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Kann der Gott der Lügen wahrhaftig lieben? Der Auftakt der epischen Romantasy-Dilogie über eine der faszinierendsten Göttergestalten überhaupt: Loki, der King of Morally Grey Characters. Das E-Book enthält eine wunderschöne Charakterillustration und eine gestaltete Karte von Harlows und Lokis Welt. Harlow hasst die Götter. Doch als ihr Heimatdorf von Bestien angegriffen und ihre beste Freundin tödlich verwundet wird, geht sie einen Pakt mit Loki ein, dem Gott der List und Lügen. Für ein Heilmittel hilft Harlow ihm, an den heiligen Pfeil des Liebesgottes Amor zu gelangen. Auf ihrer Mission werden sie von einem perfiden Fluch getroffen: Die beiden können sich nicht voneinander entfernen, ohne tödliche Schmerzen zu erleiden. Und je mehr Zeit Harlow mit dem verführerischen Gott verbringt, desto mehr hinterfragt sie alles, was sie über ihn zu wissen glaubte. Nur ahnt sie nicht, dass Loki einen Plan verfolgt, der ihre Welt ins Chaos stürzen wird …
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Seitenzahl: 562
Veröffentlichungsjahr: 2026
Franka Neubauer
Roman
KANN DER GOTT DER LÜGEN WAHRHAFTIG LIEBEN?
Harlow hasst die Götter. Doch als ihr Heimatdorf von Bestien angegriffen und ihre beste Freundin tödlich verwundet wird, geht sie einen Pakt mit Loki ein, dem Gott der List und Lügen. Für ein Heilmittel hilft Harlow ihm, an den heiligen Pfeil des Liebesgottes Amor zu gelangen. Auf ihrer Mission werden sie von einem perfiden Fluch getroffen: Die beiden können sich nicht voneinander entfernen, ohne tödliche Schmerzen zu erleiden. Und je mehr Zeit Harlow mit dem verführerischen Gott verbringt, desto mehr hinterfragt sie alles, was sie über ihn zu wissen glaubte. Nur ahnt sie nicht, dass Loki einen Plan verfolgt, der ihre Welt ins Chaos stürzen wird …
Der Auftakt der epischen Romantasy-Dilogie über eine der faszinierendsten Göttergestalten überhaupt: Loki, den King of Morally Grey Characters.
FRANKA NEUBAUER wurde 2001 in Aachen geboren, wo sie immer noch lebt. Seit ihrer Kindheit schlägt ihr Herz für einzigartige Geschichten, egal ob es um Bücher oder Filme geht. Besonders das Marvel Cinematic Universe hat ihre Faszination für die fantastische Welt der Mythen und Sagen geweckt. Sie liebt Spaziergänge mit ihrem Hund, trinkt zu viel Kaffee und kauft ständig neue Notizbücher für all ihre Ideen. Auf Instagram findet ihr sie unter @franka.neubauer und auf TikTok unter @frankaneubauer.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Redaktion Jil Aimée Bayer
Covergestaltung ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung Pia Keller/ZERO Werbeagentur
ISBN 978-3-644-02460-1
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für alle, deren Träume kleingehalten wurden.
Hört niemals damit auf, für euch zu kämpfen, und zeigt es ihnen!
bevor ihr in meine Geschichte über den Chaosgott Loki und die Kriegerin Harlow abtaucht, möchte ich euch ein paar Informationen mit auf den Weg geben.
Wie vermutlich viele von euch liebe ich die Mythologie, die damit verbundenen Sagen und die vielen Geschichten, die aus ihnen entstanden sind. Als mir die Idee kam, ein Buch über Loki zu schreiben, war mir allerdings schnell klar, dass ich eine völlig neue Geschichte über ihn erzählen wollte. Keine Neuerzählung von bekannten Mythen. Und so habe ich meinen eigenen Götterkosmos geschaffen, in dem verschiedene Mythologien aufeinandertreffen. Deshalb bitte ich euch: Lasst das Bekannte los und öffnet eure Herzen für eine gänzlich andere Götterwelt. Dort werdet ihr nämlich Götter treffen, die ihr kennt, jedoch nicht so, wie ihr sie kennt.
Loki ist der König moralisch grauer Charaktere, daher ist die Geschichte stellenweise auch gewaltvoll, und ein paar Themen könnten emotional belastend sein. Lest das Buch bitte nur, wenn ihr euch dem gewachsen fühlt. Eine genaue Content-Note findet ihr unter www.endlichkyss.de/loki1.
Wir wünschen euch viel Freude beim Lesen – und starke Nerven, denn ihr begebt euch in eine Welt voller Lügen und Intrigen …
Eure Franka und das Team vom KYSS-Verlag
Die Götter des Anfangs
†Zeus 👑, Jupiter 👑, Odin 👑
Die Götter der Weisheit
Minerva, Fortuna, Bragi 👑
Die Götter der Natur
Pan 👑, Artemis, Flora, Selene, Helios, †Nyx 👑
Die Götter der Harmonie
Amor, Aphrodite, Juno, Hera, Freya, Hestia, Apollo 👑
Die Götter des Krieges
Nike, Athena, Mars 👑
Der Gott der Unterwelt
Hades 👑
Die dunklen Götter
Loki, Hekate, †Eris
Loki
Er hat den schlimmsten Verrat begangen, den ein Gott je ausüben könnte. Er ermordete eine der Unseren!» Mars steht da wie ein Gewitter kurz vor dem Ausbruch – Schultern angespannt, Fäuste geballt, jeder Atemzug ein leiser Donner. Von seinem Pult aus sieht er direkt in die Gesichter der anwesenden Gottheiten. In seinem Blick liegt eine Dunkelheit, die selbst die Schatten der Unterwelt verhöhnt. Doch obgleich der mächtige Kriegsgott es zu verbergen versucht, ist da noch ein völlig anderes Gefühl in seinen Zügen. Das Zittern in seiner Stimme entgeht weder mir, noch kann es von den anderen unbemerkt bleiben. «Schlimmer noch, er ermordete seine eigene Schwester. Sein eigen Fleisch und Blut!» Ein Raunen erfüllt den Saal, fährt mir durch Mark und Bein. Auch wenn ich es nicht will, schlägt mein Herz einen bedrohlich schnellen Rhythmus.
«Selene ist unauffindbar. Hier und in der Unterwelt», schaltet Jupiter sich ein und tritt neben Mars an das Pult, welches das Konklave des Göttergerichts überblickt. Mit seinen Worten ziehen sich Blitze über den Himmel, den ich dank der gläsernen Decke in seiner vollen Pracht sehen kann. «Was uns vermuten lässt, dass er sie nicht nur tötete, sondern vollbracht hat, was keinem anderen Gott je gelungen ist: Er hat Selenes Seele völlig ausgelöscht!» Sein graues Haar weht in einem magisch erzeugten Wind, während der Blick aus seinen grauen Augen über die Menge huscht. Doch die Macht, die ihn wie ein Schleier umgibt, verfehlt seine Wirkung. Denn da ist Angst, die so deutlich in seiner Stimme mitschwingt, dass keine Ehrfurcht in mir lodert, sondern beinahe ein Hauch von Mitleid. «Ihre Seele wird keinen Frieden im Jenseits finden, weil sie schlicht nicht mehr existiert. Ein noch schlimmeres Schicksal als der Tod selbst. Und das verdankt sie ihrem eigenen Bruder. Ihrem Vertrauten!»
Das leise, aber stetige Murmeln im Saal verwandelt sich schlagartig in einen tosenden Tumult.
«Heißt das, die alte Prophezeiung tritt nun ein?»
«Wir müssen den Untergang verhindern! Nieder mit dem Verräter!»
«Wie ist es möglich, eine göttliche Seele auszulöschen?», schaltet sich Minerva ein und stellt die erste sinnvolle Frage des Abends. Doch etwas anderes habe ich von einer Weisheitsgöttin auch nicht erwartet.
«Sie war seine Schwester! Wenn er zu dieser Gräueltat imstande ist, ist er zu allem fähig! Die Zeit rennt, begreift das doch!»
«Er wird das Chaos über uns bringen! Die Dunkelheit darf nicht zurückkehren. Wir müssen ihn festnehmen, hier und jetzt!»
Als die schweren Tore des Göttergerichts aufgerissen werden, schneidet ihr lautes Poltern durch das Stimmengewirr, welches sofort leiser wird. Denn es gibt nur einen Gott, der in den Reihen der Anwesenden fehlt.
Als das Donnern seiner Schritte erklingt, verstummen alle. Kein Getuschel kriecht mehr durch die Reihen, denn die anwesenden Götter verfallen in ehrfürchtige Verbeugungen oder tauschen vielsagende Blicke. Wenn Odin eintrifft, ist es ernst. Wirklich ernst. Das wissen sie, ganz egal, wie naiv sie doch sonst sind.
«Habe ich dir nicht gesagt, dass das Schicksal meines Sohnes allein in meiner Hand liegt, Jupiter? Wieso widersetzt du dich mir?» Odins Züge sind vor Zorn verzerrt, und mit jedem Schritt, den er näher an das Pult tritt, verdunkelt sich der Himmel über unseren Köpfen weiter.
