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Beschreibung

''Alle wollen alt werden, aber keiner will es sein'', so Gustav Knuth, ein deutscher Schauspieler.

Tatsächlich werden die Menschen immer älter, allerdings nehmen im Alter auch chronische Erkrankungen, Multimorbidität, Altersdemenz und Gebrechlichkeit zu.

Dieser Band aus der Reihe Forum Logopädie befasst sich mit den physiologischen Veränderungsprozessen von Kommunikation und Schlucken und der Psychologie und Krankheitsverarbeitung im Alter. Er informiert über die logopädische Diagnostik und Therapie bei alten Menschen, aktuelle Versorgungsmöglichkeiten, Prävention und soziale Unterstützungssysteme.

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EPUB

Seitenzahl: 789

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Forum Logopädie

Logopädie in der Geriatrie

Reihe herausgegeben von Norina Lauer, Dietlinde Schrey-Dern

Sabine Corsten, Anita Gäng, Tanja Grewe, Oliver Glassl

34 Abbildungen

Vorwort der Herausgeberinnen

„Alle wollen alt werden, aber keiner will es sein“, so Gustav Knuth, ein deutscher Schauspieler.

Tatsächlich werden die Menschen in Deutschland immer älter und dieser Trend hält nach Vorhersagen des Statistischen Bundesamts (2011, Ältere Menschen in Deutschland und der EU, www.destatis.de) auch weiter an. Es ist somit absehbar, dass ältere Menschen das Bild unserer Gesellschaft in Zukunft immer stärker prägen werden und wir uns alle auf ein längeres Leben als älterer Mensch einstellen müssen.

Gesundheit spielt beim Älterwerden eine besondere Rolle, denn sie bildet eine wesentliche Basis dafür, auch nach Beendigung der Berufstätigkeit aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Allerdings nehmen im Alter auch chronische Erkrankungen, Multimorbidität, Altersdemenz und Gebrechlichkeit zu. Ältere Menschen benötigen daher häufiger Krankenhausaufenthalte, was zu einer erheblichen Zunahme der Krankheitskosten im Alter führt (Statistisches Bundesamt, 2011, Ältere Menschen in Deutschland und der EU, www.destatis.de).

Gesundheits- und Forschungsprogramme widmen sich immer stärker den Herausforderungen des demografischen Wandels. Beispielsweise beteiligt sich das Robert-Koch-Institut am Nationalen Gesundheitsziel „Gesund älter werden“ (www.gesundheitsziele.de), einer Vereinbarung von verantwortlichen Akteuren im Gesundheitssystem, deren übergeordnetes Ziel die Gesundheit der Bevölkerung darstellt. Der Gesundheitsforschungsrat hat 2011 spezielle Empfehlungen für die Forschung in den Gesundheitsfachberufen formuliert, um eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung in Deutschland zu ermöglichen. Auch in diesen Empfehlungen nimmt der demografische Wandel einen besonderen Stellenwert ein.

Die Angehörigen der Gesundheitsberufe sind besonders gefordert, sich auf die durch den demografischen Wandel entstehenden Veränderungen einzustellen. Es müssen Versorgungssysteme geschaffen werden, um sich den Bedürfnissen älterer Menschen anzupassen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben im Alter zu ermöglichen. Im Austausch mit anderen Disziplinen des Gesundheitswesens müssen sich die in der Logopädie tätigen Therapeutinnen und Therapeuten mit den Besonderheiten in der Versorgung alter und hochaltriger Menschen stärker vertraut machen, um sowohl präventive als auch therapeutische Maßnahmen anbieten zu können, die speziell auf ältere Menschen ausgerichtet sind.

Die vorliegende Publikation widmet sich als erste Publikation dieser Reihe den besonderen Bedürfnissen älterer Menschen mit Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Die Autorinnen stellen die aktuellen Versorgungsmöglichkeiten dar und gehen auf physiologische Veränderungsprozesse, die Psychologie des Alters und die Krankheitsverarbeitung im Alter ein. Im Rahmen der pathologischen Veränderungsprozesse von Kommunikation und Schlucken werden diagnostische und therapeutische Verfahren vorgestellt, bei denen immer wieder die Umsetzung im höheren Lebensalter thematisiert wird. Abschließend werden präventive Maßnahmen und soziale Unterstützungssysteme dargestellt, die neben therapeutischen Maßnahmen von besonderer Relevanz sind.

Wir freuen uns sehr über das Erscheinen dieser spannenden Publikation und wünschen ihr eine große Leserschaft.

Idstein und Aachen, Juni 2017

Norina Lauer

Dietlinde Schrey-Dern

Vorwort

Mit diesem Buch reagieren wir auf die demografischen Veränderungen und die mit der Zunahme älterer Menschen in unserer Gesellschaft verbundenen Herausforderungen für die Logopädie. Erstmalig wird in einem Buch im deutschsprachigen Raum umfassend der sprachtherapeutische Umgang mit älteren Menschen behandelt. Damit greifen wir die Frage nach den Bedingungen eines möglichst selbstständigen und zufriedenen Alterns auf und beleuchten logopädische Ansätze, die zur Verbesserung von Lebensqualität in den Bereichen des physischen Wohlbefindens sowie der sozialen Teilhabe und der Adaption an die Folgen des Alters beitragen.

In Anlehnung an den Gerontologen Andreas Kruse und internationale Forscherinnen wie Linda Worrall steht nicht ausschließlich ein defizitorientierter Blick auf das Alter im Vordergrund. Vielmehr werden auch die Potentiale des Alters wie ein großes Erfahrungswissen oder die fortbestehende Lernfähigkeit betrachtet. Dazu werden praxisbezogen relevante Befunde aus der Sprachtherapie aber auch aus anderen Disziplinen wie der Alternsforschung zusammengetragen. Dieser Idee folgend behandelt das Buch sowohl physiologische als auch pathologische für die Logopädie relevante Veränderungen, die mit dem Alter einhergehen. Im Sinne eines an die Internationale Klassifikation von Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) angelehnten ressourcenorientierten Ansatzes werden deshalb auch Präventionsmaßnahmen, die etwa einer Vereinsamung im Alter entgegenstehen und kommunikative Fähigkeiten fördern, dargestellt.

Zunächst soll Verständnis für die Situation älterer Menschen geschaffen werden. Dazu erfolgt eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Definitionen des Alters. So werden über das numerische Alter hinaus weitere Kriterien wie etwa sozial-kommunikative Aspekte benannt, die das Alter bestimmen. Charakteristika, die das Leben älterer Menschen ausmachen, werden aus der Perspektive verschiedener Disziplinen wie der Biologie, der Psychologie und der Soziologie betrachtet. Um die Lebenssituation umfassend zu beschreiben, werden auch geriatrische Versorgungsstrukturen, ambulante wie stationäre, skizziert. Berücksichtigung finden in diesem Zusammenhang auch die Disziplinen, mit denen die Logopädie interdisziplinär zusammenarbeitet.

In einem eigenen Kapitel wird die Identität im Alter thematisiert. Neben Herausforderungen werden spezifische Ressourcen und Bewältigungsstrategien, die Menschen höheren Lebensalters einsetzen, anhand relevanter Theorien, u.a. aus der Zufriedenheitsforschung, erläutert. Ältere Menschen streben beispielsweise aktiv ein hohes subjektives Wohlbefinden für die verbleibende Lebenszeit an, indem sie etwa kleine, vertraute soziale Netzwerke bevorzugen, die tiefe Beziehungen ermöglichen.

Anschließend werden physiologische Veränderungen des Alters sowohl auf kognitiver Ebene als auch auf motorischer Ebene dargestellt. Hervorzuheben sind hier z.B. Phänomene wie die Presbyphasie und Presbyphagie. Dem Wissen über physiologische altersbezogene Veränderungen kommt insbesondere in der sprachtherapeutischen Diagnostik bei älteren Menschen eine große Bedeutung zu, da nicht alle kommunikativen Auffälligkeiten als pathologisch einzustufen sind. Aus der Darstellung physiologischer Veränderungen lassen sich im weiteren Verlauf auch präventive Maßnahmen ableiten.

Die pathologischen Veränderungen werden entsprechend auch auf der kognitiven wie der motorischen Ebene beschrieben. Thematisiert werden im Hinblick auf die Kognition zunächst leichte kognitive Einschränkungen. Es folgt eine Betrachtung progredienter Sprachstörungen, die durch unterschiedliche Formen dementieller Erkrankungen, wie z.B. der Alzheimer Demenz, ausgelöst werden. Auch altersspezifische Besonderheiten aphasischer Symptome werden betrachtet. Berücksichtigung finden dabei jeweils auch die psycho-sozialen Folgen. Hinsichtlich der Sensomotorik erfolgt zunächst ein Überblick über pathologische Veränderungen der Sprechmotorik und ihre spezifischen Auswirkungen im höheren Alter, bevor anschließend die Dysphagie im Alter mit ihren besonderen Risiken und möglichen Komplikationen diskutiert wird. In der therapeutischen Arbeit mit älteren Menschen nimmt dieser Bereich eine immer entscheidendere Rolle ein.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit diagnostischen Maßnahmen bezogen auf die bereits beschriebenen pathologischen Veränderungen in der Kognition und der Sensomotorik. Vorgestellt werden sowohl funktionsorientierte Ansätze als auch solche, die Teilhabe und Lebensqualität im Fokus haben. Da nicht alle Testverfahren und -batterien spezifisch zur Untersuchung älterer Menschen konzipiert wurden, werden die einzelnen Verfahren insbesondere hinsichtlich ihrer diesbezüglichen Eignung analysiert.

Bei der sich anschließenden Betrachtung therapeutischer Maßnahmen werden sowohl störungsspezifische als auch funktionsbezogene therapeutische Ansätze diskutiert. Im weiteren Verlauf stehen aktivitäts- und partizipationsbezogene sowie lebensqualitätsorientierte Interventionen im Mittelpunkt. Relevant sind hier nicht nur Maßnahmen mit einem ursprünglich sprachtherapeutischen Schwerpunkt sondern auch Ansätze, die aus anderen Bereichen wie der Pädagogik oder der Neuropsychologie stammen und in modifizierter Form auch sprachtherapeutisch zum Einsatz kommen können. In diesem Rahmen wird auch die Arbeit mit dem Umfeld thematisiert. Insbesondere geht es um die spezifische Anwendung der Methoden bei älteren Menschen unter Berücksichtigung der Lernfähigkeit im höheren Alter. Hier werden auch Prinzipien für die sprachtherapeutische Intervention im Alter abgeleitet. Bedeutsam sind in diesem Kontext u.a. ausreichend viele Wiederholungen der Lerninhalte sowie regelmäßige Pausen und kürzere Lernintervalle. Soweit vorhanden, finden immer auch Wirksamkeitsnachweise der unterschiedlichen Maßnahmen Berücksichtigung.

Im abschließenden Präventionskapitel stehen insbesondere das gesunde Altern und der damit zusammenhängende Versorgungsbedarf im Mittelpunkt. Diskutiert werden verschiedene Komponenten, die den physiologischen Alterungsprozess beeinflussen. Besonders hervorgehoben wird dabei die Bedeutung des sozialen Umfelds älterer Menschen. Vorgestellt werden Präventionsmaßnahmen mit dem Schwerpunkt Kommunikation und Teilhabe.

Nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex rund um das Altern sind wir nun – 3 Jahre und 3 Kinder später – stolz, das Buch „Logopädie in der Geriatrie“ vorlegen zu können. Laut der Gerontologen Kruse und Wahl ist die moderne Gerontologie eine Kunst in der praktischen Umsetzung. Dies gilt sicher auch für die Logopädie in der Geriatrie. Um den Herausforderungen des demografischen Wandels begegnen zu können, müssen die Bezugspersonen älterer Menschen mit entsprechendem Wissen ausgerüstet werden. Dazu soll dieses Buch einen Beitrag leisten. Durch entsprechend aufgezeigte Anwendungspotenziale sollen Sprachtherapeutinnen und Sprachtherapeuten sich eine spezifische Haltung mit einer adäquaten Sicht auf das Alter und mögliche Vorgehensweisen, beruhend auf interdisziplinären Erkenntnissen, aneignen können. Damit möchten wir zu einer ersten kunstvollen Umsetzung in die Praxis anregen.

Wir danken unserer Co-Autorin, Anita Gäng, und unserem Co-Autor, Oliver Glassl, für deren Mitarbeit im Bereich der sensomotorischen Themen. Besonders bedanken möchten wir uns bei unseren Familien für deren Geduld und Unterstützung während der Phase der Manuskripterstellung!

Mainz und Idstein, Mai 2017

Sabine CorstenTanja Grewe

Hinweis zum Text

Im Interesse der Lesbarkeit wird im vorliegenden Buch auf eine geschlechtliche Differenzierung verzichtet. Bei Personenbezeichnungen wird das generische Maskulinum verwendet. Personen des anderen Geschlechts sind jeweils mit eingeschlossen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Herausgeberinnen

Vorwort

Hinweis zum Text

1 Einführung in das Arbeitsfeld Geriatrie

1.1 Überblick

1.2 Definition des Begriffs Alter

1.3 Demografischer Wandel

1.4 Versorgungsalltag

1.4.1 Alter/n aus Sicht verschiedener Disziplinen

1.4.2 Charakteristika des Alterns

1.5 Versorgungsnetz

1.5.1 Versorgungsstrukturen

1.5.2 Disziplinen in der geriatrischen Versorgung

2 Psychologie des Alters

2.1 Überblick

2.2 Identitätsbild im Alter

2.2.1 Altersspezifische Herausforderungen

2.2.2 Kommunikative Verarbeitung

2.2.3 Altersidentität

2.3 Theorien zum erfolgreichen Altern

2.3.1 Modell der Selektion, Optimierung und Kompensation (SOK)

2.3.2 Lebenslauftheorie der Kontrolle

2.3.3 Zwei-Prozess-Modell des Copings

2.4 Krankheitsverarbeitung im Alter

2.4.1 Gelingende Krankheitsverarbeitung

2.4.2 Bewältigung spezifischer Erkrankungen im Alter

3 Physiologische Veränderungsprozesse im Alter

3.1 Überblick, ICF-Modell

3.2 Physiologische Veränderungsprozesse der Kognition

3.2.1 Theorien zu altersspezifischen Veränderungen

3.2.2 Denkfunktionen

3.2.3 Kommunikative Funktionen

3.2.4 Schriftsprachliche Funktionen

3.3 Physiologische Veränderungsprozesse der Sensomotorik

3.3.1 Stimm- und Sprechfunktion

3.3.2 Schluckfunktion

4 Pathologische Veränderungsprozesse im Alter

4.1 Epidemiologie und Überblick

4.1.1 Epidemiologische Begriffe

4.1.2 Einführung altersassoziierter neurologischer Erkrankungen

4.2 Pathologische Veränderungsprozesse der Kognition

4.2.1 Leichte kognitive Beeinträchtigung

4.2.2 Progrediente Sprachstörungen

4.2.3 Aphasie

4.3 Physiologische Veränderungsprozesse der Sensomotorik

4.3.1 Pathologische Veränderungen der Sprechmotorik

4.3.2 Dysphagie

5 Diagnostik bei älteren Menschen

5.1 Geriatrisches Assessment

5.2 Diagnostik im Bereich Kognition

5.2.1 Diagnostik bei Demenz

5.2.2 Diagnostik bei Aphasie

5.3 Diagnostik bei stimm- und sprechmotorischen Störungen

5.3.1 Stimme und Sprechen

5.3.2 Diagnostik bei Dysphagie

6 Therapie bei älteren Menschen

6.1 Ziele und Bedingungen

6.2 Therapie bei kognitiven Störungen

6.2.1 Therapie bei Demenz

6.2.2 Therapie bei Aphasie

6.3 Therapie bei sensomotorischen Störungen

6.3.1 Therapie bei sprechmotorischen Störungen

6.3.2 Therapie bei Dysphagien

7 Prävention

7.1 Gesundes Altern

7.2 Versorgungsbedarf und präventive Maßnahmen

7.2.1 Kommunikationsstrategien im Umgang mit älteren Menschen

7.2.2 Zur Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen

7.3 Soziale Unterstützungssysteme

7.3.1 Freiwilliges Engagement

7.3.2 Selbsthilfearbeit

8 Literatur

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

1 Einführung in das Arbeitsfeld Geriatrie

Sabine Corsten, Tanja Grewe

1.1 Überblick

Sabine Corsten, Tanja Grewe

Die Geriatrie beschäftigt „(…) sich mit den körperlichen, geistigen, funktionalen und sozialen Aspekten in der Versorgung von akuten und chronischen Krankheiten, der Rehabilitation und Prävention alter Patientinnen und Patienten sowie deren spezieller Situation am Lebensende (…).“ ▶ [269]. Eine ausführliche Definition findet sich in der Ausarbeitung einer Expertenkommission der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie sowie der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie ▶ [161]. Definitorisch wird zunächst die Gruppe älterer Menschen genauer beschrieben, die einen hohen Grad an Vulnerabilität aufweist und häufig unter Mehrfacherkrankungen leidet. Es geht um Veränderungen auf der somatischen, der personalen sowie der sozialen Ebene. Der „geriatrische Patient“ wird u.a. dadurch charakterisiert, dass eine erhöhte Gefahr für die Chronifizierung von Erkrankungen und den Verlust von Selbstständigkeit besteht. Hier wird bereits deutlich, dass eine rein altersbasierte Beschreibung des geriatrischen Patienten nicht ausreicht. Es geht vielmehr um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, welche die älteren Menschen ausmachen und den Interventionsbedarf bestimmen. Weiterhin ergibt sich aus der Definition, dass das diagnostische und therapeutische Vorgehen, das hier vor große Herausforderungen gestellt wird, in besonderem Maße angepasst werden muss. Im Sinne der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) der Weltgesundheitsorganisation ▶ [1201] wird ein spezifischer, ganzheitlicher Ansatz in einem multidisziplinären Team notwendig. Ziel ist über die Optimierung des funktionellen Status hinaus die Verbesserung von Teilhabe und Lebensqualität.

Die Entwicklung geriatrischer Konzepte wird umso dringlicher angesichts der zu erwartenden gesellschaftsstrukturellen Veränderungen. So wird etwa die Gruppe der Menschen, die 65 Jahre und älter sind, zwischen 2008 und 2030 um ca. ein Drittel von 16,7 Mio. auf 22,3 Mio. Personen zunehmen ▶ [1073]. Damit muss sich auch die Logopädie verstärkt auseinandersetzen. Die dafür relevanten Theorien und Ansätze sollen in diesem Buch zusammenführt und systematisch aufbereitet werden. In diesem Kapitel wird nun zunächst auf die verschiedenen Definitionen des Alters und den demografischen Wandel eingegangen. Anschließend wird der Versorgungsalltag unter Berücksichtigung verschiedener Disziplinen dargestellt. Hier werden auch altersassoziierte Erkrankungen erläutert. Abschließend wird das geriatrische Arbeitsfeld mit seinem Versorgungsnetz beschrieben. Die Expertise der relevanten Disziplinen aus dem Bereich der Therapie- und Rehabilitationswissenschaften wird skizziert. Damit soll die Basis geschaffen werden, um weitere theoretische Überlegungen zum Alter und logopädisch relevante physiologische und pathologische Veränderungen sowie entsprechende Interventionsansätze zu beleuchten.

1.2 Definition des Begriffs Alter

Tanja Grewe

Die Definition des Begriffs „alt“ erfordert eine Berücksichtigung unterschiedlicher Einflussfaktoren.

Chronologisches Alter Eine mögliche Unterscheidung in jung und alt bietet das chronologische Alter. Vor dem Hintergrund, dass altersrelatierte kognitive Einschränkungen oftmals ab einem Lebensalter von 65 Jahren beobachtet werden ▶ [667], ▶ [683], ▶ [1200], definieren viele Autoren 65 Jahre als Grenze zwischen jüngeren und älteren Erwachsenen (vgl. ▶ [662]). Als gesichert gilt, dass kognitive Leistungen gesunder älterer Menschen wie auch deren Performanz im Alltag von Person zu Person variieren und interindividuelle Unterschiede hinsichtlich der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten, wie z.B. der Arbeitsgedächtnisleistungen, im höheren Alter zu beobachten sind ▶ [683]. Der mit ca. 65 Jahren beginnende kognitive Abbau wird unterschiedlich gut kompensiert, sodass einige ältere Menschen mehr und andere wiederum weniger stark ausgeprägte kognitive Abbauprozesse aufweisen ▶ [259], ▶ [660].

Vereinzelt wird diese Grenze bereits 5 Jahre vor dem 65. Lebensjahr oder auch noch eher gezogen ▶ [718]. Im Folgenden wird aufgrund der beginnenden Abbauprozesse aber das 65ste Lebensjahr als numerische Schwelle zwischen jung und alt angenommen.

Auch die World Health Organization (WHO ▶ [1200]) beschreibt ein Lebensalter von 65 Jahren als ein Alter, in welchem Personen in vielen Ländern als älter bzw. alt eingestuft werden. Diese Zahl scheint sich grob am Beginn des aktuell klassischen Ruhestandsalters zu orientieren. Einschränkend wird im Hinblick auf eine solche relativ willkürliche Einstufung jedoch angeführt, dass es sich bei Unterteilung in jung und alt um eine eher westlich geprägte Ansicht handelt, die z.B. die Situation in Entwicklungsländern weniger gut abbildet.

Menschen im Alter von 65 bis 75 Jahren werden numerisch oftmals als „jung-alt“ eingestuft, wohingegen Menschen im Alter von 75 bis 85 Jahren als „alt-alt“ und über 85-Jährige als „sehr alt“ klassifiziert werden ▶ [729], ▶ [769].

Zwar lässt das Konzept des numerischen Alters zunächst eine gewisse Konsistenz und Linearität vermuten, ein Lebensalter lässt sich jedoch in unterschiedlichen Kontexten als eher alt oder aber als eher jung einordnen. Während ein Ministerpräsident mit 40 Jahren als verhältnismäßig jung angesehen werden kann, würde ein 40-jähriger Therapeut in seinem beruflichen Umfeld wahrscheinlich bereits als etwas älter bzw. erfahrener eingestuft werden. Ebenso kann sich die Sichtweise relativ zum Entwicklungsstatus des Landes verändern. Wenn eine aktive Teilhabe am alltäglichen Leben z.B. aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr möglich ist, so kann ein Mensch insbesondere in Entwicklungsländern ggf. bereits ab einem Alter von 50 Lebensjahren als alt angesehen werden ▶ [1200].

Merke

Bei der Einordnung des Begriffs Alter sind somit neben dem chronologischen Alter, das direkt am Kalender abzulesen ist, auch andere beeinflussende Aspekte zu berücksichtigen. Dazu zählen biologische, soziale und psychologische Marker.

