Saoseo - Stephan Büchenbacher - E-Book

Saoseo E-Book

Stephan Büchenbacher

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Beschreibung

Der Telefonseelsorger Andrin ist vom Tod umzingelt: Eine Unbekannte ruft an und erzählt, sie habe aus Versehen einen Aprikosenstein verschluckt. Endlich habe sie erkannt, dass sie tot sei. Herr Jakob behauptet, der Tod wohne zwischen Weihnachten und Pratteln. Und die Clownin Minna leidet unter dem Suizid ihres Grossvaters. Durch lange, intensive Gespräche, in denen es mithin um die grossen Themen Einsamkeit und Unsterblichkeit geht, entsteht zwischen Minna und Andrin eine Verbundenheit, die ihn zunehmend die rote Linie übertreten lässt. Er gerät nicht nur in einen Konflikt mit seinem Berufsethos, sondern verliert sich immer tiefer in einem Zwischenreich von Realität und Imagination.

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Impressum

Titel

Vakat

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Literaturverzeichnis

Über den Autor

Über das Buch

Stephan Büchenbacher

Saoseo

Autor und Verlag danken für die Unterstützung:

Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

© 2024 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Alisa ChartéKorrektorat: Anna Katharina MüllerUmschlagfoto: Misha KaminskyUmschlaggestaltung: Hug & Eberlein, Leipzig

Stephan Büchenbacher

Saoseo

Roman

Hinweis

Für Alma

1

«Ich bin’s», flüsterte sie. Schwieg. Als wäre damit viel, als wäre alles gesagt. War sie noch in der Leitung? «Ich bin’s.» Mehr nicht. Als wäre es eine Art Orakel. Die Stille zwischen ihnen schwoll an, hatte die kritische Marke längst überschritten, aber das beunruhigte das anonyme Du am anderen Ende anscheinend nicht. Er war an der Reihe. Normalerweise hätte Andrin spätestens jetzt etwas gesagt, etwas Belangloses, zum Beispiel «Lassen Sie sich ruhig Zeit» oder «Erzählen Sie einfach drauflos, gerade so, wie es Ihnen einfällt, egal, wenn es ungeordnet ist». Setzte die Frau voraus, dass er wusste, wer sie war? Da lag sie richtig. Er hatte sie sofort an der Stimme wiedererkannt.

«Wer, glauben Sie, ist einsamer», kam sie, als sie das erste Mal anrief, ohne Smalltalk gleich auf den Punkt, «die Lebenden oder die Toten?» Tadaaa! Und hätte beinah wieder aufgelegt. Zumindest befürchtete er das. Er war sprachlos. Und dann bat sie ihn, ohne auf eine Antwort zu warten, ihr etwas zu erzählen.

«Erzählen Sie mir!»

Wie jetzt? Er ihr? Glaubte sie allen Ernstes, er würde ihr eine Geschichte erzählen?

«Aha?», erwiderte er verdutzt, bemüht, einen belustigten Ton anzuschlagen. Mehr fiel ihm zunächst nicht ein. Vielleicht wäre das der Zeitpunkt gewesen, wo er ihr hätte erklären sollen, wie das hier beim Sorgentelefon normalerweise funktionierte. Dass er kein Märchenonkel war. Dass sie etwas verwechselte. Ihr sagen, dass es umgekehrt lief, er die Rolle des Zuhörers hatte, eigentlich, und sie diejenige war, die etwas berichtete.

«Aha», zitierte sie ihn trocken, «ist doch schon ein vielversprechender Anfang.»

«Finden Sie?»

«Unbedingt. Fahren Sie fort! Bitte!»

Es war mehr als eine Bitte. Sie flehte ihn an.

Und nun war sie erneut am Telefon. An und für sich nichts Ungewöhnliches. Manche riefen nach kurzer Zeit ein zweites Mal an, um etwas zu berichtigen, um etwas Wichtiges zu ergänzen, oder schlicht, weil sie noch immer in Not waren. Andrin war verwirrt. Warum bloß? Hatte er insgeheim gehofft, sie würde sich wieder melden? Er hätte längst etwas sagen sollen. Sekunden verstrichen und sie schwiegen unentwegt. Er lauschte. Sie lauschte. Andrin fühlte sich auf eine merkwürdige Art benommen, als stünde er am Rande eines weiten Feldes, einer wogenden Fläche aus unartikulierter Erwartung. Endlich seufzte sie. Es veränderte sich etwas. Die Anspannung glättete sich. Sie atmeten ruhiger. Noch immer schwiegen sie, aber gelassener, beinah einvernehmlich, als seien sie darin bereits geübt. Er wusste, sie würde nicht wieder auflegen.

«Ich bin’s», wiederholte sie geduldig. Falls sie dachte, er sei schwer von Begriff, hätte er es gut verstanden.

«Ja, hallo?» Es sollte nicht wie eine Frage klingen.

Er war dabei, eine Kerze anzuzünden. Das Licht der Dämmerung, wo war es geblieben? Eben noch schimmerte es blau-lila, dann silbern, dann nur noch fahl. Dunkelheit nistete sich ein, legte sich wie ein Vorhangstoff über die spärlichen Dinge der Datscha, verwandelte alles in schemenhafte Schatten. Beim dritten Versuch, das Streichholz zu entfachen, stieß er mit dem Ellbogen gegen etwas Kühles, Glattes, das neben der Kerze stand.

«Ist etwas umgefallen?», fragte sie besorgt.

«Ähm, ja.»

Das Streichholz brannte.

«Was denn?»

«Ein Glas.»

Er konzentrierte sich auf den Docht, der allmählich Feuer fing.

«Mit oder ohne Inhalt?»

«Wie bitte?»

«War das Glas gefüllt?»

«Ach so, ja, mit Milch.»

Er ließ das Hölzchen brennen, bis die Hitze am Zeigefinger unangenehm wurde. Dann blies er die Flamme aus.

«Heiß oder kalt?»

«Kalt.»

«Zum Glück!»

«Ja.»

Die Flamme der Kerze züngelte weniger. Bald würde sie ruhig brennen.

«Voll?»

«Ziemlich.»

«Oh, tut mir leid.»

«Nicht weiter schlimm! Nur etwas Milch verschüttet. Keine Scherben. Keine Verletzten.»

