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Im Suff ist die Melkerin Krotowa ausgerastet und hat ihrem Mann mit der Axt ein Bein abgehackt. Wohin nun damit? Das Krankenhaus erklärt sich für unzuständig, und die Leichenhalle nimmt nur ganze Tote. Bleibt das Verscharren im Wald. Doch dort stößt ein altes Mütterchen beim Holzsammeln auf den grausigen Fund. Panik bricht aus, Moskau schickt Spezialeinheiten … Eine Geschichte wie diese kann nur in Russland spielen, wo Wirklichkeit und Wahnsinn sich zum Verwechseln ähneln.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Alexander Ikonnikow
Taiga Blues
Aus dem Russischen von Annelore Nitschke
Ihr Verlagsname
Im Suff ist die Melkerin Krotowa ausgerastet und hat ihrem Mann mit der Axt ein Bein abgehackt. Wohin nun damit? Das Krankenhaus erklärt sich für unzuständig, und die Leichenhalle nimmt nur ganze Tote. Bleibt das Verscharren im Wald. Doch dort stößt ein altes Mütterchen beim Holzsammeln auf den grausigen Fund. Panik bricht aus, Moskau schickt Spezialeinheiten … Eine Geschichte wie diese kann nur in Russland spielen, wo Wirklichkeit und Wahnsinn sich zum Verwechseln ähneln.
Alexander Ikonnikow, 1974 in der russischen Provinzstadt Urshum bei Kirow geboren, hat nach seinem Studium der Germanistik eine Zeit lang als Dorfschullehrer und Dolmetscher gearbeitet. Er lebt in der Kleinstadt Kirow, 800 Kilometer östlich von Moskau.
An einem eiskalten Februarabend hackte die Melkerin Krotowa beim Streit mit ihrem Mann diesem im Suff ein Bein ab. Sie tat dies mit der Axt zum Brennholzmachen. Der Schlag war so heftig, daß der Knochen durchgehauen war und der Notarzt nur noch die restliche Haut durchtrennen mußte. Der Mann wurde ins Krankenhaus gebracht, die Frau auf das Milizrevier, alle wollten schon losfahren, da fragte plötzlich einer:
»Und was machen wir mit dem Bein?«
Alle betrachteten das blutige Bein und dann den Hauptmann der Miliz.
»Mitnehmen«, sagte er, »aber zuerst in einen Sack stecken.«
Unterwegs im Auto wurde nach kurzer Beratung beschlossen, das Bein ins Krankenhaus zu bringen. Doch im Krankenhaus sagte man, daß man das Bein nicht brauche und es wohl in die Leichenhalle gehöre.
Der Diensthabende in der Leichenhalle warf einen Blick in den Sack und nickte. »Gut! Und wo ist die Leiche?«
»Tja«, sagte der Hauptmann, »die Leiche ist eben noch lebendig.«
»Dann entschuldigen Sie, ohne Leiche können wir es nicht nehmen.« Beleidigt schlug der Diensthabende die Tür zu.
Enttäuscht kam der Hauptmann mit dem Sack ins Auto zurück und sah seine Mitarbeiter fragend an.
»Ich weiß nicht recht, aber meiner Meinung nach sollten wir es in den Wald werfen. Die Wölfe werden es fressen, und damit hat sich die Sache!« schlug der Fahrer vor.
Gesagt – getan. Die Milizbeamten fanden eine alte Schneise und fuhren tief ins Dickicht hinein.
»Weiter, noch weiter«, kommandierte der Hauptmann.
Als sie wegen der Schneemassen nicht mehr vorankamen, stiegen sie aus und gingen noch ein gutes Stück zu Fuß. Das Bein wurde in eine Schneewehe unter einer Tanne geworfen und mit Zweigen zugedeckt.
»Und denkt dran: Zu keiner Menschenseele ein Wort«, warnte der Hauptmann.
Zwei Monate später platzte im Nachbarbezirk die Bombe. Die Lokalpresse warf der dortigen Miliz vor, untätig zu sein, während in den Wäldern der Umgebung menschliche Leichenteile herumlägen. Gerüchten zufolge, die vor allem Babuschka Katja verbreitete, die im Wald Reisig gesammelt und den grausigen Fund entdeckt hatte, trieb im Nachbarbezirk nicht nur ein einzelner »Jack the Ripper« sein Unwesen, sondern eine ganze Bande. Eine Spezialeinsatzgruppe traf in zwei Flugzeugen aus Moskau ein, und die Bevölkerung ersetzte innerhalb von zwei Tagen die hölzernen Türen gegen eiserne und kaufte sämtliche Waffen im Jagdladen auf.
