Weltkrieges. Ein intensives und sehr persönliches Buch. Paul Gerhard ist Flakhelfer an der Heimatfront und wünscht sich nichts sehnlicher als endlich seinem Land an der Front helfen zu können. Seine Erlebnisse und Wünsche beginnt er im August 1943 seiner Brieffreundin Rosemarie, aktiv als Unterführerin in einem Kinderlandverschickungslager, zu schreiben - ein reger Austausch von Gedanken beginnt zwischen den beiden Jugendlichen.

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Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lieber Paul Gerhard!

Ein Briefwechsel

von Kathrin Thiemann

Buchbeschreibung:

Der Briefwechsel zwischen einem 16jährigen Hitlerjungen (Flakhelfer) und einem BDM-Mädchen aus dem Jahr 1943/44 gewährt uns einen Einblick in die Gedankenwelt der Jugend unter dem Nationalsozialismus. Er beschreibt eindringlich die Sicht der damaligen Jugend in den Wirren des zweiten Weltkrieges. Ein intensives und sehr persönliches Buch.

Über die Autorin:

Kathrin Thiemann lebt in Marburg, geboren wurde sie 1960 in Siegen. Sie schreibt seit einem Bildungsurlaub auf der schönen Insel Baltrum.

Im Baltrum Verlag hat sie neben ihrer Beteiiligung bei den Freunden- und anderer Anthologien vor allem mit ihrem Debut-Roman 'In der zweiten Reihe' für große Aufmerksamkeit gesorgt.

Impressum

© 2025 Baltrum Verlag GbR

BV 2519 – Lieber Paul Gerhard! Ein Briefwechsel – von Kathrin Thiemann

Umschlaggestaltung: Baltrum Verlag GbR

Cover-Illustrationen: Sandra Erhart

Lektorat: Baltrum Verlag GbR

Korrektorat: Baltrum Verlag GbR

Herausgeber: Baltrum Verlag GbR

Verlag: Baltrum Verlag GbR, Weststraße 5, 67454 Haßloch

ISBN: 978-3-565140-97-8

Internet: www.baltrum-verlag.de

E-Mail an [email protected]

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Lieber Paul Gerhard!

Ein Briefwechsel

Von Kathrin Thiemann

Baltrum Verlag

Weststraße 5

67454 Haßloch

Für Wolfgang, Till, Johann und Jana

Paul Gerhard

Vorwort

In meiner Kindheit gab es zwei kleine Gemälde, die über dem Schreibtisch meiner Großmutter hingen. Weil ich noch klein war, legte ich den Kopf in den Nacken und betrachtete die beiden. Eines zeigte einen großen Jungen, noch nicht erwachsen, der mit ernsten Augen und einem ganz leichten Lächeln aus dem Bild herausblickte. Auf dem anderen war ein kleines blondes Mädchen zu sehen, vielleicht drei Jahre alt. Es hatte die weichen Locken zu Zöpfen geflochten, die über die Schultern herabhingen. Sie schaute mich mit großen ernsten Augen von unten herauf an. Der kleine Mund war leicht skeptisch gespitzt. Vor allem das kleine Mädchen gefiel mir, die Art, wie sie aus dem Bild herausschaute. Ich war nicht sicher, ob sie ein fröhliches Kind war. Nachmittags schien die Sonne stets so über den Schreibtisch herein, dass sie das Bild zum Leuchten brachte.

Ob ich mich als Kind fragte, wer das war? Ich erinnere mich nicht. In unserer Familie gab es so unglaublich viele Menschen, Familienfeste waren stets so groß, dass Gemeindehäuser angemietet wurden. Es wird wohl irgendjemand von ihnen als Kind gewesen sein. In dieser Wohnung hatte ich immer einen großen Respekt vor dem Großvater und stellte lieber keine unnötigen oder dummen Fragen.

Meinen Vater zu fragen, der es hätte wissen müssen, auf die Idee kam ich nicht. Erzählungen aus seiner Kindheit hatten bei uns keine Kultur. Er hatte als Geschichtslehrer viel über Fakten, Zahlen und politische Hintergründe zu berichten, das eigene Erlebte war vermutlich zu schwer. Erst kurz vor seinem Tod war er in der Lage, davon zu erzählen.

Er hatte 1944 als Zwölfjähriger einen Luftangriff überlebt, zusammen mit seinem Freund Günter hatte er verschüttet im Keller seines Elternhauses gelegen. Sie überlebten dank einer Tür, die sie vor den zusammenbrechenden Hauswänden schützte.

