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Literarische Inklusion: Der 2. Erzählungsband in einfacher Sprache Dass Literatur nicht kompliziert oder wortgewaltig sein muss, hat die erste Sammlung von Geschichten in einfacher Sprache gezeigt. Und dass wir alle etwas lernen können, wenn wir uns auf diese besondere Art zu erzählen einlassen. Hauke Hückstädt hat das Experiment fortgesetzt. Immer mit dem unbedingten Wunsch, dass alle Menschen die Möglichkeit haben sollen, einen Zugang zur Literatur zu finden. Die zwölf neuen Geschichten von renommierten Autor:innen u.a. von Elisa Diallo, Sasha Marianna Salzmann und Kristof Magnusson eröffnen mit ihrer sprachlichen Einfachheit ungeahnte Weite und Tiefe. Ein Lesevergnügen für alle!
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.de/literatur
© Piper Verlag GmbH, München 2023
Covergestaltung: Cornelia Niere
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Cover & Impressum
Amerika! – Von Elisa Diallo
Blau, blau, blau … – Von Tonio Schachinger
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Hannah und Til – Von Miku Sophie Kühmel
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Der Feuerwehrmann – Von Wolfgang Schorlau
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Adams Wurstsuppe – Von Saskia Hennig von Lange
Mike und der Fußballgott – Von Christoph Biermann
Ich bringe die Katze zurück – Von Julia Schoch
Ganz nah – Von Sasha Marianna Salzmann
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Warm in meiner Hand – Von Annette Pehnt
Der richtige Ort – Von Kristof Magnusson
König der Bauerngasse – Von Ferda Ataman
Für später – von Paul Bokowski
Nachwort
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Die Autorinnen und Autoren
Annette Pehnt
Christoph Biermann
Elisa Diallo
Ferda Ataman
Julia Schoch
Kristof Magnusson
Miku Sophie Kühmel
Paul Bokowski
Sasha Marianna Salzmann
Saskia Hennig von Lange
Tonio Schachinger
Wolfgang Schorlau
Der Herausgeber
Dank
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Vor einigen Jahren habe ich eine Einladung nach New York bekommen.
Es war für die Arbeit.
Ich lebte damals in Paris, wo ich aufgewachsen bin.
In Amerika war ich vorher noch nie.
New York kannte ich nur von Filmen und vom Fernsehen.
Über die Einladung und die Reise freute ich mich.
Stolz war ich auch, und ich erzählte meinem Vater davon.
Mein Vater sagte:
In New York lebt der Cousin Hassimiou.
Wenn du dahin reist, musst du ihn besuchen.
»Cousins« und »Cousinen« nennt mein Vater alle Menschen, die aus demselben Dorf kommen wie er.
Aus dem Dorf in Guinea, in West-Afrika, wo er geboren ist.
Ich selber war noch nie in diesem Dorf.
Ich antwortete meinem Vater:
Hassimiou kenne ich aber doch überhaupt nicht!
Aber doch, sicher kennst du Hassimiou, sagte mein Vater und schaute streng dabei.
Der Cousin Hassimiou hat uns mal besucht, erzählte er.
Er hat bei uns auf dem Sofa geschlafen.
In unserem Wohnzimmer. Er blieb tagelang.
Erinnerst du dich jetzt?, fragte mein Vater.
Aber das war lange her.
Ich war damals noch ein Kind, ich konnte mich nicht erinnern.
Vielleicht auch deshalb nicht, weil Hassimiou nicht der einzige Cousin war, der uns besucht und bei uns auf der Couch geschlafen hatte.
Papa hat viele Verwandte, und die reisen alle viel.
Von den vielen Besuchen konnte ich mich hauptsächlich an das Durcheinander erinnern, in unserer kleinen Wohnung.
Das Sofa war aufgeklappt, und irgendein Cousin, irgendeine Cousine lächelte mich an, als ich in der Früh ins Wohnzimmer reintapste.