Der Hauptmann und seine Männer wußten zwar, daß sie in jener Nacht die Grenzen ihres Verwaltungsbezirks übertreten hatten, beschlossen aber, kein Sterbenswörtchen zu sagen. Auf Anweisung von oben durchkämmten sie mit den anderen Hundertschaften der Miliz die Wälder und befragten die Zeugen.
Die Leichenfledderer wurden nicht gefunden, dafür fand man sechs Läufe nicht angemeldeter Waffen, zwei entwendete Autos, einen deutschen Fallschirm aus dem Zweiten Weltkrieg und sechzehn Geräte zum Schnapsbrennen. Die Bande aber hatte nach glaubwürdigen Gerüchten Rußland verlassen und trieb jetzt in Weißrußland ihr Unwesen.
Zum Glück wurde auf dem Revier des Hauptmanns niemand entlassen oder degradiert, wie es im Nachbarbezirk massenhaft der Fall war. Der Hauptmann und seine Männer schwiegen tapfer. Sie schweigen übrigens bis heute.
Im Truppenteil N, der in Kasachstan stationiert ist, war ein Soldat verschwunden. Das stellte sich folgendermaßen heraus.
Der Truppenkommandant, Oberst Wolkogonow, ließ Leutnant Petrunenko zu sich kommen und fragte:
»Ist der Gemeine Muchin in deinem Zug?«
»Jawohl.«
»Und wo ist er?«
»In der Sanitätsabteilung, Genosse Oberst. Wegen Ruhr.«
»Habt ihr ihn in Quarantäne gesteckt?«
»Zu Befehl, Genosse Oberst.«
»Gut. Wenn er wieder gesund ist, soll er kommen. Seine Dienstzeit ist abgelaufen. Wir werden ihn entlassen.«
Da hielt es Leutnant Petrunenko nicht mehr aus. Er fiel auf die Knie und begann zu schluchzen.
»Was ist los?«
Der Leutnant gestand, daß der Gemeine Muchin schon im vergangenen Frühjahr bei Übungen in der Steppe verlorengegangen sei. Er selbst habe sich nicht entschließen können, den Vorfall zu melden, aus Angst vor dem Militärgericht.
Oberst Wolkogonow wurde blaß und bekam im Gesicht blaue Flecken.
Außerdem sagte Petrunenko, daß Muchins Kameraden unter dem Vorwand, er habe sich einen Finger gebrochen, schon ein ganzes Jahr an dessen Eltern Briefe schrieben. Im übrigen sei Muchin in der vorigen Woche für seine hervorragenden Leistungen in der politischen und der Gefechtsausbildung ausgezeichnet worden und habe den Rang eines Gefreiten verliehen bekommen.
»Wenn ich könnte«, sagte endlich Wolkogonow, »würde ich dich, Leutnant, ins hinterste Hinterland versetzen, aber da sind wir leider schon. Sollte das alles rauskommen, dann habe ich die Militärstaatsanwaltschaft am Hals. Dann rollt nicht nur dein Kopf, sondern dann bin auch ich meine Sterne auf den Schulterklappen los! Verstehst du das?«
»Jawohl«, stammelte Leutnant Petrunenko. »Was soll ich denn machen?«
»Den Soldaten suchen!« bellte der Oberst und schlug so kräftig mit der Faust auf den Tisch, daß die Scheiben klirrten.
Der Leutnant stürzte davon, und Wolkogonow holte die Wodkaflasche aus dem Safe und grübelte. Hier kam man nicht weit – im Umkreis von dreihundert Werst war nur Steppe. Wenn der Soldat verhungert oder verdurstet ist, das wäre nicht schlimm. Aber wenn ihn die kasachische Miliz festgehalten hat oder er nach China getürmt ist? Das wäre ein politischer Skandal!
Zwei Tage lang aß und schlief Oberst Wolkogonow nicht, sondern trank nur Wodka. In der Nacht alarmierte er die zweite Rotte, ließ die Soldaten vor einem Panzer antreten und sagte:
»Drei Mann einen Schritt vor!«
Drei Mann traten aus dem Glied vor.
»Ich befehle, den Panzer hochzuheben!«
Die Soldaten schauten den betrunkenen Oberst an und wußten nicht, was sie tun sollten. Die Offiziere standen abseits und kicherten leise.
»Das ist ein Befehl! Den Panzer hochheben!« schrie Wolkogonow.
»Zu Befehl!« Die Soldaten rannten zum Panzer und versuchten, ihn hochzuheben. »Es geht nicht, Genosse Oberst!«
»Dann sollen die anderen helfen!« hickste der Oberst und taumelte.
