Mördermuschel - Ingrid Schmitz - E-Book

Mördermuschel E-Book

Ingrid Schmitz

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Beschreibung

Mia Magaloff , die private Ermittlerin, möchte mit ihrem ostfriesischen Freund Lian auf Spiekeroog zusammenziehen, zunächst für zwei Monate, später für immer. Doch ausgerechnet jetzt tauchen Lians Cousin Joos und Cousine Kaja auf, um bei ihm ihre Erbstreitigkeiten zu klären. Es stellt sich heraus, dass beide als Kinder, unabhängig voneinander, von Vater Ben zu geschäftlichen Zwecken ausgebeutet wurden. Ihre verstorbene Mutter hat davon gewusst. Mia macht derweil Bekanntschaft mit einem Typen, der etwas von »Meerwasser trinken« und »Freiheit schenken« faselt. Er lässt ihr eine Muschel da, eine Mördermuschel, wie sich herausstellt. Kurz darauf macht sie mit dem Inselfotografen einen Fund, der mit einer laufenden Vermisstenanzeige zu tun hat. Diese Neuauflage wurde von der Autorin überarbeitet und mit zusätzlichen unvorhersehbaren Wendungen versehen.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2025

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MörderMuschel
Über die Autorin
Impressum
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Was wurde eigentlich aus?
Nachwort
Danksagung
Die Eisermann Media GmbH

Ingrid Schmitz

MörderMuschel

Mia Magaloff ermittelt

Inselkrimi

XOXO Verlag

Über die Autorin

Ingrid Schmitz wurde 1955 in Düsseldorf geboren, arbeitete dort als Speditionskauffrau und später im Export. Seit 2000 ist sie hauptberufliche Autorin. Ihre Laufbahn begann mit Kriminalkurzgeschichten und der Herausgabe von kulinarischen Kriminalkurzgeschichten-Anthologien. Bisher sind über 60 Kurzkrimis und 17 Anthologien von ihr erschienen. Auch als Biografin und Ghostwriterin war sie tätig.

Später entdeckte Ingrid Schmitz das Romanschreiben für sich und erfand die private Ermittlerin Mia Magaloff. Vier Fälle löste sie am Niederrhein und seit 2016 ermittelt sie auf der Insel Spiekeroog. Seit 2021 schreibt Ingrid Schmitz für die Jerry Cotton-Kriminalromanreihe im Bastei Lübbe Verlag.

Ingrid Schmitz ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern, dem Syndikat und der International Association of Crimewriters.

Auch in den sozialen Netzwerken ist sie vertreten:

www.facebook.com/krimischmitz

www.instagram.com/krimischmitz

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-238-9

E-Book-ISBN: 978-3-96752-736-0

Copyright (2024) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

Bilder und Grafiken von www.shutterstock.com und creativemarket.com

Stockfoto-Nummer: 1475650379

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Deutschland (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Alte Heerstraße 29 | 27330 Asendorf

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Eine Liste real existierender Personen, von denen die Autorin das Nutzungsrecht für Name, Aussehen und Verhalten hat, ist nach der Geschichte zu finden.

»Eddie entdeckte eine der großen Wahrheiten seiner Kindheit:

Erwachsene sind die wahren Monster.«

— Stephen King

1.

Es war kühl und die Dämmerung brach herein, am Himmel näherten sich Regenwolken. Auf dem Weg zum Strand kamen mir immer wieder Gäste der Insel mit ihren Strandtaschen entgegen. Ich sah kurz nach rechts zum Utkieker, ging weiter über die Düne, den Bretterweg hinab zur See. Je näher ich kam, desto deutlicher hörte ich das Schlagen der Wellen ans Ufer. Ein Stück weit watete ich ins Wasser, schöpfte mit den Händen etwas davon ab und schlürfte es auf. Nichts. Ich schmeckte nicht mehr heraus, was die Nordsee wirklich für mich war: Ein salziges Grab – für meine Toten.

Ich vermisste die Gier, die Macht und Besessenheit – die Gier, ein Opfer auszusuchen, die Macht, es zu töten, und die Besessenheit, es mit den Wellen in die Freiheit zu schicken. Mein Sinn des Lebens war verloren gegangen. Statt andere zu jagen, wurde ich gejagt, von meiner inneren Stimme und meinen Feinden, die mich zerstören wollten. Das musste ich verhindern.

Eine Gestalt ging auf die Strandkörbe zu. Den Kopf stets nach unten geneigt, als suche sie etwas.

Mein Herz begann zu rasen und die Finger zitterten. Ich hatte es eilig, aus dem Wasser zu kommen, schwankte hin und her.

Es war wieder soweit.

2.

»Komm mit! Ich will dir was zeigen«, sagte Maxi, die vor einem Monat ihren achtundvierzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Sie war mit ihrem jungen Freund nach Spiekeroog gekommen, weil hier niemand die Nase rümpfte, wenn sie Arm in Arm spazieren gingen. Dass der Altersunterschied so groß war, sah man sofort. Sie hatte schlechte Gene geerbt mit ihrer faltigen Haut und dem schwachen Bindegewebe. Max hingegen besaß am ganzen Körper eine Babyhaut und im Gesicht sah er wesentlich jünger aus als einunddreißig. Sie war neidisch darauf. Auch sonst waren sie beide sehr unterschiedlich. Er war klein und pummelig, sie war groß und schlank. Er hatte dunkles Haar und sie blond-graues. Er war arm und sie war reich.

Es gab jedoch nicht zu unterschätzende Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel ihre Namen Maxi und Max und ihre unbändige Lust aufeinander. Bei ihr sollte es eine Krankheit sein, bei ihm jugendliche Leidenschaft.

