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Yasmin Ghorami ist sich sicher: Mit Joe Sangster hat sie den Mann fürs Leben gefunden. Doch als der Hochzeitstermin näherrückt und Yasmins Eltern auf die unkonventionelle, feministische Mutter von Joe treffen, wirbeln ungeahnte Geheimnisse Yasmins strukturiertes Leben durcheinander. Was als tragikomischer Liebesroman beginnt, entwickelt sich zu einer bewegenden Geschichte über Menschen aus zwei Kulturen, die versuchen, einander zu verstehen. Yasmin und Joe haben große Pläne für die Zukunft. Doch bevor es für die beiden angehenden Ärzte ans Heiraten geht, steht das erste Kennenlernen ihrer Familien an. Und das hat es in sich. Denn während Yasmins traditionsbewusste Eltern schon bei einem Zungenkuss empört den Fernseher ausschalten, hat sich Joes Mutter schon vor Jahren einen Ruf als feministische Ikone erarbeitet. Und tatsächlich hält das Abendessen im noblen Primrose Hill überraschende Entwicklungen bereit. Jedoch völlig anders als gedacht, denn die beiden Familien verstehen sich blendend und zwischen den beiden Müttern des jungen Brautpaars entsteht eine außergewöhnliche Freundschaft, die mit althergebrachten Mustern und Gewissheiten bricht. Schon bald stehen Yasmin und Joe nicht nur vor der Herausforderung, ihre eigene Beziehung noch einmal neu zu bewerten, sondern auch die Beziehungen zu ihren Eltern auf den Prüfstand zu stellen. Nach über zehn Jahren hat die große britische Erzählerin Monica Ali endlich ihren lang erwarteten neuen Roman vorgelegt. Ein guter Zeitpunkt, um diese außergewöhnliche Autorin zu entdecken. "Monica Ali schreibt mit einer Weisheit und Geschicklichkeit, die nur wenige Autoren in ihrem Leben erreichen" The Sunday Times »Eine Autorin mit einem genauen Blick für Details und einem Stil, der scharfe Beobachtungsgabe und Poesie vereint und einen rasant in die Welt des Romans abtauchen lässt.« The Times
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Seitenzahl: 790
Veröffentlichungsjahr: 2022
Monica Ali
Liebesheirat
Roman
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
Klett-Cotta
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Love Marriage«
im Verlag Virago Press, London.
© 2022 by Monica Ali
Für die deutsche Ausgabe
© 2022, 2023 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover: Anzinger und Rasp Kommunikation GmbH, München unter Verwendung einer Abbildung von Lisa James
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-98746-1
E-Book ISBN 978-3-608-11836-0
Shumi – das ist für dich
Im Haus der Familie Ghorami sprach man nicht über Sex. Wenn der Fernseher lief und es so aussah, als könne dem keuschen, nach Kardamom duftenden Eigenheim eine Zungenkuss-Szene drohen, brachte man den schwarzen Kasten mit einem raschen Knopfdruck zum Schweigen. Als Yasmin zum ersten Mal ihre Periode bekam, steckte ihre Mutter ihr eine Packung Binden zu und gab ihr die kaum hörbar gemurmelte Anweisung, auf keinen Fall den Koran zu berühren. Das war verwirrend, denn Yasmin berührte den Koran ohnehin nie, es sei denn, ihre Mutter forderte sie dazu auf. Aber es war auch einleuchtend, denn schließlich hatte die Menstruation, wie sie aus dem Biologieunterricht wusste, etwas mit Fortpflanzung zu tun. Und die gepunkteten Linien, aus denen sich die Diagramme im Lehrbuch zusammensetzten, standen, so erstaunlich das auch sein mochte, in einem unbestreitbaren Zusammenhang mit den Schauspielern, die sich gegenseitig die Zungen in den Rachen schoben und damit allen das Fernsehvergnügen ruinierten.
Jetzt, im Alter von sechsundzwanzig Jahren, wusste Yasmin über Sex Bescheid. Der menschliche Körper hatte seine Geheimnisse längst preisgegeben. Sie hatte mit drei verschiedenen Männern geschlafen und war mit dem dritten verlobt – einem Kollegen am St.-Barnabas-Krankenhaus. Ihre Eltern, Shaokat und Anisah, mochten Joe, der allein dadurch, dass er Arzt war, zu einem geeigneten Kandidaten wurde und zudem mit der besonderen Begabung gesegnet war, von allen gemocht zu werden.
Falls sich Anisah insgeheim wünschte, ihre Tochter möge einen anständigen muslimischen Mann heiraten, behielt sie das jedenfalls für sich.
Yasmin saß im Schneidersitz auf ihrem Bett, umgeben von zahlreichen medizinischen Fachtexten, und wartete darauf, dass man sie zum Abendessen nach unten rief. Eigentlich hätte sie dringend für die nächste Prüfung lernen müssen, doch sie konnte sich nicht konzentrieren. Vier Bücher lagen aufgeschlagen vor ihr und sollten einen Arbeitseifer demonstrieren, den sie bisher nicht in die Tat hatte umsetzen können. Stattdessen blätterte sie in einer alten Zeitschrift, die sie im Zug gefunden hatte. Trennung nur vorgetäuscht! Heimlich wieder ein Paar! Sie ist am Boden zerstört! Die Schlagzeilen bezogen sich auf verschiedene Berühmtheiten, die alle auf Fotos zu sehen waren. Yasmin kannte nur eine Einzige davon, doch das tat ihrem Lesevergnügen keinen Abbruch. Ihr waren Geschichten über »echte Menschen« ohnehin lieber. Die, die sie gerade zu Ende gelesen hatte, handelte von einer dreifachen Mutter in Doncaster, die vor kurzem hatte erfahren müssen, dass ihre siebenjährige Tochter gar nicht ihr leibliches Kind war. Anscheinend hatte man in dem Krankenhaus, in dem das Mädchen geboren worden war, die Kinder verwechselt. Unglaublich, was Menschen alles durchmachen müssen! Sie selbst dagegen brauchte sich um nichts Sorgen zu machen, und gleichzeitig gab es so unendlich viel, für das sie dankbar sein konnte.
Wenn der morgige Abend erst einmal vorbei war, würde sie bestimmt über sich selbst lachen. Es würde längst nicht so schlimm werden, wie sie befürchtete. Ihre Eltern würden Joes Mutter kennenlernen. Sie würden zusammen in deren Haus in Primrose Hill zu Abend essen, Hochzeitspläne schmieden und eine gepflegte Unterhaltung führen. Das war doch nun wirklich keine große Sache.
Bei der Vorstellung, wie ihre Eltern inmitten des dezenten Luxus des georgianischen Reihenhauses in Primrose Hill saßen, stieg eine leichte Übelkeit in ihr auf. Sie schluckte sie hinunter.
Es würde schon nichts Peinliches passieren. Es war albern, so nervös zu sein.
Ihre Zimmertür öffnete sich, und Arif schlüpfte hinein. »Was für ein Wahnsinnsgestrüpp!«, sagte er und schüttelte den Kopf.
Sie schob die Zeitschrift unter eines ihrer Bücher. »Hau ab!«, sagte sie. »Ich arbeite.« Langsam wurde ihr bewusst, was er da gerade gesagt hatte. »Hau ab!«, wiederholte sie.
Arif schloss die Tür und lehnte sich mit seinem frechen, knochenlosen Körper dagegen. »Na, du kennst doch dieses Foto. Das Thema wird ja echt in jedem Zeitungsartikel über sie breitgewalzt. Aber ich musste total lange suchen, bis ich es gefunden habe. Willst du’s mal sehen, Apa?« Er zog sein Handy aus der Hosentasche.
Yasmin beschloss, einfach nicht zu reagieren, ganz gleich, wie sehr ihr verhaltensgestörter kleiner Bruder versuchte, sie zu provozieren. Aber sie zuckte trotzdem unwillkürlich zurück, als Arif mit seinem Handy vor ihrem Gesicht herumfuchtelte. Harriet Sangsters Genitalien waren das absolut Letzte, was sie sich anschauen wollte. Sie fragte sich – nicht zum ersten Mal –, ob Joe jenes berüchtigte Foto seiner Mutter jemals zu Gesicht bekommen hatte, wie sie nackt auf dem Rücken lag, mit weit gespreizten Beinen, den Kopf erhoben, um mit trotzigem und herausforderndem Blick direkt in die Kamera zu starren.
»Das ist ein feministisches Foto«, sagte sie. Es gelang ihr, einigermaßen ruhig zu bleiben. »Und es wurde vor einer halben Ewigkeit aufgenommen. Das verstehst du sowieso nicht. Bleib doch einfach bei deinen Pornos. Deinen haarlosen Pornos.« Das Foto war als Gegenentwurf zur Ladette-Kultur entstanden. Yasmin hatte das Bild nie gesehen, aber sie hatte darüber gelesen. In einer Zeit, die sich als post-feministisch, post-ideologisch, post-ironisch und post-alles propagierte, hatte Harriet gegen die Gefahren der »Scheiß-drauf«-Mentalität angeschrieben. Sie hatte sich damals nicht nur gegen die intellektuelle Armut derer gewandt, die behaupteten, man stünde am Ende der Menschheitsgeschichte, sondern auch gegen die widersprüchliche und äußerst beschränkte Auffassung, es sei uncool, an irgendetwas zu glauben, egal an was. Aber vor allem hatte sie dagegen gewettert, was sie als »falsches Empowerment der Frau« bezeichnete: den Topos der enthemmten jungen Frau, die sich durch starken Alkoholkonsum und einen gewachsten, leergerupften Intimbereich definierte – also durch eine Sexualität, die in Harriets Augen nur dazu diente, männliche Fantasievorstellungen zu befriedigen, und das mithilfe einer Softporn-Bildsprache, wie man sie aus den einschlägigen Männerzeitschriften kannte. Harriet vertrat ihre eigene Auffassung zur weiblichen Emanzipation und sexuellen Befreiung. Und die lief dem Zeitgeist zuwider. Das hatte ihr in der Öffentlichkeit einiges an Aufmerksamkeit eingetragen, die nicht selten alles andere als positiv gewesen war. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb hatte sie es zu einer gewissen gesellschaftlichen Prominenz gebracht, und das Foto war längst Schnee von gestern.