Die Milch schlängelte sich zum Rand des alten Holztisches, wo sie sich staute. Demnächst würde sie auf sein rechtes, nacktes Knie heruntertropfen, so viel war klar. Er zog es nicht weg, veränderte nur die Position des Kopfes ein wenig, sodass er die Folgen des Malheurs stoisch beobachten konnte. Kleiner, hübscher Milchfall, dachte er. Dicke Tropfen platzten auf seine Kniescheibe, zerstoben in alle Richtungen. Der Rest der Flüssigkeit schoss in einem dünnen Rinnsal entlang der Wade hinunter, wo er sich zwischen den Füßen auf den angenehm kühlen Terrakottafliesen sammelte, und eine amöbenförmige, weiße Fläche bildete.

«Bist du –»

Stimmt, sie duzten sich.

«Bist du dieselbe Person, mit der ich vorhin, vor knapp einer Stunde, gesprochen habe?»

«Ja, ich denke, ich bin dieselbe.»

Beinahe hätte er gesagt, er fürchte, er sei noch derselbe.

«Ich auch», erwiderte sie hörbar erleichtert.

«Dann ist ja gut. Ich meine, schön, dass du nochmals anrufst.»

«Sagst du das, um mich zu motivieren?»

«Vielleicht?»

«Schon okay. Ich lege nicht gleich wieder auf. Versprochen!»

Andrin notierte mit seinem Bleistift die Zeit: 22:57 Uhr. Gedankenverloren umrandete er die Ziffern mehrmals, während er den Mond betrachtete, der ihn an eine Lampe von Isamu Noguchi erinnerte, eine warm leuchtende Kugel aus Washi-Papier, die eine Handbreit gen Süden über der bewaldeten Schartenflue in der Ferne schwebte und ihr Licht großzügig über die Stadt und das Umland goss. Und an Liliane, für die er folgendes Gedicht schrieb, so lange war es gar noch nicht her. Malvina, das fünfjährige Nachbarsmädchen, hatte ein Dutzend Blumen, eine gebieterische Sonne und einen zufriedenen Vollmond aufs Trottoir gemalt. Er hatte sie vom Balkon aus sehen können, wie sie mit diesen dicken Straßenkreiden kniend malte und dabei summte. Und dann hatte sie Andrin demonstriert, wie das O geht und das U, das M, N und das D, und was sich mit diesen Buchstaben alles anstellen ließ:

Du

Montag

Malvina schreibt

M, O, N, D

Zum ersten Mal

MOND

Dann MUND

Und während sie

Buchstabe für Buchstabe

Malt

Hör ich den Klang der Worte

Zum ersten Mal

MOND

MUND

Und denke –

Mittwoch

Über der Stadt

Schwimmt der volle Mond

Im Abendhimmel

Gespiegeltes, mildes Sonnenlicht

Und ich denke

Du

Vorsatz: Den Mond betrachten, ohne an Liliane zu denken.

Der vorherige Anrufer, Nr. 4, Protokoll: Klient warnt mich vor gefährlicher Strahlung, perfider Technologie, welche hochtoxische Wellen aussende. Zweck sei ein Programm, das unsere Gedanken steuere, ohne dass wir etwas merken. «Alle Gedanken?» – «Alle!» – «Meine auch?» – «Ihre auch!» Klient lacht laut. «Glauben Sie, Sie seien eine Ausnahme?» – «Und ich merke nichts?» – «Nein. Das ist ja das Perfide!» Klient lacht abermals hysterisch. «Aber Sie schon?» – «Ja, ich schon.» – «Wie?» – «Ich merke es einfach.» Klient klärt mich umfassend auf, erwähnt viele Details, weist auf gravierende gesundheitliche Folgen hin, u. a. Sodbrennen, plötzlich auftretende Lachanfälle, chronische Nostalgie, gerät regelrecht in einen Rederausch. Versuche ihn, um ihn ein wenig abzulenken, auf den kugelrunden Trabanten der Erde hinzuweisen. Klient sagt: «Was kratzt mich der Mond?» – «Es heißt: juckt.» – «Hä?» – «Es heißt: Was juckt mich der Mond.» – «Mir doch egal!» Meine gut gemeinte Intervention, ihn auf andere Gedanken zu bringen, verpufft wirkungslos.

«Was möchten Sie denn am liebsten hören?», fragte er sie beim ersten Anruf, als wäre das hier ein Wunschprogramm. «Ein Märchen? Ein Gedicht? Eine wahre Begebenheit?»

«Eine wahre Begebenheit.»

«Hm.»

Das machte es nicht einfacher. Ein Gedicht wäre ihm lieber gewesen. Worüber konnte er berichten? Er zögerte. Sollte er sich auf das Spiel einlassen? Aber dann begann Andrin von seinem Tag zu erzählen. Sein kritisches Ich, eben noch bemüht, einen passenden Einwand oder eine Ausrede zu finden, verstummte. Ahnte er, dass es nicht so sehr auf den Inhalt ankam? Ihr war nicht daran gelegen, weiß der Himmel was über ihn zu erfahren. Nein, sie gab ihm zumindest nicht das Gefühl. Sie wollte ihn nicht ausspionieren. Nicht Neugier trieb sie an, sondern ihr Gegenpol, das Bedürfnis nach Geborgenheit. Sie brauchte eine menschliche Stimme, die sanft plätschernde Suggestion einer Gutenachtgeschichte, Baldrian für die unruhige Seele: Hey, auch wenn das, was du mir gerade erzählst, schräg und traurig ist, ist es dennoch gut. Denn es ist Teil einer größeren Geschichte. Doch selbst das ist nicht so wichtig. Hörst du? Die Geschichte ist nicht wichtig. Du bist hier. Das ist wichtig. Alles ist gut. Im Grunde.

