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Jerusha und Kiéran haben es geschafft, ihre Liebe zu bewahren – doch noch ist ihr Leben und das aller Bewohner Ouendas in Gefahr, noch immer droht ein Krieg zwischen den Eliscan und Menschen. Um sich selbst davon zu überzeugen, ob die Menschen wirklich einen Krieg vorbereiten, begibt sich Qedyr, der König der Elis Aénor, unerkannt nach Ouenda. Jerusha und Kiéran begleiten ihn. Doch als sie zur Rettung eines Fürsten eilen, steht das Schicksal einer ganzen Welt auf der Kippe... denn zur gleichen Zeit greift Jerushas alter Feind Aláes im Reich der Eliscan nach der Macht...
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Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Siri Lindberg
Lilienwinter
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Was bisher geschah
Ein Stück Unsterblichkeit
Unerwarteter Besuch
Abschied
Qedyr
Der Schrecken der Gasthäuser
Tänze
Glühende Augen
Der Atem des Drachen
Die Residenz
Schwarze Schwingen
Ins Verderben
Im Herzen des Vulkans
Über den Abgrund
Anderwesen
Im Namen des Clans
In die Tiefe
Kiro und Cerdus
Gefühle
Bei Anbruch der Nacht
Am Abgrund
Ein Ort der Liebe
Dank
Impressum neobooks
Die junge Bildhauerin Jerusha KiTenaro arbeitet auf einer Tempelbaustelle. Daheim erwarten sie neben ihrer Familie auch ihre Nachtlilien, geheimnisvolle Blumen, die sie hegt und die ihr viel bedeuten, ohne dass sie sagen könnte, wieso. Jerusha ist mit dem Spiegelmacher Dario verlobt und die Hochzeit steht unmittelbar bevor. Doch dann brechen Jerushas Großmutter und ihre Mutter ihr Schweigen und offenbaren ihr, dass alle Frauen des Familienclans dazu verdammt sind, jeden Mann zu verraten, den sie lieben. Früher waren die KiTenaros reich und angesehen in Ouenda, doch durch den Fluch – von dem nur sehr wenige Menschen wissen – sind sie inzwischen unbedeutend und verarmt.
Es war Jerushas Großmutter, die den Fluch über den Clan gebracht hat. In ihrem Gasthaus Faunenmühle stritt sie mit einem eigenartigen, schwierigen Gast, und der ließ sie tausendfach dafür büßen. Durch den Fluch verriet Jerushas Großmutter unabsichtlich ihren Sohn, der sich Rebellen angeschlossen hatte – er wurde hingerichtet. Jerushas Mutter erging es ebenso schlimm, sie hätte gegen ihren Willen beinahe ihren Gefährten, Jerushas Vater, umgebracht. Er überlebte nur knapp und verließ sie im Zorn. Auch den anderen Frauen der Verwandtschaft blieb das Unheil nicht erspart. Jerusha selbst und ihrer jüngeren Schwester Liri, die Jerusha sehr lieb hat, steht der Verrat noch bevor ...
Kiéran SaJintar, ein junger Offizier der Elitetruppe Terak Denar, ist bei einem Gefecht gegen die Kriegsherren des Nachbarlandes Thoram schwer verletzt worden. In einem Tempel der Schwarzen Spiegel wird er von den Priestern gesund gepflegt, doch er muss sich damit abfinden, dass er blind bleiben wird. Täglich wartet er auf Nachricht von Fürst Eli Naír AoWesta, dessen Favorit er bisher war – doch die Nachricht kommt nicht. Hat AoWesta ihn als nutzlos fallenlassen? Kiéran ist verlobt mit einer jungen Dame aus einem einflussreichen Clan, die ihm schon viele glühende Liebesbriefe geschrieben hat, doch nach seiner Verwundung will sie nichts mehr von ihm wissen. Es ist unendlich demütigend für Kiéran, dass die Priester ihm ihren Abschiedsbrief vorlesen müssen. Eigentlich ist Kiéran ein Mensch mit einem großen Herzen, doch nun ist er wütend auf die ganze Welt ...
Gegen den Widerstand ihres Verlobten macht sich Jerusha heimlich auf den Weg, um den Fremden zu finden, der ihre Großmutter damals verflucht hatte. Begleitet wird sie von einem ungewöhnlichen Verbündeten – Grísho, einem Schattenspringer, der mit ihr Freundschaft geschlossen hat. Diese unkörperlichen Wesen können sich tagsüber von einem Schatten zum nächsten bewegen und nachts eine schemenhafte Gestalt annehmen.
Jerushas erster Weg führt zum inzwischen verfallenen Gasthaus ihres Clans, der Faunenmühle, in dessen Nähe der Fremde ein Symbol in einem Felsen hinterlassen hatte. Unverhofft trifft Jerusha in der Nähe ihre Tante Rikiwa, genannt Rikki – sie wurde nicht vom Fluch getroffen, da sie keine Männer liebt, sondern Frauen. Seit vielen Jahresläufen lebt sie allein im Wald und ist mit den Wesen, die dort leben, vertraut. Da sie sich noch an den seltsamen Fremden erinnert, der den Fluch ausgesprochen hat, und ihn aus nächster Nähe gesehen hat, weiß Jerusha nun wenigstens, wie er aussieht. Zudem kann Rikiwa den Waldnymphen einen Hinweis entlocken – im Fürstentum Benaris soll es eine Frau namens Jikena Pir geben, die sich mit Flüchen und deren Hintergründen auskennt.
Jerusha macht sich auf den Weg nach Norden. Besorgt spürt sie während ihrer Reise, dass die Distanz zu ihrem Verlobten Dario größer wird, seine Briefe an sie sind steif und unromantisch.
Kiéran hat große Probleme mit dem Gedanken, ein „Krüppel“ zu sein; durch seinen Stolz fällt es ihm schwer, sich helfen zu lassen. Doch die Priester – die ihm wohlgesonnen sind – machen ihm Hoffnung, er könne mit Hilfe der Schwarzen Spiegel, denen der Tempel geweiht ist, geheilt werden. Die Prozedur gelingt, doch Kiéran ist furchtbar enttäuscht vom Ergebnis. Mit seinen „neuen Augen“ sieht er nicht wie vorher, sondern erkennt nur Umrisse in der Dunkelheit. Dafür sieht er jedoch eine farbige Aura um Menschen herum, die ihm manches über die jeweilige Person verrät. Nur solange er das Tempelamulett trägt, behält er diese eigenartige Sehkraft. Er verlässt den Tempel gemeinsam mit seinem schwarzen Hengst Reyn, um herauszufinden, warum seine Truppe ihn im Stich gelassen hat.
Jerusha lernt Kiéran kennen, als sie auf dem Weg zu Jikena Pir ein paar Tage lang in einem Gasthaus als Magd arbeitet, um Geld für die Weiterreise zu verdienen. Er teilt das Essen mit ihr, als sie vor Hunger einer Ohnmacht nahe ist, und nimmt sie vor dem Wirt in Schutz. Es knistert zwischen ihnen, doch schon am nächsten Tag müssen beide weiterreisen. Schon jetzt fällt es Kiéran schwer, Jerusha und ihren Nachtlilien-Duft zu vergessen.
Durch Zufall treffen sie sich auf der Handelsstraße wieder, und es macht Kiéran Sorgen, dass Jerusha vorhat, allein durch den gefährlichen Wald von Sharedor zu reisen. Obwohl es für ihn ein Umweg ist, bietet er ihr an, sie ein Stück zu begleiten, denn die Gegend ist berüchtigt wegen der abtrünnigen Magier, die Reisenden ihre Lebenskraft rauben.
Zögernd nimmt Jerusha Kiérans Angebot an. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, versuchte aber mit aller Kraft, sich nicht in ihn zu verlieben – schließlich ist sie verlobt! Doch während sie zusammen reisen, jagen und streiten, werden ihre Gefühle für einander immer stärker. Mit Verspätung gesteht ihr Kiéran seine Blindheit, doch Jerusha reagiert gelassen. Es gefällt ihr sogar, dass er sie nie nach ihrem Aussehen beurteilen wird.
Bei einer gefährlichen Begegnung mit einem der abtrünnigen Magier beeindruckt Kiéran sie wieder, sie ist immer stärker fasziniert von ihm. Doch gleichzeitig stößt sie ihn zurück, sie hat zu viel Angst vor dem Verrat, der ihr vorherbestimmt ist. Und Kiéran, der sein eigenes Schicksal hat und in dem noch immer eine tiefe Wut brodelt, geht fort, um den letzten Rest seines Stolzes zu retten.
Kiéran macht sich auf den Weg zurück zu Fürst Eli Naír AoWesta und dessen Burg, der Quellenveste. Insgeheim hofft er, dass der Fürst ihn zumindest als Ausbilder bei der Truppe lässt. Er schafft es zu beweisen, dass er trotz seiner eigenartigen Blindheit noch immer imstande ist, die Escadron Blau zu führen. Wie sich herausstellt, war er wegen böser Gerüchte, die jemand über ihn in Umlauf gesetzt hat, nicht aus dem Tempel zurückgeholt worden. Mit Hilfe seines besten Freundes, des gutmütigen, etwas naiven jungen Elitekämpfers Santiago, macht er sich daran, herauszufinden, wer diese Intrige gegen ihn gesponnen hat. Stutzig macht Kiéran, dass sich anscheinend ein Anderwesen in der Quellenveste eingenistet hat – die wahre Natur des schönen, charmanten Nonar kann nur er selbst mit seinen „neuen Augen“ erkennen. Was will der Kerl bei den AoWestas?
