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Ein mutiger Vorstoß: Das erste Buch mit literarischen Geschichten in Einfacher Sprache Gar nicht so leicht, es einfach zu machen. Literatur muss nicht kompliziert, verrätselt oder wortgewaltig sein, um ihre Wirkung zu entfalten. Wie man sich in der Wahl der Mittel beschränken und doch überraschend vielseitig, vielschichtig und abwechslungsreich sein kann, zeigen diese fünfzehn Geschichtenen. Entstanden unter dem Eindruck, dass bestimmte Kreise an die Literatur herangeführt werden müssen, weil sie keinen eigenen Zugang finden, hat Hauke Hückstädt ausgezeichnete Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen, einfach zu schreiben und vorzulesen. Als Summe erfolgreicher Veranstaltungen präsentiert er diese Geschichtensammlung, die sich allen und für alles öffnet. Ein abenteuerliches Leseerlebnis!
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover & Impressum
Die billige Wohnung – Von Kristof Magnusson
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Wo das Abenteuer wohnt – Von Anna Kim
Erstes Kapitel:Eine gewisse Frau Kleinau
Zweites Kapitel:Dienstags im Park
Drittes Kapitel:Die Putzfrau
Viertes Kapitel:Chile
Der Ring im Rententurm – Von Henning Ahrens
Splitter – Von Maruan Paschen
Das Kofferradio von Giuseppe Bruno – Von Olga Grjasnowa
Die Zeit ist ein Einweck-Gummi. Sie ist ohne Anfang und Ende – Von Alissa Walser
Schwere See, einfache Sprache.Meine Reise um das Schwarze Meer – Von Jens Mühling
Falle – Von Judith Hermann
Ich verlasse dich – Von Julia Schoch
Hölder vor dem Puppenschrank – Von Mirko Bonné
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Kohle und Leinwand – Von Nora Bossong
Kuttes Tag – Von Maruan Paschen
Hunger – Von Arno Geiger
Die Nacht ist eine schwarze Schnecke – Von Ulrike Almut Sandig
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Das Hotel am See – Von Kristof Magnusson
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Nachwort des Herausgebers
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Die Autorinnen und Autoren
Alissa Walser
Anna Kim
Arno Geiger
Henning Ahrens
Jens Mühling
Judith Hermann
Julia Schoch
Kristof Magnusson
Maruan Paschen
Mirko Bonné
Nora Bossong
Olga Grjasnowa
Ulrike Almut Sandig
Der Herausgeber
Hauke Hückstädt
Dank
Endlich habe ich eine Wohnung.
Das habe ich mir so lange gewünscht.
Ich habe immer mit anderen Leuten zusammen gewohnt.
Aber das ging irgendwann nicht mehr.
Ich bin schon 25 Jahre alt.
Da will man doch irgendwann mal allein sein.
Außerdem habe ich auf dem Land gewohnt. Da war es sehr langweilig.
Ich habe lange nach einer Wohnung gesucht.
Es war schwer, denn ich habe nicht viel Geld.
Auf dem Land sind die Wohnungen billig, aber ich wollte ja in die Stadt.
Und dort, in der Stadt, sind alle Wohnungen teuer.
Nur diese hier nicht. Diese Wohnung ist billig.
Aber es ist trotzdem eine schöne Wohnung, hell, mit großen Fenstern.
Und sie ist direkt in der Innenstadt.
Ich muss nur zwei Minuten laufen, dann bin ich auf der Zeil.
Ich habe zwei Zimmer.
Ein Wohnzimmer mit einem Sofa und ein Schlafzimmer.
Dazu natürlich eine Küche und ein ganz neues Bad.
Da gibt es sogar eine Heizung für die Handtücher!
Und die Heizung im Wohnzimmer ist auch etwas ganz besonderes.
Eine Fußboden-Heizung!
Unter dem Fußboden fließt heißes Wasser.
Im Winter bekommt man nie kalte Füße.
Hat der Vermieter gesagt.
Echter Luxus!!
Und doch ist diese Wohnung so billig.
So eine billige Wohnung gibt es sonst in ganz Frankfurt nicht.
Dieses Mal habe ich so richtig Glück gehabt. Endlich mal.
