Louise im blauweiß gestreiften Leibchen - Mathias Nolte - E-Book

Louise im blauweiß gestreiften Leibchen E-Book

Mathias Nolte

0,0

Beschreibung

Charlotte Pacou, genannt Charlie, hat das ehemalige Büro eines Privatdetektivs in Berlin gemietet, ohne jede Absicht, sich in diesem Metier zu versuchen. Doch als es an der Tür klopft und plötzlich Daniel Baum vor ihr steht, nimmt sie, ohne genau zu wissen, warum, seinen Auftrag an, nach dem verschwundenen Gemälde "Louise im blauweiß gestreiften Leibchen" zu suchen. Jonas Jabal, der Maler, von dem dieses Porträt seiner Freundin Louise stammt, hat 1959 in Ost-Berlin in der DDR Selbstmord begangen, als junger Mann am Beginn einer vielversprechenden Karriere. Charlie begreift schnell, dass sie ihren Auftrag nur erfüllen kann, wenn sie versteht, was damals geschehen ist. War Louise, das schöne reiche Mädchen aus dem Westen, der Grund, wieso Jonas nicht mehr leben wollte? Eine Liebesgeschichte oder vielleicht auch zwei - traurig, heiter, herzzerreißend, verrückt und schön.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2009

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mathias Nolte

Louise im blauweiß gestreiften Leibchen

Roman

Deuticke

eBook ISBN 978-3-552-06119-4

Alle Rechte vorbehalten

© Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2009

Lektorat: Christian Döring

Satz: Eva Kaltenbrunner-Dorfinger, Wien

www.hanser-literaturverlage.de

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Für meine Eltern

»Manchmal muss man einfach was riskieren.«

Lino Ventura in Ein Glückliches Jahr

von Claude Lelouch, 1973

Teil Eins

Eins

Sie hörte das Klopfen an der Tür nicht, das zaghafte nicht und auch nicht das kräftigere, das folgte.

Sie stand schon eine Weile lang am Fenster des Büros und blickte vom fünften Stock auf die Lietzenburger. Vor ihren Augen tobte ein Unwetter. Seit einer halben Stunde blitzte und donnerte es in immer kürzeren Intervallen und der Wolkenbruch, der mit dem Gewitter einherging, war so gewaltig, dass Gullys überfluteten, Wasser stand Zentimeter hoch auf dem Asphalt und die wenigen Autos, die sie wahrnahm, schlichen mit aufgeblendeten Scheinwerfern wie verängstigte Katzen in beide Richtungen der Straße.

Es war Charlies dritter Tag in dem Büro. Friedrich K. Adam hatte sich nach zweiundvierzig Jahren harter Arbeit in den Ruhestand verabschiedet, Charlie hatte den Mietvertrag des Alten übernommen und ihm ein paar Möbel abgekauft – die beiden Rollschränke, auf denen noch der Staub der Zeit lag, den antiken Schreibtischsessel aus Mahagoni und den hässlichen Eichenschreibtisch, an dem sie in den nächsten Monaten die traurige Geschichte des Dichters Philipp Bach zu Papier bringen wollte. Bach war im Sommer 2006 unter nicht ganz aufgeklärten Umständen an der Glienicker Brücke leblos aus der Havel gefischt worden.

Es klopfte ein zweites Mal. Charlie wandte sich vom Fenster ab und sah auf die Tür, sah, wie der Knauf sich langsam nach links drehte und die Tür sich öffnete. Im Rahmen stand ein großer Mann Ende vierzig. Er trug Budapester Schuhe, einen Kamelhaarmantel, dessen Schultern der Regen dunkel verfärbt hatte, und einen braunen Hut mit breiter Krempe. Er sah aus wie ein reicher Unternehmer in den deutschen Filmen der fünfziger oder sechziger Jahre. Nur dick war er nicht, vielmehr schlank. In der linken Hand hielt er einen übergroßen Regenschirm, zwischen Oberarm und Brustkorb klemmte eine weiße Plastiktüte. Er blickte in Charlies erstauntes Gesicht, dann zeigte er mit der rechten Hand auf das Messingschild an der Tür, auf dem erhaben, in schwarzen Buchstaben, die Worte Detektei Adam zu lesen waren.

