Lore-Roman 98 - Liebesroman - Ursula Fischer - E-Book

Lore-Roman 98 - Liebesroman E-Book

Ursula Fischer

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Beschreibung

Brigitte Clasen ist ein unbedeutendes Nähmädchen im führenden Modehaus der Stadt. Sie träumt von einem eigenen Modesalon, will es der Welt und vor allem ihrem Chef Jürgen Tossen beweisen. Oh, wie sie ihn hasst, diesen selbstgerechten Modeschöpfer, der anscheinend glaubt, unfehlbar zu sein. Als der Chef um seine kleine Näherin zu werben beginnt, bleibt Brigitte zunächst standhaft. Doch in schwachen Momenten vergisst sie, dass sie den Mann verachten will, dass sie die Absicht hat, einmal seine schärfste Konkurrentin zu werden. Fast gelingt es Tossen, die kleine Brigitte wie all die anderen Mädchen zu verführen. Doch sie erwacht wie aus einem Traum. Er ist ihr Feind, sie arbeitet bei ihm, um ihm seine Geheimnisse abzulauschen, um seine Kollektionen für die nächste Modenschau zu stehlen. Sie hasst ihn doch, diesen Mann mit dem markanten Gesicht und den zwingenden Augen, sie hasst ihn seiner selbstsicheren, arroganten Art wegen, die ihr Talent nicht anerkennen will. Brigitte will ihm eine Lehre erteilen, und dazu sind ihr alle Mittel recht ...

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Seitenzahl: 150

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Inhalt

Cover

Rote Rosen – ein weißes Kleid

Vorschau

Impressum

Rote Rosen – ein weißes Kleid

Fesselnder Liebesroman um einen langen Weg zum Glück

Von Ursula Fischer

Brigitte Clasen ist ein unbedeutendes Nähmädchen im führenden Modehaus der Stadt. Sie träumt von einem eigenen Modesalon, will es der Welt und vor allem ihrem Chef Jürgen Tossen beweisen. Oh, wie sie ihn hasst, diesen selbstgerechten Modeschöpfer, der anscheinend glaubt, unfehlbar zu sein.

Als der Chef um seine kleine Näherin zu werben beginnt, bleibt Brigitte zunächst standhaft. Doch in schwachen Momenten vergisst sie, dass sie den Mann verachten will, dass sie die Absicht hat, seine schärfste Konkurrentin zu werden.

Fast gelingt es Tossen, die kleine Brigitte wie all die anderen Mädchen zu verführen. Doch sie erwacht wie aus einem Traum. Er ist ihr Feind, sie arbeitet bei ihm, um ihm seine Geheimnisse abzulauschen, um seine Kollektionen für die nächste Modenschau zu stehlen. Sie hasst ihn doch, diesen Mann mit dem markanten Gesicht und den zwingenden Augen, sie hasst ihn seiner selbstsicheren, arroganten Art wegen, die ihr Talent nicht anerkennen will. Brigitte will ihm eine Lehre erteilen, und dazu sind ihr alle Mittel recht ...

»Sei recht vorsichtig«, ermahnte Frau Katharina ihre Tochter wie jeden Morgen, wenn Brigitte das Häuschen verließ.

Und wie jeden Morgen lachte das Mädchen sie unbekümmert an, drückte einen Kuss auf ihre Wangen und wirbelte hinaus.

Voller Stolz schaute die Mutter ihr nach, als sie sich auf der Straße auf das Fahrrad schwang und davonfuhr. Erst als sie nicht mehr zu sehen war, ging Frau Clasen wieder in ihr Häuschen zurück.

Vater Gustav saß noch am Frühstückstisch, die Morgenzeitung in der Hand, und schmunzelte sie an.

»Nun, hast du dein Küken gut auf den Weg gebracht?«, fragte er, denn er kannte die Schwäche seiner Frau, in ihrer erwachsenen Tochter immer das kleine hilflose Kind zu sehen.

Gustav Clasen war so recht mit seinem Los zufrieden. Sein Leben war Arbeit und Mühe gewesen, aber dafür lag jetzt ein Abend vor ihm, wie er ihn sich immer gewünscht hatte.