Die ganze Rotte bezog um den Panzer herum Aufstellung und versuchte vergeblich, ihn hochzuheben.
»Es geht nicht, Genosse Oberst!«
»Habt ihr im Ernst geglaubt, das schaffen zu können? Sind immerhin fünfzig Tonnen«, griente Wolkogonow und torkelte in sein Dienstzimmer.
Doch nicht einmal das lenkte ihn von den unangenehmen Gedanken ab. Grimmig saß er am Tisch und trank auf das ruhmlose Ende seiner Karriere.
Gegen Morgen stürmte Leutnant Petrunenko strahlend in Wolkogonows Dienstzimmer und schrie voller Freude:
»Wir haben ihn gefunden, Genosse Oberst! Wir haben den Soldaten Muchin gefunden!«
»Wo?«
»Im Dorf Ulyk-Akschal, zweihundert Kilometer von hier.«
»Nichts wie hin!«
Oberst Wolkogonow zog rasch seine Stiefel an und rannte hinter dem Leutnant zum Wagen.
Der Gemeine Muchin empfing die Offiziere am Tor seines schönen neuen Hauses. Auf den Stufen vor der Haustür saß eine junge Frau und schaukelte einen Kinderwagen. Als Muchin den Oberst erblickte, stand er stramm und salutierte. Wolkogonow fiel dem Soldaten sogleich um den Hals und küßte ihn, wobei er ihm eine kräftige Schnapsfahne ins Gesicht hauchte.
»Wie gibt’s denn das? Wie bist du bloß verschüttgegangen?«
»Man hat mich bei den Übungen vergessen, Genosse Oberst. Die Autos fuhren weg, und ich blieb da«, lächelte der Soldat Muchin verschämt. »Drei Tage habe ich gewartet. Habe geglaubt, daß mich schon irgend jemand holen würde. Dann bin ich aufs Geratewohl losgegangen und hier, in Ulyk-Akschal, angekommen. Jetzt arbeite ich in der hiesigen Kolchose als Zimmermann.«
Der Oberst wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab und sagte feierlich:
»Dein Dienst in der Armee ist zu Ende. Du bist entlassen. Du kannst nach Hause fahren, Gefreiter.«
»Da bin ich schon«, lachte Muchin und zeigte mit der Hand auf sein Haus. »Das sind meine Frau und mein kleines Töchterchen.«
Oberst Wolkogonow, Leutnant Petrunenko und Zimmermann Muchin lachten einmütig. An diesem Tag gab es keine glücklicheren Menschen als sie.
Einmal erwachte der Präsident sehr früh am Morgen, rief die Minister zu sich und fragte:
»Ist im Land überall Ruhe?«
»Überall ist Ruhe, Gott sei Dank«, antworteten die Minister, »nur in Jakutien ist der Wodka alle. Das Volk ist nüchtern geworden und fragt, wo der Zar steckt.«
»Dann schickt Wodka hin!«
»Haben wir schon getan, Herr Präsident. Machen Sie sich keine Sorgen!«
»Hören Sie, meine Herren Minister«, sagte der Präsident.
»Ich habe beschlossen, Rußland zu bereisen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie das Volk lebt. Zur Tarnung geben Sie mir bitte einen kleinen Wagen aus unserer heimischen Produktion. Zum Beispiel einen Lada oder einen Moskwitsch.«
»Der Lada«, antworteten ihm die Minister, »ist eine Kopie vom italienischen Fiat, und der Moskwitsch ist fürchterlich unzuverlässig.«
»Ja, was denn?« empörte sich der Präsident. »Das heißt, daß wir keine einheimischen Transportmittel haben.«
»Wieso nicht? Natürlich haben wir welche«, sagte der Verteidigungsminister. »Bitte sehr: U-Boote, Düsenjäger, Panzer.«
Dagegen war nichts einzuwenden. Der Präsident nahm zwei Panzer und begab sich mit seinen Ministern auf die Reise.
Kaum hatten sie Moskau verlassen, da sahen sie auf der Straße bewaffnete Männer, die Lastwagen plünderten.
»Wer ist denn das?« fragte der Präsident.
»Das sind Räuber, Herr Präsident«, antwortete der Innenminister.
»Warum bestraft man sie nicht?«
»Es gibt keinerlei Beweise, Herr Präsident. Außerdem legt man sich lieber nicht mit ihnen an. Das sind ehemalige KGB-Offiziere.«
»Stimmt auch wieder«, sagte der Präsident und fuhr weiter.
Sie kamen in eine Stadt. Der Präsident schaute sich nach allen Seiten um und staunte.