Inzwischen weiß ich, dass die Gemälde Paul Gerhard und Dorothea zeigen, die Geschwister meines Vaters, die zusammen bei dem Luftangriff starben.

Nachlass

Im vergangenen Sommer erzählte mir meine Kusine, dass in F. in einem Nachlass ein Stapel Briefe unseres Onkels Paul Gerhard gefunden worden sei. Er war der älteste Bruder unserer beiden Väter und, als er diese Briefe zu schreiben begann, sechzehn Jahre alt. Es gibt nur wenige Erzählungen über ihn, da er schon früh nicht mehr mit seinen jüngeren Geschwistern unter einem Dach lebte, sondern sich freiwillig als Flakhelfer gemeldet hatte.

Eine Historikerin fand diese Briefe, mit einer Kordel sorgfältig zusammengebunden, im Nachlass ihrer Mutter. Als Fachfrau erkannte sie glücklicherweise deren Wert sofort, auch für uns, und berichtete uns, dass Paul Gerhard von Juni 1943 bis Februar 1944 in einem regen Briefwechsel mit Rosemarie Schermeister, ihrer damals gleichaltrigen Mutter stand. Daraufhin machte sie meine Kusine ausfindig und übergab ihr diese Briefe.

Für die zwei jüngsten, heute noch lebenden Geschwister von Paul Gerhard, beide inzwischen hochbetagt, sind diese Briefe ein Schatz, konnten sie doch darüber etwas aus der Lebenswelt des Ältesten erfahren, an den beide aufgrund seines frühen Todes nur wenige konkrete Erinnerungen haben.

Nachbarskinder

Paul Gerhard und Rosemarie waren in ihren ersten vier Lebensjahren Nachbarskinder, sie spielten miteinander in den Gärten der Familien, bis seine Familie nach Tecklenburg umziehen musste.

Zwölf Jahre später verbrachte meine Großmutter mit Paul Gerhard und vermutlich ihren jüngsten Kindern Dorothea und Hans Martin auf der Durchreise einen sonnigen Sommernachmittag im Garten der Familie Schermeister. Dort begegneten sich die beiden Jugendlichen wieder, inzwischen sechzehn Jahre alt. Paul Gerhard schien Gefallen an der lebhaften jungen Frau gefunden zu haben, denn er hatte daraufhin den Briefkontakt begonnen. Er gab nicht auf, obwohl seine erste Karte unbeantwortet blieb, und versuchte es nach einigen Monaten wieder.

Rosemaries Briefe sind vermutlich in den Kriegsereignissen verloren gegangen. So fragte ich mich, was für ein Mädchen die Gleichaltrige damals gewesen sein musste, dass Paul Gerhard ihr so regelmäßig geschrieben und sein Vertrauen geschenkt hatte. Was hatte er sich von diesem Briefkontakt erhofft? Wollte er in seiner Batterie auch 'ein Mädchen' haben, an das er denken konnte?

Fundgrube

Dieses Mädchen versuchte ich zu erdenken, damit ein Briefwechsel entstehen konnte. Dieser ist zwar nicht historisch, lässt aber vielleicht die damalige Zeit erahnen.

Auf der Basis von Rosemaries tatsächlichen Briefen (in Sütterlinschrift geschrieben) an ihre Mutter, von Büchern, ausgeschnittenen Zeitungsartikeln, Postkarten, Schulheften, Fotos und Erzählungen aus der Fundgrube der Historikerin versuchte ich mir ein Bild zu machen, wie sie vielleicht auf die Welt geblickt haben könnte. Durch zusätzliche Recherchen, das Hineinversetzen in eine Sechzehnjährige und ein wenig Fantasie ließ ich ein quirliges, beim Schreiben etwas sprunghaftes, engagiertes BDM-Mädchen* entstehen,

* Bund Deutscher Mädchen, Jugendorganisation der Nationalsozialisten seit Juni 1930

das sich mit viel Energie und gutem Willen für ein neues Deutschland einsetzt.

Um Paul Gerhards viel zu kurzes Leben wertzuschätzen, habe ich seine Briefe, die er in lateinischer Schrift geschrieben hatte, im Original belassen. Nur die Anrede 'Liebe Rosemarie!' ist ein Pseudonym. Aus Gründen der Lesbarkeit habe ich sie der heutigen Rechtschreibung angepasst und entzerrt, denn die Feldpostbriefe waren wegen des Papiermangels sehr eng beschrieben.