Ohne sich vorzustellen und ohne ein Wort der Begrüßung sagte er: »Gibt’s ihn nicht mehr, den alten Adam? Ist er tot?«

Charlie ging zwei Schritte vor zum Schreibtisch, auf dem aufgeschlagen neben ihrem Rechner die grüne Mappe mit den Notizen über Philipp Bach lag. Wie ertappt schloss sie die Mappe. Ihr Blick fiel kurz auf das weiße Etikett, das sie selbst fein säuberlich mit einem Montblanc-Füller beschriftet hatte. In der Hauptzeile führte es den Namen des Dichters, die Unterzeile des Aufklebers lautete: Was soll eigentlich aus Mitteleuropa werden, wenn ich eines Tages tot bin?

»Nein, Herr Adam ist nicht tot. Wieso?«

»Ich habe ein paar Mal versucht, ihn ans Telefon zu kriegen, vergeblich. Er hat mir bei zwei Gelegenheiten sehr geholfen. Sind Sie seine Tochter?«

Charlie schüttelte den Kopf und anstatt zu sagen: Guter Mann, mach dich vom Acker, mit Adam und seinem Schnüffler-Business habe ich nichts zu tun! sagte sie: »Herr Adam ist in den Ruhestand gegangen, er lebt in Florida. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«

Die Worte purzelten, ohne dass sie nachdachte, aus ihrem Mund. Sie wusste nicht, warum. War es die Angst nach langer Pause wieder zu schreiben? Oder war es vielleicht einfach nur Neugier? Wenn ein Mann in einem Kamelhaarmantel und in teuren Schuhen sich bei dem Sauwetter auf die Straße traute, dann musste es einen triftigen Grund dafür geben, zumindest ein Geheimnis, das unbedingt aufgeklärt werden wollte. Warum sonst suchte man einen Schnüffler auf?

Der Mann stellte den Regenschirm neben einen der beiden Rollschränke aufs graue Linoleum, dann nahm er den Hut ab und stülpte ihn über den Griff des Schirms. »Sind Sie Adams Nachfolgerin?«, fragte er, während er die noch nasse Plastiktüte auf dem Schreibtisch ablegte.

Charlie antwortete nicht. Draußen donnerte es, Hagelkörner trommelten mit solcher Gewalt gegen die Fensterscheibe, dass man fürchten musste, sie gehe zu Bruch. Das Büro lag jetzt fast im Dunkeln. Erst in diesem Augenblick reichte der Mann Charlie die Hand zur Begrüßung. »Dan… Daniel Baum«, sagte er. Seine Stimme klang forsch, so als sei sie gewohnt Anordnungen zu geben. »Und mit wem hab ich die Ehre?«

»Charlotte Pacou«, antwortete Charlie.

»Pacou … Pacou …«, wiederholte Baum langsam. In seinem Kopf arbeitete es. »Wir hatten doch einmal einen französischen Botschafter hier, Pacou … René, glaub ich, hieß er. Ja, richtig, René Pacou.«

»Hat nichts mit mir zu tun. Ich bin Berlinerin, waschechte.« Charlie log. Sie war keine Berlinerin. Sie knipste die Schreibtischlampe an und fragte sich, ob sie das absurde Spiel nicht beenden und dem ungebetenen Besucher die Wahrheit sagen sollte.

»Sind Sie so gut wie Adam?«, fragte Baum, während er die weiße Plastiktüte öffnete und ein Buch herauszog, einen Kunstkatalog.

Charlie hob leicht die Schultern und ließ sie wieder fallen. Was wusste sie, wie gut sie war? Seit sie sich vor zwei Monaten nach sechs langen Jahren von Nick Seeberg getrennt hatte, wusste sie nichts mehr. Nichts. Schon gar nicht von sich selbst. Außer, dass sie kaputtgegangen wäre, wenn sie ihn nicht verlassen hätte.

Sie deutete auf den Bistrostuhl, den sie aus ihrem Apartment mitgebracht hatte, und setzte sich in den Mahagonisessel. Daniel Baum nahm auf dem Stuhl Platz. Sein rotbraunes Haar hatte er mit Gel zurückgekämmt, sein Gesicht war leicht gebräunt. Das Aussehen passte zum Outfit, zum Hut, zum Kamelhaarmantel, zu den teuren Schuhen.

»Ich wollte Adam bitten, eine Frau für mich zu suchen«, sagte er.

Eifersucht, dachte Charlie. Same old story. Mittelalterlichem, reichem Mann läuft junge Geliebte weg. Mann will wissen, was sie treibt, um sie dann zum Teufel zu schicken. Wie einfach doch alles war. Und wie trostlos Adams Berufsleben gewesen sein musste. Zu achtzig Prozent, oder noch mehr, hatte es von der Eifersucht gelebt. Einer liebte eben immer mehr. Und Adam sollte es dann richten, aus einem Verdacht sollte er Gewissheit machen. Warum auch immer …

»Eine Frau? Welche Frau?«, fragte Charlie.