Sie kamen Arm in Arm aus der Pizzeria und waren beide vom süffigen Rotwein angetrunken, vom Knoblauch berauscht. Maxi flüsterte ihm etwas ins Ohr und lachte voller Vorfreude. Er blieb abrupt stehen.

»Was? Jetzt? Bei der Kälte? Schau mal da, Gewitterwolken.« Wenn er ehrlich war, schreckte ihn auch der lange Fußmarsch über die Düne zum Strand ab. Er würde viel lieber gleich ins Hotelzimmer gehen … Sie küsste ihn innig und sah ihm tief in die Augen.

»Komm schon!« Maxi zog eine LED-Taschenlampe aus ihrer Jacke hervor und leuchtete den Weg entlang. »Damit können wir mindestens einhundertfünfzig Meter weit sehen oder achtzehn Zentimeter beleuchten. Du wirst ihn so noch nie gesehen haben. Es wird hot!«

Max grinste von einem Ohr zum anderen. Er liebte ihre Spontanität, die kindliche Ungezwungenheit. Da stand sie den Frauen in seinem Alter in nichts nach. Aber was das Selbstbewusstsein und die sexuellen Erfahrungen anging, war sie um Klassen besser. Er bekam Schwierigkeiten zu gehen und beugte sich nach vorne, damit es nicht so spannte.

»Angst scheinst du jedenfalls nicht zu haben«, sagte sie und zeigte auf seine Hose. Die letzte Strecke liefen sie Hand in Hand den Bretterweg hinunter, zum nur scheinbar menschenleeren Strand. Max führte sie zu den Strandkörben. Abgeschlossen.

»Nein, nicht hier«, sagte Maxi. »Lass uns da hinten hingehen.« Natürlich hatte sie nichts dem Zufall überlassen. Bereits heute Mittag, beim Sonnenbaden am Wasser, war sie auf die etwas versteckt liegende Stelle mit dem Dünengras aufmerksam geworden und hatte ihren Plan für diese Nacht geschmiedet.

Sie ließen sich auf den Sandboden plumpsen. Max fiel über sie her und warf die Taschenlampe mit einem die brauchen wir nicht in hohem Bogen von sich. Sie landete auf einem Grasbüschel und beleuchtete etliche Meter weiter die Stelle, wo der leblose nackte Körper lag – doch das Liebespaar hatte nur Augen für sich.

3.

Das passte mir gar nicht. Niemand durfte mich bei meiner Zeremonie stören! Niemand! Und dann warf dieser Idiot auch noch die Taschenlampe weg und erhellte das Szenario. Ich robbte leise und außer Scheinweite zu der Stelle, wo sie lag, knipste das Licht der LED-Lampe aus und nahm sie an mich. Noch nicht einmal das merkten sie. Sollte mir recht sein, musste dann nicht so tun, als hätte ich mich erschreckt, und ihnen keine Geschichte auftischen, warum ich plötzlich hier aufgetaucht und die Tote angeblich auch gerade erst entdeckt hatte.

Ich begann, mein Opfer mit Sand zu bedecken. In unregelmäßigen Abständen zuckten Blitze. Sie erhellten den Strand für Sekundenbruchteile, so, als stünden tausend Fotografen in meiner Nähe und fotografierten mich und die Nackte. Regen prasselte plötzlich herab. Das gefiel mir gar nicht und störte mich beim Sandanhäufen. Meine einzige Hoffnung bestand darin, dass diese zwei komischen Gestalten die Flucht vor dem Regen und Gewitter ergriffen und mich endlich in Ruhe weitermachen ließen. Der Himmel hatte mich erhört. Wieder schrien sie, nur nicht so lustvoll, sprangen auf und schnappten sich ihre Sachen. Leider liefen sie in die verkehrte Richtung. Sie kamen direkt auf mich zu. Drei Toten auf einmal die Freiheit zu schenken, wäre selbst für mich zu viel. Mir blieb nichts anderes übrig. Ich musste es tun. Ich legte mich auf die Schöne und küsste sie.

Das Pärchen quietschte vor Vergnügen und machte, dass es wegkam.

Nachdem ich mein Opfer mit bloßen Händen notdürftig im Sand eingebuddelt hatte, ging ich zurück zum Yachthafen. Dort lag meine geliebte Doria, die Elfmeter-Yacht. Ich musste mich mit meinem Vorhaben beeilen, damit zur späten Uhrzeit nicht doch noch irgendwelche verrückten Spaziergänger an den Strand kamen und die Tote entdeckten. Diesmal war ich völlig unvorbereitet, weil es nach langer Zeit so plötzlich über mich gekommen war.

Ich sah im Schiffsschrank nach, wo sich die Müllsäcke, Kabelbinder und die rote Decke befanden. Säge, Beil und Schaufel lagen in der Werkzeugluke. Ich packte alles ein, durfte nichts vergessen. Danach ging es wieder achthundert Meter weit zu Fuß, zurück zum Strand. Autofreie Inseln hatten nicht nur Vorteile. Der starke Regen hatte nachgelassen, das Gewitter sich verzogen. Mein Plan war ursprünglich ein ganz anderer gewesen. Ich wollte mein Opfer ein Stück weit ins Wasser bringen, damit es von den Wellen in die Freiheit gezogen wurde. Falscher Plan. Es war Ebbe.

So zog ich den Bollerwagen erst einmal zu der Stelle, wo ich sie erdrosselt und mit Sand bedeckt hatte. Unterwegs sammelte ich Treibgut; alles, was ich finden konnte.

