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Gegen den Willen des Eliscankönigs hat Aláes einen Krieg zwischen Menschen und Eliscan begonnen. Während Jerusha versucht, ihre Familie in einem Tempel der Schwarzen Spiegel in Sicherheit zu bringen, reitet Kiéran zum umkämpften Gebirgspass Eismitte, um die Verteidigern dort mit seiner Erfahrung und seinen Fähigkeiten zu unterstützen. Aus Angst um sein Leben und um bei ihm zu sein, reist Jerusha hinterher. Eine ganz schlechte Idee, wie sich herausstellt. Denn dort trifft sie nicht nur den Mann wieder, den sie liebt …
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Seitenzahl: 441
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Siri Lindberg
Winterdrachen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Was bisher geschah
Geheimes Treffen
Schlimmer als der Tod
Eismitte
Sterblich
In Ungnade
Geheimnisse
Weiße Fahne
Eishauch
Kein Ort für Gefühle
Tiefschlag
Sturm und Dornen
Lockvogel
Drachenfeuer
Grünes Feuer
Schwarze Flut
Leben und Tod
Frieden
Zukunft
Rache
Leben
Epilog
Dank
Über die Autorin
Impressum neobooks
Kaum einen halben Jahreslauf ist es her, dass sich die junge Bildhauerin Jerusha KiTenaro und der erblindete Elitekämpfer Kiéran SaJintar ineinander verliebt haben. Der Fluch, der auf ihrer Liebe lastete, ist gelöst, ihr alter Feind Aláes steht unter Arrest, doch die Gefahr eines neuen Eliscan-Krieges ist keineswegs gebannt.
Jerusha beginnt, an ihrer Xatos-Statue zu arbeiten und Kiéran versucht, Fürsten und Stadtwachen zu warnen vor dem, was auf sie zukommen könnte. Da trifft eines Abends ein unerwarteter Besucher bei ihnen ein – Colmarél, ein Elis, den sie bei ihrem Aufenthalt im Reich der Eliscan kennengelernt haben. Er unterbreitet ihnen einen Vorschlag: Qedyr, der König der Elis Aénor, möchte sich selbst ein Bild davon machen, ob die Menschen tatsächlich einen Krieg gegen die Eliscan vorbereiten – so wie einige Kundschafter es behauptet haben – oder ob es sich um von Aláes in die Welt gesetzte Lügen handelte. Jerusha und Kiéran sollen ihn durch Ouenda geleiten und hätten die Gelegenheit, die friedlichen Absichten ihres Volks zu beweisen. Um dieses Angebot zu besprechen, treffen sich Jerusha und ihr Gefährte mit dem Drachen Koriónas. Er ist dafür, dass sie die Chance nutzen, doch Jerusha spürt, dass ihn irgend etwas bedrückt.
Jerusha und Kiéran erklären sich bereit, den König zu begleiten, und zwei Wochen später ist es soweit, König Qedyr trifft – als Mensch getarnt – ein. Er und seine Begleiter, Colmarél und Rawelha, sind nicht an die Menschenwelt gewöhnt, sie staunen auf ihrer Reise durch Ouenda alles an und benehmen sich hin und wieder daneben. Kiéran und Jerusha müssen nicht nur einmal vermittelnd eingreifen und die Situation entschärfen. Immer wieder versucht Qedyr Menschen in ein Gespräch über die nichtmenschlichen Bewohner von Khorat zu verwickeln, doch dabei kommen Vorurteile heraus, die die Eliscan schockieren. Außerdem werden die Reisenden um ein Haar als Anderwesen erkannt. Qedyr wird Jerusha und Kiéran immer sympathischer, doch was ist, wenn er einen schlechten Eindruck von den Menschen gewinnt?
Der Schattenspringer Grísho reist mit ihnen, er sondiert die Gegend und agiert als Scout. Eigentlich hatte Jerusha gehofft, dass auch ihr Freund, der Drache Koriónas, sie begleiten würde, doch er ist seltsam abgelenkt, es scheint ihm nach wie vor nicht gut zu gehen. Jerusha macht sich Sorgen um ihn.
Jerusha und Kiéran genießen es sehr, zusammen zu sein. Zum ersten Mal denkt Jerusha insgeheim daran, wie es wäre, mit Kiéran ein Kind zu haben … und stellt fest, dass ihr dieser Gedanke gefällt, sehr gut sogar. Da der Fluch von den KiTenaros genommen wurde, könnte er nicht mehr auf ihre Tochter übergehen.
Sie reisen mit ihren Gästen durch Benaris, nach Norden, dort wo angeblich im Wald von Atordar ein Zwischenfall stattgefunden hat, bei dem Eliscan von Menschen angegriffen wurden. Tatsächlich weiß man dort von nichts, es wird klar, dass Alaés eine falsche Information gestreut hat. Auch am zweiten Ort, den sie aufsuchen, finden zwar Kriegsvorbereitungen statt – doch die hat Kiéran erst vor kurzem mit seinen Warnungen ausgelöst.
Ihr nächstes geplantes Ziel ist Ger Iena, die Burg von Fürst Ceruscan und Regierungssitz von Yantosi, dort sollen angeblich finstere Pläne gegen die Eliscan geschmiedet werden. Doch um dorthin zu gelangen, müssen sie nah an Perikhor vorbei, dem Ort, an dem Jerusha von Gerhan Leor KaoRenda vergewaltigt wurde. Jerusha wird mulmig zumute. Schließlich entscheidet sie sich dafür, KaoRenda zu konfrontieren – und zwar ohne Kiéran, der womöglich seiner Wut freien Lauf ließe. Außerdem können sie die Eliscan nicht allein lassen. Ihr Gefährte lässt sich widerwillig darauf ein und besteht darauf, dass sein Cousin Jolaro Jerusha begleitet, außerdem kommt Grísho mit ihr.
Doch zu Jerushas Enttäuschung ist KaoRenda gerade erst abgereist, sie kann nur mit seinem Hofmeister reden. Er bietet ihr Gold als Entschädigung an, doch Jerusha lehnt wütend ab. Zufällig bemerkt sie, dass eine junge Frau – das nächste Opfer! – schon in der Residenz ist, und obwohl die Frau nicht glauben will, was ihr bevorsteht, bringen Jerusha und Grísho sie mit einem Trick dazu, die Residenz zu verlassen.
Auf dem Rückweg, nachdem sie sich von Kiérans Cousin verabschiedet hat, trifft Jerusha im Bergland einen anderen Drachen, Koriónas Tochter Alsaria, und erfährt, dass ihr Freund in großen Schwierigkeiten steckt – ihretwegen! Es war ihm nicht erlaubt, ihr einen Hinweis darauf zu geben, wo der magische Rubins Aélwelhor zu finden ist, und nun soll er dafür angeklagt werden. Sie beschließt, sich erst später wieder mit Kiéran und den Eliscan zu treffen und stattdessen Koriónas zu helfen, der sich vor den anderen Drachen verantworten muss.
Zur gleichen Zeit erlebt Silmar, was bei den Elis Aénor, dem Mondvolk, geschieht. Seit seiner Begegnung mit Jerusha und Kiéran sieht er die Welt anders – manchmal erscheint ihre milde Schönheit ihm unerträglich. Er kann selbst kaum glauben, dass er sich manchmal nach dem Dreck, dem schlechten Wetter und Elend der Menschenwelt zurücksehnt. Silmar besucht seinen Onkel Aláes, der seit dem Vorfall bei Hofe unter Arrest steht, und stellt fest, dass Aláes nichts bereut – und ihm den „Verrat“ nachträgt.
In der Zwischenzeit treffen sich Kiéran und Charis – die Kurierreiterin, die Kiéran in der Quellenveste kennengelernt hat – zur Übergabe von Reyn, Kiérans Pferd. Kiéran freut sich sehr, seinen Hengst wiederzuhaben. Weil sich Charis und die Eliscan gut verstehen, bleibt die junge Frau noch einen Tag, aber sie wirkt seltsam müde und isst wenig.
Die kleine Reisegruppe beobachtet Ger Iena und tatsächlich, alles scheint ruhig, es finden keine Kriegsvorbereitungen statt. Doch besser wäre gewesen, Fürst Ceruscan hätte sich gerüstet – während er mit seinem Gefolge auf der Jagd ist, wird er von Truppen aus Thoram unter Führung des berüchtigten Kriegsherrn Cerdus Maharir überfallen. Kiéran und die Eliscan greifen ein, werden jedoch von der Übermacht überwältigt. Sie geraten in Gefangenschaft, Kiéran ist schwer verletzt.
