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Eine Vermessung Südtirols durch seine Gegenwartsautor*innen. Dieses Jahrbuch unternimmt nach längerer Zeit wieder eine umfassende Standortbestimmung der Südtiroler Gegenwartsliteratur. Die Anthologie versammelt Autor*innen der Aufbruchsgeneration, die in den 1980er-Jahren die Südtiroler Autorenvereinigung gegründet hat, und geht über die mittlere Generation, die sich in den "Hinterländern" der jeweiligen Verlagsmärkte behauptet hat, bis herauf zu ganz jungen Stimmen. Dabei präsentiert sich die Literatur dieser dreisprachigen Region in ihrer sprachlichen, formalen und kritischen Lebendigkeit sowie in unterschiedlicher Distanz zu ihrem Gegenstand: Da sind der an verschiedenen Lebenswirklichkeiten vor Ort geschärfte Innenblick und die Außenwahrnehmung aus der Ferne.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Jahrbuch 15 | 2021
Literatur sichten | Südtirol
Südtirol | Alto Adige | „alto fragile“
Eine Anthologie
Vorwort
Giovanni Accardo
Vincenzo und Lissy
Eeva Katharina Aichner
Tamisch – Versuch über eine Tiroler Wesensart
Rut Bernardi
Unheilbar
Massimiliano Boschi
Das Opfer
Maria E. Brunner
Die vielen Seiten der Geschichte
Roberta Dapunt
Beißt doch die Zeit sich fest an diesem Ort des immer Gleichen.
Gabriele Di Luca
Ohne die anderen leben
Maddalena Fingerle
Du hast mich spielen sehen
Sabine Gruber
Journalgedichte
Maria C. Hilber
Hintergrundstrahlung
Teseo La Marca
Vieles ist anders hier
Kurt Lanthaler
Pi, oder: Von der Rundung der Welt
Selma Mahlknecht
Das sanfte Wachsen des Grases
Felix Maier
An den gelben Enzian
Sepp Mall
Weiterwandern, niemanden zurücklassen
Julian Peter Messner
engel der freundschaft
Gentiana Minga
Sie beide allein
Josef Oberhollenzer
Traumschaften
Maxi Obexer
Das Draußen sagt mir alles
Tanja Raich
Unscheinbare Kulissen
Anna Rottensteiner
Amadou, Kofler, Kaser und ich
Nadia Rungger
heute, oder
Sonja Steger
raptoren
Matthias Vieider
Logbucheinträge
Erika Wimmer Mazohl
Kindermoden
Stefano Zangrando
Köstenweg
Jörg Zemmler
John Cage erzählt eine Kriminalgeschichte
Biografien
Roman Banzer, Ludwig Paulmichl, Hansjörg Quaderer
Das Literaturhaus Liechtenstein hatte im Jahr 2005 den zweiten Band von Landsichten herausgegeben. Eine Schriftstellerin und ein Schriftsteller aus Südtirol, Rut Bernardi, geboren 1962, Lyrikerin und Schriftstellerin ladinischer Sprache, sowie Peter Oberdörfer (1961–2017), Theater- und Prosaautor aus Meran, waren mit von der Partie. Sie waren eingeladen, Land zu sichten, im Schreiben zu beobachten, bis Land in Sicht kam: Aussensichten von und zu Liechtenstein. Landsichten I und II waren Vorläufe für das ab 2006 jährlich erscheinende Jahrbuch des Literaturhauses Liechtenstein.
Wir erinnern uns und nehmen den Faden mit Bedacht auf: Wir beobachten Ähnlichkeiten hinsichtlich Randerscheinung, Durchlässigkeit, Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit als „condition humaine“, selbstverständlich in der Unterschiedlichkeit von Status und Konstitution. Die regionalen Porösitäten sind vergleichbar. Südtirol besteht aus einem System korrespondierender Talschaften, mit eigenen Idiomen, Helden und Referenzen. Die Gemengelage ist uns vertraut. Wo Südtirol beginnt und wo es aufhört, ist schwer zu beantworten. Wir behaupten das auch vom eigenen Land, das wegen seiner Kleinheit aus lauter Rändern besteht. Entscheidend ist, dass es an den Rändern auf produktive Weise zu oxidieren und zu „mara“ beginnt, eine gewisse kulturelle Kettenreaktion in Gang kommt: Wo es ausfranst, wird's gleichzeitig durchlässig und porös. Das Jahrbuch 15 versteht sich in diesem Sinne als eine Kooperation wahlverwandter Regionen. Wir sind erleichtert, für diese Anthologie, die gleichzeitig ein Jahrbuch eines Literaturhauses ist, im Folio Verlag eine Verlagsheimat gefunden zu haben.
Das Jahrbuch 15 widmet sich nun vor allem bislang ungehörten Stimmen zeitgenössischer Literatur in, aus und von Südtirol. Es sind Erkundungen in einem für uns weitgehend unbekannten Literaturland, wie sehr auch in den Lebensverhältnissen Affinitäten, Berührungspunkte, Verwandt- und Freundschaften bestehen. Das Jahrbuch versammelt zeitgenössische Literatur Südtiroler Provenienz, ob sie nun daheim in den vielfältigen Regionen und Talschaften oder draussen in der Diaspora in diversen Städten entstanden ist. Wir haben uns in dieser Anthologie auf überraschende, neue, zu wenig bekannte, junge, weibliche Stimmen in allen drei Landessprachen konzentriert, wo wir Qualität erkennen, ein Potenzial, das es in den jeweiligen Kontexten zu entdecken gilt. Es sind Originalbeiträge oder bislang unveröffentlichte Texte. Viele von ihnen, aber nicht alle, sind der saav, der Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung, assoziiert. Italienische Prosa wird ins Deutsche übersetzt, während italienische und ladinische Lyrik im Original deutscher Übersetzung gegenübergestellt sind.