Im Schlafanzug noch. Bevor der Tag anfing.
Meine Mutter schimpfte über das Durcheinander.
Mir gefiel das Durcheinander.
Es fühlte sich ein bisschen so an, als wären auch wir auf der Reise.
Mit den Cousins und Cousinen sprach mein Vater in der Sprache seines Dorfes.
Es war die Sprache seiner Eltern.
Die Sprache, die auch die Cousins und Cousinen alle sprachen.
Ihre Geheimsprache.
Mir hatte mein Vater die Sprache seiner Eltern nicht beigebracht.
Ich konnte nur Französisch.
Mein Vater meinte, dass das genug war.
Ich aber wollte insgeheim seine Sprache lernen.
Denn ich wünschte mir auch eine Geheimsprache.
Stattdessen musste ich mich langweilen, wenn mein Vater in der Sprache sprach, die ich nicht verstand.
Nicht nur wenn die Cousins und Cousinen zu Besuch waren, sprach er in seiner Geheimsprache.
Sondern oft auch am Telefon, mit anderen Verwandten.
Er telefonierte dann immer sehr lange.
Ich langweilte mich und träumte mich weg, bis er fertig war.
Mein Vater ließ nicht locker wegen des Besuchs in New York.
Er drohte mir fast und sagte streng:
Wenn du den Cousin Hassimiou nicht anrufst, werde ich das tun.
Ich mache das schon, antwortete ich.
Ich werde Hassimiou eine E-Mail schreiben.
Wir werden zusammen in New York einen Kaffee trinken.
Aber nur kurz.
Danach werde ich mir in Ruhe New York ansehen.
Ich schrieb dem Cousin Hassimiou eine E-Mail.
Er antwortete sofort.
Er schrieb zurück, dass er sich über meinen Besuch freute und dass er mich in New York vom Flughafen abholen würde.
Ich wäre lieber mit einem Taxi zum Hotel gefahren.
Mit so einem gelben Taxi wie im Fernsehen.
Aber das traute ich mich nicht zu antworten.
Ich schrieb Danke zurück, wir sehen uns also am Flughafen.
Meine Flugnummer und meine Ankunftszeit schrieb ich auch noch dazu.
Dann flog ich.
Ich freute mich sehr auf New York.
Die Fifth Avenue. Times Square. Broadway.
Die Freiheitsstatue.
New York war doch die Stadt, wo alle willkommen sind.
Trotzdem hatte ich ein bisschen Angst im Flugzeug.
Sie werden mich befragen, fürchtete ich.
Mich stundenlang beäugen und befragen.
Ich fühlte mich verdächtig.
So fühlen sich viele Menschen aus Afrika, wenn sie reisen.
Ich selbst komme nicht aus Afrika, aber mein Vater schon.
Und das sieht man mir an.
Vielleicht muss ich am Ende sogar zurück, dachte ich noch im Flugzeug.
Von New York werde ich nur den Flughafen sehen, wenn sie mich zurückschicken.
Die weißen, kühlen Fliesen am Boden des Flughafens.
Eine solche Geschichte hatte ich schon mal gehört.
Vielleicht von meinem Vater.
Vielleicht war einem seiner Verwandten so etwas schon mal passiert.
Der Flug dauerte sechs Stunden.
Sechs Stunden lang hatte ich Angst.
Aber am Flughafen ließen die Sicherheitsleute mich durch. Ganz selbstverständlich.
Sie befragten mich ganz und gar nicht.
Nach der Kontrolle holte ich meinen Koffer ab.
Auch das ging schnell.
Kurz danach stand ich vor einer Glastür.
Hinter der Tür standen viele Menschen.
Die meisten hielten Schilder mit Namen drauf.
Namen der Personen, auf die sie warteten.
Die sie abholen wollten.
Manche hatten aber auch nur ein Lächeln dabei.
Alle warteten auf jemanden.
Einer dieser Menschen wartete auf mich.
