Lobarg - Dennis Wolf - E-Book

Lobarg E-Book

Dennis Wolf

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Beschreibung

Wie ist es, seinen Geist mit dem eines wilden Tieres zu teilen? Wie ist es, zu wissen, dass man in ihm einen Feind sehen kann, der droht, dich zu vernichten? Nachdem er glaubt, seine Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben, lebt Lloyd ein ruhiges Leben in einer kleinen, friedlichen Stadt im Saarland. Die Geschehnisse der vergangenen Jahre zehren an ihm, wie auch der Verlust seiner damaligen Weggefährten in der alten Heimat. Das Heimweh treibt Lloyd nach Salbrun zurück, wo er all das verliert, was er sich in den letzten Jahren aufgebaut hat. Aus Verzweiflung wendet er sich an die einzigen, die ihm Hilfe anbieten: die Pernoy. Von ihnen lernt er, wie dünn die Grenze zwischen Manipulation und Vertrauen ist. Die Erfahrung mit diesem Clan mündet im Verlust seines Wolfes und dem Gewinn eines neuen. Die Pernoy säen Misstrauen gegen seinen früheren Clan, der in Hass übergeht. Als er gegen einen alten Freund kämpfen soll, muss Lloyd sich zwischen der Freundschaft, seiner neuen Liebe zu einem Angehörigen der Pernoy und dem Überwinden seiner Vergangenheit entscheiden.

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Seitenzahl: 847

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zu diesem Buch

Lloyd hat sehr viel erlebt. Nach dem Wegzug aus Salbrun hat er sich einen Studienplatz organisiert und daran gearbeitet, ein Leben zu führen, das so normal wie möglich war.

Doch hier kommt Heimweh ins Spiel. Es treibt ihn aus Veilheim zurück nach Salbrun. Dort zerbricht seine komplette Welt und er muss lernen, dass er manche Dinge schlicht nicht kontrollieren kann.

Alles, was er geglaubt hat, zu sein und zu wissen, wird auf die Probe gestellt, während er befürchten muss, sich selbst zu verlieren.

Verlust und Angst sind seine ständigen Begleiter auf diesem Weg, die ihn am Ende an den Punkt bringen, sich zu fragen:

Hat er einen Wolf verloren?

Hat man ihn als Wolf verloren?

Was bedeutet Verlust?

Zum Autor

Dennis Wolf heute 30 Jahre alt und lebt inzwischen in der Nähe von Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen.

Dieses Buch beschreibt die Zeit von 2019 bis 2021, in der er erst im Saarland und später wieder in Baden-Württemberg gelebt hat.

Auch wenn er sich vom kaufmännischen Weg abgewendet hat und nun in der IT ein Zuhause gefunden hat, hat ihn das Schreiben von Romanen nie losgelassen.

Er verarbeitet viel dessen, was er selbst erlebt hat, in den Kapiteln des Buches, um jedem Leser die Möglichkeit zu geben, selbst über das Erlebte zu reflektieren und sich zu fragen, ob man ähnlich entschieden hätte.

Dass er Furry und Petplayer ist, floss in die Geschichte mit ein, spielt aber eine untergeordnete Rolle.

Inhalt

I - Brüder

II - Alltag

III - Freundschaft

IV - Milten

V - Der Stammtisch

VI - Danny

VII - Drago

VIII - Der Panther

IX - Becca

X - Riyunoka

XI - Der Tod

XII - Mensch

XIII - Wolf

XIV - Heimat

XV - Realität

XVI - Hilferufe

XVII - Ein Freund

XVIII - Die Zeit

XIX - Das Monster

XX - Das Angebot

XXI - Papa

XXII - Die Pernoy

XXIII - Heimweh

XXIV - Vertrauen

XXV - Hass

XXVI - Der Supermond

XXVII - Kontrolle

XXVIII - Tox

XXVIV - Wudaryo

XXX - Die Wolfsschlucht

XXXI - Zusammenkunft

XXXII - Angst

XXXIII - Die Welt

XXXIV - Ruin

XXXV - Regen

XXXVI - Lebewohl

Nachwort

I - Brüder

Der Mond schien auf meinen Körper herab, als meine Füße mich Schritt für Schritt vorwärts trugen. Ich wusste nicht, wie lange ich nun wirklich im Wald war und mich der beruhigenden Atmosphäre hingab, aber das war für diesen einen Augenblick auch nicht wichtig.

Der Wind rauschte in den Blättern der Bäume, das entfernte Tropfen von Wasser war zu hören. Vereinzelt konnte man das Knacken von Ästen wahrnehmen, als kleine Tiere vor mir flohen oder mich interessiert beobachteten.

Der Boden war feucht, jedoch nicht matschig, das Singen der Vögel schon lange verstummt und mich umgaben die grauen Schemen des Waldes. Die Nacht war zwar hereingebrochen, aber ich konnte dennoch einige Meter weit sehen. Der Mond schien hell und wies mir den Weg so weit, dass ich mich orientieren konnte.

Entgegen der Meinung vieler Menschen, dass nachts im Wald nichts zu erkennen war, fühlte ich mich in dieser Situation wohl. Es war einer der seltenen Momente, in denen ich so sein konnte, wie ich wollte. Keine Erwartungshaltung von anderen und kein Zwang, sich zu verstellen. Hier gab es das nicht. Niemand würde mich beobachten und darauf reduzieren, wie ich aussah, was ich sagte und tat.

Ein tiefer Atemzug. Ich sog den angenehmen Geruch des leicht feuchten Waldes ein, während ich zum Stehen kam. Es roch schwach nach einer Mischung aus Baumharz und Blumen. Ein angenehmer Geruch, den ich lange in meiner Nase behielt, ehe ich die Luft der Natur zurückgab.

Der Mond schien auf meinen Rücken und ich fühlte, wie seine kalten Strahlen mich wärmten. Es war ungewöhnlich hell, beinahe wie am Tag.

Womöglich hatten sich meine Augen lediglich an den Umstand der Dunkelheit gewöhnt, aber ich war sicher, dass ich keine Angst zu haben brauchte.

Ungewöhnlicherweise schien mich der hinter mir leuchtende Himmelskörper mit Selbstsicherheit und Zuversicht zu erfüllen.

Als ich nach oben sah, erblickte ich die Sterne. Jede Nacht, wenn ich sie betrachtete, konnte ich den Kleinen Wagen erkennen, der das Sternbild zu sein schien, das sich mir am häufigsten offenbarte. Für mich hatte es keine große Bedeutung, aber ich genoss es, überhaupt Sterne sehen zu können. Diese weit entfernten Himmelskörper, die man nie erreichen und lediglich bewundern konnte. Orte, die so weit weg waren von dieser von Krieg und Unglück erfüllten Welt.

Langsam setzte ich meine Reise auf dem kleinen Weg, der tagsüber für Hunde zum Gassigehen genutzt wurde, fort. Er war schmal und teilweise mit Ästen übersäht, sodass man genau darauf achten musste, wohin man trat.

Je weiter ich voranschritt, desto eher erinnerte ich mich an das, was geschehen war: Fast drei Jahre waren die Ereignisse in Salbrun schon her. Es war ein Abschied gewesen, der sich nach wie vor seltsam anfühlte, wenn man bedachte, dass mich von dieser Stadt nun mehrere Hundert Kilometer trennten. Mein Weg hatte mich ins Saarland geführt, an einen Ort, den ich vorher nie in Betracht gezogen, der sich aber als eine Möglichkeit eröffnet hatte, neu anzufangen. Und genau das war mein Ziel gewesen.

Hier kannte mich niemand oder erwartete, dass ich mich für meine Persönlichkeit rechtfertigte. Selbst dieser Wald – so ruhig er auch war – hatte keine Erwartungshaltung. Er war einfach da und ich spürte, wie er mich als Teil von sich willkommen hieß. Das Gefühl und die Atmosphäre, die er ausstrahlte, luden förmlich dazu ein, tiefer hineinzuwandern. Und dabei war ich gerade nicht einmal in der Gestalt eines Wolfs. Niemand war physisch bei mir. Allein durchstreifte ich die Bäume, Büsche und Gräser. Es gab kein Gefühl der Angst oder des Unbehagens.

‘Worüber denkst du nach?‘, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf fragen.

Für einen Augenblick zuckte ich kaum merklich zusammen, als ich wieder stehen blieb und mich zum Mond umdrehte. Obwohl mein Wolf wissen sollte – oder könnte –, was in meinem Kopf vor sich ging, fragte er nach. Er wusste anscheinend nicht alles über mich und wollte meine Gedanken nicht erforschen. Das war die Art von Zurückhaltung und Respekt, die ich an ihm bewunderte. Jede Person hätte vermutlich der Neugier nachgegeben, in meinen Gedanken und Erinnerungen zu wühlen wie ein Maulwurf.