Arif lächelte. »Und was ist mit Ma und Baba? Meinst du, die würden sich das vielleicht gern mal anschauen? Oder vielleicht haben sie das ja schon. Joe meinte übrigens, ich solle doch mitkommen, zu dem Abendessen morgen.«
»Hau ab! Sofort!« Sie griff nach dem schwersten Buch auf ihrem Bett.
Arif zuckte mit den Schultern. »Du triffst doch sowieso nicht.«
»Du mieses kleines Arschloch.« Er hatte das Foto wahrscheinlich schon vor Monaten entdeckt. Denn seit wann hatte Arif Schwierigkeiten, irgendetwas im Internet zu finden? Er hatte einfach nur den Moment des größtmöglichen Effekts abgewartet, einen Tag, bevor sich die beiden Familien kennenlernten.
»Und hast du Ma das schon erklärt, von wegen, dass es ein feministisches Foto ist, und so? Sie hat nämlich Harriets Buch gekauft, weißt du, das erste, wo sie von ihren ganzen Liebhabern erzählt. Von den ganzen Männern – und Frauen. Alles sehr feministisch. Aber ich glaube nicht, dass Ma es wirklich verstanden hat. Ich hab nämlich gesehen, wie sie es gelesen hat. Sie stand in der Küche und ihr Gesicht – das hättest du mal sehen sollen, Apa! Sie hat sich über den Mülleimer gebeugt, mit dem Fuß auf dem Pedal, sodass der Deckel offenstand. Und als sie mich sah, da hat sie das Buch einfach fallengelassen. Direkt in den Müll. Als würde sie sich schämen und so.«
Er lachte, als sie das Lehrbuch nach ihm warf, leider – wie vorherzusehen gewesen war – so schlecht, dass sie ihn nicht traf. Aber wenigstens verließ er das Zimmer. Yasmin sprang vom Bett auf, lief unruhig hin und her und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
Um acht bekam sie Hunger. Sie stellte sich vor die verschlossene Küchentür, lauschte dem Zischen und Klappern der Töpfe und überlegte, ob sie hineingehen und Ma helfen oder lautlos wieder nach oben verschwinden sollte.
»Komm, Mini«, rief ihr Vater aus dem Wohnzimmer. Er behauptete immer, Mini sei ihr Spitzname, doch außer ihm nannte sie niemand so. »Setz dich zu mir.«
Baba schaute nicht von seiner Zeitung auf, als Yasmin sich auf dem Sofa niederließ. »Deine Mutter ist heute mit dem Abendessen ein bisschen spät dran. Sie hat nämlich mindestens zehn Stunden damit verbracht, Shukto, Alu Dom, Dal Pakori, Kachori und was nicht sonst noch alles zuzubereiten. Sie hat sämtliche Gerichte gekocht, die du dir nur vorstellen kannst. Ich habe ihr mindestens fünfzig Mal gesagt, dass wir zum Essen eingeladen sind und nicht etwa vorhaben, einen Imbissstand zu eröffnen, aber hört sie auf mich? Seit Jahren muss ich das aushalten. Diese Frau ist stur wie ein Esel.« Er seufzte und blätterte seine Zeitung um.
»Vielleicht können wir ja von jedem Gericht nur ein kleines bisschen mitnehmen«, sagte Yasmin. Aber sie wusste, dass es aussichtslos war. Sie würden nicht etwa einen eleganten Probierteller mit exotischen Delikatessen präsentieren, sondern unzählige Tüten und Taschen voller Tupperdosen und Metallbehälter anschleppen. Und Harriet würde ihre Belustigung natürlich äußerst liebenswürdig kaschieren.
»Diesen Begriff hier habe ich noch nie gehört – ›Ghost Surgery‹.« Baba drehte sich zu Yasmin um, weil er wissen wollte, was sie von der Sache hielt. »Hier steht ein ganzer Artikel darüber. Es gibt in Amerika anscheinend mehrere Chirurgen, die wegen einer solchen Operation verklagt worden sind. Möchtest du meine Meinung dazu hören?«
Sie bejahte. Unter dem Erkerfenster war schon wieder ein neuer Stapel mit Kram in die Höhe geschossen. Kram wuchs in diesem Haus wie Pilze in einem feuchten, dunklen Wald. Unzählige Kisten und Tüten voller nutzloser Gegenstände, die man in der Garage oder dem Gästezimmer verstauen oder den Nachbarn aufs Auge drücken würde – jedenfalls denjenigen, die nicht die nötige Willenskraft besaßen, um etwas abzuwehren, das ihnen von Mrs. Ghorami aufgedrängt wurde, und sei es auch nur eine gebrauchte Salatschleuder. Sehr wenigen Bewohnern der weißgetünchten, mit Kieselrauputz versehenen Doppelhaushälften im Beechwood Drive war es gelungen, sich dem stetigen Strom zu entziehen, der aus der Hausnummer 23 zu ihnen herübergeschwappt kam.
Baba dachte nach. Er hatte die Angewohnheit, beim Denken seine Brille abzusetzen und zusammenzufalten, als ließe sich die Wahrheit nur erkennen, wenn man nach innen statt nach außen schaute. Währenddessen saß er kerzengerade auf dem Holzstuhl vor dem Esstisch aus rissigem Kiefernholz, der ihm als Schreibtisch diente. Über und unter dem Tisch stapelten sich Akten und Schubladen. Eigentlich befand sich sein Büro im sogenannten »Straßenzimmer«. Vor ein paar Jahren war dieser Raum feierlich ausstaffiert worden, als Yasmins Vater zum gleichberechtigten Partner in der Gemeinschaftspraxis ernannt worden war, in der er während der vergangenen zehn Jahre tätig gewesen war. Der Raum war von oben bis unten mit Regalen vollgestellt, in denen sich wissenschaftliche Publikationen und Ringhefter mit Fachzeitschriften aneinanderreihten. In der Mitte stand ein riesiger Schreibtisch aus Mahagoniholz mit Leder- und Messingbeschlägen, zusammen mit einem bedrohlich wirkenden, schwarz gepolsterten Drehstuhl. Wenn Baba der Familie etwas mitteilen oder Arif eine Standpauke halten wollte – wegen seiner Ziellosigkeit oder seiner Weigerung, erwachsen zu werden und Verantwortung für seine Zukunft zu übernehmen –, dann geschah das im »Straßenzimmer«. Doch ansonsten zog Baba es vor, sich zum Lesen an den Esstisch im Wohnzimmer zu setzen, und wenn er dann fernsehen wollte, brauchte er nur seinen Stuhl umzudrehen. Die Bequemlichkeit, die ihm das Sofa oder der Sessel boten, nahm er so gut wie nie in Anspruch.
»Es geht hier um die Einwilligung des Patienten, Mini«, sagte er zum Abschluss seiner Erörterungen. »Es reicht nicht, dass der Patient das Formular unterschreibt, es muss eine informierte Einwilligung sein – also eine Einwilligungserklärung auf der Basis einer vollständigen Aufklärung. Und wenn der Patient nicht weiß, wer den Eingriff durchführen wird, dann wurde er nicht hinreichend aufgeklärt.«
»Ja, Baba.« Yasmin wusste, dass ihr Vater mehr von ihr erwartet hatte. Wie sollte er seiner Rolle als Lehrer gerecht werden, wenn sie sich nicht auf die Rolle der Schülerin einließ?
Aber sie war nicht bei der Sache. In ihrem Magen rumorte es, und zwar nicht nur vor Hunger, sondern auch vor Beklemmung. Während der letzten Wochen war es ihr – wenn auch nur so gerade eben – gelungen, die Angst vor dem Tag, an dem ihre Eltern Harriet kennenlernen würden, in Schach zu halten. Der überwältigende Stress auf der Arbeit hatte geholfen, und bis zu einem gewissen Grad auch die Unbekümmertheit, mit der Joe an die Sache heranging. Harriet würde sich nicht nur von ihrer besten Seite zeigen, nein, sie würde von Yasmins Eltern ganz und gar hingerissen sein, meinte er. Sie liebt dich, das steht außer Frage, hatte er gesagt, aber sie ist auch ein bisschen enttäuscht, dass du nicht noch indischer bist. Deine Eltern dagegen sind so authentisch, dass sie davon geradezu einen Orgasmus bekommen wird.
Yasmin versuchte, nicht mehr daran zu denken, doch das Problem ließ sich genauso wenig abschütteln wie die Nachbarskatze, wenn sie auf dem Fenstersims hockte und vor sich hin heulte. Jetzt, da das Aufeinandertreffen der beiden Familien unmittelbar bevorstand, wurde ihr klar, dass sie die völlig falschen Sorgen unterdrückt hatte. Ganz gleich, was Harriet tatsächlich von Shaokat und Anisah hielt, sie würde es sich ganz nach britischer Art nicht anmerken lassen. Und es war im Grunde genommen auch gar nicht wichtig. Die englische Mittelschicht mischte sich nicht in die ehelichen Angelegenheiten ihrer Kinder ein. Doch Harriet Sangster war eine Bedrohung, weil sie die Familie Ghorami womöglich mit dem Thema Sex konfrontieren würde – oder dies vielmehr bereits getan hatte –, und im Gegensatz zum Fernseher ließ sie sich nicht einfach durch einen Knopfdruck zum Schweigen bringen. Was würde geschehen, wenn sie – wie bei Yasmins erstem Besuch in Primrose Hill – darauf bestand, ihre Sammlung indischer Erotika zur Schau zu stellen? Oder wenn sie anfing, über eines ihrer Lieblingsthemen zu reden, wie zum Beispiel die kulturelle Bedeutung der Schambehaarung?
