Lore-Roman 40 - Liebesroman - Katja von Seeberg - E-Book

Lore-Roman 40 - Liebesroman E-Book

Katja von Seeberg

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1,49 €

Beschreibung

Mit Verstand gewählt - Doch wird die Liebe siegen? Nina Lüning führt eine vollkommen zufriedene Ehe, sie weiß selbst, dass sie eine beneidenswerte Frau ist. Sie hat einen prächtigen Mann: tüchtig, anständig, zuverlässig, ehrlich. Es gibt kein schmeichelndes Attribut, das nicht auf Rupert Lüning gepasst hätte. Und dennoch fehlt Ninas Leben etwas. Sie erkennt es an jenem Tag, als sie den unbedeutenden Fotografen Hoppe kennenlernt. Da fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie begreift, dass sie niemals richtig gelebt hat. Immer stand sie ein wenig abseits, behütet und geborgen, anfangs im Elternhaus und dann in der Fürsorge ihres Mannes, der sie behandelt wie eine Porzellanpuppe, wie ein kostbares Stück, das man nicht beschädigen darf. Aber Ruperts Liebe ist ohne Leidenschaft, es ist die zuverlässige Liebe eines Mannes, der aufgrund seiner geschäftlichen Stellung und seines soliden Charakters eine gute Ehe führen muss. Nina erkennt nun, dass sie ausbrechen muss aus ihrem Käfig. Auch eine gesicherte Zukunft kann sie nicht zurückhalten, Leonhard Hoppe zu folgen. Sie weiß ja, dass sie Rupert nicht wehtun wird, weil er sie nicht mit seinem ganzen Herzen liebt. Er hat sie ja nur mit dem Verstand gewählt ...

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Seitenzahl: 142

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Inhalt

Cover

Impressum

Mit Verstand gewählt

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: LightFieldStudios / iStockphoto

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 978-3-7325-7274-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Mit Verstand gewählt

Doch wird die Liebe siegen?

Von Katja von Seeberg

Nina Lüning führt eine vollkommen zufriedene Ehe, sie weiß selbst, dass sie eine beneidenswerte Frau ist. Sie hat einen prächtigen Mann: tüchtig, anständig, zuverlässig, ehrlich. Es gibt kein schmeichelndes Attribut, das nicht auf Rupert Lüning gepasst hätte.

Und dennoch fehlt Ninas Leben etwas. Sie erkennt es an jenem Tag, als sie den unbedeutenden Fotografen Hoppe kennenlernt. Da fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie begreift, dass sie niemals richtig gelebt hat. Immer stand sie ein wenig abseits, behütet und geborgen, anfangs im Elternhaus und dann in der Fürsorge ihres Mannes, der sie behandelt wie eine Porzellanpuppe, wie ein kostbares Stück, das man nicht beschädigen darf. Aber Ruperts Liebe ist ohne Leidenschaft, es ist die zuverlässige Liebe eines Mannes, der aufgrund seiner geschäftlichen Stellung und seines soliden Charakters eine gute Ehe führen muss. Nina erkennt nun, dass sie ausbrechen muss aus ihrem Käfig. Auch eine gesicherte Zukunft kann sie nicht zurückhalten, Leonhard Hoppe zu folgen. Sie weiß ja, dass sie Rupert nicht wehtun wird, weil er sie nicht mit seinem ganzen Herzen liebt. Er hat sie ja nur mit dem Verstand gewählt …

Nina Lüning klappte das Buch zu, als sie den Wagen ihres Mannes vor der Villa vorfahren hörte.

Sie brauchte nicht auf die Uhr zu schauen, um zu wissen, dass Rupert heute pünktlich war. Er kam jeden Tag zu der Zeit nach Hause, die er ihr mittags angegeben hatte.

Ein kleines Lächeln der Erwartung im Gesicht, schaute sie auf die Tür. Der Salon war dämmerig, das scheidende Licht des Tages fiel durch die Bäume grünlich gefiltert herein, und der Wind spielte mit den Blättern der Kastanien vor dem Fenster.

Es war sehr still. Eine Stille, die viel Geld kostete. Die Villa lag am Rande der Stadt, der Boden hier war sehr teuer, aber Rupert hatte nicht auf das Geld geschaut, als er das Haus für sie bauen ließ.

„Du brauchst einen passenden Rahmen für deine Schönheit, Nina“, hatte er damals gesagt und endlos lange Gespräche mit dem Architekten geführt, bis der Bau endlich seinen Vorstellungen entsprach.

Zwei Minuten später betrat Rupert Lüning den Raum von fast saalartigen Ausmaßen.

