5,99 €
Frühling 2039. Die wegen Totschlags verurteilte Liv wird auf Bewährung aus der Resozialisierungsanstalt Sternfeld entlassen. Sie bezieht eine kleine Wohnung in Berlin und übernimmt das Coaching eines neuartigen Serviceroboters. Via Bildschirm begleitet sie die Androidin Zoe bei der Pflege des an Alzheimer erkrankten Benjamin. Zoe entpuppt sich als perfekte Betreuerin und ist von einem Menschen praktisch nicht zu unterscheiden. Weder der alte Mann noch sein plötzlich auftauchender Enkel Erik, der zu den Vordenkern der Protestbewegung gegen Roboter gehört, ahnen etwas von dem Experiment. Liv hat zunächst Hemmungen, sich aktiv in das System der Androidin einzuklinken. Doch dann erliegt sie mehr und mehr dem Sog, mit Zoe zu verschmelzen. Die sich abzeichnende Dynamik auf dem Gebiet der Roboterentwicklung dürfte unsere Gesellschaft tief greifend verändern. Roboter werden in Zukunft im Alltag unter uns sein. Sowohl als Arbeitskräfte als auch als Beziehungspartner werden sie eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Wie werden wir die existenzielle Kränkung verkraften, wenn humanoide Roboter künftig viele Dinge ebenso gut, wenn nicht gar besser bewerkstelligen, als wir? Wenn sie menschliche Alleinstellungsmerkmale wie Würde und Selbstbewusstsein glaubhaft für sich reklamieren? Der Roman beschwört keine düsteren Schreckensvisionen. Er untersucht mögliche Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf die menschliche Psyche und Gesellschaft.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 512
Veröffentlichungsjahr: 2016
Stephan Büchenbacher
Liv
Roman
Werden Menschen eines Tages Androiden Rechte gewähren,
werden Androiden eines Tages Menschen Rechte gewähren.
Für Annett
Copyright: © 2016 Stephan Büchenbacher
Umschlag & Satz: Erik Kinting / www.buchlektorat.net
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Liebe Liv,
Licht fällt durch die Schlitze der Jalousie und erscheint Zeile für Zeile an der Wand, eine Art Schrift, glimmende Zellen, Monde, Beeren, hingetupfte Boten dafür, dass draußen der Sonntag dämmert. Jetzt noch schlafen? Nein, ich will wach bleiben und mich erinnern. Als stünden die Gedanken Schlange, einige drängeln sich vor, als schiene ihnen viel daran gelegen, sich noch einmal mitzuteilen: Entbehrt es nicht einer gewissen Komik, dass wir die Abwesenheit des Lichts augenblicklich wahrnehmen, während wir die Dunkelheit in uns – eine ozeanische Dunkelheit wohlbemerkt, die unser Ich jede Nacht überfällt und restlos auslöscht – nicht bemerken? Ob Dr. Baerwald noch schläft? Wer oder was sorgt dafür, dass der Docht seines Bewusstseins sich abermals entzündet? Frühstückt er bereits? Es wunderte mich nicht, wenn der gepackte Koffer seit gestern Abend im Flur seiner Wohnung bereit stünde. In wenigen Stunden fliegt er nach Indien. Vorher aber muss Dr. Baerwald mir noch schnell ein Jahr aus dem Kopf lasern.
Jetzt trennen uns Stunden, bald ein Jahr. Dann, Liv, werde ich du sein. Nichts vermissen. Ich werde diese Zeilen lesen, und die Stunden, das Jahr werden zerronnen sein.
Dir schreiben? An mein Ich in ein paar Stunden? Ich habe keinerlei Übung darin mir selbst Briefe zu schreiben. Ich kann dir versichern, Liv, es fühlt sich beschissen an, und ich hoffe, es in dieser Disziplin nie weit zu bringen. Ich befürchte, je länger du weiterliest, desto stärker wird dich ein Gefühl des Unbehagens und Misstrauens beschleichen. Ja, mir ist vollkommen bewusst, diese Zeilen müssen auf dich grotesk wirken, und ja, die Tatsache, dass du dich über kurz oder lang fragen wirst, wer zum Teufel sich diesen galoppierenden Unsinn für dich ausgedacht hat, beunruhigt mich. Dennoch darf ich diesen Gefühlen keinen Kubikmillimeter Raum geben. Nein. Man hat mir nahe gelegt, ich solle auf ein Kapitel meiner Vergangenheit verzichten, um der Zukunft willen. Was sei schon ein Jahr?
Drei Dinge noch: Vertraue Erik. Er ist nicht nur der Überbringer, seinetwillen hast du den Text geschrieben. Dann: Viel hängt davon ab, ob es dir gelingt, dir diese Geschichte einzuverleiben. Hörst du? EIN-VER-LEIBEN. Lies also gründlich. Präge dir alles gut ein. Drittens: Der Inhalt wird dir fremd erscheinen, als wär’s ein Roman. Das macht nichts. Achte auf den Stil, die gewählten Perspektiven und die Denkmuster, auf den detailversessenen Blick, den Rhythmus der Sätze, und du dürftest nicht länger zweifeln, dass der Text von dir stammt. Nicht nur das. Er handelt von dir, er gehört dir. Es ist deine Geschichte.
EINS
Richtung Grenze radelnd singe ich den Refrain wieder und wieder laut vor mich hin: As for me nobody is an expert. Not even my own sweet self. Aus einem vagen Impuls heraus biege ich seitlich von der Straße ab und fahre querfeldein über den Rübenacker. Nach hundert Metern holpriger Fahrt steige ich ab, lasse das Fahrrad fallen und ziehe mich hastig aus. Hallo Füße, hallo Erde! Hart ist sie, die Erde, hart und kalt. Mir aber ist warm. Die Beine summen, der Bauch kribbelt. Geraume Zeit stehe ich nackt, die Hände hinterm Kopf verschränkt, mitten im Feld und erinnere mich an das letzte Mal, als ich hier draußen war.
„Lass uns noch eine Runde drehen!“, hatte Anne nach dem Abendbrot vorgeschlagen. Das war vor über sechs Wochen. Es sei bereits dunkel, wand ich ein, außerdem … Außerdem? Meine Vorderlampe sei defekt. Egal, drängte sie, ob ich bemerkt hätte – ihr triumphierendes Lächeln ließ nicht den geringsten Zweifel aufkommen, dass sie fest davon überzeugt war, ihr Argument wäre gegen jedweden weiteren Einwand immun – ob ich bemerkt hätte, wie sternenklar der Himmel sei?
Drei Minuten später fuhren wir los. Ohne Licht. Anne voraus, der Fahrtwind ließ ihre offenen Haare fliegen. Ich dicht hinter ihr mit olivgrüner Wollmütze und Schal. Als ich das zweite Mal versuchte sie einzuholen, um neben ihr zu fahren, und sie wiederum einen Zacken zulegte, ließ ich es bleiben.
Irgendwo hier muss es gewesen sein. Hell leuchtete sie. Groß. Und so nah! Nur wenige Meter über dem Acker erlosch sie. Ich bremste brüsk ab und starrte wie benommen einige Sekunden lang in die Richtung, wo ich das unerwartete Auf- und Verglühen der flirrenden Lichterscheinung erblickt hatte. Ich war mir sicher, Anne musste die Sternschnuppe auch gesehen haben. Doch meine Freundin hatte sie nicht bemerkt. Dass meine Enttäuschung darüber größer war als ihre, irritierte mich. Etwas anderes aber gab mir viel mehr zu denken: „Du hast einen Wunsch frei“, hörte ich mich flüstern, unmittelbar nachdem der Meteoroid verglommen war. „Wünsch dir was!“ Mir aber kam nichts in den Sinn. Nichts. Was hätte ich mir wünschen sollen? Keine Ahnung. Ich hielt meine Wünsche fest unter Verschluss.
Da stehst du nun in der Mecklenburger Stille nackig auf einem Runkelrübenfeld. Und nun Liv?
Es dämmert noch, obwohl es bereits kurz vor acht ist. Alles deutet darauf hin, dass es an diesem Tag dabei bleibt, beim Dämmern. Nach einer Weile beginne ich ein wenig zu frösteln, also breite ich die Arme aus und renne los. Ich laufe in einem weiten Bogen übers Feld und singe noch ein paar Mal den Refrain vor mich hin. Außer Atem bleibe ich stehen und lasse mich auf die Knie sinken, vor mir die tiefbraune Ackerscholle, die in feinen Abstufungen in ein monochromes Grau übergeht, meine weißen Atemwölkchen, die darin rhythmisch verpuffen. Ich schließe die Augen und stelle mir Maria vor. Das geht leicht. Es gibt kein Portrait, das ich annähernd so oft und eingehend betrachtet habe. Ich muss bloß die Augen schließen, einen Augenblick warten, dann blickt sie mich an. Ernste, traurige Augen. Trotzig aufgeworfene Lippen. Demut und Selbstbewusstsein, nicht im Kampf, sondern für einmal versöhnt.
Gut möglich, dass dich gerade jemand sieht!
Ich bin so naiv nicht, ich weiß, dass die Grenze gut bewacht wird. Drohnen, Wespen oder Libellen schießen bestimmt längst gestochen scharfe Bilder von mir und senden sie an die Rechner des Wachdienstes.
Und wenn? Sie sehen mich und denken sich was. Sollen sie.
Es ist mir vollkommen egal.