Ein schönes gepflegtes Häuschen, vollkommen schuldenfrei, ein großer Garten und vor allem eine liebe Frau, die er noch immer so gern hatte wie damals, als er ihr den ersten Kuss gegeben hatte.

Brigitte fuhr unterdessen mit frohem Lächeln die Landstraße in Richtung Stadt hinunter.

Gleich kam die Abzweigung, und dann würde eine Viertelstunde später der lange Arbeitstag beginnen. Sie arbeitete als Schneiderin in einem Modeatelier, um sich das Geld für ihr Studium als Modezeichnerin zu verdienen.

Ihre Lehrer hatten ihr versichert, dass sie ganz ungewöhnlich begabt sei, und das Bewusstsein ihrer Jugend gab ihr die Kraft, nach dem hohen Ziel zu streben, das sie sich gesetzt hatte.

Brigitte freute sich auf ihren Arbeitstag, und das Lächeln auf ihrem Gesicht vertiefte sich, als sie die nach links abbiegende Straße hineinfuhr. Sie hatte das tiefe Brummen des Automotors hinter sich überhört und stutzte erst, als Bremsen schrill aufkreischten und Glas klirrend zersplitterte.

Ein schwerer Lastwagen war in den Graben gefahren, die Vorderseite eingedrückt und ein Teil der Ladung war vom Anhänger auf die Straße gefallen.

Schreckensbleich schaute Brigitte Clasen auf den Unfall. Sie fühlte ihre Knie schwach werden und war froh, dass sie sich am Fahrrad festhalten konnte.

Ein Mann sprang aus dem Führerhaus des Wagens und kam mit grimmigem Gesicht auf sie zu.

»Laufen Sie nicht fort, mein Fräulein, wir brauchen Sie hier noch.«

Er griff nach ihrem Arm, obwohl das Mädchen keine Anstalten machte, zu fliehen. »Was ... was habe ich ...«

»Das fragen Sie noch?«, schrie der Mann und wischte sich über die schweißnasse Stirn. »Sie sind links abgebogen, ohne die Richtung anzuzeigen! Um Sie nicht zu überfahren, musste ich in den Graben steuern. Sie haben noch einmal Glück gehabt, es ging um Zentimeter, mein liebes Kind.«

Brigitte wurde bleich, mit großen, erschreckten Augen starrte sie auf den schwerbeschädigten Lastzug.

»Ist es schlimm?«, fragte sie leise.

Der Mann schaute sie grimmig an.

»Die Versicherung wird Ihnen eine schöne Rechnung präsentieren; ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass Sie Ihres Lebens nicht mehr froh werden. Wie kann man aber auch nur so leichtsinnig sein!«

Er nahm ihr das Fahrrad aus der Hand und lehnte es gegen einen Chausseebaum.

»Sie müssen hierbleiben, bis die Polizei den Unfall aufgenommen hat. Gott sei Dank, haben wir einen Zeugen, der gesehen hat, wie Sie sich verhalten haben!«

Er wies mit einer Kopfbewegung auf einen jungen Mann, der seinen Wagen an den Straßenrand gefahren hatte und Brigitte mit gekrauster Stirn anschaute.

»Immer die Radfahrer!«, knurrte er. »Aber ich glaube, es wird Ihnen jetzt eine Lehre gewesen sein. Wenn die Versicherung kommt und zwanzig- oder dreißigtausend Mark von Ihnen verlangt ...«

Er sprach nicht weiter, denn mit einem leisen Wehlaut war Brigitte zusammengesunken, und nur der schnell zuspringende Beifahrer des Lastwagens bewahrte sie vor einem Sturz auf die staubige Straße.

»Sie kann einem eigentlich leidtun«, meinte der Mann gutmütig, als er sie in das Gras an der Seite der Straße bettete und einen Augenblick in ihr Gesicht schaute.

Der junge Mann erwiderte nichts, war anscheinend ganz im Anblick der schönen Züge versunken, die jetzt bleich wie die einer Marmorstatue waren.

