Liebeskiller - Ingrid Schmitz - E-Book

Liebeskiller E-Book

Ingrid Schmitz

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  • Herausgeber: epubli
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2023
Beschreibung

Vorsicht, Liebesbetrüger! Mia Magaloff ermittelt in eigener Sache. Auf der Traumpartner-Seite im Internet sucht sie nach einem Mann, der wirklich zu ihr passt. Treu, witzig und weltoffen soll er sein – wie Leo von Stein. Vor dem ersten Treffen erhält Mia eine Warnung: In diesem Forum sollen sich auch Romance-Scammer herumtreiben. Diese Liebesbetrüger schwören ewige Liebe, doch sie treiben ihre Opfer in den finanziellen Ruin, manchmal sogar in den Tod.

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Seitenzahl: 317

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Ingrid Schmitz

Liebeskiller

Mia Magaloff ermittelt

Kriminalroman

Imprint

Texte: © Copyright by Ingrid Schmitz Umschlaggestaltung: k-e-coverdesign Bildquelle: depositphoto © Ingrid Schmitz

published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de

Verlag: Ingrid Schmitz Brüggerstr. 13 47802 Krefeld [email protected]

Für ALLE,

die auf der Suche nach dem Traumpartner sind:

Lasst das Herz sprechen, den Bauch entscheiden,

aber haltet die Augen offen ...

Kapitel 1

„Leo! Wo bleibt mein Geld?“

„Auf meinem Konto, Dunja. Da ist es besser aufgehoben. Ich werde dir nicht mal eben weitere zehntausend überweisen. Du hast genug bekommen.“

„Was? Du lebst wie die Made im Speck - und ich? Ich wohne auf meiner drei Jahre alten Yacht mit abgewetzten Ledersitzen. Das sehe ich nicht ein. Die letzte Champagnerlieferung muss auch noch bezahlt werden. Was ist? Laufen die Geschäfte nicht mehr? Solltest dich auf echten Schmuck spezialisieren. Wer will denn diesen Tinneff, die Strasssteine oder Plastikohrringe überhaupt noch kaufen?“

Leo lachte bitter. „Das kann dir egal sein. Ich lasse mich jedenfalls nicht länger von dir erpressen. Du wirst gefälligst kürzer treten. Oder finde eine bezahlte Tätigkeit. Mach, was du am besten kannst. Du weißt schon was.“

„Was? Ich bin doch keine Nutte. Hör zu, wenn ich das Geld nicht bis Ende des Monats hier in Italien habe, werde ich einen Schnüffler auf dich ansetzen. Der wird gewiss herausfinden, welche illegalen Geschäfte dich in den Knast bringen könnten.“

„Wenn du das machst, sind wir geschiedene Leute.“

„Genau das wäre mein nächster Schritt, und dann kannst du einpacken. Also flott zur Bank und Geld abgeschickt.“

„Dunja, das kannst du nicht … Dunja?“

Er legte auf und sah zu Addi hinüber, der nebenan auf den Monitor starrte. Sein Stellvertreter, Buchhalter und Kaffeekocher hatte durch die offenstehende Tür sicher alles mitbekommen.

Leo erhob sich schwer atmend und ging zu ihm.

*

Addi hatte sich schnell in seine Bücher vertieft, als er Leo auf sich zukommen sah.

„Du musst sie umbringen!“ Leo schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

Addi schrak hoch. Wie oft hatte er das schon gehört? Aber bisher hatte es anders geklungen, da hatte Leo sie selbst umbringen wollen.

Er blickte auf Leos ausgestreckten Zeigefinger, der wie ein Pistolenlauf auf ihn gerichtet war, und hakte nach: „Ich soll sie … was? Ich?“

„Wer sonst?“, fragte Leo. „Ich bezahle dir einen Fernurlaub dafür. Kannst für eine Weile in der Karibik untertauchen.“

„Bist du verrückt geworden?“

„Im Gegenteil. Ich war noch nie so klar bei Verstand. Dunja will einen Detektiv auf uns ansetzen. Soweit darf es nicht kommen. Also muss sie dran glauben! Du weißt ja, was passiert, wenn du es nicht machst.“

„Du entlässt mich?“

„Auch eine Idee. Aber damit ist mir nicht geholfen.“

„Du suchst dir einen Profikiller und lässt zuerst mich und dann Dunja umbringen?“

„Nein, viel besser: Ich hetze dir Dunja auf den Hals. Sie wird dir an die Gurgel gehen, und dann musst du um dein Leben fürchten. Wenn du Glück hast, kannst du es wie Notwehr aussehen lassen.“

„Keine gute Idee.“

„Die beste, die ich je hatte. Was ist jetzt? Ich meine es todernst.“

„Ich … ich wüsste da Jemanden, der es machen könnte. Gib mir ein paar Monate …? Wochen …? Tage?“

Bei ‚Tage‘ hörte Leo endlich auf, den Kopf zu schütteln. „Vielleicht ist es sogar besser, wenn du es nicht selbst machst. Genau, wir geben es in Auftrag. Kurz, schmerzlos und diskret soll es sein, hörst du? Was kostet so was?“

Addi zupfte ein Haar von seinem Polohemd. Auf Rosa wirkte das schwarz Gelockte störend, besonders wenn man intensiv nachdenken musste. Was kostete heutzutage ein Auftragskiller? Er war nicht mehr up to date. „Das werde ich herausbekommen.“

Er hätte sich damals nicht darauf einlassen sollen, in die Firma einzusteigen. Das hatte er jetzt davon. Am liebsten würde er sofort kündigen. Aber was sollte er sonst machen? Mit einer Körpergröße von 1,60 m war es immer schon schwierig gewesen, sich im Managerbereich durchzusetzen. Angeblich wären seine Leistungen nie herausragend gewesen. Aber das lag wohl eher daran, dass ein erfolgreicher Geschäftsmann groß und kräftig zu sein hatte, damit er etwas darstellte. Addi wurde einfach nicht ernst- und wahrgenommen. Nur als Krimineller fiel er sofort auf, wurde von Zeugen als ‚auffallend klein‘ beschrieben. Allein das hätte ihm eine Warnung sein sollen, keine krummen Dinger mehr zu drehen. Zu spät. Seit zwei Jahren hing er in dieser Firma mit drin.

