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Haben Sie Nachbarn? – Aber niemals solche wie Ghyslyn: Tauchen Sie ein in die Vorstadtwelt und begegnen dem Indianer, der Hunderednerin, der Märchenprinzessin, der Oberlehrerin, dem Rechenwunder, dem Geschenk.... In Geschichten voll Humor, Sprachwitz und Ironie lacht Ghylyn über über die irrsinnigsten, aufdringlichsten, skurrilsten, verbohrtesten, nervensten, abscheulichsten, und gemeinsten Nachbarn – und über sich selbst. Ein Vergnügen für Leute mit Nachbarn – und für Leute ohne.
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Seitenzahl: 174
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ghyslyn Pomsel
Lieblingsnachbarinnen
Nachbarn - nicht ganz ernst betrachtet
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Agent
Sportsfreunde
Maschine
Collage
Dear Scott Fitzgerald,
Hausfrauen in Leder
Golden
Herz, Mister Collins, Herz
Mrs Hemingway - die wohnt hier nicht.
Kein Rilke
Love Stories
Gormley
Indianer weinen nicht (Philosophische Übung)
Hermann und Dorothea, Lotte und Werther
Die Uhr, Teil I
Die Uhr, Teil II
Die Uhr, Teil III
Gardemaß
Doublecross & Chicken Feed
Erpelgrund, Ming Gardens 4 und Adelshöfe
Schrei leise !
Schwarzland
Unkraut
Zu guter Letzt
Impressum neobooks
Eben noch hatte ich online mit jemandem zu tun, der sich allen Ernstes Cheyenne-King nennt. Unter diesem Benutzernamen verhökert er seine alten Landkarten, die ich unbedingt brauche.
Im Internet kursieren wahrlich die interessantesten Nick-Names!
Allein an Ureinwohnern Amerikas traf ich bereits auf Die Apachin, 123Siouxdeal und Cherokeechief.
So etwa war Mescalerobmw seine ollen Pläne englischer Küstenstädte leid, und Elenaagnetacree hatte hübsche Postkarten aus dem vorletzten Jahrhundert vom Strandleben in Burton St-Leonards. Navajo2001 war top und sehr zu empfehlen in alten Ward-Lock-Reiseführern, claudimohikaner62 war ebenfalls top und obendrein noch billig.
Dierkderirokese73 war leider ein faules Ei.
Ich für mein Teil heiße völlig phantasielos nach meinem Geburtsort mit einem Haufen Zahlen dabei. Mein Ehemann erfand diesen prosaischen Benutzernamen. Er ist Mathematiklehrer.
Ein Haus weiter – da wohnt jedoch ein echter Indianer. Sie heißt Komantsche.
Sie ist der Späher hier.
Wo ich wohne? Nicht im Land der Ureinwohner Amerikas, nein, sondern ganz gewöhnlich: Stadt, Industriegebiet, Stadtteil unterhalb einer Chemischen Fabrik, Straße, Siedlung, Reihe, Häuschen von der Stange.
Außer mir wohnen hier herum noch viele Menschen, zumeist Frauen.
Früher gab es in der Straße viele Kinder.
Meine Nachbarinnen sind vermutlich zahlreich. Ich kenne die wenigsten.
Diejenigen, die ich kenne, sind allesamt Lieblingsnachbarinnen: So verschieden, wie es die menschliche Natur eben zulässt - und dann wieder so ähnlich, wie es die menschliche Natur nun einmal diktiert.
Die menschliche Natur, tja: Wer kann schon raus aus seiner Haut?
Ich nicht, und auch KOMANTSCHE nicht.
Sie ist meine Lieblingsnachbarin, untoppbar. Die No 1. Auf das Klötzchen in der Mitte gehört sie, mit ihren Händen in den rückwärtigen Hosentaschen, mit ihren biegsamen Gesundheitsschuhen, auswärts gekehrt. Und mit der Miene von Asa Havi.
Die Häuptlingsfeder: Ich kann sie sehen! Ich schwör's...
Leider heißt Komantsche ebenso unpassend wie blöd: Ihren fatalen Vornamen verdankt sie dem Kleinen Latinum ihrer Mutter.
In Wahrheit muss sie mit Asa Havi verwandt sein: Ihrer beider Gesichtsausdruck ist absolut identisch.