Baum erhob sich vom Stuhl, nahm den Katalog vom Schreibtisch und schlug eine Seite auf, die mit einem hellgrünen Stickie markiert war. Er legte sie Charlie vor die Nase. Dann setzte er sich wieder, schlug die Beine übereinander und faltete die Hände auf den Knien. Er sah Charlie an, als wolle er sagen: Jetzt bist du dran, Mädchen.

Charlie zog die Schreibtischlampe näher ans Buch und kniff die Augen leicht zusammen. Vor ihr lag die nicht sehr professionell aufgenommene Farbfotografie eines Gemäldes, das Porträt einer jungen Frau. Es war zweisprachig untertitelt: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen und Louise en chemisette rayée bleu et blanc, beiden Titeln folgte die Jahreszahl 1959. 1959 – das Bild war zehn Jahre älter als Charlie. Was sollte das? Sie blätterte in dem Katalog ein paar Seiten vor und zurück. Die anderen Fotos der Gemälde waren von besserer Qualität, schärfer und klar ausgeleuchtet.

»Ich verstehe nicht. Sie suchen diese Frau? Diese Louise?«

Baum schüttelte den Kopf, und zum ersten Mal glaubte Charlie, den Hauch eines Lächelns auf seinem Gesicht zu erkennen. »Nein, nicht die Frau, ich suche Louise. Das Gemälde will ich. Ich besitze fast alles von Jabal, jedenfalls fast alle Ölbilder.«

Charlie betrachtete das Cover des Katalogs. Jonas Jabal – Tableaux et Dessins. Edition Cinquanteneuf. Den Namen des Malers glaubte sie schon einmal gehört zu haben, sie konnte sich aber nicht erinnern, wo und wann. Auch das Gemälde auf dem Umschlag kam ihr bekannt vor. Verflucht, wo hatte sie das Bild schon einmal gesehen? Es zeigte einen jungen Mann, schlaksig und verträumt, sein kleiner Kopf klebte unschuldig auf dem langen Hals wie Schwefel auf einem Streichholz. Er hatte rotblonde Haare, die in alle Richtungen standen. Unter dem rechten Auge war eine Narbe zu erkennen. Er machte den Eindruck, als wisse er nicht, wo er hingehörte. Das Hemd, das er trug, sah aus wie ein kanadisches Holzfällerhemd, kariert und bunt. Charlie zeigte mit dem Finger auf das Bild und sah Baum an. »Auch das? Das gehört Ihnen auch?«, fragte sie.

»Auch das, ja. Auch das gehört mir.«

Eine Viertelstunde später saß Charlie wieder allein in ihrem Büro und googelte Jonas Jabal. Daniel Baum und sie hatten vereinbart, dass sie beide noch einmal über den Auftrag nachdachten. Charlie hatte gezögert, als Baum eine Antwort von ihr wollte, aber auch Baum selbst war sich nicht sicher, ob Charlie die richtige Person für eine solche Aufgabe war, er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass auch er Bedenkzeit brauchte. Den Katalog hatte er ihr geschenkt, ihr seine Visitenkarte gegeben und Charlies Handynummer notiert. Falls einer der beiden den anderen nicht anruft und absagt, hatten sie sich für den nächsten Tag um neunzehn Uhr im Haus von Baum in Grunewald verabredet.

Als Charlie eine Stunde nach ihrem unerwarteten Besucher das Büro verließ, hatte sich das Unwetter verzogen, der Himmel war sternenklar und das Licht des Vollmonds spiegelte sich auf dem nassen Asphalt. Im Rinnstein lagen noch nicht getaute Hagelkörner. Es war kalt geworden. Doch Charlie spürte die Kälte nicht. Ihre Gedanken kreisten ausschließlich um Jonas Jabal, dessen Bilder sie nicht mehr losließen.

Von der Lietzenburger Straße ging sie Richtung Manzini. Zwar hatte sie sich einmal geschworen, das Café nicht mehr zu betreten, weil sie Nick Seeberg hier kennengelernt hatte, aber das war ihr jetzt gleichgültig. Sie hatte immer gern hier gesessen. Während ihres Studiums hatte sie ganze Nachmittage hier vertrödelt, in die Luft geguckt und geträumt. Jetzt verstand sie nicht mehr, warum sie den Ort gemieden hatte. Seeberg war an diesem Abend Lichtjahre von ihrem Gedankenkosmos entfernt, genauso Philipp Bach, ihr Poète maudit, dem sie doch eigentlich einen Lorbeerkranz flechten wollte, seit sie zwei Bücher des Mannes gelesen hatte.