Biologisches Alter Das biologische Substrat beinhaltet Aspekte der biologischen bzw. körperlichen Entwicklung und wirkt sich auf die Funktionsfähigkeit eines Menschen aus. In Anlehnung an die International Classification of Functioning and Health (ICF) zählen zu diesem Bereich die Inhalte der Körperstruktur ▶ [1202]. Biologische Abbauprozesse können Gefäße oder Organe betreffen. Darunter fallen u.a. Gefäßerkrankungen, wie Arteriosklerose, entzündliche Erkrankungen, wie rheumatoide Arthritis, und degenerative chronische Erkrankungen des Gehirns, wie ein demenzieller Prozess. Auch plötzlich auftretende Ereignisse sind im Hinblick auf die Gefäße zu nennen, wie z.B. ein Insult. Nicht unerheblich ist in diesem Kontext zudem die genetische Konstitution eines Menschen. Verschiedene biologisch-genetisch hervorgerufene Veränderungen im Alter bedingen auch eine reduzierte neuronale Plastizität des Gehirns ▶ [62]. Strukturell bilden sich bei Menschen im höheren Alter z.B. ab dem 50. Lebensjahr Plaques und Fibrillen, während gleichzeitig das Gehirnvolumen aufgrund eines Wasserverlusts abnimmt. Von der Volumenreduktion sind nicht alle kortikalen Regionen gleichermaßen betroffen. Vielmehr konzentriert sich dieser Prozess auf bestimmte Areale, wie z.B. die Substantia nigra im Mittelhirn (Mesencephalon), das Limbische System mit dem Hippocampus sowie der Amygdala, die Region um den dorsolateralen Frontalkortex und die Substantia alba (bestehend aus Nervenfasern/Axonen – „weiße Substanz“ genannt aufgrund der Färbung der umgebenden Myelinscheiden, s. auch ▶ [461], ▶ [907]). Zentrale neuronale Bereiche und primäre Sinnesareale, sog. Assoziationskortizes, bleiben von den beschriebenen Abbauprozessen eher verschont ▶ [568]. Aufgrund der erschwerten Reizweiterleitung dauern Lernprozesse im Alter i.d.R. länger. Eine höhere Anzahl an Wiederholungen ist notwendig und mehr kognitive Kapazität wird beansprucht. Zwar besteht im Alter ein Verlust an Nervenzellen, gleichzeitig entsteht aber in bestimmten Regionen (z.B. im Neokortex und im Hippocampus) eine höhere Anzahl von Dendriten, die eine Kompensation beginnender altersbedingter kognitiver Einschränkungen ermöglichen (s. auch Kap. ▶ 3 zum physiologischen Alterungsprozess).

Erschwert wird das Lernen neuer Gedächtnisinhalte aber auch aufgrund einer Abnahme an Neurotransmittern, wie z.B. Dopamin. Die damit in Verbindung stehende Volumenabnahme lässt sich u.a. im präfrontalen Kortex feststellen. Betroffen sind hier synaptische Verbindungen. Auch der Dopaminmangel wirkt sich negativ auf eine schnelle Verarbeitung neuer Informationen aus.

Die Wahrscheinlichkeit bestimmter gesundheitlicher Abbauprozesse erhöht sich mit zunehmendem Alter. Ein physiologischer Alterungsprozess startet ca. zwischen dem 50. und dem 65. Lebensjahr und lässt sich mit dem Terminus Eugerie beschreiben. Möglich ist aber auch ein genetisch bedingtes vorzeitiges Auftreten von Alterungsprozessen vor dem Erreichen des 20. Lebensjahres (Progerie) oder ein – ebenfalls auf genetischen Anlagen basierendes – verzögertes Altern mit einem Beginn nach dem 65. Lebensjahr (Diatrigerie, s. auch ▶ [876]). Das biologische Alter stellt somit im Vergleich zum chronologischen Alter ein anderes Konzept der Altersbeschreibung dar.

Soziale Aspekte Eine weitere Rolle bei der Einschätzung des Alters einer Person spielen soziale Aspekte. Soziale Veränderungen finden z.B. statt, wenn das Berufsleben endet bzw. wenn Eltern in die Großelterngeneration übergehen. Auch die ständig wachsende Lebenserfahrung eines Individuums und nicht zuletzt das Versterben nahestehender Personen kann Veränderungen des sozialen Umfelds bedingen ▶ [345]. Sehr aktiv am Leben teilhabende Menschen wirken oftmals jünger auf andere als sie eigentlich sind, wohingegen Personen, die sich eher aus dem sozialen Leben zurückziehen und isolieren, nicht selten älter auf ihr Umfeld wirken. Familienanschluss und sozialer Austausch mit Freunden, Nachbarn und Bekannten scheinen dabei eine wesentliche Rolle einzunehmen. Zu berücksichtigen sind neben der Lebensweise auch sozioökonomische Aspekte, wie Bildung und beruflicher Werdegang eines Menschen.

Psychologische Aspekte Fiehler und Thimm ▶ [342] sehen zudem ein interaktiv-kommunikatives Altern, womit die Möglichkeit umschrieben wird, sich selbst prototypisch alt oder jung zu verhalten und dementsprechend zu interagieren. Das interaktiv-kommunikative Konzept des Alters lässt sich unter dem Gesamtbegriff der psychologischen Faktoren des Alterns einordnen, welche das Verhalten älterer Menschen grundlegend beeinflussen können. Darunter fällt beispielsweise die Art des emotionalen Umgangs (Coping) eines Menschen mit Problemen, die gehäuft im Alter auftreten (z.B. körperliche Einschränkungen, Verlust des Partners). Alternde Menschen selber nehmen ihren Alterungsprozess und damit auch sich selbst unterschiedlich positiv oder negativ wahr (zur individuellen Lebensqualität s. auch Kap. ▶ 2.3).

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann der Alterungsprozess durch diese vier Aspekte (chronologisch, biologisch, sozial, psychologisch) beeinflusst werden ( ▶ Abb. 1.1). Dabei müssen nicht alle Bereiche miteinander interferieren, sondern es können auch einzelne im Vordergrund stehen. Fiehler und Thimm sprechen diesbezüglich vom „(…) mentalen Hintergrund für die Erfahrung von Alter und das explizite oder implizite Relevantwerden von Alter in der Interaktion und Kommunikation.“ ( ▶ [342], S. 8). Nachlassende körperliche Funktionen erhöhen jedoch die Wahrscheinlichkeit für eine soziale Vereinsamung einer Person und können sich dann auch auf die psychische Verfassung der Person auswirken ▶ [345], ▶ [950].

Insgesamt betrachtet lässt sich das Altern mithilfe der über die rein chronologische Betrachtung hinausgehenden biologischen, sozialen und psychologischen Aspekte als Prozess beschreiben. Von Seneszenz wird demgegenüber gesprochen, wenn ausschließlich der Ergebniszustand eines Alterungsprozesses betrachtet wird, also bereits mehrere funktionelle altersbedingte Einschränkungen vorliegen.

Phänomene des Alters.

Abb. 1.1

1.3 Demografischer Wandel

Tanja Grewe

Hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung ist festzustellen, dass die Gruppe der Menschen im Alter von 65 und mehr Jahren erheblich ansteigen wird. So verdeutlicht ein Vergleich von 2008 bis 2030 eine Zunahme dieser Altersgruppe um ca. ein Drittel (33%) von 16,7 Mio. auf 22,3 Mio. Personen (vgl. ▶ [1073]). Die Lebenserwartung nimmt weiter zu und beläuft sich im Jahr 2030 für neugeborene Mädchen auf 85,7 Jahre, während neugeborene Jungen eine Lebenserwartung von 81 Jahren haben werden (Berechnungsvariante: Untergrenze der mittleren Bevölkerung ▶ [1073]). ▶ Abb. 1.2 zeigt den Verlauf zweier Vorausberechnungsvarianten der Lebenserwartung für Mädchen und Jungen von 1959 bis 2060.

Entwicklung der Lebenserwartung.

Abb. 1.2 Vorausberechnung der Lebenserwartung von Mädchen und Jungen (L1: Basisannahme; L2: Annahme mit weiterer Zunahme der durchschnittlichen Lebenserwartung) (Quelle: Statistisches Bundesamt 2009 ▶ [1074], S. 4).

Aktuell erreicht jeder zweite Verstorbene ein Alter von mindestens 80 Jahren ▶ [1073]. Während derzeit 4% der Bevölkerung 80 Jahre bzw. älter sind, werden im Jahr 2050 nach Vorausberechnungen sogar 12% der Bevölkerung dieses hohe Lebensalter erreichen (vgl. ▶ [168]). Erwartet werden somit im Verhältnis zur jüngeren und erwerbstätigen Bevölkerung wesentlich mehr Senioren. Die Anzahl der Sterbefälle liegt derzeit zwischen 820000 und 850000 Personen jährlich und wird sich in den nächsten Jahrzehnten aufgrund der Zunahme älterer Personen voraussichtlich leicht erhöhen ▶ [1073]. Die Verschiebung innerhalb der Altersgruppen zwischen 2008 und 2060 lässt sich im Kreisdiagramm verdeutlichen ( ▶ Abb. 1.3).

Bevölkerung nach Altersgruppen.

Abb. 1.3 Alterszusammensetzung der Bevölkerung 2008 und 2060 (Quelle: Statistisches Bundesamt 2009 ▶ [1074], S. 10).

Häufig zu sehen ist eine grafische Darstellung der Bevölkerungsentwicklung in Pyramidenform ( ▶ Abb. 1.4). Während diese Alterspyramide im Jahr 1910 noch eine klassische Pyramidenform hatte, wird sie sich vor dem Hintergrund der zuvor beschriebenen Aspekte (niedrige Fertilitäts- bzw. Gesamtfruchtbarkeitsrate und Mortalitäts- bzw. Sterberate; spezifischere Begriffserläuterung s. Kap. ▶ 4) innerhalb der nächsten Jahrzehnte in Richtung einer inversen Pyramide entwickeln.

Alterspyramide.

Abb. 1.4 Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland (Quelle: Statistisches Bundesamt 2009 ▶ [1074], S. 15).

Der Terminus „demografischer Wandel“ beschreibt eine Bevölkerungsentwicklung, die sowohl durch eine alternde als auch in der Gesamtzahl abnehmende Gesellschaft charakterisiert ist. Die geringere Gesamtbevölkerungszahl ist dabei auf die konstant niedrige Geburtenrate von durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau bei einem bis 2020 ansteigenden Gebäralter um ca. 1,6 Jahre zurückzuführen ▶ [1073]. Im Jahr 2013 lag das durchschnittliche Gebäralter der Frau bei der Geburt des ersten Kindes bei 30,7 Jahren, ein Anstieg um ein knappes halbes Jahr wird bis 2020 erwartet ▶ [1075]. Ein weiterer Aspekt des demografischen Wandels ist die aufgrund von Migration veränderte Gesellschaftsstruktur. Betrachtet wird beim Thema Demografie die sog. Bevölkerungsbilanz. ▶ Abb. 1.5 stellt die drei Hauptaspekte des demografischen Wandels dar.

Hauptaspekte der Bevölkerungsentwicklung.