Das Geschäft an sich lief sehr gut. Er kannte die Zahlen. Die großen Summen kamen natürlich nicht mit dem Modeschmuck rein! Wenn die unersättliche Dunja wirklich hinter ihre Transaktionen käme, könnten sie einpacken. Aber Dunja beseitigen zu lassen, gefiel ihm gar nicht. Sie war vollkommen, zumindest ihre Figur. Ein 1,80m großer Körper mit unendlich langen Beinen. Er liebte diese Frau. Wenn da nur nicht ihre Verschwendungssucht wäre, er hätte sie vom Fleck weg entführt und Kinder mit ihr gemacht. Doch für eine gemeinsame Zukunft brauchte er Geld – viel Geld. Wie oft hatten sie miteinander geschlafen? Sechs Mal in drei phantastischen Nächten.

„Was ist? Warum starrst du mich so an?“, fragte Leo. „Du kennst Dunja nicht so gut wie ich. Du weißt nicht, wie sie sein kann, wenn sie ihren Willen nicht bekommt. Lass ein Messer in ihrer Nähe liegen und die sticht dich ab, wenn du ihr die Prada-Schuhe nicht kaufst. Also, wer könnte es tun? Halt! Ich will es gar nicht wissen. Du beauftragst ihn einfach. Sag mir nur, wie viel er dafür haben will, und er soll es bekommen. Es gibt einen Express-Zuschlag, wenn er sich beeilt.“

„Aber … Ich …“

„Nichts aber. Dunja ist eine Gefahr für uns. Ich will expandieren und nicht dicht machen.“

„Könnte Dunja nicht für uns arbeiten?“, fragte Addi. „Soll sie sich das Geld für ihre Shoppingwut doch selbst verdienen. Wäre das nicht einfacher und ungefährlicher?“

„Geht nicht. Sie weiß dann zu viel. Zum Beispiel, das mit der Traumpartner-Seite.“ Leo grinste breit. „Deine Idee, unser Business auch auf die Flirtseiten auszuweiten, war richtig gut. Da treiben sich eine Menge potenzieller Kunden herum. Ich habe dort eine ganz tolle Frau kennengelernt. Das Vollweib passt genau in mein neues Geschäftskonzept, auch Männer anzusprechen. Sie hat eine schnelle Auffassungsgabe, sieht nicht alles so verbissen, ist frech, flirtfreudig und clever. Genau die Richtige.“

„Aber clever ist schlecht.“

„Clever ist gut. Sie wird schnell merken, wie es bei uns läuft, und wie es läuft, wenn es nicht läuft.“ Leo zerquetschte Addis leeren Pappbecher und warf ihn mit Schwung in den Papierkorb. „Gut, gewichtsmäßig liegt sie weit über Dunja. Da muss man eben beide Augen zudrücken. Obwohl, hungrige Männer bevorzugen bekanntlich rundlichere Frauen. Aber ihre Stimme ist dafür äußerst sexy. Du wirst sehen, die hilft uns, das Geschäft zu beleben.“

Addi blickte seinen Chef zweifelnd an.

Der fuhr unbeirrt fort. „Ich habe schon einiges über sie herausbekommen: Keine Schulden, Künstlerin, besitzt ein eigenes Haus und ist getrennt lebend. Sie will sich in Kürze von ihrem Mann scheiden lassen, weiß aber nicht, wie es dann finanziell weitergehen soll.“ Leo lächelte selbstgefällig. „Der Frau kann geholfen werden. Wir werden uns schon bald persönlich treffen. Wenn es passt, wird sie die Stelle bekommen und mir vielleicht sogar Dunja ersetzen. Also, was ist jetzt mit Dunja?“

„Ich kümmere mich um sie“, sagte Addi.

„Gut, habe nichts anderes erwartet. Sonst hätte auch deine Zukunft ziemlich düster ausgesehen.“

*

„Was?“, kreischte Dunja von Stein. Addi hörte Eiswürfelklirren, Champagnergluckern, Schlucken. An der Verbindung konnte es nicht liegen, dass sie ihn nicht verstanden hatte. Ihre Stimme klang so deutlich, als säße er direkt neben ihr an Deck der Yacht, die auf dem Gardasee vor Anker lag. Nun knallte sie wohl das Glas auf den Tisch. Sie schnaubte: „Er will mir das Geld nicht überweisen?“

„Ja, will er nicht. Er will dich umbringen!“

„Also kein Geld.“

„Ich soll einen Auftragsmörder auf dich ansetzen.“

„Das Schwein! Er schickt mir kein Geld mehr???“

„Hörst du mir überhaupt zu?“

„Klar! Kein Geld!“

Addi brummte: „Ja … ja, kein Geld. Ich melde mich morgen wieder. Werde mir was einfallen lassen und noch mal mit ihm reden.“

Kapitel 2

Mia Magaloff war spät dran. Sie hatte beim Duschen getrödelt und musste sich beeilen. Ihre neue Männerbekanntschaft wartete sicher schon im Chat. Nie hätte sie gedacht, dass sie mit neunundvierzig Jahren noch einmal auf Partnersuche gehen würde. Wie sagte ihre Oma immer: „Alles auf der Welt, das ist vergänglich - nur der Kuhschwanz, der bleibt länglich.“

Nein, sie suchte nicht das Abenteuer und brauchte keine Marktwerteinschätzung. Der von ihr getrennt lebende Noch-Ehemann war schuld an ihrer Neuorientierung. Vor ein paar Wochen noch hätte sie Bodo beinahe ein Friedensangebot gemacht, ihm eine zweite Chance gegeben und ihn wieder bei sich aufgenommen. Einzige Bedingung wäre gewesen: Kürzer treten! In Punkto Arbeit im Allgemeinen und Frauen im Besonderen. Mia hatte sich den Lebensabend mit ihm so schön vorgestellt. Na gut, vielleicht hatte sie auch der Artikel über die Einsamkeit im Alter und die schleichende Altersarmut beeinflusst. Bodo verdiente im Großkonzern sehr gut, und ihr sporadisches Einkommen als Bildhauerin und Trödelmarkthändlerin hielt sich in Grenzen. Warum nicht zwei Haushalte zusammenlegen und Kosten sparen? So könnten sie sich später eine männliche Hilfe rund um die Uhr leisten. Eine männliche wohlgemerkt, eine Frau kam ihr nicht ins Haus.