In beiden Briefen habe ich – der Zeit entsprechend – nicht gegendert. Auch einige damalige Begriffe habe ich übernommen oder benutzt, die heute aus guten Gründen nicht mehr politisch korrekt sind. Dies bitte ich beim Lesen zu bedenken.

Ähnlichkeiten zu damals lebenden Personen in Rosemaries Briefen sind nicht beabsichtigt.

Teil I

Postkarte aus R., d. 28.8.42

Liebe Rosemarie!

Zu Deinem Geburtstag möchte ich Dir herzlich gratulieren und wünsche Dir alles Gute. Auch nochmals herzlichen Dank für die liebevolle Aufnahme bei Euch.

Feldpostbrief von L 54658 Lg PA Münster 2 o.e., 24.5.43

Liebe Rosemarie!

Jetzt ist es bald ein Jahr her, seitdem ich bei Euch war. Damals hatte wohl keiner von uns gedacht, dass ich heute schon beim Militär wäre. Es ist aber so. Das Soldatenleben ist herrlich! Unsere ganze Klasse ist als Luftwaffenhelfer eingezogen worden. Wir liegen alle Elf auf einer Bude. Augenblicklich haben wir Mittagsruhe. Gerade wird das Schild 'Alarmstufe II' aufgehängt. Da können wir gleich Fliegeralarm erwarten.

Wir liegen bei einer Flakbatterie in Westdeutschland in der Nähe von Köln. Wenn wir morgens aus unserm Bunker steigen, so sehen wir am Horizont den Kölner Dom. Nach Süden hin sehen wir das Siebengebirge mit der Drachenfelsruine und der Petersburg, auf dem sich 1938 der Führer und Chamberlain getroffen hatten. Von meinem Fenster aus sieht man das Schloss von Siegburg.

In unserer Bude ist es ja wohl ein wenig eng, aber das wird in der nächsten Woche aufhören, denn dann bekommen wir neue Baracken.

An Geschützen werden wir nicht ausgebildet, sondern nur an Geräten. Dadurch werden wieder Soldaten für die Ostfront frei. So können wir stolz darauf sein, auch in diesem Kampfe mithelfen zu dürfen.

Nun habe ich so viel von mir erzählt und ganz vergessen, mich nach Dir zu erkundigen. Ich hoffe, dass es Dir noch gut geht. Bei uns zu Hause ist alles wohlauf. Entschuldige bitte die Bleistiftschrift, aber beim Kommiss kann man keine Tinte gebrauchen. Nun muss ich schließen, denn die Zeit ist um.

»Fünf Minuten vor der Zeit, ist des Soldaten Pünktlichkeit.«

Herzlichen Gruß an Deine Eltern.

In der Hoffnung auf baldige Antwort verbleibe ich

Dein

F., den 26.5.1943

Lieber Paul Gerhard!

Vielen Dank für Deinen Brief. Ich war überrascht und habe mich darüber sehr gefreut. Ich erinnere mich natürlich gut an den Tag, als Ihr uns auf Eurer Rückreise aus dem Teutoburger Wald besucht hattet. Erst hatte ich nicht gewusst, wer Ihr eigentlich wart. Als Mutti sah, wie Du mit Dorothea den kleinen Hans Martin im Kinderwagen durch den Garten geschoben hast, holte sie das Fotoalbum her. Auf einem Foto waren wir beide zu sehen, Du mit meinem Puppenwagen und ich auf dem Dreirad. Erinnerst Du Dich?

Das habest Du schon früh geübt, erzählte Mutti. Damals hätten sie gedacht, dass mein kleiner Freund und ich später mal heiraten. Na, die planten ja früh.

Du bist jetzt also beim Militär. Nein, das hätte ich letztes Jahr wirklich noch nicht gedacht. Doch natürlich brauchen wir alle, die unsere Soldaten an der Ostfront unterstützen und damit zum Sieg beitragen. Ein bisschen hört es sich ja nach einer Klassenfahrt an. Spaß sollt ihr trotzdem dabei haben dürfen.