Ich lächelte in mich hinein. Wie mühelos es gewesen war, sie zu töten. Sie hatte zwischen den Strandkörben nach ihrem Schlüssel gesucht. Ich hatte ihr freundlicherweise beim Suchen geholfen und sie zu mir gerufen. Sie freute sich darüber, dachte, ich hätte ihn gefunden. Angestrengt stierte sie in gebückter Haltung auf das Dünengras, auf die Stelle, die ich ihr gezeigt hatte. Ich stand hinter ihr und entschied in Sekundenschnelle über Leben und Tod, zückte meine Garrotte mit dem mittelstarken Draht und den Holzgriffen, die ich immer als Talisman in meiner Tasche mit mir führte.

Nein, sie hatte nicht leiden müssen. Ich foltere nicht. Im Gegenteil. Ich schenke meinen Opfern etwas. Die Freiheit im Meer.

Bevor ich das alles so richtig genießen konnte, stand mir viel Arbeit bevor. Die oberste Sandschicht war vom Regen nass und schwer geworden. Ich buddelte mit dem Klappspaten eine Grube, damit ich darin meine Arbeit verrichten konnte. Nach geraumer Zeit vollzog ich endlich mein Ritual, steckte die Einzelteile in Müllsäcke und war froh, dass sie alle in die Karre passten, Decke drüber – fertig. Die Riesensauerei in der Grube schüttete ich mit Sand wieder zu, bedeckte die Stelle mit Grasbüscheln und verteilte darauf einige meiner zuvor gesammelten Fundstücke. Ich verwischte die Spuren und hielt kurz inne, ob ich nichts vergessen hatte. Ab zum Wasser und weiter den Suchenden spielen, der bei Halbmond Treibholz einsammelte.

Vollbepackt zog ich den Bollerwagen hinter mir her zur Doria. Ich hievte die Müllsäcke an Bord. Rund um mich herum war alles ruhig. Niemand ging zu den Sanitäranlagen. Selbst wenn jemand gekommen wäre, ich hätte einen Scherz darüber gemacht, was ich da tat, und mit ihm gelacht.

Ich bedauerte es sehr, nicht sofort in See stechen zu können. Das Anwerfen des Motors meiner Yacht wäre zu laut gewesen. Es herrschte hier Ruhezeit von 22:00 Uhr bis 8:00 Uhr. Deshalb musste ich zusätzlichen Krach und unnötigen Streit mit den Steganlegern vermeiden.

Die schwarzen Müllsäcke ließ ich an Deck stehen. Dort waren sie heute Nacht kühler aufgehoben als drinnen. In die Säcke schauen wollte ich nicht mehr. Es reichte mir, wenn ich wusste, dass die Schöne darin war und mir nicht mehr davonlaufen konnte. Nach getaner Arbeit legte ich mich erschöpft in die Koje. Gleich morgen früh würde ich sie den Wellen übergeben und dem Meer überlassen – natürlich ohne Plastiksäcke. Den genauen Zeitpunkt musste ich gut abpassen. Am besten dann, wenn sich die meisten Skipper im Dorf am Frühstücksbüfett labten. Selbst wenn es wieder regnen würde, käme mir das sehr entgegen, denn dann blieben die meisten länger in ihren Kojen liegen und schliefen sich erst einmal aus. Unter diesen Voraussetzungen war die Gefahr geringer, dass mich jemand auf hoher See mit seinem Schiff kreuzte und sah, was ich da trieb. Noch einmal wollte ich nicht bei meiner Zeremonie gestört werden.

Durch die Schöne hatte ich die Lust am Töten wiedererlangt. Dennoch wusste ich, dass dieser Zustand nicht lange anhalten würde, weil die Abstände der Unlust immer größer wurden. Es war mir klar, dass dies kein Dauerzustand war. So schien mir das Leben unerträglich. Ich musste mich meinen Feinden stellen. Nicht nur die Stimmen in meinem Kopf mussten verschwinden, sondern auch meine realen Feinde, die mich verfolgten und töten wollten. Wer kann in Ruhe seinem Spaß nachgehen, wenn er bedroht wird? Niemand! Also sollte ich das Problem aus der Welt schaffen. Ein für alle Mal. Ich musste den Spieß umdrehen!

Zunächst einmal genoss ich die Gegenwart und freute mich auf morgen früh.

»Gute Nacht«, rief ich in den Raum, obwohl es irgendwie idiotisch klang. Es war auch mehr für mich gedacht. Ich konnte besser einschlafen, wenn ich mir eine gute Nacht wünschte. Weiß auch nicht, warum. Ob ich vorher noch einmal … Ich zog mein schlaues Buch unter der Matratze hervor und las zum wiederholten Male meine Notizen, die ich mir gemacht hatte, damit ich es nur nicht vergaß, warum ich wirklich hierhergekommen war und wieso ich sehr gut vorbereitet sein musste.

4.

Lian betrat das Stammlokal. Er zog seine Regenjacke aus und schüttelte sich. Aufgedreht begrüßte er die üblichen Verdächtigen an der Theke, die den Abend bei einem Getränk ausklingen ließen. Die Geräuschkulisse war enorm. Es störte ihn nicht. Er brauchte Ablenkung. In seinem Kopf kreisten zu viele Gedanken. Dagegen halfen nur ein paar Biere und zum Schluss ein Schnaps. Sein Rezept für den tiefen Schlaf. Morgen musste er fit sein, weil er dann sein Leben veränderte.

Der Wirt wusste sofort Bescheid, was Lians Handzeichen bedeutete. Er machte sich an die Arbeit, die siebeneinhalb Minuten dauerte.

Lian prostete ihm zu und trank das eiskalte Pils mit wenigen Schlucken. Er knallte das leere Glas mit einem lauten Ah auf den Tresen, was gleichzeitig eine Neubestellung bedeutete. Bis das Bier kam, zwirbelte Lian seinen Oberlippenbart und fuhr sich mit den Fingern durch die weißen Haare.

