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Liska, eine junge Russin vom Land, wagt den Sprung in die Stadt. Dort sucht sie Arbeit – und Liebe. Sie stolpert von einer Beziehung in die andere, von Mann zu Mann, und bleibt doch auf der Suche.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Alexander Ikonnikow
Liska und ihre Männer
Aus dem Russischen von Annelore Nitschke
Ihr Verlagsname
Liska, eine junge Russin vom Land, wagt den Sprung in die Stadt. Dort sucht sie Arbeit – und Liebe. Sie stolpert von einer Beziehung in die andere, von Mann zu Mann, und bleibt doch auf der Suche.
Alexander Ikonnikow, geboren 1974 im russischen Urshum bei Kirow, hat nach seinem Studium der Germanistik eine Zeit lang als Dorfschullehrer gearbeitet. Bereits mit seinem Geschichtenband «Taiga Blues», weit über Deutschland hinaus als Entdeckung gefeiert, gelang ihm ein «genaues Bild der so genannten einfachen Menschen, gezeichnet in bester Tradition der großen russischen Dichter – mit unbestechlichem Blick und dennoch voller Anteilnahme» (Klaus Bednarz).
Alexander Ikonnikow lebt in Kirow.
Tieren steht nicht der Sinn nach Wahrheitssuche.
Andrej Korobow (1971–2003)
Das Städtchen Klettenberg, inmitten der malerischen Landschaft Mittelrusslands gelegen, unterschied sich vor dem Krieg nur wenig von den unzähligen anderen russischen Provinzstädten: schmale, staubige Gassen, Meuten herrenloser Hunde, armselige Häuschen mit windschiefen Zäunen, friedlich auf dem Hauptplatz spazierende Hühner und Gänse und eine Kirche ohne Kreuz, die kurzerhand zum Kornspeicher umfunktioniert worden war. Klettenberg wurde seit jeher von Leuten bewohnt, die soviel wie Laub, Kohl, Graser und natürlich Klett hießen. Aber es wohnten hier auch Iwanows, Petrows, Sidorows und noch etliche hundert anderer russischer Familien, nur Ogurzows, also Gurks, gab es noch nicht.
Deren erster Vertreter tauchte auf ganz ungewöhnliche Weise in Klettenberg auf.
Am 1. Oktober 1939 wurden die Bewohner der Stadt von einem unglaublichen Getöse erschüttert. Vermischt mit dem Geschrei der Kinder und dem Schrillen der Trillerpfeife des Milizbeamten, tönte es von der alten und einzigen gepflasterten Straße, der Semjonowstraße, herüber. Die neugierigen Klettenberger, unter ihnen auch die junge Näherin Sweta, eilten zur Quelle des Lärms und erblickten zum ersten Mal in ihrem Leben ein Automobil. Der Lastwagen, verfolgt von einer stürmischen Kinderschar, holperte mit qualmendem Auspuff von einem Straßenende zum anderen. Ihm voraus lief ein rotgeschwitzter Milizionär, der fieberhaft auf seiner Pfeife trillerte, mit den Armen fuchtelte und schreiend die Passanten auseinander scheuchte:
«Platz da! Platz da!»
Am Steuer saß ein schöner Braunschopf mit Schnauzbart, stolz und stockbesoffen. Seine Fliegerbrille, sein Lederhelm und der Benzingestank machten einen derartigen Eindruck auf Sweta, dass sie, als sie sich durch die Menge gezwängt hatte und auf die Straße gesprungen war, fast unter die Räder gekommen wäre. Der Fahrer bremste scharf, ihre Blicke trafen sich. Er fluchte nicht, sondern reichte Sweta die Hand und ließ sie einsteigen.
Den ganzen Tag kutschierten sie vor den Augen der neidischen Gaffer durch die Stadt, am Abend spazierten sie durch die dunklen Alleen des Stadtparks, er erzählte ihr von Kolben und Zylindern, sie seufzte träumerisch und bot ihm schließlich an, bei ihr zu übernachten.
Der Fahrer Ogurzow war zwar Soldat, aber ein ehrenhafter Mann. Am nächsten Morgen ging er mit Sweta zum Standesamt, und am Abend desselben Tags fuhr er zur finnischen Grenze und kehrte nie mehr von dort zurück.