Er trug einen grauen Anzug, vom ersten und teuersten Schneider der Stadt angefertigt. Sein Gesicht verriet Energie und Charakter, er stellte die Verkörperung eines korrekten Geschäftsmannes dar, und Nina war es selten so deutlich zum Bewusstsein gekommen wie heute, was für einen wahrhaft prächtigen Mann sie hatte.

Tüchtig, anständig, zuverlässig, ehrlich … Es gab kein schmeichelndes Attribut, das nicht auf ihn gepasst hätte.

Wie jeden Abend beim Nachhausekommen zog Rupert ihre Rechte leicht an die Lippen, bevor er sich ihr gegenüber im Sessel niederließ. Seine Augen umfassten voller Wärme ihre schöne Gestalt und blieben versonnen an ihrem Gesicht hängen.

Er liebte Nina. Niemand wusste, wie tief er sie liebte, nur er. In dieser alten Hansestadt sprach man nicht über seine Gefühle, man zeigte sie nicht. Man blieb höflich, korrekt, fast ein wenig kühl – man wahrte eben die äußeren Formen.

Es war schon viel, dass er sich vorbeugte und ihre Finger mit seinen Händen umschloss.

„Dein Kleid ist sehr hübsch“, sagte er.

Er meinte etwas ganz anderes, er meinte, dass sie schön war, auf eine zurückhaltende, fast kühle Art schön. Aber selbstverständlich sprach er es nicht aus.

„Es freut mich, dass es dir gefällt.“

Nina stieg eine leichte Röte ins Gesicht, ihre Augen erhellten sich. Rupert war kein Mann, der oft Komplimente machte, meistens lag seine Anerkennung nur in seinem Blick, wenn sie sich besonders schön gemacht hatte.

Heute Abend erwarteten sie keine Gäste, ein Fall, der sehr selten eintrat. Der Großkaufmann Rupert Lüning war ein Mann, der viele gesellschaftliche Verpflichtungen hatte, und Nina eine Gastgeberin, wie er sie sich vollkommener nicht wünschen konnte.

Sie bezauberte seine Gäste, sie war Dame und gleichzeitig auch eine Frau, die in allen Männern die Sehnsucht erweckte, sie lieben zu dürfen. Eine seltsame Unberührtheit lag über ihr, es war fast, als schlafe etwas in ihr, ein wesentlicher Teil ihres Wesens.

„Was siehst du mich so an?“, fragte Nina befangen. Sein prüfender Blick irritierte sie. „Ich müsste eigentlich zum Friseur.“

„Ich habe gerade eben gedacht, dass ich eigentlich kaum etwas von dir weiß, Nina“, stellte Rupert versonnen fest. „Es ist seltsam, wir kennen uns schon so lange, und doch … Ich weiß immer noch nicht ganz genau, wer du eigentlich bist.“

Verwundert schüttelte die junge Frau den Kopf.

„Ich verberge keine Geheimnisse“, versicherte sie mit leichtem Lächeln, das ohne jede Ironie Ruperts Worte nicht ernstnahm. „Ich bin keine Sphinx …“

„Ich weiß es nicht“, widersprach Rupert. „Du bist so vollkommen ausgeglichen, es ist fast, als trügest du einen Panzer, der dich vor der Umwelt schützt. Alles, was das Leben an dich heranbringt, gleitet irgendwie an dir ab. Ich habe dich noch niemals wütend gesehen. Ich glaube, du kannst gar nicht schimpfen …“

Ninas silberhelles Lachen fiel ihm ins Wort.

„Weshalb sollte ich wohl?“, fragte sie amüsiert. „Ich bin genauso wie Millionen andere Frauen. Nur, ich habe den besten Mann. Das unterscheidet mich von anderen. Sonst nichts.“

Rupert zog ihre Rechte dankbar an die Lippen.

„Liebst du mich?“, fragte er. Es war eine dumme Frage. Sie tat ihm leid, bevor er sie ganz zu Ende gesprochen hatte. „Ich denke“, fuhr er überhastet fort, „ich werde uns einen Martini mixen. So, wie du ihn gernhast, kalt und trocken.“

„Ja, tu es. Vor dem Essen trinke ich gern ein Gläschen. Wir haben es eigentlich gut, Rupert“, fuhr die junge Frau fort. „Wir leben ohne Sorgen, wir verstehen uns, wir streiten uns niemals … Doch, das ist ein schönes Leben.“

Auf seine Frage, ob sie ihn liebe, hatte sie ihm keine Antwort gegeben. Es war überflüssig, fand sie. Sie hatte ihn geheiratet, weil er ihr besser gefiel als jeder andere Mann, der sich seinerzeit um sie beworben hatte. Selbstverständlich liebte sie ihn. Es war unmöglich, ihn nicht zu lieben.