Ich mache so gern meine Tür zu. Die Tür zu meiner Wohnung.
In meiner Wohnung kann ich machen, was ich will.
Ich komme nach Hause, wann ich will.
Und ich gehe aus, wann ich will.
Wenn ich draußen auf der Straße bin, dann fasse ich manchmal in meine Tasche und fühle meinen Schlüssel.
Dann freue ich mich sehr. Mein Schlüssel. Zu meiner eigenen Wohnung!
An einem Abend stand ich an meinem Fenster und sah hinaus.
Die Leute auf der Straße waren auf dem Weg nach Hause.
Sie gingen zu ihrer Familie.
Oder zu ihren Freunden.
Dann konnten sie reden. Spaß haben.
Ins Kino gehen.
Doch ich hatte leider niemanden zum Reden. Ich war neu in der Stadt.
Auf der Straße stand eine Gruppe von Menschen. Direkt gegenüber.
Sie sahen mein Haus an.
Offenbar fanden sie das Haus schön.
Die Menschen machten sogar Fotos von meinem Haus.
War mein Haus irgendwie besonders?
Ich müsste mal die Nachbarn fragen.
Aber ich hatte noch nie einen Nachbarn gesehen.
Ich öffnete das Fenster und rauchte eine Zigarette.
Dann machte ich das Fenster schnell wieder zu. Es war kalt.
Die Bäume auf der Straße hatten schon ihre Blätter verloren. Es wurde Winter.
Auch in meiner Wohnung war es langsam etwas kalt.
Bald musste ich die tolle Fußboden-Heizung anmachen.
Aber ich wusste gar nicht, wie das geht.
Eine normale Heizung, die dreht man einfach auf.
Aber eine Fußboden-Heizung, wo macht man die an?
Ich wusste es nicht.
Jetzt wurde es auch schon dunkel.
Dabei war es erst vier Uhr.
Draußen gingen die Straßenlaternen an.
Da hörte ich ein Geräusch. Es klopfte.
An der Tür. An meiner Tür.
Es hatte noch nie an meiner Tür geklopft.
Vielleicht war es ein Nachbar?
Bestimmt war es ein Nachbar.
Wer sollte denn sonst bei mir klopfen?
Ich öffnete die Tür und sah einen Mann. Einen großen Mann in einem langen Mantel.
Er hatte graue Haare und trug eine dicke Brille, sein Gesicht hatte viele Falten.
»Guten Abend. Ich will mich Ihnen kurz vorstellen, mein Name ist Müller.«
Seine Stimme war sehr dünn.
Herr Müller musste sehr alt sein.
Dann gab er mir seine Hand. Ich nahm sie.
Er drückte meine Hand nur sehr leicht.
Das überraschte mich, bei so einem großen Mann. Doch er war ja auch wirklich sehr alt.
»Guten Abend, Herr Müller«, sagte ich.
Und lächelte ihn an.
Ich freute mich, dass ich endlich einen meiner Nachbarn kennenlernte.
»Darf ich einen Moment rein kommen?«, sagte er.
»Aber gern«, sagte ich.
Er zog seinen Mantel aus. Das dauerte sehr lange.
Dann setzten wir uns auf mein Sofa.
»Möchten Sie etwas trinken, Herr Müller? Ich habe Kaffee, Saft und Bier.«
»Nein, danke. Ich wollte Ihnen nur kurz Guten Abend sagen.«
»Das ist nett von Ihnen, ich habe noch niemanden von den Nachbarn kennengelernt.
Wohnen Sie schon lange hier?«, fragte ich.
»Ich wohne gar nicht hier«, sagte Herr Müller.
Ich sah ihn an.
»Ich bin nur auf der Straße vorbei gegangen und habe Sie gesehen. An Ihrem Fenster.«
Ich war verwirrt.
Ich hatte keinen Nachbarn in die Wohnung gelassen, sondern einen Fremden.
Herr Müller lächelte.
Dann sagte er: »Ich wollte nur einmal wieder diese Wohnung sehen.«
»Mal wieder?«, fragte ich.
»Ich war früher oft in dieser Wohnung.
Doch das ist sehr lange her. Das war vor 50 Jahren.
