Muttertorte - Ida Eidel - E-Book

Muttertorte E-Book

Ida Eidel

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Beschreibung

Der Roman "Muttertorte" gibt einen kleinen Einblick in das Leben in einem Seniorenheim und eine Mutter-Tochter-Beziehung im Veränderungsprozess. Das "Altwerden" und damit verbundene Defizite, die den alternden Menschen betreffen und seine Angehörigen ebenso angehen, sind in naher Zukunft ein Thema, das einen Großteil unserer Gesellschaft beschäftigen wird. Die "Babyboomer" sind jetzt schon häufig in der Situation, sich um die eigenen Eltern kümmern zu müssen. Und sie werden selbst einmal alt und sind dann ganz viele. Dieses Buch kann helfen Fragen zu beantworten. Ist wirklich alles so schön, wie es in den Hochglanzprospekten mit glücklich lächelnden Alten angepriesen wird? Tagebuchartig erzählt die Autorin aus dem Leben ihrer Protagonistinnen. Die Tochter kümmert sich um alle Angelegenheiten ihrer Mutter und besucht sie wöchentlich im Seniorenheim. Neben seltsamen Begebenheiten und Einblicken in das Leben im Heim, wird deutlich, wie schwierig es sein kann, die Balance zwischen Mitleid, Pflichtbewusstsein und Bevormundung zu halten. In rückblickenden Briefen, die die Tochter an ihre Mutter schreibt, wird aus dem Leben von Mutter und Tochter erzählt und die Nachwirkungen der Kriegskindergeneration werden sichtbar.

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EPUB
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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für meine Kinder

Phantasie ist eine wundervolle Gabe, sie auszuleben ein echtes Privileg. Die Geschichte des Romans Muttertorte ist frei erfunden. Sämtliche Ähnlichkeiten mit Personen oder Begebenheiten sind rein zufälliger Natur. Nur das Rezept ist echt und nachbackbar.

Ida Eidel

Muttertorte

Meine Mutter ist da, wo sie nie hinwollte: Im Heim

© 2019 Ida Eidel

Umschlaggestaltung: Ursula Striepe

Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg

Paperback

ISBN 978-3-7469-7615-0

Hardcover

ISBN 978-3-7469-7616-7

e-Book

ISBN 978-3-7469-7617-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

Inhalt

Spaziergang im Dahliengarten

Brot

Tochter besuchen

Alkoholexzess

Entszugserscheinungen

Muttergedanken

Woher kommt das Geld?

Schlägerei

Fliegende Blumenübertöpfe

Agressionen

Das zerstörte Bild

Der verschwundene Schlüssel

Der Schlüssel ist weg

Das andere Heim

Der Schlüssel bleibt verschwunden

Osterausflug

Orgelmusik

Tanzen im Mai

Im Urlaub

Zurück aus dem Urlaub

Am nächsten Tag

Medizin

Ein Tag Ende Mai

Gedanken an den gestrigen Tag

Unterforderung

Der Schlüssel, immer wieder der Schlüssel

Schafskälte

Telefonieren

Schöner Lebensabend

Ab in die Heide?

Ab in die Heide!

Am nächsten Tag

Ein normaler Spaziergang

Immer wieder suchen

Immer schlecht gelaunt

Klobürsten

Geburtstag

Obst und Blondinen

Innen wie außen

Telefonieren

Rempeln und Motzen

Kurzes Telefonat

Wunschtraum

Mein Geburtstag

Kaffee und Musik

Ein weiterer Tag mit Spaziergang

Besuch auf dem Weihnachtsmarkt

Modenschau

Noch ein Spaziergang

Weihnachtsfeier

Vor Weihnachten

Heilig Abend

Kurz vor Silvester

Telefonat mit einer Freundin6

Innerlicher Rückzug

Krankenhaus Notaufnahme

Ein paar Tage später

Negative Endlosschleife

Der kleine Prinz

Rezept

Spaziergang im Dahliengarten

Meine Mutter und ich gehen durch den Dahliengarten. Dieses Jahr blüht alles früher. Wir nutzen das schöne Wetter am Sonntag für diesen Ausflug. „Mann blühen die stark. So große Blüten hab' ich ja noch nie gesehen“, sagt sie immer wieder. „Wie schön.“ Ich freue mich darüber, dass sie sich freut.