Wladimir Ogurzow, der nach neun Monaten auf die Welt kam, wuchs als schwächlicher Knabe auf, und die Hungerjahre während des Krieges setzten seiner Gesundheit noch stärker zu. Sweta musste neben dem Nähen von Uniformmänteln und der Pflege der Verwundeten auch noch beim Holzfällen mithelfen, um die tägliche Ration irgendwie aufzubessern. Im Winter 1944 starb sie nach einer schweren Krankheit, der Junge geriet in die Obhut des Staates und in das ohnehin schon überfüllte Waisenhaus. Brot aus faulen Kartoffeln und Suppe aus Melde, beharrliches Lernen und der zusammen mit Frauen und deutschen Gefangenen geleistete mühsame Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Lebens, all das stählte seinen Charakter und formte einen kämpferischen Geist. Das Höchste, was sich Wladimir wie übrigens auch jeder seiner barfüßigen Altersgenossen als Kind erträumte, war ein Paar Spaltlederstiefel. Der Traum erfüllte sich: Er wurde Offizier und zog die Stiefel nie mehr aus.
Nach Beendigung der Militärschule in einer der gesperrten Städte der Sowjetunion erhielt Wladimir neunzig Tage Urlaub und fuhr nach Klettenberg. Kaum hatte er die heimatlichen Stätten und das Grab seiner Mutter aufgesucht, ging er zum Tanzen in den Stadtpark, wo er den feurigen Blicken Jelena Georgijewnas, eines jungen Mädchens aus dem Nachbardorf, nicht widerstehen konnte. Abgesehen von diesen drei Monaten der Leidenschaft und Zärtlichkeit, sah die hübsche und bescheidene Jelena Georgijewna ihren Mann in ihrem Leben noch dreimal. Das erste Mal kam er 1968 heim, um sein durchschossenes Bein ausheilen zu lassen, und zog nach einem halben Jahr erneut in einen der geheim gehaltenen Kriege der Sowjetunion. Das zweite Mal kehrte er 1970 zurück, da wurde die Tochter Liska geboren. Das dritte Mal kam er 1972, um sich von inneren Verletzungen zu erholen und seiner Frau im Haushalt zu helfen. Dann verschwand Wladimir Ogurzow. Jelena Georgijewna weinte lange und schrieb sogar etliche Briefe an das Verteidigungsministerium, aber alle blieben unbeantwortet.
«Wo ist denn unser Papa?», fragte die dreijährige Liska.
«Im Krieg, Töchterchen.»
«Wir haben doch mit niemandem Krieg?!», wunderte sich die fünfjährige Liska.
«Aber unser Land hat viele Freunde, denen wir helfen müssen.»
«Und warum habe ich diese Freunde nie gesehen?», erkundigte sich das siebenjährige Mädchen.
Doch Jelena Georgijewna verschwand in ihr Zimmer, tat so, als läse sie ein Buch, und weinte still.
Jeden Monat ging sie aufs Klettenberger Wehrersatzamt in der Hoffnung, dass man ihr irgendetwas über das Schicksal ihres Mannes mitteilen werde. Im Falle seines Todes hätte sie mit einer Rente und einer komfortablen Wohnung rechnen können. Aber auf dem Amt wusste man von nichts, und Jelena Georgijewna musste weiterhin mit der Tochter in einer vergammelten Baracke hausen, zusammen mit anderen Familien. Da sie keine Ausbildung besaß, versuchte sie es als Pflegerin im örtlichen Krankenhaus, bis sie einsah, dass dieses Einkommen für Liskas Erziehung nicht reichen würde.
Sie war jedoch immer noch sehr jung und schön, und so tauchten Männer in ihrem Leben auf. Der erste war Direktor des Gemüselagers, sodass sich Jelena Georgijewna nicht mehr wie alle anderen Sowjetbürger in Klettenberg im Gemüsegarten abrackern musste. Dienstags und freitags stattete ihr der stellvertretende Direktor der Fleischfabrik einen Besuch ab und füllte den Kühlschrank mit Schinken und erstklassigen Wurstsorten. Am besten gefiel der kleinen Liska der Direktor des örtlichen Marktes, der immer eine Wasser- oder eine Honigmelone mitbrachte, manchmal auch Pfirsiche und die größte Mangelware in der Sowjetunion – Bananen.