Während sie Muscheln aß und ein Glas Weißwein trank, klebten ihre Augen auf Louise im blauweiß gestreiften Leibchen. Nichts anderes um sich herum nahm sie wahr.

Vier

Um viertel vor sieben saß Charlie im Bus nach Grunewald. In den letzten zwei Monaten hatte sie sich angewöhnt, öffentliche Verkehrmittel zu benutzen und fand langsam sogar Spaß daran. Sie lernte die Stadt von einer ganz neuen Seite kennen, und je routinierter sie sich in Bus, S- und U-Bahn bewegte, desto weniger bereute sie ihren Entschluss, Nick Seeberg die Schlüssel des metallicschwarzen Mini vor die Füße geworfen zu haben.

Seeberg hatte ihr das Auto zum siebenunddreißigsten Geburtstag geschenkt, und sie war stolz darauf gewesen. Noch stolzer aber war sie jetzt, weil sie aus dem Kopf wusste, dass sie an der Haltestelle Bleibtreustrasse den M19er nehmen musste, um zur Bismarckallee zu kommen, wo sie um sieben Uhr von Daniel Baum erwartet wurde.

Charlie war fest entschlossen, die Suche nach Louise im blauweiß gestreiften Leibchen zu ihrer Sache zu machen. In der Manteltasche steckte das blaue Buch mit den Notizen. Alle Namen, die sie auf der Website gelesen hatte, waren darin notiert. Sie hatte sogar eine Girlie-Zeichnung von Louise auf dem Friedhof gemacht. Die Caprihosen waren mit einem gelben Marker koloriert, genauso wie die Namen Max Noske, Felix Becker, Bine und Mo Mommsen, Theresa Jabal und Thomas, der Cousin von Jonas. Von den meisten anderen, die nicht markiert waren, glaubte Charlie, sie lägen ohnehin neben dem Maler unter der Erde oder waren zumindest geistig so weggetreten, dass sie ihr keine Hilfe mehr sein würden.

Um Punkt sieben stand sie vor Daniel Baums Haus in der Bismarckallee. Zuerst nahm sie an, die Adresse sei falsch. Das Gebäude war riesig, so unglaublich riesig, dass sie sich einfach nicht vorstellen konnte, ein Mensch oder auch eine Familie würde allein darin leben. Sie glaubte, vor einer Botschaft zu stehen, vor dem Gästehaus einer Bank oder einer großen Versicherungsanstalt. Allianz oder so, dachte sie.

Das schmiedeeiserne Tor zum Haus war weit geöffnet, ein angestrahlter Brunnen spuckte Wasser in die kalte Luft. Zwei Lieferwagen eines Partyservices parkten in der Einfahrt, die Heckklappen waren geöffnet. Charlie lief über den groben Kies zum Portal, wo, eingelassen in die Tür, ein holzgeschnitzter Löwe vor ihr sein Maul weit aufriss. Während sie klingelte, hob sie den linken Fuß, dann den rechten, um zu checken, ob sie sich die Absätze ruiniert hatte. Sie trug halbhohe Pumps. Sie hatte sich genau überlegt, was sie für Daniel Baum anziehen sollte. Sie hatte sich für working girl entschieden: graues Kostüm, Rock bis zu den Knien, fleischfarbene Strümpfe, weißes T-Shirt, Pferdeschwanz – wie Louise auf dem Friedhof. Und sie trug ihre Brille, nicht die Kontaktlinsen, wie beim Besuch von Baum in der Lietzenburger. Er sollte sofort kapieren, dass sie sich anpassen konnte.

Eine dicke Frau mit weißer Schürze öffnete die Tür. »Ja, bitte?«

»Guten Abend«, sagte Charlie, »ich bin mit Herrn Baum verabredet.«

»Sind Sie nicht ein bisschen zu früh?«

»Es ist sieben Uhr. Wir waren um sieben verabredet.«

Die Frau schüttelte den Kopf und bat Charlie herein. »Warten Sie einen Moment, ich versuche ihn aufzutreiben. Ich weiß nicht einmal, ob er schon da ist. Entschuldigen Sie, aber das ist ein Irrenhaus hier.«

Im Haus liefen viele Menschen umher, Männer und Frauen in bodenlangen, weißen Schürzen. Alle Türen waren weit geöffnet, überall brannte Licht. Ein Mädchen, vielleicht neunzehn, fläzte sich in einem Lounge Chair von Eames und lackierte sich die Nägel, Billie Holiday sang Me Myself and I, ein Junge patrouillierte im Stechschritt mit einem Holzgewehr über der Schulter durch die Räume, eine englische Dogge saß wie in Marmor gemeißelt auf dem polierten Boden. Nur aus ihrem Maul sabberte eine hellgrüne Flüssigkeit.