»Wer mag sie sein?«, fragte sich Jürgen Tossen.

Irgendwo hatte er dieses Mädchengesicht schon einmal gesehen, aber er vermochte sich nicht mehr an die Gelegenheit zu erinnern.

Ihre einfache Kleidung verriet ihm, dass sie nicht den Gesellschaftsschichten angehörte, in denen er zu verkehren gewohnt war, aber seinen geschulten Augen entging nicht der schwungvolle Zuschnitt ihres Kleides.

Als Brigitte die Augen wieder aufschlug, schaute sie in das rotwangige Gesicht eines Polizisten, der mit gezücktem Notizbuch neben dem Lastwagenfahrer stand und eifrig schrieb.

»Aha, die kleine Sünderin ist wieder vernehmungsfähig«, lächelte er gutmütig und bot ihr seine Hand, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein.

Brigitte versuchte ein schwaches Lächeln, das aber sofort wieder von ihrem Gesicht verschwand, als sie auf den Lastzug und die Verwüstungen blickte. Jetzt erst nahm sie wahr, dass der größte Teil der Ladung verloren war. Der Wagen hatte Porzellan in Kisten transportiert, durch den Aufprall war der Anhänger umgekippt und hatte die Last in den Graben gestürzt.

Wieder wurde das Mädchen bleich.

»Trinken Sie einen Schluck«, bot ihr der Fahrer an und setzte eine Flasche an ihren Mund.

Brigitte tat zwei lange Züge und schüttelte sich, fühlte aber sofort die belebende Wirkung des Alkohols. Eine schwache Röte stieg ihr in die Wangen und erhöhte den Liebreiz ihres Gesichtes.

»Geben Sie zu, dass Sie Ihre Richtungsänderung nicht angezeigt haben?«, fragte der Beamte in dienstlichem Ton.

Brigitte zögerte mit der Antwort, schaute von ihm in die Gesichter der Männer, die sie gespannt anstarrten, und blickte dann wieder zu dem Polizisten.

»Ja«, sagte sie leise und wusste noch nicht, was dieses Geständnis für sie bedeutete.

Die Fahrer atmeten auf, der Beamte nickte befriedigt, machte eine kleine Eintragung in sein Notizbuch und steckte es in seine Brusttasche.

»Sie werden wieder von uns hören, Fräulein Clasen«, erklärte er und verabschiedete sich.

Wie verloren stand das Mädchen auf der Landstraße, auf der ab und zu schnellfahrende Personenwagen den Ort des Unfalls passierten, und wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Einfach weiterfahren, ihren Dienst versehen, als sei gar nichts geschehen?

Sie konnte es nicht. Sie besaß nicht die nötige Ruhe, um eine Nadel zu führen.

»Soll ich Sie irgendwo hinbringen?«, riss eine angenehm klingende Stimme sie aus ihrem Brüten. Der junge Mann, der als einziger Zeuge den Vorgang beobachtet hatte, wies einladend auf sein Auto, ein elegantes, ausländisches Sportmodell.

»Danke«, lehnte Brigitte leise ab.

»Aber Sie können jetzt nicht fahren, kleines Fräulein; in Ihrem Zustand gefährden Sie nur sich selbst. Warten Sie, wir legen das Fahrrad einfach hinten drauf und binden es fest, und Sie selbst kommen auf den Vordersitz.«

Brigitte fühlte sich viel zu müde, um einen Widerstand auch nur zu erwägen. Mit tränenlosen Augen sah sie, dass der Mann das Fahrrad befestigte. Sie ging dann ganz automatisch auf den Wagen zu, als er einladend die Tür öffnete.

»Sie müssen mir noch die Adresse verraten, kleines Fräulein.«

Brigitte gab ihm Straße und Hausnummer an und versank dann, noch immer ganz benommen, wieder in düstere Gedanken.

***

Frau Katharina traute ihren Augen nicht, als sie sah, dass ihre Tochter schon zurückkam. Sie ahnte etwas Böses und lief auf sie zu.

Aufschluchzend warf die sich an ihre Brust und begann zu weinen. Nicht sie, sondern ihr Begleiter war es, der Frau Katharina einen kurzen Bericht über den Vorfall gab.