Kiéran denkt oft an Jerusha und sehnt sich nach ihr, doch ein Brief an sie kommt ungeöffnet zurück (was jedoch nur daran liegt, dass sie sich außerhalb der Grenzen Ouendas aufhält). Nach einer unschönen Begegnung mit seiner ehemaligen Verlobten gibt er der Versuchung nach, eine Nacht mit einer fremden Kurierreiterin zu verbringen.
Schließlich kann Kiéran die Intrige aufklären. Es ist ein schwerer Schlag, als Fürst AoWesta sich trotzdem dagegen entscheidet, ihn in seinen Diensten zu behalten. Kiéran wird ehrenhaft aus den Terak Denar entlassen, zum Abschied schenkt ihm seine Escadron ein Schwert aus blauem Stahl. Außerdem darf er Reyn, der eigentlich der Truppe gehört, behalten – es kommt ohnehin niemand anders mit dem bissigen, temperamentvollen Hengst klar.
Fürst Ceruscan aus dem Fürstentum Yantosi, als dessen Abgesandter Kiérans Vater in den verschiedensten Reichen und Fürstentümern gedient hat, schätzt Kiéran als brillanten Kämpfer, er bietet ihm eine Position in seiner Leibwache an. Doch Kiéran lehnt ab – in seinem achtzehnten Sommer hat er auf Ceruscans Burg Ger Iena gelebt und musste dabei mit ansehen, wie der Fürst eine junge Frau erwürgte, die ihm ein uneheliches Kind „unterschieben“ wollte. Und noch schlimmer, er tat es anschließend als Lappalie ab. Diese Bilder haben sich tief in Kiéran eingebrannt.
Irritiert merkt Kiéran, dass sich auch in Fürst Ceruscans Gefolge ein Anderwesen eingeschlichten hat, die schöne Tinorey. Ceruscan will von Kiérans Warnungen nichts hören, er ist abhängig geworden von Tinoreys Heilkräften.
Währenddessen muss sich Jerusha in der magischen Welt der Cinaya bewähren, denn zu ihnen haben sie die Ratschläge von Jikena Pir und das Symbol auf dem Felsen geführt. Die Cinaya sind Traumweberinnen, mächtige, nichtmenschliche Wesen. Sie leben nach strengen eigenen Gesetzen und haben Macht über das Schicksal, zum Beispiel indem sie Flüche wahr werden lassen. Die Cinaya dulden Jerusha in ihrer Mitte, weigern sich aber, ihr eine nützliche Auskunft zu geben. Nur mit Hilfe des Schattenspringers Grísho, der die Frauen belauscht, findet Jerusha heraus, in wessen Auftrag die Cinaya das Schicksal von Jerushas Familie „gewebt“ haben: Aláes. Jetzt hat Jerusha einen Namen als Anhaltspunkt, obwohl sie noch nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt. Ihr ist nur klar, dass dieser Aláes wahrscheinlich kein Mensch ist.
Jerusha machte sich auf den Weg, Aláes zu suchen, ein Weg, der sie zu den verfeindeten Zwillingsstädten Cym und Cyr im Fürstentum Yantosi führt. Doch auf dem Weg dorthin wird ihr die Geldbörse gestohlen, was sie erst bemerkt, als sie schon in einem Gasthaus gegessen hat und nicht bezahlen kann. Sie wird von den Stadtwachen abgeführt, doch ein zufällig vorbeireisender Gerhan – einer der mächtigen obersten Richter des Fürstentums – hilft ihr. Leor KaoRenda zeigt sich sehr charmant gegenüber Jerusha, und als sie erzählt, dass sie Bildhauerin ist, gibt er bei ihr ein Bildnis seiner selbst in Auftrag. Sie denkt daran, wie weit dieses Geld sie auf ihrer Reise bringen wird, und sagt zu. Erst in seiner Residenz merkt sie, dass sie ihm in die Falle gegangen ist – KaoRenda vergewaltigt sie, als er ihr eigentlich Modell sitzen soll. Völlig aufgelöst flieht Jerusha. Eine Chance, KaoRenda anzuklagen, hat sie nicht, dazu ist der Gerhan zu mächtig.
Bevor Kiéran die Quellenveste verlässt – er weiß selbst noch nicht genau, wohin er will und was er machen wird – , warnt er die Fürsten und seine einstigen Waffengefährten noch einmal vor den Anderwesen bei Hofe. Das entgeht Nonar und Tinorey nicht, und kurz darauf wird Kiéran von Skraelings – Vogelmensch-Wesen aus dem geheimnisvollen Nachbarreich Khorat – angegriffen. Doch Kiéran ist keine leichte Beute. Er besiegt die Skraelings und gewinnt dadurch wieder Vertrauen in seine Kraft. Außerdem lernt er seine neuen Augen schätzen, denn mit seiner alten, menschlichen Sehfähigkeit hätte er dieses Gefecht in der mondlosen Nacht niemals überlebt.
Kurz nach diesem Gefecht erreicht ihn eine Nachricht von Jerusha, aus der er heraushört, dass es ihr sehr schlecht geht. Kiéran wird klar, wie viel Jerusha ihm bedeutet, und bricht sofort auf, um bei ihr zu sein. Nach einem halsbrecherischen Ritt trifft er in Cyr ein. Doch er befürchtet, dass er Jerusha Angriffen, die eigentlich ihm gelten, aussetzen wird. Zum Glück dringen Skraelings selten in Städte ein – in Cyr sind sie vorerst in Sicherheit.
In Cyr sind Jerusha und Kiéran endlich wieder vereint, und sie können sich nicht mehr dagegen wehren, wie nah sie einander sind. Jerusha kann nicht darüber sprechen, was passiert ist, doch instinktiv lässt Kiéran ihr Zeit, mit unendlicher Geduld tröstet er sie und stärkt ihr den Rücken. Sie sind glücklich in Cyr. Kiéran lässt sich sogar von ihr helfen; bei ihren letzten Begegnungen hat er das noch stolz und stur abgelehnt. Und er vertraut ihr an, woher seine eigenartige Sehfähigkeit stammt und dass er sie nur hat, solange er das Amulett trägt.
Doch Jerusha leidet Gewissensqualen bei dem Gedanken, dass sie noch immer mit einem anderen verlobt ist; davon weiß Kiéran bisher nichts – Jerusha hat es ihm nicht erzählt, weil sie Angst hat, ihn wieder zu verlieren. Auch der Gedanke, dass sie womöglich nicht nur Dario, sondern auch Kiéran verraten könnte, quält sie. Sie muss unbedingt erreichen, dass der Fluch gelöst wird, bevor es zu spät ist! Sie warnt Kiéran, dass sie ihm Unglück bringen könnte, doch im Gegensatz zu ihr nimmt er die ganze Sache nicht recht ernst, die Bedrohung durch einen Fluch ist für einen Kämpfer wie ihn zu abstrakt.
Kurz benutzt Jerusha in Cyr Darios magischen Handspiegel, durch den er sie ohne ihr Wissen beobachten kann. Dario in der Ferne weiß jetzt, dass es Kiéran gibt, er ist rasend eifersüchtig und plant seine Rache.
Jerusha trifft auf ihrer Reise immer wieder auf Wesen, die den Clan der KiTenaros noch aus vergangenen Zeiten kennen, mit ihm in Streit lagen, mit ihm verbündet waren, noch eine Schuld mit ihm zu begleichen haben. Mit Geschick und Mut nutzt oder übersteht sie diese Begegnungen. Die Wichtigste davon ist die mit einem Drachen. Sie sieht ihn zuerst nur am Horizont und sehnt sich unerklärlicherweise danach, ihm zu begegnen. Und das gelingt schließlich – doch es wird eine Begegnung, bei der sie beinahe getötet wird. Gerade noch rechtzeitig erfährt der Drache den Namen ihres Familienclans und verschont sie und Kiéran.
Es stellt sich heraus, dass der Drache Koriónas heißt, Schattenschwinge. Vor langer Zeit war er ein enger Freund und Gefährte von Jerushas Vorfahr Dheran KiTenaro, der sich besondere Verdienste beim Schutz von Koriónas Gelege erworben hatte. Doch er starb früh, getötet von einem fremden Lindwurm, und nach diesem Verlust drehte Koriónas durch, wurde ein Abtrünniger unter seinesgleichen. Es berührt ihn tief, eine Nachfahrin seines einstigen Freundes zu treffen, er wird ein wertvoller Verbündeter und schützt sie bei weiteren Angriffen der Skraelings. Nur gegen Darios Verschlagenheit kann er nichts ausrichten. Als Dario das Gerücht verbreitet, Jerusha und Kiéran seien gefährliche Schwarzmagier, wird ihnen das Haus über dem Kopf angezündet, sie müssen aus Cyr fliehen.
Für Jerusha wird die Begegnung mit dem Drachen zum Wendepunkt. Denn Koriónas weiß, wer Aláes ist – er ist ein Elis aus Khorat. Die Eliscan sind schöne, unsterbliche Wesen, die seit Jahrtausenden mit den Menschen in Fehde leben und schon mehrere große Kriege mit ihnen ausgefochten haben. Es gibt verschiedene Eliscan-Völker, und wie Koriónas erzählt, ist Aláes eine hohe Persönlichkeit bei den Elis Aénor, dem Volk des Mondes.