»Bist du etwa aufgeregt?«, fragte der Wirt.

»Jo! Ab morgen ist mein Junggesellen-Dasein beendet. Meine Freundin zieht zu mir. Wenn das kein Grund ist, nervös zu sein.«

Der Wirt stellte ihm das Frischgezapfte hin. »Kenne ich die Dame?«

»Bisher habe ich es vermieden, sie dir vorzustellen«, antwortete Lian. »Aber es wäre ein guter Test. Wenn sie dir widersteht, mag sie mich wirklich.«

»Das beziehe ich jetzt mal auf mein extrem gutes Aussehen und fasse es als Kompliment auf«, sagte der Wirt.

Lian schüttelte den Kopf und grinste. Nein, sie hätte bei diesem Test den plumpen Anmachsprüchen des Wirts widerstehen müssen und seine Sätze wie »Hast du schon wieder eine andere, Lian?« keinesfalls ernstnehmen dürfen. Das schädigte Lians Ruf, denn er war einer der treuesten Männer, die man sich vorstellen konnte. Umgekehrt verlangte er es von seiner Partnerin genauso. Da verstand er keinen Spaß. »Bis das der Tod euch scheidet« war für ihn nicht nur ein altmodischer Spruch, sondern sein Dogma.

Lian sah aus dem Fenster. Es schüttete wie aus Eimern. Hauptsache, morgen schien wieder die Sonne. Sein Handy klingelte. Auch das noch. Er stand auf und fummelte es aus seiner Jeanstasche. Unbekannter Anrufer stand auf dem Display. Lian meldete sich, obwohl er es nicht mehr machen wollte, wenn er nicht wusste, mit wem er es zu tun haben würde.

»Wo bist du?«, überfiel ihn die männliche Stimme, die er schon lange nicht mehr gehört hatte, aber sofort wiedererkannte.

»Hallo Joos. Wo soll ich schon sein? Auf Spiekeroog. Zu Hause.« Lian strich sich die weißen Haare aus der Stirn.

»Wenn du zu Hause wärst, würde ich es wissen. Ich stehe vor deiner Tür.«

»Bitte was? Du bist doch … Du warst doch …«

»Bin davongekommen. Mein Anwalt hatte recht behalten, dass er mich mit Schmerzensgeld und einer Anti-Aggressionstherapie rausboxen kann. Die ist erfolgreich beendet.« Joos räusperte sich, was in ein Husten überging.

»Dein Husten hört sich übel an«, sagte Lian, »du weißt, dass wir hier kein Krankenhaus haben?« Einen Versuch war es wert. Als Hypochonder müsste er darauf reagieren. Es sei denn, sie hatten auch das wegtherapiert.

Joos ging darüber hinweg. Ihm schien etwas anderes viel wichtiger zu sein: »Warum hast du dich all die Monate nicht gemeldet?«, fragte er. »Ich dachte, wir sind eine Familie. Ein wirklicher Cousin kümmert sich um den anderen.«

»Ich … Ich hatte …«, stotterte Lian.

»Du kannst es wiedergutmachen«, schlug Joos vor.

»Nimm mich eine Woche bei dir auf und ich verzeihe dir. Ich brauche erst mal Urlaub, bevor ich mich nach einer neuen Arbeit umschaue.«

»An was hast du dabei gedacht?«, fragte Lian. Er wollte Zeit zum Nachdenken gewinnen und in Ruhe sein frisches Bier austrinken. Noch immer hatte er die Hoffnung, Joos so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

Es dauerte eine Weile, bis dieser seinen Stellenwunsch äußerte. »Och, wieder als Sektionsgehilfe oder als Gehilfe bei einem Bestatter. Damit kenne ich mich aus, beides macht Spaß. Du kannst mir zwanzig

Leichen hinlegen, die habe ich in acht Stunden gewaschen und gestylt, so dass sie wie das blühende Leben aussehen. In der gleichen Zeit könnte ich aber auch ihre Organe konservieren und die Behälter beschriften. Je nachdem, was verlangt wird.«

Lian musste sich unwillkürlich schütteln. »Ich glaube, in Wittmund suchen sie einen Bestattungsgehilfen«, log er. »Stell dich am besten persönlich dort vor. Ob die allerdings so viele Leichen zu versorgen haben, bezweifle ich. Müsstest dir einen Nebenjob suchen. Die erste Fähre geht morgen um acht.«

Joos lachte dreckig. »Das könnte dir so passen! Nein, nein, so schnell wirst du mich nicht wieder los. Was ist jetzt? Sag mir, wo du bist, und ich komme zu dir. Ich frage mich durch.«

»Warte!«, sagte Lian. »Bin gleich da.« Er stöhnte auf und bestellte einen schnellen Schnaps.

5.

Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen, dennoch machte Joos das lange Warten auf Lian nervös. Er hatte weder Zeit noch Lust darauf. Bisher war er immer bestraft worden, wenn er zu lange gewartet hatte … und wenn man ihm dann noch vorwarf »Warum haben Sie so lange gewartet?«, könnte er durch die Decke gehen. Besonders, wenn ein Arzt es sagte. Nein, er wollte nicht länger warten.

Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, seine Dinge zu erledigen. Danach hätten die mal in der Therapie fragen sollen, was das lange Warten mit ihm macht. Aber nein, die hatten sich mit seiner Kindheit aufgehalten, gefragt, wie der Vater so war. Joos hatte ehrlich geantwortet. Er sei ein großes Vorbild für ihn gewesen, weil er als Egoist und Narzisst weit gekommen sei. Selten traf man ihn zu Hause an.