Jupiters Miene verfinstert sich ebenfalls – sofern das noch möglich ist –, und er reckt das Kinn, bevor er die Schultern strafft. Nur fehlt ihm die Autorität, die Odins ganzes Sein bestimmt. Denn obwohl sie beide Götter des Anfangs sind, vermisst Jupiter die Weisheit, die durch Odins Adern fließt wie das heilige Blut, das uns am Leben hält.
«Von dir habe ich den Widerstand erwartet, ist der Krieg doch alles, was du kennst, Mars. Doch von dir, Jupiter, habe ich mir mehr Vernunft versprochen. Du solltest es besser wissen, als jemanden ohne mein Einverständnis vor ein versammeltes Konklave zu zerren.»
Während Mars den Blick abwendet, bleibt Jupiter standhaft. «Er hat eine Göttin getötet. Seine Schwester! Sie alle haben das Recht, die Wahrheit über den Verräter in unseren Reihen zu erfahren. Eine Wahrheit, die du ihnen verwehren wolltest.»
«Die Wahrheit!», bellt Odin so laut, so zornig, dass selbst ich unter der Wucht seiner Worte zusammenzucke. Und das, obwohl Furcht noch nie zu meinem zugegeben begrenzten Repertoire an Gefühlen gehörte. «Die Wahrheit ist, dass es keinen einzigen Beweis gibt. Nichts verbindet ihn mit dem Verschwinden von Selene! Verschwinden, nicht Tod!»
Das Rumoren in den Reihen nimmt erneut an Fahrt auf, was seine nächsten Worte bloß befeuert, als er Mars und Jupiter den Rücken kehrt und sich den übrigen Gottheiten zuwendet. «Auch wenn ich es nicht gutheiße, wie ihr davon erfahren habt, kann auch ich die Wahrheit nicht leugnen. Selene wird vermisst, und erste Versuche, sie aufzuspüren, sind ins Leere gelaufen.»
«Sie sind nicht ins Leere gelaufen!» Mars’ Faust knallt auf das Pult vor ihm, und einige der Anwesenden zucken unter der Gewalt seiner Handlung zusammen. «Fortuna kann ihre Seele nicht auffinden, weil sie nicht mehr existiert. Sie ist fort! Und das ist allein seine Schuld!»
Alles verstummt, als Mars mit einem Finger auf mich zeigt und seine Wut mich mit voller Wucht trifft. Ich sehe die tiefe Furche zwischen seinen Brauen, die an seinem Kiefer hervortretenden Muskeln sowie die Ader an seinem Hals, die gefährlich pocht. Während einer jeden anderen Gottheit in meiner Position vermutlich bereits die Knie schlottern würden – ja, sie sogar vor ihm zu Boden gehen und um Vergebung flehen würde –, bleibe ich gelassen. Alles, was Mars und die anwesenden Gottheiten von mir bekommen, ist ein Lächeln. Ruhig und besonnen, was ganz und gar nicht zu dem Ungeheuer passt, als das er mich zeichnen will.
«Mars, im Namen des Friedens und deines hoffentlich noch intakten Verstands ermahne ich dich ein letztes Mal, still zu sein. Hör mit den Anschuldigungen auf, oder du wirst der Nächste sein, den wir in Ketten vor dieses Podest zerren.» Odin deutet nun ebenfalls in meine Richtung. Obwohl es meiner Situation gewiss nicht hilft, kann ich mir ein Winken trotz der Fesseln um meine Handgelenke nicht verkneifen, was Mars die Augenbrauen zusammenziehen und Jupiter seine Lippen aufeinanderpressen lässt.
«Eigentlich sollte dieses Gespräch im kleinen Kreis stattfinden, dem nur die Herrschergötter angehören. Doch da Mars und Jupiter euch alle mit hineingezogen haben und wir nun schon einmal hier sind: Ja, Selene ist verschwunden, und ja, wir konnten ihre Seele nicht orten. Wie das möglich sein kann, ist nicht klar. Was jedoch klar ist, ist, dass es keinen Beweis gibt, der uns vermuten lässt, Loki hätte etwas mit dieser Tragödie zu tun.»
Die Diskussionen im Saal wollen erneut ausbrechen, da hebt Odin seine Hand und bringt sie wiederholt zum Verstummen. «Was nicht heißt, dass er unschuldig ist.»
Dieser Satz entlockt Mars einen zufriedenen Ausdruck, der fast als Lächeln durchgehen könnte. Auch die restlichen Gottheiten scheinen nur auf diese Antwort gewartet zu haben. Natürlich haben sie das. Schließlich ist es immer leichter, die Schuld auf den altbekannten Sündenbock zu schieben, als der Wahrheit ins Auge zu blicken. Einer Wahrheit, die so viel grausamer und verheerender ist, als sie es sich vorstellen können.
«Doch solange keine Beweise existieren und es keinen Grund zur Annahme gibt, dass Loki uns verraten hat, wird er keine Konsequenzen tragen müssen.» Ein einfacher Satz, der doch eine zerstörerische Wirkung besitzt. Denn während Jupiter und Mars auf Odin einreden, erheben sich die Götter und lassen ihrem Unmut freien Lauf. Sie fordern meinen Kopf, was nichts Neues ist. Sie fordern den Aufenthalt in einer Zelle, um Schlimmeres zu verhindern, was mir ebenfalls nicht unbekannt ist. Schließlich habe ich mehr Zeit in Verliesen und Sicherheitskammern verbracht als all die Götter in den Tausenden Jahren ihres Lebens zusammen. Sie brauchen etwas oder vielmehr jemanden, der ihrer Furcht ein Gesicht gibt. Denn nichts ist schlimmer als die Angst vor der Ungewissheit selbst. Und die schwebt über uns allen wie eine mit Eisenhut getränkte Silberklinge, die nur darauf wartet, sich in unsere Herzen zu bohren.
Harlow
Die eiserne Spitze des Pfeils schießt auf mich zu, und ich zucke im letzten Moment zur Seite, nur um ein Schwert auf mich hinabsausen zu sehen. Sofort pariere ich den Schlag mit meiner eigenen Klinge, und ein lautes Klirren erfüllt die Luft. Einmal, zweimal, dreimal wehre ich den Angriff ab, bis ich mein Schwert in einem eleganten Bogen so schwinge, dass ich meiner Angreiferin ihre Waffe aus der Hand schlagen kann. Eine erledigt, fehlen noch drei.
Agil wirbele ich nach hinten, um den nächsten Hieb eines Schwertes zurückzuschlagen und die gleiche Abfolge wie schon eben durchzuführen. Obwohl mein Gegenüber meine Schläge seinerseits pariert, erkenne ich deutlich die fehlerhafte Körperhaltung. Der Stand der Frau ist zu instabil, und es braucht bloß ein paar geschickt platzierte Angriffe, um sie nicht nur zu entwaffnen, sondern direkt zu Fall zu bringen. Es wäre so leicht, das hier zu gewinnen. So verdammt leicht. Doch anstatt ihre offensichtliche Schwäche auszunutzen, gebe ich mich nachlässig und verlagere mein Gewicht auf das falsche Bein, was mich augenblicklich aus der Balance bringt. Ein siegessicheres Grinsen tritt auf die Lippen meiner Gegnerin, die wenige Sekunden zuvor noch dabei war, gegen mich zu verlieren. Etwas, was sie entweder ignoriert oder gar nicht bemerkt hat.
Wäre das hier ein echter Kampf, würde ich es niemals zulassen, dass mein Stand schwächer wird oder man mich in die Ecke drängen kann. Doch das hier ist kein echter Kampf, und eine Niederlage bringt mir weniger Schmerzen als ein Sieg. Das weiß ich aus Erfahrung.
Es braucht bloß einen kleinen Fehltritt meinerseits, und ich krache zu Boden. Schmerzen zucken durch meinen Rücken, sorgen dafür, dass mir für einen Moment heiß und kalt wird.
Mit gebleckten Zähnen und einem Grinsen, das an Großspurigkeit kaum zu übertreffen ist, richtet meine Gegnerin die Spitze ihres Schwertes auf mich und piekst mir in die Brust. Durch das Leder meiner Ausrüstung wird die Wucht zwar abgewehrt, doch würde es sich um einen realen Kampf handeln, wäre ich tot.
Mit dem einzigen Unterschied, dass ich meine Gegner in einem solchen Kampf niemals gewinnen lassen würde.
Ein Pfeifen erklingt, das meine Niederlage verkündet.
«Harlow hat verloren, mal wieder», kommentiert unsere Kommandantin Runa. «Lasst es euch anderen eine Lehre sein, dass eine wahre Agrai bis zu ihrem letzten Atemzug kämpft und sich stets in ihren Fertigkeiten übt.» Die Enttäuschung tränkt ihre Stimme mehr als der Schweiß meine Kleidung. Klirrend gleiten die Waffen zu Boden, und die Kriegerinnen, gegen die ich zuvor noch gekämpft habe, klatschen sich ab. «Du bleibst also im Küchendienst, Harlow, und wechselst nicht zur Jagd. Wie immer.»