»Ach weißt du – « setzte ich an, unterbrach dann aber und strich mit der Handfläche über einen nahestehenden Baum. Seine Rinde fühlte sich hart und feucht an. »Ich hätte einfach nicht gedacht, hier zu landen. Im Saarland, so ganz woanders.«

‘Bereust du es?‘

»Nicht eine Sekunde. Salbrun war kein Ort, an dem ich bleiben konnte.«

Langsam lief ich weiter. Nach all dem, was passiert war, hatte ich das wirklich nicht können. So schwer mir der Abschied von Frau Morrison und meiner Mutter gefallen war; ich hatte gehen müssen. Nicht nur, weil die Polizei diese Stadt förmlich auf den Kopf gestellt hatte, sondern auch, weil mich alles an Daniel und die Erlebnisse der Vergangenheit erinnert hatte. Seine Präsenz war nach wie vor in meinem Kopf. Es gab Momente, da vermutete ich ihn direkt neben mir, als Teufelchen auf meiner Schulter, das mir einreden wollte, welche Entscheidung die richtige war und wohin ich gehen sollte. Bevor ich Edward, Sylvio und Becca kennengelernt hatte, war es auch so gewesen. Doch je mehr ich mich von ihm abgewendet und meine eigenen Entscheidungen getroffen hatte, desto eher entfremdeten wir uns voneinander. Nicht zu vergessen, dass er mich hatte töten wollen.

Aber hierher nach Veilheim zu gehen, hatte nicht er herbeigeführt, sondern ich ganz allein.

Plötzlich kam mir meine Mutter in den Sinn. Ich hatte beinahe vergessen, dass ich Geschwister hatte, um die sie sich kümmern wollte. Die letzten Tage in Salbrun war sie oft bei mir geblieben, vermutlich aber auch, um Edward zu sehen. Das bedeutete jedoch ebenfalls, dass ich sie nach meinem Wegzug nicht mehr so oft besuchen konnte.

Einige Meter trennten mich noch von meinem Ziel, das ich ansteuerte: ein Aussichtspunkt, von dem aus man einen großen Teil der Stadt überblicken konnte. Drei Bänke luden dazu ein, sich hinzusetzen, um über sich selbst und das Leben zu sinnieren.

Die vergangenen Jahre hatten mich erneut zum Nachdenken gebracht und ich nutzte vor allem die Abende, um rauszukommen und dem menschlichen Irrsinn um mich herum für eine kurze Zeit zu entfliehen. Das waren die Momente, die mir halfen, ein wenig Druck abzulassen. Dabei waren meine Gedanken nicht so destruktiv, wie noch zu meiner Zeit vor den Ereignissen in Salbrun. Zu sehen, wie sich das Leben, die Welt, einfach alles, entwickelte, ließ mir keine Ruhe.

Als die Bänke in Reichweite waren, zögerte ich erst, nahm dann aber Platz.

»Dass du da bist, hat viel verändert, Selvan.«

‘Wäre ich nicht da, hättest du nicht die Person sein können, die du jetzt bist.‘

War dem wirklich so? Hätte ich ohne ihn nicht der Mensch werden können, der jetzt auf dieser Bank saß? Wenn man für einen Moment vergaß, was in der Vergangenheit geschehen war, war ich doch sehr unglücklich mit meinem Leben gewesen. Aber ob ich es nicht auch aus eigenem Antrieb hätte schaffen können, etwas zu ändern? Wer wusste das schon?

»Es hat einen Preis. Wenn ich mir all die Menschen dort unten ansehe ... Daran denke, wie ich mit ihnen im Bus sitze, im Laden arbeite, sie im Vorlesungssaal neben mir sitzen; ich bin keiner mehr von ihnen. Vielleicht war ich das auch nie.«

Selvan antwortete nicht, aber das war nicht notwendig. Ich wusste gut genug, dass ich keine der Personen mehr sein konnte, die teilweise blind durch das Leben gingen und sich in den sozialen Medien über Nichtigkeiten aufregten. Selvan und ich hatten aus mir den Menschen gemacht, der ich immer sein sollte. Vielleicht stimmte es wirklich.

So nachdenklich ich gerade auch war: Mein Leben war schön. Ich hatte das Gefühl, in einer neuen Umgebung angekommen zu sein, weg von allem in Salbrun, was mich verfolgen konnte – außer Daniel.

Plötzlich raschelte es neben mir. Ich sah zur Seite, aber es war nichts zu erkennen.

Selvan signalisierte, dass es nichts Gefährliches war, also blieb ich unbesorgt. Im Hintergrund konnte man den Ruf eines Fuchses hören. Obwohl es die meisten Menschen beunruhigt hätte, klang es eher so, als ob dieses kleine Wesen mir zuversichtlich zurief und mich ermutigte, im Wald zu bleiben.

»Ich will nicht sagen, dass ich nicht glücklich bin. Es ist nur ... Ich werde nie wieder einer von ihnen sein. Teil ihrer Welt sein, weil ich Dinge gesehen und erlebt habe, die andere Menschen nicht verstehen. Und selbst wenn ich dich gehen ließe, würde sich das nicht ändern. Mein altes Leben bekäme ich nicht zurück.«

Ein Windzug kam auf, während ich das Flackern der Lichter in den Häusern im Hintergrund betrachtete, das sich unendlich oft zu wiederholen schien und sich in meinen Augen spiegelte.

Auch wenn diese Situation sich anfühlte, als wäre alles gut, war das erst seit Kurzem so. Selvan hatte sich mir nach dem Weggang aus Salbrun kaum noch gezeigt und ich wollte mich nicht verwandeln, solange ich keinen Kontakt zu ihm hatte. Das wäre irgendwie … falsch gewesen. Lange hatte ich nicht verstanden, warum er sich zurückgezogen und mir das Gefühl gegeben hatte, ohne ihn klarkommen zu müssen. Ein Gefühl, das auch die Qädro nicht hatten ersetzen können. Aber mein Clan war etwas, woran ich gerade nicht denken wollte.

Selvan hatte sich ausgeruht, das wusste ich nun. Knappe zwei Jahre, ehe er wieder erwacht war und wir uns erneut hatten kennenlernen können … Oder zumindest besser.

»Ich wusste, dass du nur testen wolltest, ob ich auch alleine klarkomme.«

‘Und das tust du, Lloyd.‘

»Dennoch brauche ich dich.«

War es falsch, wenn ich Selvan bei mir wissen wollte, einfach, um mich nicht mehr so verletzlich zu fühlen? Er war wie ein Bruder und in seiner Abwesenheit war es, als ob man mir etwas entrissen hatte, das tief in mir verwurzelt gewesen war.

Selvan war auf seine Weise besonders und immer für mich da, wenn ich in den vergangenen Monaten auf ihn angewiesen gewesen war. Zudem hatte ich mit ihm zusammen keine Angst mehr vor der Dunkelheit. Für ihn gab es diese Märchen vom Mörder, der sich nachts im Wald versteckte, nicht. Und wenn er sich bei ihnen doch irrte, dann hatten sie keinerlei Bedeutung. Zusammen mit mir, wie auch allein als Wolf, gab es nichts zu befürchten.

Wir gingen regelmäßig nachts in den Wald, um für uns zu sein, ganz ohne andere Menschen. Manchmal jaulten wir, bekamen aber keine Antwort. Das war in Ordnung, denn wir erwarteten keine. Hier gab es weder Wölfe noch Clanmitglieder der Gibsar oder Pernoy, von denen ich wusste. Das wäre mir in den vergangenen Jahren vermutlich aufgefallen.

Seufzend legte ich mich mit dem Rücken auf die Bank und betrachtete die Sterne. Es musste für andere Menschen vermutlich seltsam aussehen, wie ich hier lag und mit mir selbst sprach, auch wenn weit mehr dahintersteckte, als jemand hätte erahnen können.

Ich war nicht länger der melancholische Lloyd, der nie etwas Positives hatte sehen können. Aus mir war eine Person geworden, die gewillt und stark, aber auch nachdenklich war. Dazu hatten die Ereignisse der Vergangenheit mehr als nur einen kleinen Teil beigetragen. In den letzten Jahren hatte sich der in Salbrun geformte Charakter weiter festigen können.

»Die Sterne sind heute so hell«, stellte ich fest.

Ein Glück, denn so war die Orientierung im Wald leichter. Andere Menschen benötigten ihre Smartphone-Taschenlampen oder sonstige Hilfsmittel, aber ich war froh, auf diese modernen Annehmlichkeiten verzichten zu können.

Dann schloss ich für einen Moment die Augen, um meine Umgebung auf mich wirken zu lassen. Ich wusste, es war nicht notwendig, zu sehen, um zu wissen, was sich um mich herum befand. Dieser Wald war auf seltsame Weise eine Art Zuhause für mich. Immer wieder hatte ich darüber nachgedacht, hier einfach zu übernachten und mich dieser Stille und dem Frieden hinzugeben. Das Einzige, was mich davon abgehalten hatte, war das Wissen, dass es nicht legal war und mich morgens Spaziergänger beobachten und die Polizei rufen könnten.

Als ich erneut tief die Luft einsog, fasste ich den Beschluss, heute zu jaulen.

Es kam nicht oft vor, dass ich das tat, da es erforderte, tiefer in den Wald zu gehen, der um diese Zeit sehr ruhig und beinahe gespenstisch war. Viele Menschen hätten sich nicht hineingetraut und wären umgedreht, aber ich wusste, das wäre unbegründet. Also stand ich auf und ließ mich von Selvan tiefer hineinführen. Wenn jemand in der Lage war, einzuschätzen, ob man gefahrlos weitergehen konnte, dann er.