Der Drache ist bereit, sie zu ihm zu bringen, denn der Fluch kann nur von seinem Urheber selbst zurückgenommen werden. Jerusha weiß, dass die Reise nach Khorat gefährlich wird, selbst mit einem Begleiter wie Kiéran. Sie wagt es dennoch. Leider muss Grísho, der Schattenspringer, zurückbleiben, denn Koriónas kann es nicht ausstehen, wenn er seinem Schatten auch nur nahe kommt.
In Khorat begegnen Jerusha und Kiéran als erstes dem arroganten, eitlen jungen Elis Silmar und seinem etwas netteren Freund Colmarél. Silmar, der sich als Aláes Neffe herausstellt, ist vom Tod fasziniert und fordert Kiéran unter einem Vorwand zum Kampf auf, um ihn zu töten und den Moment des Todes mitzuerleben. Kiéran merkt schnell, dass der Elis ihm weit überlegen ist, und kämpft trotz seiner Verletzungen wie niemals zuvor. Silmar ist fassungslos, als das Gefecht unentschieden ausgeht. Dennoch ist er nicht bereit, ihnen wie vereinbart eine Audienz bei seinem Onkel zu verschaffen. Es scheint keinen Weg zu geben, Aláes zu treffen.
Jerusha wird freundlicher aufgenommen, als „Drachenschwester“ genießt sie Respekt, zudem stellt sich heraus, dass ihre Nachtlilien Blumen der Eliscan sind und starke Erinnerungen bewahren. Als die Eliscan-Königin Célafiora spürt, dass ein Schatten über der „Hüterin der Nachtlilien“ liegt, verspricht sie ihr Hilfe und führt sie durch ein Ritual, um die Last von Jerushas Erinnerungen zu lindern. Es hilft tatsächlich, und das verändert auch ihre Beziehung zu Kiéran – zum ersten Mal verbringen sie eine Nacht miteinander. Nur trifft Kiéran hier bei den Eliscan auch die Kurierreiterin wieder, die sich ihm in der Quellenveste hingegeben hat. Sie vagabundiert in Ouenda und Khorat gleichermaßen herum, obwohl sie ein Mensch ist, und heißt angeblich Charis. Kiéran befürchtet, dass sie Anprüche auf ihn erheben und seiner Liebe zu Jerusha schaden will, und liegt damit nicht ganz falsch.
Mehr Sorgen macht es ihm, dass er in Khorat immer mehr Anzeichen entdeckt, die auf Kriegsvorbereitungen hindeuten. Und tatsächlich, die Elis Aénor planen, das Nachbarreich Ouenda in Besitz zu nehmen. Angeblich, weil dort Stimmung gegen die Eliscan gemacht wird und die Menschen planen, ihre Nachbarn in Khorat anzugreifen. Doch der wahre Grund ist ein anderer: Aláes hasst die Menschen, seit in einem der Eliscankriege sein Vater getötet wurde, und will Vergeltung. Noch einen zweiten Grund hat er für den Feldzug: Irgendwo in Ouenda ruht – am Ort einer Schlacht zwischen Menschen und Eliscan, die vor langer Zeit stattfand – der magische Rubin Aélwelhor im Boden. Er ist dort im Laufe der Jahrtausende gewachsen, an einem Ort, an dem einmal das Blut eines Eliscan-Herrschers vergossen wurde. Laut einer Prophezeihung soll und darf nur derjenige über die Elis Aénor herrschen, der diesen Rubin in seinem Besitz hat. Aláes reist immer wieder unerkannt in die Menschenreiche, um den Rubin zu suchen, jedoch bisher erfolglos. Ouenda einzunehmen war seine Idee, und er treibt diese Pläne unablässig voran.
Das alles weiß Jerusha noch nicht. Als sie Aláes zufällig begegnet, braucht sie all ihren Mut und ihre Entschlossenheit, um ihn zu konfrontieren. An seinen Fluch erinnert er sich kaum, doch er hat nicht die Absicht, ihn zurückzunehmen. Jerusha lässt nicht locker, und schließlich dämmert Aláes, dass diese Frau ihm von Nutzen sein könnte. Er schlägt ihr etwas vor: Wenn sie den Rubin finden und zu ihm bringen könne, dann werde er den Fluch von ihrem Clan nehmen. Dann sei es auch nicht mehr nötig, Ouenda einzunehmen, sie könne gleichzeitig einen Krieg abwenden. Jerusha stimmt zu – sie ahnt nicht, dass Aláes keineswegs die Absicht hat, seine Angriffspläne aufzugeben.
Kiéran unterstützt sie bei den Eliscan, er bleibt neben ihr wie ein Leibwächter und lässt sich nicht einschüchtern. Erstaunlicherweise findet er sich in dieser neuen, fremden Welt gut zurecht, respektvoll nennen die Eliscan ihn Lin´tháresh, „Tiefseher“. Doch dann bekommt Aláes Wind davon, dass Kiéran derjenige ist, der Fürst AoWesta vor Aláes Spionen bei Hofe gewarnt und dadurch die Eroberungspläne behindert hat. Die Rachsucht des Elis ist geweckt.
Aláes arrangiert, dass Jerusha Kiéran tatsächlich verraten muss, so wie sie es die ganze Zeit befürchtet hat. Der Elis droht ihr unter vier Augen, Kiéran zu töten, wenn sie nicht verrät, woher dessen magische Sehfähigkeit stammt. Jerusha ringt lange mit sich, doch dann willigt sie aus Angst um Kiéran ein und erzählt von seinem Aufenthalt im Tempel der Schwarzen Spiegel, von dem Amulett. Doch mit dieser Information hat sie Aláes eine gefährliche Waffe gegen Kiéran in die Hand gegeben. Und Kiéran weiß es nicht, denn Aláes zwingt Jerusha, über die Erpressung zu schweigen – wenn sie darüber spricht, wird er sie beide töten.
Ohne zu ahnen, welche Gefahren ihm drohen, reist Kiéran mit Jerusha, Aláes Neffen Silmar und Charis los, um nach dem Rubin zu forschen. Der Drache Koriónas hilft seinen Freunden bei ihrer gefahrvollen Mission, den Rubin heimlich an sich zu bringen, indem er ihnen einen verschlüsselten Hinweis darauf gibt, wo sie suchen müssen – was er nach den Gesetzen der Drachen eigentlich nicht hätte tun dürfen.
Sie finden das Juwel in den Ruinen der Festung Qirwen Cerak, tappen jedoch in eine Falle. Über den magischen Handspiegel hat Dario erfahren, was Jerusha für die Eliscan tun soll, und hat die Priester des Schwarzen Spiegels alarmiert. Sie können nicht dulden, dass ein magisches Objekt von solcher Kraft Ouenda verlässt und wollen den Rubin selbst in ihre Obhut nehmen. Es kommt zu einem heftigen Gefecht, bei dem einige von Kiérans Freunden aus seiner ehemaligen Escadron Blau zu Hilfe kommen.
Es ist sehr schwer für Kiéran, gegen die Priester zu kämpfen, von denen viele geholfen haben, ihn damals gesund zu pflegen. Doch dann wird ausgerechnet der junge Elitekrieger Santiago, Kiérans Schützling und bester Freund, von einem der Priester getötet. In seiner Trauer verliert Kiéran die Beherrschung und richtet ein Blutbad an – es ist ein bitterer Tag für beide Seiten. Und selbst der einst so arrogant wirkende, vom Tod faszinierte Silmar ist erschüttert von dem Leid, das er miterlebt hat.
Den Gefährten gelingt es, den Rubin aus Ouenda hinauszuschaffen, und Jerusha gibt ihn Aláes. Damit ist der Fluch gelöst. Doch sie kann sich nicht darüber freuen, zu schwer wiegt die Schuld. Für sie selbst ist es zu spät, die Prophezeihung hat sich an ihr und Kiéran schon erfüllt. Denn jetzt wird klar, dass Aláes nur mit ihr gespielt hat – er hat zwar versprochen, keinen Tropfen von Kiérans Blut zu vergießen, doch er reißt ihm das Amulett vom Hals und zerstört es, nimmt ihm mit grausamer Beiläufigkeit die magische Sehkraft. Jetzt ist Kiéran wahrhaftig blind. Und Aláes berichtet ihm auch genüsslich, woher er die Bedeutung des Amuletts kennt.
Kiéran kann kaum fassen, dass Jerusha ihn verraten hat. Und das, nachdem er bei dem Versuch, ihr zu helfen, schon Santiágo verloren hat. Er fühlt sich wie betäubt, und zudem ist er nun als völlig Blinder wieder so hilflos wie ganz zu Anfang. Voller Wut und Trauer verlässt er Jerusha und sagt ihr, dass er sie nie wiedersehen will. Tarxas, einer seiner Freunde und Kampfgefährten, hilft ihm gemeinsam mit Charis, nach Ouenda zurückzukehren; Tarxas bringt ihn auf dem ehemaligen Hof seiner Eltern unter. Doch Kiéran will nicht, dass Charis längere Zeit mit ihm dort bleibt und sich Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft macht, er bittet sie, seinen Hengst Reyn aus Cyr zurückzuholen, und ist froh, als sie den Hof verlässt.
Jerusha ist ebenfalls völlig am Ende, sie weiß, dass sie den Mann, den sie liebt, verloren hat. Sie musste einen hohen Preis dafür zahlen, dass sie ihm das Leben gerettet hat. Ist seine Liebe nun in Hass umgeschlagen? Verzweifelt macht sie sich auf den Rückweg zu ihrem Clan. Ihr ist inzwischen klar, dass ihre Gefühle für Dario nie sehr stark waren; leider sind sie offiziell noch immer verlobt, dieser Verpflichtung muss sie sich stellen. Doch über den Schattenspringer Grísho, der ihren Verlobten belauscht, findet sie heraus, was Dario getan hat, und löst die Verlobung endgültig. Sie sehnt sich furchtbar nach Kiéran und entscheidet sich, einmal mehr alles zu riskieren. Inkognito schmuggelt sie sich in einen Tempel der Schwarzen Spiegel ein und verschafft sich mit einer List ein neues Amulett.