Auch bei den Elis Aénor läuft einiges schief, Silmar erlebt mit, wie Königin Célafiora in einen todesähnlichen Schlaf fällt. Ist es ein Anschlag, eine Krankheit, Schicksal? Jetzt ist das Reich führerlos. Silmar sucht Trost bei Rauschmitteln und seiner alten Freundin Pharanee, die ihm auch deswegen gefällt, weil sie ihn bewundert.
Jerusha weiß vorerst nicht, was mit Kiéran und den Eliscan geschehen ist. Sie lernt Koriónas Familie kennen und verteidigt ihren Freund vor dem Rat der Drachen. Das klappt erstaunlich gut, nur wundert sich Jerusha, dass auf ihre Nachricht an Kiéran keine Antwort kommt.
Koriónas muss sich bewähren, erst dann darf er in die Gemeinschaft der Drachen zurückkehren. Er macht sich auf eine Pilgerreise zu den Quellen der Ewigkeit. Jerusha verabschiedet sich von ihm, er fliegt los – und Jerusha stellt fest, dass Kiéran mitsamt seinen Begleitern verschwunden sind. Verzweifelt forscht sie gemeinsam mit Grísho nach und nimmt schließlich die Spur nach Thoram auf. Kiéran und der Eliscan-König in Feindeshand – was soll jetzt nur werden?
Aláes gelingt es, sich aus seinem Arrest zu befreien, und beansprucht mit dem magischen Rubin Aélwelhor die Regentschaft, während das Schicksal von Qedyr und Célafiora in der Schwebe hängt. Der Hof ist in einem Schockzustand, so dass Aláes weniger Widerstand begegnet als gedacht. Aláes will Silmar zwingen, sich zu ihm bekennen, doch der junge Elis und seine Freundin Pharanee finden nicht, dass Aláes ein geeigneter Herrscher für die Elis Aénor wäre. Nun müssen sie Aláes Rache fürchten.
Da die Eliscan ihre Heilmittel bald aufgebraucht haben, überlebt Kiéran nur knapp. Doch obwohl seine Verletzungen heilen, ist die Gefangenschaft sehr gefährlich für ihn, weil er als Offizier der Terak Denar gegen Cerdus Maharir gekämpft hat. Wird sein wahrer Name bekannt, droht ihm die Hinrichtung, deshalb nennt er sich in Burg Maharir Carag KiTenaro.
Auch die Eliscan machen sich Sorgen. Zum Glück scheinen die Soldaten noch nie einen Elis gesehen zu haben, sie wissen nicht, wen sie da eigentlich gefangen haben. Qedyr ist besorgt um sein Reich und will eine Nachricht nach Khorat senden, damit seine Leute ihn befreien, doch unerklärklicherweise bleiben Antwort und Hilfe aus.
Die Gefangenschaft ist hart, und Kiéran sieht den Krieg näherkommen nach dieser enormen Kränkung, dass der Eliscankönig nun Gefangener der Menschen ist. Es ist Kiéran alles andere als recht, dass sich sämtliche Truppen Ouendas in den Norden, nach Thoram bewegen – die wahre Gefahr geht nach wie vor vom Nachbarreich Khorat aus.
In Burg Maharir wurde Kiéran geboren, hier hat er die ersten fünf Jahre seines Lebens verbracht. Es ist ein seltsames Gefühl für ihn, hierher zurückzukehren, und viele Erinnerungen steigen in ihm hoch. In diesen Mauern hat sein Vater als Abgesandter Yantosis mit dem Vater von Cerdus Maharir verhandelt. Schließlich erkennen Kiéran und seine alte Kinderfrau sich. Er versucht sie zu überreden, dass sie ihm und seinen Gefährten zur Flucht verhilft, doch sie zögert, hat Angst vor der Rache des Burgherren.
Koriónas hat den Ort seines Pilgerfluges erreicht, doch die Quellen der Ewigkeit hat er noch nicht entdeckt. Dafür findet er in dieser Welt körperlose, umherirrende Schattengestalten ... und eine von ihnen kommt ihm bekannt vor. Vielleicht kann sie ihm helfen, die Quellen zu finden? Findet er sie nicht, muss er unverrichteter Dinge zurückkehren und wird verbannt!
Bei den Verhören in Burg Maharir versuchen Kiéran und die Eliscan mit allen Mitteln zu verschleiern, wer sie sind. Cerdus zeigt sich Kiéran gegenüber überraschend freundlich, da es ihn interessiert, dass die KiTenaros mit Anderwesen verbündet sind, und er sich von Kiéran nützliche Hinweise darauf erhofft, wie man einen Drachen kennenlernt. Doch Kiéran ist sehr vorsichtig im Umgang mit ihm, denn irgendetwas ist in seiner Kindheit zwischen ihm und dem jugendlichen Cerdus vorgefallen. Als die Erinnerung daran wiederkehrt, was er beobachtet hat – dass Cerdus Maharir von seinem Vater gequält wurde – weiß er, dass er in noch größerer Gefahr schwebt. Garantiert würde der Burgherr niemanden am Leben lassen, der diese Demütigung mit angesehen hat.
Trotz seiner schwierigen Lage schafft es Kiéran, in der Burg Freundschaften zu schließen: Mit dem Hofnarr, mit einem seiner Wächter – einem alten Soldaten – sowie mit dem jungen Werpanther Shai. Doch diese Werpanther, die vor langer Zeit Burg Maharir erbaut haben, sind ansonsten nicht seine Verbündeten. Tagsüber arbeiten sie in harmloser Gestalt – als alte Frau, als junges Mädchen, als Kind – in der Burg, doch nachts, während ihrer Jagdzeit, sind sie eine tödliche Gefahr. Kiéran ist klar, dass sie nicht während der Nacht fliehen können. Über seine alte Kinderfrau, die sich schließlich doch noch auf seine Seite stellt, schickt er eine Botschaft an Jerusha.
Da Ceruscans Truppen wegen der Falkenschlucht nicht einmal an Burg Maharir herankommen, machen Jerusha und Charis gemeinsame Sache, sie wollen auf anderen Wegen versuchen, Kiéran und die anderen zu befreien. Nun erfährt Jerusha auch, dass Charis keine einfache Kurierreiterin ist, sondern Ceruscans Bastard-Tochter.
Jerusha wagt es, über eine uralte Treppe in die Falkenschlucht hinabzuklettern, die ihnen und den Soldaten des Fürsten den Weg zur gegnerischen Burg abschneidet. Nach der gefahrvollen Überquerung wird sie auf der anderen Seite von Werpanthern abgefangen, und zudem erfährt Maharir durch eine ungeschickte Botschaft von Fürst Ceruscans Leuten, wer Kiéran ist. In letzter Minute schaffen es Jerusha und Grísho, ein Rudel Eisenfresser herzulocken, das Teile der Burg demoliert und so für eine rettende Ablenkung sorgt. Die Flucht gelingt, auch weil der junge Werpanther Shai sie dabei unterstützt.
Endlich ist Kiéran wieder mit Jerusha vereint. Obwohl Kiéran schwer mitgenommen ist von der Gefangenschaft, erleben er und Jerusha eine kurze Zeit des Friedens und des Glücks. Fürst Ceruscan gewährt Jerusha für ihre mutige Hilfe einen Wunsch, sie flüstert ihm einen ins Ohr. Auch König Qedyr bedankt sich und sagt, er habe jetzt verstanden, dass es in jedem Land Kräfte der Gewalt und des Friedens gebe, und dass die Feindseligkeit nicht gegen Eliscan gerichtet sei. Stattdessen seien die Menschen mit ihren eigenen Angelegenheiten vollauf beschäftigt. Er wird sämtliche Kriegsvorbereitungen in Khorat stoppen lassen.
Doch Qedyr sind während seiner Zeit in Ouenda die Zügel der Macht entglitten. Nur wenige Stunden später erfahren sie, dass der Krieg zwischen Eliscan und Menschen bereits begonnen hat …
Der Krieg zwischen Menschen und Eliscan hatte begonnen. Noch immer fiel es Kiéran schwer, das zu begreifen. Mit seinen neuen Augen blickte er König Qedyr, Colmarél und Rawelha hinterher, bis er ihre leuchtenden Silhouetten nicht mehr erkennen konnte.