Feierlich und geheimnisvoll zugleich hatte sie Bodo zu einem Essen bei sich eingeladen. Er durfte an diesem zukunftsträchtigen Abend bestimmen, was er kochen wollte. Das hatte den Vorteil, dass es dann auch schmeckte, und so konnte er sich schon einmal an seine zukünftige Aufgabe gewöhnen.

Bodo machte sich an die Arbeit und servierte ihr ein vier Gänge Menü vom Feinsten. Beim Nachtisch, Bourbon-Vanilleeis mit Früchten der Saison, schmolz sie endgültig dahin. Auch, weil sie sich die Löffel gegenseitig reichten – auf dem Bett im Schlafzimmer. Das prickelte. Das machte durstig und hungrig zugleich. Sie hatte es geahnt, nein gewollt. Der Champagner stand bereit. Aber der alleine konnte ihr Verlangen nicht stillen. Müsste sie ihren damaligen Zustand beschreiben, bräuchte sie nur ein Wort: Hemmungslos!

Unfähig, klar zu denken, hatte sie mit dem Feuer gespielt und sich daran verbrannt. Sie hatte ihrem zukünftigen Ex-Mann ein Rollenspiel vorgeschlagen. Er sollte so tun, als läge nicht sie, sondern seine neue Laborassistentin unter ihm. Das sollte Schwung in die Sache bringen. Brachte es auch. Bodos Phantasie kannte keine Grenzen mehr. So kam es, dass er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte und zuerst kam, was er tunlichst hätte vermeiden sollen. Hätten Sie gleichzeitig das Vergnügen gehabt, hätte Mia es in ihrem Sinnesrausch vielleicht überhört, aber so kippte die Stimmung schlagartig, als er ihr ein abgehacktes „Pau-la“ entgegenschmetterte. So hieß nicht seine neue Assistentin, sondern seine Sekretärin. Dieses „Pau-la“ hatte er sicher nicht zum ersten Mal herausgeschrien, aber zum letzten Mal – zumindest bei Mia.

Blieb diesem Flittchen Paula nur noch zu wünschen, dass er sie auf seinen vielen Geschäftsreisen mit den ostasiatischen Mitarbeiterinnen betrog. - Nein, Mia war es endgültig satt, seine Seitensprünge tolerieren zu müssen, so wie er es von ihr erwartete.

Gab es den romantischen Traumprinzen überhaupt noch? Einen großen, gebildeten, ehrlichen, humorvollen Blonden mit knuffiger Figur in modischen Klamotten, der sie verwöhnte, ihr Komplimente machte, und, was das Wichtigste war, der wirklich Zeit für sie hatte? Nur für sie!

Mia hatte recherchiert. Schnell waren ihr dazu die vielen Partnersucheseiten im Internet aufgefallen. Nur hatte sie vorher letzte Skrupel über Bord werfen müssen, was ihr anfangs nicht so recht gelang. Erziehung und Emanzipation standen sich da manchmal im Weg.

Deshalb war sie erst einmal einem dieser sozialen Netzwerke beigetreten. Obwohl sie in den Medien viel Negatives darüber gehört hatte, aber das musste ja nicht alles stimmen. Zunächst wollte sie sich dort nur umschauen, sich die Profilbilder ansehen und vielleicht aus den Augen verlorene Freunde suchen.

Spontan hatte Mia sich dann doch auf einer der Flirtseiten angemeldet. Obwohl ihre Freundin Gitti sie gewarnt hatte, alle Ehemänner behaupteten dort, sie seien Single oder lebten in einer unglücklichen Beziehung. Mia wollte nicht glauben, dass alle Männer wie Bodo waren, und sie selbst war ja auch noch verheiratet. Aber nicht mehr lange.

Mia klappte die Spiegeltür vom Badezimmerschrank zu. Schminken konnte sie sich später, komplett anziehen auch. Stattdessen loggte sie sich schnell ins Internet ein, damit sie ja pünktlich zum verabredeten Chat kam, so wie in den letzten drei Wochen jeden Tag. Auf ihr Profil auf der Traumpartner-Seite hatte sich tatsächlich jemand gemeldet. Seinen einfühlsamen und fehlerfreien Schreibstil fand sie durchaus ansprechend. Sein Name war Leo von Stein. Mit dem Profilfoto hatte er nicht so gepunktet: Aschblonde, dünn wirkende Haare fielen ihm über die Stirn, seine tiefliegenden Augen waren vielleicht etwas zu klein, die Nase leicht platt, dafür hatte er ein ausgeprägtes Kinn.

Am besten gefielen ihr seine schneeweißen Zähne und sein breites Grinsen. Ein Schönling war er nicht, aber dafür konnte sie sicher sein, dass ihn ihr so schnell keine andere ausspannen würde … Was zählte, waren sein Humor, seine Pünktlichkeit und Romantik, mit einem Schuss Erotik.

Mia starrte enttäuscht auf den Monitor, Leo schien nicht online zu sein. Sie klickte noch einmal auf sein Profil, prüfte, ob sich etwas geändert hatte. Nein, es waren immer noch die Angaben, die sie kannte: 46 Jahre, Größe 1,85 Meter, und 90 Kilogramm.

„Hallo?“, rief Mia, als könnte Leo sie hören. Warum meldete er sich nicht? Sie seufzte und wollte sich gerade enttäuscht zurückziehen, da tat sich etwas auf ihrem Bildschirm. Hallo Mia. Wartest du schon lange? Können wir skypen? Mia griff zu ihrem Headset, stöpselte es ein und rief das Programm auf. Hoffentlich wollte er keine Video-Schaltung. Sie saß noch in ihren Alltags-Dessous am PC. Außerdem standen ihre Haare wirr und kraus vom Kopf ab, sie hatte kleine müde Augen mit dunklen Rändern darunter, spröde Lippen und …

„Mir kam ein Telefonat dazwischen“, sagte er, „entschuldige bitte. Bleibt es bei unserem Treffen?“

Also keine Videoschaltung, sonst hätte er sofort danach gefragt. „Ja, sicher, beim Chinesen – übermorgen“, bestätigte sie. „Freue mich sehr darauf, dich endlich persönlich kennenzulernen.“ Es war immer wieder angenehm, seine sanfte Stimme zu hören. Jedes Gespräch mit ihm ging ihr unter die Haut. Ihm musste es ähnlich gehen, denn sie waren rasch sehr vertraut miteinander geworden.