Das war der Cousin Hassimiou, und ich sah ihn sofort.
Die Tür öffnete sich, und er sah mich auch.
Er war klein. Seine schwarze Lederjacke war zu groß für seine schmalen Schultern, für seine dünnen Arme.
Er lachte mich an, und ich lachte auch.
Ich war froh, ihn erkannt zu haben.
Wir küssten uns auf die Wangen, einmal rechts, einmal links, dann fuhren wir los.
Im Auto schaute ich aus dem Fenster. Ich war aufgeregt. Ich war in New York!
Aber die Aussicht auf der Schnellstraße war enttäuschend. Die Stadt war nicht so beeindruckend, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Häuser fand ich klein. Es waren kaum Menschen zu sehen. Die Straßen waren schmutzig und außerdem kaputt. Wie verletzt. Voller Löcher. Mit dem Auto holperten wir von Loch zu Loch. Ich fragte Hassimiou, ob das normal sei, aber er lachte nur und sagte: Amerika ist das reichste Land der Welt, aber die Straßen hier sind schlimmer als in Guinea!
Während ich aus dem Fenster schaute, erzählte Hassimiou.
Er erzählte viel, den ganzen Weg lang.
Er erzählte von den Tagen, als er bei uns gewohnt hatte, in Paris.
Ich log und sagte, dass ich mich gut daran erinnern konnte.
Als er bei uns auf dem Sofa schlief.
Dann erzählte er, dass er damals am liebsten geblieben wäre.
Nicht bei uns auf dem Sofa, sondern in Paris, wo sein Onkel, also mein Vater, lebte.
Der Onkel, so nannte Hassimiou meinen Vater stets beim Erzählen.
Er war ein Vorbild für die Jüngeren aus Guinea.
Der Onkel war in die Welt gegangen und hatte studiert.
Er hatte eine gute Arbeit und eine Familie, und das in Paris.
In Europa.
Das wollten alle Cousins und Cousinen auch, die noch in Guinea lebten. Hassimiou hatte auch studiert, er hatte Zeugnisse und Diplome, er hatte große Pläne.
Aber in Paris durfte er nicht bleiben.
Deshalb war er in Amerika gelandet. In New York.
Hier durfte er bleiben. Hier lebte er inzwischen schon seit über zehn Jahren. Er sagte, dass er nicht zurückgehen würde. Nach Guinea.
Er würde nie zurückgehen.
In New York fühlte er sich frei.
Ich fragte nicht nach.
Ich fragte nicht warum.
Ich konnte mir vorstellen, warum.
Nach ihm waren viele Cousins und Cousinen nach New York gekommen, erzählte Hassimiou weiter.
Es war immer die gleiche Geschichte:
Die Cousins und Cousinen in Guinea hatten studiert, sie wollten nach Paris gehen, um dort zu arbeiten.
Dazu brauchten sie die Erlaubnis vom französischen Staat.
Genauer gesagt: ein Visum.
Das Visum mussten sie bei der französischen Botschaft in Guinea beantragen.
In dieser Botschaft arbeiten Franzosen.
Sie kümmern sich um Dinge, die für Franzosen in Guinea wichtig sind.
Und um Dinge, die für Menschen wichtig sind, die aus Guinea nach Frankreich wollen. Zum Beispiel ein Visum.
Das taten sie also alle, ein Cousin nach der anderen Cousine.
Sie machten einen Termin bei der französischen Botschaft.
Sie sammelten alle Papiere, die sie für das Visum brauchten:
ihre Geburtsurkunde, also der Beweis, dass sie geboren wurden.
Der Beweis, dass es sie wirklich gab.
Sie sammelten auch ihre Diplome.
Sie ließen außerdem den Onkel in Paris einen Brief schreiben.
In dem Brief erklärte er, dass er sich um die Cousins und Cousinen kümmern würde, falls sie in Paris keine Arbeit finden würden.
Sie sammelten noch mehr Unterlagen, als nötig war.
