LoSt - Andi Rock - E-Book

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Andi Rock

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Beschreibung

Naturkatastrophe - Schicksalsschläge - ein Serienmörder erwacht 2004: Thomas Glass kommt nach seiner Flucht nach Thailand auch im neuen Jahrtausend nicht zur Ruhe. Der Tsunami an Weihnachten sorgt für eine fürchterliche Zäsur. Während er in Bangkok einen Neuanfang wagt, rutscht Stieftochter Kanya immer tiefer ab in eine Hölle aus Zwangsprostitution und Hörigkeit. Der einzige Weg zur Freiheit zeigt ihr ausgerechnet Thomas auf, doch sie führt über eine Bluttat. Ist Kanya dazu bereit? 2018: Nach dem Anschlag auf sein Leben leidet Max unter Amnesie. Was ist passiert? Max kann sich nicht erinnern. Unterstützung findet er beim undurchsichtigen Barbetreiber Arti und der mysteriösen Kay. Doch wer ist Freund und wer ist Feind? Gerade als er dabei ist ihnen blind zu vertrauen, tritt der Privatdetektiv Wegener in sein Leben. Atemberaubende Fortsetzung des dreiteiligen Erotikthrillers #LoSt. Andi Rock schickt seine Leser auf eine rasante Achterbahnfahrt zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

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Seitenzahl: 701

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

PROLOG

KAPITEL 10 - WEIHNACHTEN

KAPITEL 11 - HUNTER

KAPITEL 12 - PHUKET

KAPITEL 13 - GERT

KAPITEL 14 - ILLUSION

KAPITEL 15 - YUII

KAPITEL 16 - WEGENER

KAPITEL 17 - TORRO

KAPITEL 18 - FREIHEIT

EPILOG

PROLOG

Raja fühlte sich ausgeschlossen. Alle seine Freunde durften am Freitag die große Moschee Baitul Makmur besuchen, nur er musste zu Hause bleiben. Dabei konnte er sich keinen schöneren Ort vorstellen. Erst von einigen Wochen besuchte er mit der ganzen Schulklasse diesen erhabenen Ort, wie ihn die Lehrerin ehrfurchtsvoll bezeichnete. Die fünf großen, roten Kuppeln wurden von zwei Minaretten überragt, die überall in der Stadt zu sehen waren. Fünfmal am Tag rief der Muezzin zum Gebet und die Menschen blickten andächtig zum Minarett. Die hohen Türme waren zum Wahrzeichen der ganzen Stadt geworden und bestimmten den Takt des Lebens.

Raja erinnerte sich gut an die Erhabenheit, die die Moschee im Inneren seinen Besuchern offenbarte. Die aufregend verzierten Räume waren für ihn wie der Blick in eine andere Welt. Sie waren beeindruckend, vielfältig und schön und alles war so sauber, dass man sich im Boden spiegeln konnte. Kein Wunder, dass man am Eingang seine Schuhe ausziehen musste. Allein der mit rotem Teppich ausgelegte Gebetsraum war riesig, auch bei Andrang hatten die Gläubigen ausreichend Platz, um nebeneinander auf dem Boden knien und beten zu können.

Am meisten begeisterte Raja aber die außerhalb des Gebetsraums befindlichen Einrichtungen. In der von großen, runden Säulen gestützten Halle, war es auch bei Hitze angenehm kühl. Zudem war der Boden so glatt, dass man ohne Schuhe über die Steinfliesen rutschen konnte.

Auch der Außenbereich der großen Moschee war wie ein Magnet, der die Menschen der Stadt anzog. Der riesige Vorplatz war ein Ort des Friedens, rituell, einladend, bunt und gepflegt.

Am beeindruckendsten sah die Moschee bei Nacht aus, wenn sie hell erleuchtet inmitten der Dunkelheit strahlte und den Menschen Sicherheit, Hoffnung und Trost spendete. Die Moschee war nicht nur ein Ort der Niederwerfung vor Gott, der Stille und des Gebets, sie war der Stolz aller Menschen von Meubolah.

Es war ungerecht, dass er seine Freunde zum Freitagsgebet nicht begleiten durfte. Sein Vater hatte es ihm erklärt, aber Raja wollte seine Worte nicht verstehen. Wieso war seine Familie die einzige, die er kannte, die sich Protestanten nannten? Warum konnten sie nicht wie alle anderen Familien sein?

»Wir können zwar nicht in die Moschee zum Beten gehen, aber wir haben etwas genauso Gutes«, versuchte sein Vater ihm sein Anderssein schmackhaft zu verkaufen. »An diesem Freitag findet unser Weihnachtsfest statt. Alle Kinder auf der Welt freuen sich auf diesen Tag. Weißt du warum?«

Raja schüttelte den Kopf.

»Alle Kinder, die das Jahr über fleißig waren, bekommen zu Weihnachten ein Geschenk. Die Kinder in der Moschee bekommen keines.«

»Was für ein Geschenk?«

»Es ist immer eine Überraschung. Aber nur die ganz Braven bekommen es.«

»War ich brav genug gewesen?«, fragte Raja aufgeregt.

»Das wirst du am Freitag sehen.«

Raja konnte den Freitag kaum abwarten. Als es so weit war, überreichte sein Vater ihm ein kleines Päckchen. Raja wickelte voller Ungeduld die Stoffverpackung auf und fand darin ein Buch. Es war kein neues Buch, es war alt, die Seiten zerfleddert und die Ecken teilweise schon eingeknickt. Anfangs war Raja etwas enttäuscht, aber das Buch war voller bunter Bilder.

»Das ist Hektor«, erklärte sein Vater und deutete auf den großen blonden Mann auf dem Umschlag. »Hektor ist ein edler König, der sich mit seinen Rittern auf die Suche nach Gintrum, dem großen grauen Drachen begibt, der immer wieder in die Stadt kommt und kleine Kinder entführt.«

»Wozu entführt der Drache die Kinder?«

»Wozu wohl. Er frisst sie in seiner Höhle.«

Raja erschrak. »Und was macht Hektor mit dem Drachen, wenn er ihn gefunden hat?«, fragte Raja.

»Er tötet Gintrum mit seinem Schwert und erlöst damit alle Menschen von dem Ungeheuer. Aber lass dir nicht alles im Voraus erzählen, sondern schau dir das Buch selbst an.«

Er streichelte seinem Sohn sanft über das dünne schwarze Haar und ließ ihn mit seinem Buch alleine.

Seite um Seite studierte Raja die Abenteuer von Hektor und sah sich die fantastischen Bilder dazu an. Immer mehr zog ihn das Buch in seinen Bann und er stellte sich vor, einer der Ritter zu sein, die den König auf der Jagd nach dem Drachen begleiteten. Die Geschichte fesselte ihn so sehr, dass er sich aus einem Stück Bambus ein Schwert formte, mit dem am Strand entlang rannte und in seiner Vorstellung gegen den bösen Drachen kämpfte.

Als sein Vater am Abend vom Fischen nach Hause kam, fragte ihn Raja, ob es Drachen in Wirklichkeit gab.

»Natürlich gibt es Drachen und Gintrum ist der gefährlichste von allen«, antwortete sein Vater. »Ich habe dir dieses Buch geschenkt, weil du einen edlen Namen trägst. Raja, der König und Herrscher, der den Menschen die Hoffnung zurückbringt. Eines Tages wirst vielleicht du der Mann sein, der dem Drachen gegenübertreten muss und dann musst du bereit sein.«

»Ich werde jeden Tag üben, Vater, und dann werde ich bereit sein«, versprach er.

Als Raja am Morgen aufwachte, spürte er ein dumpfes Grollen, so als ob ein Gewitter aufzog. Er blickte aus dem Fenster, sah aber keine Wolken am Himmel. Er lief die Treppe hinunter und rief seinen Vater, bekam aber keine Antwort.

»Natürlich, Vater wollte ganz früh zum Fischen aufs Meer fahren«, fiel es ihm wieder ein. Er war mittlerweile groß genug, um ein paar Stunden allein zu Hause zu bleiben.

Wieder donnerte es bedrohlich und diesmal so durchdringend, dass das ganze Haus vibrierte. Raja lief vor die Tür und blickte aufs offene Meer. Weit draußen vom Ufer entfernt verschmolz die Sicht vor seinen Augen zu einem undeutlichen Etwas, was an einem so klaren Tag ungewöhnlich war. So als würde ein Sturm heraufziehen. Erneut dröhnte der Horizont, diesmal lauter und näher als zuvor.

Plötzlich öffneten sich die Türen der anderen Häuser. Die Menschen sprangen heraus und liefen panisch vom Strand fort, in Richtung Stadt. Als es erneut tief und bedrohlich grollte, schrien die ersten Menschen.

Plötzlich schoss es Raja wie ein Geistesblitz durch den Kopf. »Das ist Gintrum. Er kommt, um die Kinder zu entführen.«

Raja rannte zurück ins Haus und zog sein Schwert unter seinem Bett hervor. Dann lief er zurück ins Freie, direkt auf den Strand zu. Schreiende Frauen, verängstigte Kinder und panische Männer kamen ihm entgegen. Sie riefen ihm zu. »Dreh um. Lauf fort, so schnell zu kannst.«

»Keine Angst«, rief Raja zurück. »Ich töte den Drachen.«

Als er den Strand erreichte, war er völlig allein. Eigentlich hielten sich immer irgendwelche Fischer bei ihren Booten auf, aber alle schienen vor Gintrum geflüchtet zu sein. Raja blickte sich um und sah auch das Boot seines Vaters nicht. Er musste noch auf dem Meer sein, da, wo sich jetzt der Drache befand.