Als die Eliscan verschwunden waren, war es fast unheimlich still in ihrer kleinen Oase. Kiéran fühlte sich hin- und hergerissen. „Ich muss sofort zur Grenze“, sagte er zu Jerusha. „Aber vor allem will ich, dass du in Sicherheit bist.“
Er sah, dass er kaum zu Jerusha durchdrang, sie stammelte nur: „Meine Familie ... vielleicht ist Loreshom schon angegriffen worden ... ich reite auf der Stelle hin ...“
„Nein!“ Kiéran ergriff sie an den Schultern, damit sie ihm wieder zuhörte. „Noch nicht! Was bringt es, wenn ihr alle zusammen getötet werdet? Hör mir zu, bitte, nur einen Moment lang. Bitte hör mir zu!“
Er spürte, dass sie zitterte, doch schließlich sah er sie nicken. Ihr Gesicht war nur noch ein Schatten für ihn, ihre Aura völlig verschwunden. Kiéran sprach so eindringlich er konnte: „Es gibt nur ganz wenige Orte in Ouenda, die jetzt noch sicher sind, und das sind die Tempel der Schwarzen Spiegel. Sie werden durch die Macht des Oscurus geschützt. Dort müsst ihr hin!“
„Aber ... wie ...“, stammelte sie verblüfft. Auch Jerusha war dabei gewesen bei der Schlacht um Qirwen Cerak. Sie hatte miterlebt, wie Santiago gestorben war, sie wusste, was für eine tiefe Kluft zwischen ihm und den Priestern sich aufgetan hatte durch diesen Tod und dadurch, dass Kiéran auf der Seite der Eliscan gekämpft hatte.
Kiéran holte tief Luft, dann erklärte er: „Dinesh, der Erste Priester, mit dem ich damals im Tempel zu tun hatte, ist so eine Art Oberbefehlshaber der Priester. Ich werde ihm jetzt gleich antworten und ihm einen Handel vorschlagen. Meine Hilfe gegen Schutz für dich und deine Familie.“
„Und du meinst, dass er sich darauf einlässt?“
Darauf hatte Kiéran keine Antwort. Er wusste nur, dass er nicht an der Grenze helfen konnte, Ouenda zu verteidigen, solange er Jerusha nicht in Sicherheit wusste. Die Angst um mein eigenes Leben kann ich aushalten, die um ihres nicht!
Innerhalb eines Atemzugs entschied sich Kiéran. Wenn Dinesh diesem Handel nicht zustimmte, würde er bei Jerusha in Kalamanca bleiben und irgendwie versuchen, sie, ihre Familie und ihr Dorf zu schützen. Und sich erbärmlich vorkommen dabei, weil er das ganze Land schwächte durch diese Entscheidung. Es gab sicher kaum jemanden in Ouenda, der so viel über Eliscan und Skraelings wusste wie er ... und darüber, wie sie zu besiegen waren. Er wurde an der Front dringender gebraucht als in Loreshom.
„Fang bitte schon mal an, unsere Sachen zu packen, ich helfe dir, sobald ich kann“, sagte Kiéran grimmig und machte sich an die mühevolle Arbeit, die Antwort an Dinesh zu verfassen, solange der Botenvogel sich noch in der Nähe herumtrieb.
Doch auch Jerusha kritzelte hastig eine Nachricht. „Ich schreibe meiner Mutter und Liri, sie sollen sich auf dem Fir Evarn verstecken, bis ich komme.“
Kiéran nickte, das war eine gute Idee. Kaum hatte Jerusha die Botschaft mit einem von Fürst Ceruscans Botenvögeln abgesandt, machte sie sich hastig daran, Damaris zu satteln. Vor dem Aufbruch aßen sie das mittlerweile zerkochte Reisgericht, dann befestigte Kiéran den Sattel und die Ausrüstung von Fürst Ceruscans Packpferd auf Reyns Rücken. Der Hengst wirkte ausgeruht und brannte darauf loszugaloppieren, das war gut, es würde ein harter Ritt werden nach Khelgardsland. Dem Packpferd schenkte Jerusha die Freiheit, es konnte sich hier in der Oase eine schöne Zeit machen, bis irgendjemand es einfing.
„Und los“, sagte Jerusha und blickte noch ein letztes Mal zurück. Sie zog ihr Halstuch – inzwischen gewaschen und wieder bunt – aus der Tasche und knotete es an einen Ast. Dann zog sie sich auf Damaris. „Aber eines Tages kommen wir zurück. Das hier ist unser Paradies, und die Erinnerung daran kann uns keiner nehmen.“
„Ja“, sagte Kiéran und hoffte, dass es nicht seine letzten guten Erinnerungen sein würden.
***
Es war nicht mehr lange hin bis zu Aláes Krönung. Der Königshof der Elis Aénor war in einem Taumel der Vorbereitungen. Heerscharen von Kobolden wischten die vielen Spiegel, polierten die Kronleuchter, ölten die kostbaren Bodenmosaike ein, schmückten alle Räume mit Laub- und Blumenkränzen. Pukas fraßen auch die kleinsten Unkräuter aus den Gärten und machten sich mit goldenen Scheren an Sträuchern und Bäumen zu schaffen, um jedes unvollkommene Blatt, jeden Zweig, der die Harmonie störte, zu entfernen. Eliscan-Köche buken, brieten, kneteten Teig, flambierten und brachten gewaltige Wagenladungen von Früchten, Nüssen und frisch geernteten Knospen herbei für das große Fest.
Silmar bekam nicht viel von all dem mit. Wie so oft in den letzten Tagen saß er in den Gemächern der Königin, das Kinn in die Hände gestützt, schweigend, ohne die Augen von ihrem Gesicht zu lösen. Es war sehr still hier, nur das Rascheln eines Gewandes war zu hören, wenn jemand aufstand, um zu gehen, oder jemand Neues zur Tür hereinkam. Es waren schon weniger Eliscan als zuvor, die die Königin unter der Aufsicht ihrer Leibwache besuchten und für sie um Kraft baten. In der ersten Woche ihrer Krankheit waren es Hunderte gewesen, jetzt war es ein Dutzend Leute, die zu jeder Zeit bei ihr saßen und schweigend Beistand leisteten. Nur Yoani war immer da, Célafioras Tochter, eine ruhige, rothaarige Frau, die ihr Leben dem Dienst an der Natur geweiht hatte und mit dem Königshof nichts zu tun haben wollte.
Silmars Gedanken schweiften zu Pharanee, die schon ein paar Dinge – leider nur von geringer Bedeutung – herausgefunden hatte, dann zum Heiler Kyal, der nie wieder gehen oder sprechen würde, weil er zu viel von sich gegeben hatte. Dieser Heiler hat zwar gesagt, dass es kein Gift ist, aber das glaube ich nicht, ging es ihm durch den Kopf. Und wenn es ein Gift war, existiert vielleicht ein Gegengift. Natürlich, unsere Leute haben schon vieles ausprobiert, aber vielleicht schadet es nicht, wenn ich selbst in der Bibliothek ...
„Silmar, Sir? Eure Anwesenheit bei Aláes´ neuster Rede wird gewünscht.“ Zwei bewaffnete Elis, wie üblich. Schweigend erhob sich Silmar und folgte den beiden Männern.
Aláes hatte es zu einer neuen Tradition gemacht, täglich zu Mitternacht eine Rede im Königssaal zu halten. Diesmal war das Thema die Welt der Menschen, und Silmar hatte das zweifelhafte Vergnügen, in der ersten Reihe lauschen zu dürfen.
„Ich bin schon viele Male in die Menschenwelt gereist und kann euch sagen: Menschen sind nicht nur hässlich, verbreiten einen unangenehmen Geruch und haben ausschließlich ihr eigenes Wohl im Sinn, nein, es ist viel schlimmer“, sagte Aláes gerade zu einem Publikum von etwa hundert Seelen. „Sie haben es auch schon allzu oft geschafft, unsereins zu töten! Mein eigener Vater ist im zweiten Eliscan-Krieg umgekommen, da war ich noch ein Kind. Euch und den Euren wird es ebenso ergehen, wenn wir zögern und zaudern!“
Erschrockenes Murmeln – für die meisten im Saal war es unvorstellbar, Verwandte an den Tod zu verlieren.
Aláes fuhr fort: „Doch zum Glück haben wir starke Verbündete, die Elis Sarkorr und die Skraelings, und auch wir selbst verstehen zu kämpfen, wir können diese verachtenswerten Wesen von unserem Land fernhalten.“ Er hieb mit der Faust in seine Hand. „Aber nur, wenn wir ihres kontrollieren – im Moment sind wir ihren Launen ausgeliefert und ihrem guten Willen, die Grenze nicht zu überschreiten. Das kann so nicht weitergehen!“
Er versucht, ihnen seine eigene Begeisterung für den Krieg einzuhauchen. Silmar verschränkte die Arme. Dabei sind die meisten Menschen wie Schafe, schwach und von geringer Intelligenz, sie sind keine Bedrohung für uns.