Charlie nahm das alles nicht wahr. Noch bevor sie die Eingangshalle betrat, sah sie nur ihn: Jonas Jabal, schlaksig und verträumt, beleuchtet von zwei Punktstrahlern. Das Gemälde war größer, als sie es sich vorgestellt hatte, es maß bestimmt einen Meter achtzig mal einszwanzig. Charlie hob kurz die Hand, so als grüße sie von Weitem einen alten Bekannten, so als wolle sie sagen: Ich war gerade auf deiner Beerdigung, Jonas. Du wärst stolz gewesen, besonders auf deine kleine Schwester. Es war alles sehr würdevoll.

Vor dem Gemälde knöpfte sie ihren Mantel auf, dann streichelte sie Jonas’ Gesicht, fuhr mit den Kuppen von Zeige- und Mittelfinger zärtlich über die Narbe am rechten Auge, die ein wenig erhaben hervorstand. Jonas wirkte im Original noch verlorener als auf der Reproduktion im Katalog. Charlie stellte sich vor, wie Jonas an seinem letzten, diesem kochendheißen Tag im Juli 1959 Erdbeerkuchen im Kranzler gegessen hatte, und sie fragte sich, ob Louise dabei gewesen war.

Plötzlich hörte sie eine kräftige Stimme hinter sich: »Haben Sie sich schon angefreundet?«

Charlie erschrak und drehte sich um. Daniel Baum stand vor ihr.

»Entschuldigung, wie bitte?«, sagte sie. »Ich habe geträumt.«

»Ich wollte nur wissen, ob Jonas und Sie sich schon angefreundet haben«, wiederholte Baum. Er lächelte.

Charlie spielte das Spiel mit. »Ich glaube schon«, antwortete sie. »Ja, ich glaube, wir mögen uns sehr.«

Baum nahm ihr den Mantel ab. Charlie fischte das blaue Buch und einen Lippenstift aus der Tasche, bevor Baum der dicken Frau den Mantel über den Arm legte. Er sah anders aus als am Tag zuvor. Er hatte kein Gel in den Haaren, die Frisur war durcheinander. Außerdem war er nicht rasiert. Er wirkte sympathischer auf Charlie.

»Wir gehen in mein Arbeitszimmer«, sagte er. »Möchten Sie etwas trinken – ein Glas Wein? Wasser?«

Charlie bat um ein Glas Mineralwasser, dann folgte sie Baum durch die Eingangshalle und den großen Raum, wo ein Mann und zwei Frauen in den weißen Schürzen eine Tafel deckten, an der mindestens sechzig Personen Platz fanden. Eine dritte Frau ohne Schürze gab Anweisungen. Das Mädchen, das sich die Nägel lackierte, blickte nicht mal auf, als Charlie und Baum an ihr vorbeigingen. Es hatte weiße Kopfhörer in den Ohren.

Die Wände der Räume waren mit Kunst tapeziert. Charlie erkannte Bernard Buffets magersüchtige Fischverkäuferin, auch ein Picasso war dabei und, wenn sie sich nicht täuschte, sogar ein Rauschenberg. Die Baums mussten ein Faible für die fünfziger Jahre haben. Auf einem Sideboard stand der Schallplattenspieler von Braun, den Charlie schon im Museum of Modern Art in New York gesehen hatte, wo sie mit Seeberg gewesen war. Das Gerät trug einen Spitznamen, der ihr nicht mehr einfiel.

Das Arbeitszimmer war nicht viel kleiner als der Raum, in dem der Tisch gedeckt wurde. Links und rechts von der Schiebetür befanden sich Bücherborde, deren Regale, obwohl mindestens fünf Zentimeter dick, sich unter der Last schwerer Bildbände leicht bogen.

An der gegenüberliegen Wand, hinter dem Schreibtisch befanden sich ebenfalls Regale, allerdings mit kleineren Büchern. Charlie erkannte anhand der Buchrücken ein paar Romane, die sie gelesen hatte – Zolas Paradies der Damen zum Beispiel, eines ihrer Lieblingsbücher, Stendhals Rot und Schwarz und Hubert Fichtes Palette. Eine Gesamtausgabe der Werke Hemingways in leuchtendem Gelb war auch darunter.