Ich unterdrücke ein Lächeln, weil niemand wissen soll, dass ich mit Absicht verloren habe. Für Runa ist es vermutlich ersichtlich, jedoch interessiert sie sich nicht genug für mich, um nach dem Warum zu fragen. Und genau so soll es bleiben.
Während ich mein Schwert zurück in die Scheide an meinem Gürtel stecke, höre ich, wie Runa sich entfernt, ehe das Getuschel der anderen zu mir durchdringt. Augenblicklich versteife ich mich, gebe mir jedoch größte Mühe, nicht zuzuhören. Die Worte nicht an mich herankommen zu lassen, sondern wie die Schwerthiebe zu parieren. Nur ist es deutlich leichter, eine Klinge abzuwehren als tratschende Worte. Was einer der Gründe ist, wieso ich in den Kampfeinheiten nie gewinne. Egal wie gut ich bin, egal wie sehr meine Chancen auf Sieg stehen, ich sorge immer dafür, dass ich verliere. Die Male, die ich in meiner Zeit als Kadettin gewonnen habe, haben nicht dafür gesorgt, dass ich sonderlich erpicht darauf wäre, das zu wiederholen. Es war schlimm genug, Tag für Tag den finsteren Blicken und dem Gerede der Leute – mal leise, mal laut – ausgesetzt zu sein. Meine Lagerdienste verbringe ich dann lieber fernab von ihnen als bei der gemeinsamen Jagd.
«Ich verstehe nicht, wieso man der Tochter einer Namenlosen erlaubt, hier zu sein. Sie hat keinen Rang, ist nichts als eine Kriegerin, die immerzu verliert. Sie ist schwach und im Falle eines echten Angriffs eine Gefahr für uns!», raunt die Kriegerin, die ich als Erstes entwaffnet habe, und fährt sich durch die kurz geschorenen Haare. Celia, die ebenfalls niemals zum Sergeant oder geschweige denn zum Lieutenant aufsteigen würde, weil ihr dafür die Stärke und das Talent fehlen. Bei mir ist das grundsätzlich anders. Mir fehlt es nicht an Fertigkeiten, dennoch werde ich niemals meinen Rang als einfache Kriegerin loswerden.
«Keine Ahnung, sie ist eine Schande für unsere Reihen», stimmt die Bogenschützin ihr zu.
«Vielleicht solltest du dich lieber darauf konzentrieren, an deinen eigenen Kampfkünsten zu arbeiten, anstatt dich in unnützem Geschwätz zu verlieren, Celia. Immerhin hat sie dich besiegt, und das binnen Sekunden», unterbricht eine mir vertraute Stimme die Kriegerinnen, die sofort verstummen und salutieren. «Dafür, dass deine Seele von einer Weisheitsgöttin gesegnet wurde, besitzt du nicht viel davon.»
Ich muss den Kopf nicht heben, um zu wissen, wer schützend vor mich tritt.
«Verzeihung, Lieutenant Asra», stammelt Celia, den Kopf gesenkt. Beinahe entweicht mir ein Schnauben. Es ist amüsant, wie schnell ihre Fassade aus Arroganz bröckelt, ehe sie ganz zusammenbricht.
«Ich bin nicht diejenige, die eine Entschuldigung verdient.» Der Blick der Lieutenant ist undurchdringlich. Kalt und hart. Sie nickt zu mir, und ich sehe deutlich, wie Celias Kiefermuskeln sich anspannen.
«Verzeihung, Harlow.» Dass ihre Worte eine einzige Lüge sind, hätte ich auch gewusst, ohne den Hass in ihren Augen lodern zu sehen. Selbst wenn sie vor mir auf die Knie fallen würde – was Celia gewiss erst auf Befehl von Runa höchstpersönlich täte –, wüsste jeder die Wahrheit. Sie hasst mich bis aufs Blut. Denn durch meine Adern fließt nicht dasselbe wie durch ihre.
«Ich erwarte eine Besserung deiner Fähigkeiten. Sowohl im Kampf als auch in deiner Denkweise. Abtreten.»
Celia schenkt ihr eine letzte Verbeugung, bevor sie und die andere Agrai sich mit schnellen Schritten davonstehlen.
«War das wirklich notwendig?», frage ich und gebe mir keine Mühe, den genervten Unterton zu verbergen. Stattdessen funkele ich die hochgewachsene Frau an, die ihr schwarzes Haar stets mit vielen kleinen Zöpfen aus dem Gesicht bindet und von Kopf bis Fuß in schwarzer Kampfmontur steckt. Über ihre Rüstung ziehen sich blaue Details, die ihren Rang als Lieutenant verdeutlichen. Auf meiner Kleidung findet sich keine Farbe. Nur das triste Schwarz, das mich als einfache Kriegerin auszeichnet. Ich kann von Glück reden, dass mir immerhin das gestattet wird.
Sie reckt das Kinn, bevor sich endlich ein Lächeln auf ihre steinerne Miene schleicht. Da ist sie. Nicht die strenge Lieutenant, sondern meine Asra. Sie hakt sich bei mir unter und stupst ihren Kopf kurz gegen meinen. «Ich lasse es nicht zu, dass sie so über dich reden. Es muss ja einen Vorteil haben, dass deine beste Freundin Lieutenant ist.»
«Dir ist klar, dass du damit ihren Respekt einbüßt? Immerhin gibst du dich mit der Schande des Lagers ab», kontere ich und schnaufe, versuche jedoch erst gar nicht, mich aus ihrem Griff zu lösen. Ich kenne Asra lange genug, um zu wissen, dass es sowieso nichts nützt.
«Wenn du dich noch einmal als Schande bezeichnest, sorge ich dafür, dass du einen Monat lang Rüstungsdienst verrichten musst. Einen Monat lang in den kalten Morgenstunden aufstehen und die Schwerter schleifen, die verschossenen Pfeile einsammeln und die schmutzigen Rüstungen schrubben. Willst du das wirklich?» Ich drehe meinen Kopf zur Seite, nur um in Asras funkelnde goldene Augen zu schauen. Wir wissen beide, dass sie das niemals übers Herz bringen würde, trotzdem zwinge ich mich zu einem Kopfschütteln. Darauf ankommen lassen möchte ich es schließlich nicht.
«Richtige Antwort. Komm, lass uns etwas essen gehen. Ich komme bald um vor Hunger.» Sie setzt sich in Bewegung, und da unsere Arme noch immer miteinander verschränkt sind, zieht sie mich einfach mit sich. Ich bin zwar die Flinkere von uns beiden, sie aber definitiv die Stärkere.
Wir lassen unseren mittlerweile leeren Trainingsplatz hinter uns. Klirren sowie ächzende Laute erfüllen die Luft, während wir über den Pfad und an weiteren Trainingsplätzen vorbeischreiten. Gerade stecken die meisten Agrai im Training, und ich unterdrücke ein erleichtertes Seufzen. Das bedeutet, dass wir beim Essen nahezu ungestört sein werden.
Als das große Versammlungszelt mit seinen schwarzen Stoffwänden vor uns auftaucht, knurrt mein Magen laut.
«Runa hat dich heute sehr genau beobachtet. Sie war sichtlich begeistert, bis du die anderen wieder hast gewinnen lassen», sagt Asra plötzlich, und ich halte den Blick starr geradeaus gerichtet. Auf das Zelt, dem wir uns immer mehr nähern.
«Ich habe niemanden gewinnen lassen, die anderen waren einfach stärker», sage ich und weiß genau, was jetzt für ein Gespräch folgt. Denn Asra durchschaut jede meiner Lügen. Vor allem dann, wenn ich so offensichtlich gegen meine Natur handle wie beim Training heute. «Celia ist eine schlechte Kriegerin, das hast du selbst gesagt. Deshalb konnte ich sie besiegen.»
«Selbst der schwächste Gegner kann zur größten Gefahr werden, wenn man in der Unterzahl ist. Es stand eins gegen vier, und eine der Gegnerinnen war auch noch Bogenschützin. Eine unserer besten Bogenschützinnen, wohlgemerkt, die dich trotzdem kein einziges Mal getroffen hat», fährt sie fort, und ich schüttele bloß den Kopf.
«Ging aber nur haarscharf vorbei. Das war mehr Glück als Verstand oder Können.»
«Harlow.» Ruckartig bleibt Asra stehen und zwingt mich damit ebenfalls zum Stillstand. Ich will mich aus ihrem Griff befreien und im Zelt verschwinden. Etwas essen, statt zu reden. Doch Asra lässt es nicht zu, dass ich dem Gespräch entfliehe. «Warum wehrst du dich so dagegen, dir einzugestehen, dass du eine unserer Besten bist? Wenn du Runa einfach nur zeigen würdest, was du wirklich kannst, dann …»
«Weil es nicht wichtig ist. Ich werde nie einen der Ränge erreichen, du kennst die Regeln.»