»Aber, aber, meine Herren Minister, sagten Sie mir nicht, das Volk leide Not? Sehen Sie doch, was für schöne neue Häuser gebaut werden, die Leute sind anständig angezogen, die Läden sind voll mit Waren, überall fahren Mercedes-Limousinen herum – ein zivilisiertes Land! Warum läßt man uns denn einfach nicht ins europäische Haus?«
»Die haben Angst, daß wir es abdecken«, antworteten die Minister. »Fragen Sie doch das Volk, Herr Präsident.«
Da griff sich der Präsident einen Passanten, zerrte ihn zu sich in den Panzer hinein und fragte:
»Wie verdienst du dein Geld? Wenn du die Wahrheit sagst, tu ich dir nichts.«
»Ich schaffe Müll weg, Herr Präsident. Kaufe der Bevölkerung Altmetall für einen Dollar ab und verkaufe es für zehn in Finnland. Das Land ist sauber, und die Leute haben Geld.«
»Wieso hat man ihn nicht ausgezeichnet?« schrie der Präsident die Minister an.
»Weil in letzter Zeit Kabel, Stromleitungen von den Masten und landwirtschaftliche Maschinen verschwinden«, antworteten die Minister.
»Warum hat man ihn nicht bestraft?«
»Weil er seine Steuern zahlt«, sagte der Steuerminister.
»Auch gut«, erwiderte der Präsident und griff sich den zweiten Passanten.
»Ich mache in Holz, Herr Präsident. Habe kundgetan, daß ich Farmer werden und meinen eigenen Hof aufbauen will. Damit es glaubwürdig klingt, habe ich eine Ecke vom Fundament gegossen und eine alte kaputte Betonmischmaschine aufgestellt. Man hat mir geglaubt und zweihundertfünfzig Kubikmeter Holz angewiesen, ich hab dem Forstwart eine Flasche spendiert und fünfhundert rausgeschunden. Das Holz verkaufe ich Ihren Ministern, damit sie sich bei Moskau Datschen bauen können.«
Bei diesen Worten senkten die Minister den Kopf, und der Präsident fragte den Passanten:
»Wie schaffst du denn das Holz nach Moskau? Da lauern doch Räuber an der Straße, ich hab’s selbst gesehen!«
»Im Bus, Herr Präsident. Ich hab die Sitze rausgenommen, hinten eine Tür reingeschnitten, die Vorhänge zugezogen und das Schild ›Kinder‹ aufgehängt. Mich hält keiner an.«
»Warum hat man ihn nicht ausgezeichnet?« schrie der Präsident.
»Der Waldbestand nimmt ab«, antworteten die Minister, »bald haben wir eine Wüste.«
»Warum hat man ihn nicht bestraft?«
»Er zahlt seine Steuern, Herr Präsident.«
Da fragte der Präsident den dritten Passanten: »Na, und was für einer bist du?«
»Ich bin Professor, Herr Präsident, arbeite aber als Verladearbeiter. Und wenn zufällig eine Kiste oder ein Sack verlorengeht, hebe ich ihn auf.«
»Und warum arbeitest du nicht an der Universität?«
»Das Gehalt dort reicht nur für vier Dosen Hundefutter.«
»Wie kann das sein?« wunderte sich der Präsident. »Alle zahlen ihre Steuern, und das Geld reicht nicht für die Gehälter?«
»Wir wundern uns selbst!« sagten die Minister.
»Also müssen wir die Steuern erhöhen!«
»Das geht nicht, Herr Präsident. Von einem Rubel macht die Steuer schon jetzt neunundneunzig Kopeken aus. Mehr ist nicht drin.«
Der Präsident ließ die Passanten gehen und dachte nach. Die Minister runzelten die Stirn und taten, als dächten auch sie nach.
»Wenn gestohlen wird, ist das schlecht, aber ohne Diebstahl geht es auch nicht, wie sollen wir es dann halten?« fragte der Präsident die Minister.
»Legalisieren!«
»Scharfe Kontrolle ausüben!«
»Einen Ukas erlassen, daß nicht so viel gestohlen wird!«
Da glänzten die Augen des Sportministers auf.
»Laßt uns den Diebstahl zum Nationalsport erklären«, sagte er. »Wir könnten dann Meisterschaften durchführen und die Ergebnisse in den Nachrichten bringen.«
»Genial!« freute sich der Präsident. »Wir behalten die Steuern und können alles kontrollieren.«
»Hurra!« schrien die Minister.