„Und die kleinen runden da in Lila. Und diese ganz kleinen runden, sieh mal.“ Sie findet Pompon-Dahlien am schönsten, mit ihren ordentlichen, aufgeräumten Blütenköpfchen. Ich glaube, alle alten Damen finden diese Dahlien meistens schön, jedenfalls habe ich es schon öfter gehört. Ich mag Kaktusdahlien lieber, mit ihrem wilden, zerzausten Antlitz. „Ja, die sind schön“, antworte ich und mache ein Foto. „So eine Pracht habe ich ja noch nie gesehen. Waren wir hier schon mal?“ „Ja Mama, vor zwei Jahren, aber da blühte es nicht so schön, weil der Sommer so kalt und verregnet war.“

Sie kann sich nicht daran erinnern. Ich dachte es mir schon und hätte auch nein sagen können, um sie nicht zu verletzen, zu verunsichern. Doch ich kann nicht über meinen Schatten springen, kann sie nicht anlügen, muss es noch üben.

„So eine Pracht. Sind die schön, wie Sterne. Das hab' ich ja noch nie gesehen.“

Ich bekomme das Gefühl, dass sich ihre Begeisterung wie eine Endlosschleife in ihrem Kopf abspielt. Eindrücke auf Autoreverse geschaltet. Ich antworte immer wieder das Gleiche und sie ist zufrieden. Langsam werde ich es auch, denn es hat ja etwas für sich mit Dementen zu kommunizieren. Da es eh nicht mehr viel zu sagen gibt, sagt man immer wieder das Gleiche. Und es ist in Ordnung. Alles andere verwirrt nur. Mir bietet diese Art der Kommunikation ungeahnte Freiräume für eigene Gedanken und Ideen, für Fotografien, die ich mir sonst bei Spaziergängen mit anderen in einem andauernden inneren Kampf, nicht unhöflich erscheinen zu wollen, erlauben muss.

Wir trinken noch Kaffee und essen Kuchen auf der Terrasse des angrenzenden Kiosks. Der Apfelkuchen schmeckt ihr nicht. Ich dachte es mir fast. Sie hat am Essen immer etwas auszusetzen, mampft den Kuchen, das große Stück, aber brav auf. Sie würde ihn nie stehen lassen. Ihre Generation hat noch die Butter vom Papier gekratzt, bis das Pergament Löcher bekam. Notfalls hätte sie den Kuchen eingepackt, in ein Tempotaschentuch oder eine Papierserviette. In ihrem Zimmer stapeln sich Kekse und Kuchen in Servietten, im Kühlschrank Joghurts, auf dem Tisch wenig benutzte Servietten. Man kann sie ja nochmal nehmen. „Na, hast ihn ja doch geschafft,“ sage ich aufmunternd. „Ja, aber den Apfelmus da drinnen mag ich nicht“, sagt sie, während sie mit der Kuchengabel im letzten Stück stochert. Ich bezahle die Rechnung und auf der Heimfahrt wiederhole ich gebetsmühlenartig die Sätze, die das Gute betonen, eine 'alles wird gut Stimmung' aufkommen lassend. „Das war doch ein schöner Ausflug. So schöne Blumen. Gut dass wir das gemacht haben, bei dem schönen Wetter.“ „Ja.“

Als ich sie zum Heim zurück gebracht habe, bedankt sie sich bei mir für den schönen Nachmittag. Dann drückt sie mich ganz fest, das macht sie sonst nie. Hoffentlich war es nicht das letzte Mal, dass wir einen Ausflug machten, schleicht sich dieser Gedanke erneut bei mir ein. Irgendwann ist es wohl mal so. Ich verscheuche ihn schnell.

Liebe Mama,

Du bist die einzige Person, die ich schon seit meiner Geburt kenne. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, sehr wenig von Dir zu wissen. Du hattest ein Leben vor mir - bevor es mich gab, logisch.

Ich weiß nichts über die Zeit, als Du Kind warst. Du hast auch nie viel davon erzählt. Nur, dass Du mit Deiner Familie aus Schlesien vertrieben wurdest. Der Krieg. Ihr durftet nur das mitnehmen, was ihr tragen konntet und auf dem Weg in den Westen zum Vater wurde Deine Schwester geboren. Trockengeburt. Du warst erst 10 Jahre alt, Dein Bruder war etwas jünger. Du musstest als Älteste auf Deine kleinen Geschwister aufpassen. Schule gab es für Dich fortan nicht mehr, denn im Krieg wurde alles zerstört. Als es wieder Schulen gab, warst Du schon fast erwachsen.

Weißt Du noch? Ich habe Dich vor nicht langer Zeit gefragt, ob Du Dich an Eure Flucht noch erinnerst. Du sagtest, und das hat mich sehr überrascht: „Och, wir hatten eigentlich eine schöne Flucht. Wir hatten sogar einen Wagen. Da brauchten wir Kinder unsere Sachen nicht immer tragen. “

Ich stellte mir einen Lastwagen vor, Du meintest aber einen Handkarren, der in diesen Zeiten Luxus war. Ihr ward überwiegend zu Fuß unterwegs, den weiten Weg von Schlesien nach Norddeutschland.

