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E-artnow präsentiert diese einzigartige Sammlung historischer Romane, die meisterhaft die vielschichtige und fesselnde Epoche des Mittelalters darstellen – eine Zeit, die von einem Schleier aus Dunkelheit und Geheimnissen umhüllt ist. Diese Ausgabe enthält: Chlodovech (Felix Dahn) Die Kreuzritter (Henryk Sienkiewicz) Ivanhoe (Walter Scott) Die Geschichten der Kreuzfahrer: Die Verlobten (Walter Scott) Der Talisman (Walter Scott) Richiza (August Sperl) Der heilige Born (Wilhelm Raabe) Von den Königen und der Krone (Ricarda Huch) Die Marketenderin von Köln (Levin Schücking) Die Kreuzfahrer (Felix Dahn) Die Kaiserin Theophano (Henry Benrath) Der Löwe von Flander (Hendrik Conscience) Im Schmiedefeuer (Georg Ebers) Die Frau Bürgemeisterin (Georg Ebers) Heinrich von Plauen (Ernst Wichert) Der Glöckner von Notre Dame Victor Hugo (Victor Hugo)
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Es war im Jahre vierhunderteinundachtzig nach Christus, an einem schwülen Sommerabend, da lag in dem stattlichsten Hause von Tournay (– Doornick an der Schelde –) ein Mann schwer leidend; der vornehme Römer, dem das Gebäude dereinst gehört hatte, war schon längst – gleich bei der Annäherung der salischen Franken – aus der Stadt, dann über die Alpen nach Italien entflohen; nach der Einnahme der Feste hatte der salische Gaukönig Childirich an einer Säule in dem Atrium des Hauses seinen Schild aufgehängt und Wohnung genommen: nun – viele Jahre später – lag er hier an tiefer Wunde danieder.
Das Schlafgemach war von einer kleinen Ampel aus Bernstein, die von der marmorgetäfelten Decke herniederhing, nur schwach erhellt: ihr mattes Licht ward aufgesogen von den dunkeln, schweren Vorhängen, welche die Wände des schmalen viereckigen Raumes bedeckten und die fehlende Thür ersetzten. Der Leidende, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, stark von Gliedern und vollrüstig, lag auf einem niedern Ruhebett, die Füße bedeckt mit einem mächtigen Bärenfell; auf einem zierlichen Dreifuß von durchbrochener korinthischer Erzarbeit bei seinen Häupten verbreiteten getrocknete und auch frisch gepflückte Heilkräuter würzigen Geruch. Vor ihm stand eine hochragende, ja gewaltige Frauengestalt, wenige Jahre jünger; sie strich ihm mit der Linken zärtlich über die glühende Stirn, über das kaum ergraute Blondhaar, das in den langen merovingischen Königslocken bis auf die Schultern wogte, während ihre Rechte eine Silberschale, gefüllt mit einer dunklen Salbe, hielt. Tiefster Schmerz lag auf den edeln, immer noch blendend schönen, nur etwas allzustrengen, ja scharfen Zügen: aber keine Thräne ließ sie in das meergraue Auge treten, auch nicht, als der Kranke tief aufseufzte. Sie stellte nun die Schale auf den Dreifuß nieder und strich mit beiden Händen hinter die Schläfe ihr prachtvoll rotes Haar, das reich vorflutete, wie sie sich über das Lager beugte. »Schmerzt die Wunde so scharf, Childirich?« fragte sie mit verhaltenem Weh. Er streichelte die weiße Hand. »Es ist nicht das,« erwiderte er, leise den Kopf schüttelnd. »Und es ist auch nicht, .... daß ich sterben muß – trotz all' deiner Heilkünste und Zaubersprüche, Basina, die von Wodan, deinem Ahn, gelernt, von Geschlecht zu Geschlecht in eurer Sippe vererbten daheim im Thüringwald. Allzutief in die Brust flog mir vom Turme von Soissons herab der spitze Römerpfeil. Aber es ist nicht das! Weiß ich doch, daß ich nach dem letzten Hauch auffahre nach Walhall: denn nicht den Strohtod sterb' ich: – den Bluttod an der Wunde, die ich, meinem Volksheer an des Keiles Spitze vorkämpfend, empfing. Auch um dich Hochgemute ist mir nicht bang: denn ein heldenhaftes Herz schlägt dir im Busen und jedes Schicksal wirst du würdig tragen: solche Frauen aber wie du läßt Wodan nicht nach Hel hinabsinken zu den freudlosen Schatten: er hebt sie nach Asgardh empor, seinen Walküren gesellt: wie er jener herrlichen Hilde gethan. Ich werd' ihn bitten, das Gleiche dir zu gönnen, so daß wir ungetrennt Walhalls Wonnen teilen. Aber – ah ...« Er stockte: der Atem verging ihm. Zärtlich küßte die Gewaltige, tief sich beugend, die fiebernde Stirn: »Sprich es nicht aus! Ich weiß, was dich quält: die Sorge um dein Volk, um ...«
»Ach, unsern Sohn,« seufzte der Wunde.
Da verfinsterte sich das edle Antlitz der hohen Frau. Die scharf geschnittnen Nasenflügel zuckten, und bitter kam es aus den kaum geöffneten Lippen. »Ja, Chlodovech! Mein Stolz und meine Furcht.«
»Zwar,« hob der König mit stolzer Miene an, »reiche Angebinde haben ihm in die Schildwiege die drei Los-Weberinnen und alle Götter und Göttinnen gelegt. Seinen Kampfmut der furchtlose Donar, seine kluge Ratfindung für Krieg und Frieden Wodan!« »Aber,« fiel die Mutter mit herbem Klang der tiefen Stimme ein – »Loge die Arglist, die scheulose Selbstsucht und – mit dem roten Haar und dem raschen Witzwort – die Falschheit, die lachend Wort und Treue bricht.« »Ja,« seufzte der Vater, »er ist wie die lodernde Flamme: seine Heißglut wärmt, seine Helle leuchtet bis zum Blenden ...« »Jedoch,« schloß die Mutter, »ungebändigt und tückisch bricht sie plötzlich hervor, verzehrend Freund wie Feind! O wehe mir Armen, müßt' ich dereinst die Stunde verfluchen, da dieser Schos ihn gebar, einen Feuerbrand, der das Hehre, das Heilige vernichtet. – Allein er ist dein Sohn, Childirich: drum hoff' ich, die guten Gewalten in ihm werden siegen.«
»Horch, ich meine, ich hör' ihn unten im Hofe! Ja, das ist seine helle, dünne Stimme!« Die Frau trat an das Fenster des Schlafgemachs, schlug den rotbraunen Vorhang zurück und blickte in das Atrium hinab, dessen Estrich von pyrenäischem, weißem Marmor, von buntem Mosaik umrändert, in Hellem Mondlicht leuchtete. Da kauerte, hinter eine Säule geduckt, ein schöner Knabe von fünfzehn Jahren; fast mädchenhaft weiß war die Hautfarbe, zierlich und fein der Bau der geschmeidigen Glieder, die Knöchel an Händen und Füßen klein; das rotblonde Haar stand in krausem Kleingelock von dem Kopf ab, zwei listige, scharf spähende Augen – meergrün wie der Mutter – blickten ebenso kühn wie schlau: die kurze, fein und scharf geschnittne Nase senkte sich auf einen kleinen Mund, der, vollendet schön geschweift, für das zarte Alter nur schon allzu ausdrucksvoll, unaufhörlich in zuckender Bewegung spielte. So hockte er, dem Luchse gleich, der regungslos ausgestreckt wagrecht auf dem Aste liegt, seine Beute von oben her mit unfehlbar sichrem, tödlichem Satze zu bespringen, hinter der Basis der dorischen Säule des Peristyls, von ihrem Schatten gedeckt, und lauerte unsichtbar. Vier Stufen unterhalb des Peristyls, vom vollen Mondlicht hell beleuchtet, stand in der Tiefe des Atriums, bei dem Brunnen, der eintönig, leise in eine Marmorschale goß, ein Jüngling, der, um eines Hauptes Länge höher, breitbrustig, starkknochig, die muskelkräftigen Arme zornig reckend, die mächtigen Hände zu harten Fäusten geballt hielt. »Chlodovech!« rief der Zorngemute hinan zu dem umlaufenden schwarz beschatteten Säulengang: »Wo steckst du? Dreimal warf ich dich in ehrlichem Ringkampf, daß dir die zierlichen Knochen fast splitterten. Du flohst und verschwandest. Dann hast du mich – hinterrücks anspringend aus dem Dunkel! – niedergerissen, Und jetzt? Komm vor zu offnem Kampf, wenn du Mut hast. Wo steckst du? Wo hockst du?«
»Hier!« kicherte wie ein übler Elbe der Gerufene, »hier! Auf deinem Nacken!« Und in hohem Satze schwang er sich von oben herab auf den Rücken des Ausforderers, der, nach kurzem Widerstreben, unter der Last zusammenbrach. Kaum gefallen, sprang er wieder auf und schüttelte den Listigen ab. »Chlodovech! Du Neiding!« grollte er. »Du hast ...« »Gesiegt!« lachte der andre, wieder im Dunkel der Stufen hinauf verschwindend. »Durch elende Arglist.« – »Aber gesiegt! – Was denn? Was denn?« Er stieß diese letzten vier Worte rasch nacheinander aus den zusammengepreßten Zähnen hervor, das ›was‹ scharf betonend. »Was denn?« wiederholte der andre. »Was? Schandthat!« – »Aber sie half! Was denn?« Da stöhnte der Vater, der oben auf dem Pfühle lag und durch das nun weit geöffnete Fenster jedes Wort verstanden hatte. Die Mutter aber drückte an den Marmorrahmen des Rundbogenfensters die Stirn so fest, daß sie schmerzte: sie fand keinen Laut für ihr Weh. Allein sie ballte grimmig die Faust.