Die Kinder im Hof, die Liska ihrer Vaterlosigkeit wegen hänselten, verstummten sofort, weil sie jetzt auf die Frage, wo denn ihr Papa sei, stolz antwortete, sie habe mehrere. Auf dem Hof und im Kindergarten ging Liska den anderen Mädchen, die sie für Zimperliesen hielt, aus dem Weg. Sie verachtete deren Spiele und bolzte lieber mit den Jungen. Dank ihres aufbrausenden, unabhängigen Charakters konnte sie sich stets behaupten und mischte sich mit Freuden in alle kindlichen Raufereien ein. Nie wurde sie von irgendjemandem Lisa genannt, erst recht nicht Jelisaweta, wie ihr Name in der Geburtsurkunde lautete. Sogar die Erzieher, die es leid waren, gegen ihren Dickkopf anzukämpfen, hatten sich an die abschätzige Kurzform «Liska» gewöhnt.
Die Zahl von Jelena Georgijewnas Besuchern wurde immer größer, und Liska war den ganzen Tag sich selbst überlassen. Jeden Sommer bekam sie ein neues Fahrrad geschenkt und jeden Winter neue Ski. Die Mutter verheimlichte ihr nach Kräften ihr Gewerbe und tat deshalb alles, damit ihre Tochter möglichst viel Zeit im Freien verbrachte. Liskas Zuflucht waren nun die Obstgärten. Im Frühling blühend und duftend, im Herbst von einem weichen, bunten Laubteppich bedeckt und im Winter in bizarre Schneehauben gekleidet, waren sie der Ort, wo sich Liska über ein hartes Wort der Mutter beschweren oder einfach nur träumen konnte.
Dann kam die Schulzeit, und wie alle anderen sowjetischen Kinder wachte Liska zu den Klängen der Staatshymne aus dem Radio auf, legte das rote Halstuch der jungen Pioniere an und ging in die Klettenberger Schule, wo ihr außer Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht wurde, wie man eine Kalaschnikow auseinander nimmt, eine Gasmaske benutzt und sich im Keller vor amerikanischen Bomben versteckt. Liska legte keinen besonderen Lerneifer an den Tag, und egal, ob sie sich bemühte oder nicht, waren ihre Noten mittelmäßig. Das einzige Fach, in dem sie «gut» und «sehr gut» erhielt, war Physik. Das kam daher, dass sich Liska in die Physiklehrerin verliebt hatte, eine kluge, selbständige und ewig nach Tabak riechende Frau, die sie in allem nachahmte. Jelena Georgijewna wollte schon hoffen, dass ihre Tochter doch nicht ganz unbegabt war, doch bald wurde die Lehrerin entlassen, das wissenschaftliche Interesse erlosch, und es blieb nur noch die Gewohnheit zu rauchen.
Allmählich merkte Liska, dass sich irgendwelche Metamorphosen mit ihr vollzogen. Ihr Körper begann ein süßes Weh zu fühlen, und manchmal überlief ihn ein leises Beben, wenn ein Klassenkamerad sie beim Stundenwechsel oder im Turnunterricht zufällig streifte. Sie hatte sich bereits mehrmals dabei ertappt, dass sie die Figur ihrer Mitschülerinnen im Umkleideraum unverhohlen anglotzte. Ihre Wangen brannten, sie empfand Beklommenheit in der Brust, konnte aber nichts dagegen tun.
Wenn die Mutter nicht zu Hause war, zog sich Liska aus und betrachtete sich lange im Spiegel. Sie hätte gern eine Antwort auf die Frage gefunden, ob sie schön sei, aber es gab keine, die eindeutig war. Sie studierte ihr Gesicht, indem sie erst die Stirn mit der flachen Hand verdeckte, dann die Nase, dann das Kinn. Einzeln erschienen ihr die Gesichtspartien schön, aber sie waren sehr hässlich miteinander kombiniert und passten überhaupt nicht zu den braunen Augen und dem kastanienbraunen Haar. Die größte Unzufriedenheit erregte ihr Busen, der so klein war, dass sich Liska eine List einfallen ließ. Sie nähte in ihren Büstenhalter Schulterpolster ein, die sie aus alten Jacketts ihrer Mutter herausgetrennt hatte. Stolz sein konnte sie nur auf ihre Beine, deren Schlankheit sie ihrer Umgebung präsentierte, indem sie alle ihre ohnehin schon kurzen Kleider und Röcke noch kürzer machte.