Als ich Dich fragte, ob ihr hungern musstest, sagtest Du: „Hungern mussten wir nicht. Die Mutter hat gut für uns gesorgt.“ Du sagtest „die Mutter“, nicht „unsere“ oder „meine Mutter“. Darüber habe ich mich etwas gewundert.

Mehr konntest Du mir nach so vielen Jahren nicht erzählen. Es ist ja auch sehr lange her.

Deine Bärbel

Brot

Es rührt mich an, wie ich sie so dastehen sehe, eine Papierserviette in beiden Händen, in die Brot eingewickelt ist. Sie steht recht lange so da, leicht vorgebeugt und schaut mir zu, bei dem was ich so mache. Ich hole grade einen Koffer aus dem Schrank, wuchte ihn auf den Sessel und hole eine Packung Windelhosen heraus. Ich rede, wie ich so rede mit ihr, die wie ein kleines Kind geworden ist und mit der ich eigentlich kein wirklich interessantes Thema mehr habe. Ich registriere ihre Haltung und dass sie etwas in den Händen hält, gehe aber nicht darauf ein.

Dann ist sie dran. "Es ist schon vertrocknet", sagt sie etwas unglücklich mit leicht brüchiger Stimme. Sie meint das Brot, dass sie für den Hund geschmiert und aufbewahrt hat und das sie mir jetzt reicht. "Ist nicht so schlimm", beschwichtige ich, Hauptsache es ist nicht verschimmelt. Dann gucke ich noch in den Kühlschrank, der auch mal wieder abgetaut werden müsste und wofür ich niemals Zeit finde. Dort liegt noch mehr Brot, geschmierte Stullen mit Käse und Wurst. Für den Hund, weil der sich immer so sehr freut, weil er das so gerne mag.

Als sie mich zum Auto bringt, um mich zu verabschieden, möchte sie ihn gerne mal streicheln.

Erst später, zu Hause, wird mir diese Situation noch einmal bewusst. Warum eigentlich? Weil meine Mutter alt ist? Sehr alt? Und weil sie alles vergisst, was grade eben so gewesen ist? Weil sie sich aber trotzdem daran erinnert, dass unser Hund gerne belegte Brote ist? Schon seltsam, denke ich.

Tochter besuchen

In der letzten Zeit treffe ich häufiger eine Frau im Rollstuhl. Sie sitzt meist am Empfang in der Eingangshalle und begrüßt mich freundlich. Nachdem ich mich einmal ein wenig mit ihr unterhalten habe, ist sie immer sehr erfreut mich zu sehen und fragt, ob ich wieder meine Tochter besuchen gehe. „Ich gehe meine Mutter besuchen,“ korrigierte ich sie anfangs und sie entschuldigte sich schnell für ihren Fehler. Sie fragt jedoch jedesmal wieder, ob ich meine Tochter besuchen komme und ich muss darüber schmunzeln. Jetzt, wo meine Mutter sehr bedürftig und häufig fast selber wieder wie ein Kind geworden ist, finde ich es sogar stimmiger gefragt zu werden, ob ich meine Tochter besuchen will.

Liebe Mama,

Du erzähltest mal, dass Du, als Du mit 16, 17 Jahren die Gelegenheit bekamst, im Ausland in Stellung zu gehen. Das machten damals viele junge Frauen, deren Schulbildung durch den Krieg abrupt endete. Du hattest die Chance nach England zu gehen, nach Bournemouth, das südlich von London liegt. Es gibt noch ein paar Fotos aus dieser Zeit. Auf einem nachkolorierten Schwarzweißfoto bist Du schick gekleidet, im Stil der 50er, und Du siehst aus wie ein Filmstar. Vor allem Dein Blick trägt Stärke und Zuversicht in sich.

In England hattest Du auch meinen Vater, der zur See fuhr, kennengelernt. Ich finde es witzig, dass sich zwei Norddeutsche im Ausland kennen lernten. Mein Vater kam aus Dithmarschen und wuchs bei seiner Tante, meiner Großtante, auf, nachdem sein Vater, also mein Opa, sich gleich an die Front gemeldet hatte und nie wieder gesehen ward und seine Mutter, also meine Oma, auf der Flucht aus Ostpreußen in den Kriegswirren starb.