«Es begab sich, dass ich heute Vormittag für eine Stippvisite in meiner WG war. Ich wohne vorübergehend woanders. Ich bin früh los, die Temperatur noch angenehm, um die 23 Grad. Am Nachmittag, so die Prognose, würde sie auf 37 hochklettern. Im Sommer ist unsere Dachwohnung eine Sauna. Ich brauchte bloß ein paar frische Klamotten und wollte nach der Post sehen. Meine Mitbewohnerin, eine Journalistin – Sie verstehen, wenn ich hier keine Namen nenne –, hat noch geschlafen, die beiden männlichen Mitbewohner waren ausgeflogen. Ich packte also meine Sachen und stieg wieder aufs Rad. In der Gasstraße kam mir vom Voltaplatz her der Mann mit dem Hündchen entgegen. Ich war froh, ihn wieder einmal anzutreffen. Gleichzeitig konsterniert. Monatelang hatte ich seine Abwesenheit nicht bemerkt. Erst jetzt, da ich ihn zufällig wieder sah, fiel es mir auf. Gut, ich war in letzter Zeit nicht oft hier. Seine Unsichtbarkeit hängt wahrscheinlich auch mit der Pandemie zusammen. Eigentlich müsste ich ihn längst den Mann ohne Hündchen nennen. Er ging gebückt, seine ausgebeulte Aktentasche mit Reißverschluss hatte er dabei, wie immer. Aber kein Hündchen. Das steckte sonst tief drinnen in der Tasche. Außer dem schmalen Kopf mit den fiebrigen Knopfaugen, der guckte raus. Ist schon eine Weile so. Ich meine, dass er nicht mehr rausguckt. Kein Kopf. Kein Hündchen. Seit Monaten tot. Vermute ich. Früher führte er das Geschöpf täglich spazieren, eine Art Windhund im Kleinformat. Manchmal hob er Sinclair – ich habe ihn so getauft – vorsichtig wie eine zerbrechliche Fracht aus der Tasche und stellte ihn auf den Asphalt. Sinclair zitterte. Schnüffelte. Stand verloren auf seinen dünnen Beinchen rum. Mehr nicht. Er stellte ihm eine Plastikschale hin, füllte sie mit Wasser, damit er trinken konnte. Er trank nie. Er wartete brav, bis sein Herrchen den Inhalt der Schale endlich auf den Grünstreifen zwischen Trottoir und Straße schüttete, ihn liebevoll aufhob und wieder zurück in den Bauch der Ledertasche steckte. Sinclair ruht heute bestimmt neben Tweety und Lumpi auf einem Tierfriedhof mit Seerosenteich. Ein mäanderndes Weglein, bedeckt mit Bio-Holzhäckseln, führt zu seinem Grab. Ein Granitherz, eingraviert: Name, Geburtsdatum, Todesdatum. Das tellergroße Herz liegt in der Mitte eines rechteckigen Gärtchens, darin Veilchen, Vergissmeinnicht, Erika, Wacholder. Kein Unkraut. Ein himmelblauer Minilattenzaun umrahmt die beschauliche Grabstätte. Das launenhafte Windrädchen, das mal dreht, mal nicht, grad, wie’s ihm passt, gehört zum Grab der Schildkröte nebenan.»

«Sind Ihnen Schlachthöfe lieber als Tierfriedhöfe?»

«Ähm, nein. Wie kommen Sie darauf?»

«Oh, ich hatte kurz den Eindruck, dem sei so. Ich zumindest deute es als Zeichen eines moralischen Fortschritts, dass es heute Friedhöfe für Tiere gibt.»

«Für Hunde und Katzen.»

«Und Schildkröten. Aber stimmt! Ich gebe Ihnen recht. Als Tier musst du allerdings verdammt Glück haben, zufällig in die Kategorie der Haus- anstatt Nutztiere zu fallen.»

«Ja.»

«Und der Mann ohne Hündchen?»

«Dreht weiterhin seine Runden, trägt weiterhin einen tadellosen Anzug, Krawatte und Hut, geht weiterhin gekrümmt, Blick nach unten. Von seiner menschlichen Umgebung nimmt er kaum Notiz. Heute habe ich beobachtet, wie ihm Tauben hinterherflattern, bestimmt ein Dutzend. Er füttert sie, illegal, greift immer wieder im Gehen – ohne sich je umzuschauen – in seine Aktentasche und lässt diskret ein Häufchen Brotkrümel oder Kerne auf den Gehsteig fallen.»

«Und dann?»

«Wie, und dann?»

«Was haben Sie dann getan?»

«Nichts.»

«Nichts?»

«Nichts.»

«Glaub ich nicht. Geht nicht. Nichts ist was für Buddhisten. Bist du einer?»

«Nein. Ich bin, ehrlich gesagt, religiös nicht sehr begabt. Okay, ich bin danach zum Rhein runter. Richtung St. Johanns-Vorstadt. Kennst du die Cargobar?»

«Ja.»

«Dort, flussaufwärts, habe ich mich im Schatten der Häuserzeile ans Ufer gesetzt.»

«Du hast mich geduzt.»

«Habe ich? Ähm, du auch.»

«Mach weiter.»

«Mit dem Duzen?»

«Nein, mit dem Erzählen!»

«Also nicht mehr duzen?»

«Doch, duzen auch.»

«Wie gesagt, es ist nicht viel passiert.»

Er erwartete, dass sie ihm widersprechen würde, vielleicht sagen: «Es passiert immer etwas.» So was in der Art. Aber sie sagte nichts. Sie hörte zu. Eine wildfremde Frau brachte Andrin zum Reden. Und er wehrte sich nicht.

«Das Frachtschiff namens Enjoy passiert, während ich eine Cola trinke. Ich habe sie bei Don Pincho oben am Brückenkopf gekauft. Sie ist weniger kalt, als erhofft. Dafür ist der Stein, auf dem ich sitze, angenehm kühl. Mit der flachen Hand streiche ich mehrmals über die grobkörnige Fläche des langen Quaders. Enjoy schiebt sich von rechts ins Bild. Ruhig gleitet der Frachter dahin. Die Kulisse: eine Reihe rund geformter Wölkchen, weiß, weich wie die Schenkel der Engel von Raffael, unschlüssig im Blau schwebend. Enjoy zwängt sich unter dem Bogen der Johanniterbrücke hindurch und verschwindet aus dem linken Rand meines Gesichtsfeldes. Ein Junge mit einer Wasserpistole springt an mir vorbei. Nein, Pistole ist untertrieben. Es ist eine knallbunte Plastik-Kalaschnikow mit einem Mordstank. Der Junge springt so leichtfüßig dahin. Ab und an baut er einen Zwischenschritt ein. Dieser völlig unnötige Zwischenhüpfer passiert. Ein Labrador steht bis zum Bauch im Wasser, guckt in einem fort erwartungsvoll zu seiner Besitzerin, die ihm, vertieft in ein Gespräch mit einer Freundin, keinerlei Beachtung schenkt. Das passiert. Ein Mann mit Vollbart, Bäuchlein, schwarzem Basecap setzt sich unweit von mir. Bemerkenswert aufrecht sitzt er da, checkt kurz sein Handy und kramt dann aus dem Rucksack eine Blechdose hervor. Es ist erst elf, aber für ihn bereits Mittagszeit. Mit Gabel und Messer beginnt er sogleich ernst und hochkonzentriert zu essen. Seine Beziehung zum Essen, denke ich, ist sehr innig. Das passiert.»