»Ruf ihn herauf!« mahnte der Wunde, »Ich will ihn ... züchtigen ... Ach ... ich kann den Arm nicht heben. Aber, Basina, versprich ... schwöre: – das ist unsre letzte Zwiesprach – schwöre – bei Wodan deinem Ahn! – laß ihn nicht zum Neiding ... lieber tot ... – schwöre mir's: – nicht gegen Götter und Menschen ein Falscher ...« – »Niemals! Beruhige dich, Lieber!« – »Nicht ... bis du mir ... geschworen!« – »Du fieberst! Großes, Herrliches ruht in ihm – deine Art – ich sagte es schon, vererbt von deinem großen Ahn Merovech-Serapio, – deinem Urgroßvater, der euch Saliern zuerst in diesem Lande Sitz und Macht geschafft. Er ist – ein Knabe noch – bereits ein Held. Hast du vergessen, – du selber hast's mit stolzem Blick erzählt! – wie er im Kohlenwalde auf der Jagd, als dir der Bär den Speer in der Hand zerbrochen hatte, zwischen dich und das Untier sprang und, unter seiner Pranke stürzend, ihm noch das Kurzschwert in das Herz stieß?« – »Ja – das war – wacker!« Und es flog ein Lächeln um die bleichen Lippen. »Und vor wenigen Wochen ... vor Soissons – Guntbert – eben Guntbert, der unten – hat's erzählt – als ihr vor Soissons in das Geschwirr der Römer-Pfeile gerietet, die aus plötzlich geöffneten Schießscharten sausten und als du fielst – ach von jenem Pfeil getroffen! – und als alle Gefolgen scheu zurückwichen, vom Schrecken gescheucht; – wer allein hielt da bei dir aus, den Schild nicht über sein Haupt, über deine wunde Brust haltend?« ...« – »Guntbert, und...« – »Und Chlodovech, dein Sohn. Blutend wie dich brachten sie mir – mit durchschossener Wange – auch ihn. Er lachte zu seinem eignen Schmerz – nur um dich bangte er! – und sein erstes Wort, als er wieder sprechen konnte, war: ›Blutrache für den Vater an allen Schützen von Soissons!‹ Er ist ein Fuchs, ja, aber auch adlerkühn.« Ihre Augen leuchteten. »Stolz der Mutter,« lächelte der Vater, »mögst du nie Schwäche der Mutter werden!« – »Sieh, das hat mir damals den Schmerz mit Freude verklärt.« – »Gewiß: es steckt ein Held in ihm. Aber ...! O könnt' ich in die Zukunft schaun. Wird er unserm Volk ein Heil oder ein Unheil?«
»Ich hoffe: ein herrlich Heil.«
»Ich will's glauben – und so leichter sterben. Aber schwüre mir, – sonst kann ich nicht Friede finden noch Freude in Walhall! – schwöre mir bei Wodan: – laß ihn nicht freveln gegen Götter und Menschen – eher ... hörst du? ... soll er sterben! Töte ihn!«
»Childirich! Welche Wahngebilde! Du fieberst.«
»Mag sein!« schrie der Leidende, »aber diese Sorge beißt bittrer als die Wunde. Ich kann nicht Ruhe finden,« – und er fuhr hastig empor, warf die Decke von sich und wollte von dem Lager springen, aber er taumelte: sie fing ihn auf; er lehnte an ihrer Brust, »Schwör's, schwör's! Laß ihn nicht leben, frevelt er gegen Götter und Menschen. ... Hast du mich je geliebt – – schwör's ... ich bitte ... ich befehle!« Und er sah flehend und zugleich drohend in ihr Auge.
Von Mitleid überwältigt legte sie die Hand auf sein heftig pochendes Herz: »Ich schwöre bei Wodan, dann soll er nicht leben,« sprach sie und ließ ihn sanft auf das Lager zurückgleiten.
Da sprang der Knabe mit Einem Satz durch den Vorhang über der Schwelle: beide Eltern erschraken: er kicherte wieder wie ein Elbe: »Hi, hi! Wie ihr zucktet. Ihr fürchtet euch. Geschieht euch recht. Gewiß habt ihr wieder Böses vom armen Chlodovech geredet.«
»Wie kannst du so frech sein!« drohte die Mutter. »Und so roh! Den Vater so erschrecken, – der schwer leidet.« Im Augenblick war der spöttische Ausdruck verschwunden aus dem immer von wechselndem Mienenspiel bewegten Gesicht: scharf spähten, aber mitleidvoll jetzt die grauen Augen auf den Vater, die Mundwinkel sanken traurig herab: »Was denn? Was denn? Der Vater? Noch immer Schmerzen? Es ging doch besser ...!«
»Ich werde bald aller Schmerzen frei sein,« sprach der Wunde. »Das ist gut,« lachte der Sohn, »ist so langweilig ohne dich. Dann jagen wir wieder Bär und Auerstier und reiten wieder gegen das verfluchte Nest Soissons – aber diesmal nachts – und ohne vorher die Waffenruhe zu künden ...« »Schäme dich,« schalt der Vater in hoher Erregung. »Hierher! An meine Seite. Noch näher. Ich habe nicht viel Stimme ...« – »Vater! Du wirst mir doch nicht sterben?« Aus tiefem, wirklichem Gefühl kam das heraus. Aber rasch fuhr er lachend fort: »Noch nicht! Bin noch zu jung! Die Franken wählen mich noch nicht dir zum Nachfolger. – Nun, Mutter! Was denn! Was denn? Was schlägst du mich?« – »Du herzloser Bube! Das sagst du dem sterbenden Vater?« »Ja« ... stotterte der Gescholtene, die geschlagene Wange reibend, »jeder Königssohn will, glaub' ich, König werden.« Childirich lächelte trüb: »Laß ihn. Diese Offenheit, ob frech, ist nicht sein Schlimmstes.« »Siehst du, Mutter, wir Männer verstehen uns besser,« lachte Chlodovech, immer noch die Wange reibend. »Beim lodernden Loge, das that weh.« Und damit ließ er sich auf einem Schemel neben dem Lager nieder und streichelte des Kranken blutleere, abgemagerte Hand. »Mein Sohn, vernimm meine letzten Ratschläge und Befehle; folge in allen Stücken deiner Mutter, der edeln Frau: denn sie ist hochgemut, der Geist Wodans lebt in ihr. Wehe dir, wenn du sie je betrübst! Und halte fest im Vertrauen auf die alten Götter unseres Volkes, unsere hohen Ahnen, die unsere Sippe groß gemacht: ehre ihre heilgen Haine, zumal den uralten dort am Rheine, im Gau Toxandria, der unseres Volkes Wiege. Halte Friede mit den Bischöfen der Römer: – schone ihre Kirchen: aber nicht allzuviel laß dir von ihnen einreden.« – »O ich werde schon nicht!« – »Halte dich, wann du nun den Königsstab tragen wirst ...« – »Also du meinst, sie wählen mich?« Rasch kam die Frage, der scharfe Blick loderte. »Ja, sie werden dich wählen aus ...« »Aus Liebe, aus Dank für deinen Vater,« fiel die Mutter ein, »aus dem Glauben, der Sohn wird ihm gleichen an Heldenschaft.«
»Ich bin nicht feig, Mutter!« grollte Chlodovech.
»Und an Treue und Ehre,« sprach der König schweratmend. »Vergiß es nie: wohl ist Klugheit dem König vonnöten und nicht leg' er das Herz auf die Zunge: arg ist gar mancher unserer Nachbarn, am ärgsten der Römer: also schweigen und klug sein ist gut, aber den Sieg hat uns Siegvater gelegt ins Schwert, nicht in den meuchelnden Dolch: kein Sieg gedeiht, den Treubruch und Tücke erlistet haben: immer am Ende gewinnt die Wahrheit! Stirb stolz, ehe du treulos lebst. – Und nun wisse, vom Urgroßvater – von Merovech her – vererbt, dem sagt man ein Wandrer – Wodan war's – es als Gastgeschenk in der Halle zurückließ beim Abschied – ist unserer Sippe zu eigen ein Siegesschwert ...« »Wo? Wo ist dies Schwert?« voll feuriger Gier sprang der Knabe auf. Aber der Wunde fuhr – mit Anstrengung – fort: »Und außerdem – ein Hort, ein reicher Hort ist der Könige bester Freund in der Not! – ein Hort, – der dir aber nicht gleich zur Hand sein soll – nur als letzte Zuflucht – sonst vergeudet ihn deine Jugend – geborgen liegt bei dem Siegesschwert ein gewaltiger Hort für dich.« – »Wo! Vater, wo?« – »Das sollst du noch nicht erfahren: erst in höchster Not: und nur – nur zwei Augen – zwei einzige auf Erden – wissen darum und sahn ihn liegen.«
»Wer! Wer ist das?« Er faßte mit den beiden Händen die Rechte des Vaters. »Das ist – – – oh der Schmerz. Leb wohl, mein Weib! Leb wohl, Chlodovech! Halte Treue, hörst du? Treue! Ah! Schwör's! Treue! Schütze die Weihtümer der Götter, schütze ihre Verehrer. Schwör's.« »Ich schwöre,« sprach der Knabe, tief ergriffen. »Nun ist's gut.« Und mit tiefem Aufseufzen sank er zurück und war tot.
