London Tales - Martina Kirchhofer - E-Book

London Tales E-Book

Martina Kirchhofer

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Beschreibung

Überall auf der Welt existieren sogenannte Auserwählte, die mit magischen Fähigkeiten gesegnet sind, um die Erde vor dem Bösen zu beschützen. Marcelle ist eine davon. Sie ist für London zuständig, denn auch in dieser Weltmetropole tummeln sich allerhand dubiose Gestalten. Dark Mother, das Urböse, schart ihre Anhänger um sich, damit sie sich endlich dafür rächen kann, dass eine Auserwählte sie einst vor hunderten von Jahren in den Untergrund eingesperrt hat. Nun will Dark Mother die Weltherrschaft Stück für Stück an sich reissen. Und sie beginnt damit in London…

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

London Tales

Autorin

London Underground – Teil 1

Prolog

Marcelle

Hotel Palace

Jessica

Vorfall in der Damentoilette

Das Hotel zwischen den Welten

Eine dämonische Party

Wie Kelly zum Menschen wurde

Genoveva will’s wissen

Männergespräche

Der Gefangene von Walpurgisnacht

Wer ist Dark Mother?

Ups!

Rex’ dunkle Vergangenheit

Sommerferien im Palace

Die Geschichte eines Zwerges

Die Tote an Halloween

Die nächste Auserwählte

Business-Dinner

Unerfreuliche Nachrichten

Willkommen im Palace

Unerwarteter Besuch

Mikas Geschichte

Jacks Entschluss

Zazas Geheimnis

Ernüchterung

Eiskalte Themse

Dark Mother

Dunkle Vorahnung

Aufbruch

Auf der Insel des Nebels

Etwas Göttliches

Beisserchen bekommt kalte Füsse

Rex beweist sich

Arcos Geschichte

Der Entschluss

London Underworld – Teil 2

Der Neuankömmling

Kann die Party losgehen?

Hochbetrieb

Für immer dein

Irgendwo zwischen London und Paris

Home Sweet Home

Training, Informationen und eine Begegnung

Devon oder Ein dämonischer Verführer

Goodbye New York City

Verloren?

Hello London

Victors Geschichte

Träume und Seelen

Entfesselt

Unter Auserwählten

Gespräch mit einem Vampir

Die Gnade der Muttergöttin

Flur-Philosophie

Die ganze Wahrheit

Die Ruhe vor dem Sturm?

Sayonara

Die Vorbereitung

Zu spät

Der Kampf gegen Dark Mother

Der bezahlte Preis

Abschied

London Undergoing – Teil 3

Prolog, Teil 1: Henrietta

Prolog, Teil 2: Victor

Danach

Die Überraschung

Die Lektion

Das Erwachen

Kellergeflüster

Die Einsicht

Meerjungfrauen und Kinder

Ein ernstes Wörtchen

Unter Dämonen

Die Abschlussprüfung

Welcome to London

Merry Christmas and a Happy New Year

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold?

Nächtliche Begegnung

Kuss mit Folgen

Henriettas Vergangenheit

Schreckliche Vorahnung

Gespräche, Pläne und so weiter

Schwere Herzen

Emotionschaos

Böses Erwachen

Nur ein böser Traum?

Planung

Das Erbe des Orakels

Henriettas Vision oder Die einzige Lösung

Subway

Der letzte Kampf

- Hauptcharaktere -

Weitere Publikationen des MALIX-Verlags

London Tales

Martina Kirchhofer

Autorin

Martina Kirchhofer wurde 1992 im Kanton Zürich geboren, wo sie heute lebt und arbeitet. Sie mag die Natur und grosse Bäume, liebt Tiere und träumt von einem eigenen, wilden Garten. Ihren ersten Roman schrieb sie mit 13 Jahren, welcher 2009 erfolgreich veröffentlicht wurde. Seither lässt sie sich nicht mehr von ihrem Weg abbringen, als Schriftstellerin tätig zu sein.

Originalausgabe 2023

1. ePub Auflage 2023

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by MALIX-Verlag

Umschlaggestaltung: R. Kirchhofer

Korrektor: F. F. Vogel

Print-Ausgabe ISBN 978-3-9523584-4-3

eBook ISBN 978-3-9523584-9-8 (epub)

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website

www.malix-verlag.ch

London Underground – Teil 1

Prolog

Überall auf der Welt existieren Auserwählte, die mit ihren magischen Fähigkeiten gegen das Böse kämpfen und das Geheimnis der Magie schützen.

Die Auserwählten werden von Meistern unterrichtet, unterstützt und in die Lehren des Überirdischen eingeführt.

Sobald eine Auserwählte stirbt, suchen sich ihre magischen Fähigkeiten eine geeignete Nachfolgerin aus.

So hört das Gute nie auf, gegen das Böse zu kämpfen.

Und das Böse hört nie auf, zu existieren.

Beides ist ewig.

Marcelle

Marcelle war schön.

Nein, das Wort ‘überirdisch-schön’ hätte es wohl eher getroffen. Das honigblonde Haar fiel in weichen Locken um ihr perfektes, ovales Gesicht. Ihre grossen, himmelblauen Augen fesselten jeden Typen an der Universität. Ihr schlanker Körper hatte genau dort Rundungen, wo sie hingehörten und ihre Beine schienen endlos lang.

Marcelle war aber nicht einfach nur unglaublich schön und beliebt, sondern auch noch sehr talentiert und intelligent.

Sie war einfach perfekt.

Niemand wusste, dass Marcelle eine Auserwählte war. Niemand, ausser ihrem Lehrer Professor Colin Jones. Der gutaussehende Vierzigjährige war ihr Meister und Mentor. Er unterstützte sie, wo er nur konnte und Marcelle erledigte ihre Arbeit immer mit Bravour.

Obwohl sie jeden Mann in London hätte abschleppen können, war sie ihrem Freund absolut treu. Shane war ein schwarzhaariger, braunäugiger Vampir-Beau und Marcelle war über beide Ohren in ihn verliebt.

Hotel Palace

Das alte Grand Hotel Palace stand, zwischen weiteren altehrwürdigen Häusern eingereiht, gleich neben dem Hyde-Park. Es war so unauffällig, dass niemand auch nur einen Blick daran verschwendete. Wie auch? Das Hotel war von einem Unsichtbarkeitszauber umgeben, sodass es jeder einfach übersah. Das Grand Hotel hatte eine grosszügige Eingangshalle mit Marmorsäulen. Eine riesige Marmortreppe führte in die oberen Stockwerke. Im Erdgeschoss befanden sich, nebst vier Toiletten, eine blitzblanke Küche, der Speise- und Tanzsaal, sowie eine gemütliche Bibliothek und eine Bar. Das Hotel war mit vierundzwanzig hübschen Zimmern ausgestattet, die je über ein eigenes Bad verfügten, und einem unheimlichen Dachstock, vollgestopft mit alten Sachen.

Im Palace hauste Prof. Colin Jones, zusammen mit einigen magischen Freunden.

Da war Zaza, eine kleine, mollige Hexe, welche die Küche ihr Eigen nennen konnte und dafür sorgte, dass ganz bestimmt niemand hungern musste. Die 201 war ihr Zimmer.

Im 101 lebte Zazas Tochter, Zita. Das fünfzehnjährige, platinblonde und etwas melancholische Mädchen konnte in die Zukunft blicken. Da sie ihre eigene sah und deswegen nie eine Überraschung erlebte, neigte sie zu Selbstmitleid, Kummer und Trübsinn.

