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Oh, sie könnte vor Glück schweben, die junge Nora, als sie heimlich zu der einsamen Waldhütte eilt, in der sie sich mit dem Geliebten trifft. Bernd, dem ihr Herz ebenso gehört wie das seine ihr, ist Verwalter auf dem elterlichen Gut - und genau hier liegt der Grund, weshalb das junge Glück getrübt ist. Nie würde Noras Vater einer Heirat zustimmen, doch das muss er, da Nora noch nicht volljährig ist. Dennoch sind die beiden Liebenden fest entschlossen, für immer gemeinsam durchs Leben zu gehen. Doch dann macht Noras Vater ihr eine schreckliche Eröffnung - und damit alle Pläne des jungen Paares für immer zunichte. Nora hat keine andere Wahl, als dem Willen des Vaters zu folgen, und ihr Herz schlägt zwar weiter, aber es scheint für immer gebrochen ...
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Doch das Herz schlägt weiter
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Berührender Roman um ein Frauenschicksal
Von Gitta van Bergen
Oh, sie könnte vor Glück schweben, die junge Nora, als sie heimlich zu der einsamen Waldhütte eilt, in der sie sich mit dem Geliebten trifft. Bernd, dem ihr Herz ebenso gehört wie das seine ihr, ist Verwalter auf dem elterlichen Gut – und genau hier liegt der Grund, weshalb das junge Glück getrübt ist. Nie würde Noras Vater einer Heirat zustimmen, doch das muss er, da Nora noch nicht volljährig ist. Dennoch sind die beiden Liebenden fest entschlossen, für immer gemeinsam durchs Leben zu gehen. Doch dann macht Noras Vater ihr eine schreckliche Eröffnung – und damit alle Pläne des jungen Paares für immer zunichte. Nora hat keine andere Wahl, als dem Willen des Vaters zu folgen, und ihr Herz schlägt zwar weiter, aber es scheint für immer gebrochen ...
Ein heftiger Windstoß schlug krachend eine Tür ins Schloss. Sie quietschte in den Angeln, musste geölt werden. Ja, an dem einst so stattlichen Gutshaus musste manches geändert und erneuert werden. Doch die Krankheit der Hausfrau verschluckte einfach einen Geldschein nach dem anderen, mit dem man hier und da Reparaturen hätte vornehmen können.
Ein junges Mädchen band sich vor dem kleinen Toilettenspiegel ein Kopftuch um. Es schob eine widerspenstige Locke unter das Tuch und strich sich mit der Hand über die Wange – über die pfirsichglatte gesunde Haut.
Als Nora hinter sich ein Geräusch vernahm, fuhr sie erschrocken herum.
»Wohin willst du bei dem Sturm?«, fragte eine ruhige Stimme, der man eine stille Resignation anhörte.
»Ich wollte nur ins Dorf zum Krämer.«
Sie merkte, dass sie die einzelnen Worte zu schnell sprach – und dann die auffälligen Pausen dazwischen! Doch ihre Sorge war unbegründet – der Vater nickte nur.
»Komm aber vorm Dunkelwerden zurück!« Seine Stimme klang monoton.
Nora sah ihm nach, und etwas wie Mitleid erfasste sie. Sein Rücken war gebeugt, als trüge er eine schwere, unsichtbare Last auf seinen Schultern.
Unwillkürlich seufzte Nora. Früher hatte sie den Vater fast gefürchtet. Er führte ein strenges Regiment und ließ so leicht nichts durchgehen. Doch seitdem die Mutter krank war und sich anscheinend überhaupt nicht mehr erholen konnte, war er so, wie sie ihn gerade jetzt gesehen hatte!
Ihr Herz klopfte schneller als sonst, als sie den Gutshof überquerte. Es hatte zu regnen begonnen. Das junge Mädchen schlug einen kleinen Feldweg ein und summte vor sich hin.