Diese Beine konnten von den Jungs aus den höheren Klassen nicht unbeachtet bleiben. Sie johlten ihr nach und rissen unanständige Witze, doch Liska reagierte nie darauf, sondern ging erhobenen Kopfes weiter. Stets hielt sie sich abseits, suchte sich keine Freunde und Freundinnen und war, abgesehen vom Heizer Pascha, vollkommen einsam.
Der Kesselraum, in dem der fünfundzwanzigjährige wortkarge Bursche arbeitete, befand sich auf Liskas Schulweg, und sie schaute fast täglich vorbei, um heimlich zu rauchen und zuzuschauen, wie Pascha mit einer großen Schaufel Kohlen in die riesigen Feuerungen warf. Paschas nackter Oberkörper, das Feuer und die Dampfkessel weckten in ihr den Drang, das zu erleben, worüber ihre Klassenkameradinnen beim Stundenwechsel immer öfter tuschelten; manche bekannten, dass sie es schon probiert hätten, und beschrieben alles in größter Ausführlichkeit. Und als dieses unerforschte, erschreckende, aber lockende Gefühl sich in Verlangen verwandelte und unerträglich wurde, da wählte sie eben den Heizer als den geeigneten Mann dafür aus.
An diesem Abend sagte sie ihrer Mutter, sie gehe zum Geburtstag einer Freundin, kaufte vom Geld, das sie von der Schulspeisung abgezweigt hatte, eine Flasche Portwein und ging zu Pascha. Der junge Heizer war zunächst verwirrt, doch dann lud er sie in seine kleine Kammer ein, in der sich ein schmales Bett und ein von Kohlenstaub bedeckter Tisch befanden.
Pascha trank den Wein in großen Schlucken, aß Wurst dazu und wurde schnell betrunken. Nach der halben Flasche begannen seine Augen in dem schmutzigen Gesicht keck zu blitzen, er versuchte sogar, etwas Komisches zu erzählen. Liska hörte ihm jedoch nicht zu, sondern rauchte nur schweigend und malte sich aus, wie es wäre, wenn diese vom Ruß geschwärzten Hände ihren weißen Körper berührten. Dann zog sie sich aus, schlüpfte unter die Decke und beobachtete Pascha.
Der legte die Wurstscheibe beiseite, wischte die Hände am Vorhang ab und begann sich ebenfalls auszuziehen. Der Reißverschluss seines Schuhs klemmte, und da er ihn nicht aufbekam, fiel er mit dem Schuh und der heruntergelassenen Hose am einen Bein auf Liska drauf.
Alles ging so rasch, dass sie außer Schmerz und dem Gefühl einer inneren Beschmutzung nichts empfand.
«Und deswegen durchlöchern sich Leute den Kopf, schneiden sich die Venen auf, schreiben Gedichte und können nachts nicht schlafen?», überlegte sie auf dem Heimweg. «Nein, nein. Einen Mann werde ich niemals lieben.»
Jetzt betrachtete sie ihre Mutter, die so viele Männer hatte, mit anderen Augen. Deren Lebensweise erschien ihr unbegreiflich, ja ungeheuerlich.
Aber obwohl der Gedanke, das Bett mit einem Mann zu teilen, bei Liska Ekel und Angst auslöste, sonnte sie sich im Bewusstsein, dass sie nun eine Frau war. Zweimal erlaubte sie dem Zehntklässler Jurka, sie ins Kino einzuladen, und einmal machte sie dem Sportlehrer so schöne Augen, dass er rot wurde und sich schleunigst abwandte. Mit einem Schlag war sie für die Jungen, die den Wandel spürten, attraktiv geworden, und Liska genoss es, ein Spiel mit ihnen zu treiben und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Insgeheim teilte Liska die Jungen in zwei Kategorien ein: in primitive, picklige Minderjährige, die nur für einen Flirt taugten, und in gestandene Erwachsene mit einem Duft nach Rasierwasser und Tabak, an deren Arm sie, zum Neid ihrer Freundinnen, spazieren gehen konnte.