Gegenüber, im Zimmer 100, wohnte Marcelle, die von Zuhause ausgezogen war, damit sie sich besser auf ihren Auserwählten-Job konzentrieren und gleichzeitig mit ihrem Freund zusammenleben konnte.

Ein Zimmer weiter hauste Shane. Der Vampir verschlief den gesamten Tag oder tigerte durch die beschatteten Seiten des Hotels, da er an der Sonne verbrannt wäre.

Kelly, eine verbannte Dämonin, lebte in Zimmer 103 und hockte ihre Strafe ab. Da sie sich über die Menschen lustig gemacht hatte, musste sie nun auf der Erde als Mensch leben, bis sie ihre Meinung ändern würde. Sie war dementsprechend schlecht drauf.

211 bewohnte Gregory, ein griesgrämiger, meist betrunkener Zwerg, der als Gärtner sein Talent bewies und in der Erde erfolglos nach Edelsteinen grub. Obwohl der alte Brummbär meistens etwas zu meckern hatte, war er Prof. Jones’ bester Freund. Oft unterhielten sie sich bis spät in die Nacht und tranken Gin oder Brandy.

Prof. Colin Jones selbst hatte Zimmer 200 bezogen. Er hatte das Palace in den 90ern entdeckt und in Besitz genommen. Um es vor neugierigen Augen und Ohren zu schützen, hatte er es mit einem Unsichtbarkeitszauber belegt.

Dann war da noch Prof. Jones’ Neffe, Charlie Warren, der keinerlei magische Fähigkeiten besass. Nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte sich Colin seiner angenommen. Charlie war etwas schüchtern und kümmerte sich um Kleinkram, der erledigt werden musste, aber niemand freiwillig machen wollte. Er schmökerte gerne in den Zauberbüchern und war dabei selbst zu einem wandelnden Lexikon geworden. Er war in Nr. 111 heimisch.

Und last but not least Balduin, ein ehemaliger Ritter, der nun als Poltergeist sein Unwesen trieb und es liebte, in die Abwasserrohre zu kriechen, um die Hotelbewohner zu erschrecken. Dies gelang ihm aber meistens nicht.

Das Palace wurde also von einer bunt zusammengewürfelten Zweckgemeinschaft bewohnt.

Jessica

Jessica Clarkson war ein zwanzigjähriges Mädchen mit gewelltem, mahagonifarbenem Haar und kastanienbraunen Augen, das einfach nie beachtet wurde.

In der Grundschule war sie ein Niemand gewesen, alle hatten sie übersehen oder gemobbt. Letzteres war einiges schlimmer gewesen. Im Kindergarten hatte sie sich mit Genoveva angefreundet.

Genoveva Elisabeth Churchhill war eine grosse, junge Frau schottischer Abstammung mit haselnussbraunen Augen und rotem, gelocktem Haar. Ihr Vater besass die Konditorei Churchhill’s Cake Shop, welche Verkaufsläden in der King’s Road und im Westfield Shopping Centre hatte.

Genoveva hatte nach der Schule begonnen, die Tradition der Familie weiterzuführen, um später mit ihrem Bruder George Edward das Geschäft übernehmen zu können.

Jessica hingegen ging ans University College London und studierte Geschichte. Dort hatte sie Charlie kennengelernt, der dieselbe Klasse besuchte.

Charlie Warren war genau gleich gross wie Genoveva, hatte glattes, bernsteinfarbenes Haar, grüne Augen und erinnerte an den durchschnittlichen 08/15-Typen von nebenan.

Er war Jessicas bester Freund geworden, obwohl sie kaum etwas Privates über ihn wusste. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass er sie besser verstünde als andere.

Im Übrigen war auch Marcelle eine ihrer Mitstudentinnen, doch die beiden hatten nichts miteinander zu tun. Marcelle behandelte Jessica wie Luft und sie gingen sich immer aus dem Weg – bis zu jenem Dienstag im Januar.

Vorfall in der Damentoilette

Jessica hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und war froh, dass ihr nur noch eine einzige Vorlesung bevorstand. Sie ging zur Toilette und während sie die Hände wusch, schweifte ihr Blick zum schmutzigen Fenster. Es war schon dunkel geworden. Jessica seufzte und blickte in den Spiegel. Erschrocken zuckte sie zusammen, als sie darin einen Mann hinter sich stehen sah. Sie wirbelte herum und starrte ihn mit einer Mischung aus Ärger und Unwohlsein an.

„Entschuldigung“, sprach sie mit fester Stimme, „aber das ist die Damentoilette.“

Der Typ grinste und erwiderte: „Ich weiss.“

Mit gerunzelter Stirn musterte Jessica ihn. Er war bleich und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sie hatte diesen Mann noch nie gesehen. Kopfschüttelnd trat sie an ihm vorbei und wollte zur Tür hinausgehen, da hielt er sie am Arm zurück.

„Bleib doch hier“, grinste er.

Die Studentin riss sich verärgert los und sagte kühl: „Ich muss zum Unterricht.“

Sie wandte sich abermals zum Gehen, doch der Mann packte sie von hinten und hielt sie fest.

„Was soll das? Lassen Sie mich los!“, schrie Jessy und wand sich in seinem eisernen Griff.

„Du riechst lecker. Ich will, dass du mir noch etwas Gesellschaft leistest“, raunte er ihr ins Ohr.

Jessy versuchte den Typen wegzustossen, doch sie fühlte sich wie in einem Schraubstock. Der Mann schnüffelte an ihrem Hals und grunzte zufrieden vor sich hin.

„Ich benutze gar kein Parfum!“, rief sie um ihre Angst zu überspielen.

Dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Der Fremde biss, zu Jessicas Schrecken, in ihren Hals. Im selben Moment krachte die Tür auf und Marcelle stürmte herein. Mit einem Satz stand sie hinter dem Kerl und rammte ihm mit einem Kampfschrei einen Holzpflock zwischen die Schulterblätter. Der Mann schrie schrill auf und stiess Jessy von sich, die beinahe das Gleichgewicht verlor und gegen eine Toilettentür knallte. Fauchend wirbelte der Fremde herum und stürzte sich nun auf Marcelle, doch diese durchbohrte mit dem Pflock gezielt sein Herz. Mit einem markerschütternden Schrei zerfiel der Mann zu Staub und der Holzpflock fiel klappernd zu Boden. Aus riesigen, ungläubigen Augen starrte Jessica auf das Häufchen Asche und die Klamotten vor dem Waschbecken.

„Sorry, dass du das mitansehen musstest“, sprach Marcelle, warf die Kleider des Mannes in den Mülleimer und verstaute den Pflock in ihrer teuren Designerhandtasche. „Nun müssen wir dir wohl eine Menge erklären.“

„Das wäre echt nett“, schnaufte Jessy und versuchte ihren Puls wieder unter Kontrolle zu bringen. Gleichzeitig presste sie Klopapier an ihren Hals, um die Blutung zu stillen.

„Na schön“, stöhnte die Uni-Schönheit. „Wir treffen uns nach der Stunde in Prof. Jones’ Büro.“

Ohne ein weiteres Wort stöckelte Marcelle aus der Damentoilette und liess die verdutzte Jessica einfach stehen.

Die unangenehme Stille war kaum auszuhalten.