Der Weg verlief entlang einer Straße, auf der uns – leider – ein Auto entgegenkam, bis der Trampelpfad schließlich links abbog und einen kleinen Hang hinunterführte. Dieser Pfad war breit genug für Fahrzeuge von Holzfällern und ließ mir genügend Raum, mich ohne das Gefühl von Enge umzusehen, und festzustellen, ob Tiere uns beobachteten.

Es wäre naiv gewesen, anzunehmen, dass sie das nicht taten. Schließlich waren wir in ihren Lebensraum eingedrungen. Selvan war ein Teil dessen, weshalb es vielleicht an der Zeit war, ihm die Kontrolle zu übertragen.

Ich zog meine linke Hand aus der Jackentasche und strich mir über das Mal der Qädro am Hals. Es dauerte nur einen Wimpernschlag und ich setzte als Wolf den Weg fort, wohl wissend, dass kein Mensch um diese Zeit hier entlanglaufen würde.

Ein wölfischer Körper fühlte sich immer noch seltsam an, als wäre es nicht meiner, sondern nur geliehen. Es war Selvans Leib, den wir gemeinsam steuerten, obwohl das nicht notwendig war. Andere hätten vermutlich festgestellt, dass unser Fell grau war und ›das Grün unserer Augen die Nacht durchbohrten‹ – oder etwas ähnlich Andächtiges. Aber das war für mich nicht wichtig. Wie wir als Wolf aussahen, interessierte vermutlich nur Menschen, auf dessen Meinung wir nichts gaben.

Der harzig-süße Geruch des Waldes wurde intensiver, während meine Sicht klarer zu werden schienen. Dieser Ort gewann nicht an Farbe, aber an Raum. Er fühlte sich größer und voller an, während ich mich neugierig umsah, um meine Umgebung würdigen zu können.

»Ich möchte dir danken«, kam es plötzlich aus mir heraus, als ich es nicht länger zurückhalten konnte.

‘Wofür?‘, hallte die Stimme in meinem Kopf.

»Dass du da bist. Ohne dich wäre ich nicht hier.«

‘Dafür sind auch die Qädro verantwortlich.‘

»Das ist nicht dasselbe, das weißt du.« Der Versuch eines Lächelns kam über meine Lefzen, während wir uns dem Punkt näherten, an dem wir schon einige Male gejault hatten. Diese eine Stelle, die sich nunmehr wie ein heimischer Ort anfühlte, obwohl wir dort vielleicht erst ein Dutzend Mal in über zwei Jahren gewesen waren.

Der Wind wurde ein wenig lauter, wirkte jedoch nach wie vor nicht beunruhigend. Ich fühlte mich sicher. Das lag nicht an meinem wölfischen Erscheinungsbild, sondern daran, dass der Wald mich förmlich dazu einlud, zu bleiben. Es war seltsam zu beschreiben, aber Selvan wusste genau, ob und wann wir hier willkommen waren oder nicht. Und diesem Eindruck vertraute ich.

Als wir unten ankamen, führten meine Schritte einige Meter geradeaus vom sich nach links und rechts gabelnden Pfad weg.

Die Blätter um meine Pfoten raschelten und ich spürte den Windzug deutlich in meinem Fell. Wir waren sicher und geborgen. Ich liebte alles an diesem Ort, wusste aber auch, dass ich mich nie lange hier aufhalten würde. Das Jaulen von mir, das immer durch die Bäume hallte und von ihnen zurückgeworfen wurde, war das Geräusch, mit dem ich mir diesen Forst für einige Augenblicke zu eigen machte. Als gehörte alles mir – und ich dem Wald.

»Das erste Heulen kommt von mir, das zweite von Selvan und das dritte von uns beiden«, murmelte ich halb zu mir selbst und halb zu meinem Begleiter. Das war es, was mich immer wieder innerlich zum Schwanken brachte. Als Mensch – wenn auch in Wolfsgestalt – zu jaulen, verlangte einiges ab.

Anfangs, noch in Salbrun, war es mir leichtgefallen, aber seitdem ich nicht viel von Selvan gespürt und den Bezug zu ihm verloren hatte, fühlte es sich nun wie etwas Besonderes an, wenn mein Wolf und ich gemeinsam heulten.

Einige Minuten tapste ich unruhig hin und her, setzte zu einem Heulen an, ließ es aber in meiner Kehle ersticken. Immer wieder setzte die menschliche Angst ein, vielleicht doch gehört zu werden. Die Sorge darum, dass nachts Jäger kommen und auf uns schießen würden, oder jemand die Polizei rief. Das war eine Angst, die mir Selvan leider bislang nicht hatte nehmen können, da sie allgegenwärtig war, wenn wir in seinem Körper durch die Natur streiften.

»Es ist alles okay, Lloyd. Komm schon, du kannst das«, sprach ich mir selbst beruhigend zu.

Für ein paar Sekunden hielt ich die Luft an und hauchte sie heraus, fast, ohne einen Laut von mir zu geben. Egal, wie oft ich jaulte, es fühlte sich immer noch fremd an, wenn mein menschliches Ich es wiedergab, statt der Wolf. Daran konnte ich mich nicht gewöhnen.

Dann nahm ich meinen Mut erneut zusammen und überwand mich.

»Awoooooooooooo … « Plötzlich ging es ganz einfach, als wäre in mir ein Damm gebrochen. Zum zweiten Heulen setzte Selvan mit ein. »Aruuuuuuuuuuuu … « Und dann jaulten wir einige Sekunden zusammen.

Die Zeit schien stillzustehen. Die Bäume warfen das Heulen als Echo an uns zurück und der in weißes Mondlicht gehüllte Wald fühlte sich für einen Augenblick nicht mehr so trist und grau, sondern bunt an – er erstrahlte in einem Spektrum, das ich unmöglich beschreiben konnte –, ehe die Farbe mit dem Ende des Jaulens wieder wich und die Bäume und Äste gräulichweiß zurückblieben.

Ich fühlte mich ... vollkommen. Es war einfach unbeschreiblich und kaum mit dem Heulen zu vergleichen, das wir einst im Wald von Salbrun von uns gegeben hatten. Damals war ich in dieser Hinsicht fast noch ein Kind gewesen, doch jetzt konnte ich eher beschreiben, wie es sich anfühlte. Selvan und ich wurden für einen kurzen Moment eins: Mensch und Wolf im Geist zu einer Art Gemeinschaft vereint, wenn auch nur für wenige Wimpernschläge. Als würde Selvan eine Lücke in meiner Seele ausfüllen, die ohne ihn wie eine offene Wunde klaffte. Konnten andere Leute verstehen, wie sich dieser Zustand anfühlte? Würden sie begreifen, was es bedeutete? Oder waren sie immer vollkommen und wussten nicht, wie es war, unvollständig zu sein?

Glücklich blieb ich mit einem breiten Lächeln im Gesicht stehen und ließ diesen unfassbaren Moment auf mich wirken, in dem ich es geschafft hatte, das zu tun, was ich mir vorgenommen hatte.

Lange hielt es mich jedoch nicht mehr an dieser Stelle. Meine Füße trugen mich den kleinen Hügel wieder hinauf in Richtung Bank, auf der ich vorhin gelegen hatte. Dort konnte man besser nachdenken als mitten im Wald.

Ich setzte mich erneut und betrachtete Veilbach, wie die hellen Punkte der Autos der Straße folgten und in dem ein oder anderen Haus die Lichter gelöscht wurden.

Als ich wieder die Augen schloss, hörte ich ein Knistern, als etwas auf das Laub trat, dieses Mal wenige Meter entfernt, aber nach wie vor ungefährlich. Das wusste ich. Es wurde weder lauter, noch kam es merklich näher. Vermutlich nur eine Maus. Daher blieb ich ruhig sitzen und konzentrierte mich auf die anderen Geräusche des Waldes um mich herum, die mich völlig für sich vereinnahmten.

Das Rauschen des Windes, das Tropfen des Wassers, das Rascheln der Blätter. Gelegentlich erklang das Rufen des Fuchses in der Ferne, das von dem Ort zu kommen schien, an dem wir bis vor einigen Minuten geheult hatten. Weit entfernt im Hintergrund surrte die Schnellstraße. Dieser Augenblick war perfekt – aber ich wusste: Er musste enden.

»Lass uns zurückgehen«, entschied ich und stand auf. »Heute ist mir nicht danach, so lange im Wald zu bleiben.« Während ich loslief, widersprach Selvan nicht oder versuchte, mich durch ein Bauchgefühl von meiner Entscheidung abzubringen. Das wäre seine Art gewesen, mir mitzuteilen, dass er nicht einverstanden war, ohne es direkt aussprechen zu müssen.

Der Rückweg verlief dem Mond entgegen. Als seine Strahlen mein Gesicht trafen, musste ich unweigerlich lächeln. Ich erinnerte mich daran, was mir der Anführer der Qädro erzählt hatte: Über seine Einstellung zum Mond, auch wenn das inzwischen schon Jahre zurücklag. Seine Worte hallten noch immer in meinen Ohren wider. Die Wölfe heulten dem Mond entgegen, weil es dort den Frieden gab, den wir auf der Welt nicht finden konnten. Alles an diesen Worten stimmte.