Nach wildem Aufschrei des Schmerzes, mit dem sich die hehre Gestalt der Königin über den Gatten geworfen, war sie allmählich von seiner Brust herab auf die Knie geglitten, mit beiden Armen seine Schultern umfaßt haltend: sie konnte nicht weinen.
Nicht lange hatte Chlodovech bei dem Vater geweilt: heiß waren ihm die Thränen in die Augen geschossen, heftig hatte er geschluchzt; aber bald wischte er das Naß von den Wangen und sah von dem ernsten, durch den Tod geweihten, strengen Antlitz hinweg: es schien ihm zu drohen oder doch die letzte Mahnung – wie versteint zu verewigen. Unstet wandte er das Auge und ließ es im Gemach umherwandern: da traf es auf den neben dem Speer an der Wand lehnenden Königsstab, einem weißen Eschenstock, der oben in eine greifende Hand von Gold auslief.
In leisen, kleinen Bewegungen des feingliedrigen Leibes glitt Chlodovech langsam hinter den Rücken der Mutter, wandte sich und geschmeidigen und geräuschlosen Schrittes huschte er in jene Ecke, haschte mit katzengleich sichrem, unhörbarem Sprung und Griff den Stab und war im Augenblick durch die enge Wandthür verschwunden. Bald scholl sein freudiger Schritt in dem entlegenen Hofe, wo er die im Palatium lebenden Knaben der Edelinge zum Nachtmahl versammelt wußte: plötzlich sprang er unter sie: erschrocken fuhren sie auf: »Was denn? Was denn?« rief er, den Stab über seinem Haupte schwingend. »Ja, fürchtet euch nur! Und gehorcht mir. Mein Vater liegt tot und ich bin euer König. Hier halt' ich seinen Stab: laß sehen, wer ihn mir wieder abnimmt.«
Der Sohn hätte nicht nötig gehabt so ängstlich jedes Geräusch zu vermeiden bei dem Verlassen des Gemaches: denn die Witwe, die ihm freilich den frechen Griff nach dem Königsstab verwehrt haben würde, den nur die Wahl des Volksheeres gültig verleihen konnte, lag so tief in ihren Schmerz versunken, daß sie noch geraume Zeit nichts Äußeres wahrnahm. So hatte sie es auch nicht bemerkt, als, lange nach Chlodovechs Entfernung, der Vorhang des Haupteingangs ganz leise auseinander geschoben ward und eine schlanke graue Gestalt auf der Schwelle sichtbar ward.
Freilich, so schattenhaft, so unirdisch leicht schien das zarte Wesen, die Bewegungen waren so leis, wie die Jungfrau nun im Rücken der Trauernden über den glatten Marmorestrich gegen das Sterbelager dahinglitt, daß sie mehr einer Geistererscheinung als einem Menschenweibe glich.
Als die Schlanke an dem Fußende des Lagers angelangt war, ließ sie sich hier niedergleiten, drückte demütig das blondgelockte schmale Haupt, die weiße Stirn mit den stark durchschimmernden blauen Adern auf die Zehenspitzen des Toten und umfaßte mit den fromm zum Gebet gefalteten Händen seine Knöchel. Lange lagen sie so, die beiden Frauen, die Witwe zu Häupten, das Mädchen zu Füßen des toten Mannes.
In tiefem Schweigen stand das Gemach: auch von außen drang kein störender Laut herein: es war wie ein Grab, so feierlich: die Schauer der Ewigkeit webten um die drei Gestalten.
Endlich erhob sich, tief aufseufzend, Basina, beugte sich über den Gatten und drückte einen Kuß auf seine bleiche Stirn. Nun zurücktretend gewahrte sie die rührende Gestalt, die so demütig da auf der Erde neben dem Pfühle hingegossen lag. Sonder Erschrecken, ohne Befremdung sogar sah sie auf das Mädchen in den grauen Schleiern herab; sie nickte leise, als habe sie das erwartet. »Genoveva!« sprach sie nun ernst, aber ohne Strenge.
Die Beterin richtete sich langsam auf: auch sie ohne Hast, ohne Scheu: sie schlug die tiefdunkelblauen Augen mit den großen Augensternen voll auf und hob einen langen Blick zu dem gewaltigen Weibe empor, das sie hoch überragte; sie rang nach einem Worte: sie fand keines.
»Ich wußte,« sprach die Frau, »du würdest kommen, wann – aber woher wußtest du ...?« »Die Heiligen!« erwiderte das Mädchen mit wohltönender Stimme. »Sie sprachen diese Nacht im Traume zu mir: ›Geh' hin, Genovefa. Er wird die Sonne nicht mehr aufsteigen sehn. Geh' hin und bete bei dem Toten für seine Seele.‹ Darf ich, Frau Königin?« Basina zog die starken Brauen in die Höhe. »Immerhin! Überflüssig für ihn: – denn er sitzt jetzt selig an Walvaters Seite. – Aber dir, deiner Seele, thut es gut. So bete denn. Ich lasse dich allein bei ihm. Im Tode – wie so oft im Leben. Du hast ihn mir nehmen wollen: ... unsern Göttern, mein' ich. Er blieb ihnen treu.« »Ich wollte seine Seele retten,« hauchte Genovefa und erschauerte. »Ich weiß. Und ich weiß auch – nur für den Christenhimmel wolltest du mir ihn nehmen. So wähntest du wenigstens. Ich ließ dich gewähren mit dem Lebenden ...« »Ich – die Mutter – die Schwestern danken ihm alles! Leben – Ehre« – sprach hastig die Christin. »Als nach der Erstürmung von Avron die Krieger mich davonschleppten, hat er ...« – »Ja. Und dein Dank war warm. – Ich verstand es. Und versteh' es. Ich gehe, seine Gruft zu bestellen. Küsse ihn, Genovefa.« Und hoch aufgerichtet schritt sie hinaus. Da warf sich das bleiche Kind in heißem Schmerz neben dem Toten nieder, faßte seine herabhängende Hand und küßte sie: »Ah, auf ewig verdammt, verdammt um das Weib des andern! O heilige Jungfrau – erbarme dich seiner! – Verdammt um ihretwillen!«
Mit großem Gepränge war König Childirich bestattet worden in einer Hügelgruft zu Tournay: sein Lieblingsfalke ward ihm nachgesandt in den Tod; wenig ahnten die heidnischen Priester, die hierbei walteten, daß seine christlichen Enkel – gleichsam zur Sühne – dereinst eine Basilika dem heiligen Martin von Tours zu Ehren über der Gruft aufführen würden.
Am gleichen Tage hatte das nach Tournay berufene Volksheer der drei kleinen Gaue, auf die des Verstorbenen Königtum beschränkt gewesen war, den fünfzehnjährigen Erben, der vor kurzem erst die Schwertleite empfangen, aber sich sofort in dem Zuge gegen Soissons derselben vollwürdig bewährt hatte, zu Childirichs Nachfolger gekoren.
Nicht ganz ohne Widerspruch war das geschehen. Es fehlte nicht an Männern in dem Volksheer, die bei aller Dankbarkeit gegen den Vater, den Sohn doch noch zu knabenhaft fanden, ihr Führer im Kampf, ihr Richter im Königsding zu sein. Es ward erinnert, daß nahe Gesippen des Gaukönigs von Tournay, – ebenfalls Merowingen, – Vettern Chlodovechs, gereifte Männer in den Nachbargauen zu Cambrai, zu Thérouenne, zu Le Mans walteten: einige unter diesen wurden vorgeschlagen als Nachfolger Childirichs: die weiter Denkenden wiesen wohl auch darauf hin, es sei bei der gefährdeten Lage der einzelnen salischen Gaue wünschenswert, daß ihrer mehrere unter Einem König zusammengeschlossen würden. – Jedoch der Dank gegen Childirich und das Vertrauen auf die bereits bewährte Kühnheit und Klugheit seines Sohnes drangen durch: er ward gekoren und nahm den Königsstab aus des ältesten Richters Hand.
Aber dermaßen erhitzt und erbost hatte jener Widerstand den Rotlockigen, daß er, als nun die Entscheidung gefallen und gegen Abend das Volksheer aus dem Blachfeld vor den Wällen der Stadt abgezogen war, sich in die nahen Heimatorte zu zerstreuen, brennenden Kopfes zu seinem Waffenbruder Guntbert lief und in ihn drang, mit ihm in den nahen Königstann zu reiten.