Er blickte auf den Ozean hinaus, doch das Meer hatte sich verändert. An der Stelle, wo sich vor wenigen Minuten eine leichte Brandung träge im Sandstrand verlief, war plötzlich alles trocken. Raja lief ungläubig einige Schritte in den nassen Sand, doch das sanfte Wasser, in dem er so oft gespielt hatte, war verschwunden.

Er presste die Augen zusammen und suchte das Meer am Horizont. Die Sonne blendete ihn, aber nach einigen Sekunden sah er es vor sich, aber irgendetwas ritt darauf. Etwas Graues kam auf direkt ihn zu. Raja bildete sich ein, einen Flügelschlag über der weißen Gischt des Wassers zu sehen.

»Das ist Gintrum. Er kommt direkt auf mich zu«, erkannte er und griff sein Schwert fest mit der Hand.

Immer schneller kam das Monster auf Raja zugeflogen und entfachte seine Urgewalt. Mit jeder Sekunde türmte sich die Bestie vor seinen Augen auf und wurde größer und furchterregender. Plötzlich wurde es dunkel, die Sonne versteckte sich hinter dem Horizont und das Donnern wurde ohrenbetäubend.

»Ich habe keine Angst vor dir«, schrie Raja laut der Bestie entgegen und streckte sein Schwert in die Luft.

Er war der Erste, der an diesem Tag mit dem Drachen kämpfte.

KAPITEL 10 - WEIHNACHTEN

Montag, 20. Dezember 2004

»Ich habe dir doch gesagt, dass du auf deine Schwester aufpassen sollst. Jetzt sieh, was du wieder angerichtet hast.« Kim schrie, was ihre kleinen vierjährigen Lungen hergaben. Pen nahm sie in ihre Arme, um sie zu beruhigen, aber Kim weinte bitterlich an der Schulter ihrer Mutter. Kanya stand betroffen daneben und schaute schuldbewusst.

Pen war langsam geübt darin, mit Kanya zu schimpfen. »In drei Monaten wirst du schon elf Jahre alt, da kann man etwas Verantwortung erwarten.« Sie drückte die vierjährige Kim fest an sich, die sich nur langsam beruhigte.

»Es tut mir leid, Mom, ich habe doch nur etwas mit den Freunden aus meiner Schulklasse gesprochen …«

»… und dabei Kim vergessen und völlig allein gelassen«, fiel Pen ihr ins Wort. »Gar nicht auszudenken, was hätte alles passieren können. Du weißt genau, wie gern sie herumrennt. Sie hätte auf die Straße laufen und von einem Auto überfahren werden können, weil meine ältere Tochter ihre Zeit lieber mit ihren Freunden verbringt, anstatt auf ihre jüngere Schwester aufzupassen, wie ich es ihr gesagt habe. Zum Glück ist sie nur auf dem Weg gestolpert und hat sich das Knie aufgeschlagen.«

Sie gab Kim einen Kuss auf die Wange, die sich nur langsam beruhigte.

»Es tut mir leid.« Kanya senkte den Kopf und blickte zu Boden. Aber Pen war noch nicht fertig mit ihr.

»Ich kann deine ewigen Ausreden nicht mehr hören. Immer sagst du, es tut dir leid, aber deine Einsicht hält nie lange an. Sobald deine Freunde kommen, vergisst du deine Familie. Und glaube nur nicht, dass ich nicht merke, wie du immer um Thongs Sohn herumschwänzelst. Du bist noch nicht mal elf, da spielt man mit anderen Mädchen und schaut noch nicht Männern hinterher.«

Kanya schnappte nach Luft. Keno war doch kein Mann. Er war seit Jahren ihr bester Freund, sie sind praktisch miteinander aufgewachsen. Er war zwar schon vierzehn Jahre alt, aber er verhielt sich immer noch wie ein richtiger Junge. Manchmal hatte Kanya das Gefühl, als wäre sie die Reifere von beiden. Erst neulich zum Loi Krathong Fest, hatte ihr Keno ein Schiffchen aus Palmenblättern gebastelt, dass sie dann am Abend mit einer brennenden Kerze und je einem Haar von sich ins Meer gesetzt hatten. Als sie dem Schiffchen hinterher sahen, hielten sie einander die Hände und Kanya beugte sich zu Keno und gab ihm einen Freundschaftskuss auf die Wange, worauf er laut »iiiiiiiihhhh« schrie und sich die Wange mit dem Ärmel abwischte. Nein, Keno war noch lange kein Mann und die Vorhaltungen ihrer Mutter waren völlig aus der Luft gegriffen.

»Du wirst Keno die nächste Zeit nicht sehen, ist das klar.«

»Aber Mom …«

»Nichts aber Mom … das ist mein letztes Wort.«

Kanya wusste schon, warum sie Keno fernbleiben sollte, und das hatte gar nichts mit ihm zu tun. Kenos Vater Thong, war Angestellter von Mom und ihrem Stiefvater Thomas. Eine mögliche Verbindung von Kanya zu Keno war unter ihrem Stand. Thomas wäre das egal gewesen, aber ihre Mutter störte dies. Sie erzählte immer, dass sie auch nicht aus Liebe geheiratet hatte, und damit meinte sie die Hochzeit mit Kanyas leiblichem Vater. Aus einer Notlage heraus hatte sie sich mit dem reichen Farang eingelassen und diese Not wollte sie Kanya ersparen. Dass sie genau das Gegenteil davon tat, merkte sie nicht.

»Wenn ich dich noch mal erwische, wie du mit Keno unterwegs bist, dann gibt es Hausarrest.«

Pen atmete kurz durch. »Hast du mich verstanden?«

»Ja, Mom«, murmelte Kanya kleinlaut.

»Dann geh jetzt zu deinem Vater in die Disco. Er braucht Hilfe beim Dekorieren für das Weihnachtsfest.«

»Ja, Mom.« Kanya wandte sich ab und lief mit gesenktem Haupt davon, doch an der Abzweigung zur Straße blickte sie trotzig zurück. »Soll sie mich doch strafen. Keno treffe ich trotzdem weiter.«

Thomas und Jen saßen im Büro und gingen die Bestellungen für das Weihnachtswochenende durch.

»Wir werden mehr Hochprozentiges brauchen«, sagte Thomas. »Zu Weihnachten wird viel getrunken, und zwar Härteres als nur Bier.«

»Dann nehmen wir dieses Mal die doppelte Menge an Sangsom. Geht ja auch nicht kaputt und eine Woche später ist sowieso Silvester. Da werden noch ganz andere Mengen benötigt.« Thomas blickte in Jens geweitete Pupillen. Sie hatte sich schon wieder etwas eingeworfen. Früher hatte sie ihren Drogenkonsum im Griff gehabt, aber mittlerweile wurde es zum Problem. Er musste unbedingt mit ihr darüber sprechen.

»Am besten, wir bestellen gleich den ganzen Schnaps für den Jahreswechsel, dann wird es auch etwas billiger«, erwiderte Jen etwas abwesend.

Die Tür ging auf und Tip kam herein. Jen grinste sie an. »Na Schwesterchen, eine schöne Nacht gehabt.«

Jen hatte bemerkt, dass Tip mitten in der Nacht mit einem großen, kräftigen Schwarzen abgezogen war und aus ihren eigenen Erfahrungen wusste sie, dass dies anstrengend werden konnte, wenn auch nicht zwangsweise unangenehm. Sie hatte selbst längst Gefallen an gut gebauten Männern gefunden und gönnte sich hin und wieder ein Schäferstündchen dieser besonderen Art. Ihrer Schwester schien die Nacht aber etwas zugesetzt zu haben.

»Du brauchst nicht so zu grinsen. Zu deiner Information, Jean ist Franzose und sehr gebildet.«

»Ah, gebildet nennt man dies jetzt.« Jen grinste weiterhin unverhohlen.

»Außerdem hat er das Gemächt eines Elefanten«, fügte Tip an. »Mir tut alles weh, heute werde ich mir eine freie Nacht gönnen.« Sie verzog das Gesicht und beide lachten.

Thomas verstand kein Wort, was die Schwestern sich auf Thai erzählten, konnte es sich aber in etwa denken. Beide Schwestern hatten einige Eigenheiten, aber Hengstneid gehörte definitiv nicht dazu. Seitdem Jen die Managerin der Disco war, hatte Thomas nie mehr etwas mit ihr gehabt. Nicht, dass er sie nicht mehr attraktiv gefunden hätte, aber er war jetzt mit Pen verheiratet und daher gut versorgt. Zu Tip hatte er noch nie eine intime Beziehung gehabt. Seit sie in der Disco war, stürzte sie sich förmlich in ihre Arbeit und war innerhalb kürzester Zeit zur Spitzenverdienerin aufgestiegen.

Nach Theos Ableben und der Übernahme seines Geschäfts, hatte er einiges mit Jens Hilfe geändert. Waren zuvor die anschaffenden Mädchen nur als Freelancer in der Disco unterwegs, so waren sie jetzt als Rundum-Servicekräfte fest angestellt. Dafür bekamen sie zwar ein fixes Gehalt, welches Thomas aber wieder einsparte, indem er die schon zuvor angestellten, nur bedienenden Bedienungen nicht mehr benötigte. Er hatte ihnen natürlich freigestellt, zu den neuen Bedingungen weiterzuarbeiten, aber nur eines der jüngeren Mädchen hatte zugestimmt und ging seither ebenfalls anschaffen. Die anderen hatten sich neue Beschäftigungen gesucht oder waren jetzt eben arbeitslos.