Abb. 1.5

Insgesamt wird aus den beschriebenen Zahlen ein wachsender Versorgungsbedarf für ältere Menschen resultieren, da das Alter ein entscheidender Einflussfaktor für die Prävalenz, also die Anzahl erkrankter Personen in dieser Bevölkerungspopulation, ist. Die Krankheitshäufigkeit (s. auch Kap. ▶ 4 zu Inzidenz und Prävalenz) steigt mit zunehmendem Alter deutlich an, so nehmen z.B. Mehrfacherkrankungen im Sinne einer Multimorbidität zu ▶ [168]. Funktionelle Einschränkungen und Erkrankungen bringen häufig eine reduzierte Mobilität mit sich (z.B. bezogen auf körperlich anstrengende Freizeitaktivitäten, Beweglichkeit im Alltag und Körperpflege) und gehen oftmals mit einer signifikanten Zunahme der Pflegebedürftigkeit einher ▶ [1073]. Im Hinblick auf die betroffenen Personen selbst werden diese alterstypischen Veränderungsprozesse nicht selten von Einschränkungen im sozialen Austausch mit Familie, Freunden und Bekannten begleitet.

Die Abnahme der körperlichen Funktionsfähigkeit sowie die damit einhergehende Reduktion der Mobilität im höheren Alter betreffen Frauen stärker als Männer. Offenbar liegt diese reduzierte körperliche Funktionsfähigkeit an einer höheren Auftretenshäufigkeit chronischer Erkrankungen, wie z.B. Osteoporose, bei Frauen, während Männer öfter Krankheiten mit tödlichem Ausgang erleiden ▶ [168].

1.4 Versorgungsalltag

Sabine Corsten

Bei der Auseinandersetzung mit den Merkmalen des Alters zeigt die Altersforschung, dass insbesondere die Anpassung an kritische Lebensereignisse wie beispielsweise den Tod des Lebenspartners, körperliche Einschränkungen wie zunehmende Immobilität, Verlust von Autonomie, eintretende Behandlungs- und Pflegebedürftigkeit, Veränderung der Wohnsituation bis hin zu einer institutionellen Pflege im Vordergrund stehen ▶ [51]. Dabei verändern sich die sozialen Netzwerke ebenfalls ▶ [587]. Die Zahl der Sozialbeziehungen nimmt häufig ab und die sozialen Verhältnisse erfahren eine Umdeutung dahingehend, dass der Unterstützungsbedarf sich maximiert, während die Gegenseitigkeit in den sozialen Beziehungen abnimmt (s. auch Kap. ▶ 2).

Das Altern als Prozess mit der Herausbildung der kennzeichnenden Charakteristika wird in verschiedenen Disziplinen wie z.B. der Biologie, der Psychologie und der Soziologie aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet. In der Gerontologie, der Alternsforschung, soll ein die Erkenntnisse aus diesen Fächern einender, interdisziplinärer Blick gelingen. So lautet eine Definition der Gerontologie:

Definition

„Gerontologie beschäftigt sich mit Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und Alters, einschließlich der Analyse von altersrelevanten und alterskonstituierenden Umwelten und sozialen Institutionen“ ( ▶ [59], S. 8).

Das bedeutet außerdem, dass neben der Veränderung von Persönlichkeit und Kompetenzen auch die sozialgesellschaftlichen Rahmenbedingen und das Wechselspiel zwischen alterndem Individuum und Gesellschaft berücksichtigt werden. Unter dieser Prämisse werden das Alter wie das Altern im Bereich der Forschung und auch der Versorgung untersucht. Während das Alter als Lebensabschnitt ab dem 65. Lebensjahr definiert werden kann (s. Kap. ▶ 1.3), der von kalendarischen, biologischen, sozialen und psychologischen Veränderungen geprägt ist, hebt der Begriff des Alterns eben diesen Prozesscharakter des „Altwerdens“ hervor. Es geht dabei darum, die individuellen Veränderungsprozesse, die zum Altern führen bzw. diesem zugrunde liegen, nachzuzeichnen (vgl. ▶ [132], S. 8). Im vorliegenden Kapitel soll ausgehend von den unterschiedlichen Konzeptionen der genannten Disziplinen herausgearbeitet werden, was das Alter im somatischen wie psychischen und im funktionalen Bereich kennzeichnet, was also die Charakteristika sind, die das Leben älterer Menschen ausmachen. Darüber hinaus wird kurz skizziert, wie das Alter subjektiv empfunden wird.

1.4.1 Alter/n aus Sicht verschiedener Disziplinen

Die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen beschreiben den Prozess des Alterns durchaus unterschiedlich.

Biologie In der Biologie herrscht eine verlustbetonte Definition vor. Das Altern wird begriffen als ein Prozess intrinsischen, fortschreitenden und generellen körperlichen Abbaus, der ungefähr mit der Geschlechtsreife einsetzt (vgl. ▶ [382], S. 16). Altern meint demzufolge irreversible Veränderungen des Organismus in Abhängigkeit von der Zeit, womit dessen Adaptions- und Funktionsfähigkeit stetig abnimmt. Obschon Altern im biologischen Sinne nicht mit Krankheit gleichzusetzen ist, geht das Altern einher mit einer erhöhten Vulnerabilität bis hin zu einer exponentiellen Wahrscheinlichkeitszunahme zu erkranken oder zu sterben. Es kann hier zwischen primärem und sekundärem Altern differenziert werden, wobei primäres Altern die physiologischen Zellveränderungen meint, die unabhängig von äußeren Einflüssen intrinsisch bestimmt stattfinden. So ist die Lebenserwartung z.B. durch die genetische Ausstattung (mit)bestimmt. Während bis zum 85. Lebensjahr die Mortalitätswahrscheinlichkeit exponentiell zunimmt, zeigt sich für noch ältere Menschen eine abflachende Sterberate, was auf die Erbanlagen zurückgeführt wird ▶ [607]. Demzufolge sind die genetischen Mechanismen, die die Erhaltung von Zellen und die Reparatur bei Zellschäden steuern, ein entscheidender Faktor für die Lebenserwartung. Sekundäres Altern definiert im Gegensatz dazu die Folgen, die sich aus pathologischen Prozessen einhergehend mit dem Lebensstil, also extern beeinflusst, ergeben und die sich auf die Lebenserwartung auswirken. Ernährung, Bewegungsmuster etc. können die zellulären Schädigungen positiv oder negativ beeinflussen.

Psychologie Dem verlustorientierten Blick der Biologie auf das Altern stellt die Psychologie eine vielschichtige Perspektive gegenüber. Im Mittelpunkt stehen die Veränderungen der geistigen Leistungen, des Erlebens und des Verhaltens. Hierbei werden auch positive Wechsel wie die Intelligenzentwicklung über die Lebenszeit berücksichtigt. Es wird differenziert zwischen der Mechanik und der Pragmatik der Intelligenz. Während Erstere insbesondere die Schnelligkeit von Wahrnehmungsprozessen und Denkfähigkeit umfasst, die neuronal bedingt sind und somit biologischen Abbauprozessen unterliegen, bezieht sich die Pragmatik auf Wissen und Können, also auf sprachliche Fähigkeiten, kulturgebundenes Wissen sowie Welt- und Erfahrungswissen. Damit ist die Pragmatik weniger altersabhängig. Im Gegenteil benötigen pragmatische Kompetenzen Zeit zur Entwicklung und kommen z.T. erst in höherem Lebensalter zur Entfaltung. Jedoch auch hier zeigen sich in hohem Alter Verluste, die aber weniger stark und gravierend ausfallen als in der Mechanik ▶ [727].

Weiterhin betont die Psychologie stärker als die Biologie die Beeinflussbarkeit der Alternsprozesse. So werden verstärkt Ansätze zur Gesundheitsförderung und Prävention diskutiert, wobei auch interindividuelle Unterschiede betrachtet werden. In einer Untersuchung konnte beispielsweise gezeigt werden, dass ein hoher Bildungsgrad, ein anspruchsvoller Beruf und ein hohes Einkommen als eine Art Schutz beim Abbau geistiger Leistungsfähigkeit wirken ▶ [901]. Da die Einbußen auf höherem Niveau einsetzen, sinkt die Wahrscheinlichkeit gravierender Leistungsverluste bis hin zu einer statistischen Reduktion demenzieller Erkrankungen. Über den Einfluss sozialgesellschaftlicher Rahmenbedingungen auf das Altern hinaus werden auch hier wieder interindividuelle Unterschiede im Umgang damit thematisiert. So sieht die Psychologie das Altern als dynamischen Prozess, in dem sich neben sozialen Veränderungen, wie dem Rückgang sozialer Beziehungen, auch eine zunehmende Anpassungsfähigkeit ausbildet. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Anpassungskompetenzen insbesondere im hohen Alter durch die biologischen Veränderungen an ihre Grenzen kommen.

Soziologie In der Soziologie wird nun gerade die gesellschaftliche Perspektive auf das Altern fokussiert. Durch die Betrachtung sozialer Strukturen, die gesellschaftliche Bedeutung des Alterns und individueller Altersprozesse soll ein tieferes Verständnis des Alterns gelingen. Dabei wird das individuelle Altern vor dem Hintergrund lebenslanger Sozialisationsprozesse gesehen. Die während des Lebens gesammelten Erfahrungen werden als kumulierte Einflussfaktoren für die Gesundheit im Alter gesehen, so werden eine geringere Bildung oder eine belastende Arbeitssituation als Risikofaktoren definiert. Wie in der Psychologie wird auch hier die mit der Phase des Alters – die mit dem Übergang in den Ruhestand beginnt – einhergehende verminderte soziale Teilhabe betrachtet. Hierbei liegt jedoch der Fokus darauf zu untersuchen, inwieweit gesellschaftliche Veränderungsprozesse die Biografie älterer Menschen beeinflussen, und ob die Alternsprozesse entsprechend zwischen verschiedenen Generationen variieren. Weiterhin wird die sich verändernde gesellschaftliche Stellung eines Menschen mit zunehmendem Alter beleuchtet. Die Ergebnisse können auf einem Kontinuum von einem späten Freiheitsgefühl bis hin zu sozialer Schwäche eingeordnet werden.

Zusammenfassung

Die verschiedenen Wissenschaften betrachten das Alter bzw. Altern aus verschiedenen Blickwinkeln. In der Biologie herrscht eine verlustorientierte Perspektive vor. So wird das Altern als fortschreitender körperlicher Abbauprozess begriffen. Die Psychologie hingegen beschäftigt sich darüber hinaus auch mit den positiven Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit im Erleben und Verhalten. Die Soziologie ergänzt diese Sicht um die Betrachtung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Altern.

1.4.2 Charakteristika des Alterns

Im Folgenden sollen nun die verschiedenen Betrachtungsweisen der Disziplinen genutzt werden, um die Facetten des Alters jeweils auf der somatischen und psychischen sowie auf der handlungsbezogenen und sozialen Ebene herauszuarbeiten. Innerhalb der ICF ▶ [1201] können die Auswirkungen des Alters auf Physis und Psyche den Komponenten Körperstruktur und Körperfunktionen zugeordnet werden. Im Sinne der ICF erfolgt die Darstellung eigenständiger Handlungen auf der Ebene der Aktivitäten. Die sozialen Veränderungen beschreiben die Komponente der Teilhabe.