Es gibt für die sogenannte neuere oder zeitgenössische Literatur in Südtirol zwei wichtige Anthologien, beide hat Gerhard Mumelter herausgegeben, beide haben den Aufbruch einer Generation begleitet.
Die erste erschien 1970 als Publikation der Südtiroler Hochschülerschaft und markierte eine Zäsur zur heimattümelnden Literatur der unmittelbaren Nachkriegszeit, angestossen 1969 durch Norbert C. Kasers Brixner Rede über die Literatur in Südtirol und das folgende Literarische Kolloquium in Bozen. Sie versammelte eine Autorin und Autoren, die vorwiegend in den 1930ern und 1940ern geboren waren und von denen einige – wie N. C. Kaser, Joseph Zoderer, Herbert Rosendorfer, Luis Stefan Stecher, Gerhard Kofler, Matthias Schönweger, Konrad Rabensteiner – in den Folgejahren den Kanon neuerer Südtiroler (und darüber hinaus) Literatur bilden sollten.
Die zweite erschien mehr als ein Jahrzehnt später, 1983, als Nummer 13 der Kulturzeitschrift Arunda – nach der Gründung der Südtiroler Autorenvereinigung 1980 und der Gründung der beiden Kulturzeitschriften Sturzflüge und Distel war es eine Standortbestimmung, die neben den Genannten vor allem Autoren der 1950er- und 1960er-Jahrgänge vorstellte. Wie bei Anthologien unvermeidlich, gab es in beiden exzellente Abwesende.
In den Achtzigerjahren kam auch Bewegung in die regionale Medienlandschaft, mit Privatrundfunk, einem neuen Wochenmagazin und der Gründung von Buchverlagen: Waren bis dahin literarische Buchpublikationen fast ausschließlich beim betont traditionalistischen Verlagshaus Athesia verlegt worden, taten sich neue Wege der Öffentlichkeit auf: Die Texte N. C. Kasers, der zu Lebzeiten keinen Verlag gefunden hatte, wurden auf Betreiben von Paul Flora in der Edition Bloch und im Hannibal Verlag verlegt, Josef Zoderer konnte nach seiner Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb den renommierten Hanser Verlag gewinnen, Herbert Rosendorfer verlegte im Diogenes Verlag und im Nymphenburger Verlag und Anita Pichler im Suhrkamp Verlag. Texte der jüngeren Autorengeneration hingegen fanden Eingang in die Programme der neugegründeten Verlage Haymon, Raetia und Folio sowie auch in andere deutschsprachige Verlage.
Mittlerweile sind weitere Anthologien erschienen, die eklatante Unterrepräsentation von schreibenden Frauen und von in der Region produzierter anderssprachiger Literatur wurde korrigiert, etwa in der Anthologie Aus der neuen Welt, herausgegeben von Sepp Mall, und in der Lyrikanthologie Frei Haus, herausgegeben von Marco Aliprandini und Sepp Mall, aber keine erreichte mehr die Aufmerksamkeit der beiden Erstgenannten. Mit der Anthologie Leteratura Literatur Letteratura, herausgegeben von Rut Bernardi, Elmar Locher und Sepp Mall, rückte die Mehrsprachigkeit der Region ins Buch. Und in der Anthologie Lyrischer Wille. Poesie einer multilingualen Gesellschaft, herausgegeben von Matthias Vieider und Arno Dejaco, wurde das Übersetzen und Weiterschreiben spielerisch und kreativ zum Programm erhoben.
Mit Literatur sichten Südtirol bekommt das konventionelle Südtirolbild Haarrisse. Vor dem biografischen Hintergrund, dass die Mütter von Hansjörg Quaderer und Roman Banzer Südtirolerinnen gewesen sind oder sind, schafft dieses Buch eine Sichterweiterung auf eine Wahlverwandtschaft, die immer abwesend vorhanden war. Eine Möglichkeit zu ergründen, was von diesem Land angelegt ist, welche Wurzeln es geschlagen hat. Die Texte sind eine tiefgründige Schau auf die Gegenwart vergangener Bilder von Bauern und Höfen, von Frauen in der Kirche und Küche, vom Essen im Herrgottswinkel.
Giovanni Accardo
„Lissy! Lissy!“
Der da ruft, beinahe schreit, ist Vincenzo. Er ist zwischen Dominikanerplatz und Waltherplatz unterwegs, mit der unvermeidlichen grauen „coppola“, der typischen sizilianischen Mütze auf dem Kopf und dem Schal, der ihm fast bis zum Kinn reicht.
Vincenzo ist neunundzwanzig Jahre alt, kommt aus Sizilien, hat aber normannische Wurzeln, wie er gern sagt, denn er ist blond und hat blaue Augen. Er wohnt seit fünf Jahren in Bozen und hat ständig die Arbeit gewechselt, bis er sich in den vom Gesundheitsbetrieb organisierten Kurs für Sozialbetreuer eingeschrieben und in einer Privatklinik Arbeit gefunden hat. Er hat einen Jahresvertrag mit einem Monatsgehalt von 1500 Euro. Lissy hat er in dem Kurs kennengelernt. Sie ist sechsundzwanzig Jahre alt, in Brixen geboren und wohnt in Bozen, seit sie neunzehn ist. Eigentlich heißt sie Elisabeth, doch alle haben sie stets Lissy genannt. Wer weiß, woher dieser deutsche Name kommt, hat sich Vincenzo das erste Mal gefragt, vielleicht aus den Straßen der Brixner Altstadt, wo man sich wie in Österreich vorkommt. Denn trotz des deutschen Namens ist sie Italienerin und Tochter von Italienern, die Mutter stammt aus Venetien, der Vater aus den Abruzzen.