Die Wohnung war lange Zeit nicht vermietet.
Das wird Sie sicher nicht überraschen.«
»Warum?«, fragte ich.
Herr Müller schwieg.
Was wollte dieser Mann?
Ich hatte zwar keine Angst vor ihm.
Er war wirklich sehr alt.
Aber ich wurde ein bisschen nervös.
Sollte ich ihn fragen, was er wollte?
Aber ich wollte nicht unhöflich sein.
Vielleicht wollte er ja auch einfach nur reden.
Alte Leute waren oft einsam. Oder?
»Fühlen Sie sich wohl hier?«, fragte er.
»Aber ja«, antwortete ich.
»Das ist gut. Die Sache ist ja jetzt auch schon lange her. Man muss die Vergangenheit ruhen lassen.«
»Welche Sache meinen Sie denn?«, fragte ich.
Doch er lächelte mich nur an.
Dann rieb er sich die Hände und sagte:
»Es ist etwas kühl bei Ihnen.«
»Ja, ich muss bald die Heizung an machen. Ich habe eine Fußboden-Heizung«, sagte ich stolz.
»Und von dieser Sache wissen Sie wirklich nichts?«, sagte Herr Müller. »Oder war das ein Witz?«
Ich sah ihn an.
»Hat man Ihnen das nicht gesagt?
Dass Sie in der Wohnung von Rosi wohnen?«
»Rosi?«, fragte ich.
»Na, die berühmte Rosi«, sagte Herr Müller.
»Eigentlich hatte sie einen anderen Namen.
Aber wir kannten sie alle unter dem Namen Rosi. Sie kennen sie wirklich nicht? Das ist ja verrückt.
Aber Sie sind ja auch sehr jung.«
Er redete weiter:
»Na gut, dann erzähle ich Ihnen jetzt die Geschichte von Rosi.
Schließlich war sie einmal die berühmteste Frau von ganz Frankfurt.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Herr Müller hatte mich nicht gefragt, ob ich die Geschichte hören wollte.
Er fing einfach an zu erzählen und lächelte dabei. Er lächelte viel.
»Es gab mal eine Zeit, da wusste jeder in Frankfurt, wer Rosi war.
Sie kam aus einer armen Familie.
Eigentlich war das kaum eine Familie.
Ihren Vater hatte Rosi nicht gekannt.
Und als sie klein war, kam ihre Mutter ins Gefängnis.
Sie wuchs bei anderen Leuten auf. Und im Heim. In einem Dorf.
Sie war nur wenige Jahre zur Schule gegangen und konnte kaum schreiben.
Aber sie hatte einen starken Willen.
Sie wollte nicht arm sein. Sie wollte Geld.
Also ging sie weg aus dem Dorf. Aus ihrer Heimat.
Nach Frankfurt. Und bald kannte sie jeder.«
»Das haben Sie jetzt schon zum dritten Mal gesagt«, sagte ich.
»Warum kannte sie denn jeder?«
Herr Müller sprach jetzt noch leiser als zuvor:
»Sie hat ihr Geld mit Sex verdient.
Sicher, das tun in Frankfurt viele.
Aber sie ist damit reich geworden.
Sie hatte gelernt, eine feine Dame zu sein.
Sie lernte Englisch. Und Französisch.
Und wie man sich in feinen Restaurants benimmt.
Bald waren unter ihren Kunden viele reiche Leute.
Und am Schluss verdiente sie fast genau so viel wie die. Sie wurde selbst reich.
Sie hatte eine Putzfrau und bekam jeden Tag von der Bäckerei frische Brötchen vor ihre Tür gelegt.
Aber vor allem: Sie hatte einen nagelneuen Mercedes.
Ein schwarzes Cabrio. Mit roten Sitzen. Und weißen Reifen.
Mit dem fuhr sie durch Frankfurt und suchte Männer. Kunden. Freier.
Sie fuhr langsam neben ihnen her.
Drehte die Musik laut auf. Hupte.
Und die Kunden stiegen zu ihr ins Auto.
Verstehen sie? Es war genau umgekehrt wie am Straßenstrich.
Die Kunden stiegen zu ihrins Auto! In ihr Auto.