Sie sammelten so viele Unterlagen, wie sie nur konnten.
Die Unterlagen waren Beweise.
Damit wollten sie zeigen, wie gut, wie fleißig sie waren und dass sie es verdienten, in Paris zu arbeiten.
Dann warteten sie lange.
Sie warteten und warteten, warteten und warteten.
Sie beklagten sich nicht über das lange Warten, weil sie auch zeigen wollten, wie geduldig sie waren.
Aber zu allen Cousins und Cousinen sagte der französische Staat, also die Mitarbeiter in der französischen Botschaft:
Nein. Ihr bekommt kein Visum, um in Paris zu arbeiten.
Es war dem französischen Staat egal, wie viele Diplome sie hatten.
Es war dem französischen Staat egal, dass sie fleißig waren und dass in Paris ein genauso fleißiger Onkel auf sie wartete.
Und dass sie so lange so geduldig gewartet hatten: Das war auch egal.
Die Cousins und Cousinen wollten aber unbedingt weg aus Guinea und raus in die Welt.
Deshalb versuchten sie bei der amerikanischen Botschaft, ein Visum zu bekommen.
Dort zeigten sie ihre Diplome.
Dort erklärten sie ihre Pläne.
Dort bekamen sie ein Visum.
Mittlerweile lebten viele meiner Cousins und Cousinen in New York.
Ich würde sie alle kennenlernen, sagte Hassimiou.
Die ganze Familie in New York.
So viel Zeit hatte ich nicht.
Ich hatte die Arbeit, und ich wollte New York sehen.
Aber ich sagte nichts.
Wir fuhren weiter.
Es dauerte ungefähr eine Stunde vom Flughafen bis nach Manhattan.
Wir fuhren über eine Brücke.
Hassimiou zeigte mit der Hand nach links und sagte: Dort liegt Manhattan. Ich sah einen Wald von sehr hohen, schlanken Gebäuden, die im Sonnenlicht glänzten.
New York!
New York, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Dann zeigte Hassimiou nach rechts und sagte:
Dort ist die Bronx. Dort wohnen wir alle.
Die Cousins, die Cousinen und ich.
Die Bronx ist ein Teil von New York, so wie Manhattan.
Über die Bronx hatte ich aber Schlechtes gehört. Schlimme Dinge.
Ich fragte meinen Cousin, ob es nicht gefährlich sei, in der Bronx zu wohnen.
Er lachte noch einmal.
Die Bronx ist sehr groß, sagte er dann.
Es gibt schöne Teile und Teile, die nicht schön sind.
Aber das ist in Manhattan auch so.
In der Bronx gibt es eine Universität, sagte er noch.
Dort war er selbst Lehrer. Lehrer für Mathematik.
Die Bronx ist ein schöner Ort zum Leben, erklärte er weiter, aber ich kann meine Studenten nicht gut leiden.
Warum, fragte ich.
Sie sind faul, antwortete er.
Sie haben nicht gelernt, fleißig zu sein.
In Guinea sind die Schüler allesamt viel fleißiger als die Studenten hier, in New York.
Vielleicht, weil die Schüler in Guinea wissen, dass sie viele Diplome und viele Papiere brauchen, um später ein Visum zu bekommen.
Wir fuhren weiter in Richtung Manhattan, zu meinem Hotel.
Ich schaute immer noch aus dem Fenster, während Hassimiou weitererzählte.
Ich fand jetzt alles schön, was ich draußen sah.
Die Straßen. Die bunten Häuser. Die gelben Ampeln. Die großen Autos.
Die vielen Menschen auf der Straße.
Es wurden immer mehr, je weiter wir fuhren.
Alles war mir vertraut, und es fühlte sich ein bisschen so an, als würde ich Fernsehen schauen, durch die Fensterscheiben des Autos.
Wir fahren gerade durch Harlem, sagte er dann. Hier irgendwo gibt es das Little Senegal Viertel.