«Erzähl mir mehr vom Jungen! Was hat er mit dem Gewehr gemacht?»

«Er hat das Ding irgendwo flussaufwärts mit frischem Wasser gefüllt. Dann rennt er zu seiner Schwester zurück, die älter ist. Vielleicht acht? Sie gibt ihm Anweisungen und streckt ihm einen Plastikbecher entgegen. Der Junge zielt mit der Pistole hinein. Trifft er, ruft sie: «Stopp!», und trinkt genüsslich daraus.»

«Und du?»

«Ich?»

«Ja. Was ist mit dir?»

«Hm, nichts. Ich habe zugeschaut.»

«Weiter nichts?»

«Nichts. Erwähnenswert ist vielleicht, dass ich an ein Bild denken musste.»

«Ein Bild?»

«Ja, ich musste zwischendurch an ein bestimmtes Bild denken. Eine Fotografie.»

«Und was ist darauf zu sehen?»

«Ein Berg im Winter. Genau genommen eine stotzige Bergflanke. Die Form des Berges ist nur zu erahnen. Schnee liegt. Auf den Zweigen der Nadelbäume ist er geschmolzen, Fichten, es wuselt von ihnen, kraxeln hoch. Einige stehen stramm beieinander und bilden dunkle Flächen, andere stehen locker verteilt. Schwarze Felsbänder, manche dünn wie Adern, andere breit, gefaltet, links eine krumme Abbruchstelle, erinnert an das halb offene Lid eines Kraken. Nebelschwaden hängen von links und rechts ins Bild. Unklar, ob sie bald alles verhüllen oder davonziehen. Aber was den Blick fesselt, ist eine weiße Fläche, ein Schneefeld, eine Art Leerstelle, auf die alle Linien zulaufen.»

«Magst du das Bild?»

«Keine Ahnung.» Andrin seufzte. «Wenn ich ehrlich sein soll, mag ich es nicht besonders. Es trübt meine Sicht. Ich registriere alles, den hüpfenden Jungen, die schwarzen, nassen Haare der Schwester, die im Sonnenlicht glänzen, ich höre ihr Lachen, hell und ausgelassen, sehe die sehnsüchtigen Augen des Labradors, aber alles erscheint –»

«Grau?»

«Ja, genau! Grau.»

«Ich glaube, ich kenne dieses Gefühl. Das, was um dich passiert, all die Dinge, die schönen und hässlichen, all die kleinen Dinge, an denen deine unstete Aufmerksamkeit sonst Gefallen findet, erscheinen dir plötzlich einerlei und bedeutungslos, niedlich-nichtig, als würdest du durch ein Fernrohr gucken, aber umgekehrt. Du siehst alles scharf, aber sehr weit entrückt.»

Was Andrin nicht sagte: Das gerahmte Foto hing in seinem WG-Zimmer. Ein Geburtstagsgeschenk von Liliane, entstanden auf einer gemeinsamen Wanderung Anfang Januar, am späten Nachmittag. Schnee lag in der Luft, sie warteten in der Bergstation Sunnbüel auf die letzte Gondel nach Kandersteg. Plötzlich war Liliane weg. Als er sie fand und ihr zurief, stand sie allein auf der Terrasse und machte das Foto. Dann erst drehte sie sich um und schaute ihn verwundert an. Um ein Haar hätten sie die Gondel verpasst.

Eines Tages war Liliane weg. Daran dachte er, während er schwieg. Ja, vermutlich lag es daran, dass er einen Tick zu lange nichts erwiderte. Die Unbekannte sagte nichts. Er sagte nichts. Dann beendete sie das Gespräch. Nie zuvor, seitdem er für das Sorgentelefon Oase telefonierte, war ihm Ähnliches passiert, niemals hatte ihn jemand dazu verleitet, so viel von sich zu offenbaren. Und jetzt? Einfach weg. Wieso? Wieso legte sie auf? Hatte sie aus Versehen auf eine falsche Taste gedrückt? Er hoffte, sie würde gleich nochmals anrufen. Aber sie tat es nicht. Es blieb still.

Ein lauer Juliabend neigte sich dem Ende zu und wurde von einer sternenklaren Nacht abgelöst. Im Honiglicht Unbeschwertheit zelebrieren, die Wonnen bis zuletzt auskosten wie trotzige Kinder, die nicht an Schlaf denken wollen – manchen Menschen gelang das spielend. Zum Beispiel jenen, die am Hafen an Deck des ausrangierten Leuchtturmschiffes Gannet 1954 im Liegestuhl an einem Mojito nippten, während ihr Blick wie von ungefähr über die Wasseroberfläche des Rheins glitt. Tänzelnde Farbspiegelungen. Das warme Licht der untergehenden Sonne, durch die filigrane Glasfassade des Gebäudes Asklepios 8 zum Fluss geworfen, gelangte von dort ohne Anstrengung zur Netzhaut. Flirrende neuronale Muster jetzt, die der Geist auf unerklärliche Art und Weise zu entschlüsseln vermochte.

Es stand jedoch außer Zweifel, dass es in Basel nicht wenige Menschen gab, denen waren Sonne, Mond und Sterne schnurz. Fragte man sie, was sie lieber mochten, Tag oder Nacht, kamen sie ins Stottern und sahen einen an, als hätte man ihnen eine fiese Fangfrage gestellt. Gut leben am Tag? Gut schlafen in der Nacht? Wie ging das noch mal? Ein paar wenige würden die Nummer der Oase wählen.

Woran lag es, dass er eine Stimme sympathisch fand? Er hätte es nicht sagen können. Aber er mochte ihre Stimme.

«Tut mir leid, dass ich vorhin so mir nichts, dir nichts –»

«Oh, das macht nichts. Das kommt vor.»