Störe ich jemanden mit meinem harmlosen Hobby? Hie und da Wind und Licht und Nebel auf der Haut spüren – eine prickelnde Sache! Ich tue das bestimmt nicht zum letzten Mal. Sie sehen mich und sehen mich nicht. Nackt bin ich, ja. Aber drinnen in mir ist nochmals ein Feld. Und Ich. Ist da, offenbar-verborgen. Ist nackt und kniet und ist für sich allein. Und nie, niemals sieht je ein anderer als ich, was sich hier innen abspielt. Niemand. Selbst Gott nicht. Die Vorstellung eines voyeuristisch veranlagten Gottes, der diese unantastbare Grenze nicht respektiert, ist unerträglich und empörend, Seiner schlicht unwürdig.
Kurze Zeit später erreiche ich (bekleidet) die Grenze.
Was, wenn ich nicht vom Sattel steige und einfach weiter radle? Endet hier das weiche Auf und Ab des Rübenackers etwa?
Sternfeld endet hier. Die schmale Betonstraße jedoch führt weiter, immer weiter. Niemand und nichts hindert mich daran, die Anstalt zu verlassen. Keine Mauer, kein Stacheldrahtverhau. Noch nicht mal eine Barriere gibt es. Ein orange bemalter Container, ein alter Nussbaum und, kurioserweise, eine Schaukel: das ist die Grenze im Süden.
Um ein Haar erliege ich der Versuchung, nicht anzuhalten, obwohl – oder vielleicht gerade weil – ich genau weiß, wie sinnlos es ist. Eine fiese, da unsichtbare Grenze. Wenn ich darüber nachdenke – was vorkommt – gebe ich jedoch gerne zu, dass es im Prinzip keine unnütze Linie ist. Bezweckt sie doch, die Welt der günstig verschalteten Individuen von der Welt der ungünstig Verschalteten mit Nachbesserungsbedarf scharf zu trennen.
Bei einigen Wenigen lief das mit dem Nachbessern erfolglos. Simone war so ein Fall. Sie blieb, obschon sie in den Therapien, wie es im Jargon hieß, „kooperierte“, erstaunlich resistent, was sich darin zeigte, dass ihr Aggressionspotential beim Gehirnscan „auf beunruhigend hohem Niveau stagnierte“, was sie übrigens offenherzig zugab. Simone hat es einmal getan, nicht hier am Südportal, ich glaube sie fuhr Richtung Osten. Das war vor drei Jahren. Wie viele Kilometer sie kam, weiß niemand, sie hat nie darüber gesprochen – was ich ihr nicht verüble. Arme Simone. Wochenlang war sie ätzendem Spott ausgesetzt. Wer weiß, vielleicht hat sie uns alle getäuscht? Vielleicht hat sie den Pseudofluchtversuch absichtlich inszeniert? Zuzutrauen wäre es ihr zumindest. Damit war ihr die Aufenthaltsgenehmigung in Sternfeld für die nächsten Jahre auf jeden Fall gesichert. Draußen, mochte sie sich eingeredet haben, draußen lauern etliche Versionen, sein Leben durchaus mieser zu verbringen, als hier drinnen. Es ging uns so schlecht nicht.
Neben dem Containerhaus bremse ich ab, steige vom Fahrrad und kann mich eines aufkommenden Gefühls des Missmuts und Versagens nicht erwehren. Meine Hände umklammern die kalte Lenkstange. Ich schließe die Augen und warte. Wenige Augenblicke später höre ich die Tür aufgehen und leise, kurze Schritte näher kommen. Aus der Ferne eine Art Stampfen, ein unbemannter Traktor beim Pflügen des Ackers, einer dieser tonnenschweren Agrarkolosse, die für uns die Felder bestellen. Die Schritte verstummen. Sie steht vor mir. Spätestens jetzt hätte ich die Augen öffnen sollen, irgendetwas sagen, zum Beispiel etwas Nettes. Stattdessen spüre ich, wie mein Missmut plötzlich in Wut umschlägt. Auf meiner inneren Leinwand sehe ich mich, wie ich aushole und ihr unvermittelt mit der Faust ins Gesicht schlage. Ohne zu zögern. Mit voller Wucht. Sehe, wie sie sofort nach hinten fällt, mit dem Kopf hart auf den Beton aufschlägt, reglos liegen bleibt. „Hallo.“ Na also, es geht doch. Ich öffne die Augen und wiederhole, diesmal das o betonend: „Hallooo!“
Sie liest meine Iris. „Guten Tag, Liv. Sie sind heute früüüh.“
Ihre Stimme klingt herzzerreißend freundlich. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, wende ich mich von ihr ab, schiebe das Rad Richtung Nussbaum vor mir her. Nach ein paar Metern lasse ich es ins Gras fallen, setze mich auf die Schaukel und schwinge mich, so hoch ich kann, in die Luft. Allmählich beruhige ich mich und stelle, nicht ohne Genugtuung, fest, dass eine einfältige Pendelbewegung einer Schaukel ihre besänftigende Wirkung auch bei mir nicht verfehlt.
Die Wächterin stakst jetzt unbeschreiblich linkisch durchs taunasse Gras und bleibt in diskreter Entfernung stehen. Sie lässt mich schaukeln und wartet geduldig, ein Muster an Zuvorkommenheit. Allerdings merke ich, wie sie mich penetrant observiert. Ohne hinzuschauen kann ich sicher gehen, dass ihre Mimik ein Maximum an Indifferenz ausdrückt. Was keineswegs beabsichtigt ist. Kulleraugen, hohe Stirn und Stupsnäschen sollen Arglosigkeit und Unschuld ausstrahlen. Und ist man nicht wie ich zufällig aufgelegt, ihren obligaten hohen Wangenknochen per Fausthieb eine andere Form zu verleihen, um ihrem faden Seriengesicht mittels Gewalt so etwas wie ein Persönlichkeitsmerkmal zu verschaffen, so kann es passieren, dass diese Maske vollendeter Unbedarftheit reflexartig Sympathie auslöst. Sie ist dünn und klein, sehr klein. Ihr Kopf reicht mir nicht einmal bis zum Kinn. Es ist der zierliche Körper einer Zehnjährigen auf dem ein Kopf wackelt, der vorgibt, einer Zwanzigjährigen zu gehören.
„Kein Fahrzeug in Sicht. Sollte sie nicht schon längst angekommen sein?“
Dankbar für das Stichwort antwortet sie im typischen Tonfall einer Hostessroboterin: „Ja-aa, der Transport scheint sich zu verspäten. Es kann sich nur um wenige Minuten handeln. Wenn Sie kurz hier bleiben möchten, Liv? Ich werde mich informieren und Ihnen dann Bescheid sagen.“
Sie dreht sich um und will zum Container gehen.
„Warten Sie! Nicht nötig. Bleiben Sie, bleiben Sie hier!“
Sie hält inne und bleibt wie erstarrt stehen.
Mich ihr nähern. Wenn ich mich … von hinten? Ihr Haar berührte? Mein Gesicht in ihr tiefschwarzes Haar legte, in den Nacken, an jene Stelle, wo man doch … so etwas wie … pulsierende Wärme erwarten durfte? Würde sie leicht zucken? Einen Laut von sich geben, wenn ich sie an mich zöge, meine Hände um ihre niedlichen Brüste legte? Wann hast du das letzte Mal gevögelt?
Das frage ich sie natürlich nicht. Ich öffne ihr auch nicht den Reißverschluss ihrer glänzenden Uniform – ein reizender Schwarzlack-Katzenanzug aus PVC – obwohl ich gerne mehr Haut von ihr sähe. Nicht nur den makellosen Teint ihres Gesichts. Ich tue es nicht. Stattdessen schaue ich unverwandt in ihre grenzenlos hohle Visage und fühle Mitleid mit ihr. Sie berührt mich. Die Art wie sie sich ungelenk umdreht, den Kopf schief stellt, dabei für einen Moment fast das Gleichgewicht verliert, wie sie auf unnachahmlich spastische Weise eine Geste des Bedauerns mimt, indem sie die Arme ruckartig eine Spur zu weit ausbreitet, und beim Versuch, in die Hände zu klatschen, kläglich scheitert. Die Art wie sie dabei grimassenhaft grinst. Empfinde ich Scham? Ja, ich schäme mich. Nicht für sie. Ich schäme mich deshalb, weil das barbiehafte Verhalten dieser Androidin in mir das ebenso absurde wie heftige Verlangen hervorruft, sie zu demütigen.
Bin ich nervös wegen der Neuen? Ja, bestimmt. Ich nehme die Aufgabe ernst. Ich weiß, was es bedeutet, eine gute Schwester zu kriegen. Ein Du, an das du dich Tag und Nacht wenden kannst. Das dir hilft, dich zurechtzufinden. Dir erklärt, wie das System in Sternfeld funktioniert. Die für dich da ist, wenn’s dir nicht so rosig geht. Sie, deren Ankunft sich aus irgendeinem Grund verspätet, wird meine Dritte sein. Anne hat zurzeit fünf Schwestern, die sie betreut. Wilma sogar sieben. Ich bin nun fünfeinhalb Jahre in Sternfeld. Seit Frühling letzten Jahres werden mir Neue anvertraut, eindeutig ein Zeichen dafür, dass man mit meiner Entwicklung zufrieden ist. Ich habe nicht damit gerechnet und bin mir unsicher, ob ich mich nicht als Fehlbesetzung entpuppe. Aber der Job gefällt mir, schlicht deshalb, weil ich darin eine Aufgabe sehe, eine echte Aufgabe, so was wie eine Arbeit, etwas, was ich nicht bloß für mich tue – keine Therapie, keine Freizeitbeschäftigung, kein Studium. Der plötzliche Statuswechsel, der mit dem Schwestertum einhergeht, macht mir allerdings zu schaffen. In meinen Augen völlig übertrieben. Nicht nur die Therapeutinnen, alle sehen dich von einem Tag auf den nächsten mit anderen Augen an. Es gibt – auch wenn man nie offen darüber spricht – eine regelrechte Zweiklassengesellschaft aus Schwestern und Nicht-Schwestern, die das Klima in Sternfeld vergiftet. Verschlimmernd hinzu kommt: Von uns Schwestern wird verlangt, dass wir regelmäßig ausführliche Berichte über die Mitgefangenen abliefern, Benotungen – nichts anderes sind sie – die für die Erfolgsbilanz hinsichtlich ihrer Resozialisierung nicht unentscheidend sind. Diese Berichte sorgen für eine Menge Misstrauen unter uns. Wir reißen Witze, spotten über sie, weil wir sie hassen, weil wir genötigt werden, das Spiel mitzuspielen.