»Warum!« fragte der ruhig, übrigens schon bereitwillig zum Marstall schreitend. »Um was zu thun?« – »Was denn? Was denn? Zu reiten, zu rennen, tief Luft einzuatmen, noch mehr die Hitze auszuatmen, die ich all' die Stunden mühsam in mir verhalten mußte.« Kaum hatten die beiden das schmale Wallthor im Süden der kleinen Feste hinter sich, als Chlodovech seinem Rotroß den Sporn so scharf in die Weichen schlug, daß das edle Tier hoch aufstieg und wie ein Pfeil voranschoß auf der alten gut erhaltenen Römerstraße nach Cambrai.
Nur mit Mühe konnte Guntbert auf seinem Braunen folgen. Erst tief im Inneren des Waldes zog der hitzige Reiter Zügel; dichter Schaum floß dem Pferde vom Gebiß, als es stand. Sofort sprang Chlodovech ab und warf sich auf das weiche Moos, tief atmend und mit beiden Armen um sich schlagend. Auch Guntbert stieg nun langsam ab; kopfschüttelnd fragte er, den steten Blick der treuen Augen auf den Zappelnden richtend: »Was hast du, Chlodovech?«
»Was ich habe! Königtum hab' ich. Macht hab' ich – zwar nicht viel, aber wartet nur! – Ihr sollt euch wundern – alle. Auch du! Aber zumeist ... – nun zum Beispiel meine lieben Vettern in Cambrai und Le Mans! Die können froh sein, daß ich schließlich doch gekoren ward!« – »Froh? Die wären wohl lieber selbst König deiner Gaue geworden!«
»Wären's ja nicht geworden! Hätte sie sogleich umbringen müssen. Nun haben sie noch ein paar Jahre gewonnen. Denn jetzt müssen sie mir erst helfen gegen – nun, eben gegen andere. Dann kommen sie daran.« – »Wie abscheulich!« – »Was denn? Ist ja dumm! Schau, das einzige Gescheite, was gegen mich gesagt ward, war das von der Vereinung mehrerer Gaue unter Einem. Der Mann hatte recht, der alte Wisogast. Und recht soll er behalten. Der wird noch viel Freude an mir haben. Ich werde viel mehr unter mir vereinen, als er ahnt! Warum ich dir das sage, Guntbert? Ja, ist vielleicht dumm. Man soll das Herz nicht auf der Zunge tragen, warnte der Alte. Aber sieh, manchmal muß das Herz heraus! Und ich habe keinen, dem ich's ausschütten mag.« – »Deine hohe Mutter?« Chlodovech furchte leicht die Stirn. »Die ist mir zu – nun: zu Göttingleich. Sie taugte besser in Asgardh Königin zu sein an Frau Friggs Statt als meine – Unterweiserin in diesem viel durchkämpften Gallien. Und dann – wozu ein zweites Gewissen? Hab' ich das leise da drinnen in der Brust zum Schweigen geschwatzt, dann fängt die Wodans-Enkelin an, laut zu mahnen. Beim lodernden Loge! Ich wüßte schon selbst, was gut ist, wenn ich's thun wollte. Ist ja dumm. Und dumm ist freilich auch von mir, daß ich dich gut leiden mag, du plumper Mann, du Eichblock. Aber auch wieder nicht dumm. Denn ein König muß einen haben, der ihm dient, treu, scharf, stumm wie das Schwert. Und das sollst du mir sein. Bist es schon. Sollst aber noch fester gebunden werden: Merk' auf – neige dein Ohr – weißt du, wen ich zum Weibe nehmen soll nach vieler Wunsch und Rat? Merkst nichts? Es geht dich doch recht nah an? Sieh, wie es dir ins Gesicht schießt! Ja, ja, Bertrada, deine Bertrada.« »O Chlodovech!« stöhnte der Jüngling.
»Was denn? Was denn? Wenn ich's wollte, würde ich dir's sagen? Ist ja dumm! Will sie nicht! Wohl ist sie schön – sehr schön sogar. So, was man sagt: edel. Möcht' sie wohl ...! Bin nicht blind. Aber ist ja dumm. Mein Weib muß mir nicht Schönheit einbringen und ›Tugend‹ und all' das Zeug: – ein Königreich. Nun stammt ja Bertrada aus edelm Geschlecht der Thüringe – ihr Vater hat meiner Mutter – nun, sagen wir in kindlicher Schonung«: – er lachte häßlich – ›Reise‹ aus Thüringen zu meinem Vater begleitet.« – »Wie meine Mutter.« – »Jawohl, damals Frau Basinas beide einzige Helfer. Und darum raten viele kluge Männer – ist nicht dumm! – ich solle die Thüringtochter nehmen und, auf ihr Erbe gestützt, das ganze Thüringland. Ist doch dumm! Ist noch zu früh! Zu weit weg. Es giebt andere Reiche, näher, schöner, reicher. Also, horch hoch auf, verliebter Guntbert: dein König entsagt großherzig – wie er nun einmal ist – Bertraden und giebt sie dir!« – »O Chlodovech! Du bist gut.« – »Glaube mir das nicht! Fällt mir gar nicht ein!« – »Dank! Dank! Mein Blut – mein Leben . . !« »Was denn? Ist ja dumm. Das heißt: nein. Ist sehr recht von dir. Ist sogar deine Pflicht gegen deinen König. Und nun – ich weiß! – bist du mir noch viel fester zu Treue verbunden, als durch die Blutsbruderschaft, die wir vor wenig Nächten schlossen. Sieh, da ich heute so froh bin, daß ich den Königsstab gewann, wollt' ich auch dich erfreuen. Nein, danke mir nicht! Denn zuletzt hab' ich es doch nur aus Schlauheit gethan: viel lieber als Thüringen ist mir ... nun, was anderes. Und dich will ich mir verpflichten auf Leben und Tod. Komm! Nach Haus! Es wird kühl in dem Waldmoos. Laß uns die Hengste heiß zurückhetzen. Wenn ich nur das Eine wüßte,« sprach er beim Aufsteigen, unhörbar für den Freund, »wenn ich doch den toten Vater wieder aufwecken könnte! Nicht auf lange! Beileibe! Ich will König bleiben. Aber daß er starb, ehe er das Eine Wort sagen konnte! Wer, wer weiß um das Eine und ... um den andern? Da steigt der Stern Freias auf! Schau' her, Stern, – ich befehl' es –, hier siehst du einen König!«
Ein Paar Tage darauf schritt die verwitwete Königin – sie trug graue Trauerkleider und hatte jeden Schmuck abgelegt – in dem nach römischem Geschmack angelegten viereckigen Gärtlein des bescheidenen »Palatiums« zu Tournay auf den mit buntem – rotem und gelbem – Sand bestreuten Wegen in der Mitte eines schönen jungen Paares langsam auf und nieder. Zu ihrer Rechten ging der stattliche Guntbert; aber er ließ schwermütig das Haupt sinken und das holde blonde Mädchen, das an Basinas linkem Arme hing, drängte, hart kämpfend, die Thränen zurück.
»Es ist nicht möglich!« sprach die Königin hauptschüttelnd vor sich hin. »Er hat es dir versprochen, sagst du, Guntbert?«
»Fest versprochen. Und meinen Dank dafür genommen. Und gesagt, nun sei ich ihm noch stärker verpflichtet!« – »Und zwei Tage darauf ...?« – »Ruft er mir, vom Gaul herab, an mir vorübersprengend, zu: ›'s ist nichts mit Bertrada. Die kriegt ein anderer!‹« »Nie!« sprach die Jungfrau ruhig. Und nun, da sie sich hoch aufrichtete, die großen, hellen Augen gen Himmel richtend, sah man erst, wie hochgewachsen auch sie war. Schweigend drückte die Königin ihren Arm an die Brust. »Und bald erfuhr ich,« hob Guntbert wieder an, »wie das kam und wer mir vorgezogen wird. Seit ein paar Wochen weilt ein Römer hier, ein Gesandter des Burgundenkönigs ...« »Cautinus!« nickte die Königin, »ein Neffe des Bischofs Theoplastus von Genf. Ich sah es wohl, mit welchen Blicken er die Schlanke verfolgte,« grollte sie drohend und zog die Brauen zusammen: dann sah sie wirklich aus wie eine zürnende Göttin aus Asgardh.
»Der warb um sie bei ihm: – ist er doch ihr Muntwalt, da sie, die Fremde, eines Thürings Tochter, rechtlos ist im Lande und nur vom König geschützt. Der Römer bot ihm Gold, – erzählte mir Ansovald, der Antrustio, der dabei stand, viel Gold ...« »Verkauft wie eine Ware!« sprach Bertrada. »Aber ich habe eine Seele. Und ... des Vaters Schwert.« Und sie hob die geballte Faust.