Bei der Vorstellung, wie Ma Harriets Buch in den Küchenmülleimer fallenließ, ballte Yasmin die Fäuste. Sie malte sich die lange Heimfahrt am morgigen Abend aus, wie sie schweigend im Auto saßen, während Ma leise auf dem Beifahrersitz vor sich hin weinte und Baba mit starrem Blick nach vorn auf die Straße schaute. Sie stellte sich vor, wie er sie ins Straßenzimmer zitieren und sie dann vor ihm stehen würde, während er in dem schwarzgepolsterten Stuhl saß und sich mit der Zunge die Lippen befeuchtete, was er immer tat, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hatte.
»Das ist ein interessanter Fall«, sagte Baba jetzt. »Hör es dir an und dann lass uns schauen, ob wir nicht zusammen eine Lösung finden. Es geht um einen neunundfünfzigjährigen Mann mit folgenden Symptomen: Fieber, Verwirrungszustände, Thrombozytopenie, Ausschlag und Niereninsuffizienz.«
Yasmin lehnte sich vor und tat so, als brächte sie der Sache ihre ungeteilte Aufmerksamkeit entgegen. Aber in Wirklichkeit waren ihre Gedanken schon wieder abgeschweift. Es war absurd, sich solche Sorgen zu machen, das wusste sie nur zu gut. Harriet würde so etwas niemals tun. Sie würde vielmehr voller Stolz ihr kulturelles Feingefühl zur Schau stellen. So viel stand schon mal fest. Und Baba würde ihr niemals die Heirat verbieten, ganz gleich mit wem und ganz gleich, was er von der angehenden Schwiegermutter hielt. Und was Ma betraf, nun, solange sie sich um die Hochzeitspläne kümmern konnte, wäre sie bestimmt glücklich. Ma war stolz darauf, dass ihre Tochter den Sohn einer berühmten Autorin heiratete – einer Autorin, die nicht nur Bücher geschrieben hatte, sondern auch das Libretto zu einer Oper und mehrere Hörspiele, die im Radio gesendet wurden. Das hatte sie jedenfalls zu Yasmin gesagt, genau wie zu den Nachbarn und ihren auf drei Kontinente verteilten Verwandten. An Yasmins übertriebener Besorgnis war einzig und allein Arif mit seinen Sticheleien schuld.
»Der Patient fühlte sich bis drei Tage vor seiner Einlieferung vollkommen gesund«, las Baba laut vor. Er liebte die Rätsel zu Krankheitsfällen, die das New England Journal of Medicine seinen Lesern aufgab, und noch mehr liebte er es, sie zusammen mit seiner Tochter zu lösen. »Dann litt er plötzlich unter Erbrechen, Diaphorese und Müdigkeit… Als das Notarztteam gerufen wurde, war er nicht mehr in der Lage zu sprechen oder zu stehen, reagierte jedoch auf Schmerzstimuli… Komm –« Er hörte auf vorzulesen und bedeutete seiner Tochter aufzustehen und über seine Schulter zu schauen. »Hier steht noch viel mehr über den Fall.«
Yasmin stellte sich neben ihren Vater und versuchte, aus dem Ganzen schlau zu werden. Der Blutdruck lag bei 132/82 mmHG, der Puls bei 110 Schlägen pro Minute, die Atemfrequenz betrug 26 Atemzüge pro Minute und die Sauerstoffsättigung lag bei 94%, während der Patient durch eine Nasenkanüle 2 Liter pro Minute zusätzlichen Sauerstoff verabreicht bekam. Die Pupillen waren auf 3 mm geweitet und nichtreaktiv. Die Haut war warm… Sie schaffte es nicht, sich auf die weiteren Details zu konzentrieren.
Stattdessen schaute sie immer wieder zu ihrem Vater und versuchte, ihn so zu sehen, wie Harriet ihn morgen sehen würde – den indischen Arzt in seinem braunen, zu weit sitzenden Anzug und der zu lose gebundenen Krawatte. Die Art und Weise, wie er dort saß, so kerzengerade und korrekt. So würdevoll, dachte Yasmin. Das hatte sie schon immer gedacht. Mit nur vierzehn Jahren hatte er in dem westbengalischen Dorf, in dem er aufgewachsen war, mit seiner Körpergröße bereits alle anderen überragt. Und obwohl wir Menschen – wie Baba gerne betonte – ab dem vierzigsten Lebensjahr pro Dekade im Durchschnitt einen halben Zentimeter schrumpfen, war er jetzt, mit sechzig Jahren, immer noch genauso groß wie damals.
»Arif sollte morgen Abend nicht mitkommen«, sagte sie unvermittelt. »Joe hat ihn zwar aus Höflichkeit eingeladen, aber Harriet rechnet nur mit uns dreien.«
Baba schaute zu ihr hoch und hob eine seiner buschigen, weißen Augenbrauen. »Hast du Angst, wir könnten nicht genug zu essen haben? Deine Mutter ist fest entschlossen, einen Vorrat mitzubringen, der für zwei bis drei Monate reichen wird.«
»Nein«, sagte Yasmin. »Es ist nur… Ja, aber kannst du sie nicht davon abbringen? Und wenn Arif mitkommt, wird er… Ich weiß auch nicht, man weiß bei ihm eben nie!«
»Jetzt reg dich nicht auf, Mini. Arif wird zu Hause bleiben. Aber deine Mutter wird alles mitbringen, was sie gekocht hat, weil das einfach ihre Art ist und weil es grausam wäre, sie daran zu hindern.« Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Fallbeispiel zu, und Yasmin schämte sich ein wenig.
Baba hielt im Großen und Ganzen nicht viel davon, wenn man sich aufregte. Bei kleinen Kindern musste man das zwar hinnehmen und auch bei Personen, die mental instabil waren, doch ansonsten gab ein solches Verhalten Anlass zum Tadel. Sein Leben verlief in geordneten Bahnen. Er arbeitete, er las seine Fachzeitschriften, nahm die Mahlzeiten mit seiner Familie ein und trank gelegentlich einen kleinen Schluck Whisky aus einem rubinroten Kristallglas, das zusammen mit der Whisky-Flasche in der obersten Schublade seines Mahagoni-Schreibtischs stand. Er sah sich im Fernsehen die Nachrichten und Dokumentationen über kriegszerrüttete Staaten an und sonntags mit seiner Frau – die eine hingebungsvolle Zuschauerin zahlreicher Seifenopern war – eine Folge aus der DVD-Sammlung der EastEnders. Von Zeit zu Zeit ließ er seine Familie antreten, um ihr eine Mitteilung zu machen, wobei es ganz gleich war, ob es sich dabei um innerfamiliäre Dramen oder die allgemeine Weltlage handelte. Letztendlich lief es immer auf dasselbe hinaus: Nur, wenn man ein ruhiges, geordnetes Leben führte, konnte man sich wahrhaft glücklich schätzen.
»Meningokokken?«, schlug Yasmin vor, die weitergelesen hatte. »Was meinst du, Baba?«
Baba nahm seine Brille ab. »Ich freue mich darauf, Mrs. Sangster kennenzulernen«, sagte er. »Es ist ein sehr glückliches Ereignis. Meine einzige Tochter heiratet. Die beiden Familien kommen zum ersten Mal zusammen. Nichts kann einen solchen Abend verderben, Mini. Ich hoffe, das siehst du genauso.«
Yasmin spürte, wie ihr die Tränen in den Augen brannten. Sie blinzelte und biss sich auf die Unterlippe. Es dauerte einen Moment, bis sie wieder sprechen konnte: »Danke, Baba.«
Er begann mit einer Analyse der Krankheitsgeschichte und konstatierte, dass Yasmins Diagnose durchaus ihre Berechtigung hatte, insbesondere wegen des lividen Ausschlags am Abdomen, doch letztendlich – aus Gründen, die er ausführlich erläuterte – hielt er eine thrombotisch-thrombozytopenische Purpura für die wahrscheinlichste Ursache.
Während er sprach, nickte Yasmin zustimmend, doch sie hörte ihm kaum zu. Sie empfand ein geradezu kindliches Gefühl des Trostes, als hätte ihr Vater unter ihrem Bett nachgeschaut und ihr hoch und heilig versichert, dass keine Monster darunter lauerten. Ihr Vater freute sich darauf, Mrs. Sangster kennenzulernen. Natürlich tat er das! Harriet war eine respektable, geachtete Person. Sie war nicht irgendein Pornostar, wie Arif es hatte suggerieren wollen. Sie schrieb Bücher zu feministischer Theorie und Literatur, unterrichtete an zwei Universitäten und saß im Vorstand von mindestens drei gemeinnützigen Organisationen. Die Beklemmung in Yasmins Brust war von einem Moment auf den anderen verschwunden, und während sie in die Küche ging, war ihr ganz leicht zumute (was vielleicht zum Teil auch auf ihren leeren Magen zurückzuführen war). Ma hatte sie endlich zum Essen gerufen.
Yasmin hatte die Küche noch kein einziges Mal in einem ordentlichen Zustand erlebt. Aber wie der Raum jetzt aussah – das hatte es noch nie gegeben. Ma hatte diesmal einen derartigen Grad an Verwüstung angerichtet, dass Baba beim Betreten des Raums verunsichert einen Schritt rückwärts machte. Aber es ehrte ihn, dass er dann, ohne ein Wort zu sagen, weiterging und seinen angestammten Platz am Tisch einnahm. Die Küche war Mas Reich, und sie herrschte darin, ganz wie es ihr beliebte.