Zum Glück weiß der Drache Koriónas, der noch immer über sie wacht, wo Kiéran sich aufhält – und Jerusha macht sich auf den Weg zu ihm. Um ihm das Amulett zu geben und ihm zu sagen, wie leid ihr alles tut. Ihr wird klar, dass sie viel zu lange damit gezögert hat, ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Über ihre einstigen Heiratspläne mit Dario. Die bislang ungesühnte Vergewaltigung. Und ihre Gefühle für ihn, Kiéran.
Erst will Kiéran nicht mit ihr sprechen, doch dann beginnt er, ihr zuzuhören, sie reden lange. Nun ahnt Kiéran, was bei den Eliscan geschehen ist, dass Aláes Jerusha erpresst hat. Und er merkt, wie heftig er sie vermisst hat.
Dass er wieder sehen kann, ist diesmal ihr Geschenk, nicht das der Priester.
Nach diesem Tag gibt es wieder Hoffnung für ihre Liebe ... aber kann es eine gemeinsame Zukunft für Jerusha und Kiéran geben? Die Gefahr eines Krieges ist nicht gebannt. Und ihr Feind Aláes plant schon seine Rache.
Als Jerusha ihrer Großmutter erzählte, dass der Fluch von ihrem Clan genommen worden war, sagte ihre Großmutter nicht viel. Sie nickte nur und atmete aus, lang und ein wenig zittrig. „Wie hieß er?“, fragte sie. „Dieser Fremde, mit dem ich mich damals im Gasthaus gestritten habe? Der den Fluch über uns gebracht hat?“
„Aláes“, sagte Jerusha leise. Es war nicht leicht, diesen Namen auszusprechen, alles krampfte sich in ihr zusammen vor Furcht und Hass, wenn sie es tat.
Ihre Großmutter nickte wieder. Sie hob den Kopf und blickte Jerusha an mit Augen, in die ganz langsam ein Lebensfunke zurückkehrte. Ihre faltige, trockene Hand schloss sich um Jerushas Finger, drückte sie sanft.
„Ich danke dir“, sagte ihre Großmutter, dann stand sie auf und ging nach draußen, in den Garten des Hofes, in dem Jerusha mit ihrer Mutter und Schwester lebte. Verwirrt blickte Jerusha ihr nach, und kurz darauf hörte sie das Gackern der Hühner, das Prasseln von Körnern auf der Erde. Wieso war sie einfach gegangen, wieso fing sie an, so spät am Abend die Hühner zu füttern? Wollte sie nicht hören, wer dieser Aláes war und was Jerusha im Reich der Eliscan erlebt hatte?
Ihre Schwester Liriele begann wieder, sie mit Fragen zu bestürmen. Jerusha erzählte und erzählte, es wurde immer später und irgendwann verabschiedete sich ihre Großmutter, um in ihre eigene, ein paar Häuser entfernte Kate zurückzukehren.
Am nächsten Tag hörte Jerusha von draußen ein eigenartiges Geräusch, war es eine Melodie? Vorsichtig lugte sie in den Gemüsegarten ihres Hofs, über dem die Herbstsonne schien. Ihre Großmutter jätete Unkraut und mit brüchiger Stimme sang sie dabei ein Volkslied vor sich hin. Jerusha staunte; noch nie hatte sie ihre Mutter oder Großmutter singen hören. Sie lauschte einen Moment lächelnd und zog sich dann lautlos zurück.
Zwei Wochen später, als sie selbst ihr Glück wiedergefunden und mit Kiéran ins Dorf zurückgekehrt war, besuchte Jerusha ihre Großmutter in deren Kate.
Sie fand sie auf einer Holzbank in der Sonne sitzend vor, ein Lächeln auf dem Gesicht. Jerushas Gruß erwiderte sie nicht, und um ihre Gestalt war eine eigenartige Stille. Sofort wusste Jerusha, was geschehen war. Sie setzte sich neben ihre Großmutter, nahm ihre Hand, die sich trotz des Sonnenscheins kühl anfühlte, und sprach mit gesenktem Kopf das Geleit des Par Teriada für Kala KiTenaro. Vielleicht hatte sie schon sehr lange darauf gewartet, gehen zu können. So lange, bis sie wusste, dass das Unheil ihre Lieben von nun an verschonen würde.
In dieser ehemaligen Kate ihrer Großmutter lag Jerusha nun in ihrem neuen Bett, das ihnen ein Nachbar aus Kulmenholz gezimmert hatte. Sie atmete den würzigen Duft frischen Holzes ein, lauschte in sich hinein und fühlte, dass ihre Trauerzeit vorbei war. Stattdessen erfüllte sie ein tiefes Glücksgefühl, während sie Kiérans Atemzügen neben sich lauschte. Manchmal konnte sie kaum glauben, dass er hier bei ihr war, dass ihre Liebe die Zerreißprobe überstanden hatte. Jeder Moment mit ihm war kostbar. Weil sowieso bald die Sonne aufgehen würde, kuschelte sie sich an seinen Rücken und legte den Arm um ihn. Wie immer war er auf der Stelle hellwach. Er drehte sich zu ihr um, küsste sie und zog sie an sich.
„Gut geschlafen?“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
Kiéran seufzte und schüttelte den Kopf. „Hab wieder die halbe Nacht wachgelegen und darüber nachgedacht, wie wir die Verteidigung organisieren könnten.“
Jerusha nickte, und die Leichtigkeit verließ ihr Herz wieder. Damit ihre Großmutter in Frieden gehen konnte, hatte Jerusha ihr verschwiegen, dass ihnen allen etwas viel Schlimmeres drohte als ein Fluch. Wenn die Eliscan, die unsterblichen Wesen aus dem Nachbarland Khorat, an ihren Plänen festhielten, Ouenda zu erobern, dann lag die Welt, die Jerusha kannte, bald in Trümmern.
„Vielleicht überlegen die Eliscan es sich nochmal anders – schließlich hat Aláes doch bekommen, was er wollte“, meinte Jerusha schwach.
„Würdest du darauf dein Leben verwetten? Und das deiner Schwester?“ Kiéran glitt aus dem Bett, streckte seinen langen, sehnigen Körper, strich sich mit gespreizten Fingern durch seine schulterlangen dunkelbraunen Haare und ging zur Waschschüssel. Er fand sich dank seines magischen Amuletts so gut zurecht, dass Fremde selten merkten, dass er eigentlich blind war.
„Rattendreck, nein, ich verwette gar nichts“, sagte Jerusha, sie richtete sich auf und setzte die Füße auf den abgenutzten Webteppich, der den Boden bedeckte. „Sag mir einfach, wie ich helfen kann, ja?“
Sie wusste, dass Kiéran jede Minute des Tages, die er nicht mit ihr zusammen war, dazu nutzte, die wehrfähigen Männer und Frauen des Dorfs zu drillen und mit ihnen Verteidigungspläne durchzusprechen. Außerdem saß er bis spät in der Nacht am Tisch im Wohnraum, um all die Nachrichten zu beantworten, die ihn auf seine Warnungen hin erreichten – von Stadtkommandanten, Priestern, Fürstenhöfen. Da es ihm trotz des Amuletts schwer fiel, Schrift zu erkennen, halfen sie ihm abwechselnd dabei. Sogar Liri, die jetzt dreizehn Sommer alt war und deutlich lieber den Bogen spannte als Zeilen auf Pergament kritzelte. Jerushas Schwester und ihre Mutter hatten Kiéran längst ins Herz geschlossen, und nicht nur, weil er kommentarlos das anstrengende Holzhacken und Wasserholen übernommen hatte.
Während Kiéran seine Sachen überstreifte – schwarzes Hemd, sandfarbene Hose, weiche Lederstiefel – blickte er zu ihr herüber, und einen Moment lang wurden seine Züge weich. „Pass auf die Nachtlilien auf, so wie bisher. Ich glaube, das ist fast wichtiger als alles andere. Du weißt, was den Eliscan die Dinger bedeuten.“
„Die Dinger!“ Jerusha schnaubte, und Kiéran schickte ihr ein schnelles Grinsen. Er zog sie mal wieder auf, in Wirklichkeit achtete er die Nachtlilien ebenso wie sie. Ein Dutzend von ihnen wuchs ausgerechnet hinter dem Hof der KiTenaros, nicht weit von der Kate entfernt. Jerusha hatte ihren Duft immer mit einer schönen, aber auch traurigen Erinnerung verglichen – und seit kurzem wusste sie, dass es tatsächlich so war. Nachtlilien wurden gepflanzt, um an besondere Ereignisse zu erinnern. Doch es waren keine Menschen, denen diese Erinnerungen gehörten.
Kiéran trat auf sie zu, strich ihr über die Wange und beugte sich herab, um sie zu küssen. „Du musst jetzt bestimmt zur Tempelbaustelle, oder? Wie weit bist du mit dem Tonmodell deiner neuen Statue?“
Es rührte Jerusha, dass er trotz der Gefahr wichtig nahm, was sie tat. „Es ist gestern fertig worden, ich hatte noch keine Zeit, dir davon zu erzählen“, berichtete sie, während sie sich ebenfalls wusch und anzog.