Einer ihrer Kunden, der hatte ganz viele Fabriken. Und Stahlwerke.
Er war in Rosi verliebt. Er hat Gedichte für sie geschrieben und ihr Diamanten geschenkt.
Und einen Werkzeugkasten.«
»Einen Werkzeugkasten?«, fragte ich.
»Ja«, sagte er. »Einen Werkzeugkasten.«
Er zuckte mit den Schultern und sprach weiter:
»Rosi hatte auch sehr gerne aus diesem Fenster raus geschaut. Oder sich einfach nur gesonnt.
Außerdem hatte sie einen ganz weißen Pudel.
Jede Woche ging sie extra in die Metzgerei, um Kalbsleber für ihn zu kaufen.
Joe. So hieß der Pudel. Sie hatte ihn sehr geliebt.
Nur manchmal, wenn Kunden kamen, hatte sie ihn ins Schlafzimmer gesperrt.
Auch ich war einer von diesen Kunden.
Ich hatte Rosi auf der Kaiserstraße kennengelernt.
Da stand sie vor ihrem Mercedes Cabrio und hatte die Motorhaube auf.
Ich dachte, sie hat eine Panne mit dem Auto und wollte helfen.
Doch mit dem Auto war alles in Ordnung.
Sie hatte das nur gemacht, um mit mir zu reden.
Dann fuhren wir zu ihr.
Wir hatten miteinander geschlafen und ich gab ihr dafür 500 Mark.
Das war damals viel Geld.
Eigentlich wollte ich ihr nicht so viel geben, aber sie wollte es.
Rosi setzte immer ihren Willen durch …« sagte Herr Müller und sah auf seine Hände.
Ich sah mich um in meiner schönen Wohnung. Das war alles hier passiert.
Warum hatte mir das niemand gesagt?
Es war doch nicht schlimm.
»Ich kam dann jede Woche zu ihr. Fast zwei Jahre lang«, erzählte Herr Müller weiter.
»Wissen Sie, ich bin nicht verheiratet.
Das mit Rosi, das war nicht nur Sex für mich.
Wir redeten und gingen spazieren.
Oder wir saßen einfach hier in ihrer Wohnung und hörten Musik.
Ich war so oft hier.
Das letzte Mal kurz vor ihrem Tod.
Kurz vor dem Mord.«
»Oh«, sagte ich. »Rosi wurde ermordet?«
»Hat Ihnen das wirklich niemand gesagt? Als Sie die Wohnung gemietet haben?«
»Nein. Warum denn auch?«
»Sie ist hier ermordet worden«, sagte Herr Müller.
»Hier im Haus? Oh Gott.«
»Hier in diesem Zimmer«, sagte er.
Ich sprang auf. Hier?
»Sie wissen wirklich nichts darüber, oder?«, sagte Herr Müller.
»Nein«, sagte ich. Und eigentlich wollte ich gar nicht mehr darüber wissen.
Ich wollte, dass Herr Müller ging.
Doch er erzählte einfach weiter:
»Sie bekam immer genau, was sie wollte.
Dadurch hatte sie zwar immer mehr Geld, aber auch immer mehr Feinde.
Manchen Kunden hatte sie erzählt, dass sie von ihnen schwanger wäre.
Bei anderen erfuhren die Ehefrauen, was hier lief.
Sie hatte Angst, das wusste ich. Sie wollte raus. Etwas anderes arbeiten.
Eine Reinigung kaufen. Oder eine Pension. Dafür sparte sie Geld.
Das hatte sie mir erzählt.
Auf einem unserer Spaziergänge.
Da sagte sie, dass sie Angst hatte.
Angst, dass ihr irgendwann jemand den Schädel einschlägt.
Und dann war es passiert. Genau so.
Sie musste den Mörder gekannt haben.
Sie hatte ihn reingelassen.
Und sogar ihren Pudel Joe ins Schlafzimmer gesperrt.
Und dann nahm der Mörder einen Aschenbecher und schlug Rosi den Schädel ein.
Der Aschenbecher ist dabei kaputt gegangen. So doll war der Schlag.«
»Das war ungefähr hier«, sagte Herr Müller und legte die Hand neben sich auf das Sofa.
Mein Sofa! Das war mein Sofa!