Vater Gustav starrte gebannt auf seinen Mund.

»Meine Tochter ist also schuld?«, fragte er, als Jürgen Tossen endete.

»Es besteht leider kein Zweifel daran«, bestätigte der junge Mann.

Vater Gustav nickte schwer. Ein seltsames Zucken ging über sein Gesicht, als er sich erhob und auf die Veranda trat, die vom Wohnzimmer abging.

Seine Augen blickten über das Stückchen Land, das ihm gehörte und das er liebte.

***

Brigitte war nicht zu Hause, als der Herr von der Versicherung, seine Aktenmappe lässig unter den Arm geklemmt, das Anwesen der Clasens betrat und es im Geiste auf seinen Wert taxierte.

»Sie werden sich denken können, was mich hierherführt«, begann der Mann, als sie sich in der Stube gegenübersaßen.

Durch einen Wink hatte Gustav seine Frau gebeten, sie allein zu lassen, denn Katharina ahnte ja nicht, welche Folgen Brigittes Leichtsinn für sie alle haben konnte.

»Wie hoch ist die Schadenssumme?«, fragte Gustav mit klopfendem Herzen.

»Zweiunddreißigtausend Mark«, gab der Vertreter der Versicherung gelassen zurück und begann in seiner Aktentasche zu wühlen.

»Hier ist eine genaue...« Er stockte, als er sah, dass sein Gegenüber keuchend nach Luft rang. Er sprang auf, aber noch bevor er die Küche erreicht hatte, um Frau Katharina um Wasser zu bitten, hatte Gustav Clasen sich wieder gefangen.

»Bleiben Sie«, bat er, »es ist nicht nötig, dass meine Frau jetzt schon alles erfährt. Sie ahnt ja nichts ...«

Der Versicherungsvertreter machte ein teilnehmendes Gesicht, aber das Schicksal dieser Menschen rührte ihn kaum. Er hatte täglich mit derartigen Fällen zu tun.

»Wir haben uns inzwischen erkundigt und erfahren, dass ihr Haus schuldenfrei ist.«

»Ja. Ich habe gearbeitet, Jahr für Jahr gespart, damit ich es mir kaufen konnte. Vor fünf Jahren war es so weit, mit meinen eigenen Händen habe ich es gemauert. Sogar die Bäume, die Sie dort draußen sehen, sind selbst gepflanzt.«

»Vielleicht bekommen Sie eine Hypothek auf Ihr Haus«, versuchte der Vertreter zu trösten.

Vater Clasen schüttelte den Kopf. Er wusste genauso gut wie der junge Mann vor ihm, dass niemand bereit sein würde, ihm eine derartige Summe mit dem Haus als einzige Sicherheit zu leihen.

»Wie haben Sie sich die Regelung dieser Angelegenheit vorgestellt?«, fragte er müde.

Der junge Mann machte sich eifrig an seinen Papieren zu schaffen, obwohl er ihren Inhalt kannte.

»Die Versicherung wird wahrscheinlich eine Versteigerung verlangen. Haben Sie keine Verwandten, die Ihnen helfen könnten?«

»Nein«, antwortete Clasen und lächelte bitter. »Es ist reichlich viel Geld, das Sie von uns verlangen. Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als ... als dieses Haus zu verkaufen.«

Ein langes Schweigen entstand. Der junge Mann vermied es taktvoll, als Erster das Wort zu ergreifen, denn er ahnte, was mit dem Alten jetzt vor sich gehen mochte.

»Gehen Sie jetzt«, bat Vater Gustav und hob nach langer Zeit den Kopf. »Wann werden Sie das Haus versteigern lassen?«

Der Vertreter mied seinen Blick.

»Sehr bald«, erwiderte er unbestimmt.

Vater Gustav drehte ihm den Rücken zu und schaute aus dem Fenster. Es schien fast, als habe er den Mann vergessen, der sich jetzt still erhob und hinausging, ohne sich von ihm zu verabschieden. Er wusste, dass es keine gewollte Brüskierung war und ahnte, dass der Mann versuchte, mit der neuen Lage fertigzuwerden.