Er überlegte, ob er sie fragen sollte, was der Grund für das Auflegen gewesen war. Aber er sagte nichts.

«Es ist nicht leicht für mich ... Ich erzähle das zum ersten Mal.»

«Verstehe.»

«Ich habe etwas Wein getrunken. Hört man das?»

Sie klang heiser. Aber betrunken? Nein.

«Ja? Nein? Tut mir leid. O Gott! Jetzt entschuldige ich mich schon zum zweiten Mal. Muss ich nicht, richtig? Nüchtern hätte ich nämlich nicht ... nochmals angerufen. Ich hätte mich nicht getraut. Mir gesagt: Hey, das hast du nicht nötig. Nicht du. Ist irgendwie, na ja, erbärmlich? So verzweifelt bist du also? Nee, diese Hotline ist eine Nummer für andere, für Leute, denen es scheiße geht. Ich meine richtig scheiße. Ich meine, wer telefoniert heute denn noch? Irgendwann komme ich aufs eigentliche Thema, versprochen. Aber es dauert. Ich meine, es ist nicht so einfach wie es scheint, sich das alles selbst einzugestehen. Hörst du mir noch zu? Du musst schon ab und an Ja sagen! Oder hm. Oder aha. Solche Dinge. Jetzt gebe ich dir schon Tipps. Steht mir nicht zu. Ich weiß! Ich bin nicht so, so ... Eigentlich bin ich ziemlich umgänglich, Typ guter Kumpel. Du musst wissen, ich bin eine Clownin. (Sie lachte.) Kein Witz! Ich bringe Menschen dazu, sich zu wundern. Ich sollte jetzt wohl einmal auf den Punkt kommen? Deine Zeit ist begrenzt. Der springende Punkt. Ha! Jetzt sehe ich ihn, wie er herumspringt! Er springt! Kennst du Flummis? Flying rubbers. Fliegende Gummis. Ein Kofferwort. Was zum Teufel ist ein Kofferwort? Keine Ahnung. Aber Koffer liebe ich! Berufskrankheit. Ich sammle die Dinger, besitze mehr als ein Dutzend, eine ganze Familie! Lederkoffer, Pappkoffer, Hutkoffer, Schrankkoffer, Überseekoffer, alle weit herumgekommen, nur ...»

«Nur was?»

«Leider ist keiner wasserdicht! Hast du zufällig einen?»

«Na ja, einem kleinen Regen hält mein Koffer wohl stand.»

«Hm. Ich meine andersrum. Kann man ihn mit Wasser füllen, ohne dass er ausläuft?»

«Ach so! Nein, das nicht.» Andrin grinste.

«Du denkst bestimmt, ich sei auch nicht ganz dicht.»

Er überlegte, ob er den letzten Satz kommentieren sollte. Aber er wartete zu lange. Was immer er jetzt erwiderte, würde implizieren, dass er darüber hatte nachdenken müssen. Deshalb sagte er, bevor der Faden gänzlich abzureißen drohte: «Du hast mich gefragt, wer einsamer ist, die Lebenden oder die Toten.»

«Habe ich? Eine fiese, bescheuerte, im Grunde aussichtslose Frage! Wir können sie nicht interviewen, die Toten, selbst dann nicht, wenn sie noch existierten.»

«Ja. Ich glaube, das sehe ich ähnlich.»

«Trotzdem, es gibt diese Vorstellung, dass die Einsamkeit der Toten grenzenlos und absolut sei. Sozusagen der Normalzustand. Jeder für sich. Keine Welt. Unversehens wirst du in eine hermetisch verschlossene Urne aus Erinnerungen gestopft. Nicht schön. Keine Ahnung, woher ich das habe, wahrscheinlich steckt mein Großvater dahinter.»

«Der Tod beschäftigt dich also.»

«Ja, kann man so sagen.»

«Ist das der springende Punkt?»

«Ja. Ich habe eine Scheißangst vor dem Tod.»

«Jetzt auch?»

«Nein, jetzt nicht, aber ich fürchte, dass sie mich wieder überfällt, sobald –»

«Sobald?»

«Sobald ich auflege.»

«Du musst nicht auflegen.»

«Nein. Aber irgendwann schon.»

«Ist jemand aus deinem nahen Umfeld letzthin gestorben?»

«Ja.»

«Das tut mir sehr leid.»

«Ich hätte nicht ein zweites Mal anrufen sollen.»

Andrin sagte nichts.

«Es ergibt einfach keinen Sinn.»

«Weshalb, glaubst du?»

«Ach, ich weiß nicht.»

«Über einen geliebten Menschen zu sprechen, den man verloren hat, ist nicht einfach.»

«Ja, aber das ist es nicht. Es ist ... Ich kann nicht nur ein bisschen erzählen, verstehst du? Ich müsste, wenn schon –»

«Was?»

«Die ganze Geschichte erzählen. Alles.»

«Ja? Und was hindert dich daran?»

Er hörte sie zum zweiten Mal lachen.

«Du bist ganz schön hartnäckig! Und naiv.»

«So? Und du etwa nicht? Ich dachte immer, Clowns sind Meister in Sachen Ahnungslosigkeit.»

Sie lachte zum dritten Mal.

«Wenn ich wirklich anfange, dann –»

«Dann?»

«Dann dauert das! Das würde viel zu lange dauern.»

«Bist du sicher, dass du nicht gerade eine Ausrede suchst, um deiner Angst nicht zu begegnen?»

«Hör mal, wenn ich einmal anfange, dann ... Das wäre bestimmt ein Buch mit über hundert Seiten! Du kannst doch hier nicht stundenlang nur mit mir reden.»

«Hundert? Das geht noch.»

«Über hundert!»

«Und was machen wir jetzt?»

«Sag du’s mir.»