Jen verstand sich glücklicherweise sehr gut mit Mama-san, es gab selten Reibereien und darüber war Thomas froh. Aber Mama-san kam langsam ins Alter und immer öfter sprach sie davon, die Bar bald verlassen zu wollen und mit ihrem Mann in den Ruhestand zu gehen. Sie war Anfang fünfzig und Thomas war natürlich klar, woher sie das Geld für diesen frühen Ruhestand hatte. Sie war dreißig Jahre im Gewerbe, davon über zwanzig Jahre als Mama-san und hatte entsprechend vorgesorgt. Als Vorbereitung für ihren langsamen Rückzug vermittelte sie Jen ihre Kontakte im Isaan und nahm sie bei ihrer letzten »Scoutingtour« mit, wie sie selbst die Rekrutierung neuer Mädchen im Hinterland nannte. Als sie zurückkamen, hatten sie zwei neue hübsche Mädchen engagiert, als Ersatz zweier Stammkräfte, die in den letzten Monaten aus der Bar weggeheiratet wurden.

Jen wusste jetzt, wie sie an neue Servicekräfte kam und sie hatte vor allem einen guten Blick, was den Gästen gefallen konnte. Die beiden Neuzugänge, die sie mit Mama-san mitbrachte, schlugen gleich ein wie eine Bombe und waren nach kurzer Einarbeitungszeit gut ausgebucht. Eine fand sogar schon in ihrer ersten Woche einen Verehrer, der ihr versprach, sie aus der Bar auszulösen und nach Kanada mitzunehmen.

Dies passierte immer wieder, die Mädchen in der Disco waren immer jung und hübsch und Thomas bekam mittlerweile aus der ganzen Welt regelmäßig Grüße von ehemaligen Angestellten zugeschickt. Meist handelte es sich dabei um Hochzeitsbilder oder Informationen über Nachwuchs. Thomas freute sich immer darüber, dass am Ende die meisten seiner Mädchen irgendwann den Absprung schafften und das frische Blut, das dadurch in die Disco kam, machte die Bar auch für dauerhafte Stammgäste nach wie vor besuchenswert. Es war eine Win-win-Situation für alle.

Nur Tip schien sich nicht für ein Karriereende zu interessieren, obwohl sie schon mehrere Anträge bekommen hatte. Thomas fragte eines Tages Jen, warum Tip kein Interesse an einer festen Beziehung hatte und stattdessen jede Nacht Party machte. Jen schaute Thomas kopfschüttelnd und verständnislos an.

»Weiß du eigentlich, wie viel Geld Tip macht?«

»Einiges nehme ich an.«

»Ziemlich viel und noch viel mehr. Sie bekommt wie alle achttausend Baht Grundgehalt und ist jeden Tag bei den Getränken ganz vorne dabei. Damit macht sie weitere zweibis vierhundert Baht am Abend, also etwa zehntausend im Monat. Dazu kommen mindestens zwanzig Barfines im Monat, die rund sechstausend Baht wert sind. Eher mehr.«

»Dann wären das rund vierundzwanzigtausend Baht im Monat. Nicht schlecht.«, meinte Thomas.

»Typisch Mann«. Jen lachte. »Du vergisst das Offensichtliche. Ich rede bisher nur über Kleingeld.«

Thomas spitzte die Ohren und Jen fuhr fort. »Für ihre Barfines kassiert sie zwischen dreißig- und vierzigtausend Baht am nächsten Morgen, dazu macht sie tagsüber einige Hotelbesuche, wo sie weitere Zehntausend umsetzt.«

Thomas rechnete nach. »Dann sind wir jetzt schon fast bei achtzigtausend Baht im Monat.«

Jen lachte noch lauter. »Es kommt noch viel besser. Tip hat vier Stammkunden, die sie alle vier natürlich exklusiv und auf ewig liebt. Ein Deutscher überweist ihr jeden Monat zwanzigtausend, ein Engländer dreißigtausend, ein Australier dreißigtausend und ein Amerikaner sage und schreibe fünfzigtausend Baht. Einmal wollte ein Belgier ihr Freund werden und sie mit zehntausend Baht pro Monat unterstützen. Tip hat ihn ausgelacht.«

Thomas starrte Jen mit offenem Mund an. »Du willst sagen, Tip macht pro Monat zweihunderttausend Baht?«.

»Mindestens und alles netto«, sagte Jen. »Eher noch mehr. Und du fragst, warum sie keine feste Beziehung eingeht. Ich sage dir wieso. Wenn Tip hier in ein paar Jahren aufhört, dann hat sie mit ihrer Pussy mehr Geld verdient, als ein Bankdirektor in dreißig Jahren Arbeit.«

Es gab so einiges, was Thomas nicht wusste, wie er jetzt feststellte.

Kanya bog um die Ecke, als plötzlich Keno von hinten kam und sie freundschaftlich an die Schulter stupste.

»Na wo gehts hin?«

»Zu meinem Vater in die Disco. Ich muss beim Dekorieren helfen.«

Kanya nannte Thomas in der Öffentlichkeit ihren Vater und die meisten wussten nicht, dass es nicht so war. Sie war traurig darüber, dass ihr leiblicher Vater nicht mehr lebte, und wollte dieses Gefühl kompensieren. Dafür war Thomas gar keine schlechte Wahl. Er kümmerte sich um sie, seit sie denken konnte. Er brachte ihr Deutsch bei, indem er immer nur Deutsch mit ihr redete, und unterstützte sie auch in Englisch. Kanya erkannte schnell, dass sie fremde Sprachen leichter lernte, als alle anderen Kinder in der Schule, die sich nur ungern mit Englisch befassten. Die meisten konnten nach dem Schulabschluss nur die notwendigsten Brocken, um irgendwo im Tourismusgewerbe am Rande zu arbeiten, wo man nicht allzu viel sprechen musste. Meist waren dies Jobs als Zimmermädchen, Bedienungen oder Fahrerinnen. Kanya allerdings konnte mit ihren zehn Jahren perfektes und nahezu akzentfreies Deutsch sprechen und auch ihr Englisch war eigentlich fließend und nur schwer von Muttersprachler zu unterscheiden. Damit konnte sie später auch einen Job im Tourismusbereich annehmen, allerdings als Reiseleitung, Gästebetreuung oder auch im Management.

Aber eigentlich bereitete Thomas sie vor, später selbst ein Geschäft zu leiten, und er sagte immer wieder, dass er sich eines Tages zurückziehen und die Leitung seines Betriebs seinen Töchtern übergeben wolle.

Kanya war froh, dass Thomas sie genauso liebte wie ihre Schwester Kim, die immerhin seine leibliche Tochter war. Kim war sechs Jahre jünger und nervte sie immer mit ihrem Geschrei, aber wenn sie genau darüber nachdachte, dann liebte sie Kim viel mehr als ihre Eltern. Sie war froh, eine Schwester zu haben, und konnte kaum den Tag erwarten, an dem sie mit ihr über viele Dinge reden konnte, was jetzt als Kind noch nicht möglich war. Dieses Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit, Kim hing an ihr und wich nicht von ihrer Seite, wenn sie zusammen waren. Außer natürlich, wenn sie mal wieder vor Neugier Richtung Straße lief.

Bei Kanyas Mutter war dies etwas anders. Kanya spürte, dass sie Kim bevorzugte, und sie ließ es sie auch spüren. Eine Zeit lang dachte sie, dass dies etwas mit ihr zu tun hatte, und sie fragte sich immer, was sie falsch machen würde. Eines Tages aber erzählte Keno ihr, dass Mutter zu Ende eine starke Abneigung gegenüber ihrem Vater gehabt hatte und dass sein Tod eigentlich eine Befreiung für sie war. Keno hatte dies bei seinem Vater Thong aufgeschnappt, der schon zu Zeiten ihres richtigen Vaters im Restaurant gearbeitet hatte. Da wurde Kanya klar, dass die Abneigung die sie spürte, wohl ein alter Hass gegenüber Vater war und eigentlich nichts mit ihr zu tun hatte. Sie erinnerte ihre Mutter nur an ihn, und dies schienen keine angenehmen Gedanken zu sein.

Glücklicherweise stand ihr Thomas immer bei, wenn es mal brenzlig wurde, er akzeptierte sie und förderte sie und trotzdem nannte sie ihn zu Hause nur Thomas und nicht Vater, obwohl er es bestimmt gerne gehört hätte.

»Ich begleite dich ein bisschen«, sagte Keno und lief neben ihr her wie ein stolzer Gockel. Kanya musste lachen, Keno war immer fröhlich und zu Späßen aufgelegt. Sie mochte ihn sehr. Einmal hatte sie ihm zum Spaß gesagt, dass sie ihn später heiraten würde, wenn sie alt genug dazu war. Seither zog Keno sie immer wieder damit auf und tat manchmal so, als wäre er ihr Freund. Sie kamen zur Disco und Kanya lief zum Hintereingang. Keno folgte ihr bis zur Tür.