Die rechte Fensterfront des Raumes gab den Blick auf einen großen, beleuchteten Park frei. An der linken Wand hingen Bilder, unter anderen fünf Porträts in Kohle gezeichnet. Charlie deutete darauf. »Ist einer von denen Boris Blahnik?«, fragte sie. Sie freute sich, dass ihr der Name einfiel, ohne einen Blick in das blaue Buch zu werfen. Normalerweise hatte sie ein schreckliches Namensgedächtnis.

Baum lächelte. »Ah, Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht. Blahnik ist der in der Mitte. Er ist übrigens der einzige von den fünfen, der Erfolg gehabt hat. Obwohl er nie viele Bücher verkauft hat, haben einige seiner Romane anerkannte Preise gewonnen. Er ist vor einem Jahr gestorben, zurückgezogen in Italien.«

Gefolgt von der dicken Frau, die das Mineralwasser und einen Whisky auf Eis brachte, betraten der Junge mit dem Holzgewehr und die englische Dogge das Arbeitszimmer. Die dicke Frau stellte die Getränke auf den Glastisch vor der Bilderwand und forderte den Jungen zum Verlassen des Raumes auf. Der Junge weigerte sich. Er hielt einen Hundekeks in der Hand und befahl der Dogge, sich zu setzen. Die gehorchte. Dann sagte der Junge: »Mach den Hitler, Winston!« Die Dogge riss blitzschnell die rechte Vorderpfote zum Hitlergruß hoch. Es sah erschreckend echt aus.

»Lass den Quatsch, Ben!«, sagte Baum scharf. »Ich hab dir schon ein paar Mal gesagt, du sollst das lassen.« Der Junge lachte. Die dicke Frau zog ihn am Ärmel aus dem Arbeitszimmer, die Dogge folgte. Sie hatte ihren Keks noch nicht bekommen.

»Entschuldigen Sie«, sagte Baum und deutete mit der Hand auf einen der beiden Ledersessel vor dem Glastisch. »Diesen Unsinn hat meine Frau ihm beigebracht.«

»Wem? Dem Hund oder dem Jungen?«, fragte Charlie, während sie sich setzte. Auch Baum nahm Platz.

»Ich fürchte beiden.«

»Ist Ben Ihr Sohn?«

»Mein jüngster.«

»Wie viele Kinder haben Sie?«

»Drei. Einen Jungen und ein Mädchen aus erster Ehe. Und Ben mit meiner jetzigen Frau, Alexandra.«

»Die junge Frau im Eames-Chair ist die Tochter?« Man konnte das Mädchen vom Arbeitszimmer aus sehen. Es lackierte sich noch immer die Nägel.

»Ja, das ist Christina, sie ist zwanzig, studiert in Boston Medienwissenschaft. Sie ist eingeflogen für das Fest heute Abend. Meine Frau hat Geburtstag. Die beiden sind sich nicht ganz grün, aber Christina ist trotzdem gekommen.« Baum nippte am Whiskyglas. »Haben Sie selbst auch Kinder?«

»Leider nicht.« Charlies Blick senkte sich, sie nahm an, dass sie errötete, sie legte das blaue Buch auf den Glastisch und schlug die erste Seite mit den Notizen auf. Ihr Blick fiel auf HermineEvers (Frau, die bohnert). Charlie mochte es nicht, wenn man sie fragte, ob sie Kinder habe. Sie glaubte, man sehe ihr an, wie sehr sie sich welche wünschte, es aber einfach nicht packte. Sie wechselte abrupt das Thema. »Wenn es Louise noch gibt«, sagte sie, »würde ich sie gern für Sie finden.«

»Das freut mich sehr«, sagte Baum. »Ich habe gehofft, dass Sie mir helfen könnten.«

Charlie nahm einen Schluck Wasser. »Wann haben Sie Ihre Begeisterung für Jonas Jabal entdeckt?«

»Ach, das ist gar nicht solange her. Vielleicht zehn Jahre, vielleicht auch zwölf. Jedenfalls lag er schon Jahrzehnte unter der Erde.«

»Dann haben Sie das Selbstporträt, das in der Halle hängt, vor zehn oder zwölf Jahren gekauft?«