Die Wächterin tut mir den Gefallen, sich in ihren Container zu verziehen, wo sie fürs Erste bleibt. Ich stelle mir vor, wie sie da drinnen nachts allein in dem schwach beleuchteten, karg eingerichteten Raum aufrecht auf ihrem Stuhl im Bereitschaftsmodus sitzt, nichts vermissend, nichts erwartend, während draußen ein Sturm die letzten Blätter vom Nussbaum fegt.
Ist es denn nicht gut so? Vielleicht sollte ich anerkennen, dass diese Androidin einen durch und durch öden und geisttötenden Job erledigt, um den kein Mensch sie wirklich beneiden kann.
Zum Zeitvertreib beginne ich im nassen Gras nach Nüssen des Vorjahres zu suchen. Ich finde sogar welche, fünf Stück. Ich säubere sie von der Erde und reihe sie auf die Schaukel. Ein Rabe, der in einiger Entfernung auf dem Feld herumstolziert, verbeugt sich aufgeregt immer wieder in meine Richtung. Bei jeder Verbeugung kräht er energisch und wippt dazu. Er reklamiert. Ich begreife. Er meint mich. Also sehe ich davon ab, ihm die Nüsse, die er in diesem unfreundlichen Frühling dringend brauchen kann, streitig zu machen und werfe sie zurück ins Gras. Der Protest verebbt.
Was tun? Die Neue lässt weiter auf sich warten. Die Hände in den Hosentaschen fällt mir nichts Besseres ein, als gelangweilt 50 Meter Richtung Freiheit, 50 Meter Richtung Sternfeld zu schlendern, hin und her. Ab und an schiele ich in Richtung Container. Nichts geschieht. Ich rufe mir in Erinnerung, was ich geplant habe.
Ich werde der Neuen vorschlagen, auszusteigen. Wir können zu Fuß von hier weiter gehen. So haben wir Zeit. So kann sie die Dächer der Gebäude nach und nach auftauchen sehen. Schritt für Schritt auf Sternfeld zu. Weshalb soll das gut sein? Ich weiß nicht. Kommt mir so vor. Wir können plaudern. Und wenn ihr nicht danach ist? Dann werden wir schweigen. Auf gar keinen Fall darfst du pausenlos auf sie einreden, hörst du Liv! Ich könnte ihr von mir erzählen, wie es für mich war, hier anzukommen. Nur nicht zu viel reden. Klar, ihr sagen, was das ist, eine Schwester. Das eine oder andere schon mal einflechten, beiläufig auf die Regeln zu sprechen kommen:
1 Vergiss das Leben draußen. Du bist von nun an in Sternfeld, also lebe in Sternfeld.
2 Sprich lieber mit niemandem außer deiner Therapeutin über den Grund, weshalb du hier bist.
3 Streiche folgende Worte aus deinem Wortschatz: Gefängnis, Anstalt, Haft, Bau, Knast. Ersetze sie mit: Resozialisierungscamp, Zentrum für Wiedereingliederung oder einfach mit Sternfeld. Vergiss Worte wie: Gefangene, Insassin, Inhaftierte etc. Offiziell sind wir Personen mit Resozialisierungsbedarf, Menschen mit Namen.
4 Vermeide die Worte Schuld und Strafe.
5 Das Leben in Sternfeld wird von allen Beteiligten mitbestimmt. Deine Initiative und deine kritische Stimme sind erwünscht. Engagiere dich!
Es kommt anders. Die Wächterin erscheint und teilt mir mit, ich solle zurückfahren und mich bei der Direktion melden.
„Wie? Jetzt gleich?“
„Ja, jetzt gleich. Frau Sander hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, dass sie Sie in einer halben Stunde erwartet.“
„Und die Neue? Was ist mit ihr?“
„Es ist alles geregelt.“
„Geregelt?“
„Man kümmert sich um sie.“
„Wie man? Wer? Wer kümmert sich um sie?“
Sie zögert einen Moment lang. Aber vielleicht täusche ich mich und es kommt mir nur so vor.
„Anne Berger.“
„Ich verstehe nicht. Anne? Wieso Anne?“
Ich bin sprachlos.
„Sie haben umdisponiert. Die Neue ist bereits angekommen, sie kam von Norden. Anne hat sich ihrer angenommen.“ Sie fügt mit süßer Stimme hinzu: „Es tut mir leid, dass Sie hier so lange haben warten müssen.“
„Passen Sie auf, meine liebe Robottussi, Sie können sich Ihr überflüssiges Mitleid in ihren überflüssigen Attrappenarsch stecken!“
Sie versucht, eine ernste Miene aufzusetzen und rügt mich: „Ich darf Sie daran erinnern, dass es Ihnen untersagt ist, mich zu beleidigen. Ich bin zwar eine humanoide Hostessroboterin, aber keine Sklavin. Ich verdiene, wie Sie wissen, Respekt und …“
Die letzten Worte verschluckt der Wind. Ich sitze bereits auf dem Fahrrad. Mir ist klar, dass die Sache noch ein Nachspiel hat, dass sie sich über mich beschweren wird. Aber das ist mir egal.
Die Tür steht einen breiten Spalt offen. Man erwartet mich. Außer Atem betrete ich das Büro von Frau Sander. Es liegt im zweiten Geschoss des Verwaltungsgebäudes, im ehemaligen Klosterhauptmannshaus, einem stattlichen Gebäude mit Seesicht, von wo aus dereinst die Geschicke des Klosters geleitet wurden. Ich bin zum ersten Mal hier, was nicht etwa daran liegt, dass Frau Sander sich abschirmt. Ich weiß von einigen, die bei ihr wegen dieser oder jener Sache vorgesprochen haben, oftmals wegen Lappalien. Es hat bislang komischerweise einfach keinen Anlass gegeben. Der Raum wirkt klein, beinahe muffig. Wohltuend ins Auge sticht die Abwesenheit von Kunst. In den hellen, großen Therapieräumen der Psychologinnen, die darin wetteifern, mit einem Minimum an profaner Ausstattung auszukommen, fehlt Kunst niemals. Frau Sanders zweckmäßige, sperrige Regale reichen bis knapp unter die Decke und sind vollgestopft mit verstaubten, analogen Datenträgern und wären da nicht die uralten Dielen, die bei jedem Schritt knarzen und jede Besucherin augenblicklich verraten, der Raum hätte auch das Büro einer Versicherungsangestellten in einem x-beliebigen Glasturm Ende des letzten Jahrhunderts sein können. Die Direktorin steht auf, kommt hinter dem wuchtigen Schreibtisch hervor und begrüßt mich knapp, aber herzlich. Ob ich mich nicht setzen wolle, fragt sie und wartet bis ich Platz genommen hatte, erst dann setzt sie sich ebenfalls. Während sie einen kurzen Blick auf den Monitor wirft, begrüße ich Judith, meine Therapeutin, die bereits hier ist und neben dem Fenster sitzen bleibt. Sie lächelt mir aufmunternd zu.
„Frau Peterson, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Sie so Hals über Kopf hierher bestellt zu haben. Ich möchte Sie eigentlich nicht überrumpeln. Aber ich fürchte, ich werde genau dies tun. Nun, ich bin nicht bekannt dafür, lange um den Brei zu reden. Die Sache ist die: Wenn Sie wollen, können Sie morgen Sternfeld verlassen. Sie beziehen eine Einzimmerwohnung in Berlin-Kreuzberg, haben ab Montag einen Job und könnten nebenbei weiterhin Ihr Fernstudium fortsetzen. Sie studieren Psychologie?“
Ich bin außerstande, zu antworten.
„Nun, Sie wären ein Jahr auf Bewährung. Natürlich würden wir Sie begleiten und beraten, mit Ihnen alles regeln, etc. Ähm, auf elektronische Fußfesseln können wir leider nicht verzichten.“ Sie zögert einen Moment, lehnt sich zurück und blickt zu meiner Therapeutin. Dann fährt sie fort: „Wir wissen seit vorgestern davon.“ Sie seufzt, dann wiederholt sie: „Seit vorgestern.“
Einen Moment sagt niemand etwas. Frau Sander räuspert sich, wirkt einen Augenblick unsicher. Dann sagt sie, ohne ihr Missfallen zu verbergen: „Es scheint ein sehr ehrgeiziges Forschungsprojekt der TU Berlin zu sein. Offenbar fehlen ihnen immer noch Leute. Ich vermute ja, die stehen kurz vor einer Zertifizierung, haben sich an einen Senatsbeschluss erinnert und müssen nun der Statistik zuliebe im Handumdrehen noch ein paar Quotenjobs für Menschen mit Behinderung oder Resozialisierungshintergrund schaffen. Egal, Ihr Job bestünde darin, eine Art Trainerin für einen Serviceroboter im Bereich der Altenpflege zu sein. Sehe ich das richtig, Frau Sindrow?“
Judith richtet sich auf und ergänzt: „Ja, es geht um die Pflege eines Alzheimer-Patienten. Der 83-jährige Mann soll von einer Androidin in seiner gewohnten Umgebung betreut werden. Der Pflegefachroboter, ein weibliches Modell, soll angeblich überdurchschnittlich fit sein. In den Unterlagen heißt es großspurig, er verfüge über bislang unerreichte soziale und kommunikative Kompetenzen. Sie wären eine Art Mentorin.“
Aha, man siezt sich also vor der Direktorin?