Da blieb die Königin stehen und küßte des Mädchens Stirne. »Du Wackre! Das ist deines Vaters Art. Wie er sich selber Treue hielt – und mir – so du. Als alle, alle, die jahrelang der Königin geschmeichelt am Königshof der Thüringe, feige, treulos, falsch von mir abfielen in der Stunde der Gefahr, da haben nur zwei Herzen der Verfolgten Treue gehalten: dein Vater und, Guntbert, deine Mutter. Sie allein teilten viele Wochen lang die Gefahren, die Schrecknisse meiner Flucht durch die in Winterschnee starrenden Wälder, über das bröckelnde Eis aller Ströme von der Unstrut bis an die Schelde. Den Bären und den Räuber hat dein Vater, Bertrada, mir vom Leibe gewehrt, deine Mutter, Guntbert, mir die wunden Füße gesalbt; zuletzt haben beide mich getragen zwei Tage lang. Wohlan denn: Treue um Treue! Ich werde euch helfen, ich werde euch vereinen, so wahr ich den Treulosen geboren!«
»Das zählt dir nicht bei mir, Mutter,« rief eine hohe Stimme. Und Chlodovech sprang hell lachend hinter dem Vorhang hervor, der den Garten von dem Opisthodomos schied. »Das hast du nicht mir zu Lieb gethan. Kanntest mich ja noch gar nicht!« Unwillig blieb die Königin stehen; das Mädchen drückte die Faust auf die Brust. »Ich hab' dein Wort!« rief Guntbert. »Da hast du auch was Rechtes! Ein König muß viele Worte haben: – Ja und nein nebeneinander! Der andere hatte auch eines meiner Wörter. Was denn? Hilft ihm auch nichts. Ist ja dumm!«
»Chlodovech! Halte Treue. Es war des Vaters letztes Wort.«
Sehr ärgerlich drehte sich der junge König auf der Ferse um sich selber herum. »Mutter – wenn du mir immer nur mit diesem Worte kommst – ich ... ich ertrag's nicht. Ist ja ...« Er fing das rohe Wort. Aber er sprach zu sich selber: »Mit ihrem Starenlied von der Treue! Sie wird mich mal so ärgern, daß ich sie nach ihrer ›Reise‹ aus Thüringen frage ...« Er atmete nochmal heftig. Dann hatte er sich bezwungen. »Wozu all' das Gerede! Ist ja dumm. Wollte ich diese junge Walküre für mich haben – ja, blitze nur mit den Blauaugen! – oder für einen andern, so würde mich weder ihres Vaters dummes altes Schwert ... – wo mag es übrigens sein?«
»Unter meinem Hauptkissen.«
»Noch Guntberts Zorn, noch der Frau Mutter Treuegesang abhalten. Meint ihr, ich fürcht' euch? Ich fürchte nur – manchmal – mich selber. Aber beruhigt euch, ihr Lieben. Es hat mich schon lange wieder gereut. Der Römer bot mir – nach genauer Schätzung! – doch nicht so viel als Guntberts Treue wert ist. Cautinus ist samt meinem Königswort abgeritten: – aber ohne die Braut! – Die Braut ist Guntberts! – Das bezahlte Brautgeld hab' ich freilich dem andern zurückzugeben ... vergessen. ... Ja, was willst du, Mutter? Der Schatz ist leer! Ein König ohne Geld ist ...? Ist ja dumm. Und Wodan, dein hoher Ahn, hat auch gar oft Riesen und schöne Weiber – betrogen. Treue halten ist gut für Unterthanen, Götter und Könige können das nicht erschwingen. Also rüstet den Brautlauf! Schöne Bertrada, dem ersten Knaben leg' ich mit dem Namen ein Zahngeschenk in die Wiege. Kann man nicht Vater sein des Kindes eines schönen Weibes, – denn du bist wirklich schön, du Trutzige, nur gar zu herb! – ist es eine Art Abfindung, Namengeber dieses Balges werden!« – »Chlodovech! Du bist ...!« – »Ja, Mutter, nicht ganz so ... feierlich wie du. Wer weiß, welcher Elbe mein ... Pate war und mir seine Art zum Zahngeschenke gab? Man raunt allerlei davon im Volke der Franken!«
Wenige Jahre nach Chlodovechs Thronbesteigung schrieb Theoplastus, Bischof der burgundischen Stadt Genf, an Remigius, den frommen, weisen und edeln Bischof von Reims, welche Stadt Chlodovech längst gewonnen hatte: »Remigius, dem in Christo geliebten Bruder, der da zu Reims den Bischofstuhl schmückt, sendet bischöflichen Gruß Theoplastus von Genf. Es ist wohlgethan, geistlicher Pflicht und weltlicher Klugheit gleich entsprechend, daß die Hirten der christlichen Herde über die trennenden Grenzen der weltlichen Reiche hinweg sich brüderlich die Hände reichen und gemeinsame Zwecke gemeinsam verfolgen, ohne Rücksicht auf die Vorteile der Staaten, denen sie – dem Leibe nach – angehören.
Denn der Seele nach gehören sie nicht den weltlichen Reichen an, sondern dem Reiche Gottes: die weltlichen Reiche aber und ihr Recht sind nur ein notwendiges Übel, eine Frucht des Sündenfalles: im Paradiese gab es weder Recht noch Richter: eine Folge also der Verführungsthat des Teufels sind Recht und Staat, diese leidigen Krücken der erkrankten Menschheit: die gesundete wirft sie von sich am Tage des Gerichts, da Recht und Staat untergehen werden, zugleich mit dem Teufel, von dem sie verschuldet sind, wie Sankt Augustinus schreibt in seinem herrlichen Werke ›vom Gottesstat‹: dies Buch sollte man als Gesetz verkünden in allen Staaten von Christen. Da würde kein König mehr der Kirche Rechte kränken können: denn alle Geltung – schreibt Sankt Augustin – die dem Staate, dem weltlichen Gesetze, zukommt, kann nur das ewige Gesetz der Kirche ihm verleihen. Daran müssen wir denken Tag und Nacht und danach unsern Gehorsam gegen die Könige der Welt bemessen.
Auf diese Gedanken ward ich geführt, weil, was ich dir, in Christo geliebter Bruder, vorschlagen werde – unter dem Siegel priesterlichen Schweigens! – dir vielleicht auf den ersten Blick bedenklich erscheinen kann, als ob es mit der Treue des Unterthans gegen seinen König etwa nicht sonderlich gut vereinbar sei. Allein in der Priesterweihe legen wir den natürlichen, den weltlichen Menschen und unsere Volkesart ab und ziehen einen geistlichen Menschen an: nur der weltliche aber war an den Staat gebunden, nur ihn verpflichtete der Eid der Treue, den jener – noch als Laie – geschworen hatte.
Es handelt sich – kurz gesagt – darum, die Herrschaft eures jungen Königs über dies unglückliche Reich der Burgunden auszudehnen. Du staunest, du fragst: ›Wie kommt ein Bischof dazu, sich einen Heiden zum Herrscher zu wünschen, statt der beiden christlichen Könige, unter denen er steht?‹ Die Antwort lautet: die burgundischen Könige sind Ketzer, Arianer. Sie sind nicht Christen: denn sie gehorchen nicht bischöflicher Vermahnung: und der heidnische Frankenkönig? Nun, der muß eben katholisch werden!
Mit unsäglicher Mühe habe ich seit Jahren im Verein mit den Mitbischöfen in Burgund König Gundobad von seiner arianischen Ketzerei hinweg für das Bekenntnis des heiligen Athanasius zu gewinnen gesucht: ein großes Religionsgespräch zwischen uns und seinen arianischen Balspriestern, in dem ich alle Kraft des Geistes – sie ist, wie du weißt, nicht ganz gering! – aufwandte, brachte ihn nur zu einem Achselzucken, wie weiland Pontius Pilatus!
Nun, da er nicht hören will, soll er fühlen! Er unterdrückt uns nicht gerade, aber er läßt uns auch nicht frei gewähren: – freilich auch seine arianischen Bischöfe nicht: die Kirche aber ist nicht frei, wenn sie nicht herrscht. Darum haben wir, die rechtgläubigen Bischöfe im Reiche der Burgunden, unsere Augen auf einen andern geworfen, den ungehorsamen Ketzer durch einen ungehorsamen Sohn der Kirche zu ersetzen: auf euren König: Chlodovech.
Es ist staunenswert, was dieser junge Heide in den wenigen Jahren seiner Herrschaft vollbracht hat: er gemahnt an den Knaben David, den Sohn Isais. Noch nicht zwanzig Jahre alt, hat er Syagrius, den letzten Befehlshaber, der noch römischen Besitz in Gallien behauptete, vor seiner Stadt Soissons geschlagen: – er selbst – der junge König – soll in dem Kampfe das Beste gethan haben. Auf seinem Rotroß seiner Gefolgschaft vorausjagend, entriß er mit eigner Faust dem Tribun den letzten Adler der letzten römischen Legion, der noch in Gallien die goldnen Schwingen hob, ihn und vier Centurionen im Einzelkampf um dieses Feldzeichen erschlagend. Er – der erste, weit vor all' seinem Heer! Dann zerschlug er mit seiner Streitaxt das Thor von Soissons, drang ein, nur von einem Gefährten gefolgt und wehrte sich, den Rücken an den Wall gelehnt, lange, lange Zeit, bis die Nachdringenden ihn, den nach vielen Wunden Gefallnen, unter dem Schilde seines blutenden Gefährten hervorzogen.