Mitten in der frischfröhlichen Melodie hielt sie inne. Sie schämte sich beinahe, dass sie so froh war, während die Mutter heute einen besonders schlimmen Tag hatte. Doch sie war jung – und seit einigen Monaten gab es etwas in ihrem Leben, das alle Sorgen und Nöte einfach vergessen ließ, etwas, das sie unendlich glücklich machte.
»Bernd«, flüsterte das Mädchen jetzt. »Bernd, ich liebe dich!«
Jetzt begann es, stärker zu regnen. Unwillkürlich beschleunigte Nora nun ihre Schritte und erreichte bald den Waldrand.
Ein kleines Häuschen kam in Sicht. Darin bewahrten die Waldarbeiter ihre Geräte auf, gönnten sich hier wohl auch mal eine kurze Ruhepause oder warteten unter seinem Schutz das Ende des Regengusses ab.
Nora fühlte plötzlich ihr Herz bis zum Hals hinauf klopfen. Sie musste schlucken. Stets, wenn sie so dicht vor dem Ziel ihrer Sehnsucht stand, erging es ihr so. Ja, jedes Mal empfand sie die Begegnung mit Bernd in gleicher intensiver Beglückung wie beim ersten Male. Hier hatten sie sich immer getroffen.
Jetzt drückte sie mit bebender Hand die Klinke der Tür zu dem kleinen Häuschen herunter, und ein knarrendes Geräusch entstand beim Öffnen. Warum war Bernd noch nicht da? Warum hatte er die Tür nicht gleich von innen geöffnet und sie in die Arme gezogen?
Noras zartes Gesicht wurde um einen Schein bleicher.
»Bernd?«, flüsterte sie in das Dunkel des Raumes hinein.
Doch sie bekam keine Antwort. Hastig schloss sie jetzt die Tür, ließ das Rollo des Fensters herunter und zündete eine Petroleumlampe an.
Sicher hatten sich die Waldarbeiter Gedanken darüber gemacht, wer das Rollo befestigt hatte, und sicher waren sie wohl auch über die plötzliche Sauberkeit des kleinen Raumes erstaunt gewesen. Jetzt setzte Nora sich auf das alte Sofa und stützte den Kopf schwer in beide Hände. Es war das erste Mal, dass Bernd nicht vor ihr hier war.
Ob ihm etwas passiert ist?, dachte sie im gleichen Augenblick.
»Unsinn«, sagte sie laut, als könnte es sie beruhigen, wenn sie den Klang ihrer eigenen Stimme vernahm.
Eine Ewigkeit schien ihr vergangen zu sein, bis sich endlich die Tür öffnete, das Mädchen war vom Warten so zermürbt, dass ihm einige Tränen über die Wangen liefen.
»Nora – Liebes!« Wie immer war es Bernds warme Stimme, die sie wie ein schützendes Tuch umhüllte.
Sie spürte seine starken Muskeln, als seine Arme sie umspannten.
»Ich befürchtete schon, du kämst nicht mehr«, gestand sie unter Schluchzen.
»Ich wollte gerade gehen, als ich erneut den Arzt zu deiner Mutter holen musste«, berichtete Bernd, der als Verwalter auf Noras elterlichem Gut arbeitete, ernst.
»Hast du Mutter gesehen?«, fragte sie bang.
»Nein, dein Vater ließ mich nicht zu ihr – aber er schien ernstlich besorgt zu sein«, setzte der junge Mann leise hinzu.
Nora nickte still. Ihr Hals war trocken, wie ausgedörrt. Sie lehnte ihren Kopf ganz fest gegen Bernds Schulter. Leise begann sie, zu sprechen.
»Ich fürchte mich oft so, Bernd. Ich fürchte, dass ich mal aufwache, und du bist nicht bei mir.«
Bernds etwas eckiges Gesicht verzog sich zu einem nachsichtigen Lächeln.
»Wo sollte ich wohl sein?«, fragte er leise.
Nora zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht – irgendwo, nur nicht bei mir.«
In ihren Worten lag jetzt etwas Trostloses.