»Zu heiß«, sagte Ma. Der Schweiß glitzerte auf ihren hohen Wangenknochen. »Heute Abend nur Reis und Gemüse.« Sie drehte das Radio leiser, das sie immer einschaltete, um beim Kochen Gesellschaft zu haben.
»Hervorragend«, sagte Baba. Er war ein großer Verfechter simpler Mahlzeiten.
»Wow, Ma!«, sagte Yasmin und gestikulierte in Richtung der dampfenden Pfannen mit Currygerichten und den Tabletts mit frittierten Häppchen. Kondenswasser lief am Fenster herab. »Das wäre doch nicht nötig gewesen.«
»Doch«, sagte Ma. »Morgen wird keine Zeit sein. Ich muss Mr. Hartley nach Woolwich fahren.«
»Ich wollte damit sagen …« Yasmin verstummte. »Ich wollte sagen, das ist fantastisch. Danke, Ma.«
Ma wackelte mit dem Kopf, was so viel bedeuten sollte wie Sei nicht albern, das ist doch selbstverständlich aber gleichzeitig auch Sieh mal, wie viel Arbeit das noch ist, die Küche sauberzumachen. Sie hatte die Gabe, allein durch eine Kopfbewegung und ihren Blick ganze Sätze von sich zu geben. Sie reichte Baba und Yasmin je eine Portion und stellte auch einen dritten Teller für Arif bereit, obwohl der noch gar nicht aufgetaucht war. Sie selbst sei nicht hungrig, erklärte sie, da sie den ganzen Tag genascht und abgeschmeckt habe.
»Warum kann dieser Junge nicht einfach mal zu Tisch kommen, ohne dass man ihn dreimal rufen muss?«, sagte Baba. »Ah, da ist er ja.«
Arif nahm sich seinen Teller. »Ich esse oben in meinem Zimmer, Leute. Ich muss arbeiten, hab’ nämlich einiges zu erledigen.«
»Setz dich gefälligst hin«, sagte Baba. »Und erzähl mir von dieser Arbeit, während wir essen.«
»Das habe ich dir doch schon erzählt«, sagte Arif. »Ich entwickle eine App.«
»Und ein Soziologie-Abschluss qualifiziert dich für so etwas?« Der Abschluss in Soziologie, den sein Sohn gemacht hatte, qualifizierte ihn in Shaokats Augen für rein gar nichts. Und die zwei Jahre, die seit Arifs Studienabschluss verstrichen waren, hatten diese Ansicht nur noch verstärkt.
»Klar doch«, sagte Arif und ging zur Tür.
»Lass den Teller auf dem Tisch stehen. Du bist ganz offenbar viel zu beschäftigt, um etwas zu essen.«
Arif zögerte. Yasmin wusste, dass er abwägte. Er könnte die ruhig ausgesprochene Anweisung seines Vaters ignorieren, und niemand würde mehr ein Wort darüber verlieren. Doch am Ersten des folgenden Monats würde er feststellen müssen, dass seine finanzielle Unterstützung um die Hälfte gekürzt oder womöglich ganz gestrichen worden war. Seinen Stolz oder seinen Geldbeutel? Welches von beiden würde er heute Abend retten?
»Nikuchi korechhe«, fluchte Arif leise. Zur Hölle damit. Er stellte den Teller wieder auf den Tisch und verließ den Raum.
»Und untersteh dich, ihm das später noch nach oben zu bringen«, wies Shaokat seine Frau an. »Wir tun ihm keinen Gefallen damit, wenn wir ihn verhätscheln.«
Anisah neigte zustimmend den Kopf, setzte sich und seufzte schwer.
»Warum fährst du Mr. Hartley nach Woolwich?«, fragte Yasmin. Mr. Hartley war der alte Mann, der nebenan wohnte. Als die Ghoramis vor zwanzig Jahren in diese Straße gezogen waren, war Mr. Hartley schon uralt gewesen, oder zumindest kam es Yasmin rückblickend so vor. Vorher hatte die Familie immer nur zur Miete gewohnt, in Apartments oder Häusern, die alle ähnlich unerfreuliche Eigenschaften hatten: Der Verkehr dröhnte die ganze Nacht, und wenn man durch die Haustüre nach draußen trat, war man sofort von Menschenmassen umgeben und erstickte in Abgasen. Baba sagte immer, man bekäme mehr für sein Geld, wenn man an einer Hauptverkehrsstraße wohnte, deshalb war Yasmin so überrascht, wie ruhig es hier war. Weißt du, wie dieser Ort heißt?, hatte Shaokat seine Tochter gefragt, während die Möbelpacker Kisten und Einrichtungsgegenstände ins Haus schleppten. Ja, Baba, er heißt Tatton Hill. Baba schüttelte den Kopf und ließ seinen Arm in einer Geste kreisen, die alles mit einschloss, wovon sie an diesem Samstagvormittag umgeben waren: die verschlafenen Häuser mit ihren aus Schutz vor der Morgensonne halb geschlossenen Jalousien, die grün schimmernden Hecken und sauber blitzenden Garagentore, die Rasenstreifen und ausladenden Bäume, die die Straße säumten. Seine Worte klangen feierlich. Er heißt: Unser kleines Stück Himmel auf Erden.
»Ihn fahren?«, warf Shaokat ein. »Wenn deine Mutter den Führerschein hätte, dann könnte sie ihn fahren. Nein, sie wird sich mit ihm in den Bus setzen, und das, obwohl er den Weg besser kennt als sie.«
»Ja, kann sein, ich bin nett zu ihm«, sagte Ma. »Ich bringe ihn zu dem Mann, der Nadeln in ihn sticht, um seine Arthritis zu heilen.«
»Akupunktur«, schnaubte Baba verächtlich.
»Er sollte ein neues Testament aufsetzen und dich zu seiner Erbin machen, Ma. Du tust mehr für ihn als seine eigenen Kinder.« Mr. Hartleys Tochter und seine Enkelkinder wohnten irgendwo im Westen von London und sein Sohn in Morden. Trotzdem besuchten sie ihn höchstens ein- oder zweimal im Jahr. Yasmin fand das empörend. Ihr war von Geburt an eingebläut worden, dass die eigene Familie immer Vorrang hatte und sie selbst nur deshalb wenig Kontakt mit ihrer weiter entfernten Verwandtschaft hatten, weil es die Umstände nicht erlaubten.
»Testament?«, fragte Ma und sah schockiert aus. »Bin ich ein Aasgeier, der ihm das Fleisch von den Knochen nagt? Und Mr. Ackerman? Soll ich an seinem Leichnam auch nagen?« Mr. Ackerman wohnte im Haus mit der Nummer 72 und war ein weiterer Nutznießer von Mas sozialdienstlichen Aktivitäten. Und Mr. Coombs, der in dem Bungalow an der Ecke wohnte, hatte eine besondere Vorliebe für Mas Lamm Biryani.
»Nein, du bist ein Engel«, sagte Baba. »Und falls er dir sein Haus vererbt, kannst du ja ein Pflegeheim für einsame alte weiße Männer aufmachen.«
»Papperlapapp«, sagte Ma.
»Ich kann mich nicht entscheiden«, sagte Ma. Sie zeigte auf die beiden Kleidungsstücke, die auf ihrem Bett ausgebreitet lagen. »Der erste Eindruck ist furchtbar wichtig.« Sie hatte Yasmin gebeten, zu ihr ins Schlafzimmer zu kommen.
Yasmin starrte das Seidenkleid an, dessen Muster und Farbgebung den Betrachter förmlich erschlug. Es war mit Vögeln und Blumen übersät und leuchtete in Türkis, Violett und Grün. Ein Supermodel könnte – mit der tatkräftigen Hilfe einer Stilistin – damit vielleicht gerade noch durchkommen. Doch an Ma, mit ihrem kleinwüchsigen, molligen Körperbau, würde es eine Katastrophe mit epischen Ausmaßen werden.
»Fühl mal«, sagte Ma. Sie strich mit der Hand über die Seide und bauschte den Rock auf. »Ist der Stoff nicht wunderschön? Und nur zehn Pfund hab ich bezahlt, im Laden von britischer Herzstiftung.«
»Die Wellensittiche sind sehr… eindrucksvoll«, sagte Yasmin. Ihr rutschte das Herz in die Hose, als sie sich ausmalte, wie sie der stets auf das Eleganteste gekleideten Harriet ihre exzentrisch gewandete Mutter vorstellte.
»Aber das Kostüm hier ist vielleicht besser für den guten ersten Eindruck.« Ma ging zu ihrer zweiten Wahl, einem braunen Rock mit dazu passender brauner Jacke, deren Stoff an ein Polstermöbel erinnerte, in Kombination mit einer weißen Bluse, die einen leicht entflammbaren Eindruck erweckte.
Wenn ihre Eltern das Haus im Partnerlook betraten, in zueinanderpassenden braunen Anzügen mit weißen Oberteilen –, würde Harriet es dann schaffen, ernst zu bleiben? Warum hatte Ma es nach all diesen Jahren nicht gelernt, sich wie ein normaler Mensch zu kleiden? Das war doch nicht so schwer. Sie müsste sich nur mal umschauen und es allen anderen nachmachen.
»Ich weiß nicht recht«, sagte Yasmin. »Ich habe mich gefragt… warum ziehst du nicht einen deiner Saris an? Du siehst im Sari immer großartig aus.«
»Oh nein«, sagte Ma. »Mrs. Sangster wird denken, diese Yasmin-Mutter, wie ist sie schrecklich hinterwäldlerisch! Warum passt sie sich nicht an? Warum integriert sie sich nicht? Genau das meine ich. Der erste Eindruck ist sehr wichtig.«
So authentisch, dass sie davon einen Orgasmus bekommen wird. Ein Sari wäre die beste Wahl, keine Frage. Aber was konnte sie ihrer Mutter schon sagen? Zieh dich morgen authentisch an? Zieh nicht diese peinlichen Kleider da an? Selbst wenn sie das täte, würde es doch nichts nutzen. Ma hatte sie zwar nach ihrer Meinung gefragt, aber sie hatte die Angewohnheit, die Meinung anderer auf das Freundlichste zu ignorieren, falls diese – ihrer Ansicht nach – die falsche war. Wie Baba immer so gern sagte: Sie war der sanftmütigste Dickkopf auf Erden.