Ich hatte es selber gekauft.
Doch jetzt war mir, als würde darauf eine Leiche liegen. Die Leiche von Rosi.
»Und dann lag sie hier«, sagte Herr Müller.
»Der Mörder hatte ihr sogar ein Handtuch unter den Kopf gelegt. Ein rosa Handtuch.
Und im Schlafzimmer bellte der weiße Pudel. Joe.
Und draußen auf der Fußmatte lag am nächsten Morgen eine Tüte mit Brötchen.
Niemand holte sie rein.
Am nächsten Tag lag da eine zweite Tüte.
Und dann eine dritte.
Dann kam die Polizei. Es war eine Sensation.
Rosi war ja schon berühmt als sie noch lebte.
Und als Tote war sie noch berühmter.«
»Wer hat sie denn ermordet?«, fragte ich.
Herr Müller lächelte.
Offenbar hatte er mit dieser Frage gerechnet.
Er antwortete:
»Es gab viele Verdächtige.
Vielleicht war es einer ihrer wichtigen Kunden?
Rosi kannte viele mächtige und reiche Männer.
Sie wusste viele Geheimnisse.
Oder jemand hatte Geld gebraucht?
Sie hatte über 10.000 Mark im Haus.
Und als die Polizei kam, war das Geld weg.
Oder war es die Ehefrau von einem der Kunden?
Die Polizei suchte nach dem Mörder. Das kennen Sie bestimmt aus dem Fernsehen.«
»Ja klar«, sagte ich.
»Die Polizei fragt alle Verdächtigen: Wo waren sie, als der Mord passiert ist. Und dann haben manche ein Alibi. Und manche nicht.«
»Genau«, sagte Herr Müller.
»Doch hier gab es ein Problem: Die Polizei wusste nicht, wann der Mord an Rosi passiert war!«
»Die Polizei wusste nicht, wann der Mord war? Das glaube ich nicht«, sagte ich.
»In den Krimis im Fernsehen weiß die Polizei immer ganz genau, wann ein Mord passiert.
Ich weiß genau, wie das geht. Tote Menschen werden kalt.
Man muss nur messen, wie kalt eine Leiche ist.
Dann weiß man, wie lange der Tote schon tot ist.«
»Ja«, sagte Herr Müller. »Man muss messen, wie kalt die Leiche ist.
Und auch wie warm der Raum ist, in dem die Leiche liegt.
Aber der Mörder hatte eine kluge Sache gemacht. Eine sehr kluge Sache.
Er hatte die Fußbodenheizung voll aufgedreht!
So wurde es in der Wohnung immer wärmer. Und wärmer. Und wärmer.
Dadurch war die Leiche schnell verwest.
Und als die Polizei kam, war in der Wohnung ein schlimmer Geruch.
Da machten sie sofort alle Fenster auf und es wurde kalt.
Und niemand konnte mehr messen, wie warm es in der Wohnung war.
Wie lange die arme Rosi dort gelegen hatte.
Dadurch hatten eigentlich alle ein Alibi«, sagte Herr Müller.
Dann schwieg er.
Hoffentlich hörte er jetzt auf und ging.
Mir war schlecht. Roch es hier irgendwie komisch?
»Auch sonst hatte man kaum Spuren gefunden«, sagte Herr Müller dann.
»Nur ein Ton-Band. Rosi hatte manchmal damit Aufnahmen gemacht.
Sie hatte es aufgenommen, wenn Kunden bei ihr waren.«
»Und auf diesem Tonband, ist da die Stimme von dem Mörder drauf?«
»Nein. Nur Musik. Und am Schluss hörte man die Stimme von Rosi.
Da rief Rosi ihren Hund. Joe. Den weißen Pudel.
Den Mörder hatte die Polizei nie gefunden.«
»Er läuft bis heute frei herum?«
»Ja.«, antwortete Herr Müller.
»Die Polizei hatte zu viele Fehler gemacht.
Vielleicht wollten sie den Mörder ja auch gar nicht finden.
Ihre Kunden waren reich. Und mächtig.
Aber ich will sie nun nicht länger mit dieser alten Geschichte belästigen.
Es ist ja schon alles so lange her.