«Regeln können sich ändern. Vor allem, wenn es darum geht, eine unserer stärksten Kriegerinnen in den Rang zu befördern, den sie verdient. Wenn ich weiter aufsteige, dann könnte ich genau dafür sorgen. Du bist mehr als eine einfache Kriegerin. Du bist stärker und schlauer als die meisten unserer Sergeants. Das weißt du. Warum lässt du den Gedanken nicht zu, dass …»
«Weil es nun mal nicht geht, Asra. Und das solltest du selbst am besten wissen. Wir haben Gesetze. Ich werde nie mehr als eine Kriegerin sein, ganz egal, wie gut ich vielleicht sein mag. Weil ich nicht hier sein sollte. Weil ich gar nicht erst hätte existieren dürfen.» Asras Augen werden weicher, ihre ganze Haltung verliert etwas von der Energie, mit der sie mich gerade noch zum Zelt gezogen hat.
«Wieso versuchst du es nicht einfach?», murmelt sie nun, und ich schüttele bloß den Kopf.
«Damit mich alle noch mehr hassen? Nein danke.» Mir entweicht ein Schnaufen, und ich verschränke die Arme vor der Brust. Asra legt beschwichtigend ihren Kopf zur Seite, doch ich knicke nicht ein.
«Sie werden dir nichts tun. Jedenfalls nicht, solange ich es verhindern kann.»
Freudlos lache ich auf, während es in meinen Fingern zu kribbeln beginnt. Instinktiv balle ich sie zu Fäusten und schlucke die aufsteigende Wut hinunter. «Ich habe keine Angst vor ihnen, Asra. Ich habe einfach keine Lust auf Probleme. Und wenn Celia oder eine der anderen sich in ihrer nicht vorhandenen Macht bedroht fühlt, dann führt es genau dazu: Problemen.»
«Harlow …»
«Lass gut sein!», fahre ich sie an. Mir ist bewusst, dass ich mich Asra gegenüber im Ton vergreife. Weniger, weil sie im Rang über mir steht, sondern vielmehr, weil sie es nur gut meint. Augenblicklich breitet sich Stille zwischen uns aus, und sogar die klirrenden Schwerter verstummen. Ich muss mich nicht umschauen, um zu wissen, dass alle Augen auf uns ruhen. Auf Asra, der angesehenen Lieutenant, in deren Seele der Verstand und das Geschick von Athena schlummern. Und auf mir, der Tochter einer Verräterin.
Das Mitleid in Asras Augen gibt mir den Rest. Ich brauche kein Mitleid. Mir geht es gut.
«Ich habe keinen Hunger, geh ruhig ohne mich essen.» Ohne ihr noch einen Blick zu schenken, drehe ich mich um und lasse sie vor dem Zelt stehen.
«Harlow!», ruft Asra mir noch hinterher, doch ich ignoriere sie. Denn wenn ich bei ihr bleibe, sage ich vielleicht etwas, das ich bereuen werde. Und Asra zu verlieren, ist die eine Sache, die ich nicht ertragen könnte.
Ich gehe vor dem kahlen Stein zu Boden. Augenblicklich durchweicht die feuchte Erde meine Hose, und ein Zittern geht durch meinen Körper. Doch die Kälte macht mir nichts aus.
Es gibt nur wenige Momente, in denen ich etwas anderes als Wut empfinde. Wenn ich das Grab meiner Mutter besuche, ist es einer davon. Hier kocht keine Wut in mir, stattdessen fühle ich nur eine schier endlose Leere. Weil sie diesem Leben entkommen ist, in das wir beide hineingeboren wurden. Und weil der einzige Ausweg sie nicht nur dieses Leben, sondern auch alle weiteren gekostet hat.
Denn das Schicksal einer Agrai beschränkt sich auf den Kampf. Nicht nur in diesem Leben, sondern in allen danach. Wenn eine Kriegerin stirbt, wird sie nicht einfach begraben. Es erfolgt ein Ritual vor dem Begräbnis, das ihre Seele davor schützt, Hades in die Hände zu fallen. Der Gott der Unterwelt würde sie zurück in den Kreislauf der Seelen führen, damit sie eines Tages wiedergeboren werden. Nicht so die Seelen der Agrai. Zwar werden auch sie wiedergeboren – doch nicht als freie Menschen, die ein neues Leben beginnen. Ihre Seelen werden von unseren Ältesten zurückgeholt. Und das nur, um erneut im Kampf zu sterben.
Und dann wieder.
Und dann wieder.
Es ist ein endloser Kreislauf aus Tod und noch mehr Tod, dem keine Agrai entkommen kann. Außer die Verräterinnen, wie meine Mutter eine war. Denn Verräterinnen wird das Ritual verwehrt. Sie werden nicht nur in die Unterwelt entlassen, sondern namenlos begraben. Ihnen wird das ehrenvolle Begräbnis verweigert und ihr Name genommen. Und um über den Fluss Styx in die Unterwelt zu gelangen, müssen sie dem Fährmann ihren Namen nennen. Ohne ihn treiben sie auf ewig zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, bis ihre Seelen eins werden mit den Gewässern der Verdammnis.
Behutsam streiche ich die Blätter von dem Stein, auf dem nichts zu finden ist, was auf das Grab meiner Mutter hindeutet. Als hätte sie nie existiert. Erst als meine Hände nass vom Regen und schmutzig von der Erde sind, gebe ich es auf, den Stein zu säubern, für den sich niemand außer mir interessiert. Es bringt nichts. Ihr Name wird niemals das dunkle Grau zieren. Selbst wenn ich ihn kennen würde, würde er mir dennoch nie verraten, wer sie gewesen ist. Und warum sie sich in einen Gott verliebt hat. Damit hatte sie nicht nur ihren Tod besiegelt, sondern auch mein Schicksal. Denn wenn es ein Gesetz gibt, das über allen anderen steht, dann, dass eine Agrai sich niemals verlieben darf. In niemanden. Vor allem jedoch nicht in einen verfluchten Gott. Und so wurde sie getötet und ich als Verräterkind großgezogen. Das Kind einer Namenlosen.
Seit meiner Geburt werde ich von den meisten Agrai, deren Seelen bereits seit Jahrhunderten wiedergeboren werden, verachtet. Sie sind der uralte Schwesternbund an Kriegerinnen, der von Artemis geschaffen und mit der Magie einiger der stärksten und klügsten Göttinnen unserer Welt gesegnet wurde. Sie hassen die männlichen Götter, weil sich keiner von ihnen Artemis angeschlossen hat. Und deshalb hassen sie mich und meinen göttlichen Vater. Wer auch immer er ist.
Als die Kälte meine Glieder schließlich doch fest im Griff hat und sie langsam steif werden lässt, erhebe ich mich vom Boden und klopfe mir die Erde von der schwarzen Hose. Während ich mich vom Grab entferne, blicke ich mich kein einziges Mal um. Stattdessen schreite ich an den vielen weiteren Gräbern vorbei, in deren Steine Namen und Symbole gehauen sind. Um die Kriegerinnen zu ehren. Um sie eines Tages zurückzuholen.
Kalter Wind hüllt mich in eine sanfte Umarmung, während ich das abgelegene Waldstück verlasse und zurück in mein Lager kehre, in dem mich der Geruch von Feuer und Rauch begrüßt. Dunkelheit hat sich mittlerweile über den riesigen Platz gelegt und das Klirren der Schwerter ist fast vollständig verstummt. Stattdessen höre ich dumpfes Gelächter aus dem großen Zelt, in dem wie jeden Abend der Tag beendet wird. Über frischem Wein, dessen Vorrat größer als der von manchem Heilmittel ist. Doch in den Stunden, in denen ein Krug nach dem anderen geleert wird, ist die Stimmung hier im Lager fast schon harmonisch. Denn nach der richtigen Menge Wein ist die erdrückende Wahrheit über unsere Existenz rasch vergessen. Zumindest bis zum nächsten Morgen.
Mit schnellen Schritten schlage ich den Pfad in Richtung der bewohnten Holzhütten ein. Sie stehen in kleinen Abständen nebeneinander und umkreisen den Platz in der Mitte unseres Lagers, der von Trainingsflächen und dem großen Versammlungszelt geziert wird. In manchen brennt ein schwaches Licht, wieder andere liegen in vollkommener Dunkelheit. Weil ihre Bewohnerinnen den Tag vergessen wollen – mit Wein oder Schlaf.
Als ich die kleine Hütte erreiche, die ich mir mit Asra teile, zieht sich mein Herz zusammen. Von außen sehe ich bereits das schwache Licht, was mir verrät, dass sie da ist. Und noch wach. Ich nehme einen tiefen Atemzug und stoße die Tür auf. Sofort begrüßen mich eine angenehme Wärme und ein leises Knistern, was beides der Feuerstelle entstammt, in der eine kleine Flamme tanzt.
Ein Schauer durchrieselt meinen durchnässten Körper und ich würde mich am liebsten direkt vor das Feuer setzen. Doch zuerst ziehe ich die schwere Lederjacke aus und hänge sie neben Asras an den freien Haken an der Wand. Dann erst lasse ich meinen Blick zu ihr huschen. Sie liegt auf ihrem Bett und liest in einem Buch. Magische Kräuter und ihre Wirkung erkenne ich den Titel und ziehe meine Brauen nach oben. Dass meine beste Freundin sich für Heilmittel und Kräuter interessiert, ist mir neu.