Am meisten aber freute sich Liska darüber, dass nun der stattlichste Junge der Schule, nämlich Alexej, ein Auge auf sie warf. Er war Einserschüler, Sportler und Sekretär des Schulkomsomols. Sie war überglücklich, als er sie zu geselligen Abenden bei sich einlud, ihr in den Unterrichtsstunden Liebesbriefchen schrieb und sie nach der Schule heimbegleitete. Selbst die Lehrer, die sich bei Jelena Georgijewna beschwerten, dass ihre Tochter nicht die vorgeschriebene Schuluniform trage, stattdessen Schminke auflege und keine Mühe darauf verwende, aktives Mitglied der kommunistischen Gesellschaft zu werden, billigten die Verbindung. Vielleicht wäre alles gut gegangen, wenn nicht eine Woche vor den Abschlussprüfungen das Furchtbare geschehen wäre: Pascha prahlte vor allen seinen Freunden, Liska entjungfert zu haben.
Liska hätte nie gedacht, dass dieser stille, bescheidene Heizer zu so etwas fähig wäre, und nun zerriss sich gleich die ganze kleine, auf Klatsch erpichte Stadt das Maul. Klettenberger Köpfe wurden vorwurfsvoll geschüttelt, Blicke wurden scheel, Verehrer wandten sich ab, und in Liskas Gehirn schwirrten die Worte:
«Die Tochter ist in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Die ist genauso ein Flittchen wie sie.»
Liska lief in die Obstgärten und lag lange im jungen Gras. Sie atmete den warmen Frühlingswind in vollen Zügen ein, um nicht zu weinen. Am Abend vertraute sie ihren Kummer zum ersten Mal der Mutter an und hatte sogar das Gefühl, dass sie sich wieder näher gekommen seien, doch sie täuschte sich. Jelena Georgijewna sah sie mit gütigen, liebenden, aber verständnislosen Augen an. Und «so ein Flittchen» las Liska auch auf den Gesichtern ihrer Klassenkameraden, die oft hinter ihrem Rücken tuschelten; auf den Gesichtern der Lehrer, die sich unvoreingenommen stellten und so taten, als sei nichts geschehen; auf den Gesichtern der ewig im Hof sitzenden Rentnerinnen und auf denen bekannter und unbekannter Passanten. Das spießige, provinzielle Klettenberg fraß sie allmählich auf.
Liska hatte noch nicht über ihren künftigen Beruf nachgedacht, doch zu ihrem Glück gab die Schwesternschule der Stadt G. zu diesem Zeitpunkt bekannt, dass der Schulabschluss zur Aufnahmeprüfung an ihr berechtige, und Liska ergriff die Möglichkeit sofort. Lieber wollte sie Krankenschwester werden, als noch einen einzigen Tag länger in Klettenberg bleiben. Und während sich ihre Klasse auf dem Abschlussball vergnügte, begab sich Liska, nachdem sie zwei schwere Koffer gepackt und einen Brief an die Tante eingesteckt hatte, nach G.
Die gesamte Strecke vom Bahnhof bis zur Wohnung ihrer Tante konnte sich Liska nicht vom Trambahnfenster losreißen; neugierig beobachtete sie das geschäftige Treiben der Menschen. Einer unerklärlichen Logik gehorchend, wimmelten sie am Fuß der zahlreichen Plattenbaukästen herum, hasteten in Haufen über die Straße, traten irgendwo ein und kamen wieder heraus. Die vierspurigen Straßen waren mit ununterbrochen hupenden und sich stauenden Autos und Bussen verstopft. Als die Trambahn auf die Brücke hinauffuhr, präsentierte sich die Stadt G. in ihrer ganzen Größe. Sie erstreckte sich auf beiden Seiten des Flusses bis zum Horizont, wo Dutzende, vielleicht auch Hunderte von Fabrikschloten qualmten.
Von der Haltestelle aus hatte Liska noch ein gutes Stück zu Fuß zurückzulegen, oft blieb sie stehen, um ihre Arme von der Last der beiden Koffer auszuruhen. Unwillkürlich verglich sie sich mit den Städtern und war verblüfft, wie unbeschwert und frei die sich bewegten. Niemand grüßte irgendwen, und wie schick sie angezogen waren! Obwohl Liska die besten Kleidungsstücke trug, die sie besaß, schämte sie sich ihres provinziellen Aussehens. Wenn sie den Passanten in die Augen blickte, schien sie darin nach einem Werturteil zu suchen – Lob oder Tadel –, aber alle hatten es eilig und beachteten sie überhaupt nicht.