Doch das schienen die Zuhörer anders zu sehen, ein zustimmendes Raunen hatte sich bei Aláes letzten Worten erhoben.
Aláes Stimme wurde immer lauter und schneidender. „Der beste Beweis für ihre Verdorbenheit ist doch wohl, dass die Menschen es gewagt haben, König Qedyr als Geisel zu nehmen! Verantwortlich dafür ist ein Mann ohne Skrupel, ein ehemaliger Soldat namens Kiéran SaJintar, der in seinem kurzen Leben schon mehr Blut vergossen hat, als die meisten von uns jemals gesehen haben!“
Diesmal gab es sogar Rufe der Empörung. Einigen zart besaiteten Eliscan-Mädchen wurde beim Gedanken an so viel Blut schlecht, sie mussten am Arm ihrer Verehrer den Saal verlassen. Silmar zog verächtlich die geschwungenen Augenbrauen hoch. Er selbst hatte nichts gegen Blut. Er konnte sich nur nicht vorstellen, dass der Lin´tháresh etwas derart Dämliches tun würde wie von Aláes behauptet. Gab es überhaupt Beweise für seine Behauptung?
Einen kurzen Moment lang trafen sich seine und Aláes´ Blicke. Als habe sein Onkel seine Gedanken geahnt, gab er ein Signal, und zwei Eliscan wurden hereingeführt. Sie trugen die Uniform von Spähern, elegant geschnittenes grünes Tuch mit einer dunkelbraunen Schärpe. Mit ernster Miene berichteten sie, dass sie selbst gesehen hätten, wie der König von besagtem Mann gefangen genommen und gefoltert worden sei. Es sei sehr zweifelhaft, ob Qedyr überhaupt noch am Leben sei, da der Tiefseher und seine ebenso hinterhältige Gefährtin ihm schon jede Bosheit zugefügt hatten, die ihnen einfiel.
„Und das alles wegen Qedyrs Idee, die Menschen kennenlernen zu wollen – daraus konnte nichts Gutes erwachsen!“ Aláes´ kräftige Stimme erfüllte den ganzen Saal.
Ungläubig hörte Silmar zu. Er bezweifelte, ob diese beiden wirklich Späher waren, ihre Uniform war nagelneu und wirkte unecht, zum Beispiel waren die Taschen falsch angesetzt. Außerdem war es der reinste Teichschlamm, was diese lächerlichen Gestalten da erzählten! Bevor er dazu kam nachzudenken, hatte er sich schon erhoben. „Das kann nicht stimmen!“, rief er den anderen Zuhörern zu. „Ich kenne den Lin´tháresh, wir haben ein Dutzend Mondaufgänge zusammen erlebt. Er ist ein Mann von tiefem Gefühl – nie würde er jemanden foltern, und schon gar nicht unseren König!“
Tiefes Schweigen. Alle Augen wandten sich zu Silmar und wieder von ihm ab. Sie glaubten ihm nicht, oder dachten sie, dass der Lin´tháresh ihn durch Freundlichkeit eingelullt hatte?
Aláes´ Blick war mörderisch. Und Silmar wusste, dass er sich diesmal eine Eskapade zu viel geleistet hatte. Alle hier wussten, dass er Aláes´ Neffe war. Gerade hatte er seinem Onkel öffentlich widersprochen und ihn dadurch das Gesicht verlieren lassen.
Diesmal würde Aláes ihn büßen lassen.
***
Während des Rittes spürte Jerusha immer wieder eine Berührung in ihrem Geist ... eins von Koriónas´ Kindern war in der Nähe. Alsaria? Nein, anscheinend Kairai. Hin und wieder tauschte er einen schüchternen Gruß mit ihr, dann zog er sich wieder zurück. Folgte er ihr? Jerusha wurde nicht schlau aus seinem Verhalten.
Der Morgen des vierten Tages dämmerte, als Jerusha und Kiéran den vereinbarten Treffpunkt in Khelgardsland erreichten. Ihre Pferde dampften in der Kälte. Beklommen blickte Jerusha sich um. Sie ritten durch ein sanftes Hügelland, in dem sich hier und da ein Hof erhob, umgeben von Wiesen und Weiden – doch die Idylle trog, denn die Höfe waren verlassen, ihre Bewohner geflohen. Im Osten erhoben sich die schroffen Zinnen des Gebirges, schneebedeckt und abweisend. Dort in den Bergen wurde gekämpft – sie waren jetzt nicht mehr weit von der Front entfernt.
Es fühlte sich so falsch an, hier zu sein, sie musste jetzt zu den Menschen, die sie liebte! Jedesmal, wenn sie an Liri und ihre Mutter dachte, krampfte sich ihr Herz zusammen. Was tun sie gerade, füttern sie die Hühner, als sei nichts gewesen, übt Liri mit dem Bogen, holt meine Mutter gerade Wasser und weicht Wäsche ein? Oder hocken sie gerade frierend und von Furcht erfüllt in einem Versteck auf dem Fir Evarn, ohne zu wissen, ob sie den Morgen noch erleben werden? Jerusha konnte nur hoffen, dass Kiéran wirklich recht hatte und sie um Schutz für ihre Familie und sie selbst verhandeln konnten! Was war, wenn die Priester sich weigerten, sie, Liri und ihre Mutter aufzunehmen?
Schon von weitem sah Jerusha die kleine Gruppe von Reitern, die aus Richtung der Berge auf sie zuritt. „Da sind sie“, berichtete sie atemlos, doch Kiéran blickte bereits in diese Richtung.
„Ich weiß“, sagte er kurz. Er war wortkarg gewesen während ihres Rittes, doch viel hätten sie ohnehin nicht reden können, sie waren die meiste Zeit galoppiert. Und gelagert hatten sie nur, wenn die Pferde und sie vor Erschöpfung nicht mehr weiter konnten.
Es waren vier Menschen, die ihnen entgegenritten – Menschen in schwarzen Kutten, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen. Priester des Schwarzen Spiegels. Jerusha verkrampfte sich immer mehr, je näher diese Leute kamen. Ihre Gedanken flogen zurück zu dem furchtbaren Gefecht von Qirwen Cerak, zu Santiagos Tod, und plötzlich hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr bekommen. Nein, diese Leute sind nicht unsere Freunde, und werden es nie sein können, auch wenn sie vielleicht auf derselben Seite stehen. Wie ist Kiéran zumute, wenn er ihnen entgegenblickt? Beim Gefecht gegen diese Leute ist sein bester Freund getötet worden!
Sie warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. Seine Augen waren dunkel wie Schiefer, sein Gesicht hart. Er sah nicht mehr aus wie ein Mann, den man küssen konnte. Schon jetzt kam es ihr unwirklich vor, wie sie die Oase der heißen Quellen genossen, sich geneckt, sich geliebt hatten.
Als sie nur noch wenige Meter entfernt waren, zügelten die Priester ihre Pferde. Einen Moment blieben sie so, schweigend und abwartend, dann stiegen sie ab und gingen ihnen entgegen. Langsam saß Kiéran ebenfalls ab, und Jerusha folgte seinem Beispiel. Sie nahm die Zügel der Pferde und ging ihm hinterher, es war klar, dass er das Reden übernehmen würde.
Erschrocken fiel ihr ein, was sie zuvor nicht bedacht hatte – würden die Priester merken, dass Kiéran nicht mehr das Amulett trug, das sie ihm vor einem halben Jahreslauf gegeben hatten? Sondern ein neues, das ihm Jerusha durch eine dreiste Lüge aus einem anderen Tempel beschafft hatte? O nein, warum hatten sie daran nicht früher gedacht! Jetzt war es zu spät, das zweite Amulett abzulegen und zu verbergen! Aber hätte Kiéran das überhaupt getan?