»Dann zieh das Kleid an«, sagte Yasmin.
»Kluges Kind!«, rief Ma, als habe Yasmin einen Test bestanden. »Das ist genau das Richtige. Und noch eine Sache: Dein Vater hat Sorge, dass ich morgen das Falsche sage, also habe ich mich gut vorbereitet. Wir werden über die Hochzeit reden und über das Wetter. Diese zwei stehen fest. Und ich habe Artikel über das Lohngefälle zwischen Mann und Frau gelesen und noch einen über Mädchen als Naturwissenschaftler. Das sind alles gute angemessene Themen. Stimmst du zu?« Sie sah ihre Tochter gespannt an.
Ma hatte sich vorbereitet. Sie hatte sogar Recherchen angestellt. Sie hatte Harriets erstes Buch gelesen oder zumindest einen Teil davon, bis Arif sie dabei erwischt hatte. Sie hatte darüber nachgedacht, was sie sagen würde und was sie anziehen sollte. Yasmin hätte sich am liebsten entschuldigt, aber für was denn nun eigentlich und wie?
»Sehr angemessen«, sagte Yasmin. Und das war im Haus der Familie Ghorami ein ausgesprochen großes Lob.
Nachdem sie sich die Zähne geputzt und das Gesicht gewaschen hatte, beschloss Yasmin, noch einmal nach ihrem Bruder zu schauen. Sie wünschte, er würde sich selbst das Leben nicht immer so wahnsinnig schwer machen. Arifs Tür war nur angelehnt, und das Licht brannte noch, aber als Yasmin anklopfte und den Raum betrat, war er nicht da. Der schmutzige Teller auf seinem Schreibtisch legte nahe, dass Ma ihm trotz Shaokats Verbot das Abendessen hochgebracht hatte. Arifs Hanteln lagen auf dem Bett. Das schien das Einzige zu sein, was er ernsthaft verfolgte – an seinem Bizeps zu arbeiten. Das hatte er seit seinem sechzehnten Geburtstag eisern durchgehalten. Nur hatte es ihm nichts genützt, denn seine Arme waren auf geradezu empörende Weise dürr geblieben. Seine elektrische Gitarre stand neben dem Fenster an die Wand gelehnt. Eine der Saiten war gerissen, aber Arif machte sich nicht die Mühe, sie zu ersetzen. Manchmal nahm er das Instrument mit und behauptete, er ginge zu einer Probe mit seiner Band, woraufhin Baba jedes Mal seine buschigen Augenbrauen hochzog und fragte, ob der Schlagzeuger auch nur einen Schlägel habe.
Wenn Arif so spät noch das Haus verließ, dann bedeutete das unweigerlich, dass er die ganze Nacht wegbleiben würde. Höchstwahrscheinlich war er bei seiner aktuellen Freundin. Seinen Eltern gegenüber erwähnte er seine Freundinnen nie, aber Yasmin hatte er ab und zu erzählt, er habe was am Laufen.
Sie hatte ihn einmal in ihrer Stammkneipe, den »Three Bells«, mit einer jungen Frau gesehen. Ihre von einem Geflecht aus blauen Adern durchzogenen Brüste hatten vor Lachen gewogt, als er sich über sie beugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Als Yasmin sich aus der Gruppe ihrer Freunde löste und zu den beiden hinüberging, um Hallo zu sagen, hatte er sie ihr jedoch nicht vorgestellt. Zweimal hatte sie ihn auch mit einem anderen Mädchen gesehen – einem Mädchen mit strähnigen wasserstoffblonden Haaren und einem offenen Lächeln. Als sie sich im Supermarkt begegneten, hatte sie sich als Lucy vorgestellt, »wie du dir ja denken kannst«, auch wenn Yasmin sich das unmöglich hatte denken können, da sie noch nie von ihr gehört hatte. Arif hatte grimmig dreingeschaut und kaum ein Wort gesagt, aber dem Mädchen schien das nicht aufzufallen, und als Yasmin den beiden das zweite Mal begegnete, hatte Lucy-wie-du-dir-ja-denken-kannst ihr auf das Herzlichste zu ihrer Verlobung gratuliert, während Arif weiterlief und irgendetwas murmelte, von wegen sie seien spät dran. Spät dran zu sein war Arif sonst immer vollkommen egal.
Wenn Yasmin bei Joe übernachtete, was sie ziemlich oft tat, wurde zu Hause nie darüber gesprochen. Man erwartete von ihr weder, dass sie es offen thematisierte, noch, dass sie es leugnete. Ihre Abwesenheit wurde allenfalls mit dem Wort »Nachtschicht« kommentiert. Arif sprach manchmal über seine eigenen »Nachtschichten«, mit einem dreckigen Grinsen im Gesicht, aber das tat er nur Yasmin gegenüber und auch nur dann, wenn er sicher sein konnte, dass Shaokat und Anisah nicht in Hörweite waren. Es gab eine Wir-stellen-keine-Fragen-und-wollen-keine-Antworten-Übereinkunft seitens ihrer Eltern, die Yasmin als Entgegenkommen interpretierte, die Arif jedoch erbärmlich fand. Er hatte sich darauf verlegt, seine Angelegenheiten so geheim wie möglich zu halten.
Yasmin nahm den schmutzigen Teller und wollte ihn schon in die Küche bringen, doch dann besann sie sich eines Besseren und stellte ihn wieder hin. Arif konnte es nicht leiden, wenn irgendjemand in seiner Abwesenheit sein Zimmer betrat, selbst wenn es sich um Ma handelte.
Armer Arif.
In sechs Monaten würde Yasmin verheiratet sein und hier ausziehen, und Arif würde keinen Schritt weitergekommen sein. Er würde immer noch hier hocken, würde in seinem pubertären Trotz und seiner Unselbstständigkeit feststecken und auf seiner kaputten Gitarre herumzupfen.
Yasmin betete um einen Stau, Straßenbauarbeiten, Fahrbahnsperrungen. Sie hatten das Haus um halb sechs verlassen. Baba hatte darauf bestanden. Es sei Rushhour und man wisse ja nie, es sei besser, keine Risiken einzugehen. Er studierte die Londoner Straßenkarte, verglich die von ihm geplante Route mit der Wegbeschreibung auf Google-Maps, und nachdem sie ins Auto eingestiegen waren, gab er Harriets Adresse auch noch in das Navigationssystem ein.
Es bestand nicht die geringste Chance, dass sie sich verfahren würden. Und die Essenseinladung war für halb acht. Wenn alles so weiterging wie jetzt, während sie in nördlicher Richtung über die Themse flogen und ihnen der aus dem südlichen Stadtzentrum kommende Verkehr auf der Vauxhall Bridge entgegenkroch, dann würden sie eine Stunde zu früh eintreffen.
Yasmin saß auf dem Rücksitz, eingezwängt zwischen mehreren Taschen und Dosen mit Essen.
»Wie soll ich Mrs. Sangster nennen?«, fragte Ma, die sich zu ihr umgedreht hatte. Sie hatte das Vogel-Blumen-Kleid mit einem orangefarbenen Wollschal kombiniert, und obwohl sie versucht hatte, ihre Haare mithilfe von Öl zu einem säuberlichen Knoten zu bändigen, verfing sich der Schal immer wieder darin, sodass sich zahlreiche schwarze und graue Strähnen aus der Frisur gelöst hatten.
»Harriet«, antwortete Yasmin. »Joe nennt sie Harry. Das tun alle ihre Freunde.«
»Harry?«, fragte Ma. »Nein.« Sie bewegte den Kopf in einer Weise, die ausdrücken sollte, dass sie genau wusste, wenn man sie auf den Arm nahm.
Kommt, wann immer ihr wollt, hatte Harriet gesagt. Es ist nur ein ungezwungenes Essen im Familienkreis. Gegen halb acht, aber ganz im Ernst, macht euch keinen Stress, ihr kommt einfach, wann es euch passt. Joe wohnte bei seiner Mutter, weil er es leid gewesen war, in einer Mietwohnung zu leben und auch, weil Harriet sich über seine Gesellschaft freute. Als Yasmin ihn kennenlernte, glaubte sie, das sei etwas, das sie gemeinsam hatten, denn auch sie wohnte bei ihren Eltern. Doch nachdem er sie das erste Mal zu sich mit nach Hause genommen hatte, sah sie die Sache anders. Als sie ihn endlich, nach dem Verlauf mehrerer Monate und zahlreichen Bitten seinerseits mit nach Tatton Hill genommen hatte, damit er Baba und Ma kennenlernte, hatte jedoch der Umstand, dass er daheim bei seiner Mutter lebte, wahre Wunder gewirkt. In den Augen ihrer Eltern sprach das Bände über den Verehrer ihrer Tochter – den ersten, ihres Wissens – und potentiellen Schwiegersohn.
Yasmin versuchte, den Tupperdosen-Turm festzuhalten, als ihr Vater wegen eines Busses scharf bremsen musste.
»Seht ihr, wie gefährlich das ist?«, sagte er. »Und die Leute merken das gar nicht. In London wird durchschnittlich alle drei Wochen ein Mensch von einem Bus getötet. Und dabei sind diejenigen, die in einem Bus sterben, gar nicht mitgerechnet.«
»Alhamdulillah, ich habe noch nie gesehen, wie jemand gestorben ist im Bus«, sagte Ma, die sehr häufig die Buslinien nach Bromley, Norwood und Tooting benutzte – ihre Lieblings-Einkaufsgebiete. »Mr. Hartley blieb die Luft weg, einmal, in Linie 367, aber dann er hat gehustet, und ein Bonbon ist ihm aus dem Mund direkt in einen Kinderwagen geflogen. Die Mutter war sehr sehr wütend …« Sie redete immer weiter und erzählte ausführlich die ganze erbärmliche Geschichte.