Jessica rutschte unbehaglich auf dem Stuhl herum. Ihr wurde noch unwohler, als sie sah, wie Prof. Jones zum dritten Mal seine Brillengläser polierte. Derweil sass Marcelle mit verschränkten Armen ungeniert auf dessen Schreibtisch und kaute mit saurer Miene ihren rosa Kaugummi. Jessica war erstaunt, dass Prof. Jones dies zuliess, ja, Marcelle sich das überhaupt getraute. Ohnehin fiel Jessy diese Vertrautheit zwischen Lehrer und Studentin auf, die diese normalerweise gut zu verstecken wussten.

„Nun? Wollen Sie mir nicht endlich erklären, was hier vor sich geht?“, fragte Jessy, um endlich das Schweigen zu brechen.

Prof. Jones sah von seiner eifrigen Beschäftigung auf und murmelte Unverständliches vor sich hin.

„Es tut mir wirklich sehr leid, dass Sie das mitansehen mussten, Miss Clarkson“, sprach Prof. Jones laut und knetete seine Hände.

„Das haben Sie mir schon mal gesagt und Marcelle ebenfalls“, knurrte Jessy verärgert. „Reden Sie bitte endlich Klartext. Das war doch ein Vampir, richtig? Wenn ja, dann existieren sicher auch noch andere solche Wesen, nicht wahr?“

Fordernd starrte Jessy ihren Lehrer an, der sich unter ihrem eisigen Blick wand.

Marcelle stöhnte genervt auf und schnaubte: „Um Himmelswillen, sag’s ihr endlich, Colin!“

Sieh an, sieh an, dachte Jessica gehässig, Marcelle darf ihn sogar duzen!

Prof. Jones seufzte ergeben und antwortete: „Ja, Sie haben recht, Miss Clarkson. Vampire existieren, genauso wie Dämonen, Hexen, Zauberer, Magier, Engel und noch andere Wesen, die wir als Mythen, Sagen und Aberglauben abtun. Auserwählte Personen, alles Mädchen und Frauen, haben die Aufgabe, schwarze Magie zu bekämpfen. Marcelle ist eine von ihnen.“

„Und was sind Sie?“, fragte Jessica neugierig.

„Ich bin Marcelles Meister und habe die Aufgabe, sie zu trainieren.“

Das erklärt also die enge Verbindung zwischen ihnen, dachte Jessy und alles schien ihr plötzlich viel logischer.

„Und was machen wir jetzt?“, wollte sie wissen.

Prof. Jones runzelte die Stirn. „Was meinen Sie?“

„Glauben Sie etwa, ich gehe jetzt aus Ihrem Büro und vergesse die ganze Sache? So läuft das nicht!“, lachte Jessy bissig.

Prof. Jones fuhr sich übers Gesicht und sah ziemlich gequält und unglücklich aus. Marcelle hingegen verdrehte die Augen und knurrte: „Na toll, genau das habe ich kommen sehen.“

Prof. Jones setzte schweigend seine Brille auf und starrte an eine unbestimmte Stelle an der Wand.

„Los, Colin, lösch diesem Freak doch endlich das Gedächtnis!“

Tadelnd blickte Prof. Jones die Auserwählte an und wies sie zurecht: „Marcelle, nicht in diesem Ton! Wenn Miss Clarkson es wünscht, erzähle ich ihr alles, was sie wissen möchte. Sie ist eine verschwiegene, vertrauenswürdige Person, die ganz bestimmt niemandem davon erzählen wird oder täusche ich mich, Miss?“

„Ganz und gar nicht“, entgegnete Jessy und schenkte ihm ein Lächeln.

„Ausserdem ist sie eine Freundin meines Neffen“, fügte Prof. Jones hinzu.

Marcelle murrte und warf ihrer Kommilitonin einen kalten, vernichtenden Blick zu, doch Jessy liess sich davon nicht einschüchtern. Ganz bestimmt nicht!

Das Hotel zwischen den Welten

Am nächsten Tag klopfte Jessica entschlossen an Prof. Jones’ Bürotür und trat ein. Ihr Lehrer sass am Schreibtisch und blätterte in einem zerfledderten, alten Buch. Als er Jessy bemerkte, schenkte er ihr ein leichtes, müdes Lächeln.

„Was kann ich für Sie tun, Miss Clarkson?“

„Ich möchte gerne mehr erfahren – alles!“, bat Jessy und setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.

Prof. Jones verhakte seine Finger ineinander und meinte: „Eigentlich kann man gar nicht viel mehr erklären. Sie müssten es sehen, es erleben, damit Sie diese Ansicht der Welt verstünden.“

„Das würde ich gerne“, sprach Jessica ernst und selbstsicher. „Sagen Sie mir nur wie.“

Als er zögerte, fügte Jessy hinzu: „Ich behalte alles für mich, bitte glauben Sie mir.“

„Das weiss ich doch“, versicherte ihr der Lehrer. „Sie sind eine tüchtige, intelligente Studentin und ich spüre eine Spur Magie an Ihnen. Ich bin wirklich froh, dass Sie diesen Zwischenfall erlebt haben und nicht eine der anderen Studentinnen. Nun, wie wäre es, wenn ich Sie zu einem Tee zu mir nach Hause einladen würde?“

Jessica runzelte die Stirn.

„Wissen Sie, Miss, ich wohne an einem ziemlich speziellen Ort“, erklärte Prof. Jones mit geheimnisvoller Stimme.

Das alte Hotel war Jessy zuvor noch nie aufgefallen und sie fragte nach dem Grund. Schmunzelnd erklärte der Professor: „Ich habe das Palace mit einem Unsichtbarkeitszauber belegt. Es ist dadurch nicht wirklich unsichtbar, aber die Leute auf der Strasse bemerken es einfach nicht, haben plötzlich wichtigere Gedanken, wenn sie das Haus betrachten und schenken diesem deswegen keine Beachtung mehr. Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack von Magie. Dieser Zauber benötigt kein grosses Vorwissen. Er ist ziemlich banal und einfach.“

Gemeinsam traten sie durchs geschmiedete Eisentor und überquerten den kleinen Vorplatz. Der Kiesweg war auf beiden Seiten von einer moosigen Wiese gesäumt und auf der linken Seite stand eine imposante Buche, deren Krone noch kahl war.

Verheissungsvoll blickte Prof. Jones seine Studentin an, stiess die grosse, schwere Holztür auf und verkündete stolz: „Willkommen im Hotel Palace!“

Staunend trat Jessy ein und sah sich um.

Der hellgraue Marmorboden und die gleichfarbenen Marmorsäulen schienen wie frisch poliert. Auf der leeren Rezeptionstheke lag eine glänzende Klingel. Eine grosszügige Marmortreppe, die von verschnörkelten, vergoldeten Springbrunnen flankiert war, führte in die oberen Stockwerke, kristallene Kronleuchter hingen funkelnd an der Decke und die dunkelroten Teppiche verliehen dem Interieur einen luxuriösen Anstrich.

„Wow, hier würde ich gerne mal Ferien machen“, witzelte Jessy und drehte sich um die eigene Achse.

„Nicht wahr?“, schmunzelte Prof. Jones und hängte seine Jacke an einen Kleiderständer neben der Rezeption. Er führte die junge Frau durchs Hotel und letztere kam nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Nach dem Rundgang liessen sie sich in der Bibliothek im Erdgeschoss auf den altehrwürdigen Sesseln mit kunstvoll verzierten Füssen nieder. Zaza servierte auf einem silbernen Tablett Tee und Kuchen. Sie strahlte übers ganze Gesicht, als sie Jessica erblickte und hiess sie herzlich Willkommen. Jessy schloss die kleine, mollige Frau sofort ins Herz und lobte sie für den Sahne-Schokoladen-Kuchen mit Suchtpotenzial.