»Um dieser Angst ein Ende zu bereiten, gibt es nur eins, Nora! Ich werde endlich mit deinem Vater sprechen. Er muss einsehen, dass wir uns lieben und ein Recht auf unser Glück haben.«
Nora nickte. »Der Vater ... Bernd, du darfst nicht aufhören, mich zu lieben, auch wenn er seine Einwilligung verweigert, hörst du? Du musst zu mir halten.«
Jetzt liefen erneut Tränen über Noras Wangen. Sie merkte es nicht, sonst hätte sie sie fortgewischt. Ihre Züge wirkten so verzweifelt, dass Bernd mit beiden Händen ihr Antlitz umschloss, sein Gesicht kam ihr ganz nahe.
»Dein Vater weiß doch was Liebe ist, sonst würde er sich nicht so um deine Mutter sorgen. Nein, er wird unserem Glück nicht im Wege stehen.«
»Und wenn er uns den Segen verweigert, gehe ich so mit dir!«
Wie ein richtiger Schwur kamen die Worte über die Lippen des jungen Mädchens. Bernd hatte ein nachsichtiges Lächeln dafür.
»Kleines Närrchen! Überlege einmal, wie alt du bist«, sagte er warm.
»Neunzehn, aber ...«
»... ich werde in einigen Wochen zwanzig«, vollendete Bernd herzlich, während er erneut den Mädchenkörper an sich presste. »Ganz recht, Nora, also zwanzig Jahre – aber noch nicht einundzwanzig. Außerdem ist ein solcher Entschluss leichter gefasst als ausgeführt«, hielt er ihr im nächsten Augenblick vor. »Ich bin nur ein armer Mann, Nora, der sich durch seiner Hände Arbeit das Brot verdienen muss.«
»Was hat das mit unserer Liebe zu tun?«, fragte das junge Mädchen heftig.
Bernd sah ihr tief in die hellblauen Augen.
»Nichts, mein Liebes, vielleicht bin ich nur ein Schwarzseher.«
Nora kam es vor, als wenn seine Worte plötzlich eigenartig klangen.
»Bernd, ich liebe dich«, flüsterte sie impulsiv. »Ich liebe dich«, wiederholte sie dann leise.
Im flackernden Schein der Petroleumlampe sah ihr Gesicht bleich und ängstlich aus.
»Solange ich bei dir bin, brauchst du dich nicht zu fürchten, Liebes!«
Wie warm und gut Bernds Stimme klang – und doch war heute in ihr ein Ton, der Nora erzittern ließ, der anderes Herzklopfen als sonst verursachte, wenn sie mit ihm beisammen war.
»Nein, mit dir fürchte ich mich nicht, Bernd – nie«, bestätigte sie leise und andächtig.
Wieder lagen ihre Lippen aufeinander. Es war ein endloser Kuss.
Als Bernd jetzt Nora freigab, war sie verwirrt. Bernd war heute anders als sonst, doch sie fürchtete sich nicht vor ihm. Sie liebten sich, sie gehörten zueinander, mochte da kommen, was nur wollte.
Es war schon spät, als Nora an diesem Tag ins Haus schlich. Sie war völlig durchnässt. Noch immer brauste der Herbstwind um das Gutshaus, noch immer peitschte er den kalten Regen auf die Erde hernieder.
Die alte Wilma kam ihr schon entgegen. So lange sich Nora erinnern konnte, lebte Wilma schon bei ihnen, versah die Arbeiten in Haus und Küche. Nun sah die Alte das junge Mädchen durchdringend an, sodass Nora ihren Blick senken musste.
»Der Gang zum Krämer hat sehr lange gedauert«, rügte Wilma kurz.
»Ich wollte ...«
»Hören Sie zu lügen auf!« So streng hatte Wilma noch nie zu ihr gesprochen.
Nora duckte sich, doch dann reckte sie sich wieder.