Übersetzt bedeutet dieser Große Komantsche: Milky Way.
Wunderschön, finde ich.
Übertrüge man den Vornamen meines Komantschen ins Deutsche, so wäre sie eine Glückliche. Unpassender geht kaum: Komantsche ist misstrauisch, geduldig und sparsam.
Solcherlei Charaktereigenschaften, allzumal in Kombination, machen nicht glücklich.
Komantsche, der Späher. Sie ist Mein Agent.
So etwas wie das hübsche englische Wort Newsagent wäre die korrekte Bezeichnung für Komantsche, bedeutet aber leider etwas anderes. In Wahrheit ist Komantsche nämlich exakt die wörtliche Übersetzung: Mein Agent – für Neuigkeiten.
Ich bekomme nämlich NIE etwas mit.
Ich lebe undercover.
Dennoch muss auch ich hin und wieder erfahren, wessen Köter dauerhaft meine Nerven zerbellt, ob rechts von mir jemand wohnt und ob es gerade mal wieder brennt, oben in der Fabrik.
Und ich hätte auch gern bald einmal gewusst, wer immerfort diese albernen Schriebe in meinen Briefkasten steckt. Wer?
Wer zum Teufel, bitte, ist – Nabben?
Für solche Dinge, wenn ich sie nicht vergesse, halte ich mir Komantsche, den Späher.
Sie liebt Neuigkeiten und Geheimnisse: Sucht, findet, sammelt und verteilt sie.
Noch der banalste Quatsch ist für sie eine Expedition wert, im Ernst.
Sie muss einfach wissen, wieviele Finger eine Hand machen, wo wer in welchem Haus sein Erspartes, das Schlafzimmer und den Ehemann hat, und sie wird nachts nicht einschlafen können, solange sie nicht weiß, ob das da dritte Reihe hinten links ein Ehepaar ist oder ein Gaunerpärchen.
Ob man es glaubt oder nicht: Nichtwissen macht Komantsche krank, Fehlinformation bringt sie in Rage. Sie leidet, wenn sie etwas nicht gewahr wird.
Ich halte sie mir als Agenten. Eine wortlose Abmachung auf Gegenseitigkeit ist das: Sie wird ihre News los an mich und - darf dafür über mich herziehen.
Das Herziehen geht leicht, denn ich bin leichtgläubig, ungeduldig und habe kein Talent für Geld. Außerdem kleide ich mich ohne jegliche Begeisterung für Klamotten, fürchte Automobile, sammle den letzten Prüll und bevorzuge ein unpopuläres Reiseland.
Für das Leben in einer Siedlung bin ich restlos ungeeignet.
Ich wohne nur zufällig hier.
So etwa hielt ich die Nachbarin schräg gegenüber lediglich aufgrund ihrer ähnlichen (wirklich?) Haarfarbe schon für die Schlampe von zwei Häusern weiter, glaubte, den neuen Liebhaber von drüben, Eckhaus, schon einmal in der Jugend als Zeichenlehrer in meiner Volksschule gehabt zu haben, und würde, bis auf zwei läppsche Ausnahmen, keinen einzigen Ehemann der ganzen Siedlung auch nur an der Bushaltestelle erkennen.
Angesichts solch krasser Untauglichkeit für Siedlungsfragen muss man sich fraglos einen Agenten halten!
Komantsche kennt dann auch tatsächlich jedes Sonderangebot, bevor es im Reklamezettel erscheint, und die geänderten Briefkastenleerungszeiten kleben bereits als neckischer Merkzettel in Fußabdruckform auf ihrem Kühlschrank, bevor der Postbote sie auch nur auswendig kann.
„Uh“, so höre ich eines Morgens Mr Komantsche sprechen, denn er meldet allmorgens seiner innen mit Arbeit befassten Gattin den Inhalt des Postkastens von seinem Posten vor der Haustür, „Nabben macht eine Party!“
Natürlich hätte ich nie im Leben auch nur ein Wort davon mitbekommen – wenn ich nicht per Zufall gerade meinem Sohn die Haustür aufgeschlossen hätte, damit er einmal in den Briefkasten sehen kann. Er verschickt zur Zeit hektisch Bewerbungsschreiben und giert nach Antworten.