Viel lieber war er mit seinen reichen Freunden in der Karibik unterwegs gewesen oder ist mit ihnen in den Wäldern jagen gegangen. War er doch mal zu Hause, verschaffte er sich mit Gewalt Respekt bei seiner Frau und den Kindern. Sie mussten machen, was er sagte. Aber Joos gefiel es damals schon, wie sehr andere Frauen seinen Vater mochten und wie erfolgreich er als Geschäftsmann war. Auch wenn er seiner Familie nur das Nötigste abgegeben hatte und das Meiste für sich behielt. Er konnte es sich erlauben, so zu sein. So wollte Joos auch werden. Alle sollten vor ihm zittern.

»Kein Wunder«, hatte die Therapeutin gesagt. »Deine Eltern waren damals viel zu jung, um Eltern zu sein. Die Mutter war 16 und der Vater 18. Da wollten beide was erleben. Vom Vater hast du alles vorgelebt bekommen und vielleicht sogar den Egoismus und Narzissmus von ihm in den Genen stecken. Rede mit deinem Vater. Sprich dich mit ihm aus, wie er sich damals gefühlt hat.«

Die Sätze würde er nie vergessen. Geht’s noch? Wie sollte das gehen? Joos fragte sich, ob die Gruppentherapeutin im Studium wirklich was gelernt hatte. Warum einfach, wenn es kompliziert ging? Manche Dinge waren ebenso. Fertig. Er hatte sich nicht anmerken lassen, was er wirklich darüber dachte, und spielte das Therapeutenspiel mit.

»Was macht dein Vater heute?«, fragte sie.

»Keine Ahnung. Zur Beerdigung seiner geschiedenen Frau, der Mutter seiner Kinder, ist er nicht gekommen. Ich habe nur seine Handynummer. Ob die aktuell ist? Keine Ahnung. Ist mir auch egal. Ich werde ihn im Leben nicht mehr anrufen. Er mich auch nicht. Das ist sicher.«

»Und was hat deine Mutter zu Lebzeiten so gemacht?«

»Über Tote soll man nicht schlecht sprechen. Sie hat sich nie um mich und meine Schwester Kaja gekümmert. Also musste ich es tun. Meine Schwester war mein Ein und Alles – wenn sie machte, was ich sagte.«

»Joos. Du bist manipulativ.«

Er nickte. »Nur so kommt man im Leben weiter.« Er hatte sich fürchterlich aufgeregt, weil sie so tat, als sei sie die Unschuld in Person. Wer war sie denn? Er hatte seinen ersten Ausraster bekommen. Er hatte sie angeschrien: »Wer ist das nicht? Du bist doch auch manipulativ! Das seid ihr Therapeuten doch alle – ihr Menschenverbesserer. Fasst euch mal an die eigene Nase!«

In seiner Wut war er wohl etwas zu grob geworden. Er wollte eigentlich nur kurz an die Nase der Therapeutin tippen, doch sie bekam sofort Nasenbluten. Bestimmt war sie von der OP noch nicht verheilt, bei ihrem makellosen Aussehen. Er entschuldigte sich für den kurzen Hieb. Sie rannte heulend aus dem Raum. »Kann doch mal passieren!«, rief er ihr hinterher. Aber sie hörte ihn nicht mehr. »Das kann doch mal passieren!«, wiederholte er laut in der Runde. Vielleicht ein wenig zu laut. Sie lösten ruckzuck den Sitzkreis auf und flüchteten sich in eine Ecke, bis die schrankgroßen Pfleger kamen und ihn festhielten und der Arzt ihm etwas zur Beruhigung gab.

Im Laufe der Zeit hatte er gewusst, was sie hören wollten und was nicht. Letzteres vermied er und redete ihnen nach dem Mund. Die Tabletten halfen ihm dabei, sehr sogar. Er wurde einer von ihnen. Er wurde beliebt. Ein Freund. Ein erfolgreich Therapierter. Ein Vorzeigemodell. Einer, der keinem je ein Haar krümmen würde, auch wenn man ihn noch so sehr provozierte. Er hatte gewonnen, nicht sie.

Auch jetzt war er stolz auf sich. Den Anfang hatte er schon mal geschafft: Er war ohne Zwischenfälle hierhergekommen. Beim Anzünden der nächsten Zigarette an der alten zitterte er, allein bei dem Gedanken daran, womöglich keinen Nachschub zu bekommen. Das war ihm noch nie passiert, dass ihm der Stoff ausging. Vielleicht hatte Lian Reserve. Er sog noch einmal am alten Glimmstängel und warf verächtlich den blankgezogenen Filter weg. Joos brauchte das Nikotin zum Leben, zum Überleben. Ansonsten wäre er sicher tablettenabhängig oder Alkoholiker ge… obwohl, einmal im Monat verlangte sein Körper auch nach flüssigem Stoff, selbst wenn der Kopf sagte Lass es lieber! Besonders der Schnaps machte ihn streitsüchtiger, als er ohnehin schon war. Ein falsches Wort genügte. Er fühlte sich dann wie ein Schnellkochtopf, dessen Ventil zum Druckablassen verstopft war … und peng!

6.

Lian sah Joos von weitem vor seiner Haustür stehen. Fast hätte er ihn nicht wiedererkannt. Er war schmal geworden, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Seine blonden Haare waren länger als sonst und wellten sich bis auf die Schultern. Das verlieh ihm ein jüngeres Aussehen, um mindestens fünf Jahre. Nur seine Unruhe war geblieben. Nervös wechselte er von einem Bein auf das andere, wie jemand auf Entzug. Bestimmt hatte er keine Kippen mehr. Sie beide hatten gemeinsam das Rauchen ausprobiert. Joos war elf und er bereits neunzehn und ein Spätzünder. Es war Lians erste und letzte Zigarette gewesen. Ihm war einfach nur schlecht geworden. Joos jedoch kam seitdem nicht mehr davon los. Nicht nur darin waren sie beide sehr unterschiedlich.