»Sehen wir uns heute Abend noch?«

»Ich weiß nicht, Mutter macht Stress. Sie will nicht, dass ich fortgehe.«

»Sie will nicht, dass du mit mir fortgehst.« Keno war sich durchaus bewusst, dass er in den Augen von Kanyas Mutter der falsche Freund für sie war.

»Komm schon. Wir könnten zum Strand gehen. Heute gibt es Vollmond.«

Kanya zögerte. »Okay. Ich schleiche mich hinaus. Aber kein Wort zu niemanden, sonst bekomme ich Hausarrest.«

Keno strahlte und ging rückwärts davon. Kanya sah ihm lächelnd hinterher.

»Ja, ich werde ihn irgendwann heiraten …«, war sie sich in diesem Moment sicher.

Als Kanya das Büro betrat, sah sie Thomas und Jen darin plaudern. Sie blickten auf, sahen Kanya und verstummten sofort mit ihrem Gespräch.

»Habt ihr über mich geredet?«, fragte Kanya Jen.

»Nein. Nur über meine Schwester Tip.«

Kein Wunder, dass sie plötzlich verstummt sind. Kanya war zwar erst zehn Jahre alt, aber da sie hier aufgewachsen war, hatte sie eine relativ genaue Ahnung, was die ganzen Mädchen in der Disco für ihren Lebensunterhalt machten. Sie konnte es sich zwar nicht richtig vorstellen, aber das Prinzip war ihr klar. Sie hatte Jen auch schon danach gefragt, aber die wich ihr immer aus und beantwortete ihre Fragen nicht.

Sie mochte Jen, auch wenn sie genau wusste, dass Mama sie nicht mochte. Vielleicht mochte sie sie auch gerade deshalb. Irgendetwas hatte Mama gegen Jen, aber um was es dabei genau ging, sagte sie nie. Jen dagegen behandelte Kanya immer wie eine junge Freundin, war nett zu ihr, half ihr, wo sie konnte, nur eben diese eine Sache wollte sie ihr nie richtig erklären. »Dafür ist es noch zu früh«, sagte sie immer, wenn Kanya neugierig wurde.

»Hi Süße, schön dass du kommst«, sagte Thomas auf Deutsch zu Kanya, die wusste, dass Jen sie dadurch nicht verstehen konnte. Wenn sie stattdessen mit Jen auf Thai sprach, war sie sich sicher, dass Thomas sie nicht verstehen konnte. So hatte sie zu beiden einen abhörsicheren Kanal geschaffen und sie genoss denselben strategischen Vorteil, den sie auch schon zu Hause hatte. Thomas sagte immer zu ihr, dass ihre Fähigkeit drei Sprachen zu sprechen, ihr eines Tages große Vorteile bringen würde und die Anfänge davon, spürte sie heute bereits.

»Du kannst helfen, den Saal mit den elektrischen Weihnachtskerzen zu schmücken. Mama-san hilft dir. Er ist eine ziemlich lange Lichterkette, das schafft sie nicht alleine.«

»Okay«, sagte Kanya so süß, wie sie konnte und lief zur Theke, wo Mama-san schon auf sie wartete. Zusammen rollten sie die Lichterkette aus und testeten sie. Glücklicherweise brannten die Lichter, oft genug hatten sie zu Weihnachten festgestellt, dass die Kette nicht brannte, weil ein Licht davon kaputt war. Manchmal suchten sie stundenlang nach der defekten Kerze. Sie fingen an, die Kette an einer Führung zu befestigen, die um den ganzen Saal reichte. Danach befestigten sie die Weihnachtskugeln im Abstand von fünfzig Zentimetern und testeten sie auf Funktionalität. Die Lichter brannten.

Thomas und Jen kamen aus dem Büro und blickten zufrieden auf die stimmungsvolle Beleuchtung.

Tip erschien und meinte nur: »Da komme ich ja direkt wieder in Stimmung.« Alle lachten, auch Kanya, obwohl sie eigentlich gar nicht wusste, wieso.

»Das wird wohl mein letztes Weihnachten hier sein«, meinte Mama-san. Sie ahnte gar nicht, wie Recht sie damit hatte.

Kanya stieg aus dem Fenster auf das blecherne Vordach. Von dort konnte sie über eine Leiter nach unten in den Hof klettern. Sie machte das immer, wenn sie unbemerkt verschwinden musste. Ihre Mutter hatte diesen Fluchtweg bisher noch nicht entdeckt und war der festen Meinung, dass Kanya im Bett lag und schlief.

Keno wartete schon an der Ecke, er nahm Kanya an der Hand und sie liefen die Straßen entlang in Richtung Strand. Es war schon fast zweiundzwanzig Uhr und auf den Straßen war noch viel Betrieb. Touristen, hauptsächlich Männer, liefen auf der Straße entlang auf der Suche nach einem geselligen Ort für den Abend. Sie überquerten vor dem Kreisverkehr die Straße und liefen auf der Stadtseite die Beachroad entlang. Aber nicht weit, dann zog Keno sie auch über diese Straße und sie betraten den Strand von Karon. Keno lief auf eine stille Ecke zu, wo einige Palmen zurückversetzt den Strand von der Straße trennten. Sie lehnten sich an eine schräg gewachsene Palme und bewunderten die dunkle See, die sich magisch vor ihnen ausbreitete.

Auf der rechten Seite waren nur wenige Lichter an der Küstenlinie zu erkennen, da der nächste Ort Patong hinter der Bergkuppe in einer eigenen Bucht lag. Auf der linken Seite konnten sie in der Ferne die Lichter von Kata sehen.

»Es ist schön hier um diese Tageszeit«, meinte Keno. »Das Meer ist ganz ruhig und kaum zu hören. Man kann es eigentlich nur riechen.«

Kanya schwieg eine Minute und sagte dann: »Du Keno, ich muss dich was fragen …«

Keno sah sie im Halbdunkel an. »Was ist?«

»Wirst du mich heiraten, wenn wir groß sind?«

Keno schaute das kleine Mädchen entgeistert an, als hätte sie gerade etwas ganz Schlimmes gefragt. Er war in der Tat überrascht, er hatte noch nie daran gedacht, eines Tages erwachsen zu sein und zu heiraten. Er war viel zu gerne ein Junge, aber Mädchen waren da anders. Sie versuchten sogar schon als Kinder, einem Jungen Fesseln anzulegen.

Er spielte mit. »Selbstverständlich werden wir heiraten, Kanya.«

Kanya lächelte ihn breit an. »Dann gib mir jetzt einen Kuss!«

»Einen Kuss?« Keno wich ein Stückchen zurück.

Sie nickte. Kanya dachte an den kleinen Kuss beim Loi Krathong Fest, aber der war auf die Wange. Diesmal hielt sie die Lippen hin und wartete mit geschlossenen Augen.

»Warum nicht«, dachte Keno. »Ich mag sie und eine schlechte Wahl ist sie auch nicht.«

Er beugte sich zu ihr und gab ihr einen kleinen schüchternen Kuss auf die Lippen. Sie spitzte die Lippen an und erschrak etwas bei der Berührung. Er lehnte sich wieder an die Palme und schaute auf das Meer.

»Jetzt sind wir verlobt oder nicht?«

»Ja, jetzt sind wir verlobt«, antwortete Keno, um endlich Ruhe vor dem Thema zu haben.

»Meiner Mutter dürfen wir es aber nicht sagen, die mag dich nicht.«

»Das habe ich auch schon gemerkt.«

»Warum das so ist, weiß ich auch nicht genau.«

»Weil ich der Sohn eines Angestellten bin und damit nicht gut genug für Prinzessin Kanya.«

Sie sagte nichts, wusste aber, dass er recht hatte.

»Dabei ist sie es, die Dreck am Stecken hat«, rutschte es Keno heraus.

»Was meinst du damit?«

Keno wollte nicht weiterreden und winkte ab. »Vergiss es.«

»Nein, was meinst du damit.« Kanya sah ihn jetzt eindringlich an. »Du musst es mir sagen, schließlich sind wir verlobt und dürfen keine Geheimnisse mehr voreinander haben.«

»Wirklich. Ist das so?« Keno war unschlüssig.

»Natürlich ist das so, glaubst du, ich würde lügen«, bohrte Kanya nach.

Keno überlegte, sah aber keinen Ausweg, da sie ja verlobt waren. Allerdings wusste er nicht, wie er das heikle Thema am besten anschneiden sollte und er brach mehrere Versuche anzusetzen ab.

»Nun sprich schon.«

»Ich habe eines Abends zufällig ein Gespräch von meinem Vater mit Tip belauscht.«

»Tip, die Schwester von Jen.«

»Genau. Vater hat mit ihr über einen bestimmten Tag gesprochen, den Thomas bei ihr verbracht haben soll.«

»Welcher Tag?«, fragte Kanya.

»Der Tag, an dem dein richtiger Vater ertrunken ist …«, sagte Keno.

Kanya wurde still und dachte nach. »Was bedeutet das?«

»So, wie ich es verstanden habe, hat Tip deinem Stiefvater ein falsches Alibi für den Todeszeitpunkt gegeben.«

»Du meinst, sie haben gesagt, dass Thomas eigentlich bei meinem Vater war, während dieser ertrank und nicht dort, wo er vorgegeben hatte?«

»Nein, ich meine sie haben darüber gesprochen, dass Thomas und deine Mutter deinen richtigen Vater ermordet haben und sich dafür Alibis besorgt haben.«

Kanya saß da wie vom Blitz getroffen. Tausende Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Mutter eine Mörderin? Thomas ein Mörder? Es klang zu absurd.