„Freue mich auch, Mia. Habe letzte Nacht sogar von dir geträumt.“

Mia fühlte eine heiße Welle.

„Wir sind Arm in Arm durch die nächtlichen Straßen geschlendert. Als wir stehen blieben, hast du mir aufregend süße Dinge ins Ohr gehaucht … “

Mia musste sofort an Torte, Schokoladenkekse und Pfannkuchen denken.

„… es begann zu regnen. Wir hatten keinen Schirm …“

Mia fröstelte. Sie zog sich die bereitgelegte Strickjacke an.

„… Ich habe dann mein Jackett ausgezogen und es dir …“

Mia stellte den Ton lauter.

„… über die Schultern gelegt. Dabei küsste ich zärtlich deine niedliche Gänsehaut am Hals. Ich berührte deine warmen sinnlichen Lippen. Wir küssten uns sanft, stießen dabei wie zufällig mit unseren Zungen aneinander, bis sie leidenschaftlich miteinander tobten.“

Mia zog ihre Strickjacke wieder aus.

„Völlig durchnässt liefen wir zum nächsten Hauseingang und stellten uns unter. Hier waren wir nicht nur vor dem Regen geschützt, sondern auch vor den Blicken der Passanten. Ich zog dich an mich und spürte meinen schnellen aufgeregten Herzschlag umso mehr. Ein glühendes Verlangen zuckte durch meinen Körper, während wir uns innig küssten und berührten. Meine rechte Hand fuhr zwischen deine Schenkel und du nahmst …“

Mia schnappte nach Luft. An ihrem ganzen Körper kribbelte es. „Ja?“

„ … dann war der Traum zu Ende. Der Wecker hat geklingelt. Ich habe ihn gegen die Wand geworfen.“

„Oh. Ich hasse Gewalt - auch gegen Wecker.“

„Ich meinte, ich hätte. Ich hätte ihn gegen die Wand schlagen können, habe ich natürlich nicht. Er landete in meinem Kleiderschrank. Mia, ich war mir nicht sicher, ob ich dir den Traum erzählen soll, bin ja eher ein schüchterner Mensch.“ Er lachte laut auf. „Aber du musst mir diese Phantasie verzeihen. Du bist schuld daran. Du hast mich mit deinem Foto, deinen Chats und Skypes wohl dazu angeregt. Hat dir schon mal jemand gesagt, wie gefährlich sinnlich und erotisch du bist?“

„Nein, noch niemand. Danke Leo. Du bist und bleibst ein Schmeichler, dem ich Komplimente gerne glauben möchte. Hoffentlich regnet es am Abend unseres ersten Treffens.“

Kapitel 3

Addi überlegte krampfhaft, wie er sich geschickt aus der Affäre ziehen konnte. Allein wegen der gefälschten Bilanzen und den fingierten Listen für den angeblichen Modeschmuckein- und –verkauf mangelte es ihm nicht an Straftaten. Keinen einzigen Fehler durfte er sich bei der Abrechnung oder Steuererklärung erlauben, wenn er nicht Polizei, Zoll oder Finanzamt vor der Tür stehen haben wollte.

Aber nicht nur das war riskant. Deshalb kümmerte er sich höchstpersönlich um die besonders schwierigen oder lukrativen Fälle beim eigentlichen Geschäft. Zurzeit hatte auch er eine Frau von der Traumpartner-Seite an der Angel. Wie sie wirklich aussah, wusste er noch nicht. Er klickte sich noch einmal auf ihr Profil. Auf dem Foto war sie mit großer Sonnenbrille zu sehen, und ihre Haare wirkten unnatürlich dicht und blond. Vielleicht trug sie eine Perücke.

Nur eines hatte sie bei ihrer Verkleidung vergessen: Sie hatte nicht den echten Schmuck abgelegt. Addi hatte den Knotenschlüssel mit Diamanten in achtzehn Karat sofort erkannt. Auch ihr Ring und das Armband stammten aus dem Hause Tiffany. Wertvoller Schmuck, der ihn auf einen gewissen Reichtum aufmerksam machte. Er kannte sich nicht nur mit Modeschmuck aus. Im Moment war sein Goldfasan leider offline.

Für die einfachen Fälle hatten sie zum Glück noch Jo. Eigentlich hieß er Jonathan. Aber das passte nicht so recht zu seinen sechsundzwanzig Jahren und seinem jungenhaften Charme. Der Tunesier mit der großen, athletischen Figur war die Nummer Eins bei den Frauen. Ursprünglich war er als Mann für alles eingestellt worden. Er hatte Dunja und Leo im Haus geholfen, in Italien kleinere Reparaturen am Schiff vorgenommen, es auf Vordermann gebracht oder einfach nur Besorgungen gemacht. So lange, bis Addi Jos sonstige Vorzüge erkannt hatte. Ihm war aufgefallen, dass die Frauen auf sein probehalber eingestelltes Profil abfuhren und reihenweise Kontakt mit ihm wollten oder direkt um ein Treffen baten. Dennoch blieb Jo sein persönlicher Assistent, weil es nichts gab, was er nicht besorgen und organisieren konnte. Musste er auch, denn er hatte einiges bei Addi gut zu machen. Ohne ihn hätte Jo sich keine neue Identität aufbauen können.

Addi nahm sich seine letzten Telefonnotizen noch einmal vor und übertrug sie in die verschlüsselte Datei. Warum wollte Leo ausgerechnet jetzt diese Frau ins Spiel bringen? Die Anstellung neuer Mitarbeiter war seine Sache. Wenn Leo es wirklich wagen sollte, ihm dazwischenzufunken, würde er die angeblich clevere Vollschlanke dumm dastehen lassen und schon bald durch ein jüngeres Model ersetzen. Davon gab es reichlich. Wenn das Häschen dahinterkam, dass es nicht um die Präsentation von Modeschmuck ging, gab es kein Zurück mehr. Mit einem Spitzenverdienst hatte er dann längst ihr Schweigen gekauft und sie abhängig gemacht.