Er hatte nicht eine einzige Eigenschaft, die ihn unsympathisch oder gar abstoßend erscheinen ließ. Er war der Idealfall eines Mannes – selbstverständlich liebte sie ihn.

Rupert drehte ihr, an der kleinen Hausbar stehend, den Rücken zu. Er hatte eine Frage gestellt und keine Antwort bekommen, und es war keineswegs so, dass er seine Frage für unwesentlich hielt.

Nina trug einen unsichtbaren Panzer, selbst in seinen Armen schmolz er nicht. Sie war nett und reizend, sie war genauso, wie ein Mann sich seine Frau vorstellt, und doch …

Während Rupert den Mixbecher schüttelte, fragte er sich, was er sich anders wünschte. Er konnte ihr nichts vorwerfen, gar nichts. Oder war es ein Charakterfehler, dass sie sich spröde gab, zurückhaltend, dass sie irgendwie unerweckt geblieben war?

Das ist meine Schuld, machte er sich klar. Wenn es überhaupt eine Schuld ist. Nina ist schließlich kein kleines, hergelaufenes Mädchen, dessen Sinne zu einem Mann drängen … Sie ist kühl, sehr kühl, sie ist eben eine Dame.

„Du hast heute ein paar Tropfen Wermut zu viel hineingetan“, stellte Nina fest, als sie ihr Cocktailglas ausgetrunken hatte. „Ich glaube, du bist mit deinen Gedanken gar nicht hier.“

„Entschuldige bitte, Liebling.“

Rupert schaute sie an, er versuchte zu ergründen, was sie dachte und fühlte. Sie sagte es ihm offen, auf jede Frage gab sie ihm eine ehrliche Antwort ehrlich insoweit, als sie ihm das sagte, was ihr selbst bewusst war.

Gab es Frauen, deren Liebe sich in dem erschöpfte, was sie ihm schenkte? Weshalb genügte es ihm nicht? Er wünschte manchmal, dass sie weniger damenhaft und dafür eine Spur lebendiger wäre. Er hätte viel darum gegeben, sie einmal schimpfen zu hören.

War sie tatsächlich so kühl, so unbeteiligt, oder aber hatte die Erziehung ihre Gefühle nur in Fesseln gelegt, die vielleicht eines Tages fallen würden?

„Das Essen ist angerichtet, Rupert, lass uns hinübergehen.“

Wie immer saß Nina ihm am Tisch gegenüber, eine reizende, tüchtige Hausfrau. Sie legte ihm die Schnitten auf den Teller, sie goss ihm den Tee ein.

Er musste glücklich sein, sie errungen zu haben. Man beneidete ihn um Nina.

Nur er selbst beneidete sich manchmal nicht. Es war ihm nicht gelungen, den Käfig zu zerbrechen, in dem Nina lebte.

Ihre Eltern hatten sie eingesperrt, ihr alles ferngehalten, alle Freuden, alle Leiden. Sie war so geworden, wie sich Eltern ihre Tochter wünschen: tadellos.

Aber es ist schwer, mit einem Menschen zusammenzuleben, der keine Fehler hat. Manchmal ist es ermüdend, denn in Ninas Gegenwart wurde auch er ein Mensch ohne Fehler – und in Wirklichkeit war er es nicht, er hatte seine Schwächen wie jeder Mensch, er brauste manchmal auf, er war öfter ungerecht, und er konnte über einen Witz lachen, den ein Geschäftsfreund hinter vorgehaltener Hand erzählte.

Von alledem wusste Nina nichts. Für sie war er der vollkommene Mann. Er warf die Serviette auf den Tisch und lehnte sich zurück. Er war satt, obwohl er nur wenig gegessen hatte.

***

„Sie sind wunderschön, gnädige Frau“, sagte die kleine Christa hingerissen, als sie die letzten Knöpfe an Ninas Kleid geschlossen hatte. „Sie sind die schönste Frau, die ich bisher gesehen habe.“

Nina betrachtete sich prüfend im Spiegel. Dass sie schön war, wusste sie, aber sie bildete sich nichts darauf ein. Es war schließlich nicht ihr Verdienst, dass die Natur ihrer Haut diesen Perlmutterglanz strahlender Jugend geschenkt hatte, und auch ihr Haar war schließlich nichts, worauf sie sich etwas einbilden konnte.

„Sie sehen so … so ganz besonders aus“, fuhr Christa, die bei ihr Zofendienste versah, unbeholfen fort. Ihr fehlten die Worte, um das auszudrücken, was sie bei Ninas Anblick empfand.