Ein weiteres Rascheln, jetzt knapp 20 Meter hinter mir, so laut wie die Bewegung von Menschen mit unvorsichtigen Schritten. Äste knackten.

»Wildschweine ... «, flüsterte ich leise, während ich unbeirrt und ohne das Aufkommen von Angst vorwärts ging. »Dann war es richtig, dass wir gegangen sind.«

Erneut blieb eine Antwort aus, aber die war auch nicht nötig. Selvan war kein Wolf der vielen Worte. Das wusste ich.

Dann kam der Parkplatz in Sicht. Die orangen Straßenlaternen tauchten die Häuser in ein fahles Licht, das einem tristen Sepia-Ton glich.

Der Weg führte bergab, vorbei am lokalen, kleinen Friedhof, einigen Häusern mit Plakatwänden, der Kirche, einem Kindergarten, Gaststätten in Nischen und Restaurants, die nur für den Lieferdienst ausgelegt waren. Hier war ich schon so oft entlanggelaufen. Ich kannte jedes Haus und jede Seitenstraße, sodass der Weg selbst mit geschlossenen Augen nicht beschwerlich gewesen wäre.

Die Bars waren menschenleer, ebenso die Restaurants. Alle Lichter in den Häusern waren erloschen.

Ein Blick auf mein Smartphone verriet mir, warum: 0:32 Uhr. Das grelle Licht des Handys blendete mich direkt und ich schob es wieder zurück in meine Jackentasche. Auf Nachrichten hatte ich gar nicht mehr geachtet, da ich die mobilen Daten immer deaktivierte, wenn ich den Wald aufsuchte. Keine unwichtigen Chats sollten mir diesen Augenblick ruinieren oder mich ablenken.

Es waren noch wenige Meter zu meinem Haus, als ich die ersten Regentropfen auf meiner Haut spürte. Perfektes Timing. Ein Tropfen traf mich auf der Wange und rann an dieser hinab wie eine Träne.

Jedes Mal, wenn ich den Wald verließ, konnte ich spüren, wie Selvan sich zurückzog. Die Stadt war nicht sein Revier. Verständlich …

Generell hatte ich an ihn keine Erwartungshaltung oder wollte, dass mein Leben einen großen Einfluss auf ihn hatte. So sehr ich mich in den ersten Wochen trotz der großartigen Erfahrungen gegen ihn gewehrt hatte, agierten wir inzwischen wie Brüder. Ich stützte ihn, sollte er Halt brauchen, und ermöglichte ihm, mit mir die Welt kennenzulernen. Er ließ mich im Gegenzug nie allein, wenn ich mich einsam fühlte. So arbeiteten wir zusammen in einer Koexistenz, die uns beiden half.

Hier fragte auch niemand nach. Die Ereignisse in Salbrun lagen in der Vergangenheit und waren so weit entfernt, dass es keinen zu interessieren schien. Daher musste ich mich damit nicht weiter beschäftigen.

Als ich vor der Eingangstür des Hauses stand, in dem ich wohnte, kramte ich nach meinem Schlüssel und ließ das Leben von vor einigen Jahren in meinem Kopf Revue passieren.

Die Ereignisse in Salbrun hatten aus mir einen anderen Menschen gemacht. Niemand mehr hatte Macht über mich, ich konnte mich entfalten, glücklich sein, ich sein.

Das ließ ich mir nicht nehmen. Im Gegensatz zu Salbrun war dieser Ort hier besonders. Selvan und ich hatten uns hier gefunden und eingelebt, auch wenn es keine anderen Wölfe gab, abgesehen von einigen Qädro. Bedauerlicherweise hatten wir nur wenige wilde Tiere im Wald direkt beobachten können. Wir hatten aber auch nie nach ihnen gesucht.

Das Schloss klickte und ich stieg die Treppe hinauf ins zweite Obergeschoss.

Erneut öffnete ich die Tür und blickte in meine dunkle Wohnung, in der ich bereits vor Stunden alle Lichter gelöscht hatte.

Ich warf meine Jacke auf die Couch und legte mich daneben, um durch das Fenster gerade so die letzten Sterne zu erkennen, die noch nicht von Regenwolken verdeckt waren.

Die Wohnung war leer und absolut still. Genau das genoss ich. Einsam sein, wenn ich es konnte und wollte, ohne mich von anderen fragen lassen zu müssen, ob mit mir alles in Ordnung war.

Nur dann kam ein Gedanke zurück:

Nicht mehr lange ...

Lediglich ein paar Wochen, bis ich wieder wegziehen würde ...

II - Alltag

»Hey.«

Ich zuckte zusammen. Obwohl die Vorlesung vor mir nicht gerade packend war, hatte ich mich so sehr konzentriert, dass es mich leicht aus der Fassung brachte, angestupst oder gar angesprochen zu werden. »Was denn?«

»Hast du Französisch gemacht?«, erkundigte sich die Stimme neben mir freundlich, aber auch mit einer Erwartungshaltung. Es war klar, dass sie abschreiben wollte.

Seufzend lehnte ich mich mit einem Lächeln zurück. »Sehe ich so aus?« Kaum zu glauben: Ich fühlte mich wieder wie ein Schüler, der an die Hausaufgaben denken musste. Die Kurse im Sprachenzentrum erwarteten leider aber immer genau das. Es war wie Schule, nur anstrengender, fordernder und alles musste schneller passieren.

»Ei gudd. Ich hann aach noch nichts gemacht.«

»Weißt du, wie hart dein Saarlännisch ist?« Ein breites Grinsen entwich mir, ehe ich mich wieder auf die Vorlesung konzentrierte. »So langsam hab‘ ich mich dran gewöhnt«, gab ich fast beiläufig von mir.

Elisa lehnte sich vor und sah mir von der Seite beinahe in die Augen. »Und du bist sicher, dass du nach dem Studium gehen willst?«

Musste sie mich unbedingt daran erinnern? Der Gedanke, bald alles hinter sich zu lassen, fühlte sich gleichzeitig richtig und falsch an. Vieles sprach dafür, einfach hierzubleiben. Ich hatte mich an das Saarland gewöhnt, fühlte mich inzwischen sogar ziemlich wohl hier, das Gegenargument war jedoch unschlagbar: Heimweh.

Kaum zu glauben, dass ich das jemals spüren würde, aber es zog mich zurück nach Salbrun, obwohl ich letztlich wenig Positives mit diesem Ort in Verbindung brachte. Nicht einmal Becca wäre ein Grund gewesen, wenn sie nicht auch ins Saarland gezogen wäre. Unsere Beziehung hatte ohnehin nicht gehalten. Traurigerweise lag das nicht einmal an ihr, sondern an etwas, das sich erst in den vergangenen Monaten klar bemerkbar gemacht hatte und womit ich nach einer gewissen Zeit erst klargekommen war. Aber auch damit wollte und musste ich mich gerade nicht beschäftigen.

»Schätze schon«, antwortete ich viel zu spät. »Heimweh ist nicht so geil und ich kann nichts dagegen machen. Lass uns jetzt aber aufpassen. Ich bin in Mikroökonomie sowieso schon nicht gut.«

Während die Zeit förmlich an mir vorbeizog und ich mich bemühte, die essenziellen Informationen der Vorlesung aufzunehmen, war ich froh, als der Professor sie pünktlich beendete. Mein PDF-Dokument sah mit den ganzen Kommentaren eher aus wie ein Schmierblatt und ich würde daheim meine helle Freude haben, die Anmerkungen und das Skript sinnvoll zusammenzusetzen.

Der nachfolgende Französischunterricht war genauso wenig spannend, wie ich es erwartet hatte. Vokabeln büffeln, die Konjugation diverser Verben und das Bilden von Sätzen mit Possessivpronomen waren derart langweilig, dass ich mich dabei ertappte, wie ich mit dem Kugelschreiber Kreise auf einen Zettel malte.

Glücklicherweise hatte ich durch meine Schulzeit gerade so das A2-Niveau und konnte mich durch spontan richtige Aussagen aus der Affäre ziehen, was Elisa leider nicht so gut gelang. Aber auch diese Unterrichtsstunde, die lediglich dazu dienen sollte, Leerlauf im Vorlesungsplan zu überbrücken, fand nach anderthalb Stunden ein Ende.

Nun ging es zum Bus und dann unmittelbar heim. So schön ich den Campus fand und so spektakulär die Mahlzeiten der Mensa, wie beispielsweise Hackstück, auch waren, so sehr wollte ich mich zu Hause mit mir selbst beschäftigen. Wobei, dieses Gericht wurde seinem Namen nicht gerecht: Es sah aus wie eine mutierte Frikadelle und schmeckte auch so. Es als Stück zu bezeichnen, erweckte den Eindruck, dass es größer war als in der Realität.

Kaum hatte ich das Gebäude verlassen, bemühte sich Elisa wieder um meine Aufmerksamkeit.