Als sie nur noch zwei Menschenlängen voneinander entfernt waren und sich gegenüber standen, blieben die Priester stehen und schlugen ihre Kapuzen zurück. Es waren drei Männer und eine Frau. Mit gemischten Gefühlen erkannte Jerusha ihren Anführer, einen hochgewachsenen Mann mit kantigem Gesicht und kurzem braunem Haar mit erstem Grau darin. Als er die Hand zum Gruß hob, fielen Jerusha seine schmalen, langfingrigen Hände auf, perfekt dafür geeignet, mit behutsamem Griff Bücher aus dem Regal zu holen und aufzuschlagen. Das war Dinesh, Erster Priester des Spiegeltempels von Daressal. Der Mann, der Kiéran damals aufgenommen hatte, als seine Truppe ihn schwer verletzt zurückgelassen hatte. Aber auch der Mann, der sie in Qirwen Cerak beinahe alle vernichtet hätte.
Dinesh ließ den Blick nicht von Kiérans Gesicht. „Friede den Clans“, sagte er zur Begrüßung – er hatte den Gruß abgewandelt, ja, das war gut, Wohlstand hätte nicht gepasst.
Jerusha wartete darauf, dass Kiéran die übliche Erwiderung „... und Treue dem Earel“, sprach, doch nichts passierte. Als sie sich ihm erstaunt zuwandte, sah sie, dass es in seinem Gesicht arbeitete, und begriff. Wird er überhaupt schaffen, diese Leute zu begrüßen, mit ihnen zu reden? Jerusha wagte kaum zu atmen, sie wusste, dass jetzt alles auf dem Spiel stand. Wenn Kiéran nicht verhandeln wollte oder konnte, dann wurde es nichts mit dem Schutz für ihre Familie!
Jetzt kam Leben in ihn. Bitte sag etwas, bitte, bat ihn Jerusha lautlos, doch Kiéran wandte sich abrupt zur Seite, von den Priestern ab, und blickte in die Ferne. Er atmete schwer.
Verzweifelt wandte sich Jerusha den fremden Männern zu. Was sollte sie tun, sollte sie die Verhandlungen übernehmen? Doch sie war es nicht, die hier gefragt war, es war Kiéran mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten, den die Priester brauchten!
Ganz kurz begegnete Dinesh ihrem Blick, und sie sah in seinen nachdenklichen Augen etwas, das ihr Hoffnung machte. Konnte er verstehen, wie Kiéran sich gerade fühlte?
Als der Priester die Stimme erhob, wäre Jerusha beinahe zusammengezuckt. Fast rechnete sie damit, dass Dinesh Kiérans zweites Amulett ansprechen würde, doch er tat nichts dergleichen. „Ich möchte Euch mein Beileid aussprechen, Kiéran“, sagte er stattdessen – mit einer sanften, ernsten Stimme, die Jerusha durch und durch ging. „Es ist mir bewusst, dass der Tod Eures Freundes Euch tief getroffen hat. Ich bedauere unendlich, dass es so weit kommen musste. Es war eine üble Laune des Schicksals, die uns zu Feinden gemacht hat.“
Einen Moment lang geschah nichts. Dann bemerkte Jerusha, dass ihr Gefährte tief durchatmete. Ganz langsam wandte er sich den Priestern und der Priesterin zu, zwang sich wohl dazu. Dann nickte Kiéran kurz. „Ich danke Euch für Eure Worte“, sagte er förmlich. „Auch mir tut es leid, was geschehen ist – Ihr hattet ebenfalls den Tod einiger Gefährten zu beklagen.“
Dinesh nickte ebenfalls. „Es stehen viele Erinnerungen zwischen uns – aber das müssen wir jetzt beiseite lassen, die Zukunft Ouendas steht auf dem Spiel.“
„Ja.“ Kiéran wirkte noch immer verkrampft, doch seine Stimme klang nüchtern. So wie immer, wenn es um Strategien, um Pläne ging. Erleichtert hielt sich Jerusha weiterhin im Hintergrund. Jetzt musste es nur noch klappen, dass die Priester auf seine Vorschläge eingingen!
„Wir haben uns bisher gar nicht so schlecht geschlagen, dafür, dass die Eliscan als unbesiegbar gelten“, erklärte Dinesh, und als er einem seiner Begleiter ein Zeichen gab, rollte dieser auf dem Boden eine Karte aus. Aber keine gewöhnliche Karte, es war eine, auf der Berge und Täler als Relief geformt waren. Natürlich, Dinesh wusste genau, was Kiéran sehen konnte und was nicht – war diese Karte eigens für ihn angefertigt worden? „Hier in Xaldas konnten wir sie abfangen und daran hindern, nach Benaris einzudringen ... aber in anderen Regionen waren wir nicht in der Lage, sie aufzuhalten – hier in Larangva zum Beispiel, außerdem an verschiedenen Stellen in Khelgardsland, hier und hier ...“ Er deutete mit dem Finger auf verschiedene Gegenden.
Während er beschrieb, was bisher geschehen war, hörte Kiéran zu, nickte hin und wieder und ließ die Finger über das Relief gleiten.
Schließlich richtete Dinesh sich auf, und Jerusha bemerkte, wie müde er wirkte. „Große Sorgen macht uns, dass in den letzten Tagen weiße Drachen aufgetaucht sind und Eliscan, die noch nie jemand gesehen hat – sie tragen eng anliegende Kleidung, zum Teil aus rotem Leder“, meinte er. „Beide Wesen haben uns schon schwere Verluste zugefügt, und wir verstehen nicht einmal, wo sie herkommen und wer sie sind. Könnt Ihr uns einen Hinweis geben?“
„Frostdrachen“, sagte Kiéran grimmig. „Sie stammen aus dem hohen Norden und sind, soweit ich weiß, mit den Elis Jinthra verbündet, dem Schneevolk.“
Jerusha war entsetzt. „Frostdrachen kämpfen auf der Seite der Eliscan?“, entfuhr es ihr. „Diese Biester können sogar gewöhnlichen Drachen gefährlich werden!“ Sie wusste, dass Koriónas sich mit ihnen schon so manchen unbarmherzigen Kampf geliefert hatte.
Interessiert betrachteten die vier Priester sie und fragten sich wahrscheinlich, wer sie war.
„Was die fremden Eliscan angeht ...“, fuhr Kiéran fort. „Ich fürchte, es sind Elis Sarkorr. Man nennt sie auch das Blutvolk, und was ich bisher von ihnen gehört habe, klang ziemlich ... heftig.“ Er warf Jerusha einen Blick zu, und Jerusha nickte bestätigend. „Wenn sie an einem unerträglichen Kummer leiden, lassen sie sich von einem Priester das Herz herausreißen“, berichtete sie.
Dinesh zog die Augenbrauen hoch. „Glücklicherweise haben sie bisher niemandem von unseren Leuten irgendetwas herausgerissen. Aber sie sind furchterregende Kämpfer, und wir haben ihren Klingen aus Sternenstahl nur die Kraft des Oscurus, die ganz eigenen Gesetzen folgt, entgegenzusetzen. In Khera hat einer dieser Eliscan innerhalb einer Minute zehn unserer Leute niedergemäht, so gleichmütig, als seien es Grashalme.“
„Xatos´ Rache!“ Kiéran verzog das Gesicht. „Wie viele Elis Sarkorr sind an den Kämpfen beteiligt?“
„Bisher nur etwa hundert, schätzen wir ... aber es werden beständig mehr.“
„Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie einen weiten Weg bis zu uns haben und erst jetzt ankommen – soweit ich weiß, leben sie im Nordosten von Khorat“, erklärte Kiéran, und Jerusha fragte sich erstaunt, wie und wann er all das herausbekommen hatte. Wahrscheinlich durch lange Gespräche am Lagerfeuer, als sie selbst mit den Drachen unterwegs gewesen war.
„Was ist mit Friedensverhandlungen? Irgendwelche Chancen?“, fragte Dinesh, doch Kiéran schüttelte grimmig den Kopf. „Vergesst es. Durch Machtkämpfe in den Eliscan-Reichen ist nicht mal klar, mit wem wir verhandeln sollten ... der rechtmäßige König will den Frieden, aber ob er sich durchsetzen kann, wissen nur die Götter – und vielleicht nicht mal die.“
Dinesh wirkte sehr beeindruckt. Er tauschte einen Blick mit seinen Begleitern, dann wandte er sich wieder an Kiéran. „Ich danke Euch dafür, dass Ihr dieses Wissen so offen mit uns teilt“, sagte er. „In Eurer Botschaft habt Ihr angedeutet, dass Ihr uns einen Handel vorschlagen wollt?“
„Genau.“ Kiéran stellte Jerusha vor und erklärte, worum es ihm ging: Schutz für sie und ihre Familie im Tausch gegen seine volle Unterstützung. „Es versteht sich von selbst, dass ich auch an der Grenze kämpfen werde – mit meinem Sternenstahl-Schwert, das ich gerade aus Thoram zurückgeholt habe“, beendete er seine Erklärungen.