Vincenzo hasst den Winter, die Kälte lähmt ihn, er weiß nie, was anziehen, und manchmal hat er auch keine Lust, aus dem Haus zu gehen. Da er sich aber immer die Wohnung mit jemandem geteilt hat, zeitweise auch das Zimmer, war Ausgehen oft ein unverzichtbarer Fluchtweg. Sein Horizont war das Meer, ein offener Horizont, der ihm die Lungen durchströmt. Der Schnee dagegen ängstigt ihn, dieses ganze Weiß erscheint ihm wie eine Drohung, ein Feind, der ihn einkreist und ihm den Atem nimmt. Er hat nichts gegen die Berge, doch sie sind ihm nie in Fleisch und Blut übergegangen, auch nicht, als er mit Zimmerkollegen zusammenwohnte, die ihn im Sommer zum Wandern in den Wäldern oberhalb von Bozen mitnahmen.
Lissy hält das Fahrrad an und wartet auf Vincenzo. Sie wirkt ungeduldig, braune Augen, schwarze, lange krause Haare. Sie wird sehr leicht nervös, das hat Vincenzo mittlerweile gelernt, und in der Tat weiß er nie, wie er sie nehmen soll. In der Schule geriet sie oft mit den Professoren aneinander, hat sie ihm erzählt, und deshalb hat sie die Schule mit zwei Jahren Verspätung an einer Bozner Abendschule abgeschlossen. Ihre letzte Arbeit war Verkäuferin in einem Geschäft für Heimtierbedarf. Jetzt arbeitet sie in einem Seniorenheim.
Was Vincenzo an Sizilien am meisten fehlt, außer seinen Freunden, ist das Zuhause: bequem, geräumig, mit seinem Zimmer voller Gerüche und Erinnerungen an die Kindheit und Jugend. Vor allem aber sieht er von seinem Haus auf das Meer, und wenn er will, ist er in zwei Minuten am Strand: zum Spazieren im Winter, zum Baden im Sommer. Mehrmals war er versucht, Bozen zu verlassen und in sein Dorf zurückzukehren, besonders wenn er beinahe einen Monat lang kein Geld und keine Arbeit mehr hatte. Zum Glück sind jener Schulungskurs, eine kleine Studienbeihilfe und Lissy gekommen, die ihn eines Abends geküsst und durcheinandergebracht hat. Nach dem ersten Mal haben sie sich noch öfter geküsst, meist am Ende des Nachmittagsunterrichts, im Stehen, wie zwei Kinder. Allerdings hat sie sich gleich als schwieriges Mädchen erwiesen. Manchmal blieb sie nach dem Unterrichtsende gern bei ihm, häufig aber war sie nervös und zornig, da redete man sie besser nicht an. Vincenzo sah ihr zu, wie sie in den ersten Bus stieg oder sich aufs Fahrrad schwang, ohne ein Wort zu sagen. Mit ihren Eltern hat sie sich zerstritten und seit ein paar Jahren fährt sie nicht mehr nach Brixen. In Bozen ist sie zu einer Casapound*-Aktivistin geworden, deshalb schimpft sie gegen die Einwanderer, hat etwas gegen die Deutschen, weil sie sich weigern, Italiener zu werden, demonstriert für die faschistischen Denkmäler. Die Slogans haben vielen Boznern gefallen, sodass Casapound bei den Kommunalwahlen 2016 drei Stadträte gestellt hat, und am Tag der Amtseinführung sind die Aktivisten mit der Trikolore zum Rathaus marschiert. Einige hat das an den Aufmarsch der Faschisten im Jahr 1921 erinnert, als ein faschistisches Kommando mit Schusswaffen und Handgranaten einen Trachtenumzug überfallen und Panik verbreitet hatte. Ein Volksschullehrer war beim Versuch, seine verängstigten Schüler zu beschützen, gestorben.
„Wohin gehst du?“, fragt Vincenzo sie.
„Zur Kundgebung.“
„Welche Kundgebung?“
„Gegen die Lager im Bahnhofspark.“
„Welche Lager?“
„Die der Einwanderer, mittlerweile ist dieser Park ihr Zuhause geworden, sie essen dort, schlafen dort, pinkeln dort und vor allem handeln sie mit Drogen. Sie nehmen unsere Stadt in Besitz.“
In den letzten Jahren sind viele Einwanderer gekommen, die vor Kriegen fliehen und nach Deutschland oder Nordeuropa wollen. Österreich jedoch verbietet ihnen die Durchreise, und so steigen sie am Bahnhof Bozen aus und warten auf ein Visum, ein Permit, einen Platz zum Bleiben. Vincenzo befasst sich nicht mit Politik, die Auswanderung ist aber Teil seiner Geschichte: Sein halbes Dorf lebt und arbeitet in Deutschland, in der Schweiz, in Norditalien; sein Vater hat einige Jahre in einer Fabrik in Stuttgart gearbeitet.
„Auch ich bin ein Migrant“, sagt er also.
„Du bist aber Italiener“, erwidert Lissy, „du bist hier zu Hause.“
„Mein Zuhause ist in Sizilien. Ich bin nur deshalb nach Bozen gekommen, weil es hier Arbeit gibt.“
Lissy wohnt mit zwei Freundinnen in einem jener elf- oder zwölfstöckigen zementfarbenen Mehrparteienhäuser in der Europaallee, bei deren Bau man am Material gespart hat, sodass man vom eigenen Zimmer die Gespräche und Fernsehgeräte der Nachbarn hört, auch wenn sie sich anscheinend nicht darum kümmert.