1.4.2.1 Somatische Ebene

Mit der zunehmenden Prävalenz von Krankheiten im Alter steigt auch die Anzahl älterer Menschen, die gleichzeitig von mehreren Krankheiten betroffen sind. Damit ist die für das Alter charakteristische Multimorbidität gemeint, bei der laut Definition mindestens 5 körperliche Erkrankungen gleichzeitig bestehen ▶ [51]. Die Daten des Mikrozensus 2009 zeigen für in Deutschland in Privathaushalten lebende Personen, dass innerhalb der Gruppe der 65-jährigen und älteren Personen 24% angeben, aktuell oder innerhalb der letzten 4 Wochen krank gewesen zu sein. Damit liegt die Zahl der Erkrankten ca. 10% über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Unter Berücksichtigung von Menschen in Pflegeeinrichtungen dürfte die Zahl noch höher sein. Die Berliner Altersstudie ▶ [661], bei der in einer Langzeitstudie Personen in 6 Altersgruppen (70–74, 75–79, 80–84, 85–89, 90–94 und 95+ Jahre) über bislang 18 Jahre befragt und fachärztlich untersucht wurden, fand bei 98% der Teilnehmenden mindestens eine Krankheit. Davon ausgehend wird die Multimorbiditätsrate für Menschen im Alter von 70 Jahren und älter auf 88% geschätzt. Davon bestehen bei ca. einem Drittel mindestens 5 mittel- bis schwergradige Erkrankungen, und nahezu ein Fünftel der älteren Menschen wird wegen mindestens 5 Krankheiten medikamentös behandelt.

Die subjektive Wahrnehmung der älteren Menschen weicht jedoch deutlich von den objektiven Krankheitsdaten ab. So wird zwischenobjektiver und subjektiver Gesundheit differenziert, zwischen denen sich ein klarer Unterschied zeigt. Nur 6% der Teilnehmenden der Berliner Altersstudie gaben an, unter mindestens 4 Krankheiten verbunden mit deutlichen bis erheblichen Beschwerden zu leiden. Die subjektive Deutung des Alters wird in Kap. ▶ 2 zur Psychologie des Alters weiterführend betrachtet.

Neben den altersbedingten physiologischen Veränderungen, die auch einhergehen mit einer verminderten Immunresponsivität, der Fähigkeit auf Krankheitserreger zu reagieren, dem Einfluss von Umweltfaktoren sowie dem individuellen Gesundheitsverhalten tragen auch bereits in früherem Alter entwickelte Erkrankungen, z.B. Morbus Parkinson, zum Gesundheitszustand im Alter bei. Es wird zwischen primären Alterskrankheiten, alternden Krankheiten und Krankheiten im Alter differenziert ( ▶ Tab. 1.1). Primäre Alterskrankheiten sind Krankheiten, die erstmalig im Alter auftreten und numerisch daran gebunden sind. Alternde Krankheiten hingegen umfassen Erkrankungen, die in früheren Lebensabschnitten entwickelt wurden und im Alter chronisch fortbestehen. Schließlich sind mit Krankheiten im Alter die Erkrankungen gemeint, die altersunabhängig auftreten, jedoch im Alter besonders komplex sind ▶ [51].

Tab. 1.1

 Erkrankungen im Alter – Beispiele.

Krankheitsformen

Definition

Beispiele

Primäre Alterskrankheiten

Krankheiten, die erstmalig im Alter auftreten und in ihrer Häufigkeitsverteilung an das Alter gebunden sind

Altersdiabetes

Arthrose

Alternde Krankheiten

Krankheiten, die nicht altersbedingt entstehen und bereits in früheren Lebensabschnitten entwickelt wurden

Bluthochdruck

chronische Bronchitis

Krankheiten im Alter

Altersunabhängige Krankheiten, die in allen Lebensphasen vergleichbar häufig auftreten, aber unter der Bedingung des Alters einen spezifischen Verlauf nehmen

Infektionskrankheiten

Charakteristisch für Erkrankungen im Alter sind die unspezifische Symptomatik sowie die längere Krankheitsdauer bzw. die verzögerte Genesung. Zur Komplexität der Erkrankungen tragen die über die somatischen Symptome hinausgehenden funktionalen und sozialen Auswirkungen bei. So können im Alter als Folge einer Erkrankung vermehrt Mobilitäts- und Autonomieverluste auftreten.

Epidemiologische Studien geben Aufschluss über den Morbiditätsumfang. Innerhalb der somatischen Erkrankungen treten Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Muskel- und Skeletterkrankungen besonders häufig auf. Die Berliner Altersstudie ▶ [661] fand folgende Prävalenzraten, d.h. relative Krankheitshäufigkeit, für die häufigsten Erkrankungen:

Hyperlipidämie (Fettstoffwechselstörung) – 76%

Varikosis (Krampfadern) – 72%

Zerebralarteriosklerose (Verkalkung der Gefäße im Gehirn) – 65%

Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – 57%

Arthrose (degenerativer Gelenkverschleiß) – 55%

Dorsopathie (Rückenbeschwerden) – 46%

arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) – 46%

Im Folgenden wird kurz auf Erkrankungen eingegangen, die im Alter häufig auftreten, da sie den Lebenskontext alter Menschen entscheidend mitprägen. Erkrankungen, die mit Beeinträchtigungen einhergehen, die sprachtherapeutisch behandelt werden oder in diesem Kontext relevant sind, werden ausführlich in Kap. ▶ 4 vorgestellt.

Im Alter dominieren Herz-Kreislauf-Erkrankungen neben Diagnosen aus dem Bereich der Muskel- und Skeletterkrankungen. Weitere häufige Erkrankungen ab dem 70. Lebensjahr sind arterielle Verschlusserkrankungen (36%) und die koronare Herzkrankheit (23%) sowie obstruktive Lungenerkrankungen (25%) und Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit 19%). Ab dem 80. Lebensjahr nehmen dann chronische ischämische Herzerkrankungen und Angina pectoris (Schmerzen, Brustenge), Herzinsuffizienz sowie der akute Herzinfarkt (Verschluss einer Herzkranzarterie), Gonarthrose (Gelenkverschleiß am Knie), Osteoporose (Knochenschwund) und Demenz (s. dazu Kap. ▶ 4.1) deutlich zu. Neben der Häufigkeitsverteilung der Krankheiten im Alter kann auf somatischer Ebene die Sterblichkeitsrate betrachtet werden. So nimmt die Mortalitätsrate bedingt durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit steigendem Lebensalter exponentiell zu, sodass bei den über 80-Jährigen jeder zweite Todesfall auf eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems zurückzuführen ist.

Zerebrovaskuläre Erkrankungen treten ebenfalls vermehrt im Alter auf. So ereignen sich fast 85% aller Schlaganfälle jenseits des 60. Lebensjahres ▶ [132]. Laut der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamts ▶ [1076] waren Schlaganfälle 2012 unter den 10 häufigsten Todesursachen. Schätzungen zufolge steigt die jährliche Inzidenz, die Zahl der Neuerkrankungen, altersabhängig von 4 pro 100000 in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen auf 2117 pro 100000 bei den 85-Jährigen und Älteren. Ein besonders steiler Anstieg der Inzidenz liegt für die Altersgruppe 75 bis 84 Jahre mit 1000 Betroffenen pro 100000 Einwohner vor ▶ [697]. Neuere Studien zeigen aber auch, dass gerade in hochentwickelten Ländern wie Deutschland die Inzidenzrate für den Schlaganfall in den höheren Altersgruppen kontinuierlich fällt, was u.a. auf die Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung zurückgeführt werden kann ▶ [335]. Von den ca. 60% der Betroffenen, die einen Schlaganfall um ein Jahr und mehr überleben, tragen wiederum ungefähr 60% bleibende neurologische Schäden davon. Etwa ein Viertel bleibt voll pflegebedürftig. Gerade mit zunehmendem Alter sind die Folgen des Schlaganfalls äußerst schwerwiegend aufgrund der verminderten Anpassungsfähigkeit des Organismus, der verlängerten Rekonvaleszenz und der häufig vorliegenden Multimorbidität (s. z.B. Kap. ▶ 4.2.3).

Muskel- und Skeletterkrankungen sind im Alter von besonderer Bedeutung, da sie über Schmerzen und Funktionseinschränkungen hinaus das Mortalitätsrisiko durch mögliche Komplikationen oder zunehmende Medikamentenunverträglichkeit erhöhen. Exemplarisch kann der Schenkelhalsbruch genannt werden, der aufgrund von Komplikationen in 6% der Fälle während des stationären Aufenthalts und bei 30% ein Jahr nach dem Ereignis zum Tod führt ▶ [132]. Als altersphysiologische Veränderung mit Krankheitswert ist auch die Osteoporose relevant, die bei bis zu einem Drittel der Frauen, die älter als 60 Jahre sind, auftritt ▶ [978]. Durch die verringerte Knochendichte, welche eine verminderte Bruchfestigkeit zur Folge hat, erhöht sich die Rate der Fragilitätsbrüche, der Brüche ohne oder nur mit geringer äußerer Einwirkung. Osteoporotische Wirbelfrakturen sind bei Männern wie bei Frauen zwischen 50 und 79 Jahren der häufigste Frakturtyp. Ab 75 Jahren kommt dann mit exponentieller Steigerungsrate die Oberschenkelhalsfraktur hinzu. Frauen sind auch hier wesentlich häufiger betroffen. Gerade im höheren Alter zeigt sich dies deutlich. Mehr als jeder fünfte Krankenhausaufenthalt (22%) ist bei den 65-jährigen und älteren Frauen durch dieses Krankheitsspektrum bedingt. Stürze infolge von Multimorbidität und altersbedingten Funktionseinschränkungen erhöhen die Oberschenkelhalsfrakturrate weiter ▶ [132]. Pro Jahr stürzen fast ein Drittel der Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, ab 85 Jahren beträgt die Rate dann fast 50% ▶ [606]. Ungefähr 5–10% der Stürze haben Verletzungen wie Frakturen zur Folge. Über das bereits genannte erhöhte Mortalitätsrisiko hinaus zeigen sich bei bis zu 70% der Betroffenen nach einer Oberschenkelhalsfraktur dauerhaft Einschränkungen in den (grundlegenden) Aktivitäten des täglichen Lebens, wie z.B. Essen und Körperpflege. Die Kompetenz in instrumentellen Aktivitäten (Voraussetzung für selbstständiges Leben, z.B. Einkaufen, Telefonieren) bleibt bei bis zu 85% eingeschränkt ▶ [606]. Zusammengefasst sind mehr Frauen von Einschränkungen des Bewegungsapparats betroffen. Sie leiden auch in größerem Umfang unter Mobilitätsverlusten. Mit den Bewegungsbeeinträchtigungen einhergehend kann es zu einer Aktivitätsverminderung, weiteren Abbauprozessen und schließlich sozialer Isolation kommen. Mobilität und basale Aktivitäten werden weiterhin durch andere muskuloskelettale Erkrankungen wie die Arthrose beeinträchtigt.

Schließlich sollen als altersbezogene Erkrankungen noch die Krebserkrankungen genannt werden. Auf der Basis der Registrierung neuer Krebsfälle in Deutschland wird für 2008 von ca. 436000 Neuerkrankungen ausgegangen ▶ [923]. Davon entfielen zwischen 60 und 65% auf die 65-Jährigen und Älteren. Die höchste jährliche Inzidenz wird mit 1852 je 100000 jeweils bei den 85-jährigen und älteren Frauen und mit 2913 je 100000 jeweils bei den 80- bis 84-jährigen Männern erreicht, mit deutlicher geschlechtsspezifisch erhöhter Erkrankungsrate von Männern. Von allen krebsbedingten Sterbefällen sind etwa 83% der Menschen betroffen, die 65 Jahre oder älter sind.

Zusammenfassung

Von den über 70-jährigen Menschen sind nahezu 90% von Multimorbidität betroffen. Insgesamt leiden ältere Menschen vermehrt unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Krebserkrankungen. Die geschlechtsspezifische Verteilung ist hierbei unterschiedlich. Mit den verschiedenen Erkrankungen verbunden sind aufgrund der spezifischen Charakteristika des Alters oft andauernde Einschränkungen in basalen und instrumentellen Aktivitäten sowie in der gesellschaftlichen Teilhabe.