Die junge Dame war vollkommen in ihrer Art, das war es, was sie sagen wollte. Nicht nur ihr Äußeres, mehr noch ihre Haltung, ihre Art, sich zu geben, ihre natürliche Freundlichkeit, in der keine Herablassung lag, wenn sie mit dem Personal sprach.

Aber Nina war einsam, ohne es zu wissen oder gar zu empfinden. Ihre Welt war, richtig genommen, klein und eng, umfasste das Elternhaus und die Villa, in der sie Hausfrau war, und alles, was außerhalb dieser Welt vor sich ging, war für sie in einer schwer zu beschreibenden Weise nicht real.

Sie ging in den Salon hinunter, um auf Rupert zu warten. Im Rathaus war ein Empfang, zu dem auch sie geladen worden waren, eine steife, anstrengende Angelegenheit, eine Pflicht, der sie sich nicht entziehen konnten.

Diese Empfänge waren sehr anstrengend. Man stand manchmal zwei Stunden und länger mit einem Glas in der Hand herum, begrüßte Bekannte, sah und wurde gesehen, und jeder versicherte hinterher, einen entzückenden Abend verlebt zu haben.

Und jeder war froh, wenn er vorbei war. –

Rupert trug einen Frack. Er sah sehr elegant aus, und Ninas Augen umfingen ihn wohlgefällig. Sie dachte wieder einmal, dass sie keinen besseren Mann hätte finden können.

Rupert schluckte, als er sie betrachtete. Am liebsten hätte er sie in die Arme gerissen und geküsst, immer wieder – er tat es nicht, weil er genau wusste, was sie dann sagen würde: Du zerdrückst mir das Kleid, Rupert, würde sie sagen, und denken würde sie, dass er sie später küssen konnte, wenn sie nach Hause gekommen waren.

Es wurde ein Abend, wie Nina schon viele erlebt hatte, steif, im würdigen Rahmen des alten Rathauses, befrackte Herren begrüßten sie und machten ihr Komplimente, und sie lächelte jedem herzlich zu, während sie gleichzeitig heimlich auf die Uhr schaute, um zu sehen, ob sie nicht bald wieder gehen konnten.

Die Augen vieler Frauen folgten Rupert Lüning, der einer der jüngsten, auf jeden Fall aber der bestaussehendste Mann dieses Abends war. Es waren verschwendete Blicke, und jedes Lächeln war verschwendet, denn Rupert hatte nur Augen für seine entzückende Frau. Man wusste, dass seine Ehe glücklich war, und wer die beiden Menschen zusammen sah, verstand das vollkommen.

Sie schienen füreinander geschaffen zu sein, Nina Lüning, geborene Brandt, und ihr charmanter, tüchtiger Mann.

Das dachte auch der Fotograf, der die üblichen Aufnahmen machte und bisher vergeblich nach etwas Besonderem Ausschau gehalten hatte.

Bis er Nina sah.

Sie stand vor dem dunkelroten Vorhang, eine helle, strahlend schöne Gestalt, und sie lächelte versonnen an dem Mann vorbei, der vor ihr stand und zu ihr sprach.

Der Fotograf hatte einen Blick für Einzelheiten, und vielleicht lag es daran, dass Ninas Bild sich ihm unauslöschlich tief einprägte. So, wie er sie an diesem Abend stehen sah, ein gelbes Seidenkleid vor dem dunkelroten Vorhang, so behielt er sie immer in Erinnerung.

Das Herz klopfte Leonhard Hoppe bis in die Schläfen hinauf, als er auf die Märchengestalt zutrat und bat, sie fotografieren zu dürfen.

Sie trug einen Ring, einen Ehering, er sah es mit einem einzigen Blick, ohne auf die anderen, sehr viel kostbareren Ringe zu achten, die ihre Hände schmückten. Natürlich, sie war verheiratet, wahrscheinlich sogar glücklich verheiratet.

Nina sah zum ersten Mal in ihrem Leben Leonhards Augen, sie sah die jugendlich feurige, fast naive Bewunderung in seinem Blick, und ihr Lächeln verstärkte sich eine Spur. Er ist jung und begeisterungsfähig, dachte sie und kam sich irgendwie alt vor. Sie selbst wäre niemals imstande gewesen, einen Menschen so anzuschauen.

Auch Rupert bemerkte Leonhards Bewunderung und verzog ein wenig mitleidig und eine Spur verächtlich den Mund. Er war es gewohnt, dass man Nina bewunderte, aber die Herren der Gesellschaft pflegten sich besser zu beherrschen.