»Hast du das sicher gehört?«, fragte Kanya nach.

Keno sah ihren verzweifelten Gesichtsausdruck und ärgerte sich, dass er geplappert hatte. Eigentlich wollte er dieses Geheimnis für sich behalten, aber Kanya war eine zu gute Detektivin, als dass er lange etwas vor ihr geheim halten konnte. Er versuchte, seine Aussage etwas zu relativieren.

»Vielleicht habe ich mich auch verhört und es war etwas ganz anderes. Ganz sicher bin ich mir nicht.«

Kanya schwieg und lehnte den Kopf an seine Schulter. Nach einigen Minuten nahm sie seine Hand. »Du, der Kuss vorhin …«

»Ja!«

»… hoffentlich werde ich jetzt nicht schwanger.«

»Bestimmt nicht«, lachte Keno laut und diesmal war er sich ganz sicher.

Dienstag, 21. Dezember 2004

Wie jedes Jahr, beschloss Iwan auch dieses Mal, Weihnachten auf Phuket zu verbringen. Zu Maew sagte er immer, dass er Geld eintreiben musste, was er auch meistens machte. Er blieb immer eine gute Woche weg und kam kurz nach dem Weihnachtsfest wieder nach Hause. Maew war das egal, als Buddhistin feierte sie Weihnachten sowieso nicht. Sie wollte nur, dass Iwan zum Jahreswechsel wieder nach Hause kam, denn dieser wurde auch bei ihr gefeiert. Der buddhistische Jahreswechsel war zwar erst im April, aber die international vorherrschende Zeitrechnung war mittlerweile auch bei der thailändischen Bevölkerung anerkannt und wurde entsprechend gefeiert, wenn auch nicht so überschwänglich wie in der westlichen Welt.

Iwan freute sich immer auf diesen kleinen Urlaub, war es seine einzige Möglichkeit, unbemerkt von den Köstlichkeiten des Landes zu naschen, wie Thomas es immer nannte. Seit den Ereignissen acht Jahre zuvor, kamen sie gut miteinander aus. Thomas hatte sich mit der Situation arrangiert und Iwan hielt sich an die Abmachung. Zweimal im Jahr kam er nach Phuket und besuchte seine Kundschaft, so auch Thomas. Er wohnte immer in Patong, weil da einfach am meisten los war und fuhr gelegentlich für Hausbesuche mit dem Taxi nach Karon oder Kata.

Früher hatte er immer eine feste Begleitung während der Woche bevorzugt, mittlerweile war er gerne bereit, mehrmals zu wechseln. Es erhöhte den Reiz ungemein, wenn man nicht jeden Tag neben demselben Gesicht aufwachte.

Jeden Abend verbrachte er in einer anderen Bar seiner Klientel, ließ sich mit Getränken freihalten und bekam als Gute-Nacht Geschenk noch eines der Mädchen obendrauf, die er mit ins Hotel nahm. Den Heiligabend wollte er in Karon verbringen, zuerst mit einem guten Essen in Thomas´ Restaurant und danach auf einer feuchtfröhlichen Party in der Disco. Er hatte hier letztes Jahr ein Mädchen kennengelernt, die er unbedingt wiedersehen wollte. Sie war die Schwester der Managerin und ein höllisch scharfes Teil, der man ihren Enthusiasmus für die Arbeit anmerken konnte. Vor einigen Jahren hatte er auch mal die Managerin gehabt, aber man sollte Arbeit und Vergnügen nicht miteinander vermischen. So blieb es bei dem einem Mal.

Iwan buchte sich ein nettes Hotel an der Strandstraße, das direkt an die Einfahrt zur Bangla Road angrenzte. Es war kein klassisches Hotelgebäude, es handelte sich um ein weitläufiges Areal mit Bungalows, dementsprechend flach waren die Gebäude in die tropische Gartenlandschaft eingebettet. Der Name Tropica Resort war mehr als passend für diese tolle Anlage, die auch zur Straße hin ein erstklassiges Restaurant betrieb. Der einzige Nachteil waren die vielen Stechmücken, die sich in diesem landschaftlichen Kleinod pudelwohl fühlten und so die Gäste zu konsequentem Mückenschutz animierten.

Iwan legte sich nach der anstrengenden Anreise an den Pool, bestellte sich ein Bier und etwas zu essen. Phuket lag nur gut eine Flugstunde von Bangkok entfernt, aber wenn man die Fahrt zum Flughafen Bangkok, die zweistündige Wartezeit vor dem Flug, die einstündige Taxifahrt in Phuket und dann das Einchecken im Hotel und Auspacken der Kleidung mit einrechnet, dann war das schon ein Aufwand, der mit einer guten Mahlzeit belohnt werden sollte.

Bis das Essen kam, schwamm er etwas in dem kleinen Pool inmitten der Anlage, an dem sich momentan fast keine Gäste befanden. Klar, die waren alle am Strand, der sich auf der gegenüberliegenden Seite der Straße befand und in zwei Minuten zu erreichen war. Das Wasser im Pool lag geschützt unter schattigen Palmen und war dadurch immer erfrischend, was man nicht immer fand. Oft lagen die Pools in direktem Sonneneinfluss und entsprechend warm war dann das Wasser darin. Das Schwimmen machte dann nur mäßig Spaß und bedeutete fast keine Abkühlung.

Das Essen kam und Iwan stieg aus dem Schwimmbecken. Er hatte sich Fisch bestellt mit einer würzigen Soße und eine Portion Reis dazu. Der Fisch war erstklassig, wie er es von der Küche gewohnt war. Die Restaurants an der Strandstraße waren bekannt für erstklassiges Essen, vor allem für frischen Fisch, dafür waren sie auch in einem höheren Preissegment als andere Restaurants in der Stadt.

Iwan wischte sich den Mund ab und trank den Rest seines Biers. Der Kellner wartete schon im Schutz einer Palme und auf ein Zeichen lief er los und holte ein weiteres Bier. Iwan schaute auf die Uhr, es war gerade erst früher Nachmittag. In zwei Stunden würde er mit dem Taxi nach Karon fahren und Thomas seine Aufwartung machen. Wie immer fuhr er in den ersten zwei Tagen auf Phuket alle seine Kunden an und regelte das Geschäftliche und heute wollte er Karon und Kata in einem Schritt abarbeiten. Morgen war dann Patong an der Reihe. Ab dem dritten Tag begann dann die Entspannung. Die hatte er sich nach diesem stressigen Jahr auch verdient.

Thomas aß im Restaurant und schaute im TV die Wiederholung eines Bundesligaspiels, das schon vor Wochen stattgefunden hatte. Der internationale Sportsender zeigte eigentlich nur die englische Premier League, aber sporttechnisch war es gerade relativ ruhig in der Welt und so sendeten sie zur Abwechslung auch deutschen Fußball. Thomas interessierte sich nicht wirklich für das Spiel, da er das Ergebnis kannte und es sich bei den zwei Mannschaften um Vereine handelte, die nicht gerade zu seinen Favoriten gehörten. Es war das Spitzenspiel der deutschen Bundesliga, aber Thomas war beim Hinschauen der Meinung, dass dieses Spiel zwei Verlierer verdient hätte. Leider konnte es so nicht kommen.

Kim saß auf einer Decke auf dem Boden und malte mit ihren kleinen Händen in einem Malbuch, dass Thomas ihr vor Kurzem geschenkt hatte. Er fand es tausendmal interessanter, ihr zuzuschauen, wie sie die bunten Stifte zwischen ihren kleinen Fingern hielt und versuchte, diese gezielt zu führen, als dem langweiligen Spiel zu folgen. Kanya saß neben ihm am Tisch und lernte fleißig englische Vokabeln. Sie hatte momentan keine Schule, aber diese war sowieso kein Maßstab für Kanya, wenn es um Sprachen ging. Sie hatte eine Begabung dafür, aber was noch wichtiger war, sie hatte ein ausgeprägtes Eigeninteresse Fremdsprachen zu beherrschen und hatte schon angedroht, dass sie demnächst mit Spanisch und Chinesisch beginnen würde. Thomas war immer wieder beeindruckt. Ihre Intelligenz konnte unmöglich von einem grobschlächtigen Vater wie Theo stammen.

Pen war nicht da, sie besuchte ihre Familie und würde erst am Abend wiederkommen. Eigentlich wollte sie die Kinder mitnehmen, aber beide wollten nicht und Kim weinte wieder mal, was ziemlich häufig vorkam. Thomas wusste, seine Tochter war ein stilles und sensibles Kind, aber das mussten ja nicht die schlechtesten Eigenschaften sein, die man im Leben haben konnte. Auf der anderen Seite war sie freundlich und liebenswürdig, hatte ein bescheidenes Wesen und Thomas liebte sie über alles. Er achtete aber strikt darauf, dass er sie nicht gegenüber Kanya bevorzugte. Er wollte beide gleichermaßen unterstützen und fördern, sodass sie später alle Chancen im Leben hatten. Aber natürlich war ihm Kim näher, was er aber nie zugeben würde.