Holla! Er schwenkt das mir inzwischen gut vertraute lose Din-A-4-Blatt in der Hand:
„Öh“, sagt mein Sohn. „Nabben! Jetzt macht Nabben auch noch eine Party!“
Im ersten Moment kommt es mir so vor, als hätte die Stimme meines Sohnes heute morgen ein seltsames Echo.
Dann kapiere ich, dass der Herr im Nachbarhaus offenbar zu uns spricht.
Auch er hält ein loses Blatt in der Hand.
Komantsche lugt aus ihrer Haustür. Ich kann ihre Federn erspähen:
„Kennen Sie Nabben?“
Natürlich nicht. Was soll Nabben sein? Seit Tagen muss ich mich das fragen. Jeden Morgen: Nabben. Nabben!
(Helfen Sie mir doch auf die Sprünge, bitte: Was zum Teufel ist – Nabben? Und - wer zum Teufel ist diese Frau da, in der Tür des Nachbarhauses, die mit den Federn im Haar?)
„Öh“, informiert mein Sohn dankenswerter Weise den Nachbarn, „Nabben will Radau machen! Wir sollen kommen. Eine Einladung, Mum!“
Der Nachbar schweigt. Er scheint abzuwägen, ob er sich wirklich mit Leuten verständigen will, die ihre Mutter Mum nennen. Ja, wirklich! Wen zum Teufel meint mein Sohn mit Mum?
Komantsche richtet ihren Blick fest auf ihren Gatten, der, unter Komantsches Augen!, bemüht das hinlänglich bekannte lose Din-A-4-Blatt studiert.
„Uh“, so lässt sich nunmehr Mr Komantsche hören, „da will jemand richtig laut feiern. Und – und wir sind eingeladen..“
„Öhja“, sagt mein Sohn, „noch einer. Wir sind auch eingeladen.“
Das stimmt. Seit Tagen liegen tatsächlich diese kryptischen Schreiben im Kasten – von Nabben.
Nun auch noch eine Einladung! Abgesehen davon, dass wir Nabben partout nicht kennen: Eine Einladung - das kann einfach nicht sein!
Ausgeschlossen.
Mich lädt niemand ein. Ich hasse Leute und Fremde und albernes Gewieher und Besuch und 'nach dem Motto' und Gelaber und Gäste und Einladungen und Nachbarn und blödes Geschwätz und Partys und Geselligkeit und dämliches Gerede und hirnige Witze und all diese zeitraubenden Dinge. Hasse ich.
Komantsche tritt nunmehr aus ihrem Häuslein. Damit wird die Sache offiziell: Demütig weicht der Ehemann zur Seite. Er übergibt das Einladungsschreiben an den Nachrichtendienst.
Ich strecke den Kopf etwas mehr aus der Tür. Ohne Federn. Eigentlich arbeite ich gerade und möchte nicht gestört werden.
Aber: Was ist Nabben!
Der bescheuerte Zettelschreiber muss dingfest gemacht werden! Zumal er obendrein nunmehr uns beide einlädt: uns – und Komantsches!
Kein Mensch der Welt würde uns – plus Komantsches einladen. Zu was auch immer.
Total ausgeschlossen.
Nabben - muss verrückt sein. Nabben, der Veranstalter irrsinniger und zusätzlich noch lauter Partys.
„Uhja, hier steht es wortwörtlich,“ Komantsche liest ihrerseits und spricht extralaut, damit auch ich folgen kann, „es könnte ausgelassen und spät werden.“
Sie schaut ihren Ehemann an. Mit dem Gesichtsausdruck von Asa Havi. Missbilligung ist nichts gegen diesen Blick. Mein Sohn sieht mich an. Ich betrachte Komantsche und baue auf die Informationsquellen des Geheimdienstes.
„Unterschrift: Nabben!“ liest Komantsche. Verachtung istnichts gegen den Ton in ihrer Stimme. Leider kenne ich die von Asa Havi nicht. Ich bin aber sicher, er klang ähnlich.
„Öhgenau,“ dürfen wir nunmehr meinen Sohn vernehmen. Ich kenne ihn. Er liebt es, klare Verhältnisse zu schaffen. „Exakt. NABBEN! Unüblicher Name.“
Ist mir piepegal.
Was ist schon üblich? Mein Name, Komantsche's Name, Asa Havi's oder der von schräg gegenüber da hinten. (Wie heißen die eigentlich? Wohnt da überhaupt wer?)