*

Addi fuhr schnell zum Supermarkt, kaufte eine Likörflasche aus dunklem, kaum durchsichtigem Glas und stopfte sie in die Plastiktüte, die er auf dem Beifahrersitz platzierte. Danach ging es ab zur Bank, Geld abholen. Für kleinere Summen reichte seine Vollmacht. Dreitausend Euro, mehr würde der Auftragsmord nicht kosten. Dreitausend Euro für ein Menschenleben. Peanuts.

Addi bog am Fabrikgelände ab auf den öffentlichen Parkplatz. Er parkte seinen Wagen weit entfernt von der Ein- und Ausfahrt, fast versteckt unter einer Linde, in deren Schatten eine Bank stand. Hier fühlte er sich unbeobachtet. Er war früher eingetroffen als verabredet, da er einiges vorzubereiten hatte. Mit einem ironischen „Prost“ schüttete er den Inhalt der Flasche auf die Wurzeln des Baumes. Addi stieg wieder in sein Auto, befüllte die Glasflasche, stopfte sie in die Plastiktüte zurück und in die Aktentasche.

Erst jetzt bemerkte er den Wagen, der sich ihm von hinten näherte, auf seiner Höhe für einen Moment stehenblieb und dann weiterfuhr. Durch die Scheibe erkannte er eine durchaus attraktive Frau, noch keine Vierzig. Als sie in der Parkbucht ausstieg, nahm er zunächst nur ihre roten Stöckelschuhe wahr. Dann sah er sie auf sich zukommen. Bestimmt hatte sie sich verfahren und wollte ihn um Hilfe bitten. Er half natürlich gerne, wenn es schnell ging. Addi stieg aus seinem Wagen.

Die elegante Brünette war gut einen Kopf größer als er. Sie musterte ihn abschätzend und grinste. Oder galt ihr Blick nur seiner teuren Uhr? Er hob den Arm und schaute auf seine Patek Philippe.

„Herrr mit den guten Sachen!“, hauchte sie mit russischem Akzent zu ihm herunter.

„Was meinen Sie?“ Addi hob die Augenbrauen.

„Das Geld, du Arsch. Was sonst? Was kann ich wohl meinen, he?“

Er hatte kapiert. Es handelte sich keinesfalls um seine Verabredung.

„Das Geld her, aber fix!“ Jetzt holte sie ihren Elektroschocker hervor, auf dem groß 100.000 Volt stand, und drückte ab.

Er hörte ein Brummen, ein elektrostatisches Knistern und dann sah er den ultravioletten Lichtbogen. Allein der flößte ihm Respekt ein. Seine Knie schienen jeglichen Halt zu verlieren, er begann zu zittern. Die Berührung mit dem Gerät würde ihm zumindest arge Schmerzen bereiten und ihn womöglich zu Boden werfen. Mindestens. Widerwillig nahm er seine Geldbörse vom Beifahrersitz, zog dreihundert Euro heraus und gab sie ihr. Er musste sie von der Aktentasche im Auto ablenken. „Auch meine Uhr?“

„Das Ramschteil kannste behalten. Was ist da in der Ledertasche? Her damit!“ Sie hielt ihm den Schocker vor den Hosenreißverschluss.

„Bitte nicht!“, wimmerte er.

„Hast wohl Angst um deinen Schwanz, was?“

Addi nickte hektisch, auch wenn er fast mehr Angst um den Inhalt der Tasche hatte.

Sie schaute umständlich hinein und sah die Plastiktüte.

„Ah, was haben wir denn da …? Ein Alki? Trägt seine Flasche mit sich, getarnt in einer Plastiktüte? Du armes Schwein.“ Mit einer dramatischen Geste ließ sie die Gegenstände vor seine Füße fallen.

Addi sog Luft durch die Zähne.

Sie sah ihn verständnislos an. „Ist das alles? Wo ist das restliche Geld?“

„Ich … ich habe es wieder eingezahlt, auf ein … ein anderes Konto“, stammelte er. Möglicherweise hatte sie ihn bereits in der Bank beobachtet.

„Mist! Gib mir dein Handy!“

Addi beeilte sich, bevor sie an seiner Unsicherheit merken würde, dass er gelogen hatte. Das Handy konnte sie haben. Es funktionierte nur noch alle Schaltjahre. Die Dateien darauf hatte er längst gelöscht und sich ein neues gekauft. Er trug das alte nur für Abzocker bei sich. Freiwillig nannte er ihr seine Pin-Nummer.

„Auf Wiedersehen“, flötete sie und stöckelte davon. Bevor sie einstieg, drehte sie sich noch einmal um: „Hey … und pass schön auf dich auf! Wenn du so weitermachst, könnte dir mehr passieren, okay?“ Sie startete ihren Wagen und warf lachend den Kopf in den Nacken.

Addi blieb wie erstarrt stehen. So eine Schande, von einer Frau überfallen zu werden! Er wollte sich die Autonummer merken. Aber das Nummernschild war mit einer Plastiktüte abgedeckt. Das hätte er doch sehen müssen!

Kapitel 4

Er stieg in seinen Wagen und betätigte die Zentralverriegelung, zu spät. Addi wühlte in den Taschen seiner Jacke, suchte nach seinem neuen Handy. Ein dumpfer Knall aufs Autodach schreckte ihn auf. Eine große dunkle Gestalt mit Kapuze stand vor dem Seitenfenster und beugte sich langsam zu ihm hinunter. Addi glaubte im ersten Moment, der Sensenmann persönlich käme ihn holen.

Erst nachdem er sich ganz sicher war, dass es sich um seine Verabredung handelte, legte er los: „Kannst du mir mal sagen, wieso du jetzt erst kommst? Kein Verlass mehr auf die Menschen! Kein Verlass!“

„Keep cool!“ Der Mann hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogenen. Sein langer Bart wippte beim Sprechen, als würde er jeden Moment abfallen.