Sein Cousin blickte in die Richtung, die er ihm hatte nennen müssen. Lian war absichtlich einen Umweg gegangen, weil er wusste, dass Joos das Warten hasste. Selbst schuld, denn er mochte es nicht, derart von ihm überfallen zu werden. Schon gar nicht, wenn er ganz anderen Besuch erwartete, mit dem er lieber alleine sein wollte. Dementsprechend schroff begrüßte er ihn. »Moin.«

Joos drehte sich blitzschnell um. »Endlich! Hast du erst eine Wattwanderung gemacht?«

»Was willst du von mir?«, fragte Lian.

»Ich war der Meinung, ich hätte es dir gesagt.«

»Nicht wirklich«, antwortete er.

Joos grinste frech. »Zugegeben, das mit dem Urlaub stimmt natürlich nicht. Ich brauche deine Hilfe. Kaja ist verschwunden. Sie wohnt nicht mehr in ihrem Hamburger Apartment und telefonisch kann ich sie nicht erreichen.«

Lian fasste es nicht. »Deshalb bist du hierhergekommen? Meinst du etwa, sie ist bei mir?«

»Sie hat mal bei dir gewohnt«, sagte Joos. »Dich hat sie geliebt und mich – ihren eigenen Bruder – verstoßen.« Er verzog den Mund, als habe er etwas Widerwärtiges darin. »Meinst du etwa, ich komme hierher, wenn es nicht wirklich wichtig wäre?« Er reckte die Arme zum Himmel und spielte den Verzweifelten.

»Alles habe ich versucht, um sie zu finden. Das kannst du mir glauben.«

Er wusste, dass Joos gelogen hatte. Soviel Geduld besaß er nicht. Immer ließ er nur andere suchen und machen.

Außerdem, warum wollte er sie sehen? Da steckte viel mehr dahinter als die angebliche Bruderliebe und eventuelle Versöhnung. »Sie wird triftige Gründe für ihr Untertauchen haben, wenn sie nicht mehr erreichbar ist. Sei nicht so egoistisch. Gib ihr mehr Zeit, den Tod eurer Mutter zu verarbeiten.«

Joos Adern an den Schläfen kräuselten sich. Er atmete schwer. »Du weißt es? Also hattest du Kontakt zu Kaja. Sie wohnt doch bei dir.« Er raufte sich mit einer Hand die Haare. So stark, dass ein paar zwischen seinen Fingern hängenblieben. Nachdem er es bemerkt hatte, versuchte er sie unauffällig abzuschütteln.

»Dass du ein Verräter bist, war mir klar«, fuhr er fort, »aber so einer …«

»Nein, beruhige dich«, sagte Lian. »Sie rief mich nur kurz an, nachdem sie die schlimme Nachricht bekommen hatte und mit jemandem reden musste.«

»Sie hätte mit mir reden können.«

»Anscheinend nicht.«

Joos brummte. »Was hat sie gesagt?«

»Wenn sie gewollt hätte, dass du es erfährst, hätte sie es dir selbst gesagt, oder?«

»Was bist du nur für ein Cousin? Habe ich dir nicht immer geholfen, wenn du in der Klemme stecktest?«, fragte Joos.

»Wann war das denn? Wenn du es genau wissen willst, ich habe Kaja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ich bin anderweitig vergeben. Morgen zieht meine Freundin bei mir ein. Deshalb wäre es gut, wenn du gleich morgen früh die erste Fähre zurück zum Festland nimmst. Ich möchte nicht, dass du ihr begegnest.«

»Oho, willst du mich nicht als deinen Verwandten vorstellen? Das ist dir peinlich, was? Ich könnte sie über dich aufklären.«

Joos stellte sich breitbeinig vor Lian, machte sich größer, als er war.

Doch er reichte mit seinen einen Meter fünfundsechzig nicht an ihn heran. Lian hätte ihn am ausgestreckten Arm verhungern lassen können, was er früher oft getan hatte, wenn Joos bei einer Prügelei nicht anders zu stoppen gewesen war.

Auch Joos schien sich an diese Momente erinnert zu haben. Er blies die Luft laut aus. »Hol Kaja hierher. Sag ihr, dass du sie dringend persönlich sprechen musst. Sie soll die erste Fähre nehmen und dann … sehen wir weiter.«

»Ich soll sie dir ans Messer liefern?«, fragte Lian, obwohl er die Antwort bereits wusste.

Joos nickte. »Du wirst!« Er zeigte auf die Haustür.

»Lass uns endlich reingehen. Hast du Zigaretten?«

7.

Mia hatte ihren großen Koffer gepackt und schaute sich ein letztes Mal um. Sie konnte sich schlecht von ihrem Haus trennen. Einen Grund zur Sorge hatte sie nicht. Morgen würde ihre beste Freundin Gitti einziehen und sich zwei Monate darum kümmern. Sie legte ihr einen Zettel mit den wichtigsten Instruktionen auf den Flurtisch, den Ersatzschlüssel besaß sie bereits. Zwar hatten sie gestern Abend vier Stunden lang telefoniert, doch das hieß noch lange nicht, dass ihre Freundin völlig bei der Sache gewesen war. Wie immer lief der Fernseher im Hintergrund. So schnell, wie Gitti von Sender zu Sender zappte, was Mia deutlich gehört hatte, so schnell waren ihre Gedanken hin und her gesprungen. Dennoch liebte Mia ihre schräge Art. Sie war von Grund auf ehrlich und wenn es wirklich darauf ankam, konnte sie sich hundertprozentig auf Gitti verlassen.