«In dem Topf neben der Feuerstelle ist etwas Eintopf. Du hast heute zu wenig gegessen.» Sie löst den Blick nicht von ihren Seiten, dass das hier ein Friedensangebot ist, ist mir aber sofort klar. Vielleicht wäre es klug, mich bei ihr zu entschuldigen. Gleichzeitig will ich das Thema nicht erneut aufrollen.
«Danke», sage ich stattdessen. Kurz hebt Asra ihren Kopf, und unsere Blicke treffen sich. Ihre goldenen Augen, die durch das Licht des Feuers noch heller wirken als sonst, schimmern verräterisch, bevor sich ihre Lippen zu einem Lächeln heben. Ich tue es ihr gleich, und sie schenkt ihre Aufmerksamkeit wieder dem Buch in ihren Händen.
So schnell und einfach sind Probleme zwischen uns gelöst. Weil wir einander nie lange böse sein können. Weil wir doch immer eine Einheit sind.
Anstatt mir direkt eine Portion des Eintopfs zu nehmen, dessen Geruch meinen Magen zum Knurren bringt, gehe ich zunächst durch die angrenzende Tür in den Waschraum. Streife meine Kampfmontur ab und ziehe mir die Stiefel von den Füßen. Ich schrubbe mir mit der Seife und dem noch lauwarmen Wasser den Dreck und Schweiß des Tages vom Körper. Doch je mehr ich schrubbe, umso größer wird der Kloß in meinem Hals.
Denn die Wut und die Traurigkeit sind in meine Haut gewoben und werden sich wohl niemals fortwaschen lassen.
Harlow
Am Anfang gab es nur das Chaos. Unsere Welt bestand aus nichts als Dunkelheit, bis eines Tages ein Blitz sie durchschlug und die Götter des Anfangs brachte. Odin, Zeus und Jupiter. Mit ihrem Erscheinen begann eine neue Zeit. Doch die drei Götter allein waren nicht in der Lage dazu, die tote Welt mit Leben zu füllen. Und so gaben sie einen Teil ihrer Macht auf und teilten ihre Herzen in zwei. Eine Hälfte blieb in ihrer Brust und aus der anderen erschufen sie ihr Gegenstück. Odin erschuf Frigg, Jupiter Juno und Zeus Hera. Gemeinsam mit ihnen brachten sie Leben in die Welt. Plötzlich gab es Bäume und Sträucher … und kleine Götterbabys.» Bei den letzten Worten schleicht sich ein Lächeln auf Asras Lippen, was den jungen Kadettinnen, die um sie herum verteilt auf dem Boden sitzen, ein Kichern entlockt. Ihre Blicke sind gebannt auf die Seiten des Buches gerichtet, das Asra vor sich aufgebahrt hat. Ich selbst presse meine Lippen fest aufeinander, um nicht loszulachen, und konzentriere mich stattdessen auf die Kartoffeln, die ich bereits geschält habe und die ich nun in kleine Stücke schneide. Obwohl ich die Geschichte über die Entstehung unserer Welt bereits viel zu oft gehört habe, lausche ich Asras Stimme dennoch, als wäre es das erste Mal. Vielleicht liegt es an der Art, wie meine Freundin unsere Geschichte erzählt. Vielleicht sind es aber auch die großen Augen der jungen Kriegerinnen, die sie fasziniert anstarren.
«Ehe die Götter des Anfangs sich versahen, war aus der toten Welt, in der kein Leben existieren konnte, eine lebhafte geworden. Mit Göttinnen und Göttern. Mit magischen Kreaturen wie den Faunen oder Nymphen, die in den Wäldern lebten, oder den Nixen, die sich in den Gewässern der Welt herumtrieben. Und nachdem die Welt vor Leben und Magie schier überquoll, folgten die Menschen.» Ein Rascheln erklingt, und ich muss nicht zuschauen, um zu wissen, dass Asra in dem alten Buch eine Seite weitergeblättert hat.
«Lange Zeit herrschte Frieden. Die drei Götter des Anfangs handelten im Einklang und gründeten den Rat der Herrschergötter, ein Tribunal, das dafür zuständig war, die Ordnung zu wahren. Damals, als unsere Welt noch eins war, bestand sie aus vielen verschiedenen Regionen. Jede wurde von einem Herrschergott geführt, der zusammen mit den Göttern des Anfangs über unsere Welt wachte. Artemis, die zwar über keine Region herrschte, liebte unsere schöne Welt über alle Maßen. Sie entdeckte eine Gruppe von jungen Menschenfrauen, die ihr Leben dem Schutz der Natur widmeten. In ihrer endlosen Weisheit sah Artemis ihr Potenzial und schenkte ihnen ihre Magie. Dadurch wurden sie schneller und stärker und entwickelten tödlich präzise Instinkte. Ihre Fähigkeiten erlaubten es ihnen, zu den stärksten Kriegerinnen unserer Welt zu werden. Alles, was die Kriegerinnen, die Artemis später ihre Agrai taufte, der Göttin versprechen mussten, war ein Leben im Zölibat. Keine zwischenmenschlichen Beziehungen, die über den schwesterlichen Bund hinausgingen. Aus den Rippen der vorhandenen Kriegerinnen schuf sie weitere, bis ihre Truppe groß genug war, um jeder Bedrohung standhalten zu können. Auch die übrigen Göttinnen, die allesamt über keine Region herrschten, schlossen sich ihr an und segneten die neugeborenen Seelen der Agrai.» Ein weiteres Rascheln und lautes Staunen folgen. «Und Artemis’ Entscheidung, schützende Kriegerinnen zu erschaffen, sollte unsere Rettung sein. Denn was die Herrschergötter nicht sahen, war, dass nicht jede Gefahr gebannt war. Obwohl der Blitz, der uns die Götter brachte, die Dunkelheit des Tages vertrieben hatte, war das Chaos noch immer in der Welt. Eine Lichtgöttin hatte sich der Nacht verschrieben: Nyx. Und so wurden aus der Dunkelheit der Nacht, dem letzten Überbleibsel des Chaos, weitere Götter geboren. Die dunklen Götter. Und mit ihrer Hilfe zerstörte Nyx schließlich den Frieden und brachte das Chaos endgültig zurück.» Ein weiteres Rascheln, dicht gefolgt von lautem Aufatmen. Mich durchläuft ein Schauer, und ich erinnere mich an das Bild, das die Kadettinnen nun auf den vergilbten Seiten sehen. Nyx, die Göttin der Nacht. Mit schneeweißer Haut und tiefschwarzen Haaren. Mit Augen so strahlend und groß wie der Mond. Umgeben von einer dunklen Aura, geprägt von einer kühlen Schönheit.
Die Gänsehaut auf meinen Armen spricht Bände, und ich bin dankbar, dass Asra fortfährt. «Nyx war es leid, dass sie nicht den gleichen Respekt wie viele der anderen Gottheiten erfuhr. Doch als die Götter des Anfangs Nyx ihren Wunsch verweigerten, über eine Region herrschen zu dürfen, tötete diese Zeus und löste somit den großen Krieg aus.»
«Wie konnte Nyx einen Gott töten? Ich dachte, die sind unsterblich!», unterbricht eine der jungen Kriegerinnen Asra, und ich hebe den Kopf. Sehe das Mädchen, welches Asra mit hochgerecktem Kinn anschaut. Wie die meisten Kadettinnen versucht sie erwachsen auszusehen und sich auch so zu benehmen. Weil sie es vermutlich kaum erwarten kann, ein richtiger Teil der Gesellschaft der Agrai zu werden. Ich sehe dennoch nichts anderes als ihr junges Gesicht und die leuchtenden Augen, die eher früh als spät ihren Glanz verlieren werden.
«Das ist eine wichtige Frage, Lavina. Gut aufgepasst», lobt Asra sie, und Lavina lächelt. «Götter sind nahezu unsterblich, doch ihr Herz ist ihre Schwäche. Ihre Magie schützt es davor, verwundbar zu sein. Außer die Klinge, die sich in ihr Herz bohrt, ist mit Eisenhut getränkt. Eisenhut lässt die Magie der Götter für den Moment schwinden. Und dann sind sie nicht nur verwundbar, sondern sterblich.»
«Und so hat Nyx schließlich Zeus getötet?», hakt Lavina nach, und Asra nickt.
«Richtig. Danach wurde die Pflanze ausgerottet, doch für Zeus war es bereits zu spät. Die Götter haben dank uns Agrai im großen Krieg über Nyx gesiegt, dabei jedoch viele Opfer gebracht. Um die Menschen weiterhin zu schützen, entschieden sie sich dazu, unsere Welten zu trennen.» Um ihre Worte zu untermalen, zeichnet Asra mit einem Stück Kreide auf den dunklen Tisch. Ich schäle währenddessen die nächste Kartoffel. «Die Götter, ihre Magie und all ihre magischen Wesen verließen unsere Welt und zogen sich in ihr eigenes Land zurück. Abyssos. Nur durch ein magisches Portal ist der Zugang in ihre Welt möglich. Und dieses Portal zu bewachen, ist die Aufgabe der Agrai. Das und die Menschen zu schützen. Deshalb werden unsere göttlich gesegneten Seelen immer wieder neu geboren. Weil wir besonders sind. Weil ihr etwas ganz Besonderes seid.»