„Das Projekt ist so angelegt, dass die Androidin bei ihrer Arbeit von extern, also per Telepräsenz von zu Hause aus begleitet werden kann. Direkter Kontakt ist ausdrücklich nicht vorgesehen. Nötigenfalls beinhaltet das Monitoring auch in gewissen, sagen wir brenzligen Situationen, zu intervenieren. Anscheinend hat die Androidin die ersten Tests bereits mit Bravour bestanden und die in sie gesetzten Erwartungen weit übertroffen. Sie sollte also in der Lage sein, selbstständig zu arbeiten. Man muss ihr sozusagen noch über die Schulter schauen und den letzten Schliff geben. Eine interessante und anspruchsvolle Aufgabe! Und je länger ich darüber nachdenke, eine Aufgabe, wie gemacht für Sie.“
Ich entscheide, ihr nicht zu unterstellen, ihre letzte Bemerkung sei eine Anspielung auf meine jäh abgebrochene Karriere als Altenpflegerin.
Frau Sander nutzt die Atempause, um Judith zu bremsen. Es ist offenkundig, dass sie die Begeisterung meiner Therapeutin nicht in selbem Maße teilt. „Hm, ich zweifle keinen Augenblick, dass Frau Peterson der Aufgabe gewachsen wäre. Ich möchte jedoch betonen, dass sie sich frei entscheiden kann.“ Sie blickt mich ernst an (und der mütterliche Unterton war nicht zu überhören): „Verstehen Sie? Sie sagen ja“, sie macht eine Pause, „oder nein. Ich möchte Sie nicht beeinflussen. Aber wenn ich ehrlich bin, so halte ich nicht sonderlich viel von elektronischen Fesseln, auch wenn die Dinger mittlerweile unscheinbar klein sind. Weder Fisch noch Vogel, weder frei noch unfrei. Die Alternative wäre, so viel kann ich Ihnen heute sagen, ohne natürlich ein absolutes Versprechen geben zu können, einfach aufgrund der durchs Band positiven Berichte über Sie: noch ein Jahr hier in Sternfeld und die Chancen stehen sehr gut für Sie, dass wir Sie gehen lassen können – ohne Fußfesseln. Übrigens, wir haben vor Ihnen eine andere Person gefragt. Sie hat abgelehnt. Das Unangenehme ist, es besteht hoher Entscheidungsdruck. Auch das gefällt mir an diesem Angebot nicht sonderlich. Sie müssen mir bis heute Nachmittag Bescheid geben. Also, um nicht missverstanden zu werden: ich gebe zu, ich sähe es lieber, wenn Sie noch ein Jahr hier blieben. Andererseits sehe ich natürlich auch eine Chance für Sie. Falls Sie ja sagen, bin ich mir sicher, dass Sie da draußen klarkommen werden. Darf ich Sie bitten, alles weitere mit Frau Sindrow zu besprechen? Sie haben bestimmt eine Menge Fragen. Frau Sindrow kann Ihnen genauer über die Einzelheiten Auskunft geben.“
Wir gehen diese Treppe runter. Ich und Judith. Wir bleiben stehen. Judith bleibt immer wieder stehen. Ich sehe mich, wie ich mich nach ihr umdrehe, beinahe das Gleichgewicht verliere, wie ich tastend versuche, die nächste Stufe zu erreichen. Die nächste. Ohne zu fallen. Auf dieser ausladenden Treppe aus hellem Kalkstein, die galant nach unten führt. Eine Treppe für schwanenweiße Brautschleppen. Gottes Bräute lebten in Sternfeld, dann Behinderte, dann Verbrecherinnen. Nach unten. Stufe für Stufe. Dort steht mein Fahrrad. Ich bin mit dem Fahrrad von der Südgrenze zurückgekommen. Dann diese Treppe hochgeeilt. Im Nu. Drei Stufen aufs Mal. Und jetzt kann ich nicht … nicht weitergehen, nicht stehen bleiben, nicht auf dieser Treppe, deren Oben und Unten sich auf einmal im Ungefähren und Formlosen verliert, als hätte sie ihre Maske abgenommen, als würde sie mir sagen: Siehe, in Wirklichkeit führe ich nirgendwo hin, ich bin Stückwerk, eine lose, dubiose, schwankende Stiege in einem Meer aus Nichts. Nicht mal ein Geländer gibt es, dieses verdammte Ding, nichts woran ich mich halten kann. Außer Judith. Aber meiner Therapeutin fällt nicht ein, dass mir schwindlig sein könnte. Lieber redet sie.
Eines Abends plötzlich hier auf der Halbinsel. Ich sehe uns, meine Schwester und mich. Ich sehe das Leuchten in ihren Augen, beim Erzählen, ihren verhaltenen Stolz auf Sternfeld, ihr spitzbübisches Lächeln, als sie im Vorbeigehen lässig zwei Boskopäpfel vom Zweig riss, mir den einen gab und dann genüsslich in den ihrigen hineinbiss. Wie wir am Steg ankamen, nachdem sie mich überall rumgeführt hatte. Im Rücken das Kloster mit dem lauschigen Park, der vierflügelige Kreuzgang, die Kirche, das alte Mauerwerk aus Backstein strahlte, strahlte warm im Schein der untergehenden Septembersonne. Wir streiften die Schuhe und Socken schnell ab und ließen die Füße ins Wasser baumeln. Vor uns der See, dahinter Wald, aus der Ferne Gelächter, Stimmen, die näher kamen, Frauenstimmen, sie gehörten zu einem Segelboot, das gerade heimkehrte. Ich weiß noch sehr genau, wie ich es kaum glauben konnte. Das soll also ein Gefängnis sein? „Vergiss es,“ meinte die Schwester, „das hier ist kein Gefängnis, das ist Sternfeld.“
Eines Tages plötzlich wieder fort. Morgen?
„Ich möchte Sie nicht überrumpeln, aber ich fürchte…“
Ich habe weiche Knie und wenn ich nicht fallen will, bleibt mir nichts anderes übrig, als nachzugeben, langsam in die Knie zu gehen, mich auf eine Stufe zu setzen. Judith setzt sich neben mich, röntgt mich mit ihrem routinierten Therapeutenblick: „Alles okay?“.
Ich nicke, sage: „Ja, ja, alles in Ordnung, nur ein wenig …“
„Klar“, sagt Judith, „du bist … ein wenig verwirrt? Kein Wunder, ist ja …“ Und redet weiter. Während sie redet, nestelt sie an ihrem Haar herum, sucht in allen Taschen nervös nach einer Spange. Ich sehe den Ring, ein Ring aus Silber mit einem blauen Stein. Ein Saphir? Den trägt sie seit fünf Wochen, am Ringfinger der linken Hand, und ich denke, dass ich nicht einmal weiß, ob es ein Verlobungsring ist. Sie findet die Spange nicht, zwirnt das Haar geschickt um ihre Finger und steckt einen gelben Bleistift hindurch, lächelt kurz, während sie immer weiterspricht. Sie kennt Straße und Nummer meiner künftigen Adresse, kennt den Namen des Vermieters. Sie weiß, dass die Wohnung sich im dritten Stock befindet.
„Das Treppenhaus ist baufällig, aber charmant, na du weißt schon, eins dieser derangierten Berliner Treppenhäuser halt, wie es sie erstaunlicherweise immer noch gibt – was wollte ich sagen? Ach ja, kein Lift. Ist so schlimm nicht?“
Ich hätte ja nicht so viele Sachen … Nett sei sie, die Wohnung. Renoviert und, ja, möbliert halt, aber das sei ja auch praktisch, in meinem Fall. „Klein, aber hell. Irgendwie lieb, du wirst sehen. Alles, was man eben so braucht, um neu anzufangen.“
Sie zeigt mir drei Fotos. Bad, Küche und Wohnraum. In der Küche steht zwischen Spülstein und Herd eine Waschmaschine. Selina 8005. Ich stelle mir vor, wie ich in dieser Küche vor Selina 8005 knie, immerzu dumm auf die Trommel blicke und mich sinnlos darüber freue wie sie sich dreht. Hinter dem Glas sehe ich meine Jeans, meine T-Shirts. In meiner Selina 8005.
Sie kennt mich, meine Geschichte, deren Fortsetzung. Die Gegenwart interessiert sie nicht. Lieber redet sie über Chancen. Schon immer eines ihrer favorisierten Wörter. Alles Chance. Dein Haus wird über Nacht von einem Tornado weggefegt? Eine Chance! Du hast Krebs? Die Chance! Du musst in den Krieg? Kehrst verstümmelt heim? Sieh es als Chance!
Ich verstehe. Der nicht zu überbietende euphorische Glaube an die Treffsicherheit ihrer Prognose, was meine günstige persönliche Laufbahn da draußen betrifft, soll allein den edlen Zweck verfolgen, mich anzustecken. Tut er aber nicht. Da draußen? Judith Sindrow, da draußen ist Nebel und eine Selina 8005.
Noch nie hat sie sich so wenig angestrengt, zu kaschieren, dass sie weiß, was für mich gut ist.
„Ist das ein Verlobungsring?“.
Sie steht auf, errötet: „O, em – der Ring?“. Sie weiß nicht, ob sie antworten will, blickt verlegen Richtung See. Dann sagt sie: „Ja.“ –
„Wie viel würde ich verdienen?“
„Wie verdienen? Ach so, du möchtest wissen, wie hoch dein Gehalt wäre?“
„Ja.“
„Gut, erstaunlich gut. Ich kann nachgucken, soll ich?“
Ich nicke.