»Halt!« sagte der Präsident plötzlich. »Was hat das Pferd damit zu tun?«
»Welches Pferd, Herr Präsident?«
»Das Zauberpferd. Es steht im Titel.«
»Ach, das hat etwas mit dem vierten Passanten zu tun«, sagten die Minister. »Aber wir wissen nicht, wo er ist. Er hat ein Pferd geerbt, Herr Präsident. Da es aber weder galoppieren noch sprechen konnte, wollte er es an die Fleischfabrik abgeben. Aber da waren die Preise zu niedrig. Deshalb trieb er es nach Art der Tataren an, damit es mit dem Schweiß den penetranten Geruch verlor, und mästete es kräftig. Das Fleisch wurde zart, fast wie Rindfleisch. Dann lieferte er es als Rindfleisch an ein gediegenes Restaurant. Dem Tierarzt mußte er freilich eine Flasche für den Stempel spendieren. Von dem Erlös kaufte er sich eine Videoausrüstung und fuhr in den Norden. Dort soll er jetzt durch die Dörfer tingeln und Pornofilme zeigen. Steuern zahlt er nicht. Wir wollten ihn bestrafen, können ihn aber einfach nicht finden.«
Das hektische Treiben ging schon am Morgen los. Die Straßenarbeiter flickten auf dem Oktober-Prospekt das Loch im Asphalt, die Hausmeister mähten die Kletten auf den Rasenflächen ab, zwei Arbeiter fegten den Taubenmist vom Lenin-Denkmal, und die Miliz sperrte den Verkehr auf beiden Hauptstraßen. Die Stadt erwartete einen hohen Gast.
Um ein Uhr mittags versammelte sich das Empfangskomitee auf dem Bahnsteig: der Gouverneur mit seiner Gefolgschaft, ein Frauenchor in russischer Volkstracht mit der traditionellen Empfangsgabe Brot und Salz, eine Militärkapelle und ein paar Schaulustige. Der Zug mit dem Minister hatte zwanzig Minuten Verspätung.
Sergej, der Fahrer des Gouverneurs, wandte sich an Igor, den Fahrer des Vizegouverneurs:
»Ich müßte mal aufs Klo. Meinst du, ich schaffe das noch?«
»Klein auf alle Fälle!« antwortete der nach einem Blick auf die Uhr. Sergej verschwand im Bahnhofsgebäude, kam jedoch sofort zurück.
»So schnell?« wunderte sich Igor.
»Da drin wird renoviert«, sagte Sergej und blickte sich nervös nach allen Seiten um.
»Dann geh aufs öffentliche. Noch ist Zeit!« riet Igor.
Sergej rannte zur Tür der öffentlichen Toilette und schaute hinein. Zwischen den Urinpfützen lagen Ziegelsteine, die mit Brettern verbunden waren. Eine kurze Schlange von Männern, die sich mit der einen Hand die Nase zuhielten und mit der anderen das Gleichgewicht ausbalancierten, rückte langsam darauf vor. Sergej stieß einen Fluch aus und kehrte zurück zu seinem Wagen. Als Igor den Verdruß in Sergejs Augen sah, sagte er bestimmt:
»Dann geht’s eben in die Büsche. Lieber das Gewissen opfern als die Blase! Los! Mach schnell!«
Sergej stürmte zur Allee vor dem Bahnhof und versteckte sich, kaum hatte sich der Milizposten abgewandt, rasch hinter einem Baum.
Die Musik und der Beifall erschallten gleichzeitig, und der Minister stieg mit düsterem Gesicht eilig aus dem Zug. Sofort marschierte er zum Gouverneur, umarmte ihn kernig und sagte dabei leise:
»Ich muß dringend pinkeln, sonst sterbe ich!«
»Bitte kommen Sie!« lächelte der Gouverneur und führte den Minister ins Bahnhofsgebäude.
Im selben Augenblick war der Fahrer Sergej an der Seite des Gouverneurs und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Das Gesicht des Gouverneurs nahm eine besorgte Miene an, und der Minister, der alles gehört hatte, wurde noch düsterer.
»Dann gleich ins Rathaus?« fragte Sergej.
»Vielleicht ist das zu weit«, sagte der Minister. »Wo ist denn hier die nächste Toilette?«
»Im Kunstmuseum.«
»Dann schnell ins Kunstmuseum!«
Und alle drei stürzten zum Wagen, begleitet von der verdatterten Entourage.
»Das ist ja mal ein ganz Eifriger!« sagte der Posaunist zu dem Mädchen mit Brot und Salz. »Kaum angekommen, schon an die Arbeit.«
Als der Minister aus dem Museum herauskam, strahlte er. »Wladimir, was bist du für ein Gouverneur, wenn man in deiner Stadt nirgendwo pinkeln kann?« fragte er den Gouverneur und lachte.