»Du kenns dich doch mit Jungs aus«, begann sie und ich ahnte schon, was gleich folgen würde. »Mei Freind zieht sich irgendwie zorrick unn isch hann kaa Ahnung, was loss is.«

Ich staunte, dass Elisa so offen darüber sprechen wollte, obwohl wir uns noch nicht einmal drei Monate kannten. Aber ich war mehr oder weniger locker damit umgegangen, homosexuell zu sein. Manchmal hatte ich das Gefühl gehabt, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Heute fiel es mir leichter. Ich wollte das Thema nicht mehr aufblasen als notwendig. Auf der anderen Seite hätte ich sonst niemals so entspannte Gespräche mit Elisa führen können.

Innerlich war es für mich nach wie vor ungewohnt, darüber nachzudenken oder gar zu sprechen. Allerdings war auch klar, dass es das beschrieb, was ich war. Lediglich Becca hätte ich das gerne erspart. Manchmal wusste man einfach zu lange nicht, wie die eigene Sexualität war, ehe man begann, sich damit intensiver auseinanderzusetzen.

»Ich kenne mich mit Kerlen nicht unbedingt besser aus, als du«, gab ich verlegen zu. Vermutlich gefiel es ihr, einen schwulen Freund zu haben, den sie genau solche Dinge fragen konnte. Aber ich genoss ihre Aufmerksamkeit und solche Fragen bedeuteten, dass sie mir genug vertraute, um auch über solche Dinge zu sprechen. Solange sie nur nicht mit Sex anfing. Davon hatte ich zu wenig Ahnung und … ich wollte schlichtweg nicht darüber sprechen. »Habt ihr darüber geredet? Ich mein, weiß er, dass dich das stört?«

»Nee. Nach dem Sport hann mir net viel Zeit zesamme.«

»Datet ihr euch nicht?«

»Jo, awa er bleibt uff Distanz. Net mol viel Kuscheln is drin.«

Wir passierten den Bücherladen der Universität und in der Ferne konnte man schon die Bushaltestelle erkennen.

Es war klar, dass wir nicht viel Zeit zum Sprechen hatten, wenn ich den Anschluss nicht verpassen wollte. Daher versuchte ich, das Gespräch zu einem Ende zu lenken. Die Busse kamen zwar im 20-Minuten-Takt, aber da auch sie ihren erreichen musste, wollte ich vermeiden, eine Viertelstunde dekorativ in der Gegend herumzustehen und mich zu langweilen. »Und ihr seid wirklich mehr als nur Freunde?«

»Ich glaab, schon«, gestand sie, wirkte dabei aber wieder unsicher.

Da mir selbst keine richtige Lösung für das Problem einfiel, zuckte ich die Schultern und zog die Stirn etwas kraus. »Frag ihn einfach. Ich würde direkt sein. Dann findest du am ehesten raus, was los ist.«

Elisa sah hoch und suchte nach einer Antwort, doch ich kam ihr zuvor.

»Notfalls such etwas Romantisches raus, wo ihr essen gehen könnt. Oder kocht was zusammen, geht ins Kino. Ich mein, ich kann nicht für alle Jungs sprechen, aber vielleicht kommst du ihm so ja wieder näher.«

»Hmm, vielleicht.«

Als mein Bus um die Ecke bog, war ich fast schon ein wenig erleichtert, mich nicht weiter über das Thema unterhalten zu müssen. Mir fiel langsam nichts mehr ein und sie würde das sicher auch ohne mich hinbekommen.

»Du, ich muss los. Sehen wir uns am Donnerstag in Französisch?«

»Ei klar.«

»Dann mach‘s gut, wir sehen uns spätestens Donnerstag.«

»Bis bald, Lloyd.«

Wir winkten uns mit einer kurzen Handbewegung verabschiedend zu und ich stieg in die übergroße Sardinenbüchse ein.

Vermutlich war es im schlimmsten Fall nicht viel mehr als Freundschaft Plus. Und da Elisa nicht gerade hässlich und zudem sehr sportlich war, sah ich bei ihr nicht das Problem, einen passenden Freund zu finden. Oder war dieser Gedanke ein wenig zu oberflächlich?

Auch wenn es eng war, schaffte ich es geradeso, einen der begehrten Sitzplätze zu ergattern, und konnte meinen Blick aus dem Fenster schweifen lassen. Elisa war gerade dabei, in das Uni-Café zu gehen, um sich einen Kaffee für unterwegs geben zu lassen.

Der Bus fuhr über den Kreisverkehr. Erst verschwand Elisa aus meinem Sichtfeld, dann das Campus Center und schlussendlich das Universitätsgelände.

Es war faszinierend, darüber nachzudenken, wie viel sich verändert hatte und wie beinahe langweilig mein Leben hier im Saarland geworden war. Keine Wölfe, keine Clans, keine Kämpfe, kein Daniel. Einfach Ruhe.

Der Kontakt zu Becca, Edward und Sylvio bestand noch, wobei nur letzterer zu mir nach Veilheim gezogen war. Edward lebte nun lediglich ein paar Dörfer von Salbrun entfernt, um in Verbindung mit meiner Mutter zu bleiben und Becca wohnte zwar im Saarland, jedoch nicht mehr mit mir zusammen. Sylvios Wohnung lag ein paar Straßen weiter und letzten Endes blieb er der Qädro, zu dem ich am meisten Kontakt hatte.

Entgegen meinem ursprünglichen Glauben waren wir zwar eine Familie, aber keine, bei der es jeden am selben Ort halten konnte. Somit blieb mir hier wenig Altes und viele neue Eindrücke kamen hinzu, unter anderem Bekanntschaften wie Elisa, die ich nicht missen wollte, auch wenn wir uns kaum kannten und nach dem letzten Semester meines BWL-Studiums vermutlich wieder getrennte Wege gehen würden. Sie wusste nichts von den Clans, der Vergangenheit in Salbrun oder wirklich von mir. Das war erstaunlich befreiend, weil ich mich wie ein normaler Mensch in ihrer Anwesenheit fühlen konnte.

Elisa hatte nie nach meiner Heimat und den dortigen Ereignissen gefragt. Ihre einzige Bemerkung dazu war:

»Du kummst uss Baden-Württemberg? Was machsch dann hie im Saarland?« Diese Frage war auf ihre eigene Art so unschuldig und beinahe … belanglos, dass es mich zum Lächeln brachte, sie zu beantworten.

Vielleicht hatte sie das verdrängt oder schlicht und ergreifend gar nicht erst mitbekommen. Die Medien waren schnelllebig genug, dass der nächste Promi-Ausraster schon wieder die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde und die Menschen nach einigen Wochen vergessen würden, weswegen alle so verunsichert gewesen waren.

Im Bus konnte ich einige bekannte Gesichter von Kommilitonen erkennen, die entweder in dieselbe Richtung fuhren oder regelmäßig in den gleichen Kursen saßen wie ich.

Betriebswirtschaftslehre. Was hatte ich mir dabei eigentlich gedacht? Das perfekte Studium, um viel auswendig zu lernen und letztendlich doch nichts zu wissen. Genug Lernstoff in 6 Semestern, mit denen man acht Schuljahre hätte füllen können. Und wozu war es gut? Um einen besseren Job zu finden, der mir ein sicheres Einkommen bot? Für Edward hätte ich schließlich nicht mehr arbeiten können. Wie auch?

Ich zog mein Handy heraus und erkannte zwei Nachrichten von Sylvio und Becca. Beide erkundigten sich nach mir und mein guter Freund schob direkt den Vorschlag hinterher, dass ich bei ihm vorbeikommen könnte. Irgendwie war mir heute nicht nach Gesellschaft und ich zog es vor, einfach ein wenig allein zu bleiben. Die Vorlesungen und der erzwungene Umgang mit Kommilitonen in den Sprachkursen reichten, um meinen sozialen Akku für den Tag ans Limit zu bringen. Es war nicht oft der Fall, dass es mir so ging, aber manchmal ließ es sich nicht verhindern. Daher versetzte ich mein Smartphone wieder in die Tastensperre und beließ es dabei, ein wenig Musik zu hören. Instrumentals und Soundtracks. Ganz meine Welt.

Kurz vor dem Hauptbahnhof stupste mich jemand von der Seite an.

Erst dachte ich, es wäre ein Versehen, da die Busfahrer im Saarland fuhren, als führten sie ein Straßenrennen, doch dann wiederholte sich das Stupsen und der Mann, vielleicht gerade so Anfang zwanzig, flüsterte mir verstohlen ins Ohr.

»Du warst in Salbrun vor ein paar Jahren dabei, oder?«

»Was?« Erst realisierte ich nicht, was er von mir wollte, doch dann wurde mir schnell klar, worum es ging. Woher konnte er das wissen? Ich zuckte zusammen und bekam eine Gänsehaut, als Bilder der Vergangenheit in meinem Kopf hochkamen und ich diese schnell wieder verdrängen wollte. »Sorry, keine Ahnung, wovon du redest.«

Der Mann wandte sich mir zu und hielt sich an der gleichen Busstange fest, wie ich. »Du warst doch dabei bei den ... ich weiß nicht ... Angriffen?«

Okay, dieser Typ wusste entschieden zu viel und ich konnte nicht einfach ignorieren, was er sagte. Vor allem dann nicht, wenn es einer der anderen Fahrgäste mitbekommen könnte.

Dennoch versuchte ich es ein letztes Mal und tat so, als hätte ich ihn nicht gehört.