»Man zwingt mich ja dazu«, gab sie leise zur Antwort.
Wilma schüttelte den Kopf. »Niemand zwingt Sie, Nora.«
Jetzt war wieder der alte, gewohnte Klang in ihrer Stimme. Wilma hatte im Haus eine Vertrauensstellung inne. Sie war mehr als nur eine Angestellte und dafür bekannt, dass sie geradeheraus das sagte, was sie sich dachte.
Nora eilte auf die Alte zu, sie umklammerte mit beiden Händen den molligen Oberarm.
»Wilma, du weißt, dass ich ...?«
Die Alte nickte bestätigend, während sich ihr Gesicht in viele kleine Falten legte.
»Oh, Wilma!« Das junge Mädchen legte seinen Kopf an die Schulter der Getreuen. »Bernd will mit Vater sprechen, gleich morgen – bete für uns«, murmelte sie.
Doch Wilma gab keine Antwort. Sie fuhr stattdessen mit einer scheuen Bewegung über Noras Haar, wandte sich kurz ab und ging davon.
Nora war beklommen zumute, als sie mit müden Schritten langsam die Treppe hinaufging.
Sie kleidete sich schnell um, frottierte das nasse Haar so lange, bis es einigermaßen trocken war. Dann ließ ihr die Sorge um die Mutter keine Ruhe mehr. Sie überlegte, als sie die Treppe hinunterging, dass nunmehr schon seit etwa zwei Jahren das Lachen in diesem Haus fast erstorben war.
Sie seufzte leicht, als sie die Türklinke herunterdrückte. Der Vater saß wie immer am Bett der Mutter. Er blickte kaum auf, als sie ins Zimmer trat.
Die Mutter lag wie leblos mit geschlossenen Lidern in den Kissen. Nora ging auf Zehenspitzen näher, die Atmosphäre des Krankenzimmers wirkte heute lähmend auf sie.
»Nora?«
»Ja, Vater?«
»Du bist lange fortgeblieben, Nora! Wir haben beim Krämer angerufen, doch er hatte dich seit einigen Tagen nicht mehr gesehen.«
Der Vater traf eine trockene, nüchterne Feststellung – und doch war es Nora, als zöge er ihr den Boden unter den Füßen fort.
»Ja, ich habe unterwegs noch jemanden getroffen!«
Nora war nicht sicher, ob der Vater sie überhaupt verstand. Er sah wieder auf die Kranke und erhob sich jetzt schwerfällig.
»Komm, mein Kind, ich möchte mit dir einiges besprechen«, sagte er, ohne sie anzusehen.
Nora fühlte, dass sie plötzlich Angst bekam. Sie presste die Lippen fest zusammen und folgte dem alten gebeugten Mann, der wieder mit schlurfenden Schritten durch das Zimmer ging, mit beklommenem Herzen.
»Der Arzt musste Mutter heute wieder eine Spritze geben«, begann Georg Dannhausen mit einer traurig klingenden Stimme, als sie kurz darauf in seinem Arbeitszimmer Platz genommen hatten. »Die Spritzen sind sehr teuer, Nora, doch ohne diese Spritzen würde Mutter schon nicht mehr leben.«
Nora nickte. Sie wagte nicht, sich zu rühren. Sie wusste doch alles, was der Vater ihr da sagte. Was wollte er denn noch von ihr?
»Der Arzt meint, vielleicht hilft ein Aufenthalt in einem Bad, deiner Mutter das Leben zu erhalten.«
Wieder nickte Nora wie ein gehorsames Kind. »Ja, Vater«, flüsterte sie.
»Auch das kostet viel Geld – und unser Gut ist leider schon sehr verschuldet.«
Der alte Herr machte eine kleine Pause.
»Ja, Vater – ich weiß es.« Und während Nora das sagte, krampfte sich ihr Herz so arg zusammen, dass sie meinte, einen lauten Schrei ausstoßen zu müssen.