Mir doch egal.
„Äh,“ melde auch ich mich einmal zu Wort (wenn wir schon dabei sind), „vielleicht wohnt dieser NABBEN ja da hinten, schräg gegenüber...?“
„Tut er natürlich NICHT.“ Entschiedenheit ist nichts gegen die Haltung von Komantsche in dieser Frage. „Hier wohnt NIRGENDWO ein – NABBEN. Hier gibt's keine NABBENS!“
Dann eben nicht. Mir doch egal.
Keine Nabbens hier.
Wer braucht schon Nabbens? Ich mal bestimmt nicht. Und dann noch partygeile Feiernabbens!
Von mir aus können die wohnen, wo sie wollen.
Solange sie nicht bellen.
Ich verschwinde dann mal..
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Anderntags setzt mein Sohn mich darüber in Kenntnis, dass Komantsche wohl nicht ganz zufrieden mit meiner Haltung bezüglich Nachbarn in der Siedlung gewesen sei.
Außerdem hätte Komantsche etwas unternehmen wollen.
Was – das wusste er jedoch leider nicht zu berichten.
Keine Nachricht jedenfalls von Nabben am nächsten Tage.
Nie mehr Nachrichten von Nabben.
Gefährliche Person, mein Agent. Gefährlich...
Udo heute Schlüssel Sporthalle. Luv.
So die Verlautbarung meines Sohnes.
Zettel, neben meine morgendliche Müslischüssel gepappt.
Sohn: bereits unterwegs.
Fehlt mir gerade noch. Irgendein Udo kommt vorbei. Ausgerechnet.
Ich hasse Besucher. Auch wenn sie nur mal eben einen Schlüssel bringen oder holen.
Bringen oder holen?
Egal. Ich hasse Besucher. Wie alle Störenfriede hasse ich Besucher, Haustürvertreter, Verwandte mit unberechenbarem Temperament, Nachbarn, Verwandte mit leeren Terminkalendern, Haustürverkäufer, Nachbarn, Backpulverschnorrer, Leute mit Proben ihrer unbekömmlichen Kuchenkreationen, Nachbarn, Gäste, Brandstifter, Nachbarn.
Ich: ungesellig und in Arbeit.
Besucher oder Nachbarn: Die Hunnen.
Jetzt kommt also heute ein Udo – mit einem Schlüssel oder, was noch weit ärger wäre, ohne einen Schlüssel. Für die Sporthalle, das auch noch.
Sporthalle: Ort, den sonderbare Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt betreten müssen. Vermutlich auch wollen. Höchstwahrscheinlich beides: müssen und wollen. Grässlich.
Ich: ungesellig, in Arbeit und ohne die leiseste Ahnung, wo dieser Schlüssel für die verdammte Sporthalle sein könnte. Vermutlich im Zimmer meines Sohnes.
Zimmer meines Sohnes: für mich TABU. Mein Sohn hätte vermutlich nichts gegen ein Betreten seines Zimmers durch mich. Aber ich.
Ich: ungesellig, schwer in Arbeit und absolut unsportlich.
Der Idee, zwei Treppen hoch zum Zimmer meines Sohnes zu klettern, stehe ich ebenso vehement wie grundsätzlich abgeneigt gegenüber. Bin ich ein Eichhörnchen?
Allein die Vorstellung, dass ein Udo klingeln könnte, macht mir Bauchbeschwerden.
Muss ich jetzt etwa einen ganzen Tag lang mit gespitzten Ohren lauschen – ob womöglich irgendwer klingeln könnte? Bin ich ein Hund?
Was schert mich gemeinhin ein Klingeln? Ob Telefon oder Haustür – ich bin nicht zuständig. Mag es doch klingeln! Keine Klingler für mich, bitte.
Ich bin ungesellig! Ich arbeite! Ich HASSE Besuch! Eindringlinge! Störenfriede! Brandstifter!
Die Hunnen!
Überhaupt: Was soll das für ein Name sein – Udo?
Mutmaßlich dürfte es sich bei diesem Udo um - einen der Polizistenfreunde meines Sohnes handeln.
Durch seinen Sport kennt mein Sohn ungefähr eine Million junger Leute.
Etwa die Hälfte davon ist bei der Polizei.