1.4.2.2 Psychische Ebene

Als psychische Erkrankungen mit höchster Relevanz im Alter gelten einerseits die Demenz und andererseits depressive Störungen. Auf die Demenz wird ausführlich in Kap. ▶ 4 eingegangen. Depressive Störungen im Alter werden dort nur kurz behandelt, da sie sich auf Kognition und Sprachverarbeitung indirekt und eher diffus auswirken.

Depressionen Mit einer Prävalenzrate zwischen 10 und 13% bei den über 70-Jährigen gehören Depressionen in allen Schweregraden zu den häufigsten affektiven Störungen im Alter ▶ [1174]. In der Berliner Altersstudie liegt die Zahl sogar bei einem Drittel ▶ [727]. Damit treten die Depressionen im Alter zunächst mit vergleichbarer Ätiologie, Symptomatik und Häufigkeit auf wie bei Personen mittleren Lebensalters ▶ [132]. Jedoch gehen sie häufiger mit körperlichen Erkrankungen einher und nehmen häufiger einen chronischen Verlauf. Zudem muss berücksichtigt werden, dass die psychischen Veränderungen wie psychomotorische Hemmungen häufig durch somatische Beeinträchtigungen überlagert werden und dadurch nicht diagnostiziert werden ▶ [1087]. Auch kognitive Beeinträchtigungen im Alter wie eine Demenz, bei der auch Konzentrationseinbußen auftreten, können die Diagnose erschweren. Schließlich treten leichtere depressive Symptome ohne unmittelbaren Krankheitswert häufiger ab dem 60. Lebensjahr auf ▶ [1017]. Laut der Berliner Altersstudie sind Frauen über 70 Jahren mit knapp 6% doppelt so häufig von einer spezifizierten Depression nach dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen DSM-III-R, jetzt Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5 ▶ [24], betroffen wie Männer ▶ [727].

Gemäß der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision (ICD-10-WHO-GM Version 2016) ▶ [291], gehören zu den Hauptsymptomen einer Depression

gedrückte Stimmung,

Interessenverlust oder Freudlosigkeit,

ein verminderter Antrieb und

erhöhte Ermüdbarkeit.

Als Zusatzsymptome treten auf: Konzentrationsprobleme, ein vermindertes Selbstwertgefühl, Schuld- oder Wertlosigkeitsgefühle, negative Zukunftsperspektiven, Suizidgedanken oder -handlungen, Schlafstörungen und Appetitverlust. Als somatische Symptome werden gesondert betrachtet: Früherwachen, Morgentief, seelisch-körperliche Hemmung oder Agitiertheit, Appetit-, Gewichts- und Libidoverlust etc.

Entsprechend dieser Klassifikation kann differenziert werden zwischen einzelnen und rezidivierenden depressiven Episoden, die ohne Vorgeschichte einmalig oder wiederholt auftreten. Es erfolgt in Abhängigkeit von der Anzahl der auftretenden Hauptsymptome und Zusatzsymptome sowie der Dauer eine Schweregradeinteilung in leicht, mittelgradig und schwer ( ▶ Tab. 1.2).

Weiterhin kann unterschieden werden zwischen einer unipolaren Verlaufsform, d.h., es tritt nur eine depressive Episode auf, und einer bipolaren Verlaufsform, bei der depressive sowie manische Episoden gemeinsam vorkommen. Schließlich werden noch die Dysthymia, die depressive Störung mit nur leichter Ausprägung über mindestens 2 Jahre, und die Anpassungsstörung, eine depressive Verstimmung als Reaktion auf aktuelle psychosoziale Belastungen, abgegrenzt. Kombinierte Krankheitsbilder aus Depression, manischer Hochstimmung und Schizophrenie werden als schizodepressive Erkrankung bezeichnet.

Tab. 1.2

 Ausprägungsgrade einer depressiven Episode

▶ [291]

.

Ausprägungsgrad

Definition

Leichte depressive Episode

mindestens 2 Hauptsymptome und 2 andere häufige Symptome, kein Krankheitszeichen besonders ausgeprägt, somatisches Syndrom möglich

Mittelgradige depressive Episode

mindestens 2 Hauptsymptome und 3–4 andere häufige Symptome, einige besonders ausgeprägt, somatisches Syndrom möglich

Schwere depressive Episode (auch Major Depression)

alle für die leichte und mittelgradige depressive Episode typischen Symptome und zumeist 4 oder mehr andere, von denen einige besonders ausgeprägt sein sollten; das somatische Syndrom gehört nahezu immer dazu

Ursachen für eine Depression können sein eine genetische Disposition im Zusammenspiel mit Umweltfaktoren, organische Erkrankungen wie ein Schlaganfall oder Morbus Parkinson, Suchterkrankungen, Medikamente, z.B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch kritische Lebensereignisse wie chronische Erkrankungen, die zu Einbußen in der Autonomie führen, oder der Verlust des Partners. Bei der Alzheimer-Demenz wird in mehr als 50% der Fälle von einer Depression berichtet, bei Morbus Parkinson werden Raten von bis zu 70% genannt ▶ [1173]. Auch zerebrovaskuläre Erkrankungen führen zu Depressionen, z.B. treten nach Schlaganfällen bei ca. 50% der Betroffenen Depressionen auf. Es kommen sowohl organisch bedingte Depressionen als auch Depressionen als Reaktion auf das kritische Lebensereignis vor. Die Depression führt zu einer verzögerten und verminderten funktionalen Erholung nach dem Schlaganfall, was mit einer längeren stationären Verweildauer einhergeht. Darüber hinaus erhöht sich in den ersten 6–12 Monaten nach dem Ereignis die Letalitätsrate – der Anteil der Personen, die an einer bestimmten Erkrankung in einem bestimmten Zeitraum versterben – für depressive Schlaganfallpatienten im Vergleich zu nicht depressiven Betroffenen um das 2,6- bis 8-Fache. Auch nach 10 Jahren ist diese Rate noch erhöht ▶ [517].

Mit zunehmendem Alter verringert sich die Möglichkeit, sich selbst als aktiv und leistungsfähig zu erfahren, einhergehend damit vermindert sich die Erfahrung von Anerkennung durch Bezugspersonen. Auch dadurch entsteht eine erhöhte psychische Vulnerabilität ▶ [1237]. Ebenfalls von Einfluss ist die Lebenssituation. Bei verheirateten Menschen wird die Diagnose Depression nur halb so oft gestellt wie bei allein lebenden, geschiedenen oder verwitweten Personen. Bei institutionalisierten Personen erhöht sich wiederum das Erkrankungsrisiko. Bei bis zu 50% der älteren Menschen, die in Heimen leben, werden depressive Symptome und bei 20–30% schwere Depressionen festgestellt ▶ [1174]. In einer Überblicksarbeit, für die 122 Studien ausgewertet wurden, nennt Djernes ▶ [295] als Hauptprädiktoren für depressive Störungen im Alter das weibliche Geschlecht, somatische Erkrankungen, kognitive Beeinträchtigungen, funktionelle Beeinträchtigungen, Fehlen oder Verlust von sozialen Kontakten und eine Vorgeschichte von Depression. Das heißt, genetische sowie organische Faktoren oder psychische Traumatisierungen können eine Depression auslösen. Dabei kann ein Teil der Depressionen als „alternde Krankheit“ gewertet werden, als eine Erkrankung, die also schon im jüngeren Lebensalter aufgetreten ist und rezidivierend wiederkehrt. Im sehr hohen Lebensalter nimmt im Zusammenhang mit demenziellen Erkrankungen nochmals die Prävalenzrate für Depressionen zu.

Die Depression im Alter ist gekennzeichnet durch eher weniger typische Symptome. So werden die Kernsymptome durch somatische Beschwerden wie Schwindel etc. überlagert. Weiterhin kann sich die Depression auch in einer Persönlichkeitsveränderung niederschlagen, mit zwanghaftem, ängstlichem oder histrionischem, d.h. egozentrischem Verhalten. Auch Selbstbeschädigungen können als Symptom auftreten. Schließlich kann die Depression sich auch in kognitiven Defiziten wie Beeinträchtigungen des Arbeitsgedächtnisses manifestieren, was auch als „Pseudodemenz“ bezeichnet wird. Die dargestellte Symptomatik erschwert die zuverlässige Feststellung einer Depression im Alter. Kennzeichnend für Depressionen im Alter sind weiterhin höhere Rezidivraten ▶ [764]. Zudem wird nach einer Besserung der affektiven Symptome das prämorbide Leistungsniveau oft nicht mehr erreicht ▶ [799]. Schließlich ist die Depression ein Risikofaktor für Demenz ▶ [865]. Insbesondere bei höher Gebildeten zeigen sich wiederum bei einsetzender Demenz häufiger Symptome einer Depression ▶ [384].

Die steigende Suizidrate, also die Zahl der Todesfälle infolge eines Selbstmords, wird häufig im Zusammenhang mit Depressionen im Alter thematisiert. Sie verdoppelt sich von 20 auf 40 pro 100000 Einwohner vom mittleren Lebensalter bis hin zur Gruppe der 80-Jährigen, der Anstieg ist bei Frauen etwas moderater. Neben Depressionen werden als Auslöser auch Belastungen wie chronische Erkrankungen oder der Verlust nahestehender Menschen genannt ▶ [606].

Angsterkrankungen Angsterkrankungen stellen eine weitere psychische Erkrankung im Alter dar, die ca. jeden 10. älteren Menschen betrifft ▶ [128]. Dabei können beispielsweise soziale Phobien oder Agoraphobien (Angst, auf die Straße zu gehen oder die Wohnung zu verlassen) auftreten. Häufig werden Angsterkrankungen von einer Demenz, bei der Angstsymptome oft zu Beginn auftreten, oder Depressionen, die mit Ängsten einhergehen, überlagert. Auch physiologische Abbauprozesse wie eine verminderte Mobilität können das Erkennen von Angststörungen erschweren. Darüber hinaus sind pathologische Angstformen schwer zu differenzieren von normalpsychologisch verstehbaren Reaktionen auf Veränderungen im Alter wie Eintritt in das Rentenalter, Verlust von Freunden oder des Ehepartners etc. Sie können auch Begleitsymptome von Medikamenten oder internistischen Erkrankungen wie Diabetes sein. Schließlich scheinen ältere Menschen eine Angststörung anders als jüngere Betroffene zu erleben, sie bagatellisieren die Erkrankung und nehmen sie eher hin. Eng verbunden mit Angststörungen ist dieAgitiertheit, die sich durch motorische Unruhe, ggf. Handgreiflichkeiten und verbale, eher aggressive Äußerungen kennzeichnet. Neben affektiven Krankheitsbildern können eine Demenz oder auch Infektionen sowie metabolische und endokrine Störungen Agitiertheit auslösen. Weitere psychische Auffälligkeiten im Alter sind Verwirrtheit, Aggression und Regression, also das Zurückfallen in ein eher passives und/oder infantiles Verhalten.

Therapie Die Behandlung psychischer Erkrankungen sollte auch im Alter multidimensional erfolgen, d.h., eine Kombination aus psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung sollte angeboten werden. Jedoch findet eine psychotherapeutische Betreuung derzeit noch selten Anwendung ▶ [146], auch wegen der genannten unterschätzten Prävalenz. Weiterhin gilt es präventiv tätig zu sein. So sollten ein positives Selbstbild, Bewältigungsstrategien und die Teilnahme an sinnhaften Aktivitäten gefördert werden (s. hierzu auch Kap. ▶ 6 und Kap. ▶ 7).