Eines Abends hatte Vincenzo sie besucht und plötzlich, aber erst nach dem Abendessen, hatte er einen seiner heftigen Migräneanfälle bekommen. Für einen Augenblick war ihm schwarz vor den Augen geworden, und er konnte nicht mehr sprechen. Lissy war erschrocken. Er hatte ihr mit einem Handzeichen zu verstehen gegeben, sie solle ruhig bleiben, sie aber hatte nicht aufgehört zu fragen, was los sei. Als er wieder sprechen konnte, mit gestammelten Worten, die mühsam einen Satz bildeten, hatte er sie gebeten, sich einen Moment hinlegen zu dürfen. Sie hatte ihn in das Zimmer begleitet, das sie sich mit einer der Mitbewohnerinnen teilte. Vincenzo war vom Schmerz übermannt, er konnte nicht einmal die Augen offen halten. Er hatte gehört, wie Lissy ihre Zimmergenossin gefragt hatte, ob er zum Schlafen dort bleiben könne, dann war er in einen narkoseähnlichen Schlaf gesunken. Nachts war er aufgewacht, und der Schmerz war weg. Draußen regnete es, man hörte den Regen auf die Scheiben des halb heruntergelassenen Rollladens klopfen. Lissy schlief neben ihm, der Wand zugekehrt. Er erinnerte sich auch nicht, sich ausgezogen zu haben und unter die Decke geschlüpft zu sein, vielleicht hatte sie das getan. In dem an die gegenüberliegende Wand gerückten Bett hatte er das andere Mädchen atmen gehört. Vincenzo hatte ein wunderbares Gefühl der Leichtigkeit verspürt, fast des Rausches, ohne jenen schrecklichen Schmerz, der ihn in ein schwarzes Loch gestürzt hatte. Er hatte sich geborgen gefühlt wie nie zuvor, in Sicherheit. Wer weiß, vielleicht fühlte man sich so im Mutterschoß, im Fruchtwasser schwimmend. Er glaubte sogar, dass sich sein Leben nach jener Nacht ändern würde, doch als er morgens wieder aufwachte, war jenes intensive Wohlbefinden, ein seltenes Glücksgefühl, nur noch Erinnerung.
Nach dem Gymnasium hatte Vincenzo in Palermo das Studium der Rechtswissenschaft begonnen, es nach fünf Prüfungen aber abgebrochen. Nach Palermo begab er sich gelegentlich, besuchte wenige Vorlesungen, und der Vater hielt ihm vor, dass er ihm unnützerweise die Miete für ein Zimmer bezahlte. Als er sagte, dass er nicht mehr studieren wolle, wurde der Vater zornig und fragte ihn, was er denn zu tun gedenke, mit seinen zweiundzwanzig Jahren.
„Ich suche eine Arbeit“, gab Vincenzo zur Antwort.
„Und wo willst du eine Arbeit finden“, fuhr ihn der Vater an, «da in der Provinz Agrigent die Arbeitslosigkeit doch auf 40 Prozent gestiegen ist?» Und so war er denn für sechs Monate als Sekretariatshilfe in einer Mittelschule in Como gelandet, dann in Saronno und schließlich in Sondalo in der Provinz Sondrio, von wo er, dem Rat eines Lehrers folgend, nach Bozen gezogen war.
„Ich muss eine Wohnung in der Pfarrhofstraße besichtigen“, sagt er zu Lissy.
Inzwischen hat sich ein muskelbepackter Aktivist genähert, von dem Vincenzo eines Abends beinahe einen Faustschlag verpasst bekommen hat; er umarmt Lissy und küsst sie auf die Lippen. Vincenzo bebt, ballt die Fäuste in den Handschuhen.
Ein Jahr zuvor, an einem Abend im Februar 2018, hatte ihn Lissy überredet, gegen die Stadtstreicher zu protestieren, die im Krankenhaus schliefen. An die zwanzig Aktivisten in rotem Pullover mit dem Casapound-Symbol waren durch die Gänge der Notaufnahme gezogen und hatten Flugzettel verteilt, wobei sie ihre Blitzaktion direkt auf Facebook übertrugen. Vincenzo hatte sich abseits gehalten, er schämte sich sowohl für die Protestaktion als auch für seine Anwesenheit. Tags darauf hatte der Sanitätsdirektor des Krankenhauses gesagt, dass ihnen diese zwei, drei Stadtstreicher, die einen warmen Platz zum Übernachten suchten, keine Unannehmlichkeiten machten, sie wussten davon und das Personal kümmerte sich um die hygienische Reinigung der Stellen, wo sie ihre armseligen Lumpen hingelegt hatten.
Vincenzo hoffte, nach dem Ende der Protestaktion zu Lissy nach Hause zu gehen, stattdessen hatte er auf seine Frage, was sie gegen diese Obdachlosen hätten, die niemandem etwas zuleide taten, beinahe einen Faustschlag ins Gesicht verpasst bekommen.
„Was hast du gesagt?“, hatte ein muskelbepackter Kerl geantwortet, mit vor Wut zusammengekniffenen Augen und dem Gesicht eines Stiers.
„Was tun sie euch denn?“, hatte Vincenzo nur geantwortet.
„Findest du es normal, dass Stadtstreicher in den Gängen des Krankenhauses schlafen? Hast du eine Vorstellung, wie dreckig sie sind und wie viele Krankheiten sie mitbringen können?“, hatte er ihn angeschrien.
„Beruhige dich“, hatte ihn Vincenzo unterbrochen.
„Beruhige dich, sagst du zu einem deiner Freunde. Wer bist du denn? Dank Typen wie dir ist die Stadt total heruntergekommen. Ihr mit eurer beschissenen Toleranz.“
„Wovon redest du denn? Du weißt nicht einmal, wie ich heiße.“
„Ich brauch dir nur ins Gesicht zu sehen“, und hatte ihm einen Stoß versetzt.