»Dann ist es gut, Nora. Dann wirst du ja auch einsehen, dass wir dennoch alles tun müssen, um Mutter zu helfen.«
»Ja, Vater!« Wie eine aufgezogene Puppe plapperte Nora die zwei Worte herunter.
»Du kennst Herrn Geissler ...«
Nora nickte nur, sie erinnerte sich dunkel an den älteren Herrn mit dem etwas rundlichen Leib.
»Er ist ein netter Mensch«, fuhr der Vater langsam und betont fort.
»Herr Geissler hat doch einen zehnjährigen Sohn, nicht?«, fragte Nora, um überhaupt ein paar Worte zu dem Gespräch beizutragen.
»Acht Jahre ist Uwe erst«, verbesserte der Vater sanft.
Nora wunderte sich, warum der Vater auf diesen Punkt plötzlich so viel Wert legte.
»Auch möglich«, gab sie zu.
»Uwe ist ein netter, gut erzogener Junge.« Georg Dannhausen brannte sich jetzt eine Zigarre an. Nora wurde es schmerzlich bewusst, wie selten sich der Vater diesen Genuss noch gönnte. »Herr Geissler wohnt in der Stadt, er hat dort ein großes Haus, leitet eine angesehene Konservenfabrik ...«
»Vater, schon möglich – aber ich verstehe nur nicht, warum du mir so genau Auskunft über einen Menschen gibst, der ja ganz nett sein mag, mir aber völlig fremd ist. Entschuldige mich, aber ich möchte nun doch erst einmal Abendbrot essen.«
Als sie sich erheben wollte, rief der Vater sie mit einer Donnerstimme an: »Bleib!«
Nora war wie benommen und setzte sich wieder.
»Was willst du eigentlich von mir?«, fragte sie leise.
»Ich will dir nur sagen, dass Herr Geissler schon im Sommer um deine Hand angehalten hat, ich ihn jedoch bis zu deiner Volljährigkeit vertröstet habe. Jetzt liegen die Dinge allerdings so, dass ich nicht länger zögern darf, dich mit ihm zu verheiraten!«
Noras Hände umklammerten die Sessellehne. Sie starrte den Vater an, als sähe sie ein Gespenst.
»Du hast eine Zusage gegeben – und wusstest doch genau, dass ich ihn nicht liebe, nie lieben werde!«, empörte sie sich. »Herr Geissler mag ein netter Mensch sein – ich kenne ihn zu wenig, um es beurteilen zu können, aber er ist ein alter Mann! Er hat einen Buben, der nur elf Jahre jünger ist als ich. Ich denke nicht daran, ihn zu heiraten.«
»Du wirst müssen, Nora – oder willst du, dass deine Mutter deinetwegen stirbt? Könntest du es ertragen, dir immer die Schuld an ihrem Tod geben zu müssen?«
»Aber sie würde doch nicht meinetwegen sterben, Vater! Du kannst doch nicht von mir verlangen, dass ich mich verkaufe. Du willst Mutters Leben erhalten – für dich erhalten, damit du an ihrem Bett sitzen kannst, und mich willst du dafür in eine Ehe zwingen, die mir jetzt schon Grauen einflößt?«
Noras Worte überstürzten sich fast. Vor Empörung traten ihr Tränen in die Augen.
»Du redest Unsinn, Kind«, verwies der Vater ruhig, fast milde. »Wer sagt dir denn, dass du nicht mit Herrn Geissler glücklich wirst?«
»Ich weiß es, denn ich liebe einen anderen.«
So, jetzt war es ausgesprochen, was in diesem Zusammenhang eigentlich nie gesagt werden sollte. Am liebsten hätte Nora sich die Zunge abgebissen – doch es war geschehen. Sie sah, wie es drohend in den Augen des Vaters aufblitzte – und dann wurde ihr schmerzlich bewusst, dass der Vater sie nicht verstand.
»Du bist noch jung, du weißt noch gar nicht, was Liebe ist«, erwiderte er barsch.