„Darf ich vorbeikommen und schauen?“, fragte Kiéran, schnallte sich sein Schwert um und befestigte den Umhang über seinen Schultern.
Zum ersten Mal würde er sie bei der Arbeit besuchen! Eine heiße Welle der Freude stieg in Jerusha hoch, und zugleich fühlte sie sich ertappt. Wie würde er auf das Modell reagieren? Sie hatte sich entschieden, den Krieger-Gott Xatos nicht wie üblich muskelbepackt und kühn, hoch aufgerichtet in prächtiger Rüstung zu zeigen – sondern schlank, fast hager, in einfacher Kleidung. Mit leicht gesenktem Kopf, beide Hände in höchster Konzentration um den Schwertgriff geschlossen. So, wie sie Kiéran damals in Cyr gesehen hatte, in dem Moment, bevor er in die Bewegung glitt und seine Klinge ein Muster aus Licht und Schatten wob. Diese Statue würde sein Abbild sein, und sie hatte keine Ahnung, ob ihm das überhaupt Recht war ... schließlich verehrte er Xatos. Was war, wenn er sie bat, das Modell zu ändern? Denn das kam für sie nicht in Frage, all ihre Liebe zu ihm steckte darin.
Ich hätte ihn einfach fragen sollen, schalt sich Jerusha. Los, sag es ihm jetzt! Aber dann tat sie es doch nicht – sie war zu gespannt auf seine Reaktion. Vielleicht freute er sich ja.
In ihrem Einspänner fuhren sie nach Mandeth, die Kapuzen ihrer Umhänge hochgeschlagen. Tief hängende Wolken, aus denen Nieselregen sickerte, verbargen die grünen Hügel der Umgebung fast, und die Schafe auf ihren Weiden grasten eng zusammengedrängt, um sich vor Nebelwölfen zu schützen.
„Halt an, wir sind da“, sagte Jerusha schließlich. Kiéran brachte den Wagen zum Stehen, sprang vom Kutschbock und klopfte seinem Ersatzpferd Louc den Hals. Dann blickte er sich um. „Wie sieht der Tempel aus?“, fragte er, und Jerusha beschrieb es ihm. Der Ghaliltempel wirkte von außen fast fertig, und sein Kupferdach glänzte selbst in diesem trüben Licht prachtvoll. Nur im Eingangsbereich war er noch von Gerüsten umgeben, weil am Fries noch gearbeitet wurde. Doch vollendet war der Tempel längst nicht, besonders im Inneren sah es chaotisch aus. „Wir müssen uns ranhalten, damit er wirklich Mittherbst nächsten Jahres geweiht werden kann“, sagte Jerusha und entschied, Kiéran besser nicht ins Tempelinnere mitzunehmen. Einer der Freskenmaler mochte sie nicht besonders, weil sie ihm einmal gesagt hatte, dass er seine Pfoten bei sich behalten sollte – seither nutzte er jede Gelegenheit, ganz zufällig einen Topf Farbe fallenzulassen, wenn sie unter seinem Gerüst war.
Stattdessen ging Jerusha voran zu der aus Brettern gezimmerten Werkstatt, in denen die rund vierzig Steinmetze und Bildhauer in der kalten Jahreszeit arbeiteten. Schon von weitem hörten sie den Klang der Hämmer und hin und wieder ein Kommando oder einen Fluch. Konnte Kiéran verstehen, wie vertraut dies alles für sie war, wie viel es ihr bedeutete, hier zu sein? Er hatte mal gemeint, dass er nicht verstehe, wie man den ganzen Tag auf Steinen herumklopfen könne. Nun gut, das hatte er erst gesagt, nachdem sie ihm vorgeworfen hatte, seine Berufung sei, Leute in Stücke zu hacken. Was auch nicht ganz fair gewesen war.
Sie überquerten den Vorplatz, auf dem noch das Unkraut wucherte, Jerusha stemmte die Tür zur Werkstatt auf und sog den vertrauten Geruch nach Steinstaub und Metall ein, der hier immer in der Luft lag. Zum Glück war Goram TeRulius, der Erste Baumeister, gerade nicht in Sicht – er hasste es, wenn Besucher in seinem Revier herumstiefelten.
Jerusha grüßte ein paar andere Bildhauer, die neugierig zu ihnen hinüberspähten, und ging zu ihrem Arbeitsbereich. Steinsplitter knirschten unter ihren Füßen. Mit klopfendem Herzen zog sie das Leinentuch von dem Block, der mehrere Köpfe größer war als sie selbst. „Hellgrauer Marmor aus den Steinbrüchen von Kesting“, sagte Jerusha und klopfte stolz auf den Stein. „Da drin ist die Statue schon verborgen, jetzt muss ich nur noch alles abtragen, was nicht zu ihr gehört.“
Neugierig ließ Kiéran die Finger über den Stein gleiten. „Was für eine unglaublich mühsame Arbeit. Die Geduld hätte ich nicht. Aber es ist etwas, was du tun musst, oder?“
Bei der Gnade der Götter, er verstand! Das war viel mehr, als Jerusha zu hoffen gewagt hatte.
Jetzt kam der schwierige Teil. Besser, sie brachte es hinter sich.
„Hier“, sagte Jerusha und räusperte sich. „Hier ist das Tonmodell der Statue.“
Sie nahm seine Hand und führte sie zu dem Modell, das auf einem Podest stand und etwa halb so groß war wie ein Mensch.
***
Was war mit Jerusha los? Ihre Aura, sonst sonnengelb und dunkelblau, war eben hell aufgeflammt und gleich darauf fast verloschen – war sie nervös, und wenn ja, warum? Weil sie so viel Wert auf seine Meinung legte?
Hart und kühl fühlte sich der Ton unter seinen Händen an. Kiéran tastete die Figur ab, dann noch einmal. Eigenartig bekannt fühlte sie sich an, und ihm wurde klar, dass sie einen Mann darstellte, der gerade die Anfangspose des Venthis Lijxár einnahm. Jeder Schwerttanz begann auf andere Art, so dass kundige Beobachter selbst ohne Ankündigung wussten, was folgen würde.
Seine Finger glitten über den Körper der Figur, über das Gesicht. Ein Schauer überlief Kiéran; es war, als habe er sich selbst berührt, was für ein seltsames Gefühl. Jetzt wusste er also, warum seine Gefährtin so unruhig war. Er ließ die Hände sinken. „Das ... Jerusha ... ich ...“
„Gefällt es dir?“ Ihre Stimme klang ein wenig zittrig.
Plötzlich musste Kiéran lachen. „Du meinst, bin ich so eitel, mich in manchen Momenten wie ein Gott zu fühlen? Willst du das wirklich – mich als Xatos zeigen?“
Sie verschränkte die Arme. „Ja, will ich.“
„Ein paar Leute kennen mich schon in der Gegend ... wenn die mich als Marmorgestalt vor dem Tempel erkennen, werden sie sich das Maul zerreißen.“
„Das riskiere ich.“
„Dann danke ich dir“, sagte Kiéran und wurde wieder ernst. Marmor war ein Stein für die Ewigkeit. Was sie ihm schenkte, war ein kleines Stück Unsterblichkeit. Hoffentlich reagierte Xatos nicht eifersüchtig – wenn ihn in nächster Zeit ein Blitzschlag niederstreckte, war der Fall klar!
Kiéran wusste, dass ein paar andere Menschen in der Nähe arbeiteten, er sah sie als Umrisse in der Dunkelheit, die von einer leuchtenden Aura umgeben waren. Doch jetzt war ihm gleichgültig, wer zusah. Er nahm Jerusha in die Arme, küsste sie und hielt sie fest, genoss jede Sekunde, in der er sie so lebendig spürte, das Schlagen ihres Herzens, das sanfte Auf und Ab ihres Atems, ihre Wärme. Tief sog er den Duft des Nachtlilienöls ein, das sie jeden Abend in ihre Haare knetete. Nicht einmal die Götter konnten wissen, wie viel Zeit sie noch miteinander hatten und ob diese Statue jemals fertig werden würde. Wenn es Krieg gab, dann war nichts mehr sicher.
Am liebsten wäre er hiergeblieben, hätte sich auf irgendeinen Steinblock gesetzt und beobachtet, wie sie mit Fäustelhammer und Eisen die Arbeit am Marmor begann, aber das ging nicht. Er hatte gleich eine Besprechung mit dem Stadtkommandanten von Mandeth, der ihm erst ums Verrecken nicht hatte glauben wollen, dass es Geschöpfe wie die Skraelings – gefährliche Vogel-Mensch-Wesen aus Khorat – überhaupt gab.
Erst am Abend trafen sie sich wieder. Kiéran zügelte seinen Braunen vor der Baustelle, bis der leichte Einspänner zum Stehen gekommen war, und mit langsamen, erschöpften Bewegungen kletterte Jerusha zu ihm auf den Kutschbock. Jetzt roch sie deutlich mehr nach Steinstaub als nach Lilien. „Ich bin´s nicht mehr gewöhnt“, stöhnte sie. „Meine Arme sind aus Blei, wahrscheinlich kann ich nicht mal mehr ein Blatt Papier heben.“
Kiéran zwickte sie in den Oberarm, der sich ganz anders anfühlte als der seiner ehemaligen Verlobten Marielle, einer Dame der feinen Gesellschaft. „Hm“, meinte er. „Doch eher Gummi.“
Jerusha versuchte, ihn vom Kutschbock zu schubsen, schaffte es aber nicht. Grinsend schnalzte Kiéran mit der Zunge und ließ Louc antraben.