Natürlich will ich mich auch noch nachträglich für Deine Geburtstagskarte bedanken, die vermutlich wegen meines Auslandseinsatzes unterging. Als B.D.M.-Mädel war ich den ganzen Sommer zum Arbeits- und Ernteeinsatz im Wartheland. Dort haben wir die neu angesiedelten Volksdeutschen unterstützt. Das Gut Beyrode im Kreis Gnesen war unser Sonder-Einsatzlager. Ich hatte Glück und wurde bei einer Familie einquartiert, die schon vor zwanzig Jahren aus dem Mindener Land dorthin ausgewandert war. Da gab es zwar auch ordentlich zu tun, aber wenigstens keine Probleme mit dem Dialekt und ich konnte sie verstehen.

Jetzt steht wieder eine Reise an, Dein Brief hat mich gerade noch zu Hause erwischt. Ich werde nächste Woche mit einer K.L.V.* nach Westpreußen fahren und vermutlich die ganzen Sommerferien, wahrscheinlich sogar bis Anfang September, dort bleiben. Wir bringen Kinder aus dem Kohlenpott in Sicherheit. Dort soll so viel zerstört sein, sie werden die frische Seeluft wahrhaftig nötig haben.

Wenn Du möchtest, kannst Du mir dorthin schreiben. Ich würde mich darüber freuen. Meine Adresse:

Unterführerin Rosemarie Schermeister

K.L.V.-Lager Hotel ›Lido‹

Jurata auf Hela

Westpreußen

Hotel ›Lido‹ klingt ganz schön stattlich. Ich bin gespannt, wie elegant wir es haben werden. Die Halbinsel Hela ist nur ein ganz schmaler Streifen Land, der Küste vorgelagert. Es soll eine Wattseite und die offene Ostsee geben. Hoffentlich kann ich auch ein bisschen Ferien haben.

* Kinderlandverschickung: Aus bombengefährdeten Gebieten wurden Kinder über Monate und Jahre zum Schutz, aber auch zur Umerziehung in weit von den Eltern entfernte Lager geschickt.

Auf Deinem Feldpostumschlag ist mir zum ersten Mal der neue Stempel aufgefallen: ›Nach Fliegeralarm Privatgespräche am Fernsprecher unterlassen!‹ Gut, dass wir hier noch keine richtig schlimmen Angriffe hatten.

Wenn Du willst, schreibe ich von dort aus ausführlicher. Jetzt bin ich auf dem Sprung.

Viele Grüße

Jurata, den 4.6.1943

Lieber Paul Gerhard!

Was für eine Reise! Der Transport war wirklich anstrengend. Ganze 200 Kinder haben wir in Gelsenkirchen abgeholt. Fast die ganze Stadt war kaputt. Es sah wirklich schlimm aus, als wir durchfuhren. Die Kinder bekamen unsere Partei-Fähnchen in die Hände, als sie den Zug bestiegen. Damit winkten ihren Familien aus den Fenstern zu. Sie schienen sich überwiegend zu freuen, aber manche von den Kleinen weinten auch. Kein Wunder, so viele heulende Mütter habe ich lange nicht gesehen. Damit machen sie es ihren Kindern erst recht schwer.

Die Fahrt durch Deutschland war anfangs traurig anzusehen. An Dortmund sind wir vorbeigefahren, die Vororte sind ziemlich kaputt, wie mag erst die Innenstadt aussehen? Dann wurde es allmählich schöner, als wir durch Wiesen und Felder fuhren. Doch je weiter wir nach Osten kamen, desto schäbiger wurde das Land und desto mehr erinnerte es mich an meinen Osteinsatz letztes Jahr.

Meine Freundin Inge ist schon in Danzig ausgestiegen und mit ihrer Schar von etwa 30 Jungmädeln dort in einem Lager. Danzig soll ja sehr schön sein, hoffentlich kann ich einmal einen Ausflug dorthin machen und sie dann besuchen. Allerdings war mein erster Eindruck von der Stadt vom Zug aus alles andere als schön.

Als wir dann in Jurata ankamen, waren alle so erschöpft von der Reise, dass wir die Schönheit dieser Gegend noch gar nicht erkennen konnten.

Gut, dass ich nicht wieder mit einem Transport zurückzufahren brauche. Das war eine Arbeit mit all dem Gezänk und vor allen Dingen mit den Kindern selber. Als wir in Gelsenkirchen aus dem Bahnhof fuhren, wurde zum ersten Mal die Notbremse gezogen. Der Lokomotivführer sagte, dass das bei jedem Transport fünf bis sechsmal vorkäme. Auf unserem passierte es bloß dreimal.