»Komm schon, ich will nur mit dir darüber reden.«

»Ich muss eh gleich aussteigen.« Das war tatsächlich die Wahrheit, aber so ergab sich möglicherweise die Chance, ihn loswerden. Wieso wollte ein Fremder von mir etwas über die Ereignisse wissen, mit denen ich nichts mehr zu tun haben wollte? Die Erinnerung an Daniel tat immer noch weh.

Von all den anderen Ereignissen, wie denen mit der Wölfin, ganz zu schweigen.

»Super, ich muss hier auch raus.«

Fuck. Na gut, dann kann ich ihm nicht mehr ausweichen. Sehr gut, Lloyd. Du ziehst das Pech wirklich magisch an.

Als ich den Halteknopf drückte, bereitete sich mein Nachbar ebenfalls darauf vor, den Bus zu verlassen. Er zog seine Tasche zurecht und wirkte hoch motiviert. Wir traten nach draußen und ich sah mich um.

Verdammt, eine Haltestelle zu früh!

Ich hatte mich so stark irritieren lassen, dass es nun nicht mehr möglich gewesen wäre, nach ein paar Metern die Wohnungstür hinter mir zu schließen.

»Okay.« Seufzend zog ich den Rucksack hoch und wandte mich meinem neugierigen Gesprächspartner zu. »Was willst du von mir?« Innerlich bereitete ich mich schon darauf vor, ihn schnellen Schrittes hinter mir zu lassen.

»Nur reden, wirklich.« Der Mann lächelte verschmitzt und erst jetzt konnte ich ihn genau mustern. Kurze braune Haare, unauffällige Kleidung. Er wirkte sehr lebensfroh und jeder Teil seines Körpers strahlte Neugier und Begeisterung aus. »Ich habe alles darüber gelesen und die Nachrichten verfolgt.«

Skeptisch beäugte ich ihn. »Und warum glaubst du, dass ich damit zu tun habe?«

Ein Grinsen kam über seine Lippen, als hätte er genau auf diese Frage gewartet. »Du hast in dem Büro gearbeitet, in dem man den Wolf gefunden hat. Ich habe dein Jobbörsen-Profil im Internet gefunden und da hast du angegeben, dass du weggezogen und jetzt Student an der Uni Saarland bist.«

So gläsern war ich also? Gut, es war in der Tat nicht schwer, mich auf diese Weise ausfindig zu machen. Dennoch wusste ich absolut nichts über ihn, obwohl er mich schon gut zu kennen schien. »Studierst du auch?«

Verlegen kratzte sich mein Gesprächspartner im Nacken. »Nein, Ausbildung zum Elektriker. Nichts Besonderes. Ich bin nicht mal wirklich glücklich damit.«

Er war kein Student und hatte mich trotzdem vermutlich seit dem Verlassen des Campus beobachtet? Gruselig und verdächtig. »Und was machst du dann hier und was willst du von mir?« Diese Frage wiederholte sich zwar, aber so langsam wäre ich froh, wenn er erklärte, was er von mir wollte. Sein Werdegang interessierte mich nur am Rande, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass er es war, der mich einfach angesprochen und mit den Ereignissen in Salbrun konfrontiert hatte.

Mein Gegenüber ging ein paar Schritte nach vorn und ich folgte ihm unfreiwillig, da er in Richtung meiner Wohnung lief.

Toll! Am Ende kennt er auch mein Haus.

Sollte ich lieber einen anderen Weg gehen, um ihn nicht darauf zu bringen, irgendwann bei mir vor der Tür zu stehen?

»Bist du einer von diesen Menschen, die sich … in einen Wolf verwandeln können?« Seine Miene wurde deutlich unsicherer, als er mir die Frage stellte, und ich beschloss, ihm nicht weiter in die Augen zu sehen, damit er keine falschen Rückschlüsse ziehen konnte.

So sehr mich diese Frage aus dem Konzept bringen sollte, hatte ich etwas Ähnliches schon erwartet. Schließlich kam man nicht ohne Hintergedanken auf die Idee, mich zu stalken.

Ich täuschte ein kurzes Lachen an, das sich vermutlich genauso unecht anhörte, wie es war. »Sehe ich so aus?«

»Ach so, bevor ich es vergesse, ich bin Milten.«

»Lloyd.« Seltsamer Name. Milten … Den hatte ich noch nie gehört. Aber das musste ja nichts heißen. So war es bei den Qädro, Gibsar und Pernoy ja auch immer gewesen. Moment … Dieser Typ konfrontierte mich aus dem Nichts mit den Ereignissen aus Salbrun und trug einen Namen, der so seltsam war, dass ich noch nie einen vergleichbaren gehört hatte. Könnte es sein, dass er einem der Clans angehörte?

Nein, kein Mal am Hals. Er war ganz normal, lediglich ein wenig neugierig. Dann musste ich mir keine Sorgen darum machen, dass mich die Vergangenheit einholen könnte. »Okay, aber sag mal: Was weißt du alles über das, was in Salbrun passiert ist. Scheint ja eine ganze Menge zu sein.«

Erneut kam ein Grinsen über sein Gesicht. »Ja gut.«

Komisch, so zu beginnen, vor allem, wenn er dabei das u von gut so in die Länge zog.

»Ich komme nicht aus Salbrun. Ich habe ein paar Dörfer weiter gewohnt und alles durch die Nachrichten erfahren. Aber ich kenne Sylvio und weiß, dass er Teil davon war. Ich will euch nicht jagen oder verunglimpfen. Ich wäre gerne so wie ihr.«

Moment. Was?

»So, wie wir?«

»Du bist doch auch einer dieser Wölfe, oder?«

Erschrocken blieb ich stehen. Er wusste entschieden zu viel über die Ereignisse. Aber sollte ich mich ihm deswegen anvertrauen? »Nein, bin ich nicht«, log ich erneut.

Milten verengte die Augen zu Schlitzen. Er glaubte mir offensichtlich nicht. Dann lächelte er wieder, als wäre nichts gewesen. »Wir müssen nicht heute darüber reden, aber ich will dich kennenlernen.« Anschließend zog er sein Smartphone aus der Tasche und öffnete eine App. »Darf ich dir meine Handynummer geben? Dann kannst du dich ja melden, falls du deine Meinung änderst.«

Erst zögerte ich. Gut, mir war klar, dass er mir nicht glaubte und ich wusste, dass er mehr über mich und die Ereignisse in Salbrun zu wissen schien, als er zugab. Zumindest hatte er mich nicht nach meiner Nummer gefragt. Die hätte ich definitiv nicht so bereitwillig rausgegeben. Auf seltsame Weise war er aber irgendwie ... sympathisch. Auch wenn er mich förmlich zu dem, was in der Vergangenheit passiert war, ausquetschte, lag eine Ehrlichkeit in seiner Art, die ich mochte. War er die erste neutrale Person, mit der ich darüber reden konnte, fern von Clans und Konflikten? Wäre es eventuell mal an der Zeit, genau das zu tun, statt mich in ein langweiliges Studentenleben zu flüchten, in der Hoffnung, niemals wieder mit Daniel oder den Gibsar konfrontiert zu werden?

Dann nahm auch ich mein Smartphone in die Hand. »Na gut.«

Ich speicherte seine Handynummer und er lächelte mich dabei zuversichtlich an. Sein Blick schien mir zu sagen, dass er mich entweder bewunderte oder mir zeigen wollte, dass ich nichts zu befürchten hatte.

Leicht aufgeregt ging Milten wieder ein paar Schritte vorwärts. Wir näherten uns meinem Haus. »Ich will dich nicht aufhalten«, gab er ausweichend zu.

»Tust du nicht. Ich bin gleich zu Hause«, warf ich beschwichtigend ein. So seltsam es war, ich mochte das Gespräch beinahe ein wenig. Seine Art erinnerte mich an eine fröhliche Version von mir in seinem Alter – auch wenn es nur sechs oder sieben Jahre waren.

»Ja gut. Dann lasse ich dich aber mal allein. Ich wohne nicht weit weg.« Er drehte sich um und wollte gerade in eine andere Straße abbiegen.

Genau in diesem Moment kam mir ein Gedanke, den ich vorher beinahe vergessen hatte und unbedingt noch aussprechen wollte. »Du kennst Sylvio?«

Milten drehte sich nur halb zu mir um und sprach über die Schulter zurück. »Ich glaube, du weißt nicht so viel über ihn, oder?«

Verwirrt blickte ich ihn an. »Wieso?«

Der Mann lachte kurz, aber herzlich. »Frag ihn besser selbst. Ich muss jetzt auch los. Bye.« Mit diesen Worten lief er weiter und ließ mich irritiert auf der Straße stehen.

»Seltsam«, murmelte ich und sah auf mein Handy, als ob ich aus seiner Telefonnummer irgendetwas ableiten könnte. Es lag also in meiner Hand, ob wir weiter Kontakt haben würden oder nicht. Ob ich ihn jedoch wiedersehen wollte? Er strahlte so eine Offenheit, Ehrlichkeit und Sympathie aus, dass das gar nicht so abwegig war. Vermutlich hätte ich ihm mehr erzählt, wenn er nicht gegangen wäre. Dabei war er doch ein Fremder. So eine Naivität passte nicht zu mir. Früher hätte ich mich einem solchen Menschen vielleicht anvertraut, heute war ich allerdings vorsichtiger geworden.