Sein Verhältnis zu Pen war im Laufe der Jahre abgekühlt. In den ersten zwei Jahren ihrer Ehe lief es gut, danach verschwand die Leidenschaft. Erst die Geburt von Kim brachte sie wieder näher zusammen und seither lebten sie eher in einer freundschaftlichen Zweckgemeinschaft, als in einer liebevollen Beziehung. Sie hatten hin und wieder noch Sex, aber Pen hatte keinen großen Gefallen mehr daran. Vor zwei Jahren hatte sie Thomas die Erlaubnis erteilt, sich nebenher eine Freundin zu halten, wenn er dies von der Familie fernhalten konnte. Aber bis zum heutigen Tag machte Thomas keinen Gebrauch von dieser Carte blanche. Pen nahm allerdings fälschlicherweise an, dass er hin und wieder mit Jen schlief und akzeptierte dies wie versprochen.

Thong kam und setzte sich zu Thomas an den Tisch. Er war mittlerweile für Thomas zu einem Freund geworden und hatte oft gute Ratschläge für ihn, vor allem wenn es um den Umgang mit Thais ging. Da war er wesentlich geschickter als Thomas. Er dauerte eine ganze Weile bis er das »Sir« aus ihm heraushatte, aber irgendwann gelang ihm dies und von da an war er nur noch Thomas und nicht mehr »Sir Thomas« oder »Boss Thomas«, auch wenn dies Pen gar nicht recht war. Sie war eher auf Distanz zu den Angestellten, aber Thomas pflegte ein Vertrauensverhältnis zu allen seinen Mitarbeitern und zu Thong im Besonderen. Dazu schienen sich Thongs Sohn und Kanya gut zu verstehen, was er zum Unwillen seiner Frau gerne förderte.

»Nicht viel los heute«, meinte Thong und schaute auf das leere Restaurant. Die junge Bedienung stand an der Theke und hatte nichts zu tun.

»Noch zu früh, Thong. In einer Stunde geht es erst los mit den Gästen. Wer will schon am heißen Nachmittag essen.«

»Dafür ist es am Abend immer gut gefüllt«, meinte Thong. Irgendwie führten sie immer die gleiche Unterhaltung. Gäste da oder weg, Wetter gut oder schlecht, Frau zufrieden oder schlecht gelaunt. Es drehte sich immer um das Gleiche und leider traf Letzteres am häufigsten zu.

»Hallo Freunde!«

Sie drehten sich um und da stand Iwan. »War ja klar«, dachte Thomas. »Pünktlich zu Weihnachten taucht Iwan auf.« Aber er hatte es auch schon erwartet.

»Onkel Iwan«, rief Kanya und sprang in Iwans Arme. Sie hatte sich im Laufe der Jahre mit Iwan angefreundet und freute sich immer, wenn er kam.

»Wer ist denn die junge Dame …«, frotzelte Iwan, »… und wo ist denn meine kleine Kanya?«

»Aber ich bin es doch, Onkel Iwan …«

»Oh mein Gott, ich habe dich gar nicht erkannt. Du bist ja eine richtige kleine Lady geworden, Kanya.«

Kanya strahlte, sogar Kim machte ein fröhliches Gesicht.

»So war es nicht immer«, erinnerte sich Thomas.

Die Bedienung brachte Iwan ein Bier und er setzte sich in die Runde. Geschäftliches gab es nichts zu klären, sie waren mit allem im Reinen und deshalb unterhielten sie sich über alltägliche Dinge. Als Ausländer, der seinen Wohnsitz ständig in Thailand hatte, fielen einem immer wieder Eigenheiten an Land und Leute auf, die man so noch nie zuvor wahrgenommen hatte, und deshalb hatten sie auch immer ein Gesprächsthema.

»Ich nehme an, dass am Heiligabend hier wieder eine große Party stattfindet?«

»Selbstverständlich, das ist Tradition, wie an Silvester. Und am 25. Dezember feiern wir wie immer bei Manni in der Black Mamba Bar. Du kommst doch wieder?«

»Klar bin ich dabei. Die Party letztes Jahr werde ich nicht so schnell vergessen.«

»Wohl eher die restliche Nacht nach der Party.«

»Du sagst es.« Iwan leckte sich über die Lippen. »Ich hatte Jens Schwester als Begleitung. Gibt es die noch?«

»Tip? Klar, Tip ist noch da.«

»Kannst du das für mich arrangieren?«

»Ich denke, da lässt sich was machen. Sie wird dann schon beim Abendessen hier auf dich warten.«

»Gut.« Iwan grinste zufrieden und lehnte sich zurück.

»Nicht Onkel Iwan …« Kanya hatte heimlich zugehört. Sie vergasen immer, dass Kanya perfekt deutsch sprach und alles verstand.

»Was ist Kanya?«, fragte Iwan.

»Such die besser jemand anderes aus, mit dem du Essen gehst. Ich glaube, Tip hat keinen so guten Charakter.«

Sie lachten alle.

»Für die Party am Freitag habe ich wieder einen Spezialauftrag für dich.« Thomas klärte Tip auf, was er von ihr erwartete. Sie hatten ein Agreement, dass sie sich zwei bis drei Tage im Jahr, für das Wohl der Bar einzusetzen hatte, wenn notwendig. Diese Vereinbarung hatten Thomas und Jen mit allen Mädchen ausgemacht, und sie kamen auch für den Zahlungsausfall auf, der dadurch entstand.

»Wieder dieser Iwan vom letzten Jahr?«

»Genau. Er will dich unbedingt wieder haben.«

»Soll mir recht sein«, meinte Tip. »Mehr wie zweimal kann der auch nicht hintereinander vögeln, das wird entspannt. Ich bekomme doch den üblichen Satz?«

»Dieses geldgierige Luder«, dachte Thomas, jetzt wo er wusste, wie viel Geld Tip im Monat machte. Aber Vereinbarung war Vereinbarung und er nickte zustimmend.

Tip lief zufrieden davon. Sie musste erst in zwei Stunden in der Bar mit der Arbeit beginnen und hatte zur Überbrückung einen Hotelbesuch mit einem zufriedenen Ex-Kunden vereinbart, der sich so die Barfine sparen wollte. Hotelbesuche waren eigentlich ein einträgliches Geschäft. Man wusste immer, was und wen man bekam und es dauerte meist nicht allzu lange, sodass man dies neben der eigentlichen Arbeit zeitlich einschieben konnte. Allerdings hatte Tip eine goldene Regel. Nie mehr als eine Shorttime am Tag. Sie musste nachts auch noch fit sein.

Mittwoch, 22. Dezember 2004

»Und dieser Keno ist also dein Freund.«

»Ja, Onkel Iwan, aber sag es nicht weiter. Mom darf das nicht erfahren, sie flippt sonst aus.«

»Versprochen«, sagte Iwan. Er amüsierte sich immer über dieses Mädchen und wunderte sich gleichzeitig. Sie war hochintelligent und voller Lebensfreude, aber auch viel zu frühreif und neugierig. Aber wahrscheinlich lag das an der Umgebung. Wenn man seine Kindheit inmitten dieses Gewerbes verbrachte, dann war eine vorschnelle Entwicklung kaum zu verhindern. Dafür sahen und hörten Kinder, trotz aller Vorsicht, immer noch genug.

»Vorgestern Abend hat er mich geküsst. Jetzt bin ich vielleicht schwanger.«

Iwan hatte gerade die Bierflasche angesetzt. Als Kanya dies von sich gab, verschluckte er sich und prustete sein Bier heraus, dass es sein ganzes Hemd besudelte.

»Was hat Keno denn gemacht?«, fragte Iwan besorgt.

Kanya zeigte mit dem Finger auf ihre Lippen. »Hier hat er mir einen Kuss gegeben. Nur einen ganz Kleinen, aber jetzt sind wir verlobt.«

»Ich glaube, davon wirst du nicht schwanger.« Seine Besorgnis wich und er schmunzelte über ihre kindliche Naivität, die leider in wenigen Jahren verschwinden würde.

»Wenn wir groß sind, heiraten wir«, fügte Kanya stolz an. Dann verfinsterte sich etwas ihr Blick. »Außer er sagt weiter so schlimme Dinge …«

»Was für schlimme Dinge denn?«, fragte Iwan und schaute neugierig zu Kanya. Was jetzt wohl wieder kam? Kanya hatte eine blühende Fantasie und er setzte die Bierflasche an, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen. Aber mit dem Folgenden hatte Iwan nicht gerechnet.

»Keno behauptet, dass Thomas und Mom meinen richtigen Vater ermordet haben …«

Iwan prustete zum zweiten Mal Bier über seine Kleidung.

»Wie kommt er denn darauf?«, fragte Iwan besorgt.

»Keno sagt, er hätte gehört, wie sein Vater und Tip davon gesprochen haben, dass sie Thomas ein Alibi für den Tag gegeben haben.« Kanya senkte den Kopf. »Onkel Iwan, du hast doch meinen Vater auch gekannt. Kann das sein?«

»Das ist doch völliger Blödsinn«, sagte Iwan schnell. »Keno hat wirklich eine rege Fantasie. Wahrscheinlich hat er etwas falsch verstanden. Als dein Vater ertrunken ist, war er doch mit Jen auf einem Ausflug und nicht deine Mutter oder gar Thomas.«

»Ja, wahrscheinlich ist das alles Blödsinn. Danke Onkel Iwan. Du hast mich echt beruhigt.«

Kanya fühlte sich besser. Die Information, dass Jen damals ihren Vater begleitet hatte, war ihr allerdings neu.

Donnerstag, 23. Dezember 2004

Kanya ging in die Disco. Er war früher Nachmittag und nur Mama-san war da. Mit ihr verstand Kanya sich bestens und Mama-san gab ihr hin und wieder etwas zu Naschen aus ihrer Handtasche, die immer gut gefüllt schien.