«Aber wenn die Götter doch in ihrer eigenen Welt leben, wovor müssen die Menschen dann beschützt werden?», fragt eine helle Stimme, die nicht zu Lavina gehört.
«Das ist auch eine sehr gute Frage. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass nichts und niemand durch das Portal in unsere Welt gelangt. Damit nie wieder eine Göttin oder ein Gott oder irgendeines ihrer Wesen den Menschen Schaden zufügen kann. Deshalb wurde unser Lager auch direkt an der Grenze zwischen ihrer und unserer Welt errichtet. Denn wenn sich doch mal ein göttliches Wesen zu uns verirrt, sorgen wir dafür, dass es niemandem wehtun kann.» Bei der Art, wie sanft Asra mit den jungen Kadettinnen spricht, wird mir ganz warm ums Herz. Es lässt mich sogar beinahe die sengende Kälte vergessen, die durch meine Adern kriecht. Aber leider nur beinahe, denn kaum hat Asra von dem Portal und unserer Aufgabe, die Menschen zu schützen, gesprochen, kocht mit einem Mal wieder diese beißende Wut in mir hoch. Heiß und kalt sickert sie durch mich hindurch.
Seit ich mich erinnern kann, gab es hier keinen Angriff. Weder in unserem Lager – dem Hauptlager der Agrai – noch in einem der kleineren, die sich über unsere Lande verteilen. Auch nicht in den vielen Jahren vor meiner Kriegerinnenzeit. Dennoch tun wir nichts anderes, als für den Fall des Falles zu trainieren.
Das ist einer der Gründe, warum ich die Götter so sehr verabscheue. Nicht nur, weil Artemis’ unsinniges Keuschheitsgesetz mir meine Mutter genommen hat, sondern vor allem wegen unseres gesamten Lebens, das überhaupt keins ist. Jeder Tag besteht aus dem Training mit verschiedenen Waffen. Jeder Gedanke dreht sich um den Krieg. Wir haben sonst nichts, keinen tieferen Lebensinhalt. Von den Stunden am Abend, in denen die meisten sich mit zu viel Wein betäuben, mal abgesehen. Das Schlimme daran ist, dass dieser Zyklus niemals enden wird. Und das alles nur, weil die Herrschergötter in ihrer Aufgabe versagt haben, die Menschen zu schützen.
«Also sind wir die Beschützerinnen der Welt?», fragt eine weitere Kadettin.
«Ja, das sind wir», antwortet Asra. «Wir und unsere von den Göttinnen gesegneten Seelen.»
Nein, wir sind der personifizierte Tod, möchte ich sagen. Doch es gibt einen Grund, warum ausgerechnet Asra von unseren Ältesten damit betraut wurde, unsere Geschichten an die Jüngsten weiterzugeben. Es ist nicht ihre Stärke, die sie ausmacht, sondern vor allem ihr gutes Herz. Das, was dafür gesorgt hat, dass sie nicht in eine Einzelhütte umgezogen ist, als sie im Rang aufgestiegen ist. Es sorgt auch dafür, dass sie über unsere Geschichte reden kann, ohne ihre eigenen Gedanken weiterzugeben. Etwas, das ich niemals könnte. Denn dass ich alle Götter hasse, weiß jeder.
Das mit den Göttern und den Agrai ist ein schwieriges Thema. Einige wenige von uns verherrlichen sie immer noch, als hätten sie uns nicht aus der göttlichen Welt gesperrt. Als hätten sie nicht jedes Wesen, in dem auch nur ein Hauch göttliches Blut schlummert, in ihr Reich mitgenommen. Jedes einzelne, nur uns nicht. Die meisten verfluchen jedoch die Herrschergötter und alle weiteren Gottheiten, die vor Millennien nicht die Seelen der Agrai segneten, um sie vor den Gefahren der Dunkelheit gefeit zu machen. Nur Artemis glorifizieren sie weiterhin ausnahmslos, was ich nie verstehen werde. Unser Leben fühlt sich nicht nach einer Berufung an, sondern wie eine Strafe, die niemals endet.
Lautes Stimmengewirr dringt von außen ins Zelt, und ich hebe den Kopf. Sofort trifft mein Blick auf Asras, die ihre Brauen hochgezogen hat.
«Schaust du nach, oder soll ich?», fragt sie, und ich lasse das Messer neben die Kartoffeln fallen, bevor ich auch schon losgehe.
«Ich mach das schon», antworte ich hastig. Ich will wirklich nicht mit den jungen Kriegerinnen allein bleiben. Nachher stellen sie mir noch Fragen, die ich nicht beantworten kann. Oder nicht beantworten sollte.
Mit schnellen Schritten gehe ich an der Gruppe von Kadettinnen vorbei, die mich allesamt aus großen Augen anstarren. Als ich die Zeltklappe beiseiteschiebe, werden die Stimmen lauter. Mein Puls beschleunigt sich zusammen mit meinen Schritten, und ich berühre aus Reflex den kleinen Dolch, den ich immer bei mir trage. Nicht nur, weil die Waffe meiner Mutter gehört hat und somit das Einzige ist, was ich von ihr besitze. Vielmehr bin ich immer gerne vorbereitet. Denn auch wenn unser Lager noch nie angegriffen wurde und ich mich täglich über das viele Training beschwere, will ich im Ernstfall nicht unbewaffnet dastehen.
Als ich eine Traube von Agrai sehe, die am Rande unseres Lagers steht und etwas mustert, werde ich langsamer und erkenne endlich den Grund des Aufruhrs.
Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen und erhobenem Haupt reitet eine Agrai ins Lager ein. Dicht gefolgt von drei weiteren Kriegerinnen, die wie sie auf dem Rücken eines Pferdes sitzen und den gleichen strahlenden Ausdruck im Gesicht tragen.
«Vera!», erhebt sich eine mir vertraute Stimme durch das Gemurmel. Kurz darauf eilt Runa zu der Frau auf dem Pferd und hilft ihr herunter, bevor sie sie in eine Umarmung zieht. Es ist bereits eine Ewigkeit her, dass Vera, die engste Vertraute unserer Kommandantin und ihre direkte Vertretung, mit ein paar Agrai aufgebrochen ist. Sie wollten in eines der Lager im Osten reiten und dort nach dem Rechten sehen. Da wir das Hauptlager sind, gehen jede Ordnung und jeder Befehl von uns aus. Die anderen Lager, die sich zwischen den Dörfern der Menschen erstrecken, sind eher kleine Stützpunkte, die nur im Notfall gebraucht werden. Jetzt gerade dienen sie vor allem dazu, einen Überblick über die Geschehnisse im Land zu behalten, damit es auch unter den Menschen nicht zum Aufruhr kommen kann.
«Es ist auch schön, dich zu sehen, Runa. Wobei die Aussicht auf eine richtige Mahlzeit und einen Krug Wein noch schöner ist. Passend dazu …» Vera dreht sich zu den anderen Agrai um und pfeift einmal, was diese dazu veranlasst, ebenfalls abzusteigen und hinter ihre Pferde zu treten. Erst jetzt entdecke ich den kleinen Holzkarren, der hinter die Tiere gespannt ist. Sie binden ihre Pferde los und ziehen ein großes Tuch hinab, wodurch Holzfässer und Kisten zum Vorschein kommen, die gewiss nur eins bedeuten können.
«Das schreit nach einer Feier!», grölt jemand aus unseren Reihen. Vera schmunzelt, und Runa wirft einen argwöhnischen Blick in die Menge.
«Morgen», sagt Runa streng. «Heute Abend werdet ihr euch erst mal ausruhen. Gibt es irgendwelche Verletzungen?»
Veras Lippen werden immer noch von einem Lächeln gerahmt, doch urplötzlich verliert es etwas von seinem Strahlen. «Ein paar kleine Kratzer, aber nichts Ernstes.»
Sofort runzelt Runa die Stirn und ich halte den Atem an. Denn Veras Worte passen nicht zu ihrem Blick. Doch wenn Runa es bemerkt hat, ignoriert sie es einfach.
«Gut. Dennoch verbringt ihr alle die Nacht im Krankenlager.» Lautes Stöhnen ertönt von den Agrai, welches Runa mit dem Heben ihrer Hand zum Verstummen bringt. «Ich will keine Widerworte hören, ihr kennt die Regeln. Ihr seid Monate unterwegs gewesen, und ich lasse euch erst wieder zurück in den Alltag des Lagers, wenn unsere Heilerinnen mir versichern, dass es euch gut geht. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist ein Fieber, welches die Hälfte meiner Kriegerinnen ausknockt, nur weil ihr euch zu schade seid, eine Nacht mit dem Feiern zu warten.»
Vera verdreht die Augen, etwas, was nur sie sich erlauben darf, nickt daraufhin jedoch. Die anderen Kriegerinnen salutieren.
«Warum steht ihr alle hier eigentlich so unnütz rum? Habt ihr keine Aufgaben, denen ihr nachkommen müsst?» Runa wendet den Blick von den Neuankömmlingen ab und schaut in die Menge. Sofort eilen alle zurück zu ihren Posten.
Ich will mich ebenfalls gerade umdrehen, da lässt mich ein Rufen innehalten.
