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Geschichten vom Schweben, Fliegen und Landen auf der Suche nach dem, was man Liebe nennt. Wo sind die rosaroten Wolken, von denen immer die Rede war? "Liebesgetaumel", Geschichten rund um die Liebe, sind Kurz- und Kürzestgeschichten von Schwärmereien, Sehnsüchten, Träumen und Wirklichkeit, mit Witz und Ironie erzählt.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2020
Alle Geschichten sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit Personen oder Begebenheiten sind rein zufälliger Natur.
Ida Eidel
Liebesgetaumel
Geschichtenrund um die Liebe
© 2020 Ida Eidel
Umschlaggestaltung: Ursula Striepe
Korrektorat: Inga Luisa Striepe, Harald Kipp
Verlag & Druck: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback ISBN 978-3-7482-4085-3
Hardcover ISBN 978-3-7482-4086-0
e-Book ISBN 978-3-7482-4087-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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In der Menschenmenge scheinen
Die Möglichkeiten grenzenlos
Doch immer wieder muss ich weinen
Und ständig warten bloß
Ich denk' ich hab' die Wahl
Doch was entscheidet wen wir lieben
Manchmal ist es eine Qual
Immer neu zu sieben
Inhalt
Beschreibe dich selbst
Der erste Kuss
Schöner Sohn
Geschmacksverirrung
Der Baum
Was nun
Teures Techtelmechtel
Abgeliebt
Eva sucht Adam
Adam sucht Eva
Schlangen
Pralinen
Weltenwechselstimmung
Anspruchsvolle Sie sucht ihn
Meine Freundin
Benching
Perspektivwechsel 1
Perspektivwechsel 2
Unterwegs
Wieder daheim
Es ist diese Sehnsucht
Mein Herz
Marion und der Nacktputzer
Immer wieder allein
Nachwort
Beschreibe dich selbst
Weiblich, keine Behinderung, außer der gängigen, geschlechtsbedingten
Nordeuropäisch, norddeutsch, alte Länder, daueraufenthaltsberechtigt
Hautfarbe weiß, mit Sommersprossen, manchmal rot bei Sonnenbrand
Konfession: ehemals evangelisch, ausgetreten, ich glaube an die Natur
Weltanschauung: weiß nicht, ändert sich hin und wieder
Sex: normal, Frau/Mann, also hetero
Alter: Keine Angabe
Herkunft: Arbeitermillieu, einfach aber rechtschaffend, ordentlich
Situiert: aufgestiegen, studiert, jetzt Mittelschicht, noch, wenn die Rente kommt, sieht das anders aus
Der erste Kuss
Mein erster Kuss? An den Allerersten kann ich mich nicht erinnern, aber an einen der Ersten. Ich hoffte damals, dass nicht alle so sein würden.
Ich glaube, ich war dreizehn. Er war sechzehn und ein bisschen moppelig. Für heutige Verhältnisse schlank und kräftig, aber damals eben mollig. Sein Gesicht war ganz ansehnlich, ein bisschen Babyface und die Haare waren auch lang genug. Irgendwie fand ich ihn süß. Wir lernten uns auf einer Tanzveranstaltung im Haus der Jugend kennen. Disco nannte man das damals. Wir tanzten, er ließ seinen Kopf mit Mähne kreisen, ich auch, wir gingen dann miteinander, 14 Tage lang. Ich habe genau mitgezählt.
Ich besuchte ihn bei sich zu Hause, fuhr mit dem Fahrrad hin. Er wohnte etwas außerhalb der Ortschaft und hatte ein Mansardenzimmer unterm Dach. Farblich alles eher grau und düster gestaltet, aber nach Jungsbedürfnissen eingerichtet.
Nachdem wir lange umeinander herum geschwänzelt waren, weil keiner so recht wusste, wie man es denn nun anfängt, wenn man sich küssen will, kam es endlich zum Äußersten. Zum Zungenkuss!