»Ist Jen nicht da?«, fragte Kanya.

»Bisher nicht. Aber sie muss jeden Moment kommen.«

»Darf ich dich etwas fragen?«

»Das tust du doch schon«, zog Mama-san sie auf.

»Ist Jen eigentlich eine gute Frau?

»Wie kommst du denn auf so eine Frage?«

»Nur so.« Kanya druckste etwas herum. »Ich habe gehört, dass sie bei meinem Vater war, als er ertrank.«

»Und?«

»Vielleicht hat sie ihn ja ertränkt?«

»Kanya, dein Vater war ein großer und kräftiger Mann. Wie soll denn die kleine zierliche Jen ihn ertränken? Er war doch viel zu stark für sie.«

Dies leuchtete Kanya ein und sie wechselte das Thema. Ein paar Minuten später kam Jen herein. Sie grüßte kurz und ging direkt in ihr Büro. Kanya fand, dass sie ziemlich glasige Augen hatte. Sie folgte ihr ins Büro und schloss die Tür hinter sich.

»Ich habe eine Frage, Jen.«

»Was gibt es Kleine?« Jen lallte etwas und war definitiv nicht richtig bei der Sache, wie Kanya erkannte.

Sie versuchte es trotzdem. »Man hat mir erzählt, dass du bei meinem Vater warst, als er ertrunken ist.«

»Ich war gerade in einem Restaurant und habe Essen geholt«, antwortete Jen wie einstudiert.

»Man hat mir auch gesagt, dass Thomas und Tip dabei waren und auch Mom Bescheid wusste.«

Jen schreckte plötzlich auf. »Wer hat das verraten?«

»Dann ist es also wahr.«

»Nein, natürlich nicht. Tip war nicht dabei«, verzettelte sich Jen, die nicht klar denken konnte.

Kanya horchte auf und Jen merkte plötzlich, was ihr da herausgerutscht war.

»Also war Thomas dabei?«, hakte Kanya nach.

Jen bekam trotz ihres Drogenrausches einen Anflug von Panik. Sie ging zu Kanya und nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände.

»Kanya, Schatz. Das darfst du nie jemanden erzählen. Ist das klar? Sonst gibt es eine Katastrophe. Hast du verstanden, Schatz?«

»Und Mom hat alles gewusst?«

Jen war verzweifelt. »Dein Vater hat deine Mutter immer wieder geschlagen. Sie hatte einen guten Grund für …« Jen brach mitten im Satz ab, da sie langsam merkte, dass sie sich um Kopf und Kragen redete.

Kanya verstand. Dann war alles wahr. Thomas hatte ihren Vater getötet und Mutter wusste davon. Vielleicht hat sie sogar mitgeholfen. Sie schaute Jen für einen Moment an, die ihr sprachlos über den Kopf strich, dann drehte sie sich um und ging davon.

Keno hatte recht gehabt. Thomas und Mutter waren Mörder. Sie hatten ihren Vater ermordet. Und wenigstens Jen, Tip und Thong wussten davon. Vielleicht auch Onkel Iwan. Ihre kleine Welt zerbrach vor ihren Augen und sie lief weinend aus dem Hof.

Freitag, 24. Dezember 2004

Um siebzehn Uhr war das große Weihnachtsessen im Restaurant angesetzt. Traditionell waren alle Angestellte von Thomas und Pen dazu eingeladen, aber es kamen auch noch ein paar andere Gäste, wie Iwan oder Manni, der Besitzer der Black Mamba Bar in Patong. Aber auch Stammgäste, die hier große Teile ihres Urlaubs verbrachten, waren gern gesehen. An Heiligabend waren alle willkommen, was auch für die anschließende Party in der Disco galt.

Sie saßen an der großen Tafel, die durch das Zusammenstellen mehrerer Tische entstand und die sich kontinuierlich mit Essen und Getränken füllte. Sie kochten das Essen nicht selbst. Thomas bestellte es traditionell im Restaurant direkt daneben, zudem öffnete die Disco erst um zweiundzwanzig Uhr, damit wirklich alle Angestellten an den Feierlichkeiten teilnehmen konnten. Nur die Getränke holten sie aus ihrem eigenen Bestand, was keine große Arbeit machte.

Thomas blickte zufrieden auf den prall gefüllten Tisch. Keiner würde heute hungrig oder durstig aufstehen. Nach und nach trafen alle Gäste ein und die Stimmung wurde immer besser. Pen genoss ihre Rolle als Gastgeberin in vollen Zügen und ließ sich für alles loben und bedanken, obwohl sie keinen Anteil an Planung und Durchführung hatte. Aber sie war die Frau des Chefs und wurde dementsprechend hofiert und bewundert.

Kim spielte wie meistens auf dem Boden und verschmutzte ihr zauberhaftes Kleidchen, das Pen ihr zur Feier des Tages angezogen hatte. Jen saß neben Mama-san, gegenüber von Thomas und machte einen nüchternen Eindruck. Ihre Hand zitterte aber etwas und Thomas wusste, dass sie nur daran dachte, wann sie sich endlich etwas einschmeißen konnte. Aber sie wusste, dass dies heute warten musste. Thomas hätte dafür kein Verständnis gehabt.

Iwan saß neben Tip am Tisch und hielt ihre Hand, man konnte ihm die Vorfreude auf den Abend ansehen. Thong war mit seiner Familie da und freute sich auf das Essen. Keno schaute sich immer wieder nach Kanya um, doch er konnte sie nicht sehen. Sie war noch nicht erschienen und er machte sich Sorgen, ob sie überhaupt noch auftauchte.

Plötzlich öffnete sich die Tür vom Haupthaus und Kanya kam zu den Gästen. Sie hatte sich ebenfalls wunderschön, dem Anlass angemessen, gekleidet, aber ihr Gesicht wirkte versteinert.

»Kanya. Hier habe ich einen Platz für dich«, sagte Pen zu ihr, aber Kanya lief wortlos an ihr vorbei und setzte sich ans obere Ende der Tafel, wo die Mädchen aus der Disco Platz genommen hatten.

»Kanya!«, rief Pen jetzt nachdrücklicher. Sie wollte nicht, dass Kanya bei den Servicekräften der Disco saß. Sie hatte zwar nichts gegen sie und wusste auch, dass sie gut mit ihnen verdienten, aber ihre Tochter musste ja nicht unbedingt dort sitzen. Aber Kanya saß nur da und schaute ihre Mutter stumm an. Thomas merkte, dass Pen darüber ungehalten wurde und wollte die Situation entschärfen.

»Lass sie doch, wir haben sie ja das ganze Jahr über.«

Pen dachte kurz darüber nach, dann gab sie zähneknirschend nach und widmete sich wieder ihren anderen Gästen. Keno schaute zu Kanya und versuchte vergeblich, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, aber sie saß einfach nur stumm da und starrte vor sich hin.

»Hey Kanya«, rief er leise und winkte mit den Händen, aber sie ignorierte ihn völlig.

»Bestimmt deshalb sagt Vater immer, dass Mädchen kompliziert sind«, dachte Keno resignierend.

Sie begannen zu essen und alle griffen nach Herzenslust zu. Es gab alles, was die thailändische Küche zu bieten hatte und für die ausländischen Gäste wurde auch eine Platte mit Frikadellen und Würstchen bereitgestellt, worüber sich am meisten Iwan freute.

Kanya saß stumm da, aß nichts, trank nichts und redete auch mit niemand. Pen schaute sich das Ganze eine Zeit lang an und versuchte zunächst, ihre Tochter zu ignorieren. Mittlerweile rannte Kim zu Kanya, da reagierte sie endlich und nahm das kleine Mädchen auf ihren Schoß. Aber kurz danach wurde Kim wieder unruhig, rutschte herunter und tollte wieder umher. Kanya saß wieder stumm da. Jetzt wurde es Pen zu bunt.

»Kanya!!« Thomas konnte den aufkommenden Zorn deutlich hören und versuchte ein letztes Mal, die Situation zu beruhigen. Aber bald würde Pen explodieren.

»Was hatte Kanya nur«, dachte er. »Sie war doch sonst so lebhaft und aufgeschlossen.«

Es dauerte keine fünf Minuten mehr. Pen konnten den stummen Blick ihrer Tochter nicht mehr ertragen und jetzt rief sie wütend: »Kanya!!! Schau mich nicht so an. Ich habe dir nichts getan. Wenn du dich nicht benehmen kannst, dann geh auf dein Zimmer.«

Plötzlich sprang Kanya auf und stürmte zum Hauseingang. Sie drehte sich noch mal um und schrie dann aus voller Kehle. »Mir hast du nichts getan, aber was ist mit Vater.«

Dann lief sie die Treppe nach oben.

Samstag, 25. Dezember 2004

»Was für eine Nacht. Die kleine Wildkatze konnte nicht genug bekommen und hat mich immer wieder besprungen. Erst nach einer letzten Nummer am frühen Morgen konnte ich endlich etwas schlafen.« Iwan schilderte begeistert seine Erfahrungen aus der vergangenen Nacht, nachdem er mit Tip in ziemlich angetrunkenen Zustand zurück nach Patong in seine Bungalow-Anlage gefahren war.