„Hier.“ Addi reichte ihm einen braunen Umschlag und gab ihm die Plastiktüte mit der Flasche, in der sich die gerollten Geldscheine befanden. „Mit Expresszuschlag, wie besprochen.“

Der Mann öffnete den Schraubverschluss der Likörflasche, roch daran und sah hinein. Er nickte und steckte sie verschlossen wieder in die Tüte. Jetzt zog er den Umschlag unter dem Arm hervor, kontrollierte dessen Inhalt. Er wurde ärgerlich. „Das ist entgegen der Vereinbarung! Wo ist das Ticket? Und der Pass?“

„Gibt es erst, wenn ich die Erfolgsmeldung bekomme. Du weißt, an wen du dich wenden musst. Solltest du nur mit den Moneten abhauen, ist es dein Risiko. Wirst dann kaum Zeit haben, das Geld auszugeben.“

Der Mann knurrte, betrachtete dabei das ausgedruckte DIN-A4-Foto in der Klarsichtfolie. „Name?“

Das fängt ja gut an, dachte Addi. Wen hatte man ihm denn da geschickt? Der Name stand doch fett gedruckt bei den Infos. Er wollte so schnell wie möglich hier weg und kramte nach seinem Edding, den er immer bei sich trug, wenn er mal Adressen oder Zahlen unkenntlich zu machen hatte. Vor- und Zunamen kritzelte er quer auf das Foto.

Kapitel 5

Leos schlechte Laune hatte sich gebessert. Die dreitausend Euro waren gut angelegtes Geld.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Addi stürmte ins Büro. Leo fürchtete, dass etwas schief gelaufen sei. Addi winkte ab und berichtete von der reibungslosen Geldübergabe. Zufrieden sog Leo an seiner E-Zigarette, dann verzog er das Gesicht. Er sollte die Finger von den Dingern lassen und es mit Zigarren probieren. Die passten besser zu einem erfolgreichen Geschäftsmann. Sobald er Dunja los war, würde es auch wieder mit der Firma bergauf gehen. Die Yacht am Gardasee wollte er zu Repräsentationszwecken behalten. Vielleicht fuhr er auch mal mit Mia hin, wenn sie sich in der Firma und bei ihm verdient gemacht hatte.

Als Addi das Büro wieder verlassen hatte, setzte Leo sich an den PC und schrieb eine Mail an Mia, obwohl er sich heute Abend mit ihr treffen würde.

Meine Verehrungswürdige,

du bist eine Diebin – du raubst mir den Schlaf und den Atem. Ich kann an nichts anderes mehr denken als daran, dir persönlich gegenüberzustehen, Deine letzte Mail hat meine Phantasie beflügelt. Ich sehne mich nach dem Moment unserer ersten Begegnung und Berührung. Möchte dich am liebsten sofort in den Arm nehmen und spüren … und dir … von meinem Geschäft erzählen. Verzeih mir, wenn ich jetzt unpassenderweise davon schreibe, aber solltest du in meiner Firma anfangen, wirst du es nicht bereuen. Wir werden ein unschlagbares Team sein. Das weiß ich einfach, da verlasse ich mich auf meine Menschenkenntnis und auf dich. Heute Abend mehr. Das wird ein wundervolles Dinner.

Dein dir ergebener, jetzt schon verfallener Leonard

Kapitel 6

Mia lief auf die Straße und hielt nach ihrem Wagen Ausschau. Noch immer war sie auf den alten Opel Beauty fixiert, aber Opas Opel war beim Schrotthändler gelandet. Nur den Wackeldackel und die umhäkelte Klorolle hatte sie aus sentimentalen Gründen behalten.

Als sie ihren Materia entdeckt hatte, stieg sie ein und hämmerte mit spitzen Fingern die Zieladresse ins Navi, das sie insgeheim Uschi nannte. Zu wenig Spannung in der Batterie. Oh, je. Immer wenn man es eilig hatte, kam etwas dazwischen. Sie fuhr schon mal los.

In letzter Sekunde riss Mia das Steuer des Wagens herum, weil Uschi neue Kraft geschöpft und sich wieder zu Wort gemeldet hatte. Mia machte eine Vollbremsung auf dem sandigen Boden des Parkplatzes. Während die Staubwolke sich verflüchtigte, sah sie drohend wedelnde Arme eines Mannes, der wohl auf dem Weg zu seinem Auto gewesen war. Mia blieb sicherheitshalber erst einmal im Wagen sitzen. Sie warf einen Blick in den Rückspiegel, zog den Lippenstift nach, und bändigte ihre lockige Mähne mit einer Haarspange.

Die Luft war rein. Sie ging im Laufschritt durch das Restaurant auf die Terrasse. In den Bäumen hingen kleine Lampions aus Plastik und auf den Tischen standen bunte Windlichter. Nur die Gäste fehlten an diesem lauen Sommerabend. Seltsam, wo war ihre Verabredung? Beim ersten Date unpünktlich zu sein, warf ein schlechtes Licht auf ihn. Sie suchte sich einen günstigen Platz mit Weitblick und vertrieb sich die Zeit damit, an ihrer Kleidung herumzuzupfen. Danach betrachtete sie die Deko, arrangierte die auf dem Tisch neu und zählte schließlich die Karos auf der Decke. Saß Leo womöglich im Restaurant? Sollte sie sich reinsetzen und dort auf ihn warten, falls er noch nicht da war? Nein, ‚draußen‘ hatten sie gesagt.

Wieder vergingen wertvolle Minuten. Wer nicht kam, war Leo, und wo blieb der Kellner? Hoffentlich hatte sie keine lebenswichtige Durchsage der Polizei verpasst, dass niemand das Haus verlassen durfte.

Nun hielt Mia es nicht mehr aus. Sie sprang auf und stolzierte wieder ins Restaurant. Da! Eine Kellnerin! Aber die huschte in die Küche, so wie man huschte, wenn man sich verstecken wollte. Immerhin war das Büfett zwischenzeitlich frisch angerichtet und so reichlich, als würden gleich holländische Reisebusse mit Rentnern eintreffen oder als würde sich hier eine Hundertschaft der Polizei nach ihrem Einsatz verköstigen wollen. Und Leo? Vielleicht hatte er sie ja heimlich beobachtet und war geflüchtet. Ihr Magen gab unangenehme Geräusche von sich, sie hatte erbärmlichen Hunger.