Du warst noch ein zweites Mal in England und trafst meinen Vater dort wieder. Ich weiß nicht, ob es Zufall war. Jedenfalls habt Ihr Euch verlobt und bliebt es fünf Jahre lang. Du fandest dann nach Deinem Englandaufenthalt eine Anstellung in Kiel bei einer 'Doktorsfamilie', wie Du immer sagtest. Du warst dort als Kindermädchen in Stellung und kümmertest Dich auch ein wenig um den Haushalt, während der Onkel Doktor und seine Frau arbeiteten. Deren Kinder, zwei Mädchen, waren etwas älter als ich.

Als ich geboren wurde zogst Du zu meinem Vater. Ihr wohntet erst bei seinen Verwandten und bekamt in deren Wohnung ein kleines Zimmer zugewiesen. Einige Zeit später mietetet ihr eine, für heutige Verhältnisse bescheidene, Zweizimmerwohnung. Sie befand sich im Erdgeschoss eines Wohnblocks mit drei Hauseingängen. Die Wohnung hatte eine kleine Küche und ein Badezimmerchen mit einer Sitzbadewanne und einem Boiler, den man mit Kohle anheizen musste. Geheizt wurde sowieso mit Holz und Kohle. Zentralheizungen hatten sich noch nicht flächendeckend durchgesetzt.

Mein Großonkel bestand darauf, dass mein Vater nun sesshaft werden sollte. Immerhin hätte er jetzt Familie. Und er wollte ihm eine Arbeitsstelle an Land besorgen. Mein Vater willigte ein, wollte jedoch noch ein letztes Mal auf große Fahrt gehen.

Dazu ist es nie gekommen, denn im Herbst/Winter 1960 fiel er in Lübeck zwischen Kaimauer und Schiff ins kalte Wasser. Fünfundzwanzig ist er nur geworden. Für Dich war der Traum von Ehe und Familienglück ausgeträumt.

Deine Bärbel

Alkoholexzess

Es ist ein Freitagnachmittag, ich will meine Mutter im Seniorenheim besuchen. Abends habe ich vor in ein Konzert zu gehen. Als ich bei ihr ankomme, öffnet keiner, aber ich habe ja einen Zweitschlüssel und öffne die Zimmertür.

Meine Mutter wohnt in der Dependance, wie die Heimleitung dieses Nebengebäude nennt. In diesem Haus haben die Heimbewohner, wie teilweise im Haupthaus, Einzelzimmer mit eigenen Bädern. Auf den Fluren der Etagen gibt es Gemeinschaftsküchen, die zwar zum Kochen nicht benutzt werden, wo man aber Wasser holen und Müll entsorgen kann. Die Dependance ist für die Heimbewohner gedacht, die noch sehr selbstständig sind und zum Essen in den Speisesaal des Haupthauses gehen können.

Ich finde meine Mutter vor ihrem Bett auf dem Fußboden liegend. Seltsamerweise liegt die Plastikübergangsschiene, die auf den Fußboden zwischen Bad und Flur gehört, schräg unter ihr, mit der Doppelklebebandseite nach oben. Im ersten Moment denke ich, sie ist tot. Dann beuge ich mich zu ihr und spreche sie an. Sie reagiert nicht, aber sie atmet noch. Ich sehe, dass sie blutet. Der Nacken ist blutig, ihr Pullover in dem Bereich ebenfalls, genauso wie die weiße Bluse, die sie darunter trägt. Alles ist ziemlich blutgetränkt. Dann regt sie sich ein wenig. Ich rufe sofort den Notdienst des Heimes an und bitte um einen Notarztwagen.

Während der Wartezeit versuche ich meine Mutter anzusprechen und anzuheben. Im Nachhinein vielleicht ein Fehler, denn sie hätte ernsthaft verletzt sein können. Aber irgendwie bin ich mir sicher, dass bei ihr nichts gebrochen ist. Wie schwer so ein kleiner Mensch sein kann, ist mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen, doch ich schaffe es sie mit ein wenig ihrer Hilfe auf das Bett zu hieven. Sie ist nicht ganz weggetreten. Sie fuchtelt unkoordiniert mit den Armen und lallt unartikuliert irgendetwas. Schlaganfall, ist mein erster Gedanke. „Lasst mich sterben“, ruft sie zwischendurch einigermaßen verständlich. Ich versuche ihre Arme runter zu halten und sie zu beruhigen.

Das Blut kommt von einer Platzwunde am Hinterkopf. Sie muss also irgendwo drauf gefallen sein. Ich finde keinen Ort, der in Frage kommt. Im Bad nicht, obwohl die Übergangsschiene dort eigentlich hin gehört. Im Zimmer mit dem Bett auch nicht, jedenfalls ist nichts sichtbar mit Blut benetzt und es gibt auch keine scharfen Kanten.