Also auf Deutsch: »Klein Senegal«.
So viele von uns gibt es schon in New York, dass wir ein eigenes Viertel haben!
Du kommst aber nicht aus Senegal, widersprach ich.
In New York macht das keinen Unterschied, antwortete er. Hier sind wir alle Afrikaner.
Hassimiou kannte in New York jede Straße.
Am besten kannte er sich in Manhattan aus, obwohl er in der Bronx wohnte.
In den ersten Monaten, als er noch frisch in New York war, also gerade angekommen, hatte er als Taxifahrer gearbeitet.
Er erklärte mir:
Viele Afrikaner arbeiten am Anfang als Taxifahrer, wenn sie nach New York kommen.
Man muss sich bloß trauen, dann ist es einfach.
Am Anfang kennt man die Stadt nicht, klar.
Aber dafür hat man die Cousins. Und die Freunde der Cousins. Und deren Freunde.
Wir helfen einander, die Afrikaner in New York.
Beim Taxifahren geht es so, erklärte Hassimiou:
Der Kunde steigt ein und sagt, wo er hinmöchte.
Du kennst die Straße nicht, aber das sagst du nicht.
Du lächelst und fährst sofort los, als wüsstest du ganz genau, wohin.
Dann rufst du einen Cousin mit dem Handy an.
Das Tolle dabei ist: Du kannst mit dem Cousin sprechen, ohne dass der Kunde Dich versteht!
Hier in New York spricht keiner unsere Sprache.
Dem Cousin nennst du die Straße, wo der Kunde hinwill.
Der Cousin schaut auf den Stadtplan, bei sich zu Hause, und erklärt dir dann am Telefon, wie du zu der Straße kommst.
Der Kunde merkt nichts.
Hassimiou lachte, ich lachte auch.
Aber ich beneidete ihn um seine Geheimsprache.
Jetzt brauchte Hassimiou den Trick mit dem Handy nicht mehr, weil er alle Straßen der Stadt kannte.
Und weil er sowieso nicht mehr als Taxifahrer arbeitete.
Genau in dem Moment, als ich das dachte, klingelte Hassimious Handy.
Er ging ran und fing an, laut zu sprechen.
Ich verstand genauso wenig wie die Kunden, die er früher im Taxi herumgefahren hatte.
Hassimiou sprach und sprach in sein Handy.
Es war ein bisschen wie früher mit meinem Vater, als er am Telefon in seiner Sprache sprach und ich nichts verstand.
Und wie früher mit meinem Vater fing ich an, mich wegzuträumen.
Ich schaute aus dem Fenster.
New York war wunderschön.
Ich dachte an die vielen Cousins und Cousinen, die hier lebten.
Vielleicht war es gar nicht so schlimm, dass sie damals von der französischen Botschaft kein Visum bekommen hatten.
Irgendwann parkte Hassimiou.
Wir standen vor meinem Hotel.
Ich stieg aus dem Auto.
Hassimiou holte meinen Koffer aus seinem Kofferraum.
Er gab ihn mir, und wir küssten uns noch einmal, zum Abschied.
Er sagte: »Ich werde dich anrufen und dich wieder abholen, und du wirst dann alle Cousins und Cousinen kennenlernen.«
Ich sagte: »Bis bald, und lief zum Hotel.«
Kurz vor der Tür hörte ich Hassimiou meinen Namen rufen.
Ich drehte mich um.
Er saß wieder im Auto, er lachte aus dem Fenster und rief ganz laut: »Willkommen in Amerika!«
Dann winkte er und fuhr los.
Bei der Farbe Blau denke ich immer an meinen Vater.
Mein Vater hat blaue Augen.
Er trägt blaue Hemden.
In seinem Bad sind blaue Kacheln.
Er fährt ein blaues Auto.
Blau ist seine Lieblingsfarbe.
Für jedes Blau im Leben meines Vaters gibt es einen anderen Namen.