»Nein, das ist schon seit ich denken kann bei mir. Mein Vater hat es meiner Mutter geschenkt. Ich glaube, sogar zum ersten oder zweiten Hochzeitstag. Ehrlich gesagt habe ich es früher nie richtig wahrgenommen. Das ist wie mit dem Stuhl, auf dem Christina lümmelt. Er ist einfach da, seit einer Ewigkeit. Man beachtet ihn nicht mehr, obwohl er wunderschön ist.« Dann zeigte er auf die Kohlezeichnung. »Blahnik hat mich auf Jabal gebracht. Ich habe ihn einmal unterstützt bei einem seiner Bücher, habe ihm die englische Übersetzung finanziert. Er hatte für den Roman einen kleinen, amerikanischen Verlag gefunden, der sich die Übersetzung nicht leisten konnte. Als der Roman erschien, war auf dem Umschlag die Zeichnung abgebildet, die Jabal von Blahnik gemacht hatte. Die hat mir sehr gefallen, das habe ich Blahnik geschrieben. Er hat mir dann als Dankeschön die Zeichnung geschenkt.«

»Und Sie haben nicht gewusst, dass Sie bereits ein Gemälde von Jonas Jabal besitzen?«

»Doch sicher, ich habe gewusst, dass das Porträt, das hier in der Halle hängt, von einem gewissen Jabal war, von einem Maler aus Ostberlin, den meine Eltern verehrten und der sich in den späten fünfziger Jahren umgebracht hat. Aber mehr wusste ich auch nicht, mehr hat mich auch nicht interessiert. Neugierig auf Jabal wurde ich erst, als ich auf dem Romancover das Porträt Blahniks entdeckte und Jabals Namen las. Der Zufall hat mich auf Jabal gebracht. Über dreißig Jahre habe ich mit seinem Selbstporträt wie mit einer alten Tapete gelebt, und dann hat der Zufall es plötzlich zum Leben erweckt. Ich habe Blahnik geschrieben, ob er mir nicht ein bisschen über Jabal erzählen könnte. Er musste ihn gekannt haben, der Maler hat ihn ja schließlich gezeichnet.«

Fünf

Der erste März 1959 war für den Schriftsteller Boris Blahnik in zweierlei Hinsicht ein denkwürdiger Tag. Zum einen bekam er unerwarteten Besuch von einem jungen Maler und dessen Freundin aus dem Ostpreußenviertel, zum anderen erließ seine Regierung an diesem Sonntag einen Ukas, der ihn fassungslos machte.

Die Mittagsnachrichten des Berliner Rundfunks meldeten, dass gemäß einer Verordnung des Zentralinstituts für Bibliothekswesen belletristisches Schrifttum, das vor 1945 erschienen war und seitdem in der DDR keine neue Auflage erfahren hatte, aus den Bibliotheken verbannt werden sollte. In der Meldung hieß es ausdrücklich, dass auch »politisch unverdächtige Autoren wie Theodor Storm und Theodor Fontane auszuscheiden« seien.

Blahnik stand am Bootssteg, wo er gerade dabei war, seine Segeljolle aus dem Winterschlaf zu wecken und wassertauglich zu machen, als die Nachricht über den Äther kam. Er glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, und wie im Reflex drehte er das Radio leiser, so als bekäme die Meldung dadurch weniger Gewicht. Dann stellte er sich vor, dass man seinen ersten Roman, der einen Monat zuvor erschienen war und für den er viel Lob erfahren hatte, auch ausschied. Allein das Wort ekelte ihn, es klang in seinen Ohren schlimmer als ausscheißen. Jenny Treibel, Der Schimmelreiter, Effie Briest, dachte er, werden einfach ausgeschieden wie ein Stück Scheiße, nur weil ein paar Idioten, die die Macht besaßen, es für richtig hielten.

Und wenn sich Boris Blahnik vorher noch nicht ganz sicher war, jetzt war er es: Sein nächster Roman würde in einem anderen Land erscheinen, auch wenn er sein Land liebte, besonders den See, auf den er gerade blickte, und das kleine Häuschen an seinem Ufer, wo er so viele Wochenenden und Ferien verbracht, wo er so viele Seiten auf seiner Erika geschrieben hatte.

Blahnik war außer sich vor Wut.

Er lehnte an einem Holzpfahl, an dem er später, nachdem er sie ins Wasser gelassen hatte, die Jolle vertäuen würde, und beobachtete den ersten Schmetterling des Jahres, der den zweiten Pfahl tollkühn umschwirrte, bevor er sich schließlich elegant auf dessen Spitze niederließ. Genießen konnte Blahnik das ausgelassene Schauspiel jedoch nicht. Jeder Schmetterling ist freier als du, dachte er und verfluchte die Bonzen, die ihm das Leben versauen und die Wanderungen durch die Mark Brandenburg verbieten wollten.