Die Tante, eine ältere rothaarige Frau im Kimono, empfing ihre Nichte ziemlich trocken. Nachdem sie Liska ins Zimmer gebeten hatte, machte sie sich an die Lektüre von Jelena Georgijewnas Brief, und ihr Gesicht nahm einen immer unfreundlicheren Ausdruck an.
«Seltsame Frau», dachte Liska, die sich in der Wohnung umsah.
Auf dem Parkett standen Wasserschalen, dazwischen gab es allerhand Schleifspuren, die beim Verschieben der Möbel entstanden waren, und überall hingen große und kleine Glöckchen.
«Weißt du, du kannst nicht bei uns wohnen», sagte die Tante schließlich, beschrieb mit dem Arm einen Kreis über Liskas Kopf und fuhr fort: «Du strahlst negative Energie aus. Das schadet der Aura unseres Heims.»
«Wie bitte?», fragte Liska befremdet.
«Mein Mann und ich sehen die Welt esoterisch. Wir haben so lange die Vereinigung mit dem Geist gesucht, dass wir jedwede Einmischung von außen fürchten. Aber keine Sorge, wir finden schon ein Quartier für dich. Mein Mann kennt den Leiter eines Wohnheims im Arbeiterviertel, und das liegt ganz in der Nähe deiner Schwesternschule.» Die Tante ruderte wieder mit dem Arm durch die Luft. «Heute kannst du übrigens hier übernachten. Aber geh erst mal spazieren, ich muss jetzt meine Atemgymnastik machen.»
Liska schlenderte ziellos durch die fremde Stadt, betrachtete die Schaufenster, kaufte sich in fast jedem Feinkostladen von den kärglichen Ersparnissen ihrer Mutter süße Teilchen und überdachte ihre gegenwärtige Lage. Obwohl sie von der Art, wie ihre einzige Verwandte sie behandelte, gekränkt war und Selbstmitleid empfand, freute sie sich in tiefster Seele doch über ihre neue Freiheit. Niemand in dieser Stadt kannte sie oder ihre Mutter; sie hatte jetzt die Möglichkeit, ein anderes Leben zu beginnen: ihr eigenes.
Das Wohnheim, in dem Liska untergebracht werden sollte, war ein alter, viergeschossiger Bau aus der Chruschtschowzeit, von dem der Putz abbröckelte. Als Liska eintrat, schlug ihr ein scharfer Geruch nach Urin und gebratenen Zwiebeln entgegen. Im Zwielicht des Gangs rannten Kinder umher, zwei Frauen mit Kochtöpfen in den Händen beschimpften sich laut, und in den sperrangelweit geöffneten Fenstern trocknete die Wäsche so, dass kaum Sonnenlicht und frische Luft eindringen konnten.
Liska fand endlich ihr Zimmer und stellte verwundert fest, dass noch drei weitere Mädchen darin wohnten.
«Guten Tag», sagte sie auf der Schwelle und zeigte ihren Einweisungsschein. «Ich bin bei euch einquartiert worden.»
«Das ist doch die Höhe!», sagte eines der Mädchen und schleuderte das Buch, in dem sie gerade las, weg.
«Und wo sollen wir bitte schön das Bett aufstellen?», ereiferte sich eine andere.
«Genug gemault!» Das älteste Mädchen stand auf, ging zu Liska und gab ihr die Hand. «Ich heiße Nina, und das sind Vika und Olga. Komm rein, wegen des Bettes werden wir uns schon was einfallen lassen.»
Das Zimmer war tatsächlich zu klein für vier Personen. Drei Betten standen an der Wand; ein großer Wäscheschrank trennte sie vom Tisch ab, an dem offensichtlich sowohl Mahlzeiten bereitet als auch Hausaufgaben erledigt wurden. An den Büchern, die auf dem Regal und dem Fensterbrett standen, erkannte Liska sogleich, dass die Mädchen ebenfalls die Schwesternschule besuchten. Dem Nachtkästchen, das sie bekam, fehlte ein Bein, stattdessen ruhte es auf Lehrbüchern der lateinischen Sprache und der Ruhigstellung beim Transport. Während Vika und Olga mit muffigem Gesicht Platz im Schrank machten und Liska ihre Sachen einräumte, hatte Nina plötzlich eine Idee, wo sich noch ein weiteres Bett würde aufstellen lassen. Durch die Plastikhalter der Füße des einen Bettes, das auf ein anderes gestellt wurde, schlugen die Mädchen Nägel in das hölzerne Kopf- und Fußteil darunter. Obwohl diese zweistöckige Konstruktion recht stabil geriet, war es doch Liska, die als Jüngste oben schlafen musste.