„Und, wie war´s bei dir?“, fragte sie ihn. „Irgendwas erreicht?“
„Irgendeins meiner Argumente hat ihn überzeugt. Er lässt zweihundert Barrikaden aus angespitzten Holzpfählen und einige tausend Eisenpfeile fertigen. Außerdem durfte ich seinen Leuten ein paar Tricks zeigen.“
Das Dumme war, Kiéran hatte keine Ahnung, ob das alles gegen einen Skraeling-Angriff wirklich zu irgendetwas gut sein würde. Er selbst hatte es zwei Mal nur ganz knapp überlebt, als sie ihn aufs Korn genommen hatten. Auch die Eliscan waren furchterregende Gegner, schnell, gewandt und ohne Gnade. Gegen sie half nur eins – ihnen gar nicht erst zu begegnen.
Es war nicht weit bis Loreshom. Mittlerweile kannte Kiéran den Weg zu Jerushas Heimatdorf und fand ihn ohne Probleme, obwohl er nur dünne bläuliche Umrisse in der ewigen Dunkelheit erkennen konnte. War die Sonne schon untergegangen? Er wusste es nicht, ihr Licht sah er nicht mehr.
Jerusha war so müde, dass sie sich schwer an seine Schulter lehnte. Ein paar Minuten später war sie eingeschlafen. Als sie in Loreshom angekommen waren, rüttelte Kiéran sie sanft. „Du willst nicht im Wagen übernachten, oder?“
„Danke, nein. Zu kühl.“ Sie gähnte und schleppte sich nach drinnen.
Kiéran wollte den Einspänner hinter der Hütte abstellen und Louc in den Stall bringen, doch irgendetwas ließ ihn zögern. Sein Nacken prickelte, so wie oft, wenn Gefahr drohte. Irgendetwas stimmte hier nicht! Rasch schlug er die Kapuze zurück und wandte sich um, sondierte das Gelände mit seinen neuen Augen, die kein Licht mehr brauchten. Auf den ersten Blick fiel ihm nichts Bedrohliches auf, doch das hieß nicht, dass alles in Ordnung war.
Kiéran zog sein Schwert, das ihm seine Escadron zum Abschied geschenkt hatte, und umrundete die Hütte. Seit er blind geworden war, schaffte er es nicht mehr, sich lautlos zu bewegen – und auch jetzt trat er auf einen Zweig, der mit einem Knacken brach. Verdammt! Es war nur ein kleiner Trost, dass ihn das hohe Gras so oder so verraten hätte, mit einem Wispern strich es gegen seine Beine. Wenn hier irgendwo Angreifer lauerten, hatten sie ihn längst gehört.
Als er am kleinen Fenster der Hütte vorbeikam, klopfte er an die Glasscheibe und bedeutete Jerusha, drinnen zu bleiben. Er beachtete ihre aufgeregten Was ist los?-Zeichen ebenso wenig wie das Prickeln des Nieselregens auf seinem Gesicht, vorsichtig bewegte er sich weiter. Hin und wieder blieb er stehen und lauschte – seit er fast nichts mehr sah, verließ er sich immer mehr auf seine Ohren. Diesmal meldeten sie ihm ein leises Geräusch aus dem Obstgarten. Vielleicht war es nur ein Huhn, das den Boden aufscharrte, aber irgendwie glaubte er nicht daran.
Momente später sah Kiéran ihn auch schon, den Fremden, der an irgendetwas lehnte, wahrscheinlich einem der alten Apfelbäume. Jeder andere hätte ihn sicher für einen gewöhnlichen Menschen gehalten, doch für Kiérans neue Augen strahlte die Gestalt so hell, dass er sich am liebsten abgewandt hätte. Das war ein Elis, einer der Anderweltler aus Khorat!
Der Schreck fuhr Kiéran durch den ganzen Körper. Hatte die Invasion begonnen, war dieser Kerl ein Krieger oder Kundschafter? Nein, der fremde Elis schien ganz entspannt – er trug zwar ein Schwert, hatte es aber nicht gezogen. Trotzdem war Kiéran auf der Hut. War das einer von Aláes Leuten? Vielleicht hatte der Bastard irgendwie herausgefunden, dass Jerusha ihm ein neues Amulett verschafft hatte als Ersatz für das zerstörte Exemplar ...
„Gi sa wyín, ardesh k´ion“, sagte der Elis; Kiéran wusste noch, was das hieß: ´Gesegnet sei dein Tag, und voller Licht´.
„Ich habe keine Ahnung, was man darauf eigentlich antwortet“, entfuhr es Kiéran.
„Einfach das gleiche“, meinte der Elis. Er sprach jetzt Ouén, sehr gut sogar, wenn auch zögernd, als habe er es erst vor kurzem gelernt. „Zumindest, wenn man höflich sein will.“
„Na gut. Gi sa wyín und so weiter.“ Kiéran fehlte gerade die Geduld für solche Feinheiten. „Wer seid Ihr und weswegen seid Ihr hier?“
„Erkennst du mich nicht mehr, Lin´tháresh?“, sagte der Fremde, er klang ein wenig enttäuscht. Lin´tháresh – Tiefseher. So hatte man ihn in Khorat genannt, weil er weniger und doch mehr sah als ein gewöhnlicher Mensch.
Inzwischen dämmerte es Kiéran, wer da vor ihm stand. Das war einer der jungen Burschen, die am Königshof der Elis Aénor in Moranshir lebten und dort tun und lassen konnten, was ihnen beliebte. Zum Glück einer der netteren. „Colmarél?“
Die Gestalt des Besuchers strahlte noch heller, der Kerl freute sich. „Ja, Lin´tháresh, ich bin es. Wo ist deine Gefährtin, die Drachenschwester?“
„Genau hier“, hörte Kiéran eine vertraute Stimme hinter sich. Jerusha lehnte in der Tür der Kate, natürlich hatte sie es nicht lassen können, nachzusehen, was los war.
Anscheinend erfreut wiederholte Colmarél seine Begrüßung und verbeugte sich mit vollendeter Eleganz vor ihr. „Lady Jerusha, es ist schön, Euch so wohl zu sehen.“
„Warum kommt ihr beiden nicht rein? Es regnet.“ Jerusha hielt die Tür auf. Xatos´ Rache! Manchmal war sie wirklich zu nett für diese Welt. Noch wussten sie nicht, was dieser Elis vorhatte, und sie bat ihn einfach so ins Haus.
Kiéran seufzte, steckte sein Schwert in die Lederscheide zurück und folgte Colmarél in die Hütte.
***
Jerusha wusste selbst nicht genau, was sie fühlte. Einerseits war es ein Alptraum gewesen, was sie in Moranshir erlebt hatten, andererseits waren viele der Eliscan freundlich zu ihnen gewesen, allen voran Königin Célafiora. Und Colmarél war ihnen gegenüber nie so arrogant aufgetreten wie sein Freund Silmar, deshalb freute sie sich nach dem ersten Schrecken fast, ihn zu sehen.
Colmarél war etwa so groß wie Kiéran und musste sich so wie er beim Hereinkommen bücken, damit er sich nicht den Kopf am Türrahmen stieß. Dann stand er mitten in der niedrigen Wohnstube der Kate und sah sich um; auf seinem schönen Gesicht, das von langen roten Locken umrahmt wurde, stand staunende Neugier. Vielleicht war er noch nie in einem Menschenhaus gewesen. Wahrscheinlich fand er es furchtbar unharmonisch und ärmlich.
Dann blickte er an sich herab, und seine Miene trübte sich, denn sein schickes taubengraues Lederwams, unter dem er ein weißes Seidenhemd trug, hatte arg unter der Feuchtigkeit gelitten. Und sein Lederhut sah aus wie etwas, das Kinder aus dem Dorfweiher gefischt hatten.
„Könnt ihr nicht bestimmen, dass es aufhört?“, fragte Colmarél sie mit leichter Verzweiflung und deutete aus dem Fenster.
Jerusha musste lachen. „Der Regen? Nein, sowas können wir hier nicht. Und es hätte noch schlimmer kommen können, manchmal schüttet es richtig.“
Der Gesichtsausdruck des jungen Elis zeigte deutlich, was er davon hielt.
Sie blickte zu Kiéran hinüber, um sich mit ihm gemeinsam darüber zu amüsieren, doch Kiéran stand mit gekreuzten Armen nahe der Tür, sein Gesicht war ausdruckslos. Er traute ihrem Besucher nicht über den Weg, so viel war klar. „Hat dich jemand gesehen?“, fragte er jetzt. „Wo ist dein Pferd?“
„Wartet im Wald auf mich – gut verborgen, so wie ich bei meinem Weg hierher“, antwortete Colmarél mit einem Anflug von Stolz.
Das war gut. Sonst hätte er ganz sicher Aufsehen erregt im kleinen, beschaulichen Loreshom, und sofort hätten die Lästermäuler begonnen zu spekulieren, wer er war.
„Was bringt dich her?“, fragte Jerusha, die es nicht länger schaffte, ihre Neugier im Zaum zu halten. „Wer schickt dich?“
„König Qedyr“, erklärte Colmarél und ließ sich sehr vorsichtig auf einem der Holzstühle, die um den Esstisch herumstanden, nieder. So als sei er nicht sicher, ob das Ding womöglich unter ihm zusammenbrechen würde.