Während sie am Schwarztee nippte, stellte Prof. Jones seine Mitbewohner vor und erzählte ihr etwas übers Hotel.

So verbrachten sie ihren freien Spätnachmittag, amüsierten sich und lernten sich besser kennen. Nun war Jessy auch klar, warum Charlie nie von seiner Familie erzählt hatte. Es hätte ihm nämlich niemand geglaubt.

Jessica hatte Prof. Jones schon immer gemocht, doch nun mochte sie ihn noch mehr. Nicht nur als Lehrer, sondern auch als Mann.

Eine dämonische Party

In den nächsten vier Wochen besuchte Jessy die Palace-Bewohner beinahe täglich. Schnell hatte sie sich mit Zita angefreundet, die ihr einige leichte Zaubertricks beibrachte. Marcelle schüttelte darüber bloss den Kopf und meinte mürrisch: „Der brauchst du das Zeug nicht beizubringen! Sie ist hier genauso fehl am Platz wie Charlie!“

Als Marcelle schon aus dem Zimmer geeilt war, murmelte Zita: „Da wäre ich mir mal nicht so sicher…“ und ein leichtes, geheimnisvolles Lächeln huschte über ihr puppenhaftes Gesicht.

„Was meinst du damit?“, fragte Jessy verwirrt.

„Ach, nichts“, erwiderte Zita, warf ihr platinblondes Haar über die Schulter und lenkte Jessy mit einem weiteren Zaubertrick vom Thema ab.

Als sie dann bei Tee und Shortbread in der Bibliothek sassen, erschien plötzlich Kelly im Türrahmen. Ihr strubbeliges, kurzes, kohlrabenschwarzes Haar war mit weissen Strähnen im vorderen Bereich aufgelockert. Sie trug eine dunkle Hüftjeans und ein schwarzes, knappes, geschnürtes Top, das einen Teil ihres Rückens neckisch zur Schau stellte.

„Hallo, Kelly“, grüsste Zita schon bevor die Ex-Dämonin eingetreten war.

„Hi“, grummelte diese auf ihre ewig chronisch schlechtgelaunte Art, ignorierte die Mädchen danach völlig und erreichte mit wenigen Schritten den hinteren, leicht erhöhten Teil der Bibliothek. Dort stand Prof. Jones und ordnete einige Bücher um. Kelly blieb vor ihm stehen, schob ihre Hände in die Hosentaschen und fragte erwartungsvoll: „Und?“

Jones musterte sie über den Rand seiner Brille und sprach lächelnd: „Ich konnte durch Eleigh Kontakt zu ihr aufnehmen. Sie ist nachsichtig.“

„Dann dürfen sie also kommen?“

„Ja, die Muttergöttin erlaubt deinen Freunden dich zu besuchen.“

Nun breitete sich das erste Mal in ihrem Menschenleben ein glückliches Lächeln auf Kellys Gesicht aus. Das machte sie gleich um einiges hübscher.

„Endlich mal ein spassiger Geburtstag!“, rief Kelly aus.

„Ich denke, es wird hier eher die Hölle los sein“, seufzte Jones.

„Das meine ich ja.“

Grinsend hüpfte Kelly aus der Bibliothek.

„Das kann ja heiter werden“, stöhnte Colin und massierte sich die Schläfen.

Am nächsten Tag herrschte emsiges Treiben im Palace. Zaza eilte hin und her und wünschte sich alles gleichzeitig erledigen zu können. Obwohl sie mehrere Zaubersprüche anwendete, sodass sich das Geschirr in der Küche von selbst abwusch, sich die Wäsche selbst bügelte und zusammenfaltete, hatte Zaza noch genug zu tun.

In der Zwischenzeit hängten Charlie und Jessy schwarz-rote Girlanden auf, Zita und Kelly räumten die Stühle zur Seite und Prof. Jones belegte alle Türen mit einem Zauber, damit die Dämonen nicht aus dem Hotel schwirren und Schabernack treiben konnten.

Abends war alles bereit. Kaum war die Sonne am Horizont verschwunden, öffnete sich ein leuchtendes, weissbläuliches Portal und die Dämonen traten aus der Unterwelt. Sie sahen alle ziemlich menschlich aus, hatten schwarz-weisses Haar und trugen schwarze oder weisse Kleider, deren Schnitt an römische Togen erinnerte. Einige hatten lange, scharfe Fingernägel, spitze Zähne und rote Hörner auf dem Kopf. Ein besonders schrecklich aussehendes Exemplar trat vor, breitete die Arme aus und brüllte mit Donnerstimme: „Kelly, komm her!“

„Eleigh, schön dich endlich wiederzusehen“, rief Kelly erfreut und umarmte ihn innig.

„Ihr bester Freund“, flüsterte Charlie Jessy ins Ohr.

Diese nickte verstehend.

Eleigh war zwei Meter gross, rothäutig, hatte riesige Elefantenohren und zwei geschwungene Stierhörner auf dem Kopf. Er strahlte übers ganze Gesicht, sodass eine Reihe spitzer Zähne sichtbar wurde und patschte den Anwesenden mit seiner riesigen Pranke kameradschaftlich auf den Rücken.

Das Teleportationsportal schloss sich, nachdem alle Dämonen hindurchgetreten waren. Kellys Geburtstagsfeier kam sofort in Schwung. Die Dämonen musizierten mit Handtrommeln, Flöten und Fiedeln, stampften dazu mit den Füssen, klatschten im Takt der Musik in die Hände, sangen in einer fremden Sprache und tanzten wild im Kreis herum.

Charlie und Jessy standen hinter dem Buffet und schenkten Brandy, Whiskey, Gin, Baileys und Cola aus. Dazu konnte man sich von diversen Kuchenplatten bedienen.

Etwas abseits knutschten Marcelle und Shane leidenschaftlich. Jessy beobachtete sie etwas wehmütig. Shane gefiel ihr sehr. Er war so mysteriös, geheimnisvoll und äusserst attraktiv.

Als Charlie ihren Blick bemerkte, stupste er sie in die Seite und versuchte sie mit einem Scherz aufzumuntern, was ihm auch gelang.

„Ach, Colin hat mir gesagt, dass ich dich vor den Dämonen warnen soll“, brüllte Charlie nun durch den Lärm. „Du darfst nie mit einem von ihnen tanzen, auch wenn sie dich auffordern, sonst können sie dich in ihre Welt verschleppen.“

„Ich pass’ schon auf“, rief Jessy zurück.

In diesem Moment kam Zita auf die beiden zu.

„Dieses Gehopse schlaucht einem ziemlich“, stöhnte sie. „Mir tun die Füsse weh. Du kannst ruhig tanzen gehen, Jessy. Ich löse dich gerne ab.“

„Okay, danke.“

Jessy bahnte sich einen Weg durch die wilde Menge. Die Trommeln und das Gestampfe liessen den Boden erzittern und fuhren in Mark und Bein. Ausgelassen tanzte und hüpfte Jessy mit der Meute mit.

Die Musik klang fröhlich, unbeschwert und sorglos. Bald war sie das Einzige, das Jessy noch wahrnahm. Sie bewegte sich wie in Trance und hatte das Gefühl, nie wieder stillstehen zu wollen.

„Oh, was für eine Augenweide du bist“, bemerkte plötzlich jemand, der hinter sie getreten war. Jessy blickte auf und erkannte einen hübschen, blonden, schlanken Mann mit engelsgleichen Zügen.