„Hände weg, rühr mich nicht an!“, hatte Vincenzo geschrien, wobei er von Kopf bis Fuß zitterte. „Ganz schön mutig, arme Teufel zu schikanieren, die sich kaum auf den Beinen halten. Warum gehst du nicht nach Sizilien und schreist die Mafiosi an, wenn du die Eier dazu hast?“
An diesem Punkt war ihm das Muskelpaket bis auf zwei Millimeter vor die Nase gerückt, bereit zuzuschlagen.
„Genug jetzt! Hört auf!“, hatte Lissy schließlich geschrien und sie getrennt.
Der Muskelmann hatte abgestoppt und schrie weiter auf Vincenzo ein, der indessen verstummt war. Sie hatten sich ein paar Sekunden lang in die Augen gestarrt, dann hatte Vincenzo das Fahrrad genommen, noch voller Erregung und Wut, und war gegangen, ohne jemand zu grüßen, auch nicht Lissy. Am nächsten Tag hatte sie ihn angerufen.
„Mit was für Leuten verkehrst du denn?“, hatte er sie gefragt. Es war eine Vorhaltung, keine Frage.
„Sie haben ihre Ideale und verteidigen sie manchmal sehr entschieden.“
„Entschieden? Der war drauf und dran, mich zu verprügeln. Was für beschissene Ideale sind das denn?“
„Wir schützen die Stadt vor der Verwahrlosung. Die Stadtstreicher dürfen nicht im Krankenhaus schlafen.“
„Willst du lieber, dass sie vor Kälte sterben?“
Wie es einem an Dystrophie erkrankten achtjährigen Kind ergangen war, Sohn syrischer Flüchtlinge, die keine Unterkunft gefunden hatten und eben im Bahnhofspark schliefen, obwohl sie Antrag auf internationalen Schutz gestellt hatten. Lissy hatte keine Antwort gegeben. Auch Vincenzo hatte geschwiegen. Nach jenem Telefongespräch hatten sie sich ein paar Wochen lang nicht gesehen.
Im 110er-Bus, der ihn in die Pfarrhofstraße bringt, denkt Vincenzo wieder an Lissy und an den muskulösen Casapound-Aktivisten mit dem Stiergesicht, an ihre einvernehmlichen Blicke, ihren Kuss. Als er an seiner Haltestelle ankommt, rechnet er kurz und kapiert, dass er, wenn er dort wohnte, mindestens vierzig Minuten brauchte, um zur Arbeit zu kommen; er hofft, die Entfernung werde durch eine angemessene Miete wettgemacht. Der Eigentümer ist sehr geziert, er tut, als böte er ihm eine prunkvolle Villa an, dabei handelt es sich um eine kleine Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss. Er schwärmt von der Einrichtung und den Haushaltsgeräten, dem Abstellplatz für das Fahrrad, der Bushaltestelle vor dem Haus, dann rückt er mit dem Preis heraus: 800 Euro plus Nebenkosten, das heißt mehr als die Hälfte von Vincenzos Gehalt. Seit drei Monaten tut er nichts anderes als Mietanzeigen lesen, Nachrichten schicken und auf Antworten warten, telefonieren, Wohnungen besichtigen, über den Preis verhandeln. Er hat eingesehen, dass er die Nachbarin weiterhin ertragen muss, die dreimal am Tag den Rosenkranz betet, Lieder zum Lobe Gottes singt und ihrem Mann ständig ins Gesicht schreit, dass er ein Schwachkopf sei. Und vor allem muss er die Wohnung mit anderen drei Mitbewohnern teilen.
An der Haltestelle vor dem Zugbahnhof steigt er aus dem Bus und trifft wieder auf Lissy und ihre Freunde, die immer noch auf die Einwanderer schimpfen, auf den Bürgermeister, auf die Verwahrlosung des Bahnhofsparks, den man nicht durchqueren kann, ohne niedergestochen oder vergewaltigt zu werden. Messerstiche hat es gegeben, die Opfer aber waren Migranten unterschiedlicher Ethnien selbst, die wegen eines Stückes Karton zum Schlafen aneinandergerieten. Es sind auch Aktivisten der Lega und der Rechtsparteien da, sie schwenken Schilder, auf denen „Zuerst die Italiener“, „Retten wir Bozen“, „Ins Gefängnis mit den Vergewaltigern“ steht. Vincenzo sucht Lissy und sieht sie schreien, die Arme in der Luft. Er möchte zu ihr. Er hat eine andere Wohnung zu besichtigen, diesmal in Gries. Er wartet auf das Ende der Kundgebung, hofft, dass Lissy ihn begleitet und sie danach vielleicht gemeinsam essen gehen.
Ihre Beziehung ist immer sehr unbeständig gewesen, mit ihr, die oft verschwindet oder weder Nachrichten noch Anrufe beantwortet. Nach Tagen oder Wochen treffen sie sich, und sie küsst ihn, als ob sie ein verlobtes Paar wären, das sich seit dem Vortag nicht gesehen hat. Verlobt sind sie nie gewesen, und Vincenzo hat ihre Beziehung nie verstanden, er wüsste auch nicht, wie er sie definieren sollte. Sie haben beisammen und miteinander geschlafen, zur gleichen Zeit aber war sie sicher auch mit anderen zusammen. Vincenzo will das nicht wissen, gleichzeitig überkommt ihn jedoch die Eifersucht. Ich möchte wissen, wer ich für dich bin, möchte er ihr sagen, doch etwas hält ihn zurück, so etwas wie Scham, oder vielleicht die Angst, sie endgültig zu verlieren. Lissy war immer eine freie Frau gewesen, mit einer Abneigung gegen Verpflichtungen und Bindungen, somit kann er nichts Endgültiges von ihr verlangen, nichts, was ihre Beziehung definierte.
Endlich ist die Kundgebung zu Ende, nach und nach verschwinden die Plakate und fast alle ziehen ab. Er sieht zu Lissy. Der Muskelmann ist noch bei ihr. Er weiß nicht, was tun. Er fasst Mut und geht zu ihr.