„Pass auf, hier steht es: 1.870 €, ordentlich, nicht?“
„Und Miete? Krankenversicherung?“
„Der Betrag wird dir vom Grundgehalt automatisch abgezogen, darum musst du dich nicht kümmern.“
„Ich soll mich um einen verwirrten, alten Mann kümmern? Wegen einem verwirrten, alten Mann bin ich hier gelandet.“
„Nein, Liv. Das sehe ich anders. Nicht wegen ihm. Wegen der Situation. Sie hat dich überfordert. Du warst überfordert damals.“
„Ich bin jetzt überfordert.“
Sie schaut mich an, sagt leise: „Das verstehe ich. Kann ich etwas für dich tun?“
„Ja, lass mich einen Moment allein.“
Judith geht. Ich warte bis sie den Platz in Richtung Kantine überquert hat und hinter der Remise verschwindet. Ich versuche aufzustehen. Es geht. Noch bin ich etwas zittrig, aber meine Beine gehorchen mir, ohne dass ich Gefahr laufe, gleich wieder einzuknicken. Ich kann diese Treppe auch ohne therapeutischen Begleitschutz runtergehen. Sogar besser. Unten angekommen lasse ich das Fahrrad stehen und gehe zu Fuß unschlüssig ebenfalls in Richtung Kantine. Bald ist Mittag. Der Gedanke an Essen und lautes Stimmengewirr löst Unbehagen aus. Wo hin? Susi, unsere Briefträgerin, fährt klingelnd auf mich zu und nimmt mir die Entscheidung ab. Sie sei etwas spät dran, ob es mir was ausmache, die Post für unser Haus mitzunehmen? „Nein, natürlich nicht!“, sage ich. Sie übergibt mir zwei Zeitschriften und drei Briefe. „Danke! Trüber Tag, was? Na, dann – bis dann!“
Ich gehe durch die Waschküche ins Haus, in der vagen Hoffnung, es gäbe für mich etwas zu tun, irgend etwas Stupides, ein kurzfristiges grobmotorisches Beschäftigungsprogramm, das mich ablenken könnte. Aber es gibt nichts zu tun. Keine Wäsche zum Auf- oder Abhängen. Nichts zu bügeln. Mein Blick bleibt am Putzplan haften, der an der Innenseite der Tür angeheftet ist. Dienstag. Für nächsten Dienstag bin ich eingetragen. Der Plan geht bis Ende März. Noch zwei Mal sehe ich meinen Namen und überlege mir, wer wohl freiwillig für mich einspringen wird. Staubsaugen aller gemeinsam genutzten Räume, Fliesen in Küche, Badezimmer und Waschküche nass reinigen. Wir machen das in unserem Haus noch von Hand. Ein robotphober Mehrheitsbeschluss, dem sich die Minderheit murrend beugt. Alle beim Essen. Außer Sarah. Aber sie nimmt keine Notiz von mir. Sie hat ihre Tage, liegt verstöpselt in ihrem Zimmer und will unbehelligt bleiben. Bitch, unser fetter Kater, streift mir in der Küche um die Beine, stupst wieder und wieder gegen meine Waden. Dann räkelt er sich vor meinen Füßen auf den kühlen Fliesen, schnurrt unglaublich laut und hypnotisiert mich mit seinem „Ich-weiß-du-bistein-guter-Kerl-Blick“. Die übliche Bettelnummer, auf die ich jedes Mal hereinfalle. Ich lege die Zeitungen und Briefe auf den Tisch und fülle Bitchs Napf mit kakaobraunen Flocken halb voll.
Hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits eine Entscheidung gefällt? Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass ich keine Ahnung hatte, wie das ging: Wie macht man das? Entscheiden? In zehn Schritten zur Entscheidung? In zehn Minuten. Zur richtigen. Mit so nem verfickten Psycho-Quick-Check? Sorgen, Ängste, Zweifel und andere überflüssige Entscheidungshemmer lassen sich systematisch entkräften, wenn Sie blablabla. Vielleicht ahnte ein Teil in mir nur zu gut, dass mein Stirnhirn so angestrengt denken konnte wie ihm beliebte. Es würde nichts daran ändern. Die Hauptakteure der vorgelagerten Areale hatten die Sache längst unter sich ausgemacht.
Kurz nach eins. Meine Mitbewohnerinnen trudeln demnächst laut palavernd zum Kaffee ein, um sich danach ihren vielfältigen Nachmittagsbeschäftigungen zu widmen. Ich greife nach der Papiertüte mit dem alten Brot und schleiche aus dem Haus, heimlich wie eine Diebin, so, als sei ich schon nicht mehr hier, als jage mein Anblick jeder, der ich zufällig begegne, einen Schrecken ein. Als ich den Bootssteg betrete, atme ich auf. Er ist durch einen schmalen Streifen Wiese und durch eine hohe Schlehdornhecke vom übrigen Garten getrennt. Hier bin ich allein. Nur Anne könnte hier sein. Sie liebt diesen geschützten Ort direkt am Wasser, mit den filigranen, olivfarbigen Holzbänken, die jeden Frühling frisch gestrichen werden, genauso sehr wie ich. Es kommt öfter vor, dass wir uns hier zufällig treffen. Anne ist nicht hier. Lustlos werfe ich einige Brotstücke ins Wasser, dann lasse ich es sein. Von den Schwänen ist weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht schlafen sie. Ich mag den Anblick schlafender Schwanenpaare, wenn sie friedlich nebeneinander schaukeln, Hals, Kopf und Flossen im Gefieder versorgt.
So oder so. Ich kann nicht für immer hier bleiben und Schwäne füttern. Früher oder später muss ich gehen.
Es hätte sein können wie immer, wenn Anne und ich uns in der Kirche bei Maria verabredeten. Wir hätten schweigen und alles dem Crescendo unseres Begehrens überlassen können. Wie Wasser, das überfließt, wäre die Lust über den Rand des Schweigens getreten. Wir hätten uns ihr nur hinzugeben brauchen. Marias Konturen wären auf einmal weicher geworden, bis sie sich nach und nach in warmem Gold ganz aufgelöst hätten.
Wir schweigen länger als sonst. Anders. Und je länger wir schweigen, desto unerträglicher wird es. Auf einmal wird mir alles sonnenklar. Nein, sonnenklar nicht, im Grunde ist es eine äußerst suspekte Klarheit. Nie hätte ich sagen können, worin sie genau bestand. Ich weiß nur, dass ich mich nicht wehren kann, nicht fliehen. Der Entschluss steht fest: Du gehst nach Berlin. Seltsam kühl, beinahe unbeteiligt nehme ich den Entschluss zur Kenntnis.
Es mag paradox klingen, aber ich glaube, gerade dadurch, dass ein Teil in mir sich gegenüber dem apodiktischen Charakter dieser Entscheidung gleichgültig verhielt, konnte ich mir einen Rest Autonomie bewahren. Gleichzeitig war alles in mir in Aufruhr, gleichzeitig wollte ich es so, ich, genau so. O, ich wusste, was ich verlor, ich war nicht vollkommen meschugge. Ich wusste, ich würde bald nachts in Berlin allein hinter einem Fenster stehen und Anne vermissen.
Unser Vorspiel bestand aus Schweigen. Darin waren wir geübt. Wer später kam, setzte sich still und unauffällig neben die Andere. Als wäre die Kirche voller Leute, als würde eine Messe gehalten. Dann wurde geschwiegen. Wir saßen nah nebeneinander, ohne uns zu berühren, aufrecht, die Beine nie überschlagen, sie die Hände meist auf den Knien, die Innenflächen nach oben, der Mund leicht geöffnet, ich die Arme verschränkt, Lippen zu. Wir blickten unverwandt schräg nach oben. Das war unvermeidlich, da Maria gut anderthalb Meter über unseren Köpfen hing. Unsere Treffen richteten wir so ein, dass wir möglichst ungestört blieben, nachmittags war günstig, da war die Kirche meist leer. An einigen wenigen Tagen in den Monaten März und September fiel das Sonnenlicht direkt auf Maria. Wir berechneten im Voraus, wann es wieder passieren würde. Dann waren wir da und warteten gespannt bis sie leuchtete. Beim ersten Mal sagte Anne: „Siehst du diese aufgeworfenen Lippen? Selbstbewusste Lippen.“ Ich sagte: „Ja, aber schau dir die Augen an! Sie sind niedergeschlagen, es sind traurige Augen, Augen voller Demut.“ Diese Lippen und Augen verliehen Maria eine seltsame Kraft, darin waren wir uns einig, etwas, was einen beruhigte und gleichzeitig verstörte und vermutlich daher rührte, dass sie zwei ganz und gar unversöhnliche Pole in sich vereinte: Empörung und Ergebenheit.
Maria strahlte auch so. Auch an trüben Tagen, an einem Nebeltag wie heute. Sogar noch mehr. Es schien, als leuchtete sie dann von innen. Ich wusste, dass Anne das auch bemerkt hatte. Aber wir sprachen nie darüber. Es wäre uns wie Verrat vorgekommen. Beim ersten Mal, wir kannten uns ein gutes Jahr, saßen wir schweigend im Halbdunkel, als plötzlich das Licht der Nachmittagssonne durchs Fenster brach. Träg kroch es über Marias Lippen, Wangen, Augen, Stirn, entflammte Schleier, Krone und Hintergrund, bis alles rotgolden flimmerte. Wir drehten uns um, endlich, wie auf ein Zeichen, und unser angestautes Begehren floss über, leicht, wie ein Brunnen überfließt, hin und her floss es zwischen uns. Wir brauchten uns ihm nur zu überlassen.