Bitte, betete Yasmin still, bitte lass sie heute Abend nicht zu viel reden. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal ihren Gebetsteppich hervorgeholt hatte, aber auch wenn sie nur in Gedanken betete, dann wusste sie oder war sich zumindest fast sicher, dass Er zuhörte.
»Es geht um diejenigen, die ausrutschen, stolpern oder stürzen«, sagte Baba. »In dieser Statistik sind diejenigen, die ersticken oder an einem Herzinfarkt sterben, gar nicht enthalten, denn das könnte schließlich überall passieren. Ob sie sich in einem Bus aufhalten oder nicht, spielt dabei keine Rolle.«
Eine englische Familie würde um Viertel vor acht eintreffen. Eine indische Familie irgendwann nach neun Uhr. Nur die Ghoramis kamen eine ganze, übereifrige Stunde früher, als man sie erwartete.
Weißt du noch, das Essen mit Dr. Shaw und seiner Frau?, hatte Arif auf der Treppe zu ihr gesagt. Dabei hatte er sein typisch saloppes Lächeln aufgesetzt, und sie hätte es ihm am liebsten aus dem Gesicht geohrfeigt. Ich wette, die Shaws erinnern sich auch noch sehr gut daran, fügte er hinzu.
Dr. Shaw war einer der Seniorpartner in der Praxis, und als Shaokat vor elf Jahren endlich Partner geworden war, hieß es, dass man zur Feier dieses Ereignisses ein gemeinsames Abendessen veranstalten wolle. Die Ghoramis und die Shaws sollten zusammen im La Grenouille dinieren – dem besten Restaurant in ganz Tatton Hill.
Yasmin war überrascht gewesen, als sie Dr. Shaw zum ersten Mal gesehen hatte. Sie hatte angenommen, er wäre älter als Baba, doch er war jünger. Außerdem standen die vier obersten Knöpfe seines rosafarbenen Hemdes offen. Er sah nicht gerade wie ein Arzt aus. Seine Frau sah mit ihrer schwarzen, kurzärmeligen Bluse und ihrer Perlenkette sehr wohl wie die Frau eines Arztes aus – nur fehlte ihr ein Arm. Als sie ihren rechten Arm hob, um ihnen zuzuwinken, lugte der Stumpf ihres linken Arms für einen Moment unter dem anderen Ärmel hervor. Arif wollte Yasmin etwas ins Ohr flüstern, und sie trat ihm auf den Fuß, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Dr. Shaw war seinerseits überrascht, als er Yasmin und Arif sah. Er saß mit seiner Frau an einem Tisch, der lediglich für vier Personen gedeckt war. Es war den Shaws nicht in den Sinn gekommen, dass die Kinder zu einem Abendessen mitkommen würden, das zu Ehren des Vaters veranstaltet wurde. Und ebenso wenig war es den Ghoramis in den Sinn gekommen, dass dies nicht so gedacht sein könnte.
Die Speisekarte des La Grenouille war in einer geschwungenen Kursivschrift gedruckt, die nahezu unmöglich zu entziffern war. Als sich endlich alle gesetzt hatten – nach einem, wie es Yasmin vorkam, endlosen Durcheinander aus Entschuldigungen und Erklärungen und Neuanordnung der Stühle und Tischeindeckung –, nahm sie erleichtert die schwere, in Leder gebundene Speisekarte entgegen und versteckte sich dahinter. Sie starrte die verworrenen Buchstaben an, ohne irgendetwas davon zu begreifen. Im nächsten Moment wurde sie von Arif abgelenkt, der neben ihr saß und versuchte, ihr etwas ins Ohr zu flüstern. Ma sagte: »Frosch auf der Speisekarte? Das ist der Name vom Restaurant, nicht? Ich weiß, in Frankreich sie essen so etwas, aber ich kann nicht. Alles andere esse ich gern.« Yasmin erschauderte. Das, was Ma da sagte, klang, als hätte sie es einstudiert. Und außerdem entsprach es auch gar nicht der Wahrheit: Ma aß einzig und allein die Currys, die sie selbst zubereitet hatte. Sie brachte allem, was außer Haus gekauft wurde, größtes Misstrauen entgegen, selbst, wenn es sich nur um ein Sandwich handelte.
Es kam Yasmin so vor, als hätte sie für mehrere Stunden die Fähigkeit zu lesen verlernt, auch wenn es sich möglicherweise nur um eine einzige Minute handelte. Die einzelnen Buchstaben gewannen nach und nach an Klarheit, aber sie schwammen und wirbelten immer noch durcheinander und hatten nicht die geringste Bedeutung. Ihr kam der Gedanke, sie könnte möglicherweise eine Art Hirnschlag erlitten haben, allein durch die Intensität, mit der sie sich schämte.
»Schön«, sagte Dr. Shaw. »Können alle Französisch? Soll ich übersetzen?«
»Ist dir ein Floh über die Leber gelaufen?«, fragte Anisah. Sie hatte sich umgedreht und tätschelte das Knie ihrer Tochter.
Yasmin zog den Deckel von einer der Tupperdosen und biss in eine Blumenkohl-Pakora. Sogar kalt war sie absolut köstlich. Stark gewürzt, mit reichlich Öl zubereitet und doch mit jener magischen Leichtigkeit gesegnet, die nur Ma aus der Fritteuse herauszaubern konnte.
»Das sagt man so nicht«, antwortete sie. »Es heißt: Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen.«
»Nein«, sagte Ma. »Es sieht aus, als wären es zehn Flöhe. Was denkst du gerade?«
Yasmin durchsuchte die Tasche und zog eine andere Tupperdose daraus hervor. Ma mochte es nicht, wenn man ihre Ausdrucksweise korrigierte. Falls sie einen Fehler einsah, dann tat sie das, ohne es offen zuzugeben. Es kam viel öfter vor, dass sie steif und fest an einem Wort oder einer Redewendung festhielt. Baba hingegen sprach sehr korrektes Englisch. Zu korrekt. Es ließ ihn wie einen Ausländer klingen. Er war einunddreißig Jahre alt gewesen, als er ins Land gekommen war, was bedeutete, dass er natürlich niemals exakt wie ein Engländer klingen würde. Ma war mit sechsundzwanzig Jahren nach Großbritannien ausgewandert – sie war damals genauso alt gewesen wie Yasmin heute. Falls Yasmin mit ihrem Schul-Französisch nach Frankreich umsiedeln würde, hätte sie noch Jahre später mit irgendwelchen Redewendungen zu kämpfen, über die sie stolpern würde. Und Ma war darüber hinaus auch noch deshalb benachteiligt gewesen, weil sie nie einen Job gehabt hatte und auch keine Freundschaften, die über einen zwanglosen nachbarlichen Plausch hinausgegangen wären. Wenn sie daheim waren, empfand Yasmin ihr Englisch als vollkommen normal, aber manchmal – so wie jetzt – hörte sie ihre Mutter so, wie sie in den Ohren anderer klingen musste, und auch wenn es eine unfaire Reaktion war, konnte sie einfach nicht anders: In ihr zog sich alles zusammen vor Scham.
»Was denkst du?«, wiederholte Ma.
»Nichts«, antwortete Yasmin. Doch ihre Gedanken jagten wild durcheinander. Arif war ein erbärmlicher Idiot. Es war an der Zeit, dass er endlich erwachsen wurde. Und warum musste die Familie in einem so abscheulichen Auto durch die Gegend fahren? Kein vernünftiger Mensch würde sich in einem Fiat Multipla sehen lassen – dem hässlichsten Auto, das jemals gebaut worden war, dem glupschäugigen, ballonköpfigen Elefantenmann der Automobilbranche. Was stellte Baba mit seinem ganzen Geld an? Er könnte sich garantiert problemlos ein besseres Auto leisten. Würden sie mit all diesen Plastiktüten vor Harriets Tür auftauchen, oder würden sie sie im Auto lassen und Joe bitten, sie hineinzutragen? Denk nicht an dieses Abendessen mit den Shaws. Das ist genau das, was Arif erreichen wollte. Sie hatte diese Geschichte eigentlich schon längst erfolgreich verdrängt, bevor er mit seiner Stichelei angefangen hatte.
»Sieh mal«, sagte Ma. »Hier sind alle Leute Araber. Das muss schön sein, so zusammenzuwohnen.«
Sie fuhren die Edgware Road entlang, und nun kroch der Verkehr im gewohnten Londoner Schneckentempo voran. Jemand hupte, dann noch jemand und noch jemand, und von einem Moment auf den anderen brach auf allen Fahrbahnen ein Höllenlärm aus. Baba seufzte und warf Yasmin einen Blick im Rückspiegel zu, um, wie Yasmin sofort klar wurde, drei Dinge zu kommunizieren: dass der Lärm der Hupen vollkommen überflüssig war, aber eben ertragen werden musste, wie alle anderen Unannehmlichkeiten, dass das »Zusammenwohnen« aller ein Fehler war, den nur Ausländer machten, die es nicht besser wussten, und dass er selbst nicht in diese Falle getappt war. Seine Frau mochte das nicht begreifen, aber Shaokat hatte die bestmögliche Entscheidung für seine Familie getroffen. Yasmin wandte den Kopf ab.
Sie würde Joe von jenem Abendessen mit den Shaws erzählen. Ihre Eltern hatten nie wieder ein Wort darüber verloren. Yasmin hatte es auch ihren Freunden nie erzählt. Das war genau das, was in ihrer Familie nicht stimmte: Sie sprachen sich nie aus. Bei ihnen herrschte keine Offenheit, so wie bei Harriet und Joe.