Der Mörder ist wahrscheinlich längst tot.«
Dann erhob Herr Müller sich mühsam und ging durch die Wohnung.
Er sah sich alles noch einmal ganz genau an.
An der Wand zum Schlafzimmer blieb er stehen.
»Ich sehe diese Wohnung wahrscheinlich zum letzten Mal«, sagte Herr Müller.
»Hier stand ein Tisch und darauf war das Tonband.
Wir hatten oft damit Musik gehört.
Musik aus der Karibik.
Dann fühlten wir uns immer wie im Sommer. Auch wenn es Winter war.
Diese Musik hatten ihr andere Männer geschenkt. Genau wie das Tonband.
Aber mich hatte das nicht gestört«, sagte Herr Müller und zuckte wieder mit den Schultern.
»Aber jetzt muss ich wirklich gehen.
Helfen Sie mir in den Mantel? In meinem Alter ist das etwas schwierig.«
Ich half ihm in den Mantel.
»Das ist nett von Ihnen. Ich hoffe, sie haben eine gute Zeit hier. Auf Wiedersehen«, sagte Herr Müller.
Dann ging er hinaus auf den Gang.
Ich machte die Tür zu. Meine Tür.
Ich blieb zurück.
Ich ging eine Weile im Wohnzimmer hin und her. Zum Sofa.
Und zum Fenster. Und wieder zum Sofa zurück.
Ich wollte mich nicht setzen.
Das alles war hier passiert. In meiner schönen Wohnung.
Ob ich das jemals vergessen kann?
Ob ich jemals wieder auf diesem Sofa sitzen kann? Aus diesem Fenster sehen?
Natürlich kann ich das! Dies ist meine Wohnung.
Sie ist billig. Und doch ist sie schön.
Und das alles ist sehr lange her.
Ich werde da einfach nicht mehr dran denken, dann wird es schon gehen.
Ich hole mir ein Bier und setze mich auf das Sofa.
Es geht!
Ich sitze eine Weile da und trinke.
Dies ist jetzt meine Wohnung. Nicht mehr die Wohnung von Rosi.
Rosi ist die Vergangenheit.
Jetzt bin ich hier. Und ich werde bleiben.
Dann ziehe ich meinen Pullover aus.
Mir ist auf einmal so heiß.
Da merke ich, dass nicht mir heiß ist.
Es ist wirklich heiß.
In meiner ganzen Wohnung.
Ich lege die Hand auf den Fußboden.
Er ist warm.
Der alte Mann hat die Fußbodenheizung angemacht.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wie. Oder wann.
Aber er hat es getan.
Und ich weiß nicht, wie man sie wieder ausmacht.
Es wird immer heißer in meiner Wohnung.
Immer heißer.
Ich reiße das Fenster auf.
Die Heldin dieser Geschichte heißt Frau Kleinau.
Einen Vornamen hat sie auch.
Aber den mag sie nicht.
Deshalb lässt sie ihn weg, wann immer dies möglich ist. Und das ist oft.
Frau Kleinau ist nicht schön.
Sie ist auch nicht hässlich.
Sie ist nicht dick, aber auch nicht dünn.
Fett ist sie schon gar nicht.
Sie ist weder klein, noch ist sie groß.
Frau Klein-au sollte eigentlich Frau Mittel-au heißen, so durchschnittlich ist sie.
Ihre Haare sind nicht lang, und auch nicht kurz.
Sie sind dunkel, aber nicht finster.
Ihre Augen sind grün wie ein Frosch, nicht wie die Wiese.
Ihre Beine sind länglich, und das erst kürzlich: Seit sie Schuhe mit Absätzen trägt.
Ihre Arme sind lang genug, denkt Frau Kleinau. Sie passen in die Bluse.
Ihr Kopf ist etwas zu rund, denkt Frau Kleinau.
Er passt nicht in ihren Hut. Also trägt sie Mützen.
Ungern allerdings, denn Skifahrerinnen tragen Mützen.
Und Skifahren kann Frau Kleinau nicht.
Es gibt vieles, was Frau Kleinau nicht kann.
Sie kann nicht eislaufen.
Dafür kann sie Eis kaufen. Eis schlecken sowieso.