Er fügte lächelnd hinzu: „Du bist die personifizierte Weiblichkeit. Darf ich deinen Namen erfahren?“

„Jessy, naja, eigentlich Jessica.“

„Was für ein wohlklingender Name. Wohl wahr, dass er dir alle Ehre macht“, flötete der Dämon. „Willst du vielleicht mit mir tanzen?“

„Ja, ich…“

„Sorry, doch der werte Herr muss sich nach einer anderen Tanzpartnerin umsehen. Diese hier ist vergeben“, unterbrach Charlie sie. Er war urplötzlich hinter Jessy aufgetaucht und hatte sie an der Schulter gepackt.

Enttäuscht wandte sich der blonde Dämon ab und verschwand im Getümmel.

„Holy crap, bist du wahnsinnig?!“, fuhr Charlie seine beste Freundin wütend an und schüttelte sie an der Schulter. „Ich habe dich doch vor den Dämonen gewarnt!“

Jessy blinzelte verwirrt.

„Oh“, stammelte sie, „das war ein Dämon?“

„Ja-ha“, stöhnte Charlie, „ein charmanter zwar, doch ein Dämon.“

Erst jetzt schien Jessys Geist wieder klar zu werden und ihr entfuhr: „Oh, gosh, beinahe wäre ich freiwillig in die Unterwelt gegangen! Danke, Charlie!“

Sie fiel ihm um den Hals und schluchzte vor Erleichterung.

„Schon gut“, brummte der junge Mann und tätschelte etwas unbeholfen ihren Rücken.

Den Rest der Nacht verbrachte Jessy brav hinter dem Buffet. Keine zehn Pferde hätten sie nochmals auf die Tanzfläche gebracht.

Als es dämmerte, war der Spuk vorbei. Die Dämonen verabschiedeten sich und verschwanden wieder in die Unterwelt. Sie hinterliessen einen wehmütigen Geruch nach einer anderen Welt – und eine ziemliche Schweinerei.

Kelly seufzte sehnsüchtig und entschwand dann widerwillig in ihr Zimmer. Zaza brachte das Chaos mit einem Zauberspruch wieder in Ordnung. Als dann die ersten Sonnenstrahlen den Saal durchfluteten, erschien das Erlebte bloss wie ein verrückter Traum.

Wie Kelly zum Menschen wurde

Kelly lag ausgestreckt auf dem Bett und starrte an die weisse Decke. Sie hatte die zweiteilige Balkontür, die gleichzeitig die Fenster waren, weit geöffnet und der kalte Morgenwind blähte die gelben Vorhänge auf. Die ersten Sonnenstrahlen kletterten durchs Fenster und über die Wände. Obwohl es ziemlich kalt war, trug Kelly nichts weiter, als ein ärmelloses Top und eine Jeans. Trotzdem fror sie nicht. Die Ex-Dämonin seufzte und sehnte sich nach ihrem alten Leben.

Die Hauptaufgabe der Dämonen ist es, das Feuer im Erdinneren zu schüren und aufzupassen, dass es nicht erlischt, da sonst die Erde zugrunde geht.

Kelly war noch eine sehr junge Dämonin, erst zweihundert Jahre alt und noch immer in der Rebellionsphase. So hatte sie sich darüber aufgeregt, dauernd dieselbe Arbeit machen zu müssen und sich lautstark beschwert. Als dies nichts genützt hatte, war sie ausgerissen und hatte auf der Erdoberfläche grossen Schaden angerichtet. Sie hatte einen Tornado heraufbeschworen und Menschen mit Zaubersprüchen belegt, sodass diese mit Schweineschnauzen und Kuhhörnern herumgerannt waren. Ein anderer Zauber hatte bewirkt, dass ganze Menschenhorden aufeinander losgingen und sich eine primitive Schlägerei boten. Belustigt hatte Kelly dem Treiben zugeschaut und über die Dummheit und das Unwissen der Menschen gelacht. Warum sollte sie auch Respekt vor Wesen haben, die nicht einmal einen Zauber ausführen, geschweige denn auf den eigenen Planeten aufpassen können?

Doch Kellys Scherze kamen ihr teuer zu stehen. Die Dämonen hatten ihre unerlaubte Abwesenheit entdeckt und so hatte es nicht lange gedauert, bis auch die Muttergöttin ihr Fehlen bemerkt hatte.

Die Muttergöttin ist niemand anderes, als die Mutter Erde, Gaia, der Planet selbst. Sie sorgt für Ordnung, zusammen mit ihren Helfern, den Engeln und Dämonen. Auch versucht sie die entstandenen Schäden der Erde so gut es geht zu beheben, doch das wird immer schwerer, da die menschliche Zerstörungswut drastische Ausmasse angenommen hat.

Trotzdem war sie erzürnt und entsetzt gewesen, dass Kelly so schlecht über die Menschen gesprochen hatte, weshalb die Dämonin bestraft wurde – und zwar mit der schlimmsten Strafe, die ein Dämon oder Engel bekommen kann: mit einem menschlichen Leben.

Kelly wurde zu einem ganz normalen Menschen, ohne jegliche Zauberkräfte und ohne Unsterblichkeit. Sie war nicht einmal mehr so mächtig, wie eine lausige Hexe! Kelly schämte sich in Grund und Boden und war gar nicht gut auf die Muttergöttin zu sprechen. Doch Kellys Wut verrauchte langsam, besonders da die Muttergöttin ihr einen Geburtstag mit ihren Dämonenfreunden erlaubt hatte.

Das einzige Problem war jetzt, dass Kellys Heimweh noch grösser geworden war. Sie vermisste Eleighs Scherze und die kameradschaftlichen Balgereien. Eleigh und sie waren beinahe gleich alt und hatten schon viel miteinander erlebt, Gutes wie Schlechtes.

Wieder hallten die Worte der Muttergöttin in Kellys Kopf: „Mein Urteil ist gefallen, kleine Dämonin, ich bestrafe dich mit einem Leben auf der Erde. Du kannst erst zurück, wenn du deinen Fehler eingesehen hast. Andernfalls verbanne ich dich für immer auf die Erde.“

Kelly konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie die ersten paar Wochen auf der Erde umhergeirrt war. Planlos, hilflos, hungrig, durstig und völlig verloren. Sie hatte oft geweint damals. Geweint und getobt. Alles war ihr verhasst gewesen: die Erde, die Menschen, die Luft, die schmutzigen Strassen, einfach alles, sogar sie selbst. Doch Mutter Erde hatte kein Erbarmen. Kelly hatte Nahrung gestohlen, war vor Polizisten und bellenden Hunden geflüchtet, war von Betrunkenen blöd angemacht und beinahe verprügelt worden. Sie hatte in U-Bahn-Stationen und auf Parkbänken geschlafen und das erste Mal in ihren langen Leben gezittert vor Kälte und Angst. Sie hatte die Erde ja nicht gekannt und nicht gewusst, wie sie sich zu benehmen hatte. Niemand hatte Mitleid mit dem abgemagerten Mädchen gehabt und sie hatte sich schon Gedanken darüber gemacht, vor einen Zug zu springen. Doch dann, dann endlich, begegnete sie Colin. Kelly hatte in einer stinkenden Gasse irgendwo in London gehockt, geschlottert und geweint. Sofort war ihr aber Colins magische Ausstrahlung aufgefallen. Kelly hatte den Kopf gehoben und in diese ernsten, ruhigen, braunen Augen geblickt. Colin hatte sofort gewusst, dass es sich um eine Ex-Dämonin handeln musste, er hatte es spüren können und Mitleid bekommen.