Es kam vor – selten, jedoch häufiger, als ihm lieb war –, dass er beim Telefonieren für die Oase in eine Art Trance verfiel, was kein Zeichen der Professionalität war. Im Moment verstieß er gleich gegen mehrere Grundregeln. Erstens duzten sie sich und zweitens gab er viel zu viel von sich preis. Und nun dieser schwerelose Zustand. Wie lange dauerte er schon an? Es lag nicht daran, dass er unkonzentriert war. Nein, er war zu konzentriert, derart, dass er vergaß, wo er eigentlich war. Eine partielle Entkörperung ereignete sich, als würde er tagträumen. War ihm in solchen Momenten bewusst, dass er eins war mit einem lebendigen Körper? Und dass dieser sich zusammen mit anderen Körpern in einem konkreten Raum befand? Er wusste es und wusste es nicht. So auch jetzt: Etwas umgarnte ihn, hielt ihn gefangen, als hätte ihn das Jetzt eingewickelt, als steckte er in einem Kokon aus purer Gegenwart. Und das Hier? Wie ausradiert, eine Erinnerung, eine verschwommene Kulisse, die er nicht mehr bewusst wahrnahm. Er stand unter dem Bann des Gesprächs.

Aber dann hörte er etwas. Schritte. Schwere Schritte. Hier auf der Veranda. Sie kamen näher. Es schepperte. Jemand fluchte. Eine Männerstimme. Irgendwas musste umgefallen sein, ein Rechen oder die Gießkanne. Dann klopfte es. Jemand polterte plötzlich an die Tür. An die Fensterscheibe. Andrin wurde jäh ins Hier katapultiert. Erster Gedanke: Jetzt bist du entlarvt! Er saß auf dem Küchentisch wie auf dem Präsentierteller. Sich zu verstecken war sinnlos. Während er mit der linken Hand das Handy ans Ohr hielt, erstickte er mit dem rechten Daumen und Zeigefinger die Flamme der Kerze. Zwei Hände drückten gegen das Glas, große Hände, dazwischen ein Gesicht, darin Augen, die die Dunkelheit abtasteten, ihn abtasteten, von Kopf bis Fuß.

Lächerlich, so zu tun, als wäre er nicht hier. Aber genau das tat er. Wenn er nur möglichst reglos in der gleichen Position verharrte und einfror, sah der Fremde möglicherweise eine ... eine Vogelscheuche? Ein ausrangiertes Sennentuntschi? Vielleicht. Ich bin unsichtbar. Das ist die Wahrheit. Verstehen Sie? Ich bin unsichtbar. Was Sie gerade sehen, bin nicht ich. Nur seine Lippen bewegten sich.

«Sie könnten alles aufschreiben.»

«Ich weiß nicht. Warum siezt du mich plötzlich wieder?»

«Tu ich das?»

«Ja. Außerdem flüsterst du.»

«Es geht grad nicht anders.»

«Und was bringt das?»

«Belastende Dinge aufschreiben, die einem widerfahren sind, kann helfen, sie zu verarbeiten. Distanz zu gewinnen.»

«Lehrbuch, Seite wie viel?»

«Ich habe es selbst ausprobiert.»

«Und? Hat es genutzt?»

«Ja, hat es. Zumindest ein bisschen.»

«Warum flüsterst du?»

Am liebsten hätte er ihr alles erzählt. Die Versuchung war groß, einfach mit ihr weiterzureden, abzuwarten, was passieren würde. Etwas würde passieren, so viel war ihm klar. Erstaunlich genug, dass er so lange nicht aufgeflogen war.

«Ich muss auflegen. Es tut mir leid.»

«Wirklich?»

«Wirklich. Ich stecke in der Klemme. Du kannst jederzeit wieder anrufen!»

Der Standardsatz, wenn noch Grund zur Sorge bestand; wenn er daran zweifelte, ob er in irgendeiner Art eine Hilfe für das Gegenüber war. Oh, er wünschte, sie würde ein drittes Mal anrufen, dann, wenn er wieder Dienst hatte. Aber das wäre purer Zufall. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschehen würde, war verschwindend gering. Sie bedankte sich für die Gespräche, aber ihre Enttäuschung über das abrupte Ende war nicht zu überhören.

2

Die zehnstündige Nachtschicht endete um acht. Neun Frauen und fünf Männer hatten angerufen, locker über die Nacht hinweg verteilt. Ein Auge zuzudrücken war Andrin nicht vergönnt gewesen. Kurz vor knapp hatte sich noch Herr Jakob gemeldet.

Protokoll Nr. 14: «Guten Morgen! Sind Sie noch oder schon wach?» Klient kümmert meine Frage nicht. Viel wichtiger ist ihm, mir die taufrische Quintessenz seiner nächtlichen Denkabenteuer mitzuteilen. Er tut es überhastet, ohne Einleitung und ohne irgendeine Reaktion zu erwarten: «Hören Sie mal», sagt Herr Jakob, «wenn es stimmt, und ich fürchte ja, ja, ja, es stimmt. Es stimmt, weil – ich hab’s!» Stille. Klient flüstert auf einmal: «Aus dem blauen Buch.» Stille. «Besagtes Buch hat eine Dame in der Kutsche des Karussells in Herzogenbuchsee liegen lassen. Ich ihr schnurstracks hinterher», fährt Herr Jakob wieder mit normaler Lautstärke fort, «wollte es ihr zurückgeben, aber sie, sie hat mich entgeistert angesehen, nein, sie wollte es partout nicht zurückhaben. Richtiggehend abgewimmelt hat sie mich. Also habe ich es behalten. Da steht das drin. Gut. Wenn es also stimmt, passen Sie auf: dass wir nach dem Tod in ein langes Stadium zünftiger Einsamkeit übergehen, dann – und das ist eindeutig ein Pluspunkt, verstehen Sie? Ein Pluspunkt!  – sind die Einsamen ergo besser auf den Tod vorbereitet als die anderen.» Er flüstert erneut. «Der Umkehrschluss ist jedoch falsch. Grundfalsch. Einsame fühlen sich nicht tot. Sie fühlen sich lebendig, sehr sogar. Lebendiger als ihnen lieb ist. Gute Nacht, Herr Pracht!» Klient legt auf.

In knappen Sätzen notierte Andrin, worüber er mit dem vorletzten Anrufer gesprochen hatte, aber es fiel ihm schwer, sich daran zu erinnern. Immer wieder vertippte er sich. Endlich loggte er sich aus, zog die Vorhänge zu, legte sich aufs Bettsofa und fiel sogleich in einen unruhigen Schlaf.