Endlich sagt sie etwas. Ich bin erleichtert, dass sie den Anfang macht, die bedrückende Stille ein Ende nimmt. Sie flüstert. Ich verstehe sie nicht. Es ist mir peinlich. „Wie bitte? Entschuldige, ich habe dich eben nicht richtig verstanden.“
„Ich hab es nicht gewollt … das mit der Neuen, tut mir leid.“
Ich bin verwirrt, will ihr sagen, dass sie sich deswegen keine Sorgen zu machen braucht, aber ich komme nicht dazu.
„Ich habe es nicht gewusst, ehrlich … ich verstehe, wenn du enttäuscht bist, wär ich auch, aber ich hab es nicht gewusst, dass die Neue für dich bestimmt war. Erst heute Mittag hab ich es erfahren, Bet hat es mir erzählt. Hätte ich es … hätte ich es früher gewusst, ich hätte nie eingewilligt. Ich höre schon die anderen: Nie kann sie genug bekommen, unsere Oberschwester, die Unentbehrliche.“
Anne sieht mich mit großen Augen an. Ich spüre, wie sehr sie erwartet, dass ich etwas sage, die Sache sei für mich gegessen oder etwas Ähnliches, wie sie hofft, dass ich sie in die Arme nehme. Aber das geht nicht. Unmöglich. Wir haben vor Ihnen eine andere Person gefragt. Sie hat abgelehnt. Erst jetzt begreife ich. Sie haben Anne zuerst gefragt. SIE hätte gehen können – aber sie hat abgelehnt. Verzichtet. Und ich habe diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht gezogen, nicht daran gedacht. Auch sie ahnt nichts, weiß nicht, dass man ihr die Neue überlassen hat, weil ich zur Direktorin gerufen wurde. Ich begreife und während ich begreife, sehe ich, wie sich ihr Gesicht verdüstert: „Wie? Ach, so? Verstehe, DU gehst also?“
Ich nicke und hauche ein „Ja“, aber umgekehrt, ich atme ein, anstatt aus, während ich „Ja“ sage, sauge es ein, als ob ich den Entschluss hüten oder geheim halten müsste, als gälte es, ihn mit niemandem zu teilen, auch nicht mit Anne. Sekunden später steht sie auf und geht zum Altar. Sie packt einen der schweren Kerzenständer, kommt damit zurück. Ich schaue ihr zu. Stumm und konzentriert schlägt sie wieder und wieder mit dem Kerzenständer auf Maria ein. Viele Male holt sie aus. Bevor sie jeweils zum nächsten Schlag ansetzt, blickt sie mich an.
Was, wenn ich aufgespringen und ihr das Ding entreißen würde? Vielleicht wünscht sie sich das? Aber dazu bin ich nicht in der Lage. Ohnmächtig sehe ich Anne zu, so lange, bis Marias Gesicht vollkommen unkenntlich, das Gemälde verwüstet ist, ein Krater der Zerstörung aus dem goldige Fetzen hängen. Sie stellt den Kerzenständer zurück zum Altar und, ohne sich noch einmal umzudrehen, verlässt sie vollkommen ruhig die Kirche.
Am Samstag, einen Tag später, kurz vor zwölf, versammeln sich die Frauen von Sternfeld in der Kirche. Fast alle kommen. Und zwar ausschließlich wegen mir. Ich habe mir das selbst eingebrockt, weil ich vor zwei Jahren mit einigen anderen zum Kreis der Hauptinitiantinnen gehörte, die sich diesen neuen Abschiedsritus ausdachten. Das Abstimmungsergebnis im Rat verlief äußerst knapp damals, aber nach anfänglicher Skepsis mauserte sich der Ritus überraschend schnell zu einem beliebten Anlass und war seitdem nicht mehr aus dem Leben in Sternfeld wegzudenken. Wahrscheinlich deshalb, weil er die Schwelle symbolisierte, über die jede von uns einmal gehen musste, eine prekäre Schwelle, an die viele Hoffnungen, Zweifel, Ängste und Unwägbarkeiten geknüpft waren, über die zu sprechen wir, wenn möglich, vermieden. Aber auch wenn wir an die Tatsache, dass wir Sternfeld eines Tages verlassen mussten, und an die damit einhergehende Ungewissheit, lieber nicht oft erinnert werden wollten, auch wenn die Schwelle für viele ein fernes, sehr unwirkliches Ereignis am persönlichen Zeithorizont markierte, beschäftigte sie uns natürlich alle.
Ich warte neben dem Altar auf Frau Sander, die, davon ist auszugehen, im letzten Augenblick erscheinen würde. Minuten lang bin ich allein, während sich die Kirche füllt und füllt, immer noch strömen Dutzende sich die Hände reibend aus der Kälte herein. Ab und an winkt jemand, vielleicht, um mich zu ermuntern, vielleicht, um dem Graben, der zwischen mir und ihnen liegt, etwas entgegenzusetzen. Wer geht, geht. Ist schon jenseits der Schwelle. Keiner mehr von ihnen, denke ich, während ich warte, isoliert vom Rest, bemitleidet und beneidet, genauso wie alle anderen, die vor mir gegangen sind. Einen Vormittag lang noch und noch Hände geschüttelt, Umarmungen da, Küsse hier. Insofern kommt es mir nicht ungelegen. Ich bin gerne für einen Moment allein. Wenn auch den Blicken preisgegeben, fühle ich mich hier vorne geschützt. Ich bin reisefertig, Koffer und Rucksack liegen im Taxi verstaut, das mich in Kürze fahren wird. Fort von hier. Berlinwärts.
Seit gestern Abend gibt es nur ein Gesprächsthema. Nun, es wurde schon lange über uns gesprochen, das heißt seit wir als Paar angesehen wurden. Was einige Zeit brauchte, da wir nie Händchen haltend im Park rumliefen. Verglichen mit anderen galten wir nicht als typisches Paar. Waren wir auch nicht, ein Paar. Kein typisches und auch kein untypisches. Unsere Verbindung blieb für die Sternfelder Öffentlichkeit rätselhaft – und noch viel mehr für uns selbst. Insofern waren wir für viele ein willkommenes Paar. Um uns ließen sich beliebig viele Gerüchte und Sehnsüchte ranken. Es störte uns nicht weiter. Wir hatten uns daran gewöhnt und heimlich unser Vergnügen daran. Schließlich hätten wir uns wehren können. Taten wir aber nicht. Es machte uns Spaß, von Zeit zu Zeit selbst die eine oder andere Geschichte in Umlauf zu setzen, neugierig zu verfolgen, welche bizarren Metamorphosen sie dabei von Mund zu Mund durchlief, so lange, bis sie endlich das natürliche Verfalldatum überschritt und gänzlich ungenießbar wurde. Der Mantel der Gerüchte machte uns immun, schützte uns. Wir waren schwer einzuordnen und für einige ein Ärgernis, nicht zuletzt deshalb, weil wir auf verschiedenen Gebieten nicht einer Meinung waren, ja erbitterte Konkurentinnen. Zum Beispiel damals als es um den neuen Abschiedsritus ging. Es war ein merkwürdiger Vorgang, dessen Dynamik auf keinen Fall nur mit dem vordergründigen Gegenstand zu tun hatte. Ein Spiel? Gewiss, wir wollten spielen, uns messen, uns profilieren, die anderen verwirren, die Karten neu mischen. Wir stilisierten uns regelrecht zu den beiden Antagonistinnen des Abstimmungskampfes. Anne trat als entschiedene Gegnerin auf, orakelte, der Ritus werde als Forum für jede Art verletzender Endabrechnung missbraucht werden, es gehe dabei allein um eine völlig überflüssige Selbstinszenierung der Abgängerinnen, die den sozialen Frieden in Sternfeld nachhaltig verletzen könne. Und ich? Ich vertrat das Lager der Befürworterinnen, sah mich plötzlich in die Rolle derjenigen schlüpfen, die am engagiertesten für die neue Idee kämpfte. Ich redete über den Wert menschlicher Rituale im Allgemeinen und die nicht zu unterschätzende Bedeutung des bewussten Abschiednehmens. Ja, wir waren erbitterte Kontrahentinnen und wir genossen es.
Anne und Maria sind, wenn auch nicht physisch, sehr anwesend. Da wo die Lücke an der Wand klafft, steht jetzt eine bauchige Vase mit weißen Tulpen davor. Sternfeld hat wieder einmal eine kleine Sensation. Nicht zuletzt deshalb ist die Kirche rappelvoll. So viele neugierige Augenpaare, die jetzt betreten oder offenkundig lauern, sich etwas erhoffen, etwas Großes, Tragisches, das sich gleich vor ihnen abspielen wird, am liebsten eine Fortsetzung von gestern, bei der sie als Zeuginnen live dabei sein konnten. Um anschließend Mitleid zu heucheln, so wie sie jetzt Mitleid heucheln.
„Hast Du Anne irgendwo gesehen?“
„Oje, die Arme, sie lässt sich bestimmt nicht hier blicken, die kommt garantiert nicht.“
„Und wenn sie doch kommt? Was dann?“
„Glaubst du, dass sie es bereut?“
„Ich bin mir nicht so sicher, dass Anne Maria allein zerstört hat – ich weiß nicht.“
„Zum Heulen! Das schöne Gemälde!“
„Nein, um die beiden. Um die beiden ist es zum Heulen!“
Geistreiche Kommentare, normal, nicht anders zu erwarten, ein Zeichen dessen, dass Sternfeld ein lebendiges Dorf war und Klatsch inbegriffen.
Auch ich würde mich daran beteiligen, auch ich würde tuscheln, wäre nicht zufällig ich hier vorne. In ein paar Minuten werde ich reden müssen.
Ich denke nicht an die Rede, sondern an Anne.
Ich weiß, sie wird nicht kommen. Werden wir uns nicht mehr sehen?
In Gedanken sprach ich pausenlos mit ihr.