«Harlow! Warte kurz!» Überrascht blicke ich über die Schulter und sehe, wie Runa mit gerunzelter Stirn auf mich zukommt. Obwohl mir bewusst ist, dass sie jede Agrai zu jeder Zeit mit diesem argwöhnischen Blick mustert, macht mein Herz einen Satz. Stets unauffällig zu sein, bedeutet auch, nicht von meiner Kommandantin bemerkt zu werden.
«Ist alles in Ordnung, Kommandantin?», frage ich und korrigiere sofort meine Haltung. Straffe meine Schultern und festige meinen Stand.
«Kannst du bitte einen Topf Tee für die Heimkehrerinnen kochen? Ein paar Gänseblümchen sowie etwas Kamille sollten reichen, um die Ausbreitung möglicher Krankheiten zu verhindern.» Obwohl ihre grauen Augen immer noch leicht verengt sind, entspanne ich mich.
«Wird erledigt», sage ich, und sie nickt, bevor sie sich auch schon umdreht und davongeht.
Der süße Duft des frischen Tees steigt mir in die Nase, während meine Hände bereits gefährlich warm werden. Es sind nur noch wenige Schritte bis zum Krankenlager – und das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist verschütteter Tee. Ich müsste ihn nicht nur neu kochen, sondern vor allem erst einmal neue Kräuter sammeln. Etwas, was in den kalten Abendstunden gewiss sehr unschön werden würde. Also kralle ich meine Finger fester um die Griffe des Metalltopfs und ignoriere das leichte Brennen auf meiner Haut.
Mit meinem rechten Ellbogen schiebe ich die Zeltklappe auf und betrete den Vorraum des Krankenlagers, welcher von kleinen Kerzen erhellt wird. Ich bewege mich so leise wie möglich, um bloß niemanden zu wecken, der bereits schläft. Als ich den Topf endlich auf dem Holztisch abstellen kann, atme ich erleichtert auf. Der Tee dampft immer noch vor sich hin, und ich folge den dumpfen Stimmen in den Bereich, in dem die Betten stehen.
«So was habe ich noch nie gesehen», sagt jemand, dessen Stimme von Sorge getränkt ist. Es ist eine unserer Ältesten, Eldra. Ich verharre augenblicklich in der Bewegung, den Blick starr auf Vera gerichtet, die ihr Oberteil nach oben gezogen hat. Erschrocken reiße ich die Augen auf, und mir entweicht ein Keuchen, was die Aufmerksamkeit der anderen auf mich lenkt. Runa flucht, und Vera senkt den Stoff ihrer Kleidung, doch das Bild hat sich bereits in meinen Geist gebrannt.
Eine Wunde, die an den Einschlag eines Pfeils erinnert, von der aus sich schwarze Linien über ihren gesamten Bauch verteilen. Sie sehen aus wie kleine Adern. Als hätte jemand schwarze Tinte in ihre Wunde gedrückt, die sich nun durch ihren Körper frisst.
«Bei den Göttinnen», flüstere ich und starre Vera immer noch an.
«Was machst du hier?», zischt Eldra und kommt mit schnellen, wenn auch holprigen Schritten auf mich zu. «Eine ranglose Agrai hat ohne Erlaubnis nichts im Krankenlager zu suchen!» Die alte Frau packt meinen Arm und funkelt mich so zornig an, als hätte ich gegen eines unserer Gesetze verstoßen. Dabei bin ich bloß dem Befehl meiner Kommandantin nachgekommen und habe mich nicht am Schrank der Heilerinnen bedient.
«Sie ist meinetwegen hier. Ich habe sie darum gebeten, einen Tee zu kochen», geht Runa dazwischen, und Eldra lässt von mir ab. Sofort reibe ich die Stelle an meinem Arm, in die sich zuvor noch ihre knochigen Finger gebohrt haben. Es ist nicht so, dass ich Angst vor ihr habe. Vielmehr beunruhigt mich die ganze Situation. Warum hat Vera nicht vorhin schon gesagt, dass sie verwundet wurde?
«Was ist das für eine Verletzung?», frage ich eine Spur zu direkt. Doch es hat keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden.
«Nichts, was für deine Augen bestimmt ist!», faucht Eldra beinahe, was Runa laut seufzen lässt.
«Es ist nichts Schlimmes, Harlow. Bloß eine kleine Verletzung von der langen Reise. Ist der Tee fertig?»
Ich nicke stumm, glaube ihr jedoch kein Wort. Würde es sich bloß um eine harmlose Verletzung handeln, wären Veras Augen nicht so glasig. Die Wut auf Eldras Gesicht nicht so durchdringend und die Sorge in Runas Blick erst gar nicht existent.
«Gut, dann kannst du jetzt wieder gehen. Die Agrai brauchen Ruhe. Und Harlow? Kein Wort zu niemandem, verstanden? Ich will nicht, dass unnötigerweise Panik im Lager ausbricht. Es ist alles okay, wir haben das im Griff.» Die Art, wie sie mit mir spricht, lässt mich an jedem ihrer Worte zweifeln. Es wirkt eher so, als würde sie versuchen, sich selbst zu beruhigen, und nicht, mich zu überzeugen.
«Verstanden», bringe ich gepresst hervor und wende mich von ihnen ab. Verlasse das Zelt, doch das, was gerade geschehen ist, hat mich noch fest im Griff. Der Anblick der schwarzen Adern und die Angst in den Augen der Anwesenden lassen mich noch immer frösteln.
Selbst als ich die kleine Hütte betrete, in der Asra bereits wartet, habe ich mich immer noch nicht wieder gefasst. Was, wenn Vera an etwas Schlimmem erkrankt ist? Etwas, was sich auch auf andere übertragen wird? Was, wenn eine grausame Krankheit in unseren Reihen ausbricht und Kriegerin um Kriegerin befällt und schließlich tötet?
«Alles in Ordnung?», unterbricht Asra meine Gedanken. Ich hebe meinen Kopf und blicke in ihre großen Augen, mit denen sie mich sichtlich besorgt mustert.
«Ich …», setze ich zu einer Antwort an, komme jedoch nicht weit.
«Was ist los?» Alarmiert setzt sie sich in ihrem Bett auf und klappt ihr Buch zu.
Seufzend lasse ich mich auf mein eigenes fallen und schüttele den Kopf. «Vera wurde verletzt. Sowohl Runa als auch eine unserer Ältesten meinen, es sei nichts Schlimmes, doch mein Gefühl sagt mir etwas anderes. Es … es sah so merkwürdig aus. Die Wunde ist nicht sonderlich tief, aber von ihr ausgehend breiten sich dünne schwarze Linien aus. So was habe ich noch nie gesehen.»
Mit einem Mal weiten sich Asras Augen, und ihre Haut wirkt ganz fahl. Ihr Körper ist wie versteift, während sie mich erschrocken anstarrt. «Haben sie gesagt, was sie verletzt hat? War es ein Tier?»
Ich schüttle bloß den Kopf. «Keine Ahnung. So weit bin ich nicht gekommen, weil sie mich ziemlich schnell rausgeschmissen haben. Glaubst du etwa, dass ein Tier das ausrichten könnte? Oder irgendeine Kreatur aus Abyssos?» Allein der Gedanke daran, dass nach all den Jahren ein göttliches Wesen seinen Weg in unsere Reihen gefunden hat, lässt mich abermals frösteln.
Ich sehe, wie es in ihren Gedanken arbeitet, doch dann scheint sie sich innerlich einen Ruck zu geben. «Nein, das denke ich nicht. Vielleicht war es auch einfach nur eine Pflanze, die wir hier in unserer Region nicht haben. Wer weiß schon, was in den Städten am Meer wächst oder im Wasser schwimmt. Wenn sie sagen, dass alles gut ist, dann müssen wir ihnen glauben», sagt Asra unerwartet streng, dann holt sie tief Luft. So ganz überzeugt von ihren Worten wirkt sie nicht, recht hat sie aber trotzdem. «Wir müssen unserer Kommandantin vertrauen. Denn wenn wir ihr nicht mehr vertrauen können, wem dann?»
Wie in Trance reibe ich mir über die Arme, doch die Kälte lässt nicht nach. Weder die Kälte noch das Gefühl, dass Asra mehr sagen will, als sie gerade tut.
Harlow
Auf uns!» Vera hebt ihren Krug an, der bis oben hin mit frischem Met gefüllt ist. Eines der Mitbringsel aus dem fernen Lager. Neben der großen Menge Met, die gewiss nicht den heutigen Abend überleben wird, hat die Gruppe um Vera noch einiges an geräuchertem Fisch mitgebracht, der hier eine wahre Rarität ist. Dazu noch frischen Käse und Honigkuchen. Vom Essen ist kaum noch etwas übrig, denn alle haben sich direkt auf die Speisen gestürzt, die ganz anders als unsere übrigen Mahlzeiten schmecken. Normalerweise gibt es hier vor allem die verschiedensten Formen von Eintopf.