Sie kann nicht auf den Händen stehen.
Dafür ist sie im Handumdrehen bereit zu gehen.
Niemand muss auf sie warten.
Sie kann nicht singen, dafür jodeln.
Frau Kleinau ist ziemlich unmusikalisch.
Trotzdem mag sie Musik.
Musik streichelt ihre Ohren.
Es gibt vieles, was Frau Kleinau mag.
Aber es gibt mehr Dinge, die sie nicht mag.
Zum Beispiel mag sie keine Speisen, die sie nicht kennt.
Deswegen isst sie hauptsächlich Müsli.
Allerdings nur, wenn genug Milch da ist.
Wenn nicht, isst sie Salami.
Salami mag sie nur, wenn keine Geschäfte offen haben, in denen es Milch zu kaufen gibt.
Menschen mag Frau Kleinau auch nicht.
Weder kleine noch große.
Weder dicke noch dünne.
Weder viele noch einzelne.
Ganz besonders Menschen-Anhäufungen sind ihr zuwider.
Frau Kleinau war noch nie Mitglied in einem Klub oder Verein.
Sie war noch nie auf einer Party oder bei einer Demonstration.
Sie meidet Opernhäuser, Kinos, Bars, Diskos, Bahnhöfe und Flughäfen.
Als sie einmal fliegen musste, war ihr den ganzen Flug über schlecht, weil das Flugzeug voll besetzt war.
Als sie einmal mit dem Zug fahren musste, wurschtelte sie sich durch alle Waggons.
Bis sie einen halbwegs leeren Waggon fand.
Busse und Straßenbahnen sind ihr auch nicht geheuer.
Deswegen ist sie stets zu Fuß unterwegs.
Busse sind ihr zu klein und zu eng, Straßenbahnen zu laut.
Außerdem ruckeln sie vor, während und nach jeder Kurve.
U-Bahnen hingegen mag sie, besonders zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags.
Dann sind die Bahnsteige leer.
Leere Bahnsteige mag Frau Kleinau. Sie beruhigen ihr Herz.
Ihr Herz ist leicht beunruhigt. Vor allem Überraschungen beunruhigen es.
Vielleicht ist es nicht so sehr Unruhe, als vielmehr Furcht:
Frau Kleinau fürchtet sich vor Überraschungen.
Deswegen bewegt sie sich nicht gerne.
Denn wenn man sich bewegt, bringt man Dinge in Bewegung.
Und dann gibt es Überraschungen.
Gute, aber, wie Frau Kleinau findet, öfter schlechte.
Am liebsten bleibt sie den ganzen Tag im Bett, wo es schön warm ist und es keine Überraschungen gibt.
Oder in ihrer Wohnung.
Auch hier gibt es keine Überraschungen.
Alles ist an seinem Platz.
Das Chaos ist vor der Haustür.
Weil Frau Kleinau einmal verheiratet war, lebt sie in einer Großstadt.
Davor lebte sie in einer Kleinstadt.
Und davor lebte sie in einem Dorf.
Dort lernte sie Herrn Kleinau kennen.
Herr Kleinau war auch unruhig.
Aber weniger sein Herz, mehr seine Beine.
Es zog ihn immer an fremde Orte, die größer waren als der Ort, an dem er sich gerade befand.
Im Laufe der Jahre wurden die Häuser, in denen er arbeitete, größer.
Die Straßen wurden länger und die Nachbarn zahlreicher.
Dann verschwand Herr Kleinau eines Tages.
Sein Verschwinden war nicht überraschend.
Tatsächlich rechnete Frau Kleinau damit.
Denn er mochte es gar nicht, dass sie so ruhig war.
Niemals war sie mit ihm unterwegs.
Nicht einmal innerhalb der Großstadt.
Nicht einmal innerhalb ihres Wohnviertels.
»Du bist vollkommen unbeweglich«, pflegte er zu sagen.
»Aber nein«, pflegte sie zu antworten.
»Ich bewege mich doch. In unserer Wohnung.«
Nun lebt sie allein in dieser Drei-Zimmer-Wohnung.
Im Wohnzimmer steht ein Sofa, groß genug für drei Personen.
Ende der Leseprobe