Nervös wartete Jerusha darauf, wie die Priester reagieren würden.
Dinesh entschuldigte sich, um diesen Vorschlag mit den anderen Priestern und der Priesterin zu besprechen. Wortlos nahm Kiéran Jerushas Hand und drückte sie, beide wussten sie, wie viel von der Entscheidung dieser Leute abhing. Zum Glück mussten sie nicht lange warten, schon nach kurzer Zeit wandte sich Dinesh wieder zu ihnen um.
„Einverstanden“, sagte er. „Jerusha und ihre Familie erhalten Zuflucht in unserem Tempel am Fürstin-Jolissa-See, das ist in der Nähe von Loreshom. Ist das in Eurem Sinne, Jerusha?“
„Absolut“, sagte Jerusha und verbeugte sich dankbar. Ihr war etwas leichter ums Herz. Obwohl diese Entscheidung bedeutete, dass sie und Kiéran schon bald wieder getrennt sein würden – sie mochte gar nicht daran denken, was es bedeutete, dass er an der Grenze kämpfen würde. Gegen Elis Sarkorr, bei allen Göttern!
„Dann bleibt jetzt noch eins zu besprechen“, sagte Dinesh, und auf einmal hatte seine Stimme einen unnachgiebigen Klang. Stahl in einer Hülle aus Samt. „Dieses Amulett, das Ihr tragt, gehört Euch nicht, Kiéran SaJintar.“
Kiéran blickte ihn unverwandt an. „Das ist richtig.“
Gnädige Shimounah, dachte Jerusha. Sie wusste, dass Kiéran dieses Amulett auf keinen Fall hergeben würde ... wenn die Priester versuchen würden, es ihm abzunehmen, stand ihnen ein Kampf auf Leben und Tod bevor. Doch die Priester ließen ihre Schwerter stecken, und Dinesh fuhr fort: „Wenn dieser Krieg vorbei ist ... dann solltet Ihr Buße tun dafür.“
„Was für eine Buße?“ Kiéran klang abwartend.
„Einen Mond lang völlige Blindheit, ein Leben ohne Amulett“, erwiderte Dinesh. „Und als Wiedergutmachung an uns schützt Ihr mit Euren Leuten die Geburt eines neuen Schwarzen Spiegels. Es ist immer eine gefahrvolle Zeit, bis der Spiegel nach den ersten Tagen seine endgültige Kraft erreicht hat.“
Diesmal war es Kiéran, der ohne Zögern „Einverstanden“ sagte. Dinesh nickte, und einen Moment lang meinte Jerusha ein kurzes Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen. Dann wurde er wieder ernst.
„Gut. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Wir würden Euch gerne im Queamandeh-Gebirge einsetzen, Kiéran ... wie bald könnt Ihr aufbrechen?“
„Jetzt sofort“, sagte Kiéran. „Könnten Eure Leute meine Gefährtin in ihren Heimatort eskortieren?“
„Natürlich“, kam es sofort zurück.
Die Priester und die Priesterin zogen sich zu ihren Pferden zurück und machten sich bereit zum Aufbruch. Taktvoll taten sie dabei so, als beachteten sie Kiéran und Jerusha nicht.
In Jerushas Hals saß ein Kloß, sie wusste, dass die Zeit des Abschieds gekommen war. Kiéran wandte sich ihr zu, und eine große Zärtlichkeit lag in seinem Blick. Jerusha spürte, wie Tränen in ihre Augen drängten. Wieso kann ich ihn nicht einfach behalten ... ich habe ihn doch gerade erst wiedergefunden! Was ist, wenn er nicht zurückkommt?
„Mit etwas Glück ist im Frühling schon alles vorbei, und du kannst endlich an deiner Statue weiterarbeiten.“ Kiéran wischte ihr die Tränen mit dem Finger ab. „Ich passe schon auf mich auf, du kümmerst dich um Liri, ja? Lass sie bloß nicht mitkämpfen – sie ist zwar unheimlich gut mit dem Bogen, aber die Eliscan sind besser.“
Jerusha nickte, sie brachte kein Wort heraus.
Kiérans Arme hielten sie sehr fest. „Und wenn wir das hier überleben ... könntest du dir dann vorstellen, mich zu heiraten?“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Obwohl wir uns noch nicht so lange kennen? Ein halber Jahreslauf ist wahrscheinlich nicht genug Zeit, um sich richtig in allen Höhen und Tiefen ...“
Oh, diese Frage! Auf die hatte sie, wenn sie ehrlich war, schon ein bisschen gewartet. Ein Schauer puren Glücks durchlief Jerusha. Obwohl ihr noch immer die Tränen herunterliefen, musste sie lächeln.
„ ... und ich weiß, sowas ist eine schwere Entscheidung, vielleicht solltest du erst deine Mutter fragen, bevor du ...“
Anscheinend war er so nervös, dass er gar nicht aufhören konnte zu reden. Also hielt ihm Jerusha kurzerhand den Mund zu. „Ja“, sagte sie fest. „Ja, ich will dich heiraten, Kiéran SaJintar!“
„Gut“, sagte Kiéran, als sie die Hand von seinem Mund genommen hatte. Dann küsste er sie so lange, dass die Pferde ungeduldig zu scharren begannen und Dinesh sich irgendwann räusperte. Widerstrebend ließ Jerusha Kiéran los, aber dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn noch einmal, sie konnte nicht anders. Mit einem Lächeln in den Augen beugte er sich zu ihr hinab und fuhr mit den Fingern durch ihre dunklen Locken.
„Wir treffen uns in Loreshom ... irgendwann!“, sagte er, dann stieg er auf – es klappte erst beim zweiten Versuch, denn Reyn wollte mal wieder nicht stillstehen – und galoppierte mit Dinesh und einem der Priester davon.
Jerusha sah ihm nach, bis er und die anderen beiden Gestalten in der Ferne verschwunden waren. Dann nickte sie ihren neuen Begleitern zu, auch für sie war es Zeit zum Aufbruch.
„Komm mit“, forderte ihn Aláes nach der Rede auf, seine Stimme klang ausdruckslos. Silmar überlegte kurz, ob er sich weigern sollte, aber für eine Flucht war es längst zu spät. Irritiert spürte er, dass mit seinen Beinen irgendetwas nicht stimmte, sie fühlten sich kraftlos an, wie Gelee. Vielleicht sollte er einen Heiler aufsuchen.
Als sie in Aláes´ neuen Räumen angekommen waren, wandte sein Onkel sich sofort an seine Leibwachen: „Ich rufe euch, wenn ihr wieder benötigt werdet.“ Als die Männer ihn fragend anblickten, wedelte er ärgerlich mit der Hand. „Raus jetzt!“
Gehorsam wandten sich die beiden Eliscan um und gingen. Nur der Gharir blieb, er wirkte gleichmütig.
Silmars Knie fühlten sich noch kraftloser an, diese eigenartige Krankheit schien sich rasch zu verschlimmern. Dass er seine Leibwache weggeschickt hat, kann nur eins bedeuten, und zwar, dass ... nein, das kann Aláes nicht tun, er ist mein Verwandter! Wahrscheinlich will er nur unter vier Augen mit mir reden ... oder eher, unter sechs, wenn man den Gharir mitzählt ...
Sein Onkel kramte in dem Kästchen aus seltenen, verschiedenfarbigen Hölzern, das er einmal von seinen Reisen nach Ouenda mitgebracht hatte. Silmar konnte sich noch daran erinnern – Aláes hatte ihm in seiner Kindheit genau das gleiche geschenkt, nur kleiner. Wenn er sich recht erinnerte, hatte er damals Zuckerzeug hineingetan und das ganze Ding irgendwann versehentlich fallen lassen, so dass es zerbrochen war. Aláes hatte nie gefragt, was daraus geworden war.
Jetzt kam sein Onkel auf ihn zu. Das übliche Lächeln sparte er sich.
„Silmar, Silmar“, sagte er und seufzte. „Ich hätte nie gedacht, dass du so dumm sein würdest. Was soll nur aus dir werden? Ke´syntenErieth!“
„Was ich gesagt habe, war die Wahr ...“
Aláes näherte sich ihm und hob die Hand, um ihm auf die Schulter zu klopfen. Silmar zuckte zurück, doch Aláes folgte ihm wie ein Schatten. Silmar spürte einen leichten Schlag auf seinem Oberarm ... und einen kurzen, schnellen Schmerz. Sein Onkel hatte eine Nadel in der Handfläche verborgen!