Spontan beschloss ich, Sylvio nun doch einen Besuch abzustatten. Milten hatte mich verunsichert und wenn mein Freund ihn sogar kannte, wäre es ja nicht verkehrt, mit ihm darüber zu sprechen. In den letzten zwei Jahren hatte Sylvio nach wie vor nicht viel über seine Vergangenheit preisgegeben. Wenn Milten allerdings mit dem Qädro irgendwie in Verbindung stand, war es interessant, herauszufinden, was es damit auf sich hatte.

Ich öffnete den Messenger auf meinem Handy und las die Nachricht von Sylvio, die ich vorher in der Vorschau weggewischt hatte. ‘Bin in 10 Minuten da‘, war meine Antwort.

Beim Loslaufen packte ich mein Smartphone in die Tasche und setzte die Kopfhörer auf. Den Weg zu Sylvio wollte ich bewusst erleben und mich dabei von Instrumental-Musik berieseln lassen. Seit meiner Zeit in Salbrun ging mir diese Musik recht nahe und hatte eine große Bedeutung. Auch wenn es unüblich war, solche Musik zu hören: Who cares? Es interessierte mich nicht mehr, was andere über mich dachten, solange ich mit mir im Reinen sein konnte. Und wenn man vom Heimweh absah, war ich das sogar.

Während ich aus dem Häuserschatten trat, fuhr hinter mir ein weiterer Bus vorbei, dessen schnaufendes Geräusch man selbst durch die Kopfhörer wahrnehmen konnte. Mir wurde warm in der Sonne, vor allem, da ich ein wenig bergauf laufen musste, um zu Sylvio zu kommen.

So oft ich diesen Weg vorher auch schon gegangen war, nahm ich ihn heute bewusster war. Neben mir standen kleine Häuser. Keine Wohnblocks, die das Stadtbild verunstalten würden, sondern kleine Wohnungen, die mit viel Liebe gebaut wurden. Versteckt dazwischen der ein oder andere Zigarettenautomat und private Kleinbetriebe wie ein Bügelservice und eine Frau, die ihre Nähkünste anbot. Die Vorgärten wirkten von verwildert bis zu malerisch, arm und reich direkt beieinander.

Dann blickte ich nach oben und sog die Luft ein. Der Himmel war strahlend blau, die Sommersonne ließ mich förmlich dahinschmelzen, aber es war angenehm. Kein Vergleich zu den schneereichen Wintern, die ich sonst immer in Salbrun hatte erleben müssen und die ich ab sofort wohl immer mit Daniel und den Gibsar in Verbindung brachte.

Die Kirchenglocke läutete zwei Mal, es war also halb fünf. An mir zogen ein Jogger mit seinem Hund und das ein oder andere Auto vorbei, während mir ein frischer Wind um die Ohren blies.

Alles in allem war es eine erstaunlich angenehme Situation; und auch wenn ich eigentlich über die Vergangenheit hätte nachdenken sollen, konnte ich diese Gedanken gerade nicht greifen und ließ schlussendlich von ihnen ab. Die Begegnung mit Milten war viel faszinierender und warf einige Fragen auf.

Einerseits war er die Art Mann, wie man sie in der Stadt ständig sah: angenehm unauffällig. Auf der anderen Seite wirkte er offen, lebensfroh und neugierig. Spannende Wesenseigenschaften. Dass er keiner der Clanmitglieder zu sein schien, gab mir die Sicherheit, mit jemandem über meine Vergangenheit sprechen zu können, der nicht vorbelastet war.

Oder interessierte ihn all das nur deshalb so sehr, weil er vielleicht selbst ein Wolf sein wollte? Sollte ich Selvan mit ihm sprechen lassen?

Mein Smartphone vibrierte und ich zog es geistesabwesend hervor. ‘Sag Bescheid, wenn du da bist‘, las ich auf dem Bildschirm.

‘Mkay‘, war meine bündige Antwort darauf. So gerne ich auch im Alltag redete, im Chat war ich eher der ruhige Typ – kurz und knapp. Es brauchte nicht immer lange, ausschweifende Texte, die am Ende ja doch niemand lesen würde.

Als ich dann den Chat von Becca sah, beschloss ich, es einfach mal drauf ankommen zu lassen und sie auf dem Weg zu Sylvio anzurufen.

»Hey«, hallte es am anderen Ende des Telefons. Sie wirkte nicht so richtig begeistert darüber, dass lediglich ich angerufen hatte.

»Ähm, hi. Ich dachte, ich klingele mal so durch. Wie geht‘s dir?« Ihre Art machte mich ein wenig nervös. Ja, wir waren nicht länger zusammen, aber Streit hatte es zwischen uns auch nach der Trennung nicht gegeben. Es gab also keinen Grund, dass wir uns nicht mehr verstanden. Klar, unser Auseinandergehen war weder fair noch schön, doch ich glaubte, dass das Adrenalin, das zum damaligen Zeitpunkt unsere Emotionen so aufgeladen hatte, dazu geführt hatte, dass sehr schnell Liebe im Spiel gewesen war. Jetzt wollte ich, so gut es ging, auf eine Freundschaft hinarbeiten. Das war ich ihr schuldig und das war das Mindeste.

»Soweit in Ordnung.«

So kurz angebunden kannte ich sie gar nicht. War alles okay mit ihr? Mir war klar, wenn sie behauptete, dass alles in Ordnung wäre, dass eigentlich nichts in Ordnung war. Knabberte sie doch noch an der Trennung, obwohl diese schon über ein Jahr zurücklag? Ich dachte, wir wären beide darüber hinweg. Vielleicht ließ sich das aber auch leichter sagen, wenn man die Person war, die die Beziehung aufgrund der sexuellen Neigung beendet hatte. Genauer gesagt hatten wir tatsächlich nie Sex miteinander gehabt, lediglich Küssen und die Gefühle. Das hatte leider nicht gereicht, um dauerhaft glücklich zu werden.

»Du willst gerade nicht reden, oder?«, entwich es mir ungewollt, auch wenn ich nicht sicher war, ob es klug war, diese Frage zu stellen. Da sie mich nicht einmal danach gefragt hatte, wie es mir ging, konnte ich mir schon denken, dass Reden gerade nicht das war, was sie wollte.

Am anderen Ende blieb es für einige Sekunden still. Erst dachte ich, Becca hätte aufgelegt, doch dann hörte ich wieder ihre Stimme. »Nicht heute, okay? Sei mir nicht böse, aber lass uns das auf wann anders verschieben.«

Na gut.

Ich verstand, wenn sie nicht mit mir sprechen wollte. Jeder hatte mal einen schlechten Tag. »Meldest du dich wieder?«

»Mach ich. Tschau.«

»Bis dann.«

Sie legte auf und ich sperrte mein Smartphone wieder.

Das war eines der seltsamsten Gespräche, das ich je mit Becca geführt hatte. Vielleicht hatte ich sie gestört, aber immerhin war sie es, die sich heute danach erkundigt hatte, wie es mir ging, wenn auch nur per Messenger. Heute war ein seltsamer Tag.

Langsam schlenderte ich weiter, bis das Haus in Sicht kam, in dem Sylvio als eine von fünf Parteien wohnte. Es war kein offensichtlicher Wohnblock, jedoch etwas nach hinten gezogen, sodass man von vorn nicht vermutet hätte, dass mehr als zwei Familien hier wohnten. Allgemein wirkte die grauweiße Fassade recht unscheinbar, wie auch alle anderen Gebäude um mich herum.

Ob Sylvio das Geld hätte, besser wohnen zu können, wusste ich nicht. Mir war lediglich bekannt, dass er einen Job in einer Sicherheitsfirma gefunden hatte. Wenn ich so daran dachte, was für ein Haudegen er sein konnte und wie er sich damals mit Bran gemessen hatte, passte dieser Beruf ganz gut zu ihm. Besser, als in einem Büro am Schreibtisch zu sitzen.

Die Sonne verschwand hinter einer Wolke, die einen Schatten warf und mich einige Momente von der Hitze erlöste.

‘Bin da‘, schrieb ich und wartete vor der Tür. Jedes Mal, wenn ich davorstand, fragte ich mich, warum man nicht einfach klingeln konnte. Allerdings wohnte er noch nicht so lange in dem Haus und hatte es bislang nicht fertiggebracht, ein Klingelschild zu beschriften. Da eine weitere Wohnung leer stand, wollte ich nicht bei beiden klingeln, weil ich nicht wusste, ob der Mieter ebenfalls kein Klingelschild anbringen konnte oder das Apartment wirklich verlassen war. Einen beschrifteten Briefkasten besaß er jedoch: ‘de Valente‘. Scheinbar portugiesische Wurzeln. Darüber oder über seine Familie hatte er allerdings nie sprechen wollen.

»Komm rein«, war die Antwort auf meine Nachricht.

Während des Wartens warf ich einen Blick auf den eingespeicherten Kontakt von Milten, auf den ich Sylvio noch ansprechen wollte. Vielleicht konnte mir sein Profilbild im Messenger mehr Aufschluss darüber geben, wer er war.

Als ich es vergrößert betrachtete, erschrak ich: Es zeigte einen weißen Wolf!