Mia betrachtete die tausend Köstlichkeiten. Gebratene Ente, gebackenes Hähnchen, scharf mariniertes Rindfleisch, Garnelen und andere Schalentiere. Da fiel ihr die Entscheidung schwer. Sollte sie zuerst nur etwas Salat nehmen oder direkt einige der appetitlich angerichteten und köstlich duftenden Meeresfrüchte? Am besten beides. Sie ging die einzelnen Warmhaltebehälter der Reihe nach ab. Überall sprang ihr etwas auf den Teller.

Wie aus dem Nichts näherte sich ein Mann in schwarzer Hose und weißem Hemd. Er richtete die Stoffflügel seiner Fliege und nickte ihr freundlich zu. „Bitte sehr, meine Dame, greifen Sie zu: Garnelen, Hummer, Tintenfisch … alles frisch.“

„Ja, danke, wollte nur ein wenig probieren. Ich warte noch auf meinen Bekannten.“ Ihr hochgehäufter Teller drohte zu kippen.

Der Kellner lächelte und verschwand wortlos.

Ach, zu dumm, sie hätte direkt ein Getränk bestellen sollen. Eine Zitronenscheibe passte noch auf die Garnelen, dafür verzichtete sie aber auf die duftende Knoblauchsoße und Brot aus dem Korb. Nur nicht übertreiben.

Zurück an ihrem Platz auf der Terrasse entschied Mia, sich lieber an den Ecktisch zu setzen. Von dort aus hatte sie den Parkplatz besser im Blick. Sie seufzte enttäuscht und musste sich eingestehen, dass sie nicht nur auf Leos edlen Namen hereingefallen war, sondern auch auf seine Schmeicheleien. Bei den Chats und Telefonaten brachte er sie stets zum Lachen und versetzte sie mit seinem Wissen ins Staunen. Manchmal trug er ihr sogar Liebesgedichte vor und sagte sündige Sachen. Wie selbstverständlich war sie auf seine verbalen erotischen Spielchen eingegangen. Er schien für sie der perfekte Partner zu sein. Sie schaute sich um, aber keiner der mittlerweile angekommenen wenigen männlichen Gäste sah Leo auch nur ansatzweise ähnlich.

Gesättigt, aber nicht zufrieden, sah sie auf ihren fast leeren Teller. Sie musste daran denken, dass sie ihn in einer Mail gefragt hatte, ob er Kinder habe und gebunden sei. Zwei lange Tage hatte sie nichts mehr von ihm gehört, bis die erlösende Verneinung gekommen war. Sie fragte sich dennoch, ob er wirklich der war, der er zu sein vorgab, und ob die Antwort der Wahrheit entsprach.

Mia wischte die negativen Gedanken beiseite. Nein, Leo war ehrlich und seriös. Bestimmt. Niemand konnte sich über einen so langen Zeitraum verstellen. Es würde sich schnell alles aufklären. Auf seine Entschuldigung für das Zuspätkommen war sie mächtig gespannt, auch was er ihr zu seiner Modeschmuckfirma zu sagen hatte, in der Mia arbeiten sollte. Laut Internet gab es diese Firma tatsächlich in Krefeld. Nur über sein Privatleben hatte sie nichts gefunden, außer dem, was auf seiner Traumpartner-Seite im Profil stand. Sie hatte nicht weiter geforscht, denn was lag näher, als ihn gleich danach zu fragen? Er würde kommen, ganz gewiss. Sie stach mit der Gabel in den Hähnchenkringel. Köstlich.

Drei letzte Köstlichkeiten später tauchten eine Menge Fragen bei ihr auf: Warum kam Leo nicht? Warum rief er nicht an? Ob ihm etwas passiert war? Ein Unfall? Er besaß zwar ihre Handy- und Festnetznummer, aber seine hatte sie nicht. Er habe sein Mobiltelefon verloren, hatte er einmal gesagt, und bei einer anderen Gelegenheit, dass das neue nicht funktioniere und er es umtauschen müsse. Danach war die Sache in Vergessenheit geraten, weil er sie ständig – mit unterdrückter Nummer- anrief.

Plötzlich vibrierte ihre Handtasche, es drang ein Gelächter und Gemurmel daraus hervor. Der Klingelton wurde automatisch lauter. Sie blickte sich entschuldigend um, aber die wenigen Gäste an den anderen Tischen schienen sie zu ignorieren. Mia zerrte das Mobiltelefon hervor. Auf dem Display las sie Nummer unterdrückt. War das Leo?

Ärgerlich nahm sie das Gespräch an: „Hallo? Hallo!!!“

„Hallo Mia, Leo hier.“

„Leo!“ Die Mauer aus Misstrauen stürzte ein und zerfiel in tausend Trümmerteile. „Wo steckst du?“, fragte sie mit sanfter Stimme. „Ich warte schon so lange. Musste mir bereits etwas vom Büfett holen. Du solltest dich beeilen, sonst ist es leer geputzt. Warum sagst du nichts? Ist was passiert?“

Kapitel 7

„Ich würde ja etwas sagen, wenn ich dazu käme. Hoffe, du verzeihst mir. Mir ist etwas dringendes Geschäftliches dazwischen gekommen. Es tut mir so leid! In einer halben Stunde bin ich bei dir. Freue mich so sehr auf dich.“ Seine Stimme klang dunkel und vielversprechend. „Bis gleich, Darling. Das wird ein heißer Abend“, flüsterte er.

Mia musste sofort an ihre zehn Kilogramm Übergewicht denken. Sie hatte es gestern nicht geschafft, die abzunehmen.

„Hey, hey, du gehst ja ran.“ Sie legte die zweite Hand um das Handy, „Du weißt doch noch, dass wir uns nicht bei mir zu Hause verabredet haben, sondern in diesem Chinarestaurant hier?“ Sie sah sich erneut um.

„Ja, sicher, obwohl ich mich auch gerne von dir hätte bekochen lassen.“

„Ich mich auch von dir“, hauchte Mia.

„Oh, na gut, das Restaurant ist dann vielleicht doch die bessere Wahl.“ Er lachte. „Ich habe auch schon gleich das Jobangebot für dich in der Tasche. Du wirst mir ja nichts ausschlagen."

Mia lächelte gerührt. „Wie könnte ich das?“ Dass er so von ihren Qualitäten überzeugt war, obwohl sie sich noch nie begegnet waren, wunderte sie immer wieder.