„Wie heisst du?“, hatte er gefragt.

„Kelly.“

Und als Colin nichts darauf erwidert hatte, fügte sie hinzu: „Ich wurde bestraft, weil ich schlecht über euch Menschen gesprochen habe. Ich bin ganz allein, ich weiss nicht, wohin ich gehen und was ich machen soll. Ich… ich habe Angst. Hilf mir… bitte.“

Das erste Mal in ihrem Leben hatte Kelly die Worte ‹Angst› und ‹Bitte› in den Mund genommen. Schniefend hatte sie zum Zauberer hochgesehen und dieser hatte tief geseufzt.

„Komm mit, Kelly“, hatte er gesagt und sie auf die, vor Hunger, wackligen Beine gezogen.

Kelly war ihm dafür wirklich sehr dankbar, aber trotzdem wollte sie zurück in ihre Welt. Einfach nur nach Hause.

Genoveva will’s wissen

„Nein, ich will nichts hören!“

Genoveva setzte eine trotzige Miene auf und füllte das Tablett mit Himbeer-Macarons nach.

„Geena, du weisst doch, dass es mir leidtut“, sagte Jessy leise und scharrte mit ihren Sneakers auf dem spiegelglatten Steinboden, sodass die Schuhsohlen quietschten.

Die Rothaarige blickte ihrer Freundin tief in die Augen und sprach: „Weisst du, ganz egal was du sagst, es klingt doch nur wie eine Ausrede.“

„Geena…“

„Wir haben abgemacht, dass wir uns jeden Freitagabend treffen und etwas unternehmen, da wir uns sonst ja kaum noch sehen. Doch seit einem Monat haben wir uns nicht mehr getroffen. Vier Freitage musste ich mich irgendwie selbst beschäftigen und habe mich beinahe zu Tode gelangweilt. Ich erwarte ja gar keine Entschuldigung, Jessy, aber ich frage mich wirklich, was mit dir los ist. Ist dir unsere Freundschaft nichts mehr wert?“

„Doch, natürlich!“, rief Jessy aus und dabei brach es ihr beinahe das Herz.

„Warum schiebst du mich dann dauernd ab?“

Jessica strich sich verzweifelt die Haare zurück und antwortete: „Es tut mir wirklich leid. Aber in letzter Zeit ist so viel los und … ach, ich weiss auch nicht. Bitte, verzeih mir, Geena. Lass uns heute Abend etwas unternehmen, ja?“

Genoveva blickte sie kühl an, dann erwiderte sie trotzig: „Nö.“

„Komm schon, Geena…“, stöhnte Jessy.

Doch ihre Freundin behandelte sie wie Luft und fragte eine eintretende Kundin nach ihren Wünschen. Routiniert füllte sie eine Schachtel mit Zitronen- und Vanille-Macarons, tippte den Betrag in die Kasse ein und nahm das Geld entgegen.

„Einen schönen Tag und beehren Sie uns bald wieder“, wünschte sie und lächelte freundlich.

Kaum hatte die Kundin die Konditorei Churchhill’s Cake Shop verlassen, setzte Genoveva wieder eine verärgerte Miene auf.

„Blöde Ziege!“, beschimpfte sie Jessy.

„Ich weiss. Kannst du mir trotzdem nochmals verzeihen?“, fragte Jessica mit schiefem Lächeln.

„Klar, doch“, grinste Genoveva, trat hinter der Verkaufstheke hervor und umarmte ihre beste Freundin innig.

„Aber nur, wenn du mir erzählst, was los ist“, fügte der Rotschopf ernst hinzu.

„Okay“, seufzte Jessica und hoffte insgeheim, dass sie keinen grossen Fehler beging.

Am Abend sassen die Mädchen auf Jessys Bett und sprachen sich aus.

„Weisst du, ich habe etwas Unglaubliches erlebt und gesehen“, erzählte Jessy. „Es ist wahnsinnig schwer, es dir zu erklären, ohne dass du mich für verrückt erklärst.“

„Na, sag schon“, drängelte Genoveva ungeduldig.

„Ich zeige es dir besser“, sagte Jessy, legte einen Bleistift vor sich hin und hielt ihre Hand einen halben Meter darüber. Nach wenigen Sekunden begann sich der Stift zu bewegen und erhob sich in die Luft.

„Holy shit!“, entfuhr es Genoveva und griff sich tatsächlich ans Herz. „Wie hast du das gemacht?“

„Zauberei“, antwortete Jessy. „Versuch’s doch auch mal. Stell dir einfach vor, was der Bleistift tun soll.“

Zaghaft hielt Genoveva die Hand darüber und biss sich angestrengt auf die Unterlippe. Sofort schnellte der Bleistift hoch, drehte sich einmal im Kreis, flog dann quer durchs Zimmer und bohrte sich ins abgewetzte Beatles-Poster.

„Shit!“, entfuhr es diesmal Jessica.

Auch Genoveva starrte überrascht an die Wand.

„Wow, wirklich so, wie ich’s mir vorgestellt habe.“

„Du bist Klasse! Eine richtige Hexe!“, jubelte Jessica und Genoveva fiel ihr übermütig um den Hals.

„Du musst das unbedingt Prof. Jones zeigen“, beharrte Jessy und erzählte ihrer erstaunten Freundin das restliche Geheimnis.

„Wirklich erstaunlich…“

Beeindruckt polierte Jones seine Brille.

„Genoveva Churchhill, schottischer Abstammung mütterlicherseits… Es gibt einen berühmten Zirkel von Hexen und Magiern in Edinburgh. Vielleicht war schon deine Grossmutter eine Magierin.“

„Das wäre… wow“, hauchte Genoveva atemlos.

Sie sass mit Prof. Jones, Zaza, Marcelle und Jessica in der Bibliothek des Palace.

„Nun, da du jetzt alles weisst, gehörst du zu uns“, sprach Jones. „Ich denke, es ist überflüssig zu erwähnen, dass es geheim bleiben soll.“

„Ich behalte alles für mich“, versprach Genoveva.

„Das hat vor geraumer Zeit eine gewisse andere Person auch gesagt und jetzt haben wir den Salat. Das kommt davon, wenn man sich auf Idioten einlässt!“, schimpfte Marcelle gehässig.

„Marcelle!“, riefen Jones und Zaza entrüstet im Chor.

„Was? Ist doch wahr!“, fauchte die Auserwählte säuerlich und stöckelte aus dem Raum.

Genoveva liess sich davon nicht irritieren und strahlte: „Bin ich aufgeregt! Jetzt werde ich jeden Tag üben, dann kann ich sicher bald anspruchsvollere Zaubersprüche beherrschen.“

„Wenn du möchtest, leihe ich dir ein paar Bücher“, bot Prof. Jones an und Zaza fügte hinzu: „Wenn ihr Fragen habt, wendet euch einfach an mich, ja?“

Die Mädels nickten.

Nun wandte sich Prof. Jones an Jessica und sprach: „Genoveva besitzt mehr Magie als du, Jessy. Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht, wenn sie schneller Fortschritte macht.“

„Nein, das ist schon okay“, versicherte Jessy lächelnd, doch innerlich versetzten ihr Jones’ Worte einen tiefen Stich.

Warum konnte sie nicht auch etwas Besonders sein?

Männergespräche

Mies gelaunt hockte Gregory an der schummrig beleuchteten Bar. Aus einem CD-Player dudelte Jazz-Musik. Der Zwerg kratzte sich grunzend an der Knollnase und kippte seinen siebten Brandy hinunter. Gregorys Leben verlief trostlos.