Kurz nach zwölf weckten ihn Stimmen ums Haus. Seine Haut juckte, als würden ihn zig winzige Nadeln am Rücken stechen. Sein T-Shirt klebte an der Brust. Er fühlte sich kaputt, wie nach einem Tag Heuen in der Sonne. Du rutschst am Steilhang mit dem Rechen herum, unterhalb des Waldes stehst du, aber der Schatten der Lärchen reicht nicht bis zu dir, die Mittagssonne sticht von oben, du stehst in einer Wolke aus Staub und Pollen, Kraut und Heu, das ganze Zeug, das rumfliegt, vermengt sich mit dem Schweiß im Nacken, zwischen den Schultern, in den Kniekehlen, zwickt dich bei jeder Bewegung und lockt die Bremsen an, die dein Blut anzapfen. Er hasste es.

Benommen blinzelte er nach draußen ins helle Licht und sah eine Mutter mit ihrem Kind auf der Mauer vor der Laube sitzen. Sie picknickten. Heute war bestimmt Heuen angesagt in Tenna. Seitdem er mit Vater gebrochen hatte, mussten sie daheim ohne ihn zurechtkommen. Seine Schwester half. Ihr Freund. Zwei Tanten. Caritasmenschen halfen, hielten das System am Laufen. Andrin fragte sich, ob das Kind ein Mädchen oder Junge war. Sie plauderten vergnügt, wähnten sich offensichtlich allein. Plötzlich sprang das Kind auf, balancierte über die Mauer, wirbelte über den Rasen, kehrte zurück, stibitzte sich lässig einen Melonenschnitz vom Pappteller und drehte die nächste Runde.

Eigentlich war es keine Mauer, es war ein Mäuerchen, und es war allgemein beliebt. Die Abdecksteine, verwitterte Schieferplatten voller Flechten, luden Spaziergänger ein, sich für ein Weilchen auszuruhen. Auch er hatte dort eines Abends Ende Juni gesessen. Beim Herumstromern war er zufällig hier vorbeigekommen und das Mäuerchen hatte ihn magisch angezogen. Er wollte gar nicht mehr weg von hier, sosehr gefiel ihm der Ort. Woran es lag, hätte er nicht genau sagen können. Vielleicht weil er schmale Pfade schon immer mochte? Lag es am Duft des Thymians, der am Wegrand blühte? Am unverstellt weiten Blick über den Rebberg nach Lörrach, Richtung Markgräflerland, hin zum Schwarzwald, zur St. Chrischona? Rechts dehnte sich Basel aus, weiter südlich konnte er den Gempen, den Blauen und die hinteren Juraketten erkennen. Als ob an diesem Ort die Pflanzen und die von Menschen geschaffenen Dinge friedlicher koexistierten als anderswo. Eine eigentümliche Aura der Gelassenheit ging von den umliegenden, meist menschenleeren Anwesen aus. Die Besitzer kümmerten sich aus irgendeinem Grund nur um das Nötigste, mähten hie und da das Gras. Die Gärten wirkten verwildert. Die dazugehörigen Häuschen und Gerätschaften machten einen derangierten Eindruck. Manch knorriger Kirsch- und Zwetschgenbaum war lange nicht geschnitten, die Hecken nicht gestutzt worden. Den ausladenden Feigenbäumen am Südhang und den zerzausten Lavendelsträuchern, die zwischen den Ritzen der Steinplatten wucherten, schien es ebenfalls zu gefallen. Und ihm auch, ja, ihm gefiel es hier. Er mochte die verrosteten Konservenbüchsen, die irgendwer über die windschiefen Zaunpfähle gestülpt hatte, damit das Holz nicht verfaulte. Hübsch klang es, wenn die Regentropfen darauf trommelten.

Der von Gräsern und Gänseblümchen gesäumte Weg führte zwischen kleinen Parzellen hinunter ins Tal, überquerte den Schlipfweg und mündete in die Straße nach Weil am Rhein, nah beim Zollamt und unweit des Flusses, der Wiese hieß, aber ein Fluss war. Der Weg war öffentlich zugänglich, aber das schien nicht so ersichtlich. Nur selten verirrten sich Spaziergänger hierher. Das Grundstück mit dem Häuschen, das er seit geraumer Zeit bewohnte, befand sich in einem toten Winkel. Die Grenze zu Deutschland lag nur etwa 100 Meter entfernt. Dahinter ein Villenviertel, das bereits zu Weil am Rhein gehörte. Beste Lage. Er konnte hören, wenn die Geländewagen piepsend rückwärts in die Garagen einparkten, und die Tore danach ins Schloss fielen, konnte die Überwachungskameras unterhalb der Dachtraufen in der Nachmittagssonne aufblitzen sehen.

Die Mutter hatte sich inzwischen auf ein Tuch ins Gras gelegt. Das Kind kniete neben ihr und erklärte einem Esel aus Plastik, wie die Welt im Allgemeinen und im Besonderen funktionierte, wobei es genüsslich Worte benutzte, die ihm offenbar imponierten. Zum Beispiel sei es «unpässlich», gebrechliche Menschen in der Tram anzustarren, auch Hunde anzustarren, sei eine «dumme Mode». Besser man starrt auf den Boden und gibt den Platz frei. Der Esel drehte sich mindestens dreimal ungestüm im Kreis, dann blieb er stehen und dachte angestrengt nach. Offenbar schien er nach reiflicher Überlegung zum Schluss zu gelangen, dass gegen die erteilte Lektion nichts einzuwenden war, also iahte er lautstark und nickte zustimmend.

Andrin hätte gerne geduscht, wartete aber, da er befürchtete, dass die Besucher es bemerken würden. Er wollte sie weder erschrecken noch vertreiben. Er setzte Wasser auf und machte sich einen Pulverkaffee mit viel kalter Milch, Zucker und Eiswürfeln. Er schlürfte ihn stehend in der Unterhose. Dabei betrachtete er seine Füße.