Bereits in Gelsenkirchen und auch unterwegs waren es dann so richtige B.D.M.-Typen, die für Ordnung sorgten. Das war aber auch nötig, denn die Kinder gingen vor Aufregung immer wieder über die Bänke und hauten und pikten sich sogar mit den Fähnchen. Die Verpflegung bestand am Vormittag aus Kaffee und vier Schnitten Brot. Am Nachmittag gab es warme Graupensuppe. Das klappte alles gut und war tadellos.

Kinder sind von allen Sorten manche dabei, aber so richtig beurteilen kann ich das noch nicht, denn ich kenne sie noch nicht richtig.

Keine fünf Minuten von hier ist der Nordstrand, also das offene Meer, sofern man das von der Ostsee sagen kann. Das ist der Badestrand mit Sand und Dünen. Durch den lichten Kiefernwald tritt man direkt ans Meer. Keine zwei bis drei Minuten dauert es bis zum Südstrand mit dem Watt, so schmal ist die Halbinsel. Es ist fantastisch. Nur schade, dass Inge und ich nicht zusammen hier sein können. Mir kommt alles wie ein Traum vor und gar nicht wie die Wirklichkeit. Von meinem Fenster kann ich sogar direkt auf das Meer sehen. Allerdings sehe ich auch heute vor allem grau, denn das Wetter ist nicht gut. Leider war ich noch nicht ein einziges Mal im Wasser, entweder es war zu grau oder es war einfach zu viel zu tun. Aber beim nächsten schönen Wetter will ich wirklich mal hinein, wenigstens etwas plantschen.

Hier im Hotel Lido sind sechs Jungmädelscharen*, für die Schar Nummer vier mit dreißig Jungmädeln bin ich zuständig. Sie sind im fünften Schuljahr, also Elf- bis Zwölfjährige. Natürlich sind hier keine Hotelzimmer mehr, vom ehemaligen Luxus ist auch kaum noch etwas zu sehen. Stattdessen ist es vollgestopft mit zweihundert Kindern. Sie wohnen zu acht in einem Zimmer, also

in vier Doppelstockbetten.

Wir Unterführerinnen wohnen zu zweit zusammen. Annelie, mit der ich das Zimmer teile, kommt aus Berlin. Sie hat eine ziemliche Lockenmähne, ist eine Sportskanone und schon seit April hier. Sie ist sehr nett und kameradschaftlich und hat sich für ein Jahr verpflichtet, leistet also hier ihr Pflichtjahr ab.

Es gab zur Begrüßung für alle Bonbons und eine Apfelsine extra. Zwar nur eine, aber keine kleine.

* Jungmädelscharen: Untergruppen des B.D.M. für Mädchen von 10 bis 14 Jahren (analog dazu 'Pimpfe' bei der männlichen Hitlerjugend)

Wenn es Dir recht ist, schreibe ich Dir ein andermal vom Tagesablauf hier. Wenn Du Deinen Eltern schreibst, bestelle ihnen einmal schöne Grüße.

Viele Grüße von

Feldpostbrief, o.e., den 10.6.43

Liebe Rosemarie!

Über Deinen lieben Brief habe ich mich sehr gefreut und ich danke Dir dafür recht herzlich!

Ich war gerade auf dem Weg zum Bahnhof, als Dein Gruß kam. Ein Kamerad brachte ihn mir nach. So begann dann mein Urlaub. Er dauerte sechsundvierzig Stunden, leider nur sechsundvierzig Stunden! Das war unser erster Heimaturlaub.

Du hast Dir ja augenblicklich einen schönen ›Beruf‹ ausgewählt. Da musst Du ja starke Nerven haben, damit Dich Deine Zöglinge nicht allzu viel ärgern. Aber so, wie ich Dich kenne, bist Du ja sehr energisch. Auf dem Transport hast Du ja ein schönes Stück Deutschland gesehen. Das muss ja herrlich sein, so nahe am Strande zu wohnen. Ich war mal auf der Insel Amrum, aber da wohnten wir noch in T.. In der Ostsee bin ich leider noch nicht gewesen.

Die Halbinsel Hela muß ja, so wie Du sie schilderst, landschaftlich sehr schön sein. Aber die Heimat bleibt doch immer das schönste Fleckchen auf der Erde. Ich käme ja nochmal gerne in den Teutoburger Wald. Noch mal in aller Ruhe zur ›Archepols-Hütte‹ hinaufsteigen. So ganz dunkel kann ich mich noch an jene schöne Zeit erinnern. Heute würde ich wohl die Gegend mit ganz anderen Augen sehen.