Und seit er Soissons gewonnen – bei der Teilung der Beute mit seinen Franken soll er allerdings das meiste heimlich für sich beiseite gebracht haben! – hat er wie ein fressend Feuer um sich gegriffen. Oder vielmehr: Gott und die Heiligen haben ihn von Erfolg zu Erfolg getragen, wie da geschrieben steht in den Psalmen: ›Ich werde die Völker unter dich zwingen und die Leute werfen unter deine Füße, ich will deine Feinde zerstoßen wie Staub vor dem Winde.‹
Er findet keinen Widerstand – oder überwindet ihn, wie von den Flügeln der Engel hinüber getragen. Bis an die Seine, ja bis an die Loire hin, gewann er alles Volk, mehr durch Klugheit als durch Waffengewalt, die Römer und die alten Einwohner in der Bretagne fallen ihm zu. Bald wird er in Paris einziehen, wo die fromme Jungfrau Genoveva, seines Vaters Schutzbefohlene, eine Heilige, die bei lebendem Leib allerlei Wunderzeichen verrichten soll, die Seelen der Einwohner für ihn gewinnt. Nun, in Christo geliebter Bruder, und dieser Mann, dem sichtbarlich Gott und die Heiligen die Wege bahnen – was ist er? Ein Heide! Freilich!
Seine Erfolge aber sind so groß, daß man nicht mehr sagen kann: Gott läßt sie nur zu, zur Strafe unserer Sünden, wie Pest oder Hungersnot, nein: Gott will durch diesen Mann seine Kirche verherrlichen auf Erden. Und wir – wir müssen dazu helfen mit irdischen Mitteln zu himmlischen Zwecken. Das ist des Priesters, des Bischofs wichtigste Pflicht! Denn von Anfang hat der Merowing – klug oder gut – sich gar freundlich gestellt zu den Bischöfen seiner Städte. Er, – der Heide! Ganz anders als jene gottverfluchten Könige der Goten und unsere burgundischen: die beide zwar Christen heißen, aber üble Ketzer sind! Zehnmal schlimmer der Ketzer als der Heide! Der Heide hat das Wort des Heils noch nicht vernommen oder nicht verstanden, der Ketzer hat es vernommen und in Unheil verkehrt. Die Ketzer verfolgen die Katholiken: – die Heiden lassen sie gewähren, ja, ich kenne manchen heidnischen Germanen, der, wie vor seinen Göttern, vor Sankt Martinus fromm die Kniee beugt: wenn er zwölf Götter verehrt, warum nicht vierundzwanzig? Schon jetzt, da Chlodovech noch Heide, sehnen gar viele Katholiken in Burgund und im Westgotenreich – so schreibt mir zum Beispiel der Bischof von Langres – seine Herrschaft herbei: er schützt sie jetzt schon, die Arianer bedrücken sie. Dieser Merowing scheint von Gott berufen, große Macht in Gallien zu gewinnen: wohlan, er soll sie üben: aber im Dienste der heiligen Kirche.
Diese Gedanken nennst du vielleicht allzu weltlich? Denn wohl bekannt ist mir dein frommer, reiner, nur auf das Himmlische gerichteter Sinn.
Wohlan, so vernimm denn: die Heiligen haben jene Gedanken feierlich gebilligt. Viele Monate lang – seit jenem Religionsgespräch, in dem ich den schnöden Zweifler Gundobad zu überzeugen nicht vermochte, – zu meiner tiefen Demütigung! – wälzte ich Tag und Nacht diese Erwägungen im Kopf und bat die Heiligen, mich zu erleuchten. Vor drei Tagen schlief ich – nach langem Planen und Beten – ein: alsbald erschienen mir, vom Strahlenkranz die Häupter umleuchtet, die heiligen Bischöfe Martin von Tours und Hilarius von Poitiers, die ich zuletzt angerufen im Gebet, und sie sprachen: ›Mein Sohn Theoplastus, du bist auf dem rechten Wege: das Reich der Burgunden soll und wird den Franken zufallen und du selbst wirst den Merowing zum Taufbecken geleiten. Die Ehrung, die dir Gundobad versagt, wird Chlodovech dir reichlich leisten.‹ Nach diesem Gesicht ist mir der letzte Zweifel geschwunden: ich schwöre dir: so haben die Heiligen gesprochen.
Nun erwäge meine Worte, vor allem aber die der Heiligen, und verweigre nicht deinen Beistand zu einem frommen und heiligen Werk. Ich denke dabei nicht gleich an Krieg und Eroberung: ich will erst den Heiden für den rechten Glauben gewinnen, bevor ich ihm das Reich Burgund in die Hände spiele. Und dazu hat uns Gott ein trefflich Werkzeug gegeben!
Du weißt, wie die Dinge bei uns liegen. Unsere beiden Könige zwar, Gundobad und Godigisel, die Brüder, sind Arianer, aber ihre Nichte, Hrothehild, die Tochter des verstorbenen dritten Bruders Hilperich, durfte die katholische Mutter bis zu ihrem Tod im rechten Glauben erziehen: und ich habe Gott und den Heiligen versprochen, die Seele der Doppelwaise ihnen zu erhalten trotz aller Anfechtung. Ja, dieses schöne, kluge, willenszähe und mir, – das heißt der Kirche, – schrankenlos ergebene Mädchen, mein Patkind und Beichtkind, soll des Merovings Gemahlin werden: dann müßte es doch seltsam zugehen, wenn wir, falls sie und du und ich zusammen wirken, den Heiden, der schon jetzt den Katholischen so geneigt ist, nicht bald völlig gewönnen. Und als Gemahl der Tochter des verstorbenen Burgunden-Königs – den dritten Teil des Reiches beherrschte ihr Vater Hilperich – hat er ein Recht auf ein Drittel dieses Reiches: die beiden andern Drittel mag ihm dann Schwert oder Vertrag verschaffen. Der Mann aber, der dir dieses Schreiben überbringt, verdient dein volles Vertrauen: mündlich und schriftlich kannst du ihm alles mitteilen. Es ist mein Neffe Cautinus. Ich grüße dich mit apostolischem Gruße.«
Nachdem der aufrichtig fromme, gelehrte, aber auch sehr weltkundige und staatskluge Bischof – er stammte aus einem jener senatorischen und insulirten Geschlechter Galliens, in denen die Senatur in den Kurien der Städte wie der Bischofstab von Geschlecht zu Geschlecht thatsächlich erblich waren – in seinem Schreibgemach zu Genf das Schreiben nochmal sorgfältig durchgelesen und dann, zufrieden mit dem Inhalt und dem Verfasser, genickt hatte, schloß er es umsichtig mit einem Siegelring, dessen schön geschnittner Stein, wie er meinte, den heiligen Petrus darstellte: in Wahrheit war es freilich ein Poseidon.