Merke

Trotz der vielen Veränderungen im Alter wie einer steigenden Anzahl von Erkrankungen, funktionalen Einbußen und dem Verlust nahestehender Personen nimmt die Prävalenz psychischer Erkrankungen wie Depressionen im Alter nicht zu. Dies ist auf die psychische Widerstandsfähigkeit und Anpassungsleistung älterer Menschen zurückzuführen.

Exkurs

Objektive versus subjektive Gesundheit

Bereits bei der Darstellung der Veränderungen im Alter auf der „somatischen Ebene“ wurde der Unterschied zwischen dem objektiven Gesundheitszustand und dessen individueller Bewertung, der subjektiven Gesundheit, angesprochen. Dabei wurde deutlich, dass der sich im Alter verschlechternde Gesundheitszustand nicht unmittelbar einhergeht mit einer gleichermaßen sich verschlechternden Einschätzung des eigenen Wohlbefindens. Dies wird häufig als „Altersinvarianz-Paradox“ bezeichnet, d.h., die subjektive Gesundheit wird mit zunehmendem Alter weniger durch die Krankheitslast beeinflusst, und subjektive und objektive Gesundheit weichen deutlicher voneinander ab als in früheren Lebensabschnitten. Dies ist von besonderer Bedeutung, da die subjektive Gesundheit im höheren Lebensalter als sensitiverer Indikator für Gesundheit und das Mortalitätsrisiko gilt als der objektive Zustand ▶ [652].

Es werden verschiedene Gründe für die veränderte Gesundheitseinschätzung im Alter diskutiert. So ist eine Erklärung, dass sich die Definition von Gesundheit dahingehend ändert, dass Gesundheit nicht länger als Abwesenheit von Krankheit, sondern als Abwesenheit schwerwiegender Beschwerden und funktionaler Einschränkung gesehen wird. Zudem nehmen ältere Menschen offenbar das Krankheitsgeschehen als erwartbaren Alterungsprozess hin. Dies zeigt, dass Menschen sich an den aktuellen Zustand, z.B. an Mulitimorbidität, adaptieren, was die Wohlbefindensforschung mit Befunden belegt. So nimmt die allgemeine Lebenszufriedenheit mit der Gesamtheit des Lebens im dritten Lebensalter sogar zu ▶ [1163]. Neuere Studien zeigen, dass auch die emotionale Bewertung, also kurzfristige affektive Zustände wie Glück, zunächst stabil bleibt ▶ [445]. Weitere Gründe liegen in der Anpassung der Lebensziele, der Erwartung an die aktuellen Lebensumstände und einer verbesserten emotionalen Regulation (s. hierzu auch Kap. ▶ 2.3). Auch soziale Abwärtsvergleiche mit anderen Personen mit größeren Einschränkungen führen zu einem verbesserten Wohlbefinden. Hier wird die daraus gewonnene Erfahrung von Kontrolle zum Moderator zwischen objektivem Zustand und subjektiver Bewertung ▶ [456].

Schließlich wird diskutiert, inwieweit person- und umweltbezogene Faktoren, wie psychische und soziale Ressourcen, den gesundheitsbezogenen Optimismus beeinflussen. So wirken sich trotz des „Altersinvarianz-Paradoxes“ Krankheiten, Verlust des Partners und der Rückgang sozialer Beziehungen auf das Wohlbefinden aus. Im vierten Lebensalter, ab 80 Jahren, nehmen diese Einflussfaktoren zu, und das Bewältigungsverhalten verschlechtert sich offenbar, wodurch sich das „Altersinvarianz-Paradox“ abschwächt ▶ [445]. Hier nimmt dann das Wohlbefinden ab. Insgesamt zeigt sich jedoch die Relativität von Gesundheit. Gesundheit ist offenbar mehr als der rein physische Zustand. Vielmehr geht es um den adäquaten Umgang mit Einschränkungen und Behinderungen, um trotz körperlicher und funktioneller Beeinträchtigungen ein zufriedenstellendes Leben führen zu können. Mehr Informationen zum Umgang mit den mit dem Alter einhergehenden Anpassungsprozessen finden sich in Kap. ▶ 2.

1.4.2.3 Ebene der Aktivitäten

Die Auswirkungen der somatischen und psychischen Veränderungen im Alter werden häufig bestimmt, indem die daraus resultierenden Einschränkungen in verschiedenen Aktivitäten betrachtet werden. Hierbei wird zwischen basalen Aktivitäten des täglichen Lebens (Activities of Daily Living, ADL) und instrumentellen bzw. erweiterten Aktivitäten des täglichen Lebens (Instrumental Activities of Daily Living, IADL) differenziert. Während die basalen Aktivitäten der eigenen Pflege und Versorgung dienen, beziehen sich die instrumentellen Aktivitäten auf komplexere Tätigkeiten wie das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, die für ein selbstständiges Leben als Voraussetzung gelten ( ▶ Tab. 1.3).

Beeinträchtigungen in den Basalaktivitäten weisen auf starke körperliche oder psychische Einbußen hin. Untersuchungen zeigen entsprechend, dass bis zum 80. Lebensjahr nur sehr geringe Einbußen in diesen Aktivitäten auftreten ▶ [132]. Bei der Auswertung wurden jedoch nur Personen, die in Privathaushalten leben, berücksichtigt. Für institutionalisiert wohnende Menschen in Alteneinrichtungen zeigt sich, dass in nahezu allen Basisaktivitäten 40–90% der Bewohner Unterstützung benötigen ▶ [987].

Die instrumentellen Aktivitäten, die erforderlich sind, um selbstständig und autonom leben zu können, sind stärker als die basalen Aktivitäten in Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Bedingungen zu sehen. So können Umweltbedingungen wie z.B. Rampen am Eingang von Geschäften für Menschen mit Rollstuhl die selbstständige Lebensführung positiv beeinflussen bzw. überhaupt erst ermöglichen. Die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen, die verstärkt die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen fördern, zeigen sich hier deutlich. Benötigten 1992 noch ca. 20% der über 80-Jährigen Hilfe beim Einkaufen, so waren es 2005 nur noch ca. 15% ▶ [132]. Hier schlägt sich aber natürlich auch die verbesserte gesundheitliche Situation im Alter nieder. Auch bei den instrumentellen Aktivitäten ist der Unterstützungsbedarf bei Menschen in Alteneinrichtungen deutlich höher. Außer beim Telefonieren benötigen bei allen anderen Aktivitäten mehr als die Hälfte der Menschen Hilfe ▶ [132].

Tab. 1.3

 Beispiele für Aktivitäten.

Activities of Daily Living (ADL)

Instrumental Activities of Daily Living (IADL)

Nahrungsaufnahme

Hygienemaßnahmen

Toilettenbenutzung

Transfer

Laufen

Treppensteigen

Anziehen

Lebensmittel einkaufen

Wohnung reinigen

Finanzielle Angelegenheiten regeln

Medikamente richten

Sich außerhalb der Wohnung zurechtfinden

Telefonieren

Mehrere Stunden allein bleiben

Hilfs- bzw. Pflegebedürftigkeit ergibt sich dann, wenn im individuellen Lebenskontext alltägliche Verrichtungen selbstständig nur noch begrenzt oder später auch nicht mehr ausgeführt werden können. Ursachen hierfür sind Einschränkungen des Bewegungsapparates, ▶ körperlich-organische Erkrankungen sowie ▶ kognitive und psychische Beeinträchtigungen. Diese sind im Wechselspiel mit person- und umweltbezogenen Bedingungen zu sehen. Im Jahr 2005 waren 11% der über 65-Jährigen in Deutschland pflegebedürftig entsprechend der gesetzlichen Definition ▶ [1077]. Davon wurden ungefähr zwei Drittel zu Hause versorgt. Ein wirklich relevanter Pflegebedarf zeigte sich aber erst jenseits des 80. Lebensjahrs ▶ [132].

Insgesamt ist zu konstatieren, dass sich die Hilfsbedürftigkeit dank der verbesserten medizinischen Versorgung, der Entwicklung von Hilfsmitteln und gesellschaftlicher Anpassungen verringert hat. Innerhalb der Gruppe der Pflegebedürftigen kann unterschieden werden zwischen Menschen mit nicht progredienten Erkrankungen wie z.B. einem Schlaganfall und konstantem Pflegebedarf und Menschen mit progredienten Erkrankungen wie einer Demenz mit steigendem Pflegebedarf. Es gilt hier Maßnahmen zu entwickeln, die es den Betroffenen ermöglichen, möglichst lange eine größtmögliche Autonomie zu erhalten. Dieser Gedanke wird im folgenden Unterkapitel nochmals aufgegriffen.

1.4.2.4 Soziale Ebene – Teilhabe

Auf sozialer Ebene werden die Wohnsituation, die Haushaltszusammensetzung und das soziale Netzwerk betrachtet, die sich im Alter ändern.

Der überwiegende Teil der älteren Menschen wohnt in Privathaushalten, erst ab dem 80. Lebensjahr steigt der Anteil derjenigen, die in einer Gemeinschaftseinrichtung leben. Laut des Reports Altersdaten aus 2013 werden mindestens ein Drittel der Menschen, die älter als 80 Jahre werden, während der letzten Lebensphase institutionalisiert wohnen ▶ [817]. Die Haushaltsgröße der Privathaushalte nimmt im Alter ab. Während noch mehr als die Hälfte der Frauen im Alter zwischen 60 und 69 Jahren im Zweipersonen- und knapp 10% im Mehrpersonenhaushalt leben, sind es bei den über 80-Jährigen nur noch ca. ein Drittel bzw. 6%, die mit einer Person bzw. mehreren Personen zusammenleben. Insbesondere Frauen ab dem 80. Lebensjahr leben in Einpersonenhaushalten. Einer Quote von 67% allein lebender Frauen steht bei den Männern eine Quote von 23% gegenüber.

Die Wohnsituation wird beeinflusst durch die höhere Lebenserwartung der Frauen. Während Menschen, die unter 80 Jahre alt sind, noch überwiegend in Paarbeziehungen zusammenleben, wohnt von den über 80-jährigen Frauen nur noch knapp ein Viertel mit ihrem Ehepartner zusammen, 64% sind verwitwet. Immerhin 61% der Männer leben dann noch in der ehelichen Gemeinschaft.

Aufgrund der veränderten Familienstrukturen mit weniger Kindern, die sich im demografischen Wandel mit einem Rückgang jüngerer Menschen ausdrücken, ist das Unterstützungsangebot für ältere Menschen innerhalb ihrer Familien deutlich vermindert. Zusätzlich hat sich die räumliche Entfernung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern in den vergangenen Jahren vergrößert. Der Anteil der Kinder, die noch in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnen, hat sich zwischen 1996 und 2008 von 22% auf 16% verringert. Während 1996 nur ein Drittel mehr als 2 Stunden vom Wohnort der Eltern entfernt lebten, waren es 2008 bereits 41%.