Der halbe Tag, den ich im vorigen Jahr bei Euch verbringen durfte, war ja viel zu kurz.

Im Winter war ich in einem Ski-Lager in Oberstdorf im Allgäu. Dort war es herrlich. Zum ersten Male in den Alpen. Es war eine Belohnung für die Weihnachtspielzeugbastelei.

Wie ich oben schon erwähnte, hatten wir anderthalb Tage Urlaub. Da galt es natürlich, viele Besuche zu machen. Meine Eltern danken Dir herzlich für Deinen Gruß. Sie freuten sich sehr, noch mal etwas von meiner ›kleinen Freundin‹ zu hören. Nimm mir bitte die beiden Wörter nicht übel. Aber so sagten sie es. Wäre es nicht schön, wenn es so wieder würde???

11.6.43

Liebe Rosemarie!

Ich habe gestern Abend den Brief nicht fertigbekommen. Deshalb möchte ich ihn jetzt zu Ende führen. Ich möchte Dir mal etwas über unsern Dienst erzählen. Natürlich nur das, was für die Öffentlichkeit bestimmt sein darf.

Wir werden morgens um sieben Uhr geweckt. Bis 8:15 müssen wir Kaffee getrunken haben, Betten gebaut und die ›Bude‹ in Ordnung haben. Dann haben wir bis neun Uhr Unterricht über: Verhalten in der Öffentlichkeit, Verhalten gegenüber Vorgesetzten usw. Anschließend haben wir Unterricht über ein Spezialthema der Flak. Von 11:35 ab werden Ordnungsübungen abgehalten. Da geht es dann toll her. Hinlegen – auf – hinlegen – auf. Du kannst Dir ja denken, wie es da zugeht. Wer da kein dickes Fell hat, dem ist bald alles leid. Um zwölf Uhr ist Essen und Postausgabe. Das ist natürlich die schönste Stunde vom Tage. Dann ist bis vierzehn Uhr Bettruhe. Von 14:15 bis 17 Uhr ist dann Geräteexerzieren und Fernsprechdienst. 17:05 Abendkostausgabe und Abendessen. 21 Uhr Zapfenstreich. In der Freizeit müssen dann die Schuhe geputzt werden und die Uniform in Ordnung gebracht werden.

Heute habe ich nun so viel vom Dienst und von mir geschrieben. Im nächsten Brief will ich Dir mal etwas von meiner Familie berichten.

Entschuldige bitte die Bleistiftschrift. Wir können hier leider keine Tinte bekommen.

Hoffentlich kannst Du schöne Pfingsttage verleben!

Nun sei recht herzlich gegrüßt von

Deinem

Jurata, den 13.6.1943

Lieber Paul Gerhard!

Vielen Dank für den Bericht über Deinen Tagesablauf. Es geht ja ganz schön zackig bei Euch zu, muss wohl auch so sein. Ich beschreibe Dir unser Lager auch gleich.

Doch erst einmal dazu, dass mich Deine Eltern Deine ›kleine Freundin‹ nennen. Sie sehen uns wohl immer noch mit Dreirad und Puppenwagen unterwegs? Dabei tragen wir inzwischen Verantwortung für unser Land und unsere Zukunft, Du als Flakhelfer und ich als B.D.M.-Mädel. Na ja, man kann es ihnen nicht übelnehmen, wir sind ja ihre Kinder, und Kinder bleiben für sie wohl immer klein. Zeigen wir ihnen also, wie wir in die Zukunft blicken und was wir inzwischen können!

Du warst sogar Skifahren in den Alpen? Das würde ich auch gerne einmal ausprobieren. Unser Teutoburger Wald hat zwar auch einige Hügel, die wir hinuntersausen können, aber die Alpen sind in der Hinsicht wohl etwas ganz anderes. Meine Mutter war einmal im Allgäu und schwärmt immer wieder davon. Sie hat mir sogar empfohlen, dorthin zur K.L.V. zu gehen, aber ich wollte lieber mit Inge zusammen fahren. Nur hat das leider nicht richtig geklappt. Außerdem soll im Süden die Verpflegung viel schlechter sein als hier, sagte unsere Lagerleiterin. Was nützt mir eine schöne Aussicht, wenn der Magen dabei knurrt? Dann ist ja alles nur ein halber Genuss.