Dass sich die Zungen dabei berühren müssten, war mir klar. Er steckte seine Zunge gleich tief in meinen Mund und rührte darin herum. Mir blieb nichts anderes übrig als dabei mit zu machen. Er hatte offenbar einen größeren Appetit und ihm lief schon das Wasser im Mund zusammen. Der überschüssige Speichel tropfte aus unseren Mundwinkeln seitlich heraus. Dieses Gesabber gefiel mir nicht. Doch er konnte nicht genug kriegen und der Kuss wollte und und wollte kein Ende nehmen. Ich bekam schon keine Luft mehr und wenn es gegangen wäre, hätte mir die Zunge aus dem Hals gehangen, aber ich musste ja weiterrühren. Auch meine Bemühungen ihm deutlich zu machen, dass ich jetzt genug hatte von diesem einen Kuss, fruchteten nicht. Ich hätte mir damals eigentlich schon denken können, dass ihm und auch vielen seiner Artgenossen die Sensibilität dafür fehlte, wann es gut war. Männer merken manchmal nichts. Nicht alle natürlich.
Doch irgendwann, kurz vor meinem Erstickungstod, war dann Schluss. Ich hatte meinen Mund und meine Zunge wieder für mich. Für einen weiteren solchen Kuss wollte ich uns keine Chance geben und musste dann auf einmal früh nach Hause, was natürlich nicht stimmte, aber das konnte er ja nicht wissen. Nach einer unruhigen Nacht und einem weiteren Tag rief ich ihn an und machte telefonisch Schluss.
Schöner Sohn
Sein Anblick ließ ihr Blut schneller fließen. Ein Hauch von Abenteuer umgab ihn, eine Aura ungeahnter Freiheit, die Sehnsucht in ihr erweckte. Sie fand ihn cool, wie er so da saß und rauchte. Er schaute sie verschmitzt lächelnd an, als sie ihren ersten Lungenzug nahm und entsetzlich husten musste.
Er war wieder frei, das wusste sie. Sie wusste jedoch nicht, ob sie zur HDJ-Disco kommen durfte. Sie war ja erst dreizehn. Er würde da sein, das war klar. Und einige andere Mädchen, die auf ihn scharf waren, würden auch da sein. Sein Vorschlag, ihm eine geheime Botschaft zu senden, klang abenteuerlich und heizte ihren Herzschlag an. Sie sollte einen Zettel vergraben, links in dem Beet neben der Haustür ihres Wohnblocks. „Ja, ich darf“, oder „Nein, ich darf nicht“, sollte drauf stehen. Als sie in der Dämmerung vor dem Beet stand, fühlte sie sich jedoch überhaupt nicht mehr abenteuerlich, sondern peinlich berührt. Was, wenn sie jetzt jemand sehen würde? Die Nach barn! Nein! Sie beschloss, nichts zu vergraben, sondern einfach hinzugehen. Wahrscheinlich hatte er das sowieso nicht ernst gemeint mit der Buddelaktion.
Im HDJ ließ er auf sich warten. Das Gefühl der Enttäuschung versuchte langsam in ihr aufzusteigen. Sie ließ es nicht zu und sich nichts anmerken, verhielt sich cool und versuchte zu rauchen. Endlich war er da. Er klopfte seine Hände ab. Sie sah den Dreck unter seinen Fingernägeln. Er war so schön, wie er da stand, so lässig authentisch, sie hätte dahin schmelzen können. Wo sie denn den Zettel vergraben hätte, wollte er wissen. Er hätte das ganze Beet umgegraben und das daneben auch. Sie stellte sich bildlich vor, wie er im Dunkeln auf Knien vor dem Blumenbeet kauerte und alles durchwühlte – nach einem kleinen Zettel, der nicht da war. Sie hätte nicht gedacht, dass er das tun würde, dass er das ernst meinte. Es war ihr unangenehm, an ihm gezweifelt zu haben.
Sie gingen miteinander. Die Konkurrenz war chancenlos. Ihre Mutter war von ihm be geistert. Er strahlte sie aber auch an, mit seinen weißen Zähnen.
Sie waren bei ihm zu Hause. Sie lagen auf seinem Bett. Sie gingen durch die Straßen, sie schaute ihn an. Sie mochte sein Gesicht im Profil. Sie unterhielten sich über Koteletten und lange Haare. Sie hörten Musik, sie hatten sich lieb. Er sie vielleicht ein bisschen mehr als sie ihn. Aber das wusste sie da noch nicht.