Nun gab er dem Velarius, der draußen den Zutritt zu dem Schreibgemach hütete, einen Wink: der führte einen jungen Mann in Priesterkleidung herein: sie war aus den kostbarsten Stoffen säuberlich, ja vornehm gearbeitet und ließ dem etwa Achtundzwanzigjährigen sehr gut: sein scharf geschnittenes, echt römisches Gesicht ward nur für einen Weltentsagenden allzu unstet belebt durch zwei begehrlich funkelnde Augen, so schwarz wie das dichte, nun verschorene Haar: geschmeidig beugte sich die hagere, mittelgroße Gestalt vor dem Bischof, aber nicht allzutief. »Mein ehrwürdiger Oheim hat befohlen,« hob er an. »Ich gehorche ihm – wie immer.«
»Das ist stark gelogen, Herr Neffe,« lachte der andere. »Du hast mir – und übrigens auch deinen Eltern – immer nur gerade soweit gehorcht, als es dir beliebte. Das muß nun anders werden, Archidiakon: der Oheim konnte Ungehorsam, argen Leichtsinn und – Schlimmeres verzeihen: der Bischof verlangt blindes Gehorchen: die heilige Kirche versteht keinen Spaß. Das sollst du spüren! Also horch auf. Ich will dir nicht alle deine früheren Streiche und meine älteren Verdienste um dich und deine Schulden, – das heißt deine Gläubiger! – vorrücken: – die Nacht, die herannaht, ginge darüber hin. Nur an das jüngst Vergangene will ich dich mahnen, um dir einzuschärfen, wie Großes du mir zu vergelten hast. Weibertoll warst du von jeher ...« »Erst seit meinem dreizehnten Jahr, Oheim!« lachte der Neffe, die glänzend weißen Zähne zeigend. »Aber was du in den letzten Jahren alles gegen das sechste Gebot gefrevelt hast, das ist himmelschreiend. Die Gattin des Grafen Victorius hast du entführt, den Mann, der euch einholte, erschlagen ...« – »In offnem Kampf.« – »Bald die Entführte laufen – oder sitzen! – lassen und ihre Schwester ...« – »Sie war wirklich viel jünger und hübscher ...« – »Sogar eine Gott geweihte Religiosa hast du dann ...« – »Brich ab, Oheim, es sind ihrer, wie du selber so weise sagtest, zu viele. Aber weißt du auch – doch wie solltest du, der du so heilig bist! – und zumal so alt! – was mich dazu getrieben hat, in wildem Wechsel wilde Lust zu suchen? O nein!« Und nun nahmen die leichtfertigen Züge des jungen Priesters einen unheimlichen Ausdruck abgrundtiefer, düsterer Leidenschaft an. »Du kannst es nicht ahnen. Sieh, Oheim,« – in hastiger Bewegung trat er dicht an den Bischof und flüsterte mit funkelnden Augen – »mich verzehrt rasende Glut um Ein Weib: – das einzige, nach dem ich verlange, mit heißer Gier. – Man hat sie mir versprochen! Man hat sie mir genommen, einem andern gegeben. Und in dem Sehnen nach dieser Einen bild' ich mir ein, andere könnten diesen Durst löschen. – Umsonst! So jage ich durch das Leben, die Weiber verderbend, mich selbst verzehrend ...« Er hielt inne, seine Pulse flogen, sein Antlitz erglühte. »Abscheulicher! So wagst du zu reden zu einem Priester des Herrn?« – »Ich beichte.« – »Schöne Beichte: ohne Reue, Buße und Besserung! Das Wergeld für den erschlagenen Grafen, die vielen Bußen und Schweigegelder für deine andern Unthaten, die Kosten und – die Schulden deines maßlos schwelgerischen Lebens haben dein Erbe erschöpft, meine Mittel stark geschmälert. Es gab nur Ein Mittel, dich zu retten: ich beschloß, dir die reichen Beneficien meiner Kirche zu Dijon zuzuwenden. Die Früchte sind reich genug, die Schulden zu decken und dich trefflich zu nähren: und vergeuden kannst du die unveräußerlichen Kirchengüter nicht. Aber Eile that not: die Gläubiger drängten! Und so mußte ich dir an einem Tage hintereinander alle Weihen erteilen, den krassen Laien bis zum Archidiakon erheben: – nur einem solchen stehen jene Güter nach der Stiftung zu. Wohl würde streng darüber schelten, erführ' er's, der heilige Vater zu Rom oder Remigius zu Reims. Allein mir tröstet das Gewissen das Eine: wahrlich, nicht nur um dir aus der Schuldennot zu helfen hab' ich die Canones verletzt: – vor allem aus der Not der Schuld. Denn ich vertraue: du wirst als Priester des Herrn, unter meiner Aufsicht, deine Laster ablegen: und so rette ich deine Seele, mag darüber ein Verbot der Kirche verletzt werden.«
Der Neffe verbeugte sich jetzt sehr tief, vielleicht um das spöttische Lächeln zu verbergen, das seinen Mund umspielte.
»Und da ich deinen Eifer, deine Klugheit in weltlichen Dingen kenne, habe ich dich – du mußt mir ergeben sein, denn du hast sonst auf Erden keine Stütze! – auserwählt, einen Auftrag, gleich wichtig für die heilige Kirche wie für den sehr – unheiligen! – Staat der Burgunden auszurichten. Nimm dies Schreiben. Du gehst als mein Bote ...« »Wohin?« fragte Cautinus unwillig. »Doch nicht zu einem der langweiligen Klöster? ...« – »Nein. An den Hof des Frankenkönigs.« »Ah! Wie gern!« rief der Neffe blitzenden Auges und ergriff eifrig die versiegelte Rolle. »Und dann nach Reims, zu dem frommen Bruder Remigius. Ihm giebst du dieses Schreiben. Meine Aufträge an Chlodovech aber sind so geheim, – und so gefährlich! – ich kann sie dir nur mündlich anvertrauen. Mache dich reisefertig. Dann komm wieder und vernimm, was ich dir für den Merowing zu sagen habe.« »Ich werde sie wiedersehen!« frohlockte Cautinus im Herzen.
»An Theoplastus, Bischof von Genf, Remigius, nur durch die Gnade Gottes, nicht nach eigenem Verdienst Bischof von Reims.
In Christo geliebter Bruder! Nicht durch deinen Neffen, der noch gar wenig durch die so rasch hintereinander von dir ihm erteilten Weihen der Weltlichkeit entrückt und dem Himmlischen gewonnen scheint, laß ich dir Antwort auf dein Schreiben zukommen. Denn ich halte kein Siegel für sicher in seiner Hand. Er mißfällt mir durchaus: und ich fürchte, die Verwandtschaft hat dir in seiner Würdigung die Klarheit des Blickes getrübt. Dein Brief aber ist schwerster, bedenklichster, schlimmster Dinge voll.
Verstatte dem so viel älteren Bruder ein freies Wort der Warnung. Offen sage ich dir: durchaus verwerf' ich deine Sinnesart: und mit den Pflichten eines Christen, eines Priesters, eines Bischofs scheint sie mir wenig vereinbar. Die Weise, wie du dich deinem weltlichen Herrn, dem König der Burgunden, gegenüber, hinter der Pflicht der beschworenen Treue hinwegschleichen willst, kann mir gar nicht gefallen. Hart ist es ohne Zweifel, unter der Herrschaft von Irrgläubigen leben und zehnmal würde ich den Tod erleiden, eh' ich unter ihres Zwanges Druck auch nur ein Haar von meinem Glauben wiche. Aber kluge Ränke spinnen, den König, den dir Gott nun einmal zum Herrn gesetzt hat, der Herrschaft zu berauben, – das sollte dir ferne sein! Hast du vergessen, was der Apostel an die Römer schreibt? ›Jedermann sei unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit, sie sei denn von Gott verordnet.‹
Auch ich habe König Chlodovechs – vielleicht nur aus Klugheit gewährte – Milde gegen unsere heilige Kirche hoch zu loben und täglich schließe ich mein Nachgebet mit der Bitte, Gott möge ihn in den Schoß unserer Kirche führen: ich würde mich auch herzlich freuen, wollte der Himmel sich einer wackern und frommen Ehefrau bedienen, des jungen Heiden Seele zu erretten. Aber irgend die Hand zu einem Spiel der – Schlauheit bieten, um das herbeizuführen, das verbietet mir das Gewissen. Chlodovech ist – ach! – so weit von Christi Geist entfernt, wie der Abgrund der Hölle vom Himmelreich. Was würde es helfen, beredete ihn ein jung und reizvoll Gemahl zur Taufe und seine Seele bliebe so durch und durch unchristlich, ja widerchristlich, wie sie heute – leider! – noch ist? Ich arbeite an seiner Seele. Das ist mein Recht, weil meine Pflicht. Deine Pläne der Staatskunst aber liegen mir fern. Wie sprach der Herr? ›Mein Reich ist nicht von dieser Welt!‹ Vergieb mir um Christi Willen, haben meine Worte dich verletzt.
Remigius, ein Knecht des Herrn.«
Nachdem Theoplastus dieses Schreiben gelesen, zerriß er es unwillig in viele kleine Stücke. »Und diese Einfalt darf auf dem hohen Stuhle von Reims sitzen!« rief er entrüstet. »Auf einer Säule in der ägyptischen Wüste müßte er stehen! Aber warte nur! Wir wollen doch sehen, ob barbarische Kampf- und Herrschgier, ein schönes Weib und ein eifriger Priester diesen jungen Heiden nicht dahin führen, wohin der Himmel ohne Zweifel ihn geführt haben will. Die Heiligen meines Traumes können nicht gelogen haben.«
In dem salischen Gau Toxandria, auf dem rechten Ufer der Schelde, nahe der Mündung, waren die niemals tief eingeprägten römischen und christlichen Spuren schon seit mehr als hundert Jahren völlig verwischt oder vielmehr überwachsen von germanischem Wesen, das die schon vor Julian hier eingedrungenen Salier verbreitet hatten. Auch dieser letzte große Vorkämpfer des Römertums in Gallien hatte die Franken hier nicht mehr zu vertreiben vermocht.
Zum Teil niemals gerodeter Urwald, zum Teil seit ein paar Menschenaltern aufgewucherter Frischwald bedeckte weithin das Land: ein gewaltiger Hain, hart am Stromufer, war Wodan geweiht: neun Tage und neun Nächte – rühmte die Sage – könne hier Donars heilig Tierlein, das Eichhorn, von Wipfel zu Wipfel springen, ohne den Boden berühren zu müssen. Der Hain war umhegt: Gewaffnete, im Dienst des Weihtums, hüteten die drei einzigen Eingänge im Osten, Süden und Norden, im Westen schützte der Strom. Im Norden grenzte der Götterhain mit einem stattlichen Allod, dessen Halle mit der Rückseite ebenfalls an den Fluß stieß: es war das Besitztum, das die Königin Basina – das wertvollste aus ihren Hofgütern – Guntbert und Bertrada bei ihrer Vermählung geschenkt hatte.