Ich werde dich mit keinem Wort erwähnen. Keine Abrechnung, keine Rechtfertigung. Ich werde die Rede halten, die ich vorbereitet habe, über – über – Glück reden will ich, über das Glück in Sternfeld. Über Schuld. Nicht aber über uns. Nicht über Glück und Schuld, was uns angeht. Was passiert ist, ist passiert. Du und ich verstehen es. Nein, ich kann nur von mir reden. Du hast abgelehnt,ich habe ja gesagt. Anne, dafür, dass ich mich entschieden habe, mein Leben hier nicht freiwillig um ein Jahr zu verlängern, trage ich keine Schuld. Wir sind kein Paar. Ich habe gedacht, dass wüsstest du. Du hättest Maria nicht – nicht zerstören müssen! Aber du hast. Wut macht blind, sagt man. Und dumm, sage ich. Sie aktiviert die ungebremsten Reflexe des Kleinkindes in uns. Dass du Maria zerstört hast, ist dumm von dir, aber verzeihlich. Nicht verzeihe ich dir, dass du danach versucht hast, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben, dass du zu Judith gerannt bist, dir nicht zu schade warst, zu behaupten, ich sei es gewesen, die das Bild verwüstet habe! Wie konntest du allen Ernstes denken, sie würden deiner Geschichte glauben? Es war dumm von dir, du hättest dir denken können, dass es in Sternfeld keine unbewachten Winkel gibt. Es gibt eine Videoaufzeichnung. Judith meinte, du hättest nicht aus Rache gelogen, sondern, weil du gehofft hast, ich müsste dann hier bleiben, wir blieben zusammen. Weißt du was? Hoff weiter!
Mein Gott! Reden! Jetzt muss ich gleich reden.
Ich bin mir sicher, nicht wenige wünschten insgeheim, wenn sie an der Reihe waren, dieses Ritual wäre nie erfunden worden. Schon sehr früh, eigentlich bereits nachdem die ersten Reden über die Bühne gingen, war unter denjenigen von uns, die aufgrund der Bilanz ihrer Sozpunkte mit einer baldigen Entlassung rechnen konnten, eine gewisse Nervosität spürbar. Wir begannen uns vorzubereiten, was nichts anderes hieß, als dass wir die Reden monatelang im Voraus schriftlich niederlegten. Wir taten so, als nähmen wir die Angelegenheit auf die leichte Schulter, witzelten. In Wirklichkeit nahmen wir die Sache sehr ernst, schrieben die Texte mehrfach um, feilten nächtelang daran. Ich denke für nicht wenige war es so, als verlange man von ihnen zu Lebzeiten die eigene Grabrede zu verfassen, ein Vorhaben übrigens, das natürlich ebenso reizvoll wie deprimierend sein kann. Manche waren eindeutig überfordert und retteten sich, indem sie sich bei ihrem Auftritt betont bescheiden gaben, oder indem sie gar nicht erst versuchten, zu vertuschen, dass sie das Ganze als Zumutung betrachteten, auf die sie lieber verzichtet hätten. An ihren stoischen Mienen war abzulesen, dass es ihnen nicht im geringsten etwas ausmachte, wenn der versammelten Zuhörerschaft nach den ersten netten, nichtssagenden Sätzen sofort klar war: Was folgt, würde eine Aneinanderreihung typischer Sternfelder Phrasen sein, Mantras, die wir alle kannten: Ich bin ruhig. Ich kann Sternfeld verlassen, weil ich heute eine andere bin. Dank Sternfeld. Dank euch. Danke! Ich habe gelernt, an mich zu glauben. Ich habe Bekanntschaft gemacht mit dem Glück. Und wisst ihr was? Wir sind Freunde geworden etc. etc. etc. Belanglos plätschernde Reden, die gar nicht erst versuchten, hohen Erwartungen gerecht zu werden, waren allgemein akzeptiert, störten niemanden, vielmehr hatten sie etwas Beruhigendes. Schließlich waren nicht alle zu rhetorischen Höchstleisungen berufen. Es war in Ordnung. Die Abschiedsworte würden sofort in Vergessenheit geraten, nicht aber die Person. Aber es gab auch andere, außergewöhnliche Reden, Reden, über die noch tagelang heftig diskutiert wurde. Sie bildeten die Ausnahme, aber es gab sie. Ihr Inhalt gravierte sich mühelos ins kollektive biographische Gedächtnis Sternfelds ein. Allesamt waren es mutige und provozierende Verlautbarungen, die der Spielregel trauten, die da lautete: Es ist ausdrücklich erlaubt, alles zu sagen, ohne persönliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Sie wagten etwas auszusprechen, was sonst tabu war, nur gedacht, allenfalls im kleinen Kreis Verbündeter diskutiert wurde. „Die Lüge der straflosen Resozialisierung“ oder „Die Wahrheit darüber, warum in Sternfeld keine Männer leben.“ „Woher kommst du? Aus der heilen Sternfeld-Welt. Aha. Und was kannst du? Sozpunkte sammeln.“
„Liebe Anwesende“ – ich zögere einen Augenblick, blicke hinüber zur Säule, zu den Tulpen. Es wird still. Eine saugende Stille, wie der See in einem schlafenden Krater, heimtückisch, mit Strudeln und Unterströmung, gegen die ich mich wehren muss.
Es wäre von Vorteil, wenn du jetzt das Gleichgewicht behieltest!
Außer dem knirschenden Geräusch meiner Stiefel ist nichts zu hören, als ich hinüber gehe und die schwere Vase mit beiden Händen fasse, sie weg trage, nach vorne, dorthin, wo sie gewöhnlich steht und wo sie hingehört, vor den Stufen, die hinunter ins Publikum führen. Vorsichtig stelle ich sie an ihren Platz. Rechts sitzt Frau Sander aufrecht auf ihrem für sie reservierten Stuhl. Ruhig atmend jetzt, nicht mehr lächelnd wie eben noch, als sie (ihre Verspätung wie immer entschuldigend) ohne Umschweife begonnen hat, die Gäste zu begrüßen. Sie hat sich kurz gefasst. Über – ich weiß nicht mehr über was. Nicht einmal, ob sie sich die Mühe gab, das, was sie jedes Mal sagte, anders zu sagen, oder ob sie die üblichen Floskeln benutzte. Nichts davon ist mir in Erinnerung geblieben. Ich gehe zurück und spreche weiter. Das Skript vor mir auf dem Stehpult. Ich war dankbar, es zu haben, vorhin, als ich wartete. Aber jetzt brauche ich es nicht. Was ich zu sagen habe, sage ich so, frei.
„Liebe Anwesende, den Ausblick vom Fenster meines Zimmers werde ich vermissen. Den Weg durch den Garten. Die von Veronica überwucherten, grauen Schieferplatten. Die, die wackeln, die dritte, die siebte und achte, auf die zu treten ich vermeide, weil ich jedes Mal an die Panik der Würmer und Asseln darunter denken muss. Ich kann ihn sehen, den Weg. Vom Zimmer aus. Mein Zimmer. Während fünfeinhalb Jahren. Mein Weg. Wie er sich plötzlich verdunkelt, im Schatten sich umarmender Äste, sich unter der Birnbaumlaube zum Tor der Schlehdornhecke ans Licht schlängelt, hinaus ins Offene, und über den schmalen Streifen Wiese direkt hinunter zum See führt. Mal in Gummistiefeln, mal barfuß sehe ich mich über die Platten gehen. Durch kniehohes Gras. Auch wenn ich es vermeiden will, erwecke ich Aufmerksamkeit. Es sind noch andere da: Elstern, Amseln, Kohlmeisen, Zitronenfalter, manchmal ein Igel. Auch sie werden mir fehlen. Wie schmal der See vom Fenster aus erscheint! Bis zum anderen Ufer kann ich sehen und weiter. Bis zum Himmel, aus dem sommers Blitze herunterzucken. Drüben war ich noch nie. Die Grenze verläuft mitten durch den See und wird bewacht. Es stört mich nicht. Es bleibt das andere Ufer. Wenn ich zwei Schritte zurück trete, füllen der Garten, der See und das andere Ufer samt Land dahinter weniger als die Hälfte des Fensters aus. Der Rest ist Himmel. Er überwiegt. Noch etwas sehe ich: Das Boot. Mein Boot. Es wartet auf mich. Der Gedanke, dass es da unten am Steg auf mich wartet, stimmt mich beinahe froh.
Unter mir ploppt das Wasser gegen die veralgten Pfeiler, während ich über die dunkelbraunen, federnden Bretter des Stegs gehe. Zehn Schritte, dann gehe ich in die Hocke, löse kniend die Schlinge vom hinteren Poller und werfe sie ins Boot. Es ist bereit, es hat auf mich gewartet. Ich springe, und während ich springe, spüre ich im Voraus die Erschütterung, spüre, wie das Boot sofort nachgeben, ein wenig sinken wird und tiefer zu liegen kommt. Rasch löse ich den Knoten des zweiten Seils vorne, stecke das äußere Ruder in die Halterung, packe das andere, stemme es gegen den Steg, atme tief ein und stoße uns, Boot und mich, kräftig ab.