Das Auto wurde langsamer, und Yasmin stellte fest, dass sie in Harriets Straße eingebogen waren und ihr Vater nach dem richtigen Haus Ausschau hielt. Fünf Minuten vor sieben. Nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte.
»Mrs. Sangster und Joe – nur diese beiden leben hier? Sehr schwierig, ein solches Haus zu führen, ohne Dienerschaft«, sagte Ma. Genau wie Harriet war sie in einem reichen Haushalt aufgewachsen. Doch im Gegensatz zu Harriet hatte sie von dem Vermögen ihrer Familie nichts geerbt. »Aber es ist nur Joe und Mrs. Sangster, nicht?«
»Nein«, antwortete Yasmin. »Ich meine, ja.« Nach der Hochzeit würde Harriet hier allein zurückbleiben. Joe und Yasmin hatten bereits begonnen, nach einer eigenen Wohnung zu suchen, und sie würden sofort nach der Hochzeit dort einziehen, selbst wenn noch irgendwelche Umbaumaßnahmen notwendig sein sollten.
Baba parkte den Multipla unmittelbar neben den beiden Fahrzeugen, die Harriet gehörten: einem Jaguar-Oldtimer und einem funkelnden Range Rover. »Also gut«, sagte er. »Wir sind da«, fügte er hinzu, als hätte Yasmin das in Zweifel gezogen. »Sollen wir uns ans Ausladen machen?«
Yasmin sammelte die Tüten und Taschen zusammen.
»Moment, eine Sache noch – soll ich den Brautpreis vor oder nach dem Essen verhandeln?« Er hob seine Augenbrauen, um sie wissen zu lassen, dass er nur scherzte.
»Was bist du denn bereit zu zahlen, um mich loszuwerden?«, fragte sie.
»Oh nein, Mini, die Familie des Bräutigams muss einen Brautpreis bezahlen, um meine Tochter zu bekommen. Und? Wie viel?« Er schob sich die breitrandige schwarze Brille auf die Stirn, während er seine Berechnungen durchführte. »Nein, sie können es sich auf keinen Fall leisten. Meine Tochter ist für mich unbezahlbar.«
»Dafür habe ich nur Verachtung übrig«, sagte Harriet mit kühler Genugtuung. »Das Gefühl der Schuld ist von allen eindeutig das nutzloseste. Das erbärmlichste und auch das egozentrischste. Man fühlt sich schuldig wegen seines Jobs, weil man zu wenig Sport macht, wegen der Umwelt, der Familie, der Ernährung und des Alkoholkonsums… Und das Schlimmste von allen sind die Schuldgefühle der Liberalen – dieses auf Hochglanz polierte Abzeichen der Selbstgerechtigkeit, das moralisch verkrüppelte Menschen so stolz vor sich hertragen. Aber das kam bei meinen Zuhörern gar nicht gut an. In dem Moment dachte ich, ja, dieses Thema schreit geradezu nach einem Artikel, und ich sollte unbedingt diejenige sein, die ihn schreibt!«
»Ich bin erstaunt, dass überhaupt noch jemand zu deinen Salons kommt«, sagte Joe. »Glaubst du, sie hätten Schuldgefühle, wenn sie zu Hause bleiben?« Er lächelte seine Mutter an, und sie rümpfte die Nase.
»Sie kommen, weil sie die geistige Anregung suchen, Darling. Ich mache mich über sie lustig, und sie finden das wunderbar. Und natürlich kommen sie auch wegen der Horsd’œuvres. Wie auch immer, daran arbeite ich jedenfalls momentan, Shaokat – an einem Artikel über die Abgründe der liberalen Schuld. Letzte Woche habe ich die Sache mal ein bisschen an meinen Freunden ausprobiert.«
Shaokat hatte sich nach Harriets gegenwärtigen »Projekten und Aufträgen« erkundigt – eine Frage, die durchaus Risiken barg. Aber Harriet hatte sich wie versprochen von ihrer besten Seite gezeigt. (Bisher hatte sie zum Beispiel kein einziges Mal das Buch erwähnt, an dem sie gerade zusammen mit einer befreundeten Fotografin arbeitete und in dem sie zahlreiche Männer dazu befragte, was sie für ein Verhältnis zu ihrem Penis hatten, während die Fotografenfreundin »ent-erotisierte« Bilder ihrer jeweiligen Anhängsel machte.) Sie saßen am Küchentisch und aßen die von Ma mitgebrachten Speisen. Harriet hatte sofort entschieden, diese statt der langweiligen Lasagne zu servieren, die sie gerade im Ofen hatte (keine Sorge, sagte Joe zu Anisah, die hat sie nicht selbst gemacht, für solche Sachen hat sie jemanden, der vorbeikommt). Anisah schwebte ob dieser Ehre im siebten Himmel und saß einfach nur schweigend da. Sie sah sich in der riesigen, prächtigen Küche um, betrachtete die Glastüren, die in den Garten führten, die Sofas und Teppiche, die Lichtkuppel, die sich über ihren Köpfen wölbte, die gepolsterten Sitzbänke in den Fenstern, den grandiosen Designer-Herd, die Frühstücksbar und die Arbeitsflächen aus echtem Marmor. Während sie die Currys aufgewärmt und in Porzellanschüsseln gefüllt und sich derweil mit den glänzenden Geräten und Schränken im Arbeitsbereich vertraut gemacht hatte, war sie auch ohne Hemmungen durch die restlichen, an die Küche anschließenden Räume gelaufen – die Speisekammer, den Hauswirtschaftsraum, die Garderobe und die überbaute Seitenveranda, wo zahlreiche Schuhe und Stiefel fein säuberlich neben einem adretten Stapel Kaminholz aufgereiht standen.
»Das ist überaus interessant«, sagte Shaokat. Yasmin nestelte an ihrer Serviette herum. Warum musste er so schrecklich langsam reden? Es tat beinahe weh, ihm zuzuhören. »Erklären Sie mir doch bitte«, fuhr er fort. »Was sind das für Abgründe? Warum ist es so verachtenswert?«
»Ich möchte Sie nicht langweilen«, rief Harriet. »Wir haben schließlich gerade etwas zu feiern!« Sie füllte Shaokats Weinglas auf, obwohl er kaum zwei Schluck davon getrunken hatte. »Und wir müssen über die Hochzeitspläne reden.« Sie drehte sich zu Anisah um, ergriff deren mollige Hand und drückte sie. Ohne innezuhalten, fuhr sie fort: »Diese ganzen Liberalen, die sich wegen der sozialen, politischen oder ökonomischen Ordnung schuldig fühlen – sowohl auf nationaler als auch auf globaler Ebene –, im Wissen, dass ihr Wohlbefinden und ihr Komfort von dem Blut, dem Schweiß und den Tränen anderer abhängt: Das sind die größten Feinde des Wandels in der Welt. Und weshalb?«
»Wir werden es sicher gleich erfahren«, sagte Joe. Yasmin bewunderte, wie er seine Mutter aufzog. Und beneidete ihn auch darum. Shaokat – das wusste sie, ohne es jemals ausprobieren zu müssen – würde so etwas niemals dulden, und Ma war gegen alle Arten von Ironie vollkommen immun.
»Sei still, du grässliches Kind«, sagte Harriet und erhob sich. Wie gewöhnlich war sie tadellos gekleidet, in irgendetwas Schwarzes, Elegantes. Als sie ihre Arme um Joes Hals schlang, um ihm einen Kuss auf den Kopf zu drücken, brachte das ihren Trizeps vorteilhaft zur Geltung. »Liberale Schuldgefühle sind das Eingeständnis, dass die gemütliche Kugel, die man da gerade schiebt, einfach zu schön ist, um sie aufzugeben. Man sagt damit: Nun, ich habe zwar nichts Falsches gemacht, aber weil ich ein guter Mensch bin, fühle ich mich schuldig. Diese Begleiterscheinung tritt auf, wenn man die Welt akzeptiert, wie sie ist. Ich öffne noch eine Flasche Malbec, damit der Wein atmen kann.«
»Ich verstehe«, sagte Shaokat. »Vielen Dank, dass Sie mir dieses Phänomen erklärt haben.«
Jedes Mal, wenn er etwas sagte, kribbelte es in Yasmins Fingern. Auf ihren Handflächen war der Schweiß ausgebrochen und während des gesamten Essens auch nicht wieder verschwunden.
»Nein, wir danken Ihnen!«, sagte Joe. Er saß neben Shaokat und hob nun sein Glas, um ihm zuzuprosten. »Danke, dass Sie und Ihre Frau uns besuchen gekommen sind. Danke, dass Sie dieses köstliche Abendessen mitgebracht haben und es mir erspart haben, schon wieder eine stinklangweilige Lasagne zu essen. Und vor allem …« Er wirkte fast schüchtern, während er Yasmin über die breite Tischfläche aus Nouveau-Blonde-Eiche hinweg ansah. Er strich sich die Haare seines Ponys aus den Augen. »Danke, dass Sie mich in Ihre Familie aufgenommen haben.«
Shaokat gönnte sich einen großen Schluck Wein und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Yasmin befürchtete, er könne im Begriff stehen, eine lange Rede zu schwingen.