«Na also, eng, aber gemütlich», sagte Nina, als die Einquartierung der Neuen vollzogen war. «Höchste Zeit, den Einzug zu feiern.»
Sie holte unter dem Bett eine Flasche Alkohol hervor und verdünnte ihn mit Himbeersaft. Die Mädchen nahmen jeweils einen Schluck aus dem großen Aluminiumbecher und lachten schallend. Jetzt war keine Spur mehr von der Kälte zu spüren, mit der sie Liska empfangen hatten.
Aus dem Gespräch, das sich anschloss, erfuhr Liska, dass Nina in diesem Zimmer die Tonangebende war. Sie hatte die Schwesternschule zwei Jahre zuvor beendet und arbeitete nun in der Ambulanz für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Auf der Suche nach einer Wohnung und einem Mann pendelte sie zwischen zwei Verehrern hin und her. Der eine war ein Ingenieur mit Auto, aber ohne Wohnfläche, der andere ein Architekt ohne Auto, dafür mit einer uralten Oma, die ihm ihre Wohnung nach ihrem Tod vermachen wollte. Da Nina nicht wusste, welchen sie wählen sollte, verabredete sie sich mit beiden und manchmal auch mit dem Schlosser Tolja aus dem Nachbarzimmer. Vika und Olga waren nur wenig älter als Liska und studierten im zweiten Ausbildungsjahr. Sie versicherten ihr, dass das Studium an der Schwesternschule gar nicht schwer sei, sie müsse vor allem das erste Jahr durchhalten. Außerdem wollten sie nach einem passenden Jungen für sie Ausschau halten.
Die Einzugsfeier musste wegen eines unvorhergesehenen Arbeitseinsatzes jäh unterbrochen werden. Aus Gründen, die im Dunkeln blieben, veranstalteten die oberen Etagen eine Hatz auf Küchenschaben. Die zu Tode verängstigten Insekten retteten sich durch Flucht in die Heizungsrohre, das Belüftungssystem und die Lichtleitungen. Sie krochen aus allen möglichen Ritzen heraus und krabbelten in Kolonnen durch den Gang, versteckten sich in Schränken und Kühlschränken und regneten geradewegs von der Decke auf den Kopf. Um ihr Zimmer gegen die ekelhaften Tiere zu verteidigen, mussten auch die Mädchen zu Dichlophos und Kreide greifen. Im Heim bekam man nun gar keine Luft mehr, deshalb liefen sie hinaus auf die Straße.
Außer ihnen tummelte sich draußen schon allerhand Volk. Die angeheiterte arbeitende und lernende Jugend hing in Turnhemden und ausgeleierten Trainingshosen herum, grölte Lieder zur Gitarre und fluchte nach Herzenslust. Da alle ihre Gutscheine für Schnaps in der Regel bis zur Monatsmitte bereits aufgebraucht hatten, behalf man sich mit Selbstgebranntem und Dünnbier. Liska, die nicht daran gewöhnt war, hätte gerne auf das Gesöff verzichtet, aber sie hatte Angst, sich abzusondern. Sie nahm einen Schluck von einer zuckersüßen Flüssigkeit, spürte Brechreiz und stürzte zum Gebüsch. Nina trat zu ihr:
«Darf ich dir einen Rat geben?»
«Welchen?» Liska steckte sich zwei Finger in den Hals und übergab sich.
«Mach, dass du aus diesem Wanzenloch rauskommst, solange es noch nicht zu spät ist. Andernfalls bleibst du hier für immer hängen und heiratest irgendeinen Mistkerl. Du kannst dir nicht vorstellen, wie fuchsteufelswild mich dieser Dreck werden lässt, diese Warteschlangen vor den Duschen. Im Winter, wenn die Toilette kaputt ist, gehen alle auf den Hinterhof und hocken sich hin, wo es ihnen gerade passt. Jetzt sieht man die Scheiße nicht, weil wir alle an einer Säuberungsaktion teilnehmen, sobald der Schnee weg ist. Hier kann man nicht leben. Mach, was du willst, aber ich bitte dich, hau ab von hier!»