Doch!, hätte Nora schreien mögen. Doch, ich weiß es, ich weiß es seit einem halben Jahr.
Aber sie schwieg und schaute auf das Teppichmuster zu ihren Füßen. Sie wusste, dass sie beim Vater kein Verständnis finden würde. Und die Mutter, die stets vermittelt hatte, die gütige, sanfte und lustige Mutter war todkrank.
»Vater, ich bitte dich, denke doch nicht nur an dich! Ich will arbeiten gehen, ich will alles tun, was du verlangst, aber das kann ich einfach nicht.«
Statt einer von Verständnis zeugenden Antwort fragte der alte Mann: »Wer ist es?«
Härter hätte Nora kein Schlag treffen können als diese kurze Frage.
Sie erhob sich taumelnd, sie konnte einfach nicht mehr. Es war zwecklos, dass sie sich erniedrigte, es war noch sinnloser, um Gnade zu flehen. Der Vater erschien ihr plötzlich unheimlich, wie ein Mensch, dessen Geist sich nur einer einzigen Sache zugewandt und der alles andere Leben um sich herum vergessen hatte.
Als Nora schon die Türklinke in der Hand hatte, sagte Georg Dannhausen erneut: »Bleib!«
Nora zitterte so stark, dass ihre Zähne jetzt wie im Frostschauer aufeinanderschlugen. Wie ein geprügeltes Kind schlich sie wieder zurück und sank dann in den Sessel, in welchem sie gerade gesessen hatte.
»Du sollst nicht glauben, dass es mir leichtgefallen ist, an dich dieses Ansinnen zu stellen«, begann der alte Herr jetzt kurz und abgehackt. »Du sollst wissen, dass auch ich mich einmal in der gleichen Lage wie du befunden habe.« Anscheinend fiel es dem Vater sehr schwer, weiterzusprechen. Er räusperte sich jetzt einige Male und fuhr dann in einem veränderten Ton fort. »Ich liebte eine der Mägde, und ich glaubte, nicht ohne das hübsche Mädchen sein zu können. Wir schworen uns ewige Treue – wie du«, setzte er nicht ohne Ironie hinzu. »Meine Eltern bestimmten eine Frau für mich – damals hatten die Eltern gottlob noch mehr Autorität bei ihren Kindern als heute«, setzte er aufatmend hinzu. »Ich war zu jener Zeit auch noch sehr jung, ich wollte fliehen, irgendetwas unternehmen.«
Jetzt atmete der alte Herr tief auf. Nora wollte in diesem Augenblick ein menschliches Mitgefühl packen, doch dann erinnerte sie sich daran, dass der Vater im Grunde genommen ja von ihr sprach – und nicht von sich. So schwieg sie verbissen.
»Man übte auf mich einen Druck aus«, fuhr Georg Dannhausen fort. »Ich heiratete schließlich das Mädchen, das man mir bestimmt hatte – und wurde unendlich glücklich. Siehst du, so haben meine Eltern mit ihren Erfahrungen, die älter und weiser als meine waren, recht behalten«, schloss er aufatmend.
Nora konnte sich plötzlich nicht vorstellen, dass dieser alte, schon wunderliche Mensch einst jung gewesen sein sollte. Es war ihr undenkbar, dass auch in seiner Brust einst Stürme der Gefühle getobt haben sollten.
Der Vater sah sie jetzt durchdringend und fragend an und erwartete anscheinend nun eine Zustimmung.
Doch Nora schwieg. Sie hätte wirklich etwas darum gegeben, dem Vater helfen zu können, doch den Wunsch, den er ausgesprochen hatte, konnte sie nicht erfüllen.
»Ich werde gleich an Herrn Geissler schreiben!«
Damit war für Georg Dannhausen die Sache abgetan. Er glaubte sich im Recht, glaubte, nicht allein für sich selbst, sondern auch für Nora alles bestens geregelt zu haben. Ihr Schweigen war ihm anscheinend Zustimmung genug.