Irgendwann war er weg. Er wollte sie von der Schule abholen, kam aber nicht. Sie wartete lange. Auf ihrem Heimweg fing er sie ab. Er sei rausgeschmissen worden von zu Hause. Sein Vater. Jetzt würde er zu seinem Bruder in die WG nach Hamburg ziehen müssen. „So weit weg“, dachte sie. Ob sie ihn besuchen würde, in den Ferien, fragte er. Sie könnten bei seiner leiblichen Mutter in einem Vorort von Hamburg wohnen. Das würde ihre Mutter sicher erlauben. Die Mutter tat es. Sie wusste allerdings nicht, dass seine Mutter die beiden allein lassen würde, ein ganzes Wochenende lang, und dass sie die restliche Zeit in Hamburg verbrachten, in der WG seines Bruders und auf der Piste. Es war eine aufregende Woche. Sie lebten die Freiheit und das Abenteuer, auch wenn die eine gemeinsame Nacht, auf die sie es abgezielt hatten, irgendwie daneben ging. Was hatten sie erwartet? Es war für beide das erste Mal. Dass es das auch für ihn war, erfuhr sie erst circa dreißig Jahre später. Er wollte Präservative kaufen. Sie hatten kein Kleingeld. Hatten sie überhaupt Geld? Es war trotzdem schön.
Sie wäre gerne bei ihm geblieben, doch sie ging noch zur Schule und Hamburg war weit weg. Als sie ein Jahr später auch in der Großstadt war, wohnte er in einem Vorort, das war nicht so weit weg. Sie hatten es dann noch mal miteinander versucht, doch die Zeit hatte etwas verändert. Er wirkte irgendwie getrieben. Sie war noch nicht raus aus der Pubertät und ein wenig orientierungslos. Er spielte Gitarre und dann war da auch irgendwann ein anderes Mädchen. Trotzdem verloren sie nie ganz den Kontakt. Sie träumte immer noch davon, wie er so war, als sie sich kennenlernten. Diese Zuversicht, dieser erwartungsvolle, positive Blick in die Welt, dieses Strahlen in seinen Augen. Er hatte sie damals mitgerissen. Es wäre schön gewesen, wenn sie noch mal in diesen Sog hätte gelangen können.
Dann geschah lange Zeit nichts. Sie hatte ihn fast vergessen. Sie fand ihre ganz große Liebe, heiratete und bekam Kinder. Der große Tsunami 2004 rüttelte etwas in ihr wach. Sie wusste, dass er häufiger nach Indonesien fuhr, um dort für sein Geschäft einzukaufen. „Ob ihm etwas geschehen war?“, diese Frage drängte sich ihr auf und sie machte ihn irgendwie ausfindig. Zum Glück ging es ihm gut. Er hatte sich eine Frau mitgebracht, direkt aus dem Paradies, wie er sagte. Und er war Vater, hatte einen Sohn. „Eurasisch, ein eurasisches Kind, wie interessant“, dachte sie, „das sind oft sehr schöne Menschen.“ Er brachte ihn einmal mit zu ihr. Sie schaute das Kind an und versuchte irgendeine Gemeinsamkeit zu finden. Irgendein Merkmal, einen Gesichtszug, eine typische Bewegung. Doch sie sah nichts. Das Kind hatte absolut keine Ähnlichkeit mit ihm. Sie wagte nicht, zu fragen, ob er wirklich der Vater war, denn er war so verliebt in den Kleinen, so begeistert von dessen Existenz. Durch ihn hoffte er, wieder Kontakt zu seinem Vater zu bekommen, der ihn einst rausgeschmissen hatte. Wie lange war das her? Er hatte tatsächlich die vielen Jahre lang keinen Kontakt mehr zu ihm und seiner Schwester. Was war bloß geschehen? Doch auch durch die Existenz eines Enkelkindes konnte er seinen Vater nicht erweichen. „Vielleicht war es auch gut so“, dachte sie, „bei einem Kind, dass so anders aussah.“
Und dann machte er einen großen Fehler. Er, den sie immer mit Redlichkeit verband, mit weißen Zähnen und Sauberkeit, mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Er, der ihr auf ihre Frage, woran sie ihn erkennen würde, nach so vielen Jahren, antwortete, sie solle nach dem Gesichtsältesten Ausschau halten, was er natürlich gar nicht war, jedenfalls nicht in ihren Augen. Er, der ihr gestand, sie sehr geliebt zu haben. Er fragte sie per SMS, ob sie ficken wollten. Sie hielt ihn für betrunken, als er diese SMS schrieb, und antwortete nicht. Dann kam eine Nachricht, die vor Verletztheit und daraus resultierender Bosheit nur so strotzte. Sie fand das ordinär und unangebracht. Seitdem, und das ist auch schon sehr lange her, haben sie nichts mehr voneinander gehört. Ob sie sich noch mal wieder sehen? Google findet ihn nicht. Aber das muss ja nichts heißen.