„So liebe ich dich, Cara Mia! Bis gleich.“

„Ja, bis … Hallo? Hallo … Leo?“ Sie verstaute das Handy in ihrer Tasche und beobachtete solange unauffällig die anderen an den Tischen.

Zwischendurch sah Mia mehrfach auf die Uhr. Hilfe! Seit Leos Anruf musste mindestens eine Stunde vergangen sein. Wie viel Zeit sollte sie ihm und sich denn noch einräumen? In ihrem Magen breitete sich ein unangenehmes Gefühl aus. Hunger konnte es nicht sein.

Der freundlich lächelnde chinesische Kellner trat an ihren Tisch und fragte, ob alles in Ordnung sei, und ob er ihr noch etwas bringen dürfe.

Sie wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen und hätte sich an seiner Brust ausgeweint. ‚Leo hat mich sitzen lassen. Sind denn alle Männer Workaholics?‘ Aber sie nahm sich zusammen und bestellte einen Schnaps.

„Bitte?“, fragte der Chinese und lächelte sie an.

„Danke. Nein, bringen Sie mir lieber ein alkoholfreies Bier.“

Der Kellner nickte.

„Mein Bekannter muss jeden Moment kommen. Wirklich“, rief sie ihm hinterher und bereute es, weil alle zu ihr schauten.

Der junge Mann drehte sich um und lächelte, dann verschwand er.

Das endlos lange Warten machte sie wieder hungrig. Auch weil ständig dieser herrliche Duft der chinesischen Spezialitäten aus der offenstehenden Restauranttür geweht wurde. Sie schlich ein zweites Mal um das Büfett. Dann würde sie sich jetzt mit etwas gebackenem Reis, frittierter Banane und Wackelpudding trösten.

In der letzten halben Stunde hatte sich die Terrasse langsam gefüllt. Etwas weiter entfernt hielt ein älteres, grauhaariges Paar diskret Händchen und am Nebentisch saß eine vierköpfige Familie. Nur Mia war alleine, so alleine.

Yaris-Berben und Lisa-Fee, die Kinder vom Nebentisch, bastelten sich aus Teilen des weißen Krabbenbrotes Masken und klebten sie sich mit Spucke auf die Gesichter. Das kleine Mädchen warf einen schüchternen Blick zu ihr herüber. Mia schmunzelte und zwinkerte den Kindern zu. Auch sie hatte Langeweile. Sie brach ein Stück von ihrem Krabbenbrot ab und klebte es sich auf die Nase.

„Das sieht aber süß aus“, hörte sie eine tiefe Männerstimme sagen. Mia erschrak.

Leo legte seine Hand auf ihre Schulter. „Bin ich froh, dass du deinen Humor behalten hast, obwohl du so lange warten musstest.“ Er trug einen eleganten schwarzen Anzug und ein weißes Hemd, als käme er direkt von einer Beerdigung oder einer Hochzeit. „Ich muss mich ja nicht mehr vorstellen, oder? Hallo Mia.“ Er setzte sich ihr gegenüber auf den Platz und strahlte. „Schön, dich zu sehen. Genauso habe ich mir dich vorgestellt.“

Mia fragte sich, ob das positiv gemeint war. Bestimmt. Auch für sie zählten die inneren Werte. Sie hatte lange genug mit einem Schönling zusammengelebt, dem die Frauen hinterherschauten. Zumindest behauptete er das immer, nichts dafür zu können, wenn sie mit ihm flirteten. Dann lieber einer, der nicht so gut aussah. Leo hatte schütteres Haar und das Hemd spannte über dem Bauch. Sein Gesicht hätte auch zu einem Amateurboxer gepasst, besonders die plattgedrückte Nase. Aber wer sah schon perfekt aus? Sie war an bestimmten Stellen ebenfalls nicht mit ihrem Äußeren zufrieden, von daher würden sie gut zusammenpassen.

Mia war ein bisschen verlegen. Nun saß Leo also leibhaftig vor ihr. Er roch gut, vermutlich irgendein männlich herbes Aftershave. Seine Stimme war ihr vertraut. Sie waren am Telefon und beim Chatten immer ausgelassener und persönlicher geworden. Er hatte ihr sogar gesagt, was er beim Sex besonders mochte, und auch sie hatte intime Details preisgegeben. Aber sich persönlich zu begegnen, war eine ganz andere Sache. Das Internet war so herrlich anonym. Sie schwiegen. Mia lächelte nervös. Am liebsten hätte sie ihm einen speziellen Cocktail bestellt, der die letzten Chats, Skypes und Telefonate in seinem Gehirn löschte, damit sie noch einmal von vorne beginnen konnten. Sich ganz normal kennen lernen.

„Du sagst ja gar nichts“, wunderte sich Leo, nachdem er zur Feier des Abends und mit Mias Einverständnis eine Flasche Merlot bestellt hatte. Die Autos wollten sie stehen lassen.

„Ich, ähm, denke.“

„Woran denkst du? Bist du von meinem Aussehen enttäuscht? Ist es meine Nase? Ich war als Student mal Stallausmister. Bin ich zwar heute auch noch, aber nicht mehr im Stall, sondern in der Firma.“ Er lachte laut. „Jedenfalls hatte mich ein nervöses Pferd getreten und meine Nase zertrümmert. Es hätte schlimmer ausgehen können.“

„Nein, nein, deine Nase ist schon okay. Kein Problem. Bin ja auch nicht gerade eine Kandidatin für den Schönheitswettbewerb. Ich meine, ich habe ein paar Kilo zu viel, also …“ Sie gab ihm Zeit zu wiedersprechen. Aber Leo sagte nichts. Sie überbrückte das Schweigen: „Weißt du schon, was du essen möchtest?“

„Nicht jede Frau kann ein Model sein“, sinnierte Leo. „Zum Glück. Die haben nichts als Klamotten im Kopf, sind verschwendungssüchtig und geben das Geld ihrer Ehemänner nur fürs Shoppen aus. Wer so eine heiratet, wird seines Lebens nicht mehr froh.“ Er seufzte.

„Das klingt, als wärst du mal mit einem Model verheiratet gewesen“, sagte Mia.