Durch die Bank einander ähnlich wie Eier in einem Karton, sind die Polizeifreunde allesamt groß, sportlich gestählt, sparsam mit Haupthaar und bärtig.
Irgendwie wirken sie immer ein wenig unbeweibt.
Allerdings sind sie zupackend, das schon.
Mindestens dreimal die Woche schildern sie meinem gutgläubigen Sohn die Vorzüge der Polizeiarbeit in leuchtenden Farben.
Dreimal die Woche ist nämlich Training im Sportverein.
Es herrscht Nachwuchsmangel bei der Polizei.
Seit einiger Zeit trägt mein einziger Sohn sich mit dem Gedanken, zur Polizei zu gehen.
Polizist: Von der Natur mit Einsatzfreude und gesundem Optimismus ausgestatteter Mensch, der im Laufe eines harten Berufslebens zum Dauerpessimisten mutiert.
Mein Großvater war Polizist und misstraute jedem Menschen (wie er täglich dem naiven Zeitungshändler versicherte). Es brachte meinen Opa jedoch nicht davon ab, an so etwas wie Anstand in der Seele eines Einbrechers zu glauben – und ihn mittels eines Kruzifixes in der Geldschublade mit dem Einkaufsportemonnaie und der Feiertagsbrosche meiner Großmutter drin vom Stehlen abbringen zu wollen. Naja. Tatsächlich brach niemals jemand bei den beiden ein. Lediglich ausgebombt wurden sie dreimal, im Zweiten Weltkrieg. Gegen eine Bombe hilft natürlich ein Kruzifix kein Bisschen.
Ich: ungesellig, schwer in Arbeit und in völliger Unkenntnis der Mentalität von Einbrechern.
Mein Sohn: sportlich, gesetzestreu und in einer Bewerbungsphase.
Ich: rechne folglich mit Udo – dem Polizisten. (Udo! Echter Polizistenname!)
Das ist lästig.
Ich arbeite gerade an der literarischen Darstellung einer zarten jungen Dame: lieblich und unbedarft, wie sie nun einmal ist, fällt das liebe Mädel arglos einem Schurken mit aasigem Lächeln in die Hände, wird aber hernach von einem freundlichen Tölpel namens George gerettet und folglich geehelicht. Ich denke in zarten Jungfrauen – was soll ich da mit einem, vermutlich, glatzköpfigen und bärtigen Polizeisportler, der mit Händen wie überdimensionierte Tennisschläger meine Bude umkrempelt auf der Suche nach dem begehrten Sporthallenschlüssel?
Hallo, Sohn, was tust du mir da an?
Sohn: fürchterlich sportlich, Vorschriftenfanatiker, Polizeiarbeitsbewunderer.
Ignorant mütterlicher (geistiger!) Arbeit.
Ich: rechne ergeben (wozu ist man sonst Mutter?) mit dem Schlimmsten: Einem riesenhaften haarlosen Bullen mit bedrohlichem Vollbart in Sportklamotten.
Sporttrikots: abscheulich sich anfühlende 'Funktions'-Teile. Sie zählen unberechtigter Weise zu Artikeln der Oberbekleidung. Mein Sohn besitzt etwa eine Million solcher Dinge. Man soll sich darin sportiv betätigen. In meinen Augen sind sie tragbare Saunas – man schwitzt schon beim puren Anblick. Und von den widerwärtigen Signalfarben dieser Pseudokleidungsstücke bekommt man früher oder später ein Augenleiden. Obendrein sind sie bedruckt, was zwingt, sie mehr oder weniger nicht zu waschen, sondern nur auszuspülen, weil die Druckbuchstaben bei einer bodenständigen Wäsche aufgeben und die Inschriften auf den 'Kleidungsstücken' schwachsinnig werden.
Mein Vater, stets gut gekleideter Mann von unbeirrbarem Stil und künstlerischem Geschmack, hätte unbedingt gesagt, dass der Träger von so etwas 'nicht angezogen' sei.
Ich kann machen, was ich will: Es ist passiert!
Nun bin ich doch tatsächlich schon geistig vereinnahmt, innerlich befasst mit Sporthallen Schlüsseln, Polizeisportsfreunden meines einzigen Sohnes!
Schreckensvisionen gigantischer Polizeisportsfreunde mit glänzend haarlosen Schädeln und gefahrintensiver Barttracht vernebeln mir die zarte Jungfrau, die im Lädchen der betuchten Tante Spitzenkrägen vertickt, verflixt nochmal!