Die Tische und Bänke, die sonst das Zelt füllen, wurden an die Seiten geschoben, um genug Platz zu schaffen. Heute trägt kaum jemand seine Ausrüstung. Der lederne Brustschutz wurde gegen einfache Stoffhemden getauscht und die Schwerter für einen Abend im Waffenlager gelassen. Nur eine Handvoll Kriegerinnen ist weiterhin im aktiven Dienst. Sie bewachen den äußeren Ring des Lagers und halten Ausschau nach allem, was auffällig ist. Runa bewacht zwar nicht die Außenposten, behält dafür jedoch das Geschehen im Zelt streng im Blick. Trotzdem zupft ein sanftes Lächeln an ihren Lippen.
Während die Stimmung im Zelt immer weiter aufheizt, das Met wie Wasser fließt und das Gegröle lauter wird, halte ich mich ruhig am Rand auf. Hin und wieder nippe ich an meinem eigenen Met, doch so richtig kann ich das süße Getränk nicht genießen. Die ganze Zeit beobachte ich Vera und warte nur auf ein Anzeichen darauf, dass ihre Verletzung ihr zu schaffen macht. Doch entweder ist es wirklich nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick aussah, oder Vera ist verdammt gut darin, ihre Schmerzen zu überspielen. Lachend stößt sie ihren Krug an den einer anderen Agrai, und ich muss mir seufzend eingestehen, dass meine beste Freundin vielleicht recht hat.
Kaum gleiten meine Gedanken zu Asra, frage ich mich, wo sie eigentlich ist. Bei den Vorbereitungen der Feier habe ich sie irgendwann aus den Augen verloren und seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Und das, obwohl sie von solchen Feierlichkeiten gar nicht wegzudenken ist. Anders als ich genießt sie üblicherweise die abendlichen Stunden, in denen die Schwere des Alltags für kurze Zeit nahezu vergessen scheint. Umso mehr irritiert es mich, dass sie nirgendwo zu finden ist. Suchend lasse ich meinen Blick über die Menge gleiten – wieder und wieder –, doch weder sind ihre geflochtenen Zöpfe noch ihr strahlendes Lächeln irgendwo zu finden.
Seufzend löse ich mich von meinem Platz etwas abseits der Gruppe und bahne mir meinen Weg durch die Menge. Eine bereits angetrunkene Agrai stolpert und stößt gegen meine Schulter, was mich wanken lässt.
«Pass doch auf!», zischt die Kriegerin, die einen guten Kopf größer ist als ich. Als ich erkenne, wer vor mir steht, unterdrücke ich mit Mühe ein Stöhnen. Eine Auseinandersetzung mit ihr ist wirklich das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann.
«Entschuldige, Celia. Ich hab dich nicht gesehen.» Es widerstrebt mir, mich bei ihr zu entschuldigen. Vor allem für etwas, was gar nicht meine Schuld ist. Doch obwohl Asra nicht hier ist, ihre Hand nicht beruhigend um meine schließen kann, höre ich ihre Stimme laut und deutlich in meinem Kopf.
Sie ist es nicht wert. Verlier ihretwegen nicht dein Gesicht.
«Spar’s dir», zischt sie und beugt ihr Gesicht näher an meins. Sie glaubt wohl, ihre gebleckten Zähne könnten mich einschüchtern. Oder dass sie wirklich eine Chance gegen mich hätte. Innerlich verkneife ich mir ein Lachen. «Denk ja nicht, dass du dir mit ein paar Nettigkeiten einen höheren Rang erschleichen kannst. Du wirst niemals mehr als die Tochter einer Verräterin sein. Eine Missgeburt, die gar nicht existieren dürfte, hätte ihre Mutter die Beine nicht für einen verdammten Gott breit gemacht.»
War ich mir eben noch sicher, Celia in dem Glauben lassen zu können, wirklich die Stärkere zu sein, kostet es mich nun meine gesamte Selbstbeherrschung, nicht auf sie loszugehen. Sofort balle ich meine Hände zu Fäusten, und eine Hitze schießt durch meine Adern, die mein Herz zum Rasen bringt.
«Komm, sie ist es nicht wert, eine Ordnungsstrafe zu riskieren. Wenn sie auch nur ein bisschen nach ihrer Mutter kommt, sind wir sie sowieso bald los», mischt sich jemand ein und packt Celia am Arm. Diese wirft mir noch einen letzten finsteren Blick zu, in dem ihr Hass auf mich förmlich brodelt. Ich wende bloß den meinen ab und presse meine Zähne so fest aufeinander, dass mein Kiefer bereits zu schmerzen beginnt.
Es kostet mich ein paar langsame, tiefe Atemzüge, um nicht nur meinen Puls, sondern vor allem meine Wut wieder in den Griff zu bekommen. Alles, was bleibt, sind Leere und der Wunsch, allein zu sein. Also werfe ich der feiernden Menge, die ausgelassen ihre Gläser in die Luft hebt und deren Gespräche sich mit der Musik in einem lauten Rauschen über das Zelt legen, einen letzten Blick zu, bevor ich mich umdrehe und fortgehe.
Kaum habe ich das Zelt verlassen, schlägt mir die kalte Luft entgegen. Mein Atem bildet kleine Wolken, als die Dunkelheit, die nur von einzelnen Fackeln erleuchtet wird, mich empfängt. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich vom Zelt entferne, ebben die Geräusche weiter ab. Das Knirschen meiner Stiefel auf dem gefrorenen Gras klingt unnatürlich laut, während ich zurück zu meiner Hütte laufe.
Unweigerlich lasse ich meinen Blick in Richtung des Waldes wandern, der sich neben mir erstreckt. Was würde wohl passieren, wenn ich einfach verschwinde? Wenn ich in den Wald gehe und nie wieder zurückschaue? Würden sie mich finden? Würden sie mich überhaupt suchen?
Asra würde es tun, erinnert mich eine leise Stimme, die seit Jahren versucht, mir Mut zuzusprechen. Doch wie immer ersticke ich den kleinen Funken, bevor aus ihm eine Flamme werden kann. Denn Asra ist gerade nicht hier. Sie hat mich alleingelassen, obwohl sie ganz genau weiß, was solche Veranstaltungen für mich bedeuten. Immerhin ist nicht Celia die Ausnahme, sondern Asra.
Ich bin die erste Agrai, deren Seele nicht während des großen Krieges von den Göttinnen gesegnet wurde. Und ich könnte die Erste sein, die ihrem Schicksal den Rücken kehrt und einfach verschwindet.
Widerwillig löse ich den Blick vom Wald und konzentriere mich auf den Pfad vor mir in Richtung der Hütten. Glücklich bin ich hier nicht, und das wird sich auch nie ändern. Aber das Unbekannte, das vollkommen Fremde, bereitet mir mehr Angst als die Gewissheit, eines Tages in demselben Lager zu sterben, in dem ich geboren wurde.
Das Knacken eines Astes zieht meine Aufmerksamkeit auf sich und ich drehe mich ruckartig um. Wie von selbst wandert meine Hand zu meinem Dolch, und augenblicklich ist alles in mir für den Kampf gewappnet. Ich bin schon dabei, meine Waffe zu ziehen, da erkenne ich den Ursprung des Geräuschs.
«Asra?», frage ich verblüfft, als sich ihr vertrautes Gesicht im Mondlicht kristallisiert. «Ich hab dich überall gesucht. Wo warst du?»
Asras Augen weiten sich. Sie wirkt verschreckt. «Harlow? Was machst du denn hier draußen?»
Ich runzele die Stirn und verschränke die Arme vor der Brust. «Das könnte ich dich auch fragen, immerhin warst du nicht auf dem Fest. Dabei liebst du diese Anlässe.»
«Ich hatte bloß was in der Hütte vergessen, wollte jetzt aber zurück ins Zelt. Kommst du mit?» Sie bemüht sich um einen fröhlichen Ton, aber ihre Stimme zittert. Asras Stimme zittert nie. Sofort steigt Misstrauen in mir auf und ich trete einen Schritt näher an meine engste Vertraute heran.
«Ich hatte eine unschöne Auseinandersetzung mit Celia, weswegen mir die Lust auf Gesellschaft vergangen ist. Vor allem, weil du nicht da warst.»
Ihre Augen, die immer noch unnatürlich geweitet sind, füllen sich mit Reue. «Tut mir leid, dass ich dich alleingelassen habe. Wie gesagt, ich wollte kurz was holen und das Feuer im Kamin schüren, weil es hier draußen heute so kalt ist. Dabei habe ich wohl irgendwie die Zeit vergessen. Magst du vielleicht doch noch mal mitkommen? Dieses Mal lasse ich dich auch nicht allein, versprochen.»
Ich schüttele bloß den Kopf, zwinge mich aber zu einem Lächeln, welches nicht mein Herz erreicht. «Schon gut, ich bin sowieso müde. Genieß den Abend.»
«Das mach ich. Schlaf gut, Harlow!» Dass das Lächeln, das sie mir jetzt im Gegenzug schenkt, ebenfalls unaufrichtig wirkt, bestärkt mich in meiner Vermutung.
Eilig laufe ich an ihr vorbei in Richtung unserer Hütte. Als ich die Holztür öffne, werde ich von kalter Dunkelheit empfangen.
Der Kamin ist schon vor Stunden ausgekühlt.
Asra verschweigt mir etwas. Schlimmer noch. Sie versucht sogar, es mit einer Lüge zu vertuschen.