Silmar taumelte zurück und spürte fast sofort, wie etwas mit seinem Körper geschah. Sein ganzer Arm wurde taub, dann breitete sich ein brennendes Kribbeln durch seinen Körper aus ... durch seinen Torso, hinunter zu seinem Unterleib, dann durch die Beine zu seinen Füßen. Silmar versuchte zu schreien, doch er konnte nicht einmal mehr den Mund öffnen. Er stürzte, fiel einfach um wie eine tönerne Statue.
Jetzt veränderte sich das Gefühl, das Brennen wurde immer stärker, seine Haut schien in Flammen zu stehen. Silmar krümmte sich auf dem Boden, Krämpfe rissen an seinen Muskeln. Die Welt begann um ihn herum zu flimmern, doch seine Hand war nah genug vor seinen Augen und Silmar sah blaue Flammen darüber züngeln, auch über sein Bein, nein, über seinen ganzen Körper. Er brannte! Brannte am ganzen Körper! Sein Onkel war dabei, ihn lebendig zu verbrennen! So ... entsetzlich ... weh! Wann hört das endlich auf wann wann wann? Sterbe ich jetzt? Sterbe ... sterbe ... sterbe ...
Durch die Qual hindurch nahm er wahr, dass Aláes ihn beobachtete. Zufrieden, mit einem kleinen Lächeln. Am liebsten hätte Silmar ihn angespuckt – Bastard! Du Bastard! – , doch auch seine Lippen standen in Flammen, wurden sie schon zu Asche? Wann hört das auf, nein, nein, nein, bitte!
Sein Onkel ging davon, ließ ihn liegen ... nein, er ging nur zur Tür ... begehrte irgendjemand Einlass? Ja, jemand kam herein. Ularia. Ratsmitglied. Keine Freundin von Aláes. Sie stand noch im Vorraum, sah Silmar vermutlich nicht, weil er auf dem Boden lag wie ein Wurm. Es tut so weh, ich sterbe ich sterbe bitte hilf mir hilf hilf! Nichts davon konnte er aussprechen, gerade fraßen die Flammen sein Gesicht, verzehrten seine Zunge, seine Wangen. Nein! Nein!
„Weswegen wolltet Ihr mich sprechen, Aláes?“ Ularias Stimme, unendlich fern.
„Ich? Wieso? Nein, nicht dass ich wüsste. Wer hat euch die Botschaft überbracht?“
„Eine junge Frau, eben gerade ...“
„Das war wohl ein Missverständnis, verzeiht. Wie sah sie denn aus, diese Frau?“
Bitte sieh mich, Ularia! Du musst mich sehen! Ich bin hier, du musst mir helfen! Aus Silmars Mund kam nur ein leises Ächzen. Dann überrollte ihn die nächste Welle purer Qual, und Silmar krümmte sich zusammen. Seine Schuhe scharrten über den Boden.
Weit, weit entfernt schnappte jemand erschrocken nach Luft. „Oh, das ist doch ... wieso habt Ihr nicht gesagt, dass es ein Notfall ist? Ich rufe sofort einen Heiler!“
Aláes´ Stimme, widerlich die geheuchelte Sorge. „Ja, bitte, mein Neffe ist ganz plötzlich zusammengebrochen.“
Dann kniete jemand neben ihm, berührte ihn vorsichtig, träufelte ihm etwas in den Mundwinkel. Vorsichtige Hände hoben ihn auf, trugen ihn davon.
Gnädige Dunkelheit nahm ihn auf.
Als er in den Räumen der Heiler erwachte, fühlte er sich besser. Er konnte sich sogar wieder etwas bewegen, die Finger zu strecken gelang ihm. Steif versuchte Silmar, sich aufzusetzen, doch es war zu anstrengend, erschöpft ließ er sich wieder zurücksinken. Eine Heilerin eilte herbei, sie hatte wunderschöne Haare in der Farbe des Mondlichts. Er wusste, dass er irgendwann einmal mit ihr geschlafen hatte, aber ihr Name fiel ihm nicht mehr ein. „Du bist wach!“, rief sie. „Erieth sei Dank!“
Silmar hob seine Hand vor Augen – sie schmerzte noch immer furchtbar, er rechnete damit, rohes, versengtes Fleisch zu sehen. Doch sie sah aus wie sonst, die Haut glatt und geschmeidig, die langgliedrigen Finger völlig unversehrt. Verblüfft betastete er sein Gesicht, auch das fühlte sich ganz normal an. Sein langes, hellblondes Haar war ebenfalls nicht angesengt. „Was ist ... mit mir passiert?“ Seine Zunge gehorchte ihm wieder.
Die Züge der Heilerin verhärteten sich. „Es gibt zwei Möglichkeiten. Eine unbekannte Krankheit, dir mir noch nie untergekommen ist ... oder jemand hat dir Xdhiál gegeben. Das Gegenmittel hat jedenfalls gewirkt.“
Silmar nickte mit schmalen Lippen. Xdhiál. Für Menschen sicher tödlich, für Eliscan nur entsetzlich qualvoll. Ja, das musste es gewesen sein. Er hatte so etwas nie zuvor erlebt ... wie grauenhaft es gewesen war! Und sein eigener Onkel hatte ihm das Zeug verabreicht! Wenn Ularia nicht unerwartet erschienen wäre, wäre diese Folter wahrscheinlich noch stundenlang, womöglich tagelang weitergegangen. Aber wieso war Ularia überhaupt da gewesen? Aus Erinnerungsfetzen reimte er sich zusammen, dass jemand, eine junge Frau, sie durch eine gefälschte Botschaft dorthin gelockt hatte ... steckte dahinter Pharanee, hatte sie geahnt, dass ihm Gefahr drohte? Wenn ja, dann hatte er sie ernsthaft unterschätzt.
Die Tür ging auf, und Aláes schritt herein, die Absätze seiner hohen Lederstiefel klackten auf dem Marmorfußboden. Sofort verbeugte sich die Heilerin respektvoll vor ihm und zog sich mit ihren Helfern und Helferinnen in den Hintergrund zurück.
Mit einem herzlichen Lächeln, das auf den ersten Blick echt wirken mochte, setzte sich Aláes an den Rand seines Bettes. Silmar verkrampfte sich. Wenn er noch einmal versucht, mir auf die Schulter zu klopfen, schreie ich ... aber er würde es nicht hier unter aller Augen tun, oder?
„Ich hoffe, du gesundest rechtzeitig zu meiner Krönung, Neffe“, sagte Aláes mit besorgtem Blick.
Wie entsetzlich gut er heucheln kann. Silmar nickte schweigend – wenn er sprach, würde er alles nur noch schlimmer machen.
Sein Onkel beugte sich zu ihm herab und hauchte ihm, noch immer lächelnd, ins Ohr: „Du denkst nicht daran, mir weiterhin zu trotzen, oder? Wenn doch, dann muss ich zu meinem Bedauern weitere Maßnahmen ergreifen. Ich denke da ans Abtrennen deiner Hände ... ein bedauerlicher Unfall natürlich.“
Silmar erstarrte, doch Aláes war noch nicht fertig. „Stell dir vor, wie gut du es dann hast. Nicht einmal dein Glas musst du selbst zum Mund heben. Doch leider wird dich keine Frau in Moranshir mehr mit Begehren anblicken. Das einzige, was du noch in ihrem Blick sehen wirst, ist Mitleid.“
Einatmen. Ausatmen. Wenn Silmar sich auf seinen Atem konzentrierte, dann ging es irgendwie. Dann schaffte er es, sich nichts anmerken zu lassen.
„Erhol dich gut, Neffe“, sagte Aláes wieder lauter, erhob sich und schritt ohne einen Blick zurück zur Tür.
Vorsichtig erhob sich Silmar und stellte die Füße auf den Boden, ungeduldig winkte er einer Helferin, ihm seine Schuhe zu bringen. Er musste hier raus. Doch bevor er die Tür erreichte, ging sie schon auf – noch mehr Besuch! Erleichtert sah er, dass es diesmal Pharanee war – doch sie war bleich wie das Blütenblatt einer Anemone und zitterte am ganzen Körper. „Aláes ... eben ...“, stammelte sie. „Er wusste, dass ich diese Botschaft ... er sagte, dass er mir ... dass er ...“
„Ich weiß“, sagte Silmar und nahm sie in die Arme. „Zu mir hat er es auch gesagt.“
Pharanee erwiderte die Umarmung, doch sie ließ sich nicht gegen ihn sinken. Ihr Körper fühlte sich an wie aus Holz, und ihre violetten Augen waren glasig. „Er meint das auch so, nicht wahr?“
„Ja. Und selbst wenn er dafür verurteilt wird ... für uns ist es dann zu spät.“ Silmar versuchte sich ein Leben ohne Hände vorzustellen und schaffte es nicht.