Seit sein Clan von einer Gruppe Schwarzmagiern ausgelöscht worden war, lebte er im Palace und grub in dessen Garten nach Bodenschätzen. Nur ein verrostetes Fahrrad, drei vermoderte Turnschuhe, sieben PET-Flaschen und unzählige alte, wertlose Münzen hatte er bisher gefunden.

Heute hatten ihn mal wieder die Wehmütigkeit und Melancholie überrumpelt, die er nun in Alkohol zu ertränken versuchte.

„Hey, Schankjunge, bring’ mir noch einen Brandy!“, schnauzte der Zwerg im Befehlston.

Schlecht gelaunt knallte Charlie das zu polierende Schnapsglas und den Putzlappen auf die Theke.

„Oh, ja klar, der Schankjunge schenkt dem netten Herren gleich nach!“, rief er genervt aus.

Charlies Bewegungen waren so energisch, dass er etwas vom Schnaps danebengoss.

„Vorsicht, Junge“, brummte Gregory, „du vergeudest wertvollen Brandy.“

Er beugte sich vor und schlürfte die Flüssigkeit ungeniert von der Theke.

„Deine Mama hat dich wirklich zum Gentleman erzogen“, bemerkte Charlie sarkastisch.

„Meine Mama ist gestorben, bevor sie mich zum Gentleman erziehen konnte!“, schleuderte der angetrunkene Zwerg zurück.

Daraufhin schwiegen beide.

„Sorry“, grummelte Charlie nach einer Weile, „aber ich fühle mich im Moment ziemlich nutzlos. Marcelle kann mit ihren übernatürlichen Kräften als Auserwählte angeben, Shane ist ein gutaussehender Vampir, Zita sieht in die Zukunft, Kelly ist eine Ex-Dämonin, Jessy und Genoveva können zaubern und ich? Was bin ich? Ein wandelndes Lexikon!“

Charlie schnaubte verächtlich.

„Und was, denkst du, bin ich?“, fragte der rotnasige Gregory schleppend und mit gläsernen Augen.

„Ein besoffener Zwerg“, antwortete Charlie nüchtern.

„Genau!“, lallte Gregory. „Und zu nichts zu gebrauchen! Kann nich’ zaubern, bin nich’ stark oder schnell. Ich kann nix, rein gar nix! Ich bin unnütz, nicht du, Junge. Ich weiss, dass du eines Tages gebraucht wirst. Das spüre ich am Zwicken meines Hühnerauges.“

Obwohl Gregory sturzbetrunken war, rührten seine Worte den jungen Mann, sodass sich dieser verstohlen eine winzige Träne aus dem Augenwinkel wischen musste.

„Ich weiss es!“, rief der Zwerg und fiel beinahe vom Barhocker. „Deine Eltern würden stolz auf dich sein, Junge, ja, sehr stolz!“

Dann kippte Gregory doch noch vom Hocker, krachte auf den harten Boden und schlief an Ort und Stelle selig ein.

Der Gefangene von Walpurgisnacht

Der Frühling zog ein. Die Natur wuchs und spriesste, dass es eine wahre Freude war. Das saftige Grün der Bäume und Wiesen explodierte förmlich und die Blumen strahlten in allen Farben. Die Tage wurden wärmer und länger.

Genoveva machte grosse Fortschritte im Zaubern, während sich Jessy irgendwie im Kreis zu drehen schien. Das frustrierte sie ziemlich.

Dann stand endlich der dreissigste April vor der Tür und alle Palace-Bewohner freuten sich aufs jährliche Walpurgisnachtfest. Drinnen wurde der lange Rittertisch wie bei einem Bankett gedeckt und mit Blumen dekoriert. Im Garten wurde Holz fürs Feuer aufgetürmt und auf den kleinen, runden Tischen die Vorspeise angerichtet. Als es dann endlich eindunkelte und das Feuer entfacht wurde, kam gute Stimmung auf. Man redete und lachte, bis es dann zu kalt wurde und man im Hotel das Abendessen einnahm.

Später wurde es Jessica etwas zu viel und sie brauchte frische Luft. Sie streifte sich eine Jacke über und trat in den grossen Garten. Die Luft war noch kalt und Jessica konnte die Sterne am Himmel sehen. Gut gelaunt spazierte sie den Steinplattenweg entlang und genoss die Ruhe. Plötzlich knackte es im Gebüsch. Jessy hatte das Gefühl, einen Schatten vorbeihuschen zu sehen und starrte in die Dunkelheit. Nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Da waren Augen, stahlblaue Augen, die sie beobachteten.

„Hallo?“, rief Jessy leise. „Kann ich irgendwie helfen?“

Die stechenden Augen lösten sich aus dem Schatten und ihr Besitzer kam näher. Die Gestalt war etwa eins achtzig gross, hatte breite Schultern und trug einen schwarzen Umhang, dessen Kapuze tief ins Gesicht gezogen war.

„Ja“, antwortete eine ruhige Männerstimme endlich. „Es würde mir meine Arbeit ungemein erleichtern, wenn du dich nicht wehren würdest, Auserwählte.“

Dann flüsterte er ein leises Wort. Ein Strahl gleissendes Licht trat aus seinen Handflächen und schoss auf Jessy zu. Mit einem erschrockenen Schrei warf sich die junge Frau zu Boden. Ein brennender Schmerz fuhr durch ihre linke Schulter und liess sie aufstöhnen. Weitere Lichtblitze hagelten auf Jessy nieder, die sich geistesgegenwärtig über den Boden rollte, auf die Füsse sprang und um ihr Leben rannte. Doch da stolperte sie über eine lose Steinplatte und stürzte.

Jetzt ist’s aus mit mir, dachte Jessy erschreckend nüchtern, doch da vernahm sie einen Schmerzensschrei und hob ihren Kopf. Einige Meter entfernt lag der Angreifer auf dem Boden und presste sich die Hand auf die blutende Schulter. Daneben standen Marcelle und Prof. Jones, der den jungen Mann mit magischen Eisenketten fesselte, um dessen Kräfte zu schwächen.

„Wer schickt dich, du Hund?“, bellte der Geschichtslehrer wutentbrannt.

Der Angesprochene funkelte ihn aus hasserfüllten Augen an.

„Kronos Bolt“, knurrte er und fügte mit gefährlichem Unterton hinzu: „Im Auftrag von Dark Mother.“

Prof. Jones’ Augen weiteten sich für einen kurzen Augenblick, doch er hatte sich sofort wieder unter Kontrolle.

„Werden weitere Schwarzmagier kommen?“

Der Gefangene grinste schwach: „Erst wenn ich tot bin.“

„Wie lautet dein Auftrag?“, fragte Marcelle scharf.

„Die Auserwählte von London töten.“

Marcelle schnappte hörbar nach Luft.

„Hast du das gehört, Colin?“, stiess sie hervor.

Dieser nickte düster.

„Leider.“

Prof. Jones brachte den Gefangenen in den Keller und kettete ihn an die Wand eines verstaubten, ungebrauchten Raumes. Da sass er nun, der junge Magier, auf einer alten, harten Pritsche, ohne Decke, alle Gegenstände aus seiner Reichweite entfernt und ohne jegliche Kräfte.

Natürlich war nun die Feierstimmung im Eimer, alle starrten düster und schweigsam vor sich hin.