„Ich schaue mir eine Einzimmerwohnung in der Penegalstraße an, kommst du mit?“
„Ich schaffe es nicht, ich muss Koffer packen, heute Nacht fahre ich nach Berlin.“
„Berlin!“, wundert sich Vincenzo. „Was machst du denn in Berlin?“
„Ich habe Bozen satt.“
„Und du gibst die Arbeit im Seniorenheim auf?“
„Ja, ich bin es leid, mich mit den Greisen zu beschäftigen, die sich anpinkeln und vollscheißen. In meinem Alter kann ich mir etwas Besseres suchen, das mir mehr Befriedigung gibt.“
Sie sieht den Muskelmann mit einem kumpelhaften Lächeln an.
„Ich dachte, deine Arbeit würde dir gefallen.“
„Lissy, wir müssen gehen“, meldet sich der Muskelmann.
Vincenzo tut, als ob er ihn nicht hörte.
„Leb wohl, Vincenzo, entschuldige, aber um Mitternacht haben wir den Flixbus, ich muss mich noch herrichten. Ich ruf dich eventuell in den nächsten Tagen an.“
Sie geht zu ihm und küsst ihn auf die Wange. Zieh nach Berlin mit diesem stiergesichtigen Muskelprotz, diesem Faschisten des dritten Jahrtausends, sagt er, das heißt, möchte er sagen, doch die Zunge reagiert nicht, er bringt kein Wort heraus.
„Leb wohl, gute Reise“, stammelt er nur, mit einer Stimme, von der er gar nicht weiß, woher sie gekommen ist.
Er holt das vor der Universität abgestellte Fahrrad und macht sich auf den Weg. Während er in die Pedale tritt, spürt er, wie ihm eine Angst in den Magen fährt, eine Leere, die sich ausweitet und unaufhaltbar zu werden droht. Er fährt über die Talferbrücke, die Freiheitsstraße hinab, ohne auf die Straße zu sehen, mit gesenktem Kopf, die Hände an die Lenkstange geklammert, wie um sich über Wasser zu halten.
Die Einzimmerwohnung liegt im zweiten Stock. Der Eigentümer spricht Italienisch, mit starkem deutschen Akzent, verwechselt manchmal die Artikel. Vincenzo hört ihm zu, während er ihm die Vorzüge jenes einzigen Zimmers veranschaulicht, auch wenn er nicht sicher ist, ob er versteht, was er ihm sagt. Er kann wieder klar denken, als er ihm die bequeme Schlafcouch zeigt. Alles in einem Zimmer: Bett, Küche, Esstisch, Schrank, Waschmaschine.
„Entschuldigung, wie groß ist dieses Zimmer?“
„28 Quadratmeter. Es ist aber alles da: Kühlschrank, Spülmaschine, Waschmaschine, auch Klimaanlage.“
Vincenzo sieht sich um. Die Einrichtung ist neu, alles perfekt ineinandergefügt, der knapp verfügbare Platz bestmöglich genutzt.
„Die Schlafcouch ist ein Ehebett, man kann zu zweit darauf schlafen.“
„Was kostet es?“
„900 Euro im Monat, dazu 80 Hausgemeinschaftskosten, Wasser und Heizung sind inbegriffen.“
Vincenzo berührt den Tisch, streicht mit den Fingern über die Couch, sieht zum Fenster.
„Wissen Sie, wie viel ich verdiene?“
Plötzlich spürt er, wie sich die Leere im Magen mit Zorn füllt, zu einem sauren Geschmack im Mund wird. Der Eigentümer hat seine lächelnde Miene abgelegt.
„Ich verdiene 1500 Euro im Monat. Können Sie mir erklären, wovon ich leben soll, wenn ich Ihnen 1000 gebe?“
Dem Eigentümer steht die Verblüffung ins Gesicht geschrieben, eine solche Reaktion hatte er nicht erwartet.
„Es ist ja aber eine vollständig renovierte und erstklassig ausgestattete Wohnung. Und dann befinden wir uns hier in einem ruhigen Viertel, einem von anständigen Leuten bewohnten Mehrparteienhaus, es gibt keine Einwanderer“, versucht er sich zu rechtfertigen.
„Ich bin ein Einwanderer“, erklärt Vincenzo, „und ich habe die Nase voll von Gaunern wie Ihnen.“
„Was erlauben Sie sich?“
„Ich erlaube es mir, denn ihr seid Halsabschneider und Blutsauger“, schreit er.
Vincenzo spürt, dass er die Kontrolle verliert. Wut durchströmt seinen ganzen Körper, entflammt ihm Gesicht und Kopf. Er tritt an den Eigentümer heran, packt ihn am Jackenkragen und schreit ihn an, dass er ein Dieb sei. Der ist so verblüfft, dass er gar nichts mehr sagen kann. Vielleicht hat er Angst.
„Hände weg oder ich rufe die Polizei“, stammelt er.
„Ich rufe die Polizei“, entgegnet Vincenzo. „Sie würden es verdienen, im Knast zu landen.“
Er öffnet die Tür und geht, während der Eigentümer weiterhin droht, die Polizei zu rufen. Vincenzo hört, wie ihn die letzten Worte bis zum Hauseingang verfolgen. Er möchte ihn wirklich anzeigen oder zurückgehen, um ihm die Wohnung kaputt zu schlagen. Er schwingt sich aufs Fahrrad und fährt los, mit dem Feuer, das ihm im Körper brennt. Er tritt in die Pedale, ohne zu wissen, wohin er fährt.