Während im Alter soziale Kontakte durch beispielsweise Familienaktivitäten abnehmen, gewinnen Aktivitäten mit Freunden an Bedeutung ▶ [521]. Offenbar verändert sich mit zunehmendem Alter die Struktur des sozialen Netzwerks. In einer Untersuchung, beruhend auf den Daten des Deutschen Alterssurvey von nahezu 5000 Teilnehmenden, zeigte sich, dass im höheren Lebensalter – 65 Jahre und älter – insbesondere der Kontakt zu Freunden sowohl positive Stimmungen als auch die Lebenszufriedenheit befördert ▶ [521], ▶ [1195]. Während dies für familiäre Beziehungen im mittleren Alter ab 40 Jahren ebenso zutrifft, zeigt sich für das höhere Alter, dass Aktivitäten mit der Familie neben einer Steigerung positiver Stimmungen auch eine Verstärkung negativer Emotionen bewirken. Dies legt den Schluss nahe, dass ein soziales Netzwerk aus Freunden in besonderem Maße negativen Effekten des Alters entgegenwirken kann. Dies wird mit der besonderen Beziehungsqualität in einer Freundschaft erklärt, die darauf fußt, dass Menschen mit ähnlichem Hintergrund aufeinander treffen. Das wiederum führt zu einer stärkeren Gegenseitigkeit im Verhältnis, was das Selbstwertgefühl und damit das Wohlbefinden stärkt. Der positive Einfluss auf das empfundene Wohlbefinden geht mit einer verbesserten gesundheitlichen Situation einher und wirkt sich sogar auf das Sterblichkeitsrisiko aus ▶ [290]. Deshalb sollten Programme gefördert werden, die informelle soziale Kontakte zwischen älteren Menschen fokussieren. Zu nennen sind u.a. Selbsthilfegruppen wie „Alte helfen Alten“ der Anna Luise Altendorf Stiftung ▶ [31] oder Projekte und Initiativen in den einzelnen Bundesländern wie „Junge Alte helfen alten Alten“ der Arbeiterwohlfahrt Sozialagentur Teltow gGmbH oder das Projekt Forum Bürgerschaftliches Engagement für und von Senioren der Arbeiterwohlfahrt Nürnberg ▶ [49], die auf die Einbeziehung älterer Menschen in Ehrenämter zur gegenseitigen Hilfe abzielen (s. hierzu auch Kap. ▶ 7.3.1).

Merke

Die sozialen Netzwerke verändern sich im Alter dahingehend, dass die Beziehung zu Freunden an Bedeutung gewinnt. Eine funktionierende soziale Struktur ist entscheidend für Gesundheit und Wohlbefinden im Alter.

Zusammenfassung

Zusammengefasst wurden in diesem Unterkapitel die Auswirkungen des Alters auf verschiedenen Ebenen, der somatischen sowie der psychischen Ebene, der Ebene der Aktivitäten und der sozialen Ebene bzw. der Ebene der Teilhabe, aufgezeigt. Neben den sich entwickelnden Beeinträchtigungen wird hier bereits deutlich, dass der Umgang mit dem Alter, die subjektive Bewertung der Situation, aber auch die Lebensbedingungen und natürlich die Versorgungsangebote von großem Einfluss auf die Lebensumstände im Alter sind. Auf die Versorgungssituation wird in Kap. ▶ 1.5 und auf den persönlichen Umgang der älteren Menschen mit den alterstypischen Veränderungen wird in Kap. ▶ 2 eingegangen.

1.5 Versorgungsnetz

Sabine Corsten

In der medizinischen Versorgung älterer Menschen kann zwischen der stationären akutgeriatrischen und der ambulanten sowie stationären geriatrischen Rehabilitation differenziert werden. Ziel der Akutgeriatrie ist die Versorgung akutmedizinischer Probleme, z.B. die Behandlung von Pneumonien. Die akutgeriatrische Versorgung ist eng verknüpft mit der Rehabilitation, da häufig chronische Funktionsverluste einhergehend mit psychosozialen Veränderungen vorliegen. Somit besteht das übergeordnete Ziel der geriatrischen Versorgung insbesondere im Bewahren oder Wiederherstellen physischer, kognitiver und sozialer Fähigkeiten unter Wahrung größtmöglicher Autonomie. Damit stehen im Sinne der ICF ▶ [1201], welcher der ressourcenorientierte biopsychosoziale Ansatz zugrunde liegt, neben funktionsorientierten Verbesserungen insbesondere aktivitäts- und partizipationsfokussierte Angebote im Vordergrund. Um den vielfältigen Anforderungen, bedingt durch das breite Krankheitsspektrum und die häufig vorliegende geriatrische ▶ Multimorbidität, gerecht werden zu können, ist ein interdisziplinärer Behandlungsansatz angezeigt. Neben geriatrisch qualifizierten Ärzten sowie Pflegekräften, Diätassistenten und Sozialarbeitern sind Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Sprachtherapeuten beteiligt. In diesem Kapitel sollen die verschiedenen Settings, in denen ältere Menschen versorgt werden, sowie die Aufgaben der beteiligten Berufsgruppen beleuchtet werden, um so die sprachtherapeutische Intervention in den Gesamtkontext einbetten zu können.

1.5.1 Versorgungsstrukturen

Innerhalb der geriatrischen Versorgung stehen rehabilitative und weniger kurative Ziele im Vordergrund. Es werden die Wiedergewinnung, die Verbesserung oder der Erhalt einer möglichst weitgehenden Selbstständigkeit bei den Verrichtungen des täglichen Lebens sowie eine Beseitigung, Minderung oder Verhütung einer Verschlimmerung der Pflegebedürftigkeit angestrebt (z.B. ▶ [608]). Die Art der Betreuung, die einhergeht mit dem Grad der vorliegenden Einschränkung, ist dabei in engem Zusammenhang mit der Selbstständigkeit zu sehen, wobei eine wechselseitige Beeinflussung besteht ( ▶ [132], S. 175) ( ▶ Abb. 1.6).

Geriatrische Versorgung und damit einhergehende Selbstständigkeit.

Abb. 1.6

Der Verbleib im gewohnten Lebensumfeld ist mit einer höheren Selbstständigkeit verbunden als die Unterbringung in einer Institution. Jedoch sind innerhalb der ambulanten und institutionalisierten Versorgung Abstufungen in der Autonomie auszumachen. So ist in der Regel bei der hausärztlichen Versorgung ein höherer Grad an Selbstständigkeit bei den alten Menschen erhalten als bei der mobilen, zugehenden Rehabilitation. Entsprechend ist die ambulante geriatrische Rehabilitation mit einer größeren Autonomie verbunden als die stationäre Rehabilitation bzw. die geriatrische Frührehabilitation im Akutkrankenhaus. Ein großer Verlust an Selbstständigkeit liegt bei der Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung vor.

In der gesetzlichen Ausgestaltung zur medizinischen Versorgung spiegelt sich das Wissen um den Zusammenhang von Setting und Autonomie wider. Das grundsätzliche Recht auf rehabilitative Maßnahmen ist in der soziale Pflegeversicherung festgeschrieben (§ 31 SGB XI). In § 39 SGB V zur Krankenhausbehandlung wird explizit gefordert, dass eine vollstationäre Aufnahme nur erfolgen soll, wenn durch teilstationäre, vor- und nachstationäre bzw. ambulante Behandlung kein entsprechender Behandlungserfolg zu erwarten ist. Im Folgenden werden nun die einzelnen Versorgungsformen, die im Besonderen auf die Versorgung geriatrischer Patienten ausgerichtet sind, vorgestellt. Eine ausführliche Darstellung zur Vernetzung der einzelnen Versorgungssettings findet sich bei Willkomm ▶ [1182].

1.5.1.1 Ambulante Versorgung

Ambulant werden ältere Menschen insbesondere vom Hausarzt betreut▶ [132]. Hier wird ein Mangel in der aufsuchenden ärztlichen Betreuung (Hausbesuche) beschrieben. Zudem sind Ärzte häufig nicht spezifisch für den Bereich der Geriatrie ausgebildet ▶ [687]. Des Weiteren zeigt sich eine Unterversorgung in den Bereichen der Psychiatrie und der Neurologie sowie der Schmerztherapie und der Palliativbegleitung. Sozialpsychiatrische Dienste, die regional unterschiedlich stark vertreten sind, betreuen überdies ältere Menschen, die unter einer Demenz, Alkoholabhängigkeit oder Psychosen leiden.

Weiterhin nehmen in der ambulanten Versorgung ambulante Pflegedienste eine zunehmend relevante Position ein ▶ [403]. Insbesondere im privatgewerblichen Bereich ist eine Expansion zu beobachten. In der Organisationsform, der Betriebsgröße, dem Dienstleistungsangebot, der Ausstattung und Trägerschaft bestehen erhebliche Unterschiede. So gibt es neben kleinen und mittleren Betrieben auch Sozialstationen in Form von Großbetrieben. Schließlich werden ambulante Pflegeleistungen auch von Krankenhäusern, Arztpraxen und Alten- bzw. Pflegeheimen angeboten. Gesetzliche Grundlage für die Versorgung bieten die §§ 28–45f SGB XI zur Sozialen Pflegeversicherung. Ziel der ambulanten Pflege ist die Verkürzung und Vermeidung von stationären Aufenthalten bzw. von Heimunterbringungen. Die Selbstständigkeit in der häuslichen Umgebung soll möglichst (lange) erhalten bleiben. Dafür sollen verschiedene Dienstleistungen wie Pflegeleistungen, aber auch Haushaltsunterstützungsangebote regional gebündelt werden. Dazu können auch die Vermittlung bzw. Vernetzung weiterer Dienste oder die Initiierung ehrenamtlicher und nachbarschaftlicher Hilfe gehören ▶ [403]. Das Kernangebot ambulanter Pflegedienste besteht in der Kranken- und Altenpflege, insbesondere der Grund- und Behandlungspflege sowie der hauswirtschaftlichen Versorgung. Es gibt zudem spezielle Angebote wie die postoperative Versorgung, die Stomatherapie oder die gerontopsychiatrische Pflege etwa bei Menschen mit Demenz. Des Weiteren werden mobile, multiprofessionelle Rehabilitationsteams bestehend aus Ärzten, Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten und Pflegepersonal erprobt ▶ [1152]. Schließlich wird derzeit das Schnittstellenmanagement, also die Vernetzung stationärer, teilstationärer und verschiedener ambulanter Leistungen, ausgebaut ▶ [949]. Darüber hinaus gibt es Zusatzangebote wie z.B. „Essen auf Rädern“, Behindertentransporte, Hausnotrufdienste, Beratungsangebote und die Unterstützungsleistungen für Angehörige. Ambulante Pflegedienste bieten z.T. auch erweiterte Leistungen wie Kurzzeitpflege, Tages- und Nachpflege oder betreute Krankenwohnungen.

Weiterhin ist im ambulanten Sektor dieVersorgung mit Heil- und Hilfsmitteln von Bedeutung. Hierzu gehört die Heilmittelerbringung durch Therapeuten (z.B. Logopäden, Physiotherapeuten) und Gesundheitshandwerker (z.B. Optiker, Orthopädiemechaniker). Jedoch nimmt im Gegensatz zu den Hilfsmittelverordnungen (z.B. Gehhilfen) die Zahl der Heilmittelverordnungen (hierunter fallen auch die logopädischen Verordnungen) ab der Altersgruppe der über 50-Jährigen derzeit trotz der in Veränderung begriffenen Altersstruktur der Gesellschaft nicht weiter zu ▶ [125], ▶ [965]. Hier sind also ungenutzte Rehabilitationspotenziale zu vermuten ▶ [132].

1.5.1.2 Stationäre Versorgung

Neben der (teil-)stationären Versorgung der Patienten in der Akutgeriatrie, angesiedelt in Akutkrankenhäusern, hat sich in Deutschland die geriatrische Rehabilitation in geriatrischen Kliniken etabliert ▶ [746]. Die beiden Versorgungsformen, die in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich häufig vorkommen, tragen der Tatsache Rechnung, dass geriatrische Patienten häufig akutmedizinische wie auch rehabilitative Maßnahmen benötigen.

Akutgeriatrie/geriatrische Frührehabilitation

Die Indikation für die Aufnahme in ein Akutkrankenhaus