Ich bin programmiert, sozusagen.
In meinem Kopf nisten sich – höchst unpassende Seltsamkeiten ein.
Weg, huschhusch!, fort mit Euch, ihr Abscheulichkeiten!
Raus aus meinem Kopf, sonst blas' ich euch das Licht aus!
Es wirkt nicht.
Diese in jeder Hinsicht widerwärtigen Gleise in meinem Kopf werden schon vehement befahren!
Dabei habe ich bereits das ganze Erdgeschoss geputzt, mehrere kleine Tischchen aufpoliert und mit einem Buch, nett aufgeschlagen, belegt, einige Bücherregale abgestaubt, ein Vitrinchen mit Operntäschchen ansprechender gestaltet, einige Bilder gerahmt und an leere Stellen auf der Wohnzimmerwand gehängt, einen Teppich geklopft, einen Armvoll Sofakissen einladend auf der harten Sitzbank in der Küche drapiert, das Teewasser aufgesetzt, einen Kuchen im Ofen, den Braten schon einmal angebraten und Semmeln für Semmelnknödel zerbröselt.
Polizistensportsfreunde sind gewiss hungrig, wollen behaglich und warm sitzen und bei Laune gehalten werden.
Die Heizung läuft auf Hochtouren, und die Nachspeise erkaltet bereits.
Auf der Gästetoilette liegen griffbereit Sportartikelkataloge.
Sportartikel: mehr oder weniger jeglicher Ästhetik abholde Gegenstände, die man (tatsächlich oder auch nur eingebildet) zum Betreiben verletzungsintensiver Körperertüchtigung benötigt.
Die meisten erinnern vage an die Steinzeit.
Die Nutzer solcherart Gerätschaften bei ihrer Betätigung desgleichen.
Auf mehreren der Oberkörper-Trikots meines Sohnes wird der Betrachter mittels symbolträchtiger Pictogramme in Kenntnis gesetzt von der ungefähren Anwendung dieser Instrumente.
Als ich an der Kleidung meines Sohnes zum ersten Mal die schematischen Gemälde erblickte, vermutete ich noch fälschlicherweise, mein Sohn ginge neuerdings zum Kegeln. Ich weiß es nun besser, finde aber immer noch, dass seine Instrumente zum Ausüben lebensgefährlicher Freizeitbetätigung an Kegel erinnern.
Auf unbestimmte Weise harmonieren sie in meiner Vorstellung sehr gut mit gewaltigen Udos aus der Polizeibranche.
Udo.
Ein irgendwie – bedrohlicher Name. Sah ich nicht einmal einen schauderhaften Film, in dem ein Roboter dieses Namens infolge eines Maschinenschadens ausflippte und eine hanebüchene Zerstörungswut entfaltete? Ein nahezu vollständiges hübsches Häuslein in bedauernswerte Einzelteile zerlegte? Ein süßes kleines Heim – dem Erdboden gleichmachte?
Heim: eher ein Gebilde als ein Gegenstand, in dem man sich unter bestimmten Voraussetzungen aufhalten und behaglich (sogar geborgen) fühlen kann.
Ich besitze diese Voraussetzungen nicht.
Mein Heim besteht im Wesentlichen aus Pappe und einigen unmaßgeblichen Betonteilen.
Und – Udo kommt.
Wird nach einem Schlüssel fahnden.
Wird ihn nicht finden.
Wird ärgerlich werden.
Sieht seine Chance auf einen Aufenthalt in seinem Heim, der Sporthalle nämlich, schwinden.
Sieht seine Behaglichkeit, gar seine Geborgenheit bedroht.
Wird sehr ärgerlich werden.
Wird – NEIN!
Wird er nicht!
Umgehend habe ich das ganze Erdgeschoss ausgeräumt, meine kleinen Tischchen in die Garage geschafft, alle Bücher bei meiner Indianischen Lieblingsnachbarin untergestellt, das Vitrinchen mit Operntäschchen einer anderen Lieblingsnachbarin geschenkt, die Bilder aus den Rahmen genommen, eingerollt und in Bleirohren im Garten vergraben, den Teppich zusammengefaltet, alle Sofakissen einladend mit unverwüstlichem Schaumstoff befüllt, das Teewasser ausgedreht, den Kuchen einer dritten Lieblingsnachbarin zum Verteilen an die Nachbarn geschenkt, den halbrohen Braten den Hunden des Nachbarn zum Fraß vorgeworfen, und die Semmeln Semmeln sein lassen.