Der Notarztwagen kommt und nimmt meine Mutter mit ins Krankenhaus. Ich sammele unterdes ein paar Dinge ein, die sie im Krankenhaus brauchen würde, falls sie länger bleiben muss und fahre etwas später zur Notaufnahme hinterher. Was ich beim Zusammensuchen ihrer Sachen auch in ihrem Kleiderschrank finde, erklärt dann alles. Dort liegen zwei 0,7l Flaschen Korn. Eine ist bis auf einen Zentimeter leer, in der anderen befindet sich noch eine drei Finger breite Menge. Heute ist Freitag, gestern war Donnerstag, der Tag, an dem eine Ausfahrt zum Einkaufszentrum unternommen wurde. Wann sie das alles ausgetrunken hat, weiß ich nicht. Zwei Flaschen fast leer an zwei Tagen? Für mich kaum vorstellbar.

Aber es ist erst nachmittags, eigentlich wollten wir Kaffeetrinken und spazieren gehen. Das Wetter ist ja schön, seit langem mal wieder. Sie muss also heute, mindestens nach dem Mittagessen eine Menge Korn getrunken haben, denn sonst wäre sie zu diesem Zeitpunkt nicht im Delirium.

Ich verbringe den Freitagnachmittag also im Krankenhaus. Den Abend auch. Sie liegt in der Notaufnahme und die Ärzte haben offenbar viel mit ihr zu tun gehabt. Man hat ihr Blut abgenommen und versucht, die Platzwunde am Kopf zu versorgen. Außerdem wollte man sie untersuchen. Als ich ankomme, liegt sie, die Hände, die Arme, das Kopfkissen und die Bettdecke blutverschmiert, an Schläuchen in einem Raum, abgeteilt durch eine Sichtschutzwand. Der junge Arzt, Pfleger, Helfer oder was auch immer sagt, sie würde sich die Schläuche immer wieder herausreißen. Um ca. 22.00 Uhr steht dann fest, dass es kein Schlaganfall war. Sie wird mit einem Krankenwagen zurück gebracht. Das Heim hat schon geschlossen und der Nachtdienst muss uns aufschließen. Krankenwagenfahrer sind ja einiges gewohnt. Sie gehen ganz handfest mit meiner Mutter um, helfen mir, gegen ihren Widerstand, die blutgetränkten Sachen auszuziehen und frische Unterwäsche anzuziehen. Als sie die Flaschen sehen, wundern sie sich nicht mehr. „Die muss jetzt erst mal ihren Rausch ausschlafen“, meinen sie.

Von dem Zeitpunkt an weiß ich, dass es so nicht weitergehen kann. Meine Bemühungen meiner Mutter einen möglichst großen Freiraum zu lassen, indem sie ihr Taschengeld ausgezahlt bekommt, tragen nicht dazu bei, dass es ihr besser geht. Sie kann sich wöchentlich mit Alkohol eindecken, und es ist zu erwarten öfter die Maschinerie mit Notarzt, Krankenhaus usw. in Gang setzen zu müssen, weil sie die Trinkmenge nicht dosieren kann. Mir wird klar, dass die Sucht bei ihr inzwischen stärker ist als alles andere.

In einem Gespräch mit einer netten Pflegerin erfahre ich, dass es noch jemanden im Heim gib, der nach Alkohol dürstet. Es ist auch eine Frau und sie hätte Stück für Stück die Pfandflaschen aus den Wasserkästen mit Selter für die Allgemeinheit zum Einkaufszentrum mitgenommen und sie dort gegen das Pfandgeld eingetauscht. Irgendwann hatte sie dann genug zusammen um sich einen Flachmann zu kaufen. „Tja, Not macht erfinderisch“, denke ich.

Entzugserscheinungen

Ein paar Tage später besuche ich meine Mutter wieder und gehe mit ihr spazieren. Sie wirkt leicht zusammengefallen, etwas blass um die Nase und zittert schubweise. Sie würde sehr frieren, meint sie. Ich habe den Eindruck, dass sie Entzugserscheinungen hat. Glücklicherweise wird das Heim von einer sehr vernünftigen Ärztin betreut, die sich darauf einlässt meiner Mutter täglich eine bestimmte Menge eines alkoholischen Getränkes zu zugestehen, damit sie ihren Alkoholspiegel einigermaßen halten kann und keine Entzugserscheinungen bekommt. Man unterzieht Achtzigjährige keiner Entziehungskur mehr. Wozu auch? Außerdem müsste sie das selbst wollen. Und meine Mutter will das nicht. Sie leugnet ja immer noch, dass sie überhaupt Alkohol trinken würde.