Eine neue Zeitrechnung brach heute für Mia an, Wehmut kam auf. Sie wollte ihr Leben neu sortieren und musste herausfinden, ob sie mit der Lebenssituation auf der Insel Spiekeroog im Allgemeinen und mit Lian im Besonderen zurechtkäme. Er war einer der vier Ostfriesen, die sie im Inselcafé kennengelernt hatte. Lian war nicht der mit der Brille oder mit der Kappe, auch nicht der Älteste, sondern der Große mit dem weißen Bart. Sie kannte ihn schon länger, aber nach ihrem letzten Fall auf Spiekeroog hatte er sie eingeladen, bei ihm im Ferienhaus zu bleiben, damit sie sich gründlich von den Strapazen erholen konnte. Es war ein gemütliches Haus, in dem maximal zwei Personen Platz hatten. Da hatte Mia nicht nein sagen können und es auch nicht bereut. Es war ihr erster dreiwöchiger Urlaub ohne Zwischenfälle gewesen. Gemeinsam mit ihm hatte sie die Annehmlichkeiten der Insel so richtig genossen. Lian war ein sehr guter Inselführer und hatte sich viel Zeit für sie genommen. Sie wusste nun so einiges über die Historie der Insel, aber natürlich längst nicht alles. Es gab weitaus mehr zu erkunden. Als Utwärtige war sie sogar mit einigen Inselbewohnern ins Gespräch gekommen und das nicht nur oberflächlich. Sie waren allesamt liebenswerte und unaufgeregte Menschen, deren Einnahmequellen aus der Vermietung ihrer Ferienhäuser oder -zimmer bestand oder die sonst wie mit den Touristen zu tun hatten, sei es als Einzelhandelsbetreiber oder im Servicebereich. Von ihnen erfuhr sie, dass sie einerseits froh über das hohe Tourismusaufkommen waren, andererseits es als Wohltat empfanden, wenn mal nicht so viele Gäste mehrmals täglich die ankommenden Fähren verließen. In den Sommerferien tummelten sich hier zirka dreitausend Besucher auf der Insel, hinzu kamen oft an die tausend Tagesgäste. Da konnte es abends in den Restaurants so richtig voll werden. Ohne Reservierung ging gar nichts mehr.

Mia hatte Lian im Laufe der Zeit immer mehr schätzen gelernt. Sein trockener Humor, seine Achtsamkeit und Ausgeglichenheit beeindruckten sie sehr. Er gab ihr Ruhe und Kraft zugleich. Bisher hatte sie keine störenden Macken an ihm gefunden. Sie hoffte sehr, dass er welche besaß. Ein perfekter Mann war nicht ihr Ding, der war ihr nicht spannend genug. Sie brauchte Reibungspunkte – in jeglicher Beziehung. Vielleicht war das Kochen so einer.

Mia konnte nur erhitzen, Lian hingegen kochte hervorragende Gerichte. Er wog die einzelnen Zutaten genauestens ab und hielt sich strikt an das Rezept. Er meinte, jede Frau müsse kochen können, und würde es ihr beibringen. Ob sie das wirklich wollte? Wer viel kann, muss auch viel machen, war ihre Devise.

Bei einem dieser romantischen Dinner waren sie sich nähergekommen und hatten sich auch lieben gelernt. Der Abschiedsabend nach dem Urlaub war besonders schön gewesen. Hinreichend gesättigt und entspannt saßen sie nebeneinander auf der Leder-Eckcouch, die Beine auf einen gemeinsamen Hocker gestreckt.

Im Hintergrund lief leise Musik von Sade. Mia liebte diese Smooth-Jazz und Soulsängerin mit ihrer samtigen Stimme und die selbstgeschriebenen Songs über die Liebe. Bar-Musik. Besonders der Smooth-Operator hatte es ihr angetan. Ob der Text, den sie sinngemäß übersetzt hatte, auch auf Lian zutraf? Er hat Augen wie ein Engel, aber sein Herz ist eiskalt …

Sie drehte sich zu Lian und sah ihm sehr tief in die meerblauen Augen, die eine Woge der Wärme in ihr auslösten. Auch Lians Wangen glühten, seine Lippen waren heiß, als er sie küsste – zärtlich küsste – himmlisch küsste.

Eine gefühlte Ewigkeit später flüsterte er ihr ins Ohr: »Lass es uns versuchen, Mia. Zieh bei mir ein. Bleib bei mir.«

»Wie stellst du dir das vor?«, fragte sie, weil sie es selbst nicht wusste.

»Schön! Es wird sehr schön werden«, sagte er laut. Es klang wie eine Pflicht, nicht wie ein Versprechen.

»Aber ich muss dich vorwarnen«, ergänzte er, »ich bin nicht der Romantiker, für den du mich vielleicht hältst. Die Musik hat die Oberschlaue aus dem Internet ausgewählt und die Rezepte für das Menü fand ich in einem Koch-Forum als Vorschlag des Tages. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.«

Er küsste sie noch einmal, diesmal auf die Wange.

»Versuch macht kluch«, sagte Mia und war tatsächlich etwas enttäuscht, ihn falsch eingeschätzt zu haben. »Okay.« Sie setzte sich auf. »Bevor ich mich hier häuslich niederlasse, muss ich mir sicher sein, auf Spiekeroog bleiben zu können. Gib mir zwei Monate Zeit bis zur endgültigen Entscheidung – und dann ist da ja noch mein Haus am Niederrhein, das ich verkaufen müsste und … und … und.« Sie seufzte.

Er nickte und kam mit seinem Gesicht näher. Mia wich dem Kuss aus.