„Lass uns fortgehen von hier, jetzt gleich“, flüsterte Pharanee.
Doch Silmar spürte, wie die Wut zurückkehrte, die ihn damals erfasst hatte, nachdem Aláes das magische Amulett des Lin´tháresh zerstört hatte. Es war eine kalte Wut, klar und hart wie Eis, und er konnte fühlen, wie sie ihm seine Kraft zurückgab. „Nein“, sagte er – mit Absicht so laut, dass die Heilerinnen ihn hören konnten. „Dieser Mann darf nicht König werden!“
Die meisten Heilerinnen blickten drein wie Eulen, wenn es donnert, doch diejenige mit den mondfarbenen Haaren nickte und begegnete seinem Blick. „Was können wir tun?“, fragte sie.
Dankbar lächelte Silmar sie an. Er musste nur kurz überlegen, bis ihm etwas einfiel. Rasch, bevor die Angst ihn wieder in den Griff bekam, nahm er die Wortführerin beiseite und begann leise zu sprechen.
***
Erleichtert sah Jerusha, dass in Loreshom noch fast alles so war wie bei ihrer Abreise. Auf den Feldern grasten schwarzköpfige Kehanoschafe, am Dorfweiher angelte ein Junge, auf dem Dach einer Kate putzte sich ein Storch das Gefieder. Nirgendwo Leichen, nirgendwo brennende Häuser, den Göttern sei Dank! Noch war der Krieg nicht bis hierher vorgedrungen.
Doch ihre Botschaft schien angekommen zu sein, Barrikaden aus angespitzten Holzpfählen waren um das Dorf herum errichtet worden, und an den ungepflasterten Straßen, die ins Dorf hineinführten, standen Wachen. Jerusha erkannte Nicojem DoAlland, ihren Nachbarn, und Andros ElMoris, einen jungen Schmied. Sie versuchten beide ihr Bestes, grimmig dreinzublicken, und legten großspurig die Hand an den Griff ihrer Schwerter, als sie ihren kleinen Trupp erblickten.
„Woher und wohin?“, schnauzten sie die Priester an. Doch dann erkannten sie Jerusha, entspannten sich und lächelten sie verlegen an. „Ach, du bist es, alles in Ordnung?“, meinte Nicojem, und Andros fragte neugierig: „Wo ist Kiéran?“
„Kämpft an der Grenze“, sagte Jerusha, sie vermisste ihn schon jetzt furchtbar. Unwillkürlich verglich sie die beiden Gestalten vor sich mit ihm. Ihre Schwerter waren kaum besser als Schrott, die Klinge schartig, der Griff rostig – aber das war eigentlich egal, denn an der Haltung der beiden Männer sah man, dass sie sowieso nicht wussten, wie man mit einer Waffe umging.
„An der Grenze“, wiederholte Nicojem DoAlland tief beeindruckt. „Er wird sie alle fertigmachen!“
„Es sind ziemlich viele, fürchte ich – die schafft selbst er nicht alle“, sagte Jerusha mit einem schwachen Lächeln. „Ach ja, wisst ihr, wo meine Leute sind?“
„Die haben ihre Sachen gepackt und sind ab in den Wald“, meinte Andros und beäugte neugierig die beiden Priester, die schweigend auf ihren Pferden hockten. „Niemand anders wollte mitkommen. Bei diesem Wetter im Wald nächtigen, Ghalil bewahre!“
Ihnen ist nicht klar, wie gefährlich die Eliscan wirklich sein können, dachte Jerusha beunruhigt und war froh, dass ihre Familie getan hatte, worum sie sie gebeten hatte. Sie fragte nach ihrer Freundin Kianna, doch die war gerade auf einer Reise nach Uskaja, um dort ihre Waren anzubieten. Sie würden sich nicht verabschieden können. Zum Glück lag Uskaja noch weiter von der Grenze entfernt als Loreshom, dort war es sicherer als hier.
Traurig bedankte sich Jerusha für die Auskunft, sie hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen dabei, all ihre Freunde und Nachbarn zurückzulassen und selbst in einem Spiegeltempel Schutz zu suchen. Hilft nichts, dachte sie verbissen, niemals hätte ich die Genehmigung bekommen, alle Dorfbewohner im Tempel unterzubringen.
Sie ritt kurz bei ihrer Kate vorbei, um Ersatzkleidung, ein neues Stück Seife und weiteren Proviant zu holen. Vorsichtig strich sie über die schwarzlila Blüten ihrer Nachtlilien, die wie immer zu dieser Zeit geschlossen waren. Ich bin wieder da,sobald ich kann, versprach sie ihnen lautlos, dann ritt sie los zum Fir Evarn. Sie konnte es kaum noch erwarten, ihre kleine Schwester wiederzusehen, seit fast einem Mond hatte sie ihre Stimme nicht mehr gehört. Instinktiv trieb sie Damaris zum Galopp an, und die Priester folgten auf ihren Pferden.
Noch allzu gut erinnerte sich Jerusha daran, wie sie zuletzt auf dem Fir Evarn gestanden hatte ... in dieser ganz besonderen Nacht von König Qedyrs Ankunft. Jetzt war es hell, und an diesem regnerisch-kühlen Nachmittag sah alles sehr viel gewöhnlicher aus, auch die Baumgesichter.
Suchend sah Jerusha sich nach Liri um, doch keine Spur von ihr und ihrer Mutter.
„Heda! Wo seid ihr?“, rief Jerusha, und in einem immergrünen Baum in der Nähe raschelte es plötzlich. Zwei Hände drückten die Zweige auseinander, und Liris übermütiges Gesicht lugte hervor. „Shani!“, schrie ihre kleine Schwester, und kurz darauf lagen sie sich in den Armen. Wie immer trug Liri ihren Bogen über der Schulter, auch wenn er beim Klettern sicher hinderlich gewesen war. Ihre kurzen hellblonden Haare brachten ein wenig Sonnenschein in den grauen Tag.
Auch ihre Mutter tauchte auf, sie hatte sich unter einem Baum ein Lager gerichtet, das durch eine gewachste Plane vor dem Wetter geschützt war. Noch immer wirkte Myrial gleichgültig, wie erloschen, und mehr als eine freundliche Begrüßung, wie sie auch zwischen Fremden angemessen gewesen wäre, schafften sie beide nicht. Es war undenkbar, ihr freudig zu erzählen, dass Kiéran ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte. Dafür war später noch genug Zeit, und vielleicht würde sich wenigstens Liri darüber freuen.
„Wir müssen sofort los“, teilte Jerusha ihrer Familie mit.
„Ja, aber ... wohin sollen wir denn gehen?“ Ihre Mutter klang ratlos. „Und die Nacht kommt bald, bei Dunkelheit können wir nicht reisen.“
„Wir müssen“, drängte Jerusha. „Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis die Anderwesen hier eintreffen.“ Es hätte ihnen gerade noch gefehlt, jetzt von einem Rudel Skraelings überrascht zu werden. Doch Jerusha zwang sich zur Geduld und erklärte, dass sie Zuflucht in einem Tempel der Schwarzen Spiegel suchen würden, und warum diese Tempel sichere Orte waren. Liri beäugte die beiden Priester skeptisch und nickte, ihrer Mutter schien ohnehin alles egal zu sein.
Netterweise erboten sich die Priester, ihre Mutter mit auf eins ihrer Pferde zu nehmen, und Liri und Jerusha ritten gemeinsam auf Damaris, was der Stute nichts auszumachen schien. Unterwegs hatte Jerusha einen Käfig mit zwei Botenvögeln gekauft, den sie am Sattel befestigt hatte.
„Wusstest du übrigens, dass Papa gestern in Loreshom war?“, sagte Liri zu Jerusha, als sie sich auf den Weg zum Fürstin-Jolissa-See machten. „Zum Glück haben wir ihn noch getroffen, bevor wir in den Wald gegangen sind.“
„Tatsächlich?“, sagte Jerusha, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie hatte ihren und Liris Vater seit über einem Jahreslauf nicht gesehen. „Er hat bestimmt nicht nach mir gefragt, oder?“
„Erst nicht“, musste Liri zugeben.