»Boris Blahnik?«

Blahnik hörte nicht, wie sein Name gerufen wurde. Erst beim zweiten Ruf wandte er seinen Blick vom See ab und sah an der Pforte zu seinem Grundstück, das auf der Landseite durch einen Jägerzaun begrenzt war, wie zwei junge Menschen ihm zuwinkten.

»Hallo, entschuldigen Sie, finden wir hier einen Boris Blahnik, den Schriftsteller?«

»Das bin ich«, rief Blahnik zurück und winkte die beiden zu sich heran.

Jonas Jabal und seine Freundin Louise stellten ihre Fahrräder am Zaun ab und betraten das Grundstück. Jonas hatte die Ärmel seines weinroten Nikki-Pullovers um den Hals verknotet. Sein Hemd war unter den Achseln verschwitzt. Über der rechten Schulter hing ein Rucksack, aus dem eine Papierrolle herausragte. Louise hatte ihren Arm um Jonas’ Hüfte gelegt. Sie trug Ballerinas, eine knallrote Röhrenhose, die an den Fußfesseln endete, und eine weiße, am Bauchnabel verknotete Bluse mit fetten roten und blauen Punkten.

»Ist das schön hier!«, rief sie aus. »Das ist ja wie im Märchen. Man glaubt gar nicht, dass das hier noch Berlin ist.«

Jonas reichte Blahnik die Hand und stellte Louise und sich vor. Louise löste sich von Jonas, sie hatte auf dem Rasen einen Hula-Hoop-Reifen entdeckt und freute sich darüber wie ein Kind. Blahnik sagte, dass der Reifen seiner kleinen Nichte gehörte. Jonas entschuldigte sich bei ihm für den überfallartigen Besuch. Dann erzählte er ihm von seinem Auftrag vom Magazin.

»Und dafür haben Sie diesen langen Weg mit dem Drahtesel auf sich genommen?«, sagte Blahnik.

»Ich habe seit drei Tagen versucht, Sie in der Stadt zu erreichen, der Redakteur gab mir dann auch noch diese Adresse von Ihnen.«

»Wie lange haben Sie hierher gebraucht?«

»Über zwei Stunden, wir haben uns verfahren. Wir haben aus Versehen den Weg über den Stadtforst genommen. Aber bei dem Wetter ist das doch ganz egal.«

»Ja, unglaublich, wir haben in der Sonne über zwanzig Grad. Im Radio haben sie gemeldet, so warm sei es seit sechzig Jahren nicht mehr an einem ersten März gewesen.« Blahnik sah auf die Papierrolle in Jonas’ Rucksack. »Und Sie wollen mich hier zeichnen?«

»Ich kann es versuchen. Wenn es nicht gelingt, müssten Sie vielleicht noch mal in mein Atelier kommen. Natürlich nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht, meine ich … Aber lassen Sie’s uns doch hier versuchen.«

Louise zählte. »Siebenundvierzig, achtundvierzig, neunundvierzig, fünfzig …« Der Reifen tanzte um ihre Hüften.

Jonas und Blahnik gingen an ihr vorbei zum Bootssteg. Der Dichter lachte über das kindliche Spiel. »Wie heißt Ihre Freundin? Entschuldigen Sie, ich habe mir den Namen nicht gemerkt.«

»Ich nenne sie Louise.«

»Was heißt das: Sie nennen sie Louise. Heißt sie in Wirklichkeit anders?«

»Als wir uns kennenlernten, habe ich sie nach ihrem Namen gefragt … Und sie hat geantwortet: Was ist der schönste Mädchenname auf der Welt, Jonas? Ich habe einen Augenblick überlegt und dann Louise gesagt.«

»Und?«

»Sie hat nur gemeint, der Name gefalle ihr auch sehr. Er sei so schön altmodisch. Sie bestand darauf, nur noch Louise genannt zu werden, mit ou, wohlgemerkt. Auch darauf bestand sie.«

Blahnik musste wieder lachen. »Das heißt, den richtigen Namen Ihrer Freundin kennen Sie gar nicht?«

»Nein, ich glaube, ich will ihn auch gar nicht mehr kennenlernen.«

Der Hula-Hoop-Reifen fiel zu Boden. »Hundertacht Mal, Jonas!« rief Louise. »Ich habe es geschafft, den Reifen hundertacht Mal um mich kreisen zu lassen. Das ist Rekord!«

Jonas applaudierte, Blahnik fragte, wie alt Louise war.

»Einundzwanzig«, antwortete Jonas. »Ein Jahr älter als ich.«