Geschmacksverirrung
Lange Zeit war er der Grund, weshalb ich morgens früh aufgestanden bin und zur Arbeit ging. Ich arbeitete bei der Post im Telegrafenamt. Das hört sich jetzt sehr altmodisch an, ist es auch, gibt es heute nur noch als Museum. Er war in der Auslandsabteilung tätig, die hinter meiner, der Inlandsabteilung lag. Das hieß, er musste immer an meiner Abteilung vorbei gehen, wenn er zu seinem Arbeitsplatz wollte. Ich sah ihn also häufig nur von hinten. Hab ich ihn eigentlich auch mal von vorn gesehen? Ja, aber sehr selten. Meist warf ich dann verstohlen einen Blick zu ihm. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er ihn je erwidert hätte. Vielleicht hatte er ja auch schon geguckt, bevor ich guckte. Keine Ahnung. Aber auch diese Hoffnung hielt meine Liebe zu ihm aufrecht.
Er war blond und ziemlich unscheinbar. Kurze Haare, wenig markantes Gesicht, ordentliche, unauffällige Kleidung. Häufig beige Hosen, im Fivepocketstil, und spießige Polo hemden. Bestimmt wohnte er noch zu Hause. Eigentlich stand ich auf auffälligere Typen, solche, die eher unangepasst schienen und ein wenig rebellisch. Er war so - normal. Ich hatte wohl grade ein Faible dafür.
Wenn er ging, zog er bei jedem Schritt die Fersen hoch, so als hüpfe er ein bisschen. Es gibt Leute, die gehen so. Hat wohl irgendwas mit einer Sehnenverkürzung zu tun. Meistens ist es mir bei Männern aufgefallen. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich Frauen nicht so oft hinterher guckte. Standfestigkeit, Bodenhaftung oder ein gutes Auftreten signalisierte so eine Gangart nicht, aber die Hormone, die in meinem Blut kursierten, vernebelten meinen Verstand. Es war mir egal.
Ich fieberte den wenigen Momenten entgegen, in denen die Wahrscheinlichkeit, dass er an meiner Abteilung vorbei musste, groß war. Nicht immer kam er. Dann hoffte ich erwartungsvoll auf die Nächste. Er war schon volljährig und hatte deshalb wechselnden Schichtdienst. Früh-, Spät-, Mittel- und Nachtdienst gab es. Ich bekam ziemlich schnell den Rhythmus seiner Arbeitszeiten heraus.
Ich glaube, dass es ungefähr ein dreiviertel Jahr lang so ging. Ich hoffte immer dringender auf ein Zeichen von ihm, dass er mich auch irgendwie gut oder attraktiv fand. Aber entweder er interessierte sich wirklich nicht für mich, oder er war schwul, oder er merkte gar nicht, dass ich ihn toll fand, oder er war zu schüchtern, um wenigstens einmal zu gucken. Jedenfalls verlor ich dann das Interesse. Irgendwann später sah ich ihn mal in der Kantine. In voller Lebensgröße und in Bewegung. Da wusste ich dann auf einmal nicht mehr, was ich an ihm eigentlich mal gut fand. Kurzhaarig, damals trug Mann eher Matte, graubeige, farblich wie ein Opa gekleidet, mit langärmeligem Polohemd, durchschritt er wippend mit einem Teller Suppe auf dem Tablett den Speiseraum zum Tisch mit seinen Kollegen.
Ich muss wohl unter Geschmacksverirrung gelitten haben. Was Hormone alles so ausrichten können.
Der Baum