So werde ich zum Handlanger meiner Mutter und belieferte das Heim regelmäßig mit Kornflaschen. Natürlich dezent, so dass niemand etwas merkt. Ich sorge beim Transport dafür, dass die Flaschen einzeln in Papier eingewickelt sind, damit sie nicht aneinander stoßen und klirren und lege zusätzlich etwas oben drauf, um sie abzudecken. Außerdem kaufe ich in einer Apotheke kleine 0,1l Fläschchen mit Schraubverschluss, auf die ich Aufkleber für jeden Wochentag und der Aufschrift 'Medizin' klebe.

Meine Mutter ist nicht gerade begeistert davon, dass sie nun kein Taschengeld mehr ausgezahlt bekommt. Sie ist sauer auf mich und behauptet, ich würde sie kurz halten. Sie ist sehr zänkisch. Ich schlucke das alles, was bleibt mir anderes übrig?

Manchmal ist es sehr schwer für mich zu akzeptieren, dass meine Mutter nicht mehr die ist, die ich mal hatte. Sie ist zwar immer noch meine Mutter, aber nicht mehr in der Position, in der ich mich immer noch als Kind fühlen kann, weil sie das Leben, ihr Leben im Griff hat. Diese Erfahrung zu machen ist nicht leicht für mich und tut weh. Aber wahrscheinlich ist das der Lauf der Welt. Es ist jedenfalls nicht zu ändern. Und auch ich habe im Laufe der Zeit gelernt, das Beste daraus zu machen.

Liebe Mama,

ich kann mich an meinen Vater gar nicht erinnern. Er war ja auch selten da, immer auf See. Es gibt ein paar Fotos auf denen er mich auf dem Arm hält. Du musst sie fotografiert haben, denn Du bist nicht auf den Aufnahmen. Er war ein hübscher Mann, groß, dunkles Haar, zeitgemäß mit Frisiercreme seitengescheitelt und lässig in Lederjacke mit Manchesterhose gekleidet. Meine Erinnerung setzt ein, als er beerdigt wurde. Es war im Dezember. Ich war gerade zwei Jahre alt. Mein Onkel ging mit mir auf dem Friedhof spazieren, ich durfte nicht mit in die Kapelle. Die Sonne schien und ich musste meinen rechten Arm hoch strecken, damit ich Onkels große, raue Hand halten konnte. Mein Onkel weinte. Das war ungewöhnlich. Ich hatte ihn vorher nie weinen gesehen und es fiel mir deshalb auf. Ich glaube, dass ich ihn mit den wenigen Worten, die ich schon sprechen konnte oder per Gedankenübertragung gefragt habe, warum er das täte. Vielleicht hat er es mir ja gesagt. Ich weiß es nicht mehr. Nur noch, dass die Sonne schien und wir vor einem Grab standen. Es war mit schönen Blumen geschmückt und Onkel wollte dann weitergehen, weil er merkte, dass ich seine Tränen mitbekam.

Das folgende Weihnachtsfest muss das traurigste für Dich und die anderen gewesen sein.

Deine Bärbel

Muttergedanken

(Der verlorene Schlüssel, die Erste)

Ich habe keine Schmerzen mehr! Immer wenn sie kommt, klopft sie an die Tür. Sie könnte ja auch reinkommen, aber sie hat keinen Schlüssel mehr. Ich habe meinen Schlüssel verloren. Ich habe ihn verlegt. Er wurde mir gestohlen. Er ist nicht wieder aufgetaucht. Sie hat mir dann den ihren gegeben.

Die hübsche lilafarbene Karte ist eine Einladung zu einer Konfirmation. Wo ist mein Portemonnaie? Hier – nur noch Pfennige. So ein Scheiß! Sie hält mich kurz. Ich kann nichts einkaufen gehen, nicht mal mit zum Kaffee trinken. Böse Tochter! Vielleicht gibt sie mir Geld für die Konfirmation.

Sie sagt, dass die Karte zwei Jahre alt ist.

Ich soll mir die Zähne putzen, ich würde unangenehmen Mundgeruch haben. Immer diese Befehle. Mir tut das Zahnfleisch weh beim Putzen! Außerdem wackelt ein Zahn.

Immer wenn sie kommt geht sie zur Balkontür und reißt sie sperrangelweit auf! Ich glaube sie denkt, dass ich stinke. Ich sage aber nichts. Stinke ich? Nein, meine Wäsche ist sauber und ordentlich. Ich habe schöne Kleidung. Von Lucia, mit meiner Freundin Emma zusammen gekauft. Gute Qualität, gepflegt. Emma ist jetzt tot? Emma ist gestorben.