Wie alt mag dieser Mensch sein?, fragte er sich. Er versuchte, ihn einzuschätzen, und er stellte verblüfft fest, dass der Mann wahrscheinlich in seinem Alter war. Rupert konnte nur den Kopf schütteln.

Und hatte Leonhard Hoppe eine Minute später schon wieder vergessen. Ein kleiner, unbedeutender Fotograf.

Erst als die Lünings gegangen waren, verließ auch Leonhard Hoppe den Empfang. Niemand vermisste ihn. Er ging wie ein Trunkener über den Marktplatz, blieb in der Mitte stehen und schaute auf das festlich erleuchtete Rathaus, aber er dachte nur an Nina.

Er war stolz gewesen auf das, was er im Leben erreicht hatte. Alle beneideten ihn, die Mädchen bewunderten ihn, sie liefen ihm nach … bis zu diesem Abend war Leonhard Hoppe ein zufriedener Mann gewesen.

Und heute kam er sich entsetzlich klein vor.

Weil er eine Göttin gefunden hatte, neben der alle anderen Frauen verblassten, die seinen Weg bisher gekreuzt hatten. Und wie jede Göttin war sie ihm unerreichbar. Sie war der Mittelpunkt, und er war nichts, gar nichts, ein Mann, den man übersah, weil er so unwichtig war.

Aber wenigstens ihre Bilder hatte er, ein Dutzend oder mehr. Noch in dieser Nacht entwickelte Leonhard Hoppe den belichteten Film. Die Fotos waren großartig. Er kannte ihren Namen, und er würde auch herausbekommen, wo sie wohnte.

Und sie wiedersehen. Vielleicht war es nur der festliche Rahmen, vielleicht nur ihr Abendkleid, dass sie ihm so unerreichbar fern, so unnahbar erschien?

Leonhard Hoppe hoffte es.

***

Der Tag, der Nina Lünings Leben von Grund auf ändern sollte, begann wie alle Tage vorher. Christa weckte sie, indem sie die Vorhänge vor dem großen Fenster zurückzog, wünschte ihr freundlich einen guten Morgen, und aus dem angrenzenden Badezimmer hörte die junge Frau schon das Rauschen des Wassers, das die Wanne füllte.

Es war ein klarer, schöner Tag. Kein Nebel umhüllte die Bäume, kein Wölkchen am Himmel deutete auf eine Verschlechterung des Wetters.

Christa öffnete die beiden Fensterflügel und lehnte sich hinaus. „Wie das duftet!“

Es roch nach Herbst, über Nacht waren die Blätter bunt geworden.

Manchmal gibt es im Herbst diese Tage, die schöner sind als jeder Sommertag. Die Luft ist weich wie Seide, umschmeichelt die Haut und lässt eine Sehnsucht im Herzen entstehen, die ziellos umherwandert.

Eine halbe Stunde später saß Nina ihrem Mann am Frühstückstisch gegenüber, mit glänzenden Augen und völlig ausgeschlafen.

„Wann wirst du heute Mittag nach Hause kommen?“, fragte sie. Sie fragte es jeden Tag, und jeden Tag gab Rupert ihr eine zuverlässige Antwort.

„Ich weiß es nicht“, knurrte er.

„Wieso?“, fragte sie. „Du weißt nicht, wann du kommst …?“

„Um zwölf Uhr.“ Rupert schämte sich seiner impulsiven Regung, sich nicht auf eine Zeit festzulegen, die gewohnte, festgefahrene Ordnung seines Lebens wenigstens in einer Kleinigkeit zu durchbrechen.

Aber sein Versuch blieb im Ansatz stecken.

Nach seinem Fortgang schlenderte Nina in den Garten. Der Haushalt lief unter ihrer Leitung reibungslos, und obwohl viele Gäste den Eindruck bekamen, dass sie ein absolutes Drohnendasein führte, war es keineswegs der Fall.

Nina kümmerte sich um Kleinigkeiten, richtete selbst die delikaten Salate, die Ruperts Gäste lobten, sie arrangierte die bunten Platten, die so appetitlich aussahen. Sie war sehr tüchtig, die bezaubernde Frau des Großkaufmanns Rupert Lüning.

„Da ist ein Herr, der Sie sprechen möchte, gnädige Frau“, richtete Christa ihr im Garten aus. „Er hat Fotos, sagt er.“

Nina krauste die Stirn. „Bezahlen Sie ihm die Sachen“, befahl sie lässig.

Hier im Garten war es schöner als im Hause, und sie dachte nicht daran, ein paar lächerlicher Fotos wegen hineinzugehen.