»Sie liegt immer noch im Bett und schläft sich gerade wieder fit. Verständlich, sie ist jetzt völlig erschöpft und muss heute Nacht wieder in Höchstform sein.«

Es war fast fünfzehn Uhr und sein Frühstück kam. Er hatte Hunger wie ein Bär und futterte die Spiegeleier mit Speck, Toasts und Würstchen in Rekordtempo weg, dann widmete er sich seinem schwarzen Kaffee. Thomas und Thong saßen mit am Tisch und sahen ihm zu.

»Steht der heutige Abend noch?«, fragte Iwan.

»Wie geplant«, erwiderte Thomas. »Wir fahren um zwanzig Uhr nach Patong und gehen schön essen. Dann kommen die Kinder ins Bett und ab zweiundzwanzig Uhr treffen wir uns bei Manni in der Bar.«

»Kommt Pen auch mit?«

»Ich weiß es noch nicht, will es aber hoffen. Sie hat sich gestern derart über Kanya aufgeregt.«

»Was ist denn mit der Kleinen los? So habe ich sie noch nie gesehen.«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Thomas. »Ich vermute, irgendjemand hat ihr einen Floh ins Ohr gesetzt.«

»Bei mir hat sie auch so komische Andeutungen gemacht. Sie hat gesagt, Keno hätte etwas in diese Richtung bemerkt, aber ich dachte, ich hätte sie beruhigt.«

»Keno?«, erwachte jetzt auch Thong aus seiner Lethargie. »Keno soll das gesagt haben.«

»So hat es Kanya gesagt.«

»Ich werde mit Keno reden«, sagte Thong und ging.

»Hoffen wir, dass sich die Lage bis heute Abend beruhigt«, meinte Thomas, hatte aber wenig Hoffnung.

Tip hatte sich schlafend gestellt, als Iwan das Zimmer verließ. Er sagte ihr, dass er nach Karon fahren würde, und das war ihr gerade Recht. Als das Taxi ihn abgeholt hatte, ging sie schnell unter die Dusche und zog sich an. Ihr dunkelhäutiger Franzose hatte sich gemeldet und brauchte dringend ein Schäferstündchen am Nachmittag. Wie gut, dass sein Hotel nicht weit entfernt lag.

Sie machte sich fertig und lief zu der angegebenen Adresse, als plötzlich das Telefon läutete.

»Na Schwesterchen, wie war es heute Nacht. Iwan läuft überall herum und prahlt von seinen Hengstleistungen.«

Tip lachte. »Gegenüber letztes Jahr hat er sich tatsächlich gesteigert. In der Nacht war er in neunzig Sekunden fertig und ist direkt eingeschlafen, aber heute Morgen konnte ich ihn tatsächlich noch mal einsatzbereit bekommen. So hatte ich wenigstens etwas Abwechslung.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, sagte Jen. »Ich hatte ihn ja auch schon mal dabei und habe mich schon gewundert, wo das plötzlich herkommen sollte. Was machst du gerade? Hast du Zeit?«

»Nein, ich bin in Patong und besuche meinen Franzosen. Er klang richtig heiß und schweinisch.«

»Dann sehen wir uns heute Abend bei Manni. Übernimmt dich nicht mit dem Riesenprügel, du musst heute Nacht noch mal Iwan zufriedenstellen.«

Tip lachte. »Dem besorg ich es noch unter Narkose.«

Punkt zweiundzwanzig Uhr liefen sie in der Black Mamba Bar ein. Sie hatten Manni ursprünglich als einen Freund von Theo kennengelernt. Anscheinend kannten die beiden sich schon in Deutschland und kamen von der gleichen Organisation. Innerhalb von drei Monaten trafen sie hintereinander in Phuket ein, auf gute Empfehlung ihres Kontaktes Iwan. Auch Manni war mit einer Thailänderin verheiratet und hatte mit ihr drei Söhne, die noch zur Schule gingen.

Eines Tages nahm Theo Thomas mit zu Manni und machte sie miteinander bekannt. Daraus entwickelte sich eine gute Bekanntschaft, aber nie eine Freundschaft wie zwischen Theo und Manni. Ihr gemeinsames Projekt bei der Millennium-Party vier Jahre zuvor brachte sie aber näher. Man respektierte sich und traf sich hin und wieder. Mittlerweile hatte es sich eingebürgert, dass Thomas am Heiligabend eine Party schmiss und Manni am Weihnachtstag und alle waren zufrieden mit der Übereinkunft, am allermeisten Iwan, der sich zwei Tage lang durchfüttern konnte und verwöhnen ließ.

Thomas war am frühen Abend mit Pen und den zwei Kindern in einem der vielen guten Restaurants von Patong essen. Die Stimmung war allerdings genauso frostig wie am Tag zuvor. Kanya sprach kein Wort und starrte nur vor sich hin und Pen ließ sich davon den Abend verderben. Nur Kim schien es nichts auszumachen, sie war fröhlich wie immer und die Einzige, auf die Kanya reagierte.

Pen kochte innerlich, sie wollte sich dieses Verhalten nicht noch ein zweites Mal bieten lassen und Thomas verstand sie gut. Es verletzte ihren Stolz, dass ihre große Tochter sie wie Luft behandelte. Thomas dachte an seine Schwiegermutter und konnte sich nicht vorstellen, dass Pen sie jemals so behandelt hätte, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Und in Pen arbeitete es auch, nur dass sie sich noch nicht über die Konsequenzen im Klaren war, die auf Kanya zukamen.

Nach einem furchtbaren Abendessen spitzte sich die Situation zu. Pen teilte Kanya mit, dass sie sofort mit Kim ins Bett zu gehen habe. Eigentlich wollten sie Kanya für eine oder zwei Stunden mitfeiern lassen, aber das kam jetzt nicht mehr infrage.

»Und wenn du glaubst, dass du mir den Abend versauen kannst, hast du dich getäuscht, Tochter. Du passt auf Kim auf und ich gehe mit Thomas zur Party.«

Sie lieferten die Mädchen im Hotel ab, das sie für diese Nacht gebucht hatten und gingen dann den kurzen Weg zu Mannis Bar. Thomas nahm sich vor, diese Angelegenheit gleich morgen zu regeln. Es musste doch eine Lösung geben, Kanya wieder zu Vernunft kommen zu lassen. Als sie auf der Party eintrafen, verdrängten sie ihr Familienproblem auf den morgigen Tag und feierten mit den restlichen Gästen das Weihnachtsfest.

Er war kurz nach Mitternacht und sie hatten alle schon einiges getrunken, als es plötzlich still wurde. Thomas drehte sich um und vor der Bar stand Kanya. Als Pen sie sah, stieß sie einen spitzen Schrei aus.

»Was machst du hier? Du solltest bei Kim bleiben und auf sie aufpassen.«

»Der geht es gut. Sie schläft tief und fest«, sagte Kanya. Sie wirkte nicht mehr erstarrt, sondern sehr unruhig und aktiv.

»Trotzdem. Was erlaubst du dir, hier aufzukreuzen. Du bist ein Kind und du gehst ins Bett …«

Kanya blickte sie wild entschlossen an. Erst zu Pen, dann zu Thomas. Dann schrie sie laut, dass alle Gäste sie hören konnten: »Ihr habt meinen Vater getötet. Alle beide. Ich hasse euch und will nichts mehr mit euch zu tun haben.«

Thomas und Pen starrten sprachlos zu Kanya, die aber noch nicht fertig war.

»Ich gehe zu Oma und Opa. Ich will euch nie wieder sehen.« Dann drehte sie sich um und rannte davon.

Die anwesenden Gäste schauten sich betroffen an und wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Iwan stand an der Bar mit Tip im Arm und schaute von einem zum anderen. Er spürte, dass die Party kurz davor war, abgebrochen zu werden, und er beschloss etwas dagegen zu unternehmen. Er streckte den Arm aus und bimmelte die Glocke, die direkt über ihm hing. Alle schauten wie auf Kommando plötzlich zu ihm.

»Die nächste Runde trinken wir auf unsere Kinder und ihren schlechten Träume.«

Tip lachte laut und stieß mit ihm an und eine Sekunde später kehrte das Lachen zurück und alle prosteten sich zu, während die Bedienungen die neuen Getränke auf Iwans Kosten einschenkten.

Iwan stupste Thomas an. »Die Kosten für die Getränke gehen aber auf deine Rechnung.«

Fünf Minuten später war die Stimmung wieder wie zuvor, nur Mannis Blick hatte sich verändert. Er blickte plötzlich misstrauisch zu Thomas.

Sonntag, 26. Dezember 2004

Erschütterungen des Erdkörpers werden Erdbeben genannt. Jeden Tag werden Tausende davon gemessen. Die meisten sind so schwach, dass sie nur von moderner Messtechnik wahrgenommen werden. Nur ein geringer Prozentsatz hat Auswirkungen auf den Menschen und wiederum nur ein kleiner Bruchteil davon gilt als gefährlich.

Ausgelöst durch ruckartige Bewegungen von einer der sieben Kontinentalplatten oder der kleineren Erdplatten, können Erdbeben praktisch überall auftreten. Nicht immer findet ein Beben an Festland statt. Ein Beben, dessen Herd sich unter dem Meeresboden befand, wurde Seebeben genannt. Erdbeben und Seebeben unterschieden sich nicht in ihrer Entstehung, nur in ihrer Auswirkung. Die Auswirkung eines Landbebens konnte von nicht wahrnehmbar, über leicht vibrierend, stärker erschütternd, bis zu hoch gefährlich reichen. Einstürzende Gebäude, Lawinen die vom