Hier in unserm K.L.V.-Lager herrscht durch die vielen neuen Kinder ein ziemliches Durcheinander und wir müssen erst einmal Ordnung schaffen. Als Erstes musste ich Geld und Wertsachen einsammeln, vor allem die Ohrringe, die sie ja hier nicht tragen sollen. Das müssten sie eigentlich von zu Hause aus ihrer Jungmädelschar wissen. Manche behaupteten, sie seien eingewachsen, aber auf genaueres Nachfragen haben sie sie dann doch freiwillig abgegeben.

Gestern haben wir groß aufgeräumt, während die Mädels ihren ersten Schultag hatten. Kurz vor Schulschluss um halb eins sind wir durch die Zimmer gestreift. Trotz allen Redens halten die Blagen keine Ordnung. Alles kunterbunt durcheinander, die unmöglichsten Sachen zusammen. Du fragst Dich vielleicht, ob ich denn zu Hause immer Ordnung gehalten habe? Vielleicht nicht immer, aber ich habe wenigstens einen Ordnungssinn. Nur müssen sich die Mädels hier auf so wenig Platz beschränken, da geht es eben nicht ohne. Alle diese Zusammenstellungen und -knüllungen haben wir in einem Schubs heraus auf den Boden geworfen, sie mussten von den Mädeln neu eingeräumt werden. Manche verstanden es schnell, andere mussten es so lange tun, bis wir nichts mehr daran auszusetzen hatten.

Jetzt ist jeden Morgen eine Stunde nach dem Wecken um sieben Uhr Stubenabnahme. Für jede Unterführerin wird in den einzelnen Zimmern ihrer Schar von den Stubenältesten Meldung gemacht. Dann wird alles nachgesehen und, wenn nötig, herausgerissen. Überhaupt, wenn irgendeine Führerin, gleich zu welcher Zeit, den Raum betritt, schreit die Stubenälteste: »Achtung!« und es muss von den Mädels Haltung angenommen werden. Auch früh am Morgen wird der Hitlergruß eingefordert.

Einen Ton, eine Art und ein Benehmen haben die manchmal an sich, unglaublich, aber auch wieder erklärlich. Aus dem Kohlenpott kann, abgesehen von ein paar Ausnahmen, nicht viel Gutes erwartet werden. Sogar die Fahne musste hier wieder neu einstudiert werden. Was dachten die Mädel denn, was hier anders sei als zu Hause? Also noch einmal neu:

»Unsere Fahne ehren heißt auch hier: Antreten, Strammstehen, Singen, mit dem Hitlergruß die Fahne grüßen, während sie hochgezogen wird, Ansprache, wieder Singen, Abtreten!«

Gut, dass die Lehrerinnen berechtigt sind, auch mal handgreiflich zu werden. Sie hatten uns hier eingeführt, wie der Betrieb laufen muss. Anders sind die meisten nicht kleinzukriegen. Jedes Anfahren hilft nichts. Zum Beispiel wurde gestern Abend die Fahne wegen des schlechten Wetters, das bei den Kindern Krankheit nach sich ziehen könnte, von den Führerinnen eingeholt. Während wir da unten standen, lachten einige der gemeinen Kröten und machten gemeine Bemerkungen in Bezug auf die Fahne. Das war wirklich beleidigend. Trotz einer Verwarnung, die einige Tage vorher aus demselben Grund ausgesprochen war, wurde es wieder getan.

Du denkst gewiss, Kinder sind Kinder. Nein, für so was muss ihnen das Gefühl eingebläut werden. Wenn sie es nicht wissen, ist es ein schlechtes Zeichen. Schließlich mussten sie sich gestern Abend wieder anziehen und vor die Tür stellen, auch diejenigen, die nach einmaliger Verwarnung das Schwätzen bei Nachtruhe nicht lassen können. Sie wurden aufgeschrieben und ausgeschimpft. Schließlich zockelten sie heulend nach oben. Heute Morgen durften sie nicht mit zur Fahne, ich glaube, jetzt sogar mehrere Tage nicht. Aber sie haben trotzdem noch eine Frechheit an sich, das ist einfach nicht zu glauben. Sie benehmen sich in einer lässigen Art und Weise, auch zu den Führerinnen, einfach unbeschreiblich. Dabei haben sie es hier so gut, so viel Abwechslung und Freude.