Frau Katharina sah ihn fortgehen und wunderte sich, dass ihr Mann ihn nicht zur Tür begleitete. Als sie in die Stube trat, sah sie ihn am großen Wohnzimmerfenster stehen und hinausschauen.

»Was wollte der Mann?«, fragte sie unbefangen und kam näher.

Ihr Mann regte sich nicht. Auch als sie neben ihm stand, wandte er den Kopf beharrlich zur Seite.

Eine Vorahnung überkam Frau Katharina, die sie vergeblich zu bekämpfen suchte. Sie spürte, dass ein Unglück in der Luft lag, wusste aber nicht, wie weit ihre schlimmsten Vorahnungen durch die Wahrheit noch übertroffen wurden.

»Wir werden hier bald ausziehen, Mutter«, sagte Gustav Clasen nach einer Weile mit monotoner Stimme.

Seine Frau zuckte zusammen.

»Wie kommst du denn auf den Gedanken, Vater? Hier ist es doch so schön, weshalb sollten wir...?«

»Wir müssen das Haus verkaufen«, erklärte der Mann mit noch immer abgewandtem Gesicht. »Die Versicherung verlangt es, und sie ist im Recht!« Jetzt erst drehte er sich langsam herum und zog seine erstarrte Frau an sich. »Nimm es nicht so schwer, Mutter, es ist nun einmal Schicksal. Wir haben keine Wahl, und alle Tränen können nichts daran ändern.«

Es schien, als seien seine Worte in den Wind gesprochen, denn Frau Katharina rührte sich nicht. Mit glanzlosen Augen starrte sie gegen die Wand.

»Fort...«, formten ihre zuckenden Lippen. Sie schüttelte den Kopf und blickte ihren Mann flehend an. »Das kann doch gar nicht möglich sein, Vater, so etwas gibt es nicht. Du hast doch ein ganzes Leben gearbeitet, um ... nein, so etwas darf nicht sein!«

Erschüttert strich der Mann ihr über das silberweiße Haar. Ganz fest nahm er sie in die Arme, als könne er sie dadurch vor den Stürmen des Lebens bewahren, denen sie bald ausgesetzt sein würden.

»Wir haben unsere Pension, wir werden schon durchkommen, Mutter, und das Haus ... «

Mit brennenden Augen schaute Frau Katharina mit ihm zusammen in den Garten, in dem die jungen Bäume das erste Grün zeigten.

»Wenn Brigitte kommt, wollen wir ihr nicht zeigen, wie weh es uns tut. Sie ist noch jung, das ganze Leben liegt vor ihr, und wir wollen sie nicht zu sehr belasten!«

Frau Katharina nickte gehorsam. Noch ein paarmal schluckte sie, dann zwang sie ein tapferes Lächeln in ihr Gesicht, während ihr Mann behutsam das Nass von ihren Wangen forttupfte.

»Ich bin stolz auf dich, Mutter«, flüsterte er ihr ins Ohr, und die alte Frau errötete wie ein junges Mädchen.

»Du guter Mann, du«, flüsterte sie, strich dann mit beiden Händen durch ihr noch immer volles Haar und richtete sich auf.

»Wir müssen eine neue Wohnung suchen, Vater.«

»Ja, Katharina, eine neue Wohnung.« Der alte Mann nickte mit verschlossenem Gesicht. »So viele wohnen in der Stadt und sind zufrieden, warum sollen nicht auch wir dort wieder glücklich werden? Unser Glück hängt ja nicht von einem Haus ab, wir tragen es beide in unserer Brust.«

»Das hast du schön gesagt.«

Brigittes Mutter ging getröstet in die Küche zurück, aber als Vater Gustav eine Stunde später einmal verstohlen hineinschaute, saß sie auf einem Küchenstuhl, hatte den Kopf auf die Arme gelegt – und weinte.

Sie brauchte Zeit, für sie war das, was er ihr soeben mitgeteilt hatte, wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen, während er selbst schon seit Wochen damit gerechnet hatte.

***

Es war Sommer geworden.