Nur ungern hatte Chlodovech das geschehen lassen. »Ich will den gutmütigen Menschen um mich haben, hier, im Palast,« grollte er. »Er ist mir wie ein Schild oder ein verlässig Roß oder ein wachbarer Hund so treu. Und dann: warum ihn auf einmal so reich werden lassen? Er hätte immer noch ein bißchen treuer werden müssen, weil er immer noch was zum Leben von meiner Gunst hätte erwarten mögen. Ist ja dumm.«
»Seine Mutter und ihr Vater haben wiederholt mein Leben gerettet,« hatte die Witwe grollend im Hinausschreiten gesprochen. »Ja, ja,« lachte ihr der Sohn nach, »bei jener eiligen .... Reise aus Thüringland!«
Dorthin war das neuvermählte Paar von dem Königshof gezogen. Die für die Arbeit erforderlichen halbfreien und unfreien Hintersassen sowie die Herden und das Gerät fand es auf dem Gute vor. Und mit freudigem Eifer schalteten die jungen Gatten in Haus und Hof, in Garten, Wiese, Feld und Wald.
An einem warmen Augustabend saßen sie bei sinkender Sonne auf der Bank, die, auf mehreren Stufen erhöht, die ganze Vorderseite des Wohnhauses umzog: von diesem ragenden Vorsprung aus konnte man über die Hofwere – den Pfahlzaun – hinweg auf das Acker- und Wiesland schauen, von dem das Gesinde nun, nach vollendetem Tagewerk, in die neben dem Herrenhause verstreuten Häuslein und Hütten zurückkehrte, die Arbeitsgeräte auf den Schultern. Der Leute frohes Scherzen und Lachen bezeugte, daß es ihnen nicht übel erging unter der Herrschaft des glücklichen Paares: gute Menschen im Glück wollen Glück um sich verbreiten.
Guntbert hatte den linken Arm um seines jungen Weibes Nacken geschlungen, die Rechte hob den römischen Becher: – wie der dunkle Wein, der ihn füllte, ein Geschenk Basinas. »Dank, Frau Sunna!« rief er dem Abendgold entgegen. »Du hast uns ein gutes Jahr gegönnt. Du bist so schön wie gut: – du bist gewiß Bertraden hier ähnlich!« Und er trank den Becher leer.
»Nicht also, Liebster,« mahnte die Frau, sich an seine breite Brust lehnend, – sie ließ die auf dem Boden wirbelnde Spindel einen Augenblick ruhen – »erzürne nicht die hohe Göttin durch frevelnden Vergleich!« »Hei,« lachte er, »Frau Sunna darf das nicht verdrießen. Hab' ich doch nichts auf Erden noch gesehen so schön und gut wie du!«
»Klein Theoda,« meinte die Mutter mit zärtlichem Blick auf ein etwa vierjährig Mädchen, das im weißen Linnenhemdchen auf der Wiese unterhalb der Hausstufen saß und sich bemühte, mit den kleinen Fingern die vielen weißen und roten Blumen, die im Kreis umherstanden, zu einem Strauße zusammenzupflücken, – »klein Theoda wird tausendmal schöner als ich, – Da sieh, da kommt Guntvalt angeritten! Hoch zu Roß!« »Ohne Sattel! Auf dem feurigen Hengst! Der Keckling,« lachte der Vater. »Aber er fällt nicht: – er sitzt fest!« Da trabte ein sechsjähriger Knabe auf die Scheune neben dem Herrenhause zu, sprang ab und öffnete weit die Thorflügel des Gebäudes; dann eilte er mit hohen Sprüngen auf das Schwesterlein im Grase zu und drückte auf das blonde Haar einen Kranz von blauen Kornblumen: die Kleine patschte vor Freude in die runden Händchen. Schon stand der Knabe vor den Eltern und wies mit ausgestrecktem Arm auf das Stoppelfeld, das sich weitgestreckt zur Linken des Hauses dehnte: »Schau, Vater, da kommt der letzte Wagen, Hoch, hoch beladen! Die drei starken Rinder können ihn kaum vorwärts bringen. Aber ich hab' auch tüchtig aufladen helfen! Das heißt: ich stand oben und strich die Garben zurecht! Da hat mir die Milchdirn den blauen Kranz geflochten: – aber der ist für Theoda, dacht' ich gleich.« »Wie du glühst,« meinte die Mutter und strich ihm über die roten Wangen. »Immer so wild, immer zuviel! Und den wilden Hengst des Vaters besteigen!« – »Ja, auf den Rindern kann ich doch nicht reiten, wie ein Knecht! Wie sagte neulich der Vater?
›Der freie Franke gehört auf den Hengst, In der hauenden Hand das geschwungne Schwert.‹«
»Gut merkst du dir so was!« lächelte die Mutter, »du Wildling. Aber hast du auch den Spruch behalten, den ich dir neulich vorsagte, da du einschliefst?«
»Ich ... ich glaube wohl:
›Waltender Wodan Und du, dröhnender Donar, Schützet und schirmt in der Schlacht, Guntbert, den guten.‹«
»Und« – »ja, das von den Göttinnen? .... Das hab' ich vergessen!«
»Und,« schloß die Mutter:
»Freia und Frigg, befreundet, befriedet Haus ihm und Hof.«
»Sieh, da wankt und schwankt der Wagen heran,« sprach der Vater. »Wahrlich, Gott Frô gab gute Ernte! Aber heiß war der Tag, die Arbeit schwer! Lauf, Guntwaltlein, und sag' dem Kellerknecht, er solle jedem der Leute zum Abend einen Becher Metes mehr reichen.« Als der Knabe mit einem Satz die vielen hohen Stufen übersprang, schüttelte Frau Bertrada das blonde Haupt und klagte: »Der Bub' ist allzuwild. Sein Mut ist ohne Maß. Du solltest ihn mäßigen.«
»Nein. Nur ihn lehren, die Gefahr auch kennen, und sie doch nicht fürchten. Jetzt ist er furchtlos ... aus Unwissenheit. Der wird schon recht! Hat ein Auge wie der Falke! Schießt jetzt schon mit seinem Knabenbogen fast wie ich. Der wird schon recht!« wiederholte er, dem Sohne freudig nachschauend, wie der dahin flog über die Wiese. »Ja! Denn er wird ganz wie du! – O mein lieber, lieber Mann.« Sie blickte sich scheu um, – ob jemand herschauen könne, dann küßte sie ihn zärtlich. »Wie hab' ich dich lieb! Wie glücklich sind wir! Sind wir all' die Jahre her gewesen. Ich hab' es nicht geglaubt, daß ein Herz soviel Glück aufnehmen mag. Oft wird mir bang zu Sinn: ob's wohl dauern kann?« – »Du thöricht Kind! Warum denn nicht? Was quälst du dich!« – »Schilt mich, aber ich kann's nicht lassen. Ja, in deiner Nähe, hör' ich deine klare Stimme, seh ich in dein stetes Auge, dann fühl' ich mich so sicher, wie unter Donars Schild. Aber abends – spät abends, – wann die Kinder schlafen und auf die öde Halle die langen Schatten fallen – dort vom Nordwald her, – wann die grauen Nebel aus dem Schilf steigen und du bist noch immer nicht zurück von der Jagd unter jenen düstern Föhren, – dann, dann beschleicht mich oft ein fröstelnd Grauen. Wenn du mir einmal gar nicht mehr wiederkehrtest ...?« Er lachte: »So leicht bezwingt mich weder Ur noch Bär.« – »Es giebt Schlimmeres –.« – »Doch nicht, daß ich wüßte!« – »Böse Menschen!« – »Die zwingen mich erst recht nicht.« – »Nicht im Kampf! Aber ...! Ich muß immer denken an einen Blick abgrundtiefen Hasses, – du sahst ihn nicht – aber ich fing ihn auf!« – Sie schauerte zusammen. »Nun? Wer? ...«
»Jener Priester ... der freche Römer – aus dem Burgundenreich.« Jetzt lachte der Mann noch fröhlicher. »Cautinus? Nun, der, mein' ich, sucht nicht mehr meine Nähe. Wohl gedenk' ich's! Er kam als Bote seines Oheims aus Burgundenreich zum König, gerade als ich dich nach einem Besuch bei der Königin auf das Pferd hob, dich wieder hierher – nach Hause zu holen.« – »Schon als Laie hat er ...« – »Um dich geworben, dich keck verfolgt. Er ward nun – der Priester! – ganz bleich, als er dich, von meinem Arm auf den Sattel gehoben, wieder sah. Unter dem Vorwand, dich mit dem Kreuzeszeichen zu segnen ...« – »Wie durft' er's wagen! Von Donar stammen mir die Ahnen!« – »Berührte er dich an der Stirn und einer Schulter. Eh er an die andere gelangte, lag er – ein paar Schritte weit von dir – im Staub. Er hat diesen Arm gespürt: er kommt mir nicht wieder.«
»Ich sah seinen Blick, als er sich – stöhnend – aufraffte, und ich ... Horch, was ist das?« – »Hufschlag! Ein paar Gäule nahen rasch.« Guntbert stand auf und schritt die Stufen hinab, auf die Thüre der Hofwere zu. Schon tauchten aus dem Saum des nahen Gehölzes mehrere Reiter auf dem Stoppelfeld auf, bald waren sie heran: noch vom Gaul herab, vor dem Abspringen, rief der vorderste ihm zu: »Eile dich, Guntbert! Steig zu Roß! Der König entbietet dich sofort. Er entsendet dich auf wichtige Fahrt.« – »Wohin?« – »An den Königshof der Burgunden!«