Die Lagerleiterin hat schon recht, wenn sie sagt: »In der ersten Zeit lieber die Daumenschrauben etwas fester drücken und allmählich lockern.« Du wirst sicher denken, dass es hier rabiat und radikal ist, aber wenn du hier wärest, würdest du bald anderer Meinung sein. Bedenke nur, zweihundert Kinder und nur ein paar Schwatzmarieen genügen, um die ganze Gesellschaft toll zu machen. Es sind schließlich Kinder.

Ein anderer Fall: Eine Stube unterhält sich aus dem zweiten Stock mit einem Polen unter dem Fenster und schreit und lacht hinter ihm her. Da kann nur auf solche Art durchgegriffen werden.

Du hast doch auch Geschwister in dem Alter, können die schon Ordnung halten?

Tränen sind auch schon geflossen, besonders gestern Abend. Alle Mädel haben sich doch bei der Aufnahme verpflichtet, sich in der Heimat durch hilfsbereites, freundliches und höfliches Benehmen unseren Kämpfern an der Front würdig zu erweisen. Es soll ein Dank sein für ihre Leistungen und all die Opfer, die diese gebracht haben. Wir werden sie wieder und wieder daran erinnern müssen. Doch ich bin guten Mutes, dass sie es unter unserer Aufsicht endlich lernen werden.

Abends in den Betten sieht die Welt jedoch ganz anders aus, dann geht nämlich die Heulerei los. Bei so vielen, vor allem bei den Kleinen, bricht unter der Bettdecke das Heimweh aus.

»Willst du ein schwaches Kind sein? Ein deutsches Mädel, das dem Führer dient, bekommt kein Heimweh!«, sage ich ihnen jedes Mal. Ab und zu kommt mir der Satz meiner Großmutter in den Sinn: »Heimweh ist ein heilig Band zwischen Herz und Heimatland.« Doch wenn ich hier mit 'heilig' anfange, reißen sie sich gar nicht mehr zusammen, obwohl es doch stimmt. Denn ich spüre das Band zwischen Herz und Heimatland auch ganz stark.

Mir geht es nämlich nicht anders. Obwohl es hier so schön ist und ich vor lauter Arbeit gar keine Zeit für Heimweh haben dürfte, leide ich manchmal mit ihnen. Der Krieg raubt ihnen die glückliche Kindheit und mir die unbeschwerte Jugend. Manchmal übermannt es mich unter meiner eigenen Bettdecke, wenn ich nur an unsere beiden Dackeldamen Lilo und Lumpi denke. Erinnerst Du Dich an sie? Oder auch, wenn ich an meinen 'Karnickelverein' denke. Dann bin ich es, die sich zusammenreißen muss, balle meine Hände zu Fäusten und frage mich, ob ich eigentlich ein schwaches Kind oder eine deutsche Frau sein will. Diese Frage hilft mir letztlich mehr als Großmutters Satz.

Die Zeit hier ist keine verlorene Zeit, sage ich mir dann. Ich lerne hier viel für mein Leben. Was sollen denn unsere tüchtigen Soldaten an der Front sagen, die vielleicht den Herbst nicht mehr erleben? Ich bin wohl ungerecht damit, dass ich so schwach werde.

Nun will ich Dir von erbaulicheren Dingen schreiben:

Unsere Lagerführerin ist bis jetzt pfundig. Sie ist nicht darauf bedacht, dass wir uns abhetzen. Wir sollen dreimal in der Woche einen freien Morgen haben. Wir haben hier die Lagerführerin, eine Lagermädelführerin, wir sechs Unterführerinnen, zwei Wirtschaftsführerinnen, bei denen wir sogar unsere Wäsche abgeben können, die beiden Schwestern, wegen denen wir keinen Krankendienst machen müssen, das Kollegium, bestehend aus drei Lehrerinnen, eine Köchin, eine Waschfrau und den Hausmeister mit seinem Dackel. Der ist sehr lustig und erinnert mich an Lilo und Lumpi zu Hause und merkte sofort, dass ich Dackel gerne habe.

Eine unserer Aufgaben ist der regelmäßige Gesundheitsappell, bei dem wir bei den Kindern regelmäßig nach Läusen Ausschau halten müssen. Bis jetzt hatten wir Glück, es gab noch keine lebendigen. Ob Dich das interessiert? Du kämpfst für unser Land und ich rede über Läuse.

Die Verpflegung dagegen ist tadellos hier. Morgens gibt es dick Butter oder Margarine mit Marmelade oder Sirup. Oft fällt für uns Führerinnen noch mal eine Stulle extra ab.

18.6.1943