„Wir halten ihn so lange gefangen, bis er uns freiwillig von Kronos und Dark Mother erzählt. Sonst lasse ich ihn dort unten verrotten“, knurrte Jones zornig. Fürsorglich kümmerte er sich um Jessys Verletzung, doch der Heilzauber war zu schwach, um den gesamten Schaden der schwarzen Magie zu beseitigen. Also trug Zaza eine kühlende Kräutersalbe auf und verband Jessys Schulter.

Noch in dieser Nacht kam ein kräftiges Frühlingsgewitter auf. Der kalte Wind blies den stechenden Regen um die Häuser. Er hielt länger an, als angenommen.

Am dritten Tag fragte Jessy an Jones gewandt: „Was ist mit dem Gefangenen?“

Der Professor schnaubte und antwortete: „Er schweigt wie ein Grab, aber so lange er seinen verdammten Mund nicht aufmacht, bekommt er auch nichts zu essen. Soll er doch verhungern!“

Jessy nickte und half dann Zaza bereitwillig beim Abwasch des Teegeschirrs, denn sie hatte einen Plan.

Als sich alle Hotelgäste verzogen hatten, füllte Jessy einen Teller mit Scons und eine grosse Tasse mit Tee. Zum Schluss klemmte sie sich noch eine warme Wolldecke unter den Arm, die sie im Eingangsbereich herumliegen sah. Leise schlich sie die Kellertreppe hinab. Wasser tropfte von den Rohren und Spinnweben wiegten sich träge im leichten Zugwind. Mit klopfendem Herzen öffnete Jessy die Tür und trat in die provisorische Gefängniszelle ein. Der Magier hob nicht einmal seinen Kopf. Wie ein Häufchen Elend sass er auf der Pritsche und rieb seine klammen Hände aneinander. Jessica bekam trotz allem Mitleid mit ihm. Langsam näherte sie sich ihm und stellte den Teller und die Tasse auf den Betonboden.

„Bedien’ dich“, sprach sie leise.

Da hob der Magier den Kopf und sah, verständnislos und erstaunt zugleich, zu ihr auf. Seine stahlblauen, stechenden Augen verwirrten Jessy ungemein. Seine Augen waren beinahe weiss und durchscheinend, umrahmt von einer schwarzen, scharfen Linie. Erst jetzt bemerkte Jessy seine helle Haut und sein platinblondes, kurzes Haar.

„Warum…?“

„Iss endlich“, befahl Jessy barsch. „Die anderen haben dich schon lange genug hungern lassen.“

Der Magier liess es sich nicht zweimal sagen und stürzte sich hungrig aufs Gebäck. Dabei fiel Jessys Blick auf seine Schulter. Der Stoff seines schwarzen Rollkragenpullovers war zerrissen und durchgeblutet. Ein Andenken von Prof. Jones.

Sobald der Magier alles aufgegessen hatte, forderte ihn Jessy auf, den Pullover auszuziehen. Obwohl er zuerst zögerte, gehorchte er. Er verzog schmerzhaft das Gesicht, als er seinen Arm bewegte. Nun sass er mit nacktem Oberkörper vor ihr. Seine Schultern waren zwar breit und sein Bauch flach, doch er war nicht ungewöhnlich muskulös. Die Fleischwunde auf seiner Schulter sah hässlich und entzündet aus. Vorsichtig betupfte Jessy sie mit Alkohol und beschmierte sie mit der Kräutersalbe, die sie aus Zazas Apothekenschrank hatte mitgehen lassen. Zum Schluss verband sie das Ganze. Nachdem der Magier wieder angezogen war, fragte er: „Warum bist du so nett zu mir? Ich habe dich beinahe getötet, du solltest mich hassen.“

„Stimmt“, entgegnete Jessy, „ich sollte dir den Kopf abreissen.“

„Warum tust du’s nicht?“, fragte der Magier heiser.

Jessica sah ihm in die Augen und meinte: „Weil ich es nicht kann. Ich kann niemanden töten, ganz egal, was er getan hat.“

Da sah sie in seinen Augen eine Art Verwunderung aufblitzen.

„Wie heisst du?“

Nun sah sie Verwirrung.

„Rex.“

„Na dann, Rex“, sagte Jessy mit einem flüchtigen Lächeln. „Ich hoffe, es hat dir geschmeckt.“

Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Ich habe noch eine Frage an dich: Warum hast du mich angegriffen, obwohl ich keine Auserwählte bin?“

Ein müdes Lächeln huschte über Rex’ Gesicht.

„Kronos hat mir die Auserwählte nicht beschrieben“, antwortete er dann. „Er sagte, ich erkenne sie daran, dass sie vor Magie strahle. Und das tust du. Du bist mächtig, nicht wahr?“

Jessica sah ihn kühl an und erwiderte: „Nein, das bin ich nicht. Ich bin eine jämmerliche Hexe, die zufällig über diesen Ort gestolpert ist. Ich bin hier genauso unerwünscht wie du, Rex.“

Mit diesen Worten warf sie ihm die Decke entgegen, die er geschickt auffing.

„Danke… Jessy“, hörte sie ihn leise sagen, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

Wer ist Dark Mother?

Es dauerte noch eine Woche, dann war der Schwarzmagier weichgekocht.

„Ich erzähle euch alles, was ich über Dark Mothers Pläne weiss. Aber, bitte, bindet mich los, sonst drehe ich noch durch!“, bat Rex.

Prof. Jones nickte ernst.

„In Ordnung. Ohne Zauberkräfte bist du kaum eine Gefahr für uns und aus dem Haus kommst du dank des Türzaubers ohnehin nicht.“

Rex brummte etwas vor sich hin und rieb sich die von den Fesseln schmerzenden Fussgelenke.

Bei Tee und Gingerbread sassen die Hotelbewohner zusammen und hörten sich Rex’ Erzählung an: „Seit es die ersten Menschen gibt, gibt es Dark Mother. Sie ist das Urböse in Person. Sie liebt es, Chaos, Krieg und Streit zu verursachen und zu unterstützen, denn sie ernährt sich davon: vom menschlichen Neid, von Zorn und Hass. All dies stärkt sie und macht sie grausamer als jedes andere Wesen dies- und jenseits der Erde. Diejenigen, die sie kennen, fürchten sie, selbst die mächtigsten Magier beugen sich ihrem Willen.

Die Geburtsstunde von Dark Mother war auch die der ersten Auserwählten. Seit Anbeginn bekämpfen sie sich.

Im Vormittelalter, als die Magie noch frei praktiziert wurde, gelang es einer osmanischen Auserwählten namens O-Rys’n, die durch komplizierte, politische Umstände einen englischen Lord heiraten musste, Dark Mother mit Hilfe eines starken Zaubers eines Flaschengeistes in den Londoner Untergrund zu sperren. Seither vegetierte Dark Mother in ihrem dunklen Gefängnis vor sich hin, unfähig sich vom Hass der Menschen ernähren zu können. Sie wurde immer schwächer und um nicht zugrunde zu gehen, lernte sie, sich an ihrem eigenen Hass zu laben, dem Hass gegenüber den Auserwählten.

Jahrhunderte vergingen, die Menschen begannen für ihre Bauten immer tiefer zu graben. Dark Mothers Gefängnis begann sich zu lockern. Langsam konnte sie sich wieder zu ihrer ursprünglichen Energiequelle vordrängen und wurde wieder stärker. Dark Mother grub ein unterirdisches Tunnelnetz und begann die mächtigsten Schwarzmagier und magischen Wesen um sich zu scharen.

---ENDE DER LESEPROBE---