Das Blau seiner Hemden heißt zart-blau.
Weil es zart ist. Viel Weiß und wenig Blau.
Das Blau seines Autos heißt meeres-blau.
Das Blau seiner Augen heißt himmel-blau.
Das Blau der Fliesen in seinem Bad heißt königs-blau.
Obwohl Könige gar nicht blau sind.
Himmel-blau ist etwas dunkler als zart-blau.
Am Morgen ist der Himmel zart-blau.
Dann wird er himmel-blau.
Dann wird er meeres-blau. Mittags, wenn die Sonne scheint.
Wenn man denken kann:
Der Himmel ist ein großes Meer, das über unseren Köpfen hängt.
Am Abend wird der Himmel blau-schwarz.
Oder schwarz-blau.
Darüber kann man streiten.
Der Himmel kann viele verschiedene Blau-Töne haben.
Und auch andere Farben als Blau.
Der Himmel kann pink und hell-rosa sein.
Er kann rot sein oder grau.
Wenn der Himmel grau ist, dann sind auch die Augen meines Vaters grau.
Sie ändern ihre Farbe.
Wenn mein Vater ein blau-grünes T-Shirt trägt, sehen auch seine Augen blau-grün aus.
Wenn er eine eis-blaue Krawatte trägt, sehen seine Augen eis-blau aus.
Dabei sind sie in Wahrheit himmel-blau.
Wie der Himmel.
Der sich immer verändert.
Mein Vater macht gerne Sport.
Er fährt gerne Ski, und er spielt gerne Fußball und Basketball und Tennis.
Mein Vater steht gerne früh auf.
Er fährt gerne mit der ersten Gondel auf den Berg.
Er ist gerne der Erste auf der Piste.
Fährt gerne als Erster durch den Tiefschnee.
Wo noch keine Spuren von anderen Skifahrern sind.
Seit ein paar Monaten kann mein Vater keinen Sport machen.
Er liegt in einem Bett, und ich sitze daneben in einem Sessel.
Mein Vater ist krank, deshalb liegt er in einem Bett.
In einem Krankenhaus.
Statt Sport zu machen, sehen wir uns Sport im Fernsehen an.
Wir sehen Ski-Rennen und Fußball-Spiele und Tennis-Spiele.
Dabei sehen wir viele verschiedene Farben.
Wir sehen das Weiß des Schnees.
Wir sehen das Neon-Blau, mit dem der Weg zu den Toren markiert wird.
Wir sehen das Rot-Braun des Tennisplatzes.
Das Gelb-Grün der Tennisbälle.
Wir sehen das Rot der Fußball-Trikots und das Rot der Ski-Anzüge.
Und wir mögen Rot, denn wir sind Österreicher.
Mein Vater lebt in Belgien.
Er spricht Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Flämisch.
Er findet es nicht wichtig, dass er Österreicher ist.
Deshalb ist es auch nicht wichtig.
Aber mein Vater ist trotzdem Österreicher.
Und weil er Österreicher ist, bin ich es auch.
Es ist nicht wichtig, Österreicher zu sein.
Außer beim Sport.
Denn da halten wir zu den Österreichern.
Da sagen wir »Wir«, wenn wir über sie reden.
Und fühlen etwas.
Wenn wir die roten Fußball-Trikots und die roten Ski-Anzüge sehen.
In der Natur gibt es nur wenig Rot.
Blut ist rot.
Fliegenpilze sind rot.
Mohnblumen sind rot.
Rot ist eine Warnung.
»Vorsicht!«, sagt das Rot.
Vorsicht, du bist verletzt!
Vorsicht, dieser Pilz ist giftig!
Vorsicht, diese Mohnblume ist sehr zerbrechlich!
Vielleicht ist auch das Rot von Österreich eine Warnung.
Vorsicht, diese Fußball-Mannschaft wird dich enttäuschen!
Denn die Fußball-Mannschaft von Österreich trägt rote Trikots.