Polizistensportsfreunde, allzumal, wenn sie Udo heißen, sind nicht anheimelnd oder behaglichkeitshungrig.
Die Heizung ist bereits erkaltet (zwecks Abkühlung etwaigen Temperaments).
Auf der Gästetoilette liegen griffbereit Spitzenkragenkataloge.
Ich: ungesellig, absolut unsportlich, zum Eichhörnchen mutiert, verstecke mich unterm Dach.
Im Zimmer meines Sohnes.
Wenn es ein Geheimnis auf unserer Erde gibt, dann ist es die Zeit.
Hemmungslos bauen Physiker und Mathematiker sie ein in die Formeln,womit sie dann rechnen und schließlich sogar Ingenieure armselige Blechraketen in den Weltraum schießen lassen, darinnen ein armes Menschlein, verkabelt, geklemmt in Metall, eine gewaltige Explosion unter den Füßen und ein Garnichts über dem Kopf, in der aberwitzigen Hoffnung, auch wirklich ungefähr dort anzulangen, wo es hin soll...
Ich verstehe nicht das Geringste von Zeit.
Ich habe einfach kein Talent dazu.
Manchmal stelle ich mir Zeit als eine Art Sülze vor: Ist man, wie süßsaures Gemüse, darin eingelegt? Schwimmt man in der – Sülzen-Zeit?
Wo überhaupt ist die Zeit? Wo befindet sie sich? In mir, oder bin ich in der Zeit? Bin gar – ich die Zeit?
In der Tat, ich merke schon, ich habe keinerlei Talent zur Zeit.
Ich kann sie einfach nicht, die Zeit, also so etwas wie Tage, Jahrzehnte, Jahrtausende, Devon, wie einen Moment oder Demnächst. Mir gelingt sowas nicht.
Unüberwindlichkeiten versülzen mir umgehend das Denken, sobald ich auch nur versuche, Zeit zu denken. März oder ein Jahr oder übermorgen oder eine halbe Stunde – was soll das denn sein? Man erzähle mir nur nicht, dass Zeit eine Linie sei. (Der Strich mit der Pfeilspitze vorne dran.) Oder ein Strom, der da fließt (worin ich dann fischen soll oder nicht).
Nein, nein, Zeit ist – Sülze!
Beweis: Fast jeder, dem ich von Zeiten als Sülze spreche – jeder von denen versteht mich.
Sie doch auch, na?
Oder gehören Sie tatsächlich zu denjenigen, (soll es geben) die freudig unterschreiben, dass so etwas wie Gestern, Manchmal oder die Ära der Ammoniten – jeweils feste Punkte auf der akkuraten Linie der Zeit sind.
Nie im Leben glauben Sie das!
Denn was sind schon Eben, Danach, Später, die Jugendzeit? Was soll das, mal ganz ehrlich, das denn wohl sein: das Alter?
Zu solchen Dingen wie Lebenslinien und Linien überhaupt habe ich einfach kein Talent. Mir fehlt das Händchen für etwas, das bombenfest von Hier nach Sofort, von Jetzt zu Gleich geht; für derartige Unmehrdeutigkeiten, dafür habe ich keinerlei Begabung.
Stunden, Tage, Tertiäre, vorgestern, Nachdem, Bevor, Momente! Sind dies doch alles Gürkchen und Blumenkohlstückchen und Silberzwiebeln in Sülze!
Ein Maiskölbchen – wie begeistert es mich, das eine Maiskölbchen im Glas Sülze zu fischen!
Ob das nun ein Übermorgen ist oder das Eben noch, wen interessiert's?
Nein, nein, Talent zu Zeit habe ich nicht.
Dass schon wieder eine Woche (Woche?) um ist, merke ich lediglich an der neuen Umsonst-Fernsehzeitschrift in der Tageszeitung: Statt des hübschen Viktorianischen Weihnachtsbaums habe ich dann stets plötzlich die sonnengelbe Küste Dalmatiens vor Augen oder eine Bikinifastnackte mit Osterhasenpompon auf dem Hintern.