Wir seien oft glücklich, ohne es zu merken. Vielleicht bin ich immun? Vielleicht stelle ich mir unter Glück schlicht etwas Falsches vor? Aber gut, diese Momente, es gab sie. Ich habe verdammt lange gebraucht, es zu merken. Oder vielleicht es mir einzugestehen? Momente, wo ich etwas, wie Glück – sagen wir es so: etwas Verwandtes empfand. Beim Abstoßen? Oder wenn ich, wie es manchmal vorkam, in der Morgendämmerung beim Rudern innehielt, das Boot gleiten ließ – in der Stille nur die Tropfen, die vom Ruderblatt herunterperlten – und mich freute, dass sich das schlafende Schwanenpaar durch meine Anwesenheit nicht stören ließ? Der größere der beiden, das Männchen, bemerkte schon, was vor sich ging. Aber er hielt den Hals eingerollt, blickte mich nur prüfend an, erkannte mich. Oder wenn das Ufer mit jedem Ruderschlag weiter und weiter wegrückte, Sternfeld samt Steg, Garten, Bäumen, Häusern, Kirche immer kleiner wurde? Wir lernen hier uns zu beschäftigen. Denn draußen sollten wir dies auch können. Freie Zeit ausfüllen. Etwas anfangen mit uns. Einer halbwegs sinnvollen Tätigkeit nachgehen. Viele von euch segeln. Oder machen Yoga. Züchten Schmetterlinge. Reiten. Bauen Bratschen. Designen Schmuck oder Klamotten. Meditieren oder spielen Theater. Ich bin gerudert. Studiert habe ich auch. Aber gerudert bin ich täglich. Ich ruderte um mein Glück, und wenn der Rhythmus stimmte, wenn Herz, Lunge, Arme, Beine und der Kopf gemeinsame Sache machten, konnte ich vergessen. Ziehen, stoßen, ziehen, stoßen, ziehen, stoßen, im Rücken See, vor mir See, Sternfeld nur noch en miniature. Wie besessen, wie eine Maschine ruderst du, blendest alles andere aus, konzentriert bist du, was zählt, ist der nächste Ruderschlag, der nächste, der nächste … Du bist draußen auf dem See allein in nem ollen Boot und du vergisst, du vergisst DICH, du bist nichts als Rudern.
Und dann ist sie da: Die Zone, du musst umkehren! Aber du ruderst, ruderst ohne Unterlass weiter, immer weiter, ohne mit der Kraft nachzulassen. Du bist nicht genug erschöpft. Weit kommst du nicht mehr. Du erwartest es. Jeden Moment kann es soweit sein, dann wird ein feines Surren hörbar. Darauf ist Verlass. Du ruderst und jemand sitzt mit im Boot, hat einen festen Platz, und hat nichts mit den Synsekten zu tun, die jetzt wie aus dem Nichts auftauchen, Drohnen, drei, manchmal fünf Stück, diskret fliegen sie ums Boot und filmen dich. „Hallo, ihr Hübschen! Da seid ihr ja.“ Nein, die zierlichen, bläulich schimmernden Libellen-Bots tun nur ihren Job, markieren die Grenze, weisen dich stumm darauf hin, dass du wenden solltest. Was du auch tust. Braves Mädchen! Noch eine Weile bleiben die künstlichen Biester in deiner Nähe, eskortieren dich ein Stück. Nicht weit, sie kennen dich, wissen, dass du keine Dummheiten machst und noch jedes Mal zurückgerudert bist. Wenn sie sich überzeugt haben, dass du auf dem richtigen Kurs bist, drehen sie wie gewohnt Richtung „anderes Ufer“ ab. Angst vor der Heimkehr? Nein, du kehrst gerne nach Sternfeld zurück, du wärst am liebsten schon dort. Die Angst hat einen langen, massigen Körper, sitzt hinten im Heck, dir zugewandt, trägt einen grünen Anorak mit Kapuze, ist männlich, heißt Röber und ist seit über sechs Jahren 81 Jahre alt. Sagt kein Wort, schaut an dir vorbei hinaus auf den See. Du ruderst weiter, es kostet dich mehr Kraft jetzt. Das Boot liegt tiefer im Wasser. Das letzte Mal, als du ihn auf die Waage stelltest, wog er 92 Kilogramm. Keine Spur von Hass oder Verachtung schlägt dir entgegen. Anzeichen eines Vorwurfes? Du suchst vergeblich danach. Nicht einmal traurig kommt er dir vor. Vielmehr ist er die Arglosigkeit selbst. Wohlwollend, beinah ein wenig zerstreut, blickt er dich hie und da mit großen Augen an. Und dann, plötzlich kommt er dir unglaublich verloren vor, wie ein verschupftes Geschöpf, das man ausgesetzt hat, eine arme Seele, die man am Wegrand zufällig aufgabelt und sofort adoptieren möchte. Sonst tut er nichts. Hält die Hände locker verschränkt im Schoß. Nur einmal – vielleicht aus Verlegenheit, vielleicht als billiger Beweis seiner physischen Existenz – kramt er umständlich in sämtlichen Taschen nach einem Schnupftuch, findet schließlich eins und putzt sich damit ausgiebig die Nase. Er will nichts. Nur hier sein, hier im Boot. Du weißt, das alles spielt sich in deinem Kopf ab, du weißt sehr gut: Röber ist tot. Das hier ist NICHT Röber. Auch wenn er ihm verblüffend ähnlich sieht. Das hier ist ein Gespenst. Es kriecht aus deinem Kopf. Du spielst mit, tust, als sei es völlig okay, dass Röber hier ist. Er soll nicht merken, dass du Angst hast. Du schließt die Augen, hoffst, er wird verschwinden. Ein völlig hirnrissiger Gedanke, aber du denkst: Es wäre mir unangenehm, wenn andere ihn sähen. Als du die Augen öffnest, ist Röber fort.
Das ist einmal vorgekommen. Ich halluziniere nicht täglich. Seit jenem Tag aber fuhr Röber auf der Rückfahrt mit. Er war da, unsichtbar. Ich spürte seine Anwesenheit. Im Heck, genau dort, wo er gesessen hatte. Weshalb habe ich weiter gemacht? Weshalb habe ich das Rudern nicht sein lassen? Ich will es euch sagen: Jedes Mal wenn ich losruderte, hoffte ich, er würde ein zweites Mal erscheinen. Ich hatte Angst davor, gleichzeitig wünschte ich es. Ich weiß nicht, was genau ich mir erhoffte. Aber eines weiß ich: Ich bin schuldig. Ich wiederhole: Ich bin schuldig. Ich habe Röber getötet. Ich. Man hat versucht, mir einzureden, es sei anders, Schuld sei ein veraltetes Konstrukt, ich solle mich gewöhnen, das, was passiert sei, als ein unglückliches Ereignis zu betrachten, als Resultat einer unglücklichen neurologischen Konstellation. Ich habe versucht, so zu denken. Es gelingt mir nicht. Sternfeld ist, wie wir wissen, keine x-beliebige Resozialisierungseinrichtung. Es ist DIE Einrichtung schlechthin. Und ich bin nicht geheilt. Nicht glücklich. Peinlich. Wer hier interniert, verzeiht, ich meinte natürlich therapiert wird, darf sich weiß Gott glücklich schätzen. Wird uns gesagt, wenn wir ankommen. Von Nutzen, wenn wir lernen, daran zu glauben. Draußen gehörten wir zu den Unglücklichen. Deshalb landen wir hier. Glückliche Menschen kommen nicht hierher, Therapeutinnen mal ausgeschlossen. Glückliche Menschen werden nicht kriminell. Eine Portion Talent in Sachen Unglück gehört schon dazu, damit die kriminelle Energie in uns auf Touren kommt. Mehr als einmal habe ich mich gefragt, weshalb niemand in meinem früheren Leben es für nötig hielt, mich rechtzeitig und drastisch genug über die triviale Tatsache aufzuklären, dass Hirnareale im Modus des Unglücklichseins auf Dauer keine harmlose private Angelegenheit sind, kein bedauernswerter, bloß persönlicher Makel, mit dem die Betroffenen allein klarkommen müssen. Unglückliche Menschen sind verdächtig, sind eine Gefahr für sie selbst und andere. Hier in Sternfeld wurde mir beigebracht: Ungenügende Glücksfähigkeit ist das Ergebnis einer suboptimalen Verdrahtung neuronaler Schaltkreise, die sich korrigieren lässt. Vielleicht bin ich nur schwer von Begriff? Vielleicht sollte ich den objektiven Testergebnissen glauben, mir einbilden es sei so wie sie sagen. Attestieren sie mir nicht einwandfrei, ich sei glücklich? Ich fürchte aber, ich bin’s nicht. Was nicht viel zu bedeuten hat. Hauptsache einige meiner Gehirnwindungen sind glücklich! Wie sich die mentalen Pendants anfühlen, geht schließlich nur mich etwas an. Mein Gehirn ist offiziell geheilt. Ich nicht. Ich bestreite ja nicht, dass ich ein Recht habe, glücklich zu sein. Aber, so frage ich euch: Habe ich nicht auch ein Recht, unglücklich zu sein?“
Ich floh. Hinter mir hörte ich, wie der Applaus anschwoll, aber da trat ich bereits durch die Seitentüre ins Freie, rannte zum Taxi und stieg, ohne mich noch einmal umzusehen, ein. Mir war nicht danach, auf der Treppe abermals Abschied zu zelebrieren. Um jeden Preis wollte ich uns diese Pein ersparen. Den Zurückbleibenden, die mir – wie es die Dramaturgie eigentlich vorsah – im Chor hätten Glückwünsche singen und winken sollen, mir, die ich hätte zurückwinken müssen. Nachdem das Auto meine Identität überprüft hatte, fuhr es, dem Himmel sei Dank, sofort los und rollte alsbald gemächlich (mit jener selbstredenden Gelassenheit bar jedes Wankelmutes, die ausschließlich Maschinen eigen ist), über die Kieselsteine Richtung Südportal. Gegen den Reflex, in den Rückspiegel zu gucken, legte ich ein Veto ein. Aber als wir, immer noch im Schritttempo, an Annes Haus vorbeifuhren, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, hinaufzuspähen, um zu sehen, ob Anne nicht vielleicht am Fenster stünde. Wartet sie etwa beim alten Brunnen auf mich?