III - Freundschaft

Das Schloss klickte, während das typische ‘Brrrr‘-Geräusch des Türöffners zu hören war.

Als ich nach oben ging, stand an der Türschwelle schon ein ungeduldig tippelnder Sylvio. »Was brauchst du denn so lange?«, rief er mir freundlich, aber auf seine Weise bestimmt, entgegen.

»Ich bin doch ein alter Mann«, entgegnete ich scherzhaft.

Oben angekommen umarmten wir uns zur Begrüßung und er führte mich nach drinnen. Durch den spärlich eingerichteten Flur wies er mir den Weg ins Wohnzimmer, das größtenteils von einer überdimensionierten Couch ausgefüllt wurde. Anstelle eines Fernsehers hing eine Leinwand herunter und ein Beamer an der Decke surrte leise. Der einige Meter entfernt stehende Esstisch aus Glas war durch die Papiere, Kartons und Briefe kaum zu erkennen, geschweige denn zu benutzen.

Ich hing meine Jacke auf, legte mich entspannt auf die Couch und nahm die Füße hoch. Auch wenn das nicht mein Zuhause war, hatte sich das in den letzten Monaten so eingeschlichen. Das konnte daran liegen, dass wir als Freunde beinahe unzertrennlich waren und wir beide es sehr genossen, uns zu sehen.

»Du machst es dir ja ganz schön bequem, hmm?«

»Jetzt tu doch nicht so, als wäre ich hier nie gewesen«, entgegnete ich lachend.

Sylvio zog die Tür hinter mir zu. »Wohl wahr.« Dann setzte er sich zu mir und sah mich fragend an. »Wie viele Wochen sind es jetzt noch?«

Seufzend richtete ich mich ein wenig auf. »Drei. Ist nicht mehr die Welt, oder?«

»Nein, ist es nicht. Wie geht’s dir damit? Sicher, dass du schon wieder gehen willst?«

»Leider ja.« Ich konnte kaum ruhig sitzen, also stand ich auf und lehnte mich an den Esstisch. »Heimweh ist scheiße. Wäre das nicht, würde ich vermutlich hierbleiben. Ich kann es nicht genau erklären, aber irgendwie zieht es mich wieder nach da unten.«

Sylvio folgte mir mit den Augen, blieb selbst jedoch sitzen und strich teilnahmslos mit dem Handrücken über die Couch. »Also bist du mit deinem Studium durch?«

Nachdenklich betrachtete ich die Decke. »Es fehlen lediglich Französisch und Spanisch. Alle anderen Fächer habe ich durch, die letzte Klausur im Nachtermin geschrieben und das Ergebnis sollte in einer Woche da sein. Mikroökonomie gebe ich mir nur, um eine Lücke im Zeitplan zu füllen. Einen Job habe ich unten auch schon.«

Mein Freund wusste, dass ich mich nicht aufhalten ließ. »Aber dann lass uns diese drei Wochen noch nutzen«, schlug er vor.

Aus dem Augenwinkel erahnte ich für den Bruchteil einer Sekunde Danny, schüttelte jedoch wieder den Kopf, um mir klarzumachen, dass er dort nicht stehen konnte. »Können wir machen. Aber eine Frage hab‘ ich vorher: Kennst du einen Milten?« Ungeachtet der Tatsache, dass nicht mehr viel Zeit mit meinem besten Freund übrig war, wollte ich zumindest erst einmal wissen, wer Milten war und in welchem Verhältnis er zu Sylvio stand. »Er hat mich heute im Bus abgepasst und wusste so einiges über unsere Zeit in Salbrun. Er meint, er kennt dich.«

Mein Gesprächspartner blickte nachdenklich gen Himmel, sein anfängliches Interesse schien einer gewissen Nachdenklichkeit zu weichen, während er hörbar ausatmete. »Das ist schon ewig her. Erinnerst du dich noch an die Geschichte, wie ich zu einem Qädro wurde?«

»Öhhh.« Überlegend schob ich mich ein wenig nach vorn und lief unruhig im Raum herum. »Du meintest ja, du hast einer Arbeitskollegin geholfen, der nachgestellt wurde oder so, richtig?«

Sylvio nickte. »Er ist ihr Bruder.«

»Nicht dein Ernst.« Verwundert zog ich eine Augenbraue hoch. »Aber okay, selbst wenn, dann hat er nichts mit damals zu tun, weil deine Kollegin ja nie zum Qädro gemacht wurde, oder?«

»Warte doch mal.«

Er wollte mich wohl keine vorschnellen Schlüsse ziehen lassen, bislang überraschte mich allerdings tatsächlich, was dieser Kerl mit ihm sonst zu schaffen haben könnte. Na ja, ich kannte Sylvio selbst heute noch nicht sehr gut, aber doch zumindest genug, um mir ein klares Bild verschaffen zu können.

»Dieser Milten hat gesehen, was passiert ist.«

»Wann?«, entwich es mir erschrocken. »Und was gesehen?«

Der Blick des Qädro durchbohrte mich förmlich und deutete ohne Worte an, mich ruhig hinzusetzen, um in Ruhe zuzuhören.

»Als ich meine Kollegin vor dem Qädro beschützen wollte, habe ich den Stein aufgehoben. Ich konnte mich erst nicht mehr bewegen und habe mich dann verwandelt. Das hat Milten gesehen.«

»Wie?!« Direkt nach dem Aussprechen dieser Frage bemerkte ich, wie dumm sie eigentlich war. Ich biss mir auf die Lippe. »Sorry, ich bin blöd.«

»Wie sollte er das schon gesehen haben? Er wollte seine Schwester wohl von der Arbeit abholen, weil sie sich nicht sicher fühlte. Ich gehe davon aus, dass sie ihm von ihrem Verfolger nach Feierabend erzählt hat. Auf jeden Fall kam er danach auf mich zu und wollte alles wissen. Abstreiten habe ich zwar versucht, aber er blieb hartnäckig. Da ich damals selbst nichts wusste, habe ich ihm auch nicht viel erzählen können. Nicht, dass ich es gewollt hätte.«

Ich setzte mich neben meinen Freund und bemühte mich, ihm zuzuhören, ohne dass weitere Fragen aus mir heraussprudelten.

»Dass ich mich anscheinend in einen Wolf verwandeln kann und nach einem Weg suche, das rückgängig zu machen. Wie du siehst, bin ich ja immer noch ein Qädro. Milten hat vermehrt versucht, Kontakt mit mir aufzunehmen, aber ich konnte ihn davon abhalten, mehr über das, was passiert ist, herauszufinden. Er weiß, dass es Clans und, dass es weitere Menschen wie mich gibt. Was auch erklären würde, wie er auf dich kam.«

So nachvollziehbar seine Erklärung zu sein schien, entschlüsselte sie für mich nach wie vor zu wenig. »Und woher weiß er, dass wir hier sind?«

Sylvio bemühte sich um ein Lächeln, während er aufstand und etwas zum Trinken in ein Glas einschenkte. »Das kann dir wohl nur er sagen. Aber da er zwei Jahre dafür gebraucht hat, war es wohl nicht so einfach, wie du jetzt vielleicht denkst.«

»Das habe ich nicht gedacht«, gab ich irritiert zu, während ich zum Balkon schritt und aus dem Fenster sah. »Er weiß wohl mehr, als er mir gesagt hat. Außer meiner Mutter, Becca und den Qädro weiß eigentlich niemand, dass wir hier sind.« Dann dachte ich noch einmal kurz nach und ging die Liste der Personen in meinem Kopf durch. »Oder glaubst du, er kam auch auf Becca zu?«

»Das kann ich nicht ausschließen, Lloyd. Milten hat wohl ein paar Dinge herausbekommen.«

Als ich mich umdrehte, konnte man erkennen, wie Sylvio am Glas nippte. »Also sollte ich mit ihm sprechen?«

Der Qädro stellte das Wasser wieder ab. »Zumindest herausfinden, was er will, falls es dich wirklich interessiert. Ich bleibe dabei, dass ich der Falsche zum Reden mit ihm bin. Soweit ich weiß, ist er keiner der anderen Clans. Dafür stellt er sich zu plump an. Ein Gibsar hätte diese Geduld nicht und ein Pernoy hätte keinen Grund, nach uns zu suchen. Wir sind verstreut. Sie hätten in Salbrun die besten Chancen, ihren Clan zu vergrößern, und nicht hier.«

Bei diesen Worten nahm ich das Handy in die Hand und suchte Miltens Nummer heraus. »Hat er dir auch seine Kontaktdaten gegeben?«

»Er wollte, aber ich habe abgelehnt. Einen weiteren Stalker kann ich nicht gebrauchen und ich wüsste nicht, warum ich ihn kontaktieren sollte. Schließlich hat er bei mir irgendwann von allein aufgegeben. Jetzt sag mir nicht, du willst ihn wirklich kennenlernen.«

Erneut legte ich mich auf die Couch und blickte fragend die Decke an. »Wenn ich das wüsste. Er scheint ja ganz nett zu sein und irgendwie interessiert mich auch, was er zu sagen hat. Vielleicht haben wir Glück und er will wirklich nur wissen, ob wir das in Salbrun waren.«