Sie konnte das nicht, denken und küssen zugleich. Sie war kein Backfisch mehr, der sich Hals über Kopf verliebte, den Mann vergötterte und ihm blindlings überallhin folgte. Doch in diesem Moment wünschte sie es sich, einfach mal den Verstand abzustellen.

Lian half ihr dabei.

Nun saß sie hier frühmorgens in Krefeld neben ihrem XXL-Koffer und wartete auf das private Taxi nach Neuharlingersiel. Zwei Monate wollten Lian und sie sich geben, um ihr Zusammenleben auszutesten. Auch was das Liebesleben anging, mussten sie sich weiter aneinander gewöhnen. Sie dachte daran, wie grob und unbeholfen er bei ihrem ersten Mal gewesen war. Selbst im Dunkeln hatte sich die Lage nicht entspannt. Mia war es befremdlich vorgekommen, dass er sich nicht dabei auszog oder sie es machen durfte. Soviel Zeit musste sein. Sie wollte seine nackte Haut mit allen Sinnen spüren und nicht seine Jeans und den Shirt-Stoff. Zur Not würde sie mit ihm darüber reden.

Ob man eine Beziehung überhaupt auf die Probe stellen konnte? Wie viele Paare lebten jahrelang zusammen und die Frau wusste nicht, wie ihr Lebensgefährte wirklich tickte. Bis eines Tages eine andere vor der Tür stand oder ihr einen Brief schrieb. Mia konnte ein Lied davon singen und es hieß Bodo, ihr erster Mann. Wenn sie recht überlegte, begann ihr Pech mit den Männern schon viel früher. Erst gruben sie sich in ihr Herz und in ihre Seele und dann hinterließen sie dort einen Ort der Verwüstung. Jedes Mal, wenn Mias Eifersucht als völlig grundlos beschimpft worden war und sie dem Typen geglaubt hatte, dass er treu war, bekam sie kurz darauf den Schlag mit der Keule. So lange, bis sie endlich wach wurde.

Nein, sie wollte nicht jammern und war nicht immer nur das Opfer. Irgendwann einmal hatte sie den Spieß umgedreht und sich auf einen One-Night-Stand eingelassen. Es sollte ein unverfängliches Sexvergnügen sein, das angeblich jede Frau mal erlebt haben musste. Weit gefehlt! Sie hatte ihre Nur-für-eine-Nacht-Eroberung wohl zu gut ausgesucht. Sie musste ihn wiedersehen. Er sie aber nicht. Da half auch kein Stalken. Nach drei Tagen sah sie ein, dass es tatsächlich Männer gab, die den One-Night-Stand sehr wörtlich nahmen. Seitdem war sie kuriert, nahm sich vor, mit den Männern wirklich vorsichtiger zu sein. Der zweite Teil der Herausforderung mit Lian war, ihre Heimat verlassen zu müssen. Aber was und wo war ihre Heimat wirklich? War sie an dem Ort, wo sie geboren wurde? Oder da, wo sie sich langfristig niederließ, wo sie sich wohlfühlte und den Partner oder die Freunde an ihrer Seite hatte? Egal bei wem sie das Thema angeschnitten hatte, jeder sah es anders. Mia wollte sich da nicht festlegen, sonst bekam sie jetzt schon Heimweh, bevor sie sich auf Spiekeroog niedergelassen hatte.

Es klingelte an der Haustür.

»Hallo Mario, danke dass du mich fährst«, sagte Mia und umarmte ihren Ex kurz, gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Sehr gerne«, sagte er und sah an ihr vorbei. »Der muss mit?«, er zeigte auf den Koffer und ratschte den Griff hoch, rollte damit los. Noch so eine Eigenart, die Mia aber auch beherrschte. Manchmal stellte sie eine Frage und wartete die Antwort nicht ab, sondern machte es einfach. Mario trollte sich mit dem Trolley und hievte ihn in den Kofferraum seines Wagens. Beim ersten Versuch brach er sich fast das Kreuz.

Mia schloss die Haustür ab, schaute sich ein letztes Mal um, bevor sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm.

Mario gab Gas.

Noch immer war sie verwundert, dass er ihr überhaupt das Angebot gemacht hatte, sie zur Fähre zu fahren. Lag es daran, dass er selbst wieder einmal nach Neuharlingersiel wollte? Schon einmal hatte er sie dorthin gebracht. Da waren sie beide noch ein Liebespaar gewesen und hatten sogar vorgehabt, zusammen zu ziehen. Aber dann kam die Auszeit, von ihm oder von ihr, da stritten sich die Gemüter. Zwar waren sie über WhatsApp in Verbindung geblieben, aber das gefiel ihr nicht so. Jedes Mal, wenn er sich mit einer neuen Perle getroffen hatte, wie er jede seiner Freundinnen nannte, damit er mit den Namen nicht durcheinanderkam, schrieb er es ihr. Beim letzten Mal hatte Mia ihm alles Gute für sein weiteres Leben gewünscht und ihr Vorhaben mitgeteilt. Sie wollte einen Schlussstrich mit Mario ziehen. Überraschenderweise machte er daraufhin das spontane Angebot, sie nach Neuharlingersiel zur Fähre zu fahren. Sie nahm an, um es ihm dann persönlich zu sagen.

»Mia? Bist du noch da?«, fragte Mario und riss sie aus den Gedanken. »Hast du es dir wirklich gut überlegt? Deinem Foto nach zu urteilen, ist er ein alter Mann mit weißem Bart, der nichts auf den Rippen hat. Der ist bestimmt Veganer. Was willst du als Ganzjahresgrillerin mit so einem? Du kennst den Typen nicht wirklich, oder?«

»Du