Nicht Aláes. Allen Göttern sei Dank, nicht Aláes. Jerusha konnte sehen, wie sich Kiéran entspannte. Qedyr und Königin Célafiora waren gute Herrscher, sie hatten Jerusha beeindruckt durch ihre Würde und Großherzigkeit.
„Aber warum, was will der König von uns?“, hakte sie vorsichtig nach.
„Qedyr bittet euch beide um einen Gefallen.“ Plötzlich war Colmaréls Ton förmlich, und er wechselte in die Alte Handelssprache. Jerusha ahnte, dass er jetzt eine offizielle Botschaft vortrug. Sie war nur nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. Wieso glaubte einer der mächtigsten Herrscher des Reiches Khorat, dass sie irgendetwas für ihn tun konnten? Ungeduldig wartete sie darauf, dass der junge Elis weitersprach.
„Der König lässt fragen, ob ihr ihn durch Ouenda geleiten könnt. Er will sich unerkannt reisend selbst ein Bild davon machen, ob ihr Menschen wirklich einen Krieg gegen die Eliscan plant, so wie es viele in Khorat glauben.“
Jerusha blieb die Luft weg. Mit vielem hatte sie gerechnet, aber nicht mit so etwas. Kiéran starrte Colmarél an, er wirkte genauso verblüfft wie Jerusha. Doch er nahm sich Zeit mit der Antwort, wog jedes Wort ab. „Er nimmt also ernst, was ich versucht habe, ihm zu sagen. Dass nicht wir es sind, die den Krieg beginnen wollen.“
„Ja. Es ist eine wahre Möglichkeit, dass Aláes und seine Verbündeten nur vorgespiegelt haben, dass uns von euch Gefahr droht. Aber sicher können wir nicht sein, denn es gibt wahrlich einige Berichte über Zwischenfälle.“
Es war gut möglich, dass einige dieser Berichte stimmten. Anderwesen hatten in Ouenda keinen guten Ruf, und die meisten Menschen sprachen mit Furcht und Abneigung von ihnen. Und das ohne wirklichen Grund, ging es Jerusha durch den Kopf, denn getroffen haben die meisten von ihnen noch nie einen Elis!
„Wenn Qedyr mit eigenen Augen sieht, dass hier alles ruhig ist ... wird er uns dann Frieden garantierten? Uns zusichern, dass die Eliscan nicht versuchen, unser Reich einzunehmen?“ Kiéran ließ den Elis noch immer nicht aus den Augen.
„Ihr hättet die Gelegenheit, uns die friedlichen Absichten eures Volkes zu beweisen“, wich Colmarél aus. „Und wenn es doch zu einem Krieg käme, würden wir diesen Ort hier verschonen und einen weiteren Ort, der eurem Herzen nah ist.“
Loreshom würde verschont! Liri und ihre Mutter würden überleben! Jerusha spürte, wie Tränen der Erleichterung in ihre Augen traten, und wischte sie hastig weg, bevor Colmarél sie bemerkte. Noch war nichts vereinbart, nichts entschieden.
„Warum will Qedyr selbst kommen?“, platzte sie heraus. „Ist das nicht viel zu gefährlich? Er könnte doch einen Abgesandten schicken, dem er vertraut.“
Verlegen zwirbelte Colmarél eine seiner Locken zwischen den Fingern. „Es ist bei Hofe manchmal schwer zu sagen, wem vertraut werden kann und wem nicht. Außerdem ist er ... wie sagt man?“
„Neugierig?“, meinte Kiéran trocken.
„So in etwa. Bisher war er nur sehr selten in euren Fürstentümern, und meist nur kurz und in der Nacht. Er will Menschen verstehen lernen.“
Am liebsten hätte Jerusha auf der Stelle zugestimmt, doch sie ahnte, dass das unklug war. Kurz zog sie sich mit Kiéran in die enge Küche der Hütte zurück, ihre Lippen berührten sein Ohr. „Und, was meinst du?“, hauchte sie. „Sollen wir es machen?“
„Es ist eine unglaubliche Chance“, flüsterte Kiéran zurück, sein Atem streifte ihre Wange. „Aber auch ein enormes Risiko. Wenn sich Qedyr auch nur einen Fingernagel abbricht bei dieser Reise, dann sind wir beide so gut wie tot.“
Erschrocken tastete Jerusha nach seiner Hand, und einen Moment lang hielten sie sich aneinander fest. Sie wagten nichts mehr zu sagen, denn sie wussten beide, was für feine Ohren die Eliscan hatten. Wenn wir wirklich diskutieren wollen, müssen wir dafür einen anderen Ort finden.
Als sie in die Wohnstube zurückkehrten, flackerte im Kaminofen ein bläuliches Feuer, und Colmarél hatte es sich davor gemütlich gemacht. Anscheinend hatte er damit gerechnet, dass sie sich länger besprechen würden. Hastig nahm er die Füße von dem zweiten Sessel, den er sich herangezogen hatte, und das Feuer verlosch genauso plötzlich, wie es entstanden war.
„Wir brauchen mehr Bedenkzeit“, kündigte Jerusha an, ohne seine Verlegenheit zu beachten. „Kannst du morgen wiederkommen?“
„Ja, natürlich, Lady Jerusha.“ Colmarél verbeugte sich, dann versuchte er, seinen feuchten Hut wieder aufzusetzen. Ein Tropfen fiel auf seine Nase. „Bei Mondaufgang?“
„So sei es. Aber nicht hier“, sagte Jerusha schnell. Die Leute im Dorf, allen voran Irini DaEwinh, durften nichts von diesem Besuch mitbekommen. „Besser auf dem Fir Evarn – das ist ein Hügel im Craunenwald westlich von hier, dort stehen sechs Bäume im Kreis, ich habe Gesichter in sie eingeschnitzt ...“
Colmarél nickte feierlich. „Ich bin dort vorbeigeritten. Es ist ein guter Ort und bald noch besser.“
Na, mit dieser Meinung stand er in der Gegend ziemlich alleine da. Den Menschen im Dorf waren die Gesichter in den Bäumen unheimlich. Was genau meinte Colmarél mit ´bald noch besser´?
Zum Abschied verbeugte sich Jerusha vor ihrem unerwarteten Gast, und Kiéran brachte ein Lächeln und einen freundlichen Abschiedsgruß zustande.
***
„Ich will, dass Koriónas dabei ist, wenn wir uns beraten“, sagte Jerusha, kaum dass sich die Tür hinter dem Elis geschlossen hatte. Kiéran legte den Finger auf die Lippen und überprüfte rasch, ob Colmarél wirklich die Umgebung verlassen hatte und nicht etwa hinter einer der dünnen Hüttenwände lauschte. Erst als er sicher war, dass der Elis wirklich weg war, verließ die furchtbare Anspannung ihn. Er hätte jetzt einen Krug Met gebrauchen können, oder zur Not auch diesen fiesen Schnaps aus Khelgardsland, doch bedauerlicherweise hatten sie alles leergetrunken, was sie gekauft hatten, und die Vorräte von Jerushas verstorbener Großmutter bestanden aus lauter vernünftigen Dingen wie getrockneten Erbsen und Dörrobst.
Langsam drang zu ihm durch, was Jerusha eben gesagt hatte. „Koriónas? Gute Idee“, erwiderte er. Der Drache, mit dem ihr Clan verbündet war, flößte ihm noch immer Ehrfurcht ein, und Kiéran schätzte seine Klugheit.
„Dann los.“ Jerusha nahm eine Laterne vom Haken neben der Tür, zündete sie für sich an und ließ Kiéran vorangehen auf dem Pfad, der über die Brücke in den Wald führte. Dank seiner neuen Augen bewegte er sich in völliger Dunkelheit ebenso sicher wie bei Tag, er bemerkte nicht einmal, ob die Sonne am Himmel stand oder nicht.
Kiéran wusste, dass seine Gefährtin wahrscheinlich schon jetzt mit ihrem Drachen in Kontakt stand und ihn bat herzukommen, wenn es irgendwie ging. Kaum waren sie auf der Lichtung angekommen, sah er den Drachen über dem Wald durch die Luft gleiten und hörte das Sausen seiner ledernen Schwingen in der Nachtluft. Wie so viele Anderwesen trat auch dieses klar und deutlich aus der ewigen Dunkelheit hervor, die Kiéran umgab, und wie gebannt beobachtete er, wie der Schuppenpanzer des Drachens schimmerte. Es sah aus wie die Lichtreflexe auf fließendem Wasser.
Koriónas konnte so behutsam aufsetzen wie ein fallendes Blatt, doch diesmal verpatzte er die Landung, und seine Vorderpranken gruben sich tief ins kieselige Bachbett am Rande der Lichtung. Sein Schwanz peitschte zur Seite und entwurzelte einen jungen Baum. Diese Spuren müssen wir beseitigen, bevor wir zurückgehen ins Dorf, niemand darf ahnen, dass ein Drache hier gewesen ist! Die meisten Bewohner Kalamancas wissen ja nicht mal, dass es noch welche gibt.
Ein erstickender Geruch nach Reptil umhüllte Kiéran, und einen Moment lang hielt er den Atem an, als der Drache ihm den gewaltigen Kopf zuwandte. Nicht, weil er Angst hatte – dazu kannten sie sich zu gut – sondern weil es schon eine Weile her war, dass sich Koriónas zuletzt das Maul gereinigt hatte, indem er armdicke Weidenzweige zerkaute.
Ein tellergroßes gelbes Auge mit schlitzförmiger Pupille wandte sich ihm zu. So, ich stinke also?, donnerte eine Stimme in Kiérans Kopf.