Heute Abend gibt es wieder Medizin. Sie tut gut, ich fühle mich entspannt. Ich hätte gerne mehr Medizin, doch die Pfleger geben nur 1x am Tag was raus. Ich brauche Geld.

Sie guckt in meinen Kühlschrank, findet alten Pudding und aufgeweichtes Eis. Der Stecker war ja gar nicht drin. Kein Strom, keine Kälte. Sie wirft auch Servietten weg. Ich habe es wohl bemerkt, sage aber nichts. Die schönen Servietten! Viel zu schade zum wegwerfen. Man kann sie gut nochmal benutzen. Ich hole sie wieder aus dem Mülleimer.

Ich soll nicht immer alle Kekse einpacken die aufgetischt werden. Ich wickle sie in Servietten, für später. Und abends das Brot für den Hund. Er mag das. Sie soll es ihm mitbringen oder wenn ich mal wieder zu ihr kommen darf.

Wir gehen noch kurz raus. Sie hat nicht viel Zeit heute. Spazieren durch den Parkgarten. Die Blumen blühen hübsch. Es ist hier sehr schön angelegt. Hier kommt immer ein Gärtner her.

Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal einundachtzig werde. Ich wollte nie ins Heim, hatte eine so schöne Wohnung. Direkt am Park. Und mein Auto. Wo ist eigentlich mein Auto geblieben?

Wie lange muss ich denn hierbleiben?

Mein Zahn wackelt. Das Zahnfleisch tut weh. Meine Tochter ist mit mir zum Zahnarzt gefahren. Er will den Zahn ziehen. Aber er ist doch noch gut! Nein, ich will ihn behalten. Kann man denn gar nichts dagegen tun, dass das Zahnfleisch zurück geht?

Die Blumen müssen raus auf den Balkon. Ich habe zwei schöne Blumentöpfe für meine Tochter. Sie wollte doch immer welche haben. Sie standen am Müll!

Und hier, zwei so schöne Kochtöpfe. Die will ich noch ein bisschen ausschmirgeln, der Boden ist stellenweise grau. Wozu ich die brauche? Na, wenn ich wieder zurück nach Hause gehe.

Ich wohne jetzt hier? Und Herr Köhn ist auch schon tot? Ich bin ganz verwirrt. Lass uns noch ein bisschen spazieren gehen. Wo ist jetzt meine Handtasche? Ach ja, da im Korb vom Rollator.

Woher kommt das Geld?

Es dauert gar nicht lange, da finde ich bei einer Routineinspektion im Zimmer meiner Mutter in einer Schublade ihres Schränkchens einen Flachmann. Leer natürlich. Im Kühlschrank liegt eine Packung mit einem Hering. „Warst Du wieder mit zum Einkaufen?“ frage ich scheinheilig, denn ich überlege fieberhaft, woher meine Mutter das Geld dafür haben könnte. „Naja, man muss ja auch mal ein bisschen raus,“ antwortet sie, während sie aufsteht und sich anzieht. Ich finde ihr Portemonnaie und sehe, dass noch mehr als fünf Euro drin sind. „Wo hast du denn das Geld her?“ frage ich mit ernster Stimme. Natürlich bekomme ich keine plausible Antwort darauf, ich habe auch nichts anderes erwartet.

Wir gehen runter, machen einen Spaziergang und was wir meistens tun. Meine Gedanken kreisen fieberhaft um das Geld. Woher könnte sie es haben? Es müssen ja ungefähr zehn Euro gewesen sein. Das würde mit dem Einkaufsvolumen hinkommen. Hat sie etwa geklaut? Ich mag den Gedanken nicht.

Oder hat sie sich etwas geliehen? Sie erzählte letztens von einem neuen Bewohner, der mit anderen woanders zum Kaffeetrinken gehen würde. Wenn das stimmt, muss er sich das ja auch leisten können. Aber würde meine Mutter um Geld bitten? Ich kann es mir nicht wirklich vorstellen, ziehe aber die 'Geld-geliehen-Variante' allen anderen Möglichkeiten vor und frage mich durch. Ich frage die Heimbeirätin, Frau Wolle, ob sie etwas wisse und den einen oder anderen Pfleger, außerdem ihre nette Nachbarin. Alles ohne Erfolg. Die Herkunft des Geldes bleibt rätselhaft.

Erst ein ganzes Jahr später, als ich mal wieder mit einem Freund telefoniere, gesteht er mir, dass seine Mutter, die beste Freundin meiner Mutter, ihr das Geld geschickt hat. In einem Briefumschlag. Offenbar hatte meine Mutter sich am Telefon bei ihrer Freundin darüber beklagt kurz gehalten zu werden. Und da ihre Freundin nie wirklich wahrhaben wollte, dass meine Mutter ein Alkoholproblem hat, ließ sie Solidarität walten und schickte ihr Geld, das meine Mutter natürlich prompt in Alkohol umsetzte.