Übersetzung von Werner Menapace
* Casapound ist eine rechtsradikale politische Gruppierung
Eeva Katharina Aichner
„Die Tiroler sind schön, heiter, ehrlich, brav und von unergründlicher Geistesbeschränktheit. Sie sind eine gesunde Menschenrasse, vielleicht weil sie zu dumm sind, um krank sein zu können.“ Als Heinrich Heine durch Tirol reiste, sind ihm einige einheimische Eigenheiten aufgefallen. Manche stimmten wohl, manche dichtete er dem redefaulen Bergvölkchen unwidersprochen an. Dabei hätte er sich seine geschwätzige Beschreibung der Einheimischen ersparen können, wäre ihm ein einziger Begriff bekannt gewesen. Mit dieser Unkenntnis blieb und bleibt er bis heute nicht allein. Bis heute fehlt fernglasigen Beobachtern und Entschlüsslern inneralpiner Wesensarten dieser Begriff und damit besagter Schlüssel zu den maulfaulen Menschen, die irgendwo zwischen deutschem Alpenvorland und Gardasee leben. Nicht nur die Literatur, auch viele Wissenschaften interessieren sich seit Heines Zeiten zumindest schnittstellenhaft für das (Süd-)Tiroler Wesen. Die Politikwissenschaft für ein scheinbar funktionierendes autonomes Zwitterwesen, die Sportwissenschaften für einen weltrekordverdächtigen Bewegungsdrang der Bergmenschen, die Ökonomie für ein exponentielles Wachstum mit dem vermeintlichen Anspruch „Weniger“, die Kulturwissenschaft für eine Symbiose unterschiedlicher Lebensstile und Bräuche, die eigentlich mit dem Habsburgerreich untergegangen ist, die Geschichtswissenschaft für einen Spielball, der im nationalistischen Abseits kreativ zu einer ständigen Torchance umgewandelt wird, die Kulinarik für Tiroler Schlutzkrapfen, die in mediterranem Salzwasser gekocht werden, die Philosophie für mittelalterliche Überbleibsel, die noch in streng bezopften Köpfen schwirren … Diese Aufzählung ließe sich noch so lange weiterführen, wie mir Wissenschaften einfallen, doch weil diese irgendwann alle am diffusen Unbegreiflichen zu scheitern pflegen, versuche ich Südtirol dort zu begreifen, wo es sich den Anstrengungen der Wissenschaft entzieht. Da, wo die Soziologie und noch mehr die Psychologie an ihre Grenzen gelangen und die Sprachwissenschaft über eine Definition nicht hinauskommt, greift die Sprache selbst und erklärt die Welt. In diesem Falle tut es das kleine Wörtchen Tamisch. Wahlweise als Adjektiv oder als abstraktes Nomen.
Wenn ich als kleines Mädchen nicht gefolgt habe [sic! in solchen grammatischen, dialektalen Maßnahmen sagt Sprache mehr, als man meint], wenn ich also unartig war, dann hat unsere Oma zu mir und später auch zu ihren anderen Enkelkindern gemault: „An sellan Tamisch hobm aswi du!“ [sie schimpfte also ungefähr: „Wie kann man nur so eine Unart haben wie du!“].
Während unserer täglichen und nächtlichen Besuche bei der Großmutter boten meine jüngere Schwester und ich ihr mehr als genug kindlich-entrückte Provokationen. Dass diese manchmal so weit führten, dass ein kurzzeitiges Wegsperren in der dunklen Speisekammer legitim wurde, möchte ich zur Verteidigung unserer Oma feststellen. Das Sesam-öffne-Dich aus dieser Strafmaßnahme: „Hot do Tamisch ausgilot, nua mogsche aussa fa do Speise.“ [Wenn dich der Tamisch losgelassen hat, du also nicht mehr unartig bist, darfst du die Vorratskammer verlassen]. Diese artgerechte Haltung, die wohl alle Heranzöglinge auf dieser Welt so und anders ereilt und vielleicht für Pädagog*innen, die nicht Oma heißen, aus der Zeit gefallen erscheint, offenbart erste wesentliche Semantiken. Kinder, die in ihrer erwartungsvollen Unartigkeit das Unbehagen in der Kultur erst anerzogen bekommen müssen, weigern sich gerne, sich so zu verhalten – oder halten zu lassen –, wie die Großgewordenen es erwarten. Für diesen emanzipatorischen Eigensinn haben sie einen treuen Helfershelfer: den Tamisch.
Der Tamisch ergreift Partei für einen. Und zwar nicht nur, wenn er kleine Kinder einnimmt (aber die in ihrer gesellschaftsuntauglichen Weltneuheit besonders). Der handelnde, personifizierte Tamisch ist nicht zu psychologisieren – dass einen jemand anderes, ein triebhaftes Es oder ein psychotisches Etwas, beherrschen kann, ist höchstens ein missverstandener Tamisch. Denn der Tamisch ist, sobald er einmal geweckt wurde, ein mehr und weniger ausgeprägter Charakterzug. Man hat ihn immer wieder: „Hosche wido amo an Tamisch!“ [Bist du wieder einmal unartig!] – die nicht zu zäumende und umzäunende Varianz zeigt sich im unbestimmten Artikel, der auch bestimmt sein könnte (der Tamisch selbst ist natürlich immer bestimmt). Die Ambivalenz des Tamisch wird sich noch als Wesenszug erweisen. Wenn man ihn wieder einmal hat, den Tamisch, oder er einen eingenommen hat – der unkontrollierbare Wechsel zwischen aktiv und passiv ist eines seiner Mysterien – dann ist man meistens nicht nett. Man könnte, um unzulänglichen Übersetzungsversuchen nachzugeben, sagen: Tamisch ist böse. Dann müsste man aber auch sagen: Der Tamisch ist störrisch. Aber auch: Der Tamisch ist beleidigt. Aber auch: Der Tamisch ist hintertückisch. Aber auch: Der Tamisch ist schadenfroh. Der Bauerntamisch konserviert seit Jahrhunderten eine angewandte Schläue. Das tamische Lachen ist seit jeher ein warnender Fingerzeig für Hinterlist. Und vielleicht eine Bedeutung, die immer stimmt: Der Tamisch ist stur. Und dann, weil es ihn auch als gsuntn Tamisch gibt, also auch gesund, ist der Tamisch in all seiner Unart eine wahre Tugend.