»Nein, eigentlich ist es noch viel schlimmer«, sagte Harriet, die glücklicherweise in diesem Moment mit einer neuen Flasche Wein angerauscht kam. »Es ist keine harmlose Begleiterscheinung. Es ist die liberale Schuld, die überhaupt erst die Akzeptanz des Status quo ermöglicht, weil das Schuldgefühl das Handeln ersetzt. Es gilt als eine Maßnahme, die man ergriffen, eine Aktion, die man ausgeführt hat, und blockiert dadurch jedwede Notwendigkeit, tatsächlich etwas zu ändern. Es ist nutzlos, wertlos und – auf seine ganz eigene, lethargische Weise – sehr gefährlich.«
Anisah ließ Anzeichen dafür erkennen, dass sie aus ihrer glücklich entrückten Trance erwachte. Sie hüstelte leise und ergriff das Wort: »Wenn man nichts Falsches tut, fühlt man auch keine Schuld. Wenn man Schuld fühlt und weiß nicht, was man Falsches getan hat, dann muss man ruhig nachdenken. So mache ich es. Manchmal sagt mir dann mein Gewissen, o, du hast nicht nett mit Herrn oder Frau Soundso geredet oder du hast versprochen, Herr oder Frau Soundso zu besuchen, und hast es nicht getan.«
»Sehr richtig«, sagte Yasmin und hoffte, ihre Mutter würde es dabei bewenden lassen.
»Und außerdem«, sagte Anisah. »Außerdem bete ich. Gott schaut allen ins Herz, und wenn man Falsches getan hat und aufrichtig betet, nimmt Er die Schuld von uns und –« Hier machte sie eine wegwerfende Bewegung mit ihrer Hand. »Fort ist sie!«
»Das ist natürlich viel besser«, sagte Harriet. »Und beneidenswert. Das war alles ganz köstlich, vielen Dank nochmal! Ihre Kochkünste beschämen mich. Ich bin pappsatt.« Sie schob ihren Teller weg, sah Anisah jedoch mit einem hungrigen Blick an. »Würden Sie bitte zu meinem nächsten Salon kommen? Wir würden sehr gern hören, wie Sie uns etwas über Ihren Glauben erzählen.«
»Nein!«, rief Joe in gespieltem Entsetzen. »Passen Sie bloß auf, dass sie nicht ihre Krallen in Sie schlägt. Harry, lass sie in Ruhe!«
Das Entsetzen, das Joe nur vorgab, empfand Yasmin tatsächlich. Aber sie sagte nichts, um sich nicht zu verraten.
Harriet ergriff erneut Anisahs Hand und drückte sie. »Das ist ein wunderschönes Kleid. Wir beide, wir machen einfach, was wir wollen, ohne uns darum zu scheren, was uns die Männer einreden wollen.«
»Ich halte immer mit meinem Mann Rücksprache.«
»Rücksprache, ja«, sagte Shaokat. »Aber ob du dann auch zuhörst und den Rat befolgst – das steht auf einem ganz anderen Blatt.«
»Also, wir haben noch gar nicht über die Hochzeit gesprochen«, sagte Harriet. »Ich hätte da den ein oder anderen Vorschlag.«
»Ich räume den Tisch ab«, sagte Yasmin. Natürlich hatte Harriet den ein oder anderen Vorschlag! Es war Yasmin gar nicht in den Sinn gekommen, sich Sorgen zu machen, dass Harriet die Hochzeitsplanung an sich reißen könnte, weil sie so auf ihre anderen Sorgen fixiert gewesen war – wie zum Beispiel Mas Kleidung oder die Anzahl der mitgebrachten Tupperdosen.
»Ich helfe dir«, sagte Joe und sprang auf. »Harry, warte noch einen Moment mit deinen Vorschlägen. Ohne die Braut kann man schließlich keine Hochzeit planen.«
»Ihre Tochter hat mir erzählt, dass Sie beide aus Liebe geheiratet haben«, sagte Harriet, die Anisahs Hand nicht losgelassen hatte.
Ma wackelte mit dem Kopf und lächelte.
»Eine Tochter aus wohlhabendem Hause aus Kalkutta und ein armer, aber gescheiter Dorfjunge. Eine wahrhaft romantische Liebesgeschichte, habe ich mir sagen lassen.« Harriet wandte sich an Shaokat. »Ein Mädchen, das nur zuhört und sich an Ratschläge hält, wäre diese Ehe vielleicht nicht eingegangen.«
Während sie die Essensreste von den Tellern kratzten und alles in die Spülmaschine räumten, beugte sich Joe so dicht zu Yasmin herüber, dass sein Atem ihr Ohr kitzelte. »Komm, wir verschwinden mal eben nach draußen«, sagte er. »Zeit für eine taktische Besprechung!«
Es war ein milder Septemberabend, und der Duft von Jasmin und Rosmarin hing in der Luft. Joe legte seinen Arm um ihre Schultern. Sie liefen quer über die Veranda und den Rasen, unter einer Laube hindurch und betraten den Rosengarten. Die halb geschlossenen Rosen leuchteten in allen Weiß-Schattierungen und ließen ihre schweren Köpfe auf den dunklen Blättern ruhen.
»Alles in Ordnung?«, fragte er. »Geht es dir gut? Ich hoffe, du weißt die Eindämmungsstrategien zu schätzen, die ich eingesetzt habe, sobald Harriet aus dem Ruder zu laufen drohte.«
»Ja«, sagte sie und lachte. »Es geht mir gut. Und deine Mutter war ganz großartig. Sie kann wirklich mit jedem gut umgehen.«
»Das kann sie. Das muss ich ihr lassen. Nicht, dass es schwierig wäre, mit deinen Eltern umzugehen. Lass uns eine Weile hier bleiben und in die Sterne schauen.«
Sie setzten sich auf die Bank und legten ihre Hände ineinander. Die kühle Abendluft hatte etwas Erquickendes, wie ein Glas Wasser an einem heißen Tag.
»Ich hatte heute auf der Arbeit einen ziemlichen Wahnsinnstrip«, sagte Joe. »Das war echt unheimlich. Ich kann mich nicht erinnern, jemals solche Angst gehabt zu haben. Die Patientin hat einfach nicht mehr aufgehört zu bluten, und ich stand total unter Schock. Ich weiß, das war dämlich. Aber ich war irgendwie gelähmt.« Er schüttelte den Kopf. »Als wäre so etwas noch nie vorgekommen.«
»Was ist denn passiert?«
»Ich war wie erstarrt. Außer mir war nur noch die Hebamme da, die gerade erst ihren Abschluss gemacht hatte, und der Ehemann der Patientin hat mich angeschaut, mit so einem Blick, der gleichzeitig voller Panik und voller Hoffnung war, und ich bin einfach nur in diese komische… Ich weiß auch nicht, wie ich es sonst nennen soll – in eine Schockstarre verfallen.«
Yasmin drückte seine Hand. »Aber es ist dann alles gutgegangen, oder, Joe?« Joe war drei Jahre älter als Yasmin und Assistenzarzt in der Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie.
»Die Sache ist die«, sagte er langsam. »Ich hatte schon zwei Notfall-Kaiserschnitte und eine geplatzte Ovarialtorsion, und da habe ich nicht mal mit der Wimper gezuckt und dann …« Er verstummte.
Joe sieht ganz wie seine Mutter aus, hatte Ma ihr zugeflüstert, während sie das Biriyani im Ofen erhitzte. Aber das stimmte nicht. Harriet hatte scharf hervorstehende Wangenknochen, gewölbte Augenbrauen, und ihre Augen waren so stechend blau wie der Himmel an einem glühend heißen Tag. Joes Augen waren zwar ebenfalls blau, aber längst nicht so stechend wie Harriets.
»Aber es war doch okay«, sagte Yasmin, die das unbedingt bestätigt haben wollte. »Und das Baby war auch okay.«
»Ja, Gott sei Dank.«
Sie betrachtete ihn genau. Vielleicht hatte Ma ja doch recht gehabt. Die Ähnlichkeit war nicht zu leugnen. Seine Wangen waren weicher, voller, aber genau wie Harriet hatte er ziemlich hohe Wangenknochen. Sein Kinn war anders. Der Farbton seiner Augen war blasser, aber sie waren mandelförmig, genau wie ihre. Seine Haare waren ebenfalls blond, wenn auch etwas dunkler. Seine Nase war ähnlich, aber nicht ganz so gebieterisch.
»Ich liebe dich«, sagte sie.
»Ach ja?« Er tat überrascht. »Bist du sicher?«
»Hmmmm«, antwortete sie. »Tja… lass mich mal überlegen.« Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und schaute zu den Sternen hoch. Winzige Nadelstiche im Nachthimmel, dessen Samt im grellen Licht der Stadt verblasste.
»Ich verstehe das jetzt einfach mal als Ja. Hör mal, Harry möchte den Empfang hier ausrichten. Was hältst du davon?«
»Oh«, sagte Yasmin. »Aber wir bleiben doch dabei, dass es eine ganz kleine Feier wird, ja?« Sie waren sich einig gewesen, dass sie keine große Sache daraus machen wollten. Nur die Zeremonie auf dem Standesamt und dann ein kleines Festessen. Die Flitterwochen würden sie in Harriets Villa in der Toskana verbringen.
»Sie möchte ein paar ihrer Freunde einladen, aber ja, letztendlich entscheiden wir, wie das Ganze laufen soll.« Er schwieg einen Moment. »Der Vorteil wäre, wenn sie etwas plant, dann ist es immer, na ja, du weißt schon, durchorganisiert. Und im Augenblick ist es auf der Arbeit so wahnsinnig stressig. Für uns beide.«
»Kann schon sein, dass das sinnvoll wäre.«
»Okay, dann geben wir ihr grünes Licht.« Er klang erleichtert, als hätte er damit gerechnet, dass sie mehr Einwände vorbringen würde.
Sie dachte, sie würden jetzt aufstehen und wieder zurückgehen, aber er machte keine Anstalten, sich von der Stelle zu rühren, und sie war froh, sitzenbleiben zu können, von der Wärme seines Arms und seiner Schulter eingehüllt, und den Duft der Herbstnacht einzuatmen, der sich mit dem klaren, reinlichen Geruch nach Wäscheschrank vermischte, der von Joe ausging.