Manchmal hatte es Nachteile, dass Drachen Gedanken spüren konnten. Kiéran setzte zu einer diplomatischen Antwort an, doch Jerusha kam ihm zuvor. „Ja, ein bisschen, aber das ist egal, es sind ein paar wichtige Dinge geschehen ...“
Sie setzte sich neben Koriónas ans Bachufer und berichtete, was ihr unerwarteter Besucher ihnen im Auftrag der Eliscan-Herrscher vorgeschlagen hatte. Verblüfft schnaubte Koriónas, und ein paar Blätter wirbelten Kiéran um die Ohren. Das ist eine erstaunliche Bitte, stellte der Drache fest. Aber Qedyr ist auch ein erstaunlicher Herrscher, anders als viele vor ihm. Wahrheit ist ihm wichtiger als Macht.
„Das ist sehr löblich, aber was ist, wenn diese ganze Reise grandios daneben geht?“ Kiéran hatte Kopfschmerzen, wie so oft seit dem Gefecht in Daressal. „Colmarél hat gesagt, dass Qedyr die Menschen verstehen lernen will – da bin ich zusammengezuckt. Menschen sind grausam, neidisch, verschlagen und gierig – natürlich nicht dauernd, aber viel zu oft. Auch ich habe schon Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin.“
„Das ... aber ...“ Jerusha klang erschrocken – worüber? Dass er nicht perfekt war oder dass er einen so miesen Eindruck von der Menschheit hatte? Sie stockte, setzte dann noch einmal an. „Ja, du hast wohl Recht, aber er erwartet hier bestimmt kein Paradies der Gerechtigkeit oder so etwas. Schließlich nennt sich sein Volk die Edlen des Mondes, und manche von ihnen haben die Moral einer fünfschwänzigen Sumpfnatter!“
Das stimmt, mischte sich Koriónas ein. Während ihr Menschen zwar die meiste Zeit über unausstehlich seid, aber in manchen Momenten richtig nett.
„Danke“, sagte Jerusha und legte ihm die Hand auf die handtellergroßen Schuppen des Vorderbeins. „Ich glaube, das habe ich jetzt gebraucht.“
Außerdem will Qedyr sicher nur sehen, ob bei euch Armeen aufmarschieren oder nicht, fügte Koriónas hinzu.
Kiéran stützte den Kopf in die Hände und massierte seine Schläfen. „Wenn wir Pech haben, sieht er das sogar. Schließlich habe ich die ganze letzte Woche damit verbracht, das Maul aufzureißen und landauf, landab Leute zu warnen.“
„Stimmt, und die Priester des Schwarzen Spiegels bereiten sich bestimmt vor ... aber welcher der großen Fürstenhöfe hat bisher auf deine Botschaften reagiert?“ Jerusha klang skeptisch. „Doch nur der aus Kalamanca, richtig?“
Er nickte. „Genau. Und die haben sowieso kaum Truppen. Aus Benaris habe ich noch keine Antwort, in Khelgardsland wird gerade erst ein neuer Regent bestimmt, im Moment fühlt sich niemand zuständig, und Fürst Ceruscan aus Yantosi hat vermutlich kein Interesse mehr daran, meine Nachrichten zu öffnen ...“
„Weil du sein Angebot abgelehnt hast, in seine Leibwache einzutreten?“
„Nicht nur das. Ich habe ihm auch auf den Kopf zugesagt, dass seine Lieblings-Heilerin ein Anderwesen ist und sich offenbar an seinem Hof eingeschlichen hat. Du hättest ihn sehen sollen. Er war wütend wie ein angestochener Keiler, aber nicht auf seine Heilerin, sondern auf mich!“
So viele Einwände. Koriónas Stimme war sanft. Aber seid ehrlich, welche Wahl habt ihr denn? Es ist vielleicht eure einzige Chance, einen Krieg zu verhindern. Aus irgendeinem Grund vertraut euch Qedyr. Macht was draus!
„Na gut“, sagte Kiéran – er wusste, dass der Drache Recht hatte. „Ich hoffe, sie schicken als Eskorte ein paar Leute, die schon mal in Ouenda waren. Sonst fallen wir mit denen auf wie eine Herde blauer Schafe auf dem Marktplatz.“
Jerusha seufzte. „Ja, leider. Colmarél ist ein netter Kerl, aber was der hier bräuchte, ist kein Führer, sondern ein Kindermädchen.“
Koriónas hatte zugehört, aber nichts gesagt. Seine Augen schienen in die Ferne zu blicken, ohne etwas zu sehen. Er zuckte merklich zusammen, als Jerusha ihn ansprach. Was war mit ihm los, bedrückte ihn etwas?
Auch Jerusha schien aufgefallen zu sein, dass Koriónas abwesend wirkte. „Was ist los, alter Freund? Alles in Ordnung?“, fragte sie ihn und strich mit der Hand über seine Vorderpranke.
Der Wind weht scharf und kühl in dieser Nacht, entgegnete der Drache.
„Ja, das stimmt – danke, dass du trotzdem gekommen bist, um uns beizustehen“, sagte Jerusha. Koriónas sandte ihnen ein Abschiedsgruß, dann griffen seine Flügel, groß wie die Segel einer Karavelle, in die Luft, seine Hinterbeine stießen sich kraftvoll vom Boden ab und katapultierten seinen Leib dem Himmel entgegen.
Jerusha wickelte sich fröstelnd den Umhang enger um ihren Körper. „Ich finde, das klang irgendwie rätselhaft, findest du nicht? Kühl ist es zwar schon, aber so stark ist der Wind nicht.“
Auch Kiéran war das aufgefallen. „Was auch immer los ist, anscheinend will er nicht darüber reden. Besser, ihn nicht zu drängen.“ Er nahm Jerusha in die Arme, um ihr etwas von seiner Wärme abzugeben, doch so richtig erfolgreich war er damit nicht, es waren zu viele Schichten feuchter Wolle zwischen ihnen.
Nachdem sie alle Spuren des Drachenbesuchs beseitigt hatten, beeilten sie sich, in die Kate zurückzukommen und ein Feuer im Kaminofen in Gang zu bringen. Bei Mondaufgang des nächsten Tages sagten sie ihrem Besucher aus Khorat, was sie entschieden hatten – dass sie dem König den Gefallen mit dem größtem Vergnügen tun würden und sich schon auf seinen Besuch in Ouenda freuten. „Das ist herrlich“, freute sich der junge Elis. „Dann kann es schon bei Rhovei – so nennen wir den Sichelmond – losgehen, das ist ein guter Zeitpunkt für den Beginn einer Reise. Ich freue mich schon.“
Kiéran schwante Böses. „Wie viele Eliscan werden denn mit dem König herkommen?“, fragte er, und Colmaréls Gestalt leuchtete vor lauter Begeisterung hell wie die Sonne. „Drei“, erwiderte er. „Der König, eine Leibwächterin ... und ich!“
„Großartig“, sagte Kiéran und lächelte freundlich.
Allmählich wurde er richtig gut im Lügen.
In zwei Wochen sollte die Reise beginnen. Jerusha graute davor, dass sie auf der Tempelbaustelle Bescheid sagen musste, dass sie so bald nach der Rückkehr von ihrer letzten Reise erneut aufbrechen musste. Also brachte sie es am nächsten Tag hinter sich. Wie erwartet war Goram TeRulius, der Erste Baumeister, außer sich vor Wut. „Du treuloses Stück Käferdung! Wie stellst du dir das vor? Der Tempel wird in genau einem Jahreslauf geweiht, und was ist, wenn dein Xatos dann halbfertig herumsteht, hä?“ Er war so aufgebracht, dass sein wilder dunkler Bart sich zu sträuben schien.
„Er wird fertig sein“, sagte Jerusha fest und bat die Göttin Shimounah darum, dass sie dieses Versprechen würde halten können. Wenn ein Baumeister schlecht über eine Bildhauerin redete, brauchte diese nicht zu hoffen, jemals wieder interessante Aufträge zu bekommen.
Goram ließ den Fäustelhammer auf einen Arbeitstisch fallen und klopfte sich die Hände ab, dass es staubte. „Wie lange wirst du denn überhaupt weg sein, und wohin soll´s gehen? Wirst du mit deinem Geliebten die Blütenküste entlangflanieren oder was? Ein hoher Offizier ist er, habe ich gehört, ein Terak Denar.“
Aha, also hatte Goram von Kiérans Besuch auf der Tempelbaustelle erfahren! Es war ein Fehler gewesen, Kiéran nicht offiziell vorzustellen, das hatte sie jetzt davon.
Es schüchterte Jerusha nicht ein, dass Goram so ärgerlich war, im Gegenteil, so langsam entzündete sich ihre eigene Wut. „Nein, Goram“, schleuderte sie zurück. „Wir werden nicht die Blütenküste entlangflanieren, wir werden versuchen, einen Krieg zu verhindern! Damit dieser miese, kleine Tempel nicht zu Rauch und Asche wird mitsamt allen Ornamenten darin!“
Das bremste Goram, einen Moment lang blickte er sogar verblüfft drein. „Ach wirklich?“, brummte er. „So schlimm steht es? Woher weißt du das?“
„Glaub mir, ohne guten Grund würde ich meine Arbeit nie unterbrechen – du weißt, was mir dieser Xatos bedeutet“, sagte Jerusha etwas besänftigt.
Der Erste Baumeister grinste verschmitzt. „Ja, Mädel, und seit gestern weiß ich auch wieso. Immerhin hast du dich nicht in einen hässlichen Gnom verguckt, das hätte nicht gepasst.“