»Sei recht vorsichtig«, ermahnte Katharina ihre Tochter wie jeden Morgen, als sie die Wohnung verließ.

Das junge Mädchen nickte ihr ernst zu.

»Sei unbesorgt, Muttchen, so etwas passiert einem nur einmal.«

Mit ernsten Augen schaute Frau Katharina sie an, strich in scheuer Zärtlichkeit über ihre Wangen und wandte sich dann um.

Müde, als habe sie schon ein schweres Tagewerk hinter sich, ging sie die vielen Stufen der Treppe hinunter. Sie nahm den Geruch von Kohl schon gar nicht mehr wahr, der immer im Treppenhaus schwebte und trotz allem Lüften einfach nicht zu vertreiben war.

Sorgenvoll schaute Frau Clasen ihr nach. Brigitte gefiel ihr nicht mehr. Sie war seit ihrem Auszug aus dem kleinen Hause am Stadtrand ein ganz anderer Mensch geworden, viel zu verschlossen und ernst für ihre zweiundzwanzig Jahre.

Ihr Gesicht war schmal geworden, und in ihren Augen stand etwas, das ihren Eltern nicht gefiel. Kam sie abends müde von ihrer Arbeit zurück, nahm sie sich kaum Zeit, das Abendbrot einzunehmen, sondern vertiefte sich sofort wieder in ihre Kolleghefte.

Niemandem, auch den Eltern nicht, hatte sie gesagt, welchen Ehrgeiz sie jetzt in ihrer Brust trug. Es passte gar nicht für ein junges Mädchen, und besonders Brigitte hätte sich niemals träumen lassen, dass sie ihr Ziel einmal so ändern könnte.

»Ich will Geld verdienen, ganz viel Geld«, war das, was sie sich immer wieder vornahm, wenn sie dieses Haus betrat.

Jedes Mittel dazu sollte ihr recht sein; sie wollte nicht eher ruhen und rasten, bis die Eltern wieder in ihrem alten Häuschen am Stadtrand wohnen würden.

In der Kunsthochschule hatte sie keine Freundinnen, keine Freunde, ging in den Pausen allein auf den Hof und wies alle Annäherungsversuche kurz und unfreundlich zurück.

Heute fand die Prüfung statt, aber sie hatte es weder der Mutter noch dem Vater gesagt. Düster und abweisend betrat sie das große Gebäude der Kunsthochschule, wies einen jungen Mann, der ihr den Mantel abnehmen wollte, unfreundlich ab und hängte ihn selbst an den Haken.

»Prüfungsangst?«, fragte er lächelnd und keineswegs gekränkt. »Sie sind doch die Letzte, die sich irgendwie zu fürchten hätte.«

»Lassen Sie mich zufrieden, Herr Heuer!« Mit einem vernichtenden Blick maß Brigitte ihn von oben bis unten und vertiefte sich dann wieder in ihre Aufzeichnungen.

Die Prüflinge wurden einzeln in das Nebenzimmer gerufen und dort von der hohen Kommission auf Herz und Nieren geprüft.

»Mächtig dicke Luft bei denen«, verriet der erste Kandidat, als er bleich herauskam und vergeblich zu lächeln versuchte. »Scheinen allesamt schlecht geschlafen zu haben.«

Diese Diagnose bestätigten seine Nachfolger. Es waren im ganzen acht junge Menschen, die sich zum Examen gemeldet hatten, und schon drei waren durchgefallen, als Brigitte Clasen sich als sechste erhob.

»Sie sollten lächeln, vielleicht gelingt es Ihnen dann, die hohen Herren gnädiger zu stimmen«, witzelte ein Kollege, dem die Kommission schon seine Unreife bestätigt hatte.

Brigitte warf den Kopf in den Nacken, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Bleich, aber gefasst, trat sie in das Prüfungszimmer, begrüßte die Herren und Damen der Kommission durch eine knappe Verneigung ihres blonden Kopfes und blieb dann abwartend stehen.

»Nehmen Sie, bitte, hier Platz«, wies sie ein Herr an, dessen Stimme ihr seltsam vertraut war.