Eine Reihe unzusammenhängender Erinnerungen tauchten kometenhaft auf, schweiften eine Zeit lang durch sein Bewusstsein und erloschen wieder. Er dachte an Lilianes Füße. Er sieht sie mit einem Wasserschlauch hantieren, der vor einem Stall herumliegt. Wie sie damit verträumt ihre Füße abspritzt. Sie schimmern bronzen. Sehnige, griechische Füße. Unversehens richtet sie den Strahl auf ihn. Lacht. Sie sind auf einer Wanderung in der Nähe des Aabebergs vom Gewitter überrascht worden und bis auf die Haut durchnässt. Die Wolken geben die späte Nachmittagssonne frei. Aus den umliegenden Weiden steigt dampfend Nebel auf. Sie küssen sich. Sie ziehen sich aus. Torkeln. Während sie sich ihrer Kleidung entledigen, hören sie nicht auf, sich zu küssen. Beinahe fallen sie hin. Ein letzter Rundblick in die Umgebung. Niemand. Sie sind (vermutlich) allein. Sie nimmt seine Hand, zieht ihn mit. Sie rennen nackt durchs nasse Gras. Jetzt. Hier auf der Wiese unter freiem Himmel. Sie tun es. Sie tun es kniend, still, ein wenig überhastet. Während er von hinten in sie eindringt, grummelt es. Irgendwo zwischen Blüemlisalp und der Wilden Frau grollt der Donner. Danach bleiben sie, in der Hoffnung, einander zu wärmen, eng umschlungen im Gras liegen, aber nur kurz. Schlotternd vor Kälte klauben sie aus ihren Rucksäcken die letzten trockenen Kleidungsstücke und er fragt sie: «Wie tun es eigentlich Hirsche?»

«Stehend? Ich weiß nicht», meint sie, «du bist doch hier der Bündner.» Im Stall findet Liliane in einer Nische zwischen den Holzbalken den Schlüssel zum Wohnteil der Hütte. Sie brechen ein und übernachten.

Er dachte an die Unbekannte von gestern. Sie hatte gesagt, sie sei Clownin. Über einen geliebten Menschen zu sprechen, den man verloren hat, hatte sie gesagt, sei nicht einfach. Oder hatte er das gesagt? Ihn zu vergessen auch nicht, dachte er jetzt. Dumm, dass ich auflegen musste! Wer war der Mann, der mitten in der Nacht gegen die Scheibe geklopft hatte? Wer immer er war, er musste Andrin gesehen haben. Womöglich ein Einbrecher? Kaum. Wahrscheinlicher war, dass einer der Nachbarn ihn ausspionierte, einer, der ihn tagsüber schon beobachtet hatte und witterte, dass er sich hier illegal eingenistet hatte. Warum machte Andrin sich nicht aus dem Staub? Er hätte seine Sachen sofort packen können, nachdem der Fremde wieder fort gewesen war. Stattdessen blieb er. Dabei musste er damit rechnen, dass der Mann die Polizei benachrichtigte. Er konnte festgenommen werden. Wegen Hausfriedensbruchs konnte er bis zu drei Jahre Haft aufgebrummt kriegen, allerdings nur gegen Antrag. Darauf setzte er. Auch wenn er nicht jeden Abend eine Grillparty (Wen hätte er auch einladen sollen?) abhielt, sich rund ums Haus unauffällig bewegte, versteckte er sich nicht. Einige Nachbarn nahmen durchaus Notiz von ihm. Am besten, sagte er sich, tat er so, als hätte er eine Berechtigung, als gehörte das Häuschen seiner Tante.

Es gab noch einen triftigen Grund, weshalb er in der Nacht nicht abgehauen war. Seine Schicht war noch nicht zu Ende gewesen. Er hatte keinen Notfall vortäuschen und dafür verantwortlich sein wollen, dass Daja oder Sibylla von der Geschäftsleitung seinetwegen mitten in der Nacht hätten einspringen müssen. Aber danach? Spätestens nach Dienstende hätte er die Datscha verlassen können. Er war stattdessen einfach ins Bett gegangen.

Nachdem er geduscht hatte, setzte er sich auf die oberste Stufe der Holztreppe, seinen Lieblingsort, und trank einen zweiten Kaffee. Mutter und Kind waren weg. Die kleine Treppe führte von der Wohnzimmertür direkt zur Veranda. Die Stufen brauchte es, da das kastanienbraun gebeizte Holzhaus auf betonierten Stelzen stand. Der Boden schwebte circa vierzig Zentimeter über der Erde, eine Art Pfahlbau. Er inspizierte die Werkzeuge, die links an der Dachlattenwand hingen. Alles noch da. Spaten, Gabel, Rechen, Schaufel. Gummihammer. Die drei Flechtkörbe. Er sah sich um, konnte jedoch nichts Auffälliges bemerken. Nein, nichts deutete darauf hin, dass der nächtliche Besucher etwas entwendet oder eine Nachricht hinterlassen hatte.

Andrin versteckte den Hausschlüssel dort, wo er ihn aufgestöbert hatte, unter einem handgroßen Stück Jute im Inneren eines ausrangierten Nistkastens für Meisen, der neben allerlei Töpfen und Krimskrams in der Ecke stand. Moment mal, der Grund! Weshalb war er eigentlich hier in dieser Datscha? Na ja, zumindest ein wichtiger Grund war folgender: Er redete sich ein, dass hier die Voraussetzungen, sich mit Georg Wilhelm Friedrich Hegels Wissenschaft der Logik in Ruhe beschäftigen zu können, ideal waren. Wenn er nun nämlich beabsichtigte, an einem gewöhnlichen Dienstagnachmittag in die Stadt zu radeln, um ins Museum zu gehen, dann musste er, einem natürlichen Drang folgend, seine Planänderung rechtfertigen.

Vielleicht hatte es mehr als nur mit einer Tendenz seines Charakters zu tun. War er möglicherweise zu ernst? Zu gewissenhaft? Vielleicht sollte er sich eingestehen, dass er in einer ungesund hohen Anzahl von Fällen dazu neigte, sich auf eine ziemlich rigide Art und Weise zu hinterfragen. Das hier war so ein Fall. Er kam nicht umhin, sein eindeutig lustbetontes Motiv – ihm war bewusst, dass er damit bereits eine Wertung vornahm – dem Ministerium für innere Angelegenheiten vorzulegen und darauf zu hoffen, dass es abgesegnet würde. Erstaunlicherweise ging alles vollkommen unkompliziert vonstatten.

«Nach einer Nachtwache», kam der zuständige Beamte zum Schluss – Er gähnte unverhohlen, erledigte seinen Job hitzehalber geradezu schlampig, seine Urteilskraft war, milde ausgedrückt, eingeschränkt –, «nach einer Nachtwache wäre Hegel schwierig. Er ist im Übrigen auch sonst schwierig.»

Aha.