Immer dann, wenn ich in Südtirol an die Grenzen des Begreifbaren stoße, ist der Tamisch der einzig richtige Erklärungsansatz. Wenn mein Großvater, ein lebenstüchtiger, runder Bergbewohner, in die Pilze geht, also im Wald nach Pilzen sucht, dann ist der Tamisch immer mit dabei. Da ich ihn – den Großvater, nicht den Tamisch, wobei ich nicht sicher bin, ob sich die beiden nicht manchmal ineinander vereinen – hauptsächlich in der Horizontale auf der Ofenbank kenne, fällt es mir sehr schwer zu glauben, dass er von den steilen Hängen, die es anscheinend im Wald gibt, kiloweise Pfifferlinge nach Hause trägt. Weil ich aber weiß, dass der Tamisch, in diesem Fall als inkarnierte Hartnäckigkeit, auf seinen Sammlerwegen mit von der Partie ist, kann ich mich doch wieder orientieren und muss an seiner reichen Ernte nicht zweifeln. Das Arbeitspensum einer mir bekannten Bäuerin, die neben ihrem Vollzeitbürojob und Mutterdasein in der heißen Jahreszeit zusätzlich und natürlich auch in Vollzeit der Feldarbeit nachgeht, lässt sich auch nur mit dem Tamisch erklären. Dass mein Vater im vermuteten Vollrausch in Skischuhen um drei Uhr nachts mehr als fünfzehn Kilometer nach Hause läuft, ist auch nur über den Tamisch begreifbar. Würde ich mit bestimmten ähnlichen Geschichten nicht zu sehr und ein bisschen tamisch in die Privatsphäre von gewissen tamischen Vorbildern eingreifen, ich hätte noch vieles zu erzählen. Aber vielleicht verknüpft sich die eine oder andere Unbegreiflichkeit in den lesenden Köpfen selbst mit dem Tamisch und klärt bisher Unerklärliches – der Tamisch macht es möglich, die Unart wird zur Art.
Vielleicht lässt einen das auch verstehen, was einen Reinhold Messner den Mount Everest besteigen lässt, einen unangenehm tamischen Markus Lanz an die Spitze der deutschen Talkshowmaster bringt, und warum ein Dominik Paris einen mörderischen Berg bestzeitenmäßig hinunterrast. Um zu verstehen, wie das möglich ist, muss man keinen Guru-Vortrag von Reinhold Messner hören und sich auch nicht an Männlichkeitskonstrukte wie die stählernen Eier von Andreas Hofer klammern. Man muss nur verstehen, was der Tamisch ist. Das fällt, wenn man persönlichkeitsgespalten – und das sind wir im Ansatz wohl alle – an so etwas wie den inneren Schweinehund glaubt, gar nicht schwer. Der Tamisch ist derjenige, der den inneren Schweinehund überwindet, sich dann aber auch nicht zu lange damit aufhält. Der Tamisch macht den Menschen einfach. Er schaut dabei vielleicht ein bisschen zu wenig nach links und rechts, aber nicht notorisch. Der Tamisch hört, wenn er einmal angefangen hat, nicht auf, er bleibt dran, er hält durch, er beißt. Während ich mir fünfjährig zum Ärger meiner Großmutter den Tamisch aufgesetzt hatte, setzt man sich in Deutschland etwas in den Kopf. Im Grunde dasselbe, nur muss man das, was man sich selbst in den Kopf gesetzt hat, auch selbst durchziehen – bei mir macht das der Tamisch ganz von allein – ob eine Strecke oder eine schlechte Erfahrung, er lässt alles zurück, bringt alles hinter sich, zieht nach vorne.
Natürlich verleitet der Tamisch oft zu Dummheiten und Gefährlichkeiten – er ist nicht vernunftgetrieben, weil es der Mensch auch nicht ist. In einer Region, in der es um einen herum immer Berge zu versetzen gilt, wäre man in Zeiten ohne Lieferdienste und Ausreden ohne Tamisch wohl untergegangen. Wer, wenn nicht der mit dem Tamisch, bebaut steile Hänge, legt tagtäglich weite Wege zurück, überquert gefährliche Pässe? Wo keine übermäßige Bildung, aber doch eine nächstenliebende Erziehung griff, da reifte der Tamisch vom Überlebenstrieb zu dem heran, was er heute noch ist: ein Überlebensantrieb und Durchhaltevermögen. Und auch wenn es heute andere Antriebe gibt, ob automatische oder elektrische, machtversprechende und/oder finanzielle, neurotische oder ganz normale, solche, die einen eben durchs Leben ziehen, ist es gut, auch manchmal vom Tamisch getrieben zu sein. Gerade wenn dieser Tamisch in der Kinderstube katalysiert wurde. Der böse Tamisch – und das ist eine nicht auszublendende Semantik – wurde von meiner Oma mit mir in die Vorratskammer gesperrt, bis man ihn ausgilot, also losgelassen hat. Der hintertückische Tamisch wurde immer als solcher geächtet, der beleidigte verjagt. Und geflügelte Worte wie „Du hosch an Tamisch aswi an olto Millaesl!“ [„Du bist bockig wie ein alter Mülleresel!“] rupfen dann auch am eigenen zu störrisch tamischen Selbstbewusstsein. Aber wo er sich heute mir und in mir zeigt, da sitzt er ganz zu Recht.