„Unfassbar“, denke ich. „Wie kann man nur so töricht sein?“

Das Bild, das ich bisher von der Jugendfreundin meiner Mutter hatte, revidiert sich grade.

Schlägerei

Es ist kurz vor Weihnachten. Bei mir hat sich schon vor Tagen eine Erkältung angekündigt. Ich habe Hals- und Kopfschmerzen. Schließlich bin ich so krank, dass ich mit leichtem Fieber und starken Kopf- und Gliederschmerzen auf der Couch im Wohnzimmer mein Quartier aufschlage. Hier habe ich alles was ich brauche: Den Fernseher, das Telefon, den Kühlschrank und das Bad. Ich hatte eh nicht vor großartig Weihnachten zu feiern. Vielleicht wäre ich mit meiner Mutter in die Kirche gegangen und wir hätten den Heiligen Abend miteinander verbracht. Doch nun verbringe ich die Weihnachtstage im Dämmerzustand zwischen Schlafen, Ruhen und Fernsehen. Ich sehe viel fern, alles was es so gibt. Ich weiß jetzt was ich tun muss, wenn ich von einem Hirsch angegriffen werde und dass Helene Fischer gar nicht richtig singen kann.

Ab und zu versuche ich meine Mutter telefonisch zu erreichen, doch ohne Erfolg. „Komisch“, denke ich im Halbdelirium, „na vielleicht haben sie dort im Heim ein interessantes Weihnachtsprogramm.“

Nach den Weihnachtstagen rufe ich auf der Station an. Glücklicherweise habe ich gleich eine Pflegerin am Apparat, die ich kenne. Es ist die nette Frau, die mit meiner Mutter besonders gut zurecht kommt. Sie geht in das Zimmer meiner Mutter und prüft das Telefon. Es ist mal wieder tot wie trocken Brot. Das ist schon häufiger vorgekommen. Manchmal habe ich den Verdacht, dass man im Zimmer meiner Mutter immer wieder alte Apparate anschließt. Wir testen das Telefon noch aus, ich rufe dort nochmal an, dann erneut auf dem Stationsapparat. Nein, das Telefon scheint wirklich richtig kaputt zu sein, es gibt keinen Mucks von sich. Kein Wunder, dass ich meine Mutter nicht erreichte. „Aber“, sagt die Pflegerin, „gut, dass ich Sie dran hab. Ich will Sie nur vorwarnen, da kommt demnächst eine Beschwerde.“ „Aha“, erwidere ich, „eine Beschwerde - wieso?“ „Ja, Ihre Mutter war in eine Prügelei verwickelt.“

Meine Fieberfantasie ist aktiviert. Ich versuche zu verstehen, was die Pflegerin meint. - In eine Prügelei verwickelt. Meine Mutter. - Ich sehe sie förmlich vor mir, wie sie ihren Gehwagen schwungvoll von sich schubst, behände zu einem Tisch hüpft, sich eine Blumenvase schnappt und mit erhobenen Armen auf den Angreifer oder wen auch immer zustürmt. Nein. Unmöglich. Meine Mutter wird immer kleiner, sackt in sich zusammen, die Schultern sind inzwischen schmal, sie bekommt nicht mehr gut Luft und schiebt ihren Rollator mühsamer als früher über die holprigen Wege.

„Prügelei? Mit wem?“ frage ich. „Mit Angehörigen, im Speisesaal. Ich habe das auch nur gehört und wir mussten ihre Mutter dann raufholen“, ist die Antwort. Meine Gedanken kreisen gleich wieder. Mit Angehörigen? Waren meine Cousinen über Weihnachten zu Besuch? Ich verstehe das alles nicht.

„Mit welchen Angehörigen?“ frage ich. „Mit der Angehörigen eines Bewohners. Die ist nicht so ganz ohne. Ich wollte sie nur schon drauf vorbereiten. Die Heimleitung wird deswegen auf sie zukommen.“ „Ja, danke, ich komme ohnehin in den nächsten Tagen vorbei“, antworte ich, lege auf und mich wieder hin. Die spärlich beschriebene Szenerie geistert durch meinen Kopf und lässt mich schlecht schlafen.

Zwei Tage später, als es mir etwas besser geht, fahre ich ins Heim. Ich will meiner Mutter erst mal nichts von dem 'Vorfall' sagen. Kaum bin ich aus dem Fahrstuhl raus, steht auch schon die Heimleiterin neben mir, als hätte sie auf mich gewartet. Sie will lautstark